Informationen zum Buch

Quo vadis, Israel?

Der Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern verschärft sich seit Jahren. Moshe Zimmermann zeigt auf, dass die israelische Gesellschaft ihr kostbarstes Gut, den demokratisch legitimierten Staat, zu zerstören droht. Er erklärt die historischen Hintergründe und aktuellen Folgen einer Politik, die den Teufelskreis von Gewalt und Gegengewalt nicht durchbrechen kann.

Moshe Zimmermann

Die Angst
vor dem Frieden

Das israelische Dilemma

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Michael und Itamar, meinen Enkeln,
um deren Zukunft ich bange

Inhaltsübersicht

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Vorwort

1. Die Angst vor zerstörten Mythen

2. Chronik einer Angst

Oslo im Würgegriff

Der 11. September 2001 und die unheilige Allianz gegen den Terror

Die Fortsetzung der Friedensblockade mit anderen Mitteln – die Kriege von 2006 bis 2009

3. Die Angstmacher und ihre Geiseln

Die wahren Postzionisten

Die verwandelte Orthodoxie

Die Araber-Hasser

Die Siedler

Die Hügeljugend

Das Militär

4. Israels Geiseln

Diasporajuden

Der Westen

Das Shoahgedächtnis

Fazit: Wie man die Angst überwinden kann

Update 2012

Über Moshe Zimmermann

Impressum

Wem dieses Buch gefallen hat, der liest auch gerne …

Vorwort

Der Friedensprozess im Nahen Osten schädigt den Ruf des Begriffs. Denn dieser Prozess ist nicht nur endlos, er scheint auch aussichtslos zu sein – zum Ziel, zum Frieden, wird er aller Wahrscheinlichkeit nach nicht führen. Man redet ständig vom Auf und Ab dieses Prozesses, doch seit Langem steht fest: Plus ça change, plus c’est la même chose, man läuft im Kreis, im Teufelskreis. Der Prozess ist Synonym für Stillstand oder Perpetuum mobile geworden. Der einzige Ausweg scheint somit über eine Katastrophe führen zu müssen. Was für eine Perspektive.

Auf diesem Hintergrund überraschen die Schuldzuweisungen in der Debatte um die Ursachen und Gründe des aktuellen Zustands nicht. Es ist immer die andere Seite, die den Friedensprozess aufhielt oder zum temporären Scheitern gebracht hat. Dass beide Seiten, Israelis und Palästinenser, prinzipiell mit ihren Schuldzuweisungen recht haben, verwundert auch nicht: Der Konflikt zwischen Juden und Arabern in Palästina hätte durch die Annahme bzw. Durchsetzung des UN-Beschlusses über die Teilung Palästinas vom November 1947 – die Zwei-Staaten-Lösung – beendet werden können. Zuerst wurde der Vorschlag von der arabischen Seite abgelehnt, seit 1967 dann von Israel umgangen und für die PLO inakzeptabel. Schließlich kam es 1988 zu einer Wende bei den Palästinensern, als die PLO das Existenzrecht Israels anerkannte, aber auch zu einer Wende in Israel – unter der Ministerpräsidentschaft Yitzhak Rabins – gegenüber der PLO als Gesprächspartnerin und Vertreterin des palästinensischen Volkes, zu einer Wende, die die folgende Likud-Regierung allerdings wieder rückgängig machen sollte.

Denkt man konstruktiv, geht man davon aus, dass das Rad der Geschichte nicht zurückgedreht werden kann, sucht man in der Gegenwart nach Gerechtigkeit, will man im selben Atemzug auch pragmatisch sein und Völkerwanderung oder gar Massenmord verhindern, bietet sich die Zwei-Staaten-Lösung zur Auflösung des Nahost-Problems als die beste aller Möglichkeiten an. Zwei Staaten nebeneinander, die später in einem weiteren Prozess, wenn sie denn gewillt sind, zu einer Regelung finden können, die auf beide Staaten übergreift und die Grenzen überwindet.

Die folgenden Ausführungen hat ein israelischer Historiker geschrieben, der sich vor allem für die Rolle und Verantwortung Israels im besagten erfolglosen Friedensprozess interessiert. Bereits vor 14 Jahren habe ich in meinem Buch Wende in Israel. Zwischen Nation und Religion darauf hingewiesen, dass der Konflikt sich weitgehend von einem nationalen zum religiösen gewandelt hat. Diese Beobachtung ist auch heute zutreffend. Als Historiker versuche ich, die Rolle und Verantwortung der »anderen« – von Palästinensern, Arabern, Muslimen oder wem auch immer – nicht zu ignorieren oder herunterzuspielen; ich konzentriere mich jedoch auf die Konzeptionen, Glaubensbekenntnisse und Entscheidungen, die meines Erachtens von israelischer Seite aus dazu beigetragen haben, dass der Friedensprozess nicht vorankommen kann.

Der Historiker weiß aber: Einen Stillstand kann es auf Dauer nicht geben, weil sich die Rahmenbedingungen im Laufe der Zeit verändern. Zwar kommt, wie gesagt, der Friedensprozess nicht voran, aber es fehlt nicht an vollendeten Tatsachen, die den weiteren Verlauf der Ereignisse mitbestimmen und das Ende des Stillstands so oder so herbeiführen werden. Insbesondere die unübersehbare und unermüdliche Fortsetzung der Siedlungspolitik in den von Israel besetzten Gebieten mit der damit verbundenen Präsenz des Militärs schafft neue Tatsachen, die bereits jetzt den Friedensprozess und eine Zwei-Staaten-Lösung ernsthaft gefährden.

Der Rahmen für diese Dynamik ist gegeben: eine Angst vor dem Frieden, die größer ist als die Angst vor dem Krieg, ein tiefsitzendes Misstrauen gegenüber Palästinensern, gegenüber Arabern und Nichtjuden überhaupt, eine kollektive Erinnerung, die das Andauern der Traumata fest verankert, religiöse Überzeugungen, die die Politik beeinflussen. Den Beitrag der Palästinenser oder Araber zum Misserfolg des Friedensprozesses zu beschreiben, das überlasse ich einem Palästinenser. Einseitig oder unfair ist die folgende Analyse jedoch nicht.

Ich werde mich vor allem mit der Frage befassen, warum die Angst vor dem Frieden in der israelischen Gesellschaft so verbreitet ist und weshalb diese Angst größer ist als die Angst vor einer großen Explosion der Lage oder vor der Fortsetzung des prekären gegenwärtigen Zustands. Dabei wird sich zeigen, dass Geschichte, Geschichtsverständnis, Traumata, Nationalismus, Religion, Vorurteile und Fanatismus diese Angst erklären und schüren können. Außerdem wird in diesem Zusammenhang aufgedeckt, wie diese Faktoren instrumentalisiert werden, um die schweigende oder wenig nachdenkende Mehrheit von der vermeintlichen Aussichtslosigkeit jeder konstruktiven Alternative zu überzeugen. Dabei wird hier nicht die wohlbekannte und irrtümliche Behauptung wiederholt, die politische Klasse sei am Kriegszustand nach außen interessiert, weil dieser Zustand vor der Spaltung der Gesellschaft – zwischen Ashkenasim und Sephardim, zwischen religiösen und säkularen Juden etc. – nach innen bewahrt.

Der Tel-Aviver Professor für politische Psychologie Dani Bartal ging in seinem im Jahr 2007 veröffentlichten Buch Mit dem Konflikt leben von der allgemeingültigen Prämisse aus, dass Gesellschaften, die in unkontrollierbare Konflikte verwickelt sind, von einer kollektiven Angst durchdrungen werden. Die Erfahrung des Konflikts, die Gewalt, die man als Kollektiv erlebt hat oder an die das Kollektiv ständig erinnert wird, und nicht zuletzt die Ungewissheit über den Ausgang des gegenwärtigen Zustands erzeugen eine »kollektive Orientierung auf Angst«. Wie der Boxer, der sich auf den nächsten Schlag einstellen muss, so lebt auch das Kollektiv, das sich in einem Konflikt befindet, im permanenten Angst- und Spannungszustand. Nur führt dieser Zustand bei Gesellschaften zu einer pawlowschen Reaktion: Man weiß nicht, anders als der Boxer, ob man im Kampfring ist oder nicht. Man fragt nicht nach den Absichten und Motiven des anderen, man kann sich darüber hinaus keine Alternative zum Konflikt vorstellen. Das Bild des Feindes bleibt, vereinfacht gesagt, von neuen Kenntnissen und Fakten unbeeinflusst. Es herrscht ein tiefes Misstrauen gegenüber den Kontrahenten, ein Drang zur Delegitimierung des Feindes. Dies gilt auch im spezifischen Fall des Nahostkonflikts und eindeutig, wenn es um die Denk- und Handlungsweise der Israelis und ihrer Politiker geht. Die Angst vor dem Terror, die Angst vor den Arabern im Allgemeinen, die Angst vor ABC-Waffen, so die Meinungsumfragen im letzten Jahrzehnt, ist so groß, dass »Angst-Botschaften« in dieser Gesellschaft, die eigentlich auf Wohlstand und modernes »gutes Leben« eingestellt ist, äußerst effektiv bleiben. Keine Wahlpropaganda zum Beispiel ist so effektiv wie die Botschaft der Angst. Diese Angst führt nicht zu Kompromissbereitschaft, sondern zur Verhärtung von Vorurteilen und Misstrauen. Statt den militanten Angstmachern und Verursachern des katastrophalen Zustands im eigenen Lager die Stirn zu bieten, lässt man ihre Saat aufgehen. Je größer das Gefühl der Bedrohung, desto weniger kompromissbereit die Haltung in Bezug auf den Konflikt. Der Ballast an Ängsten erklärt auch die Angst vor dem, was man Frieden nennt oder als Friedenslösung vorschlägt.

Um konstruktiv zu agieren, um gegen diese psychologische Reaktion zu steuern, so der Psychologe, soll man die Angst durch Hoffnung ersetzen. Leichter gesagt als getan. Denn die Falken und ihre Anhänger im Umfeld verbreiten nicht nur Angst, weil sie eine reale Angst hegen, sondern sie instrumentalisieren oft das Potenzial der Angst ganz bewusst und zynisch aus Eigeninteresse, um die Mehrheit der Gesellschaft als Geisel mit in den endlosen Zustand des Unfriedens zu reißen. Eine Parole in Benjamin Netanyahus 1995 veröffentlichtem Buch Platz unter der Sonne lautet: »Im Nahen Osten geht Sicherheit vor Frieden und Friedensverträgen. Wer das nicht versteht, wird ohne Sicherheit, ohne Frieden bleiben. Am Ende wird er verschwinden.« An anderer Stelle schreibt er: »Frieden im Nahen Osten ist ein über Abschreckung oder Gewaltanwendung zu erreichender Frieden.« Daraus kann man nur einen Schluss ziehen: Da die Sicherheit in keinem Fall garantiert ist, da der Feind perfide ist und man sich an die bekannten Risiken des seit hundert Jahren bestehenden Konfliktzustands gewöhnt hat, soll man sich vor dem Frieden oder vor Friedensbemühungen hüten. Da man sowieso auf Abschreckung des Gegners setzen muss, könnte man auf das, was nur Frieden zu sein scheint, eher verzichten.

Wie diese mentale Haltung sich in den letzten 15 Jahren noch tiefer in der israelischen Gesellschaft verankern, immer stärker verbreiten und durchsetzen konnte und welche Gruppierungen und Interessen dahinterstehen, soll in dieser Abhandlung erörtert werden.

1. Die Angst vor zerstörten Mythen

Der Staatssekretär im israelischen Außenministerium Uri Savir, eine zentrale Figur während der Verhandlungen zwischen dem Staat Israel und der PLO zur Zeit des Osloer Abkommens 1993 und Parlamentarier bis 2001, schrieb in seinen vor zehn Jahren veröffentlichten Memoiren: »Jedes Jahr wiederholen wir im Pessach-Gebet den Satz: ›In jeder Generation versucht man uns zu vernichten, doch der barmherzige Gott kommt zu unserer Rettung.‹ Gegen Ende des 20. Jahrhunderts agierten die Führer des Staates Israel aufgrund der Annahme, dass diejenigen, die uns vernichten wollen, ewig Bestand haben; dass wir aber stark genug sind, um einige von ihnen sogar als Partner zu gewinnen; dass wir nicht ewige Opfer sein müssen; dass wir sogar den Fehler begehen können, andere zu unseren Opfer zu machen. … Heute sind wir ein moderner Nationalstaat, keine Ghetto-Gesellschaft mehr. … Das Leben in dieser Region der Welt wird nie wieder wie vor Oslo sein.«

Savir hatte damit den Kern der Sache getroffen: Die Wende, die das Osloer Abkommen hätte einläuten sollen, hätte zu einem Wandel in der Grundhaltung der Israelis gegenüber der Welt geführt. Statt überall nur Bedrohungen zu wittern, statt den »anderen« stets mit Gefahr und Feindschaft zu assoziieren und immer nur Angst vor »List und Tücke« des Gegners zu hegen, hätte man gelassen und selbstbewusst mit der Umwelt umgehen, den Frieden suchen können und ihn nicht fürchten müssen. Es war eine scharfsinnige und sehr zeitgemäße Beobachtung, nur beruhte sie auf einem unbegründeten Optimismus. Die Mentalität der Israelis hat sich am Ende des 20. Jahrhunderts nicht geändert; die Annahme, dass die gesamte Welt Juden und Israel gegenüber feindlich gesinnt sei, blieb weiterhin das Fundament des israelischen Politikverständnisses, und gerade deswegen, nicht infolge taktischer Fragen, musste der Oslo-Prozess scheitern. Das Misstrauen gegen die nichtjüdische Welt und vor allem gegenüber den Vertretern der arabischen oder muslimischen Seite schürte die Angst vor einem Frieden, den man allein als eine Heimtücke voller Fallen verstehen wollte.

Wenn die Welt tatsächlich Juden und Israel gegenüber feindlich eingestellt sei, so hörte man bereits vor der Staatsgründung im Jahr 1948, sei ein Frieden mit dem unmittelbaren Feind schlicht unmöglich. Dann werde die Rede vom Frieden zum Mittel, um Juden bzw. Israel von der eigentlichen Realität abzulenken. Deshalb witterte man seither ständig und überall nur Gefahren und interpretierte im Nachhinein die gesamte jüdische Geschichte einschließlich der Geschichte des Zionismus seit dem Ende des 19. Jahrhunderts als Geschichte einer prädestinierten, existenziellen Auseinandersetzung zwischen Juden und ihren vermeintlichen oder wirklichen Gegnern. Für den Nahen Osten bedeutete diese Geschichtsinterpretation, dass die arabische Umgebung von Anfang an eine gewissermaßen angeborene Zionisten- und Judenfeindschaft zum Ausdruck gebracht hätte. Die Geschichte des zionistischen Unternehmens in dieser Region wurde als eine Kette von Provokationen und Gewaltakten der arabischen bzw. palästinensischen Bevölkerung dargestellt, auf die jüdische Zionisten meist mit der Waffe reagieren mussten. Die Angst wurde so zum ständigen Begleiter der jüdischen Gesellschaft des Yishuvs vor 1948 und der israelischen Gesellschaft nach der Staatsgründung. Sie wurde zum konstanten Argument einer ablehnenden Haltung gegenüber Friedensangeboten oder um den Frieden bemühter Vermittler. Nun verhält es sich allerdings nicht so, dass es an wirklichen Gefahren und Feinden in der jüdischen Geschichte gemangelt hätte oder die herrschende Angst immer unbegründet gewesen sei. Es verwundert niemanden, dass die Shoah traumatische Spuren hinterließ. Was aber in der kollektiven Erinnerung eine Hauptrolle spielt, ist eine Geschichtskonstruktion, die nur eine einzige Devise gelten lässt: Immer auf der Hut sein, um nicht von der Welt »ausgetrickst« zu werden.

Diese Haltung hat der alt-neue israelische Ministerpräsident Benjamin Netanyahu im September 2009 in einer Ansprache anlässlich des jüdischen Neujahrfestes vor Parteifunktionären auf den Punkt gebracht: »Wir wollen den Frieden, aber wir wollen keine ›Freier‹ sein.« Das deutsche Wort meint hier im Hebräischen den einfältigen, dummen Menschen, den Deppen. Was Netanyahu sagen wollte, war also, dass die Israelis nicht bereit sind, die Deppen des Nahen Ostens zu spielen. Wir kennen die Gojim, die Nichtjuden, wir kennen unsere Nachbarn. Wenn schon, dann sind wir es, die die anderen austricksen.

Will man nicht in die Rolle des »Freiers« schlüpfen, muss unbedingt auf jede angebliche Provokation mit voller Gewalt reagiert werden. So waren der israelischen Geschichtsinterpretation zufolge alle von Israel geführten Kriege »gerechte Kriege«, also von außen aufgezwungene Kriege, erforderliche israelische Vergeltungsschläge, notwendige Reaktionen oder Antworten auf Angriffe und Provokationen. Entsprechend wurde der Krieg von 1948 dargestellt, so werden der Sechstagekrieg von 1967 und der Yom-Kippur-Krieg von 1973 rezipiert, aber auch der Sinaifeldzug des Jahres 1956 oder die beiden Libanonkriege 1982 und 2006. Kritische Stimmen in Israel, darunter die der sogenannten »neuen Historiker«, zweifelten diesen pauschalisierenden Mythos vom ewigen Feind an und stellten die Entstehungsgeschichte dieser Kriege anders dar. Der Libanonkrieg 1982 bot sich als erstes Beispiel für eine Revision an, denn das Attentat auf einen israelischen Diplomaten im Ausland als Casus Belli gegen den Libanon hielten auch viele Vertreter der israelischen Durchschnittsöffentlichkeit für übertrieben. Auf den Sinaifeldzug, den Israel als Partner der beiden sich im Abgang befindlichen Kolonialmächte Großbritannien und Frankreich führte, konnte man im Zeitalter des Postkolonialismus ebenfalls nicht mehr ohne Skepsis zurückschauen. Und spätestens 1997, zum 30. Jahrestag des Sechstagekrieges, begann man über die Unvermeidlichkeit dieses Krieges nachzudenken. Dann stellte die Forschung sogar den als Unabhängigkeitskrieg deklarierten Krieg von 1948 in einen breiteren historischen Kontext und hinterfragte zunehmend die damaligen Entscheidungen auf israelischer Seite. Eine alternative Geschichtsinterpretation thematisierte zudem die von den Zionisten verpassten Chancen, vor 1948 eine Verständigung mit der arabischen Welt herbeizuführen. Und heute, im Jahre 2010, wird sogar der Mythos von den unvermeidbaren Anfängen des Konflikts in Frage gestellt.

Der Mythos der Bewegung des Ha’Shomer ist eines der Gründungsnarrative des Staates Israel. Ihm zufolge seien die ersten jüdischen Kolonien, die gegen Ende des 19. Jahrhunderts von den nach Palästina eingewanderten Zionisten gegründet wurden, ständig der Gefahr des Angriffs arabischer Banditen ausgesetzt gewesen. Deshalb habe man sich entschieden, eine Selbstwehr-Organisation zu schaffen, die den Namen »Der Wächter« (Ha’Shomer) trug. Bewaffnete jüdische Wächter sollten die jüdischen Siedlungen gegen arabische Angreifer schützen. Der Ha’Shomer wurde seitdem zum Vorbild des neuen, wehrhaften Juden, der sich gegen Araber mit der Waffe in der Hand verteidigen kann. Dieses Bild des tapferen Ha’Shomer-Mitglieds stand im klaren Gegensatz zum Stereotyp des schwachen, wehrlosen Diasporajuden, der so oft Opfer von Pogromen geworden war.

Die folgende Frage galt bisher als illegitim: War die Gefahr tatsächlich so groß, dass man schon zu früher Stunde des Zionismus zu derartigen Maßnahmen greifen musste, oder war die Vorstellungswelt der Zionisten nicht viel eher so stark vom Mythos des schwachen Diasporajuden geprägt bzw. von europäischer Überheblichkeit beeinflusst, dass man auf kleinste, auch vermeintliche Provokationen überreagierte, nur um beweisen zu können, dass das stereotype Bild des Diasporajuden nicht mehr der Wirklichkeit der jüdischen Gesellschaft entsprach? Die hegemoniale Geschichtsdarstellung in Israel, das Erziehungssystem, die Schulbücher und die Medien gehen bis heute von dem Kontrast zwischen dem »gebeugten« Diasporajuden und dem stolzen »aufrechten« Juden in Israel aus, aber ebenso von einem prädestinierten Konflikt zwischen Juden und Arabern. Ihnen gilt Ha’Shomer als erste Schwalbe im jüdisch-zionistischen Frühling, das heißt als Vorläufer des heutigen israelischen Militärs, das sich »Israelische Verteidigungsarmee« nennt. »Der neue Jude«, »der Zionist« – so der Mythos – unterscheidet sich also grundsätzlich »vom alten Juden« durch seine wehrhafte Haltung. Er kann und will sich verteidigen, er ist alles andere als »Freier«. Die Gojim jedoch, so geht die Selbstdarstellung weiter, haben ihre Haltung nicht geändert – sie machen Juden gestern wie heute zu Opfern und trachten ihnen nach dem Leben.

Diskutiert man heutzutage mit Vertretern der herrschenden, also rechtsorientierten Meinung in Israel über den Nahostkonflikt, begegnet man der Grundannahme, dass die Gojim ohnehin – im Fall Israels also Araber oder Muslime – keinen Vorwand für ihren Hass auf Israel brauchten, weil sie gewissermaßen von Natur aus Israel bzw. Juden gegenüber feindlich eingestellt seien. Deswegen halten die meisten Israelis die Diskussion um die Siedlungspolitik seit 1967 als eigentliche Ursache oder Katalysator des Konflikts für abwegig; denn, so heißt es, die Araber haben nicht nur 1948 den Krieg gegen Israel entfesselt, sie haben schon vorher Pogrome gegen Juden in Palästina durchgeführt, wie zum Beispiel 1929 in der Stadt Hebron, und »schon immer« friedliche Juden ohne Grund angegriffen, wie eben zur Zeit der Gründung des Ha’Shomer, also noch vor dem Ersten Weltkrieg. In der darüber geführten Debatte versuchen die Vertreter der Gegenmeinung die Tatsachen selbstverständlich nicht zu ignorieren – in Hebron wurden 1929 nach offiziellen Angaben 66 Juden pogromartig ermordet; zweifellos haben die arabischen Staaten 1948 dem neuen Staat Israel den Krieg erklärt –, aber der Kontext des jüdischen Nationalismus wird herangezogen, um die Schlussfolgerungen zu relativieren. Gegen den Strom argumentierende professionelle Historiker erlauben sich eine alternative Interpretation der Geschichte, erhalten aber meist heftige Schelte oder wenig Zustimmung in der israelischen Gesellschaft. Der Konsens ist nicht zu überwinden, die Ausgangssituation bleibt unumstritten: Juden wurden und werden stets mit Judenfeindschaft konfrontiert, auch im neuen Zufluchtsort im Nahen Osten. Bereits die ersten Aliyot, also Einwanderungswellen nach Palästina, seien auf arabische Feindschaft gestoßen, der Konflikt sei vorprogrammiert – Ha’Shomer eine antiarabische Notwendigkeit gewesen.

Nun hat Gur Alroi, ein junger Historiker der Universität Haifa, einen erfrischenden und wichtigen Beitrag zur Entmythologisierung des Ha’Shomer geleistet. Statt einer Geschichte des Ha’Shomer, die wie bisher hauptsächlich auf Erinnerungen der Shomrim (»Wächter« als Ha’Shomer-Mitglieder) selbst beruht, legte er eine Studie vor, die auf Dokumenten aus der Zeit des Ha’ Shomer basiert. Diese Archivmaterialien erzählen eine vom herkömmlichen Mythos stark abweichende Geschichte. Sie zeigen, dass bereits in den ersten Jahren der zionistischen Kolonisation in Palästina von einer unausweichlichen Konfrontation zwischen Arabern und Juden ausgegangen wurde. Man hatte nicht nur die Idee des Selbstschutzes aus dem von Pogromen geplagten zaristischen Russland in ein Land mit traditionell anderen Beziehungen zwischen Juden und Nichtjuden importiert, sondern fühlte sich außerdem Arabern prinzipiell überlegen. Die Dokumentation beleuchtet auch das brutale Vorgehen der jüdischen Shomrim, das bei Arabern Unzufriedenheit und Hass geschürt hat und so die Feindschaft zwischen beiden Gruppen zur Selffullfilling Prophecy werden ließ. Diese Verhaltensweise fügte sich in den allgemeinen Kontext des zionistischen Unternehmens – Zionisten waren als europäische Kolonisten nicht auf Kooperation mit der einheimischen Bevölkerung eingestellt, sondern intendierten deren Unterordnung. Selbstverständlich lässt sich im Nachhinein nicht mehr feststellen, ob bei einem alternativen Herangehen an die bilaterale Beziehung der Konflikt hätte vermieden werden können. Deutlich wird allerdings, dass die national-bewegten Juden, in diesem Fall der Ha’Shomer, einen Weg beschritten, der eine ablehnende Reaktion vonseiten der Araber begünstigte. Die jüdischen Akteure motivierte also mehr die Angst vor einer Wiederkehr des »alten Juden« als die akute Notwendigkeit, eine wirklich existenzielle Gefahr abzuwehren und zu bekämpfen. Im Gegenzug wurde auf der arabischen Seite Misstrauen hervorgerufen, das sich wiederum als vermeintliche Bestätigung der Ausgangsposition der Zionisten anbot.

Der Artikel des jungen Historikers trug nicht nur dazu bei, die Legende vom Ha’Shomer zu entmythologisieren. Er verdeutlicht auch, wie sich ein historischer Kreis schließt. Alles deutet darauf hin, dass die fanatische »Hügeljugend«, also die militantesten unter den Siedlern von heute, eine Tradition und eine mentale Disposition fortsetzen, die es seit den Anfängen des Zionismus in Palästina gegeben hat.

Für die israelische Politik wie auch für die Öffentlichkeit gilt die alternative Geschichtsinterpretation als Blasphemie; denn sie unterminiert die Grundhaltung der israelisch-zionistischen Gesellschaft und ihre Handlungsweisen. Deshalb ist auch die Abwehr dieses Geschichtsverständnisses so erfolgreich. 75 Prozent der jüdischen Wähler demonstrierten diesen Erfolg auf politischer Ebene, als sie 2009 rechte Parteien wählten, die auf die Rolle von Juden und Israelis als ewigen Opfern bauen, sich für den Präventivkrieg gewissermaßen als Prophylaxe einsetzen und im Verhalten gegenüber der Welt bzw. bei Friedensverhandlungen absolut nicht als »Freier« gelten wollen.

Zweifellos sei zugestanden: Der Erfolg des Konsenses im Hinblick auf das Geschichtsverständnis wie auch die Einschätzung der Gegenwart beruht auf traumatischen Erfahrungen, die primär mit der Vergangenheit in Europa in Zusammenhang stehen und von den Sozialisationsagenturen seit Generationen und in alle Bevölkerungsschichten überliefert werden. In Israel sind die Angst vor Antisemitismus und nach 1945 auch die Furcht vor einer Wiederkehr der Shoah aus Europa importierte Traumata. Dieser Import wurde zum Fundament eines Sozialisationssystems, das die Angst, die existenzielle Angst, zur politischen Richtlinie, zur psychologischen Grundhaltung, zum Automatismus, zur ultimativen Ausrede, zum Alibi einer ganzen Gesellschaft werden ließ – egal woher oder wann die einzelnen Menschen ins Land gekommen waren. Die Angst um die Existenz wurde quasi zur Brille, durch die die Ereignisse und Strömungen in der Region gesehen werden, und zwar ohne Rücksicht auf Fakten und Entwicklungen, die diese Sichtweise verändern könnten.

Immer wieder wird die Vergangenheit als Beweis herangezogen, wobei die Geschichte als eine lange Kette von Katastrophen in einer endlosen Leidensgeschichte dargestellt und konstruiert wird. Geschichte ist stets ein auf ein Ziel gerichtetes Konstrukt; in diesem Fall wird das zionistische Narrativ durch die Geschichtsschreibung so konstruiert, dass damit das Ziel erreicht wird, Juden und Israel als ständige Opfer, nie als Täter begreifen zu können. Dieses Geschichtsverständnis schließt automatisch differierende Interpretationen und Konstruktionen aus. So wird zum Beispiel die Gründung des Staates Israel nur aus israelisch-jüdischer Perspektive betrachtet, und die Sichtweise der Palästinenser, wonach es sich bei dieser Staatsgründung um eine Katastrophe, arabisch Nakba genannt, gehandelt habe, strikt und pauschal abgelehnt. In der israelischen Gesellschaft geht man dabei so weit, dass sich die Knesseth 2009 mit einer Gesetzesvorlage befasst hat, die das Trauern am Tag der Nakba verbietet! Obwohl mehr als 20 Prozent der Israelis Araber sind, die durch die Ereignisse 1948 traumatisiert wurden. Zudem wird das Bildungswesen angewiesen, den Begriff Nakba nicht zu thematisieren und auch nicht in den Schulbüchern zu erwähnen.

Eigentlich jedoch dürften sich die Bürger des stolzen, selbstständigen und souveränen jüdischen Staates nicht ausschließlich auf derartige Beispiele oder auf diese Art und Weise der Geschichtsdarstellung berufen – denn Israel begreift sich selbst als Gegenbild zur zweitausendjährigen Galut