Informationen zum Buch

Gibt es eine Bibliothek nie erschienener Bücher? Sie werden staunen, welche dramatischen Schicksale hinter verschollenen Werken stecken.

Was der Weltliteratur entging

Amüsant und fesselnd spürt Alexander Pechmann Werke auf, die durch Unfälle und Zufälle, im Wahn oder im Zorn, mit Absicht oder schlicht aus Versehen vernichtet wurden oder verlorengingen. Ihre Schicksale und Geheimnisse werden hier erstmals erzählt: von Dostojewski bis Flaubert, von Thomas Mann bis Hemingway.

In der Bibliothek der verlorenen Bücher sind sie verwahrt: all die verschollenen, zerstörten, ungeschriebenen und imaginären Bücher. Kostbares von Lord Byron, Balzac, James F. Cooper, Joyce, Kafka, Puschkin, Laurence Sterne u. v. a. Humorvoll erzählt und mit allerlei biographischen Anekdoten versehen, schickt uns Alexander Pechmann auf eine wundersame Wanderung durch die verborgene Bücherwelt. Auf der amüsanten Reise durch die Literaturgeschichte begegnet man u. a. einer bizarren Bücherkarawane im alten Persien, Hemingways Reisetasche, einer barbarischen Schreibmaschine, einigen Kammerjungfern und Bauchrednern, Puschkins Hasen und Herman Melvilles verlorener Insel.

Alexander Pechmann

Die Bibliothek
der verlorenen Bücher

Aufbau

Die bloße Möglichkeit eines Buches ist hinreichend für sein Dasein.

Jorge Luis Borges

Inhaltsübersicht

Informationen zum Buch

Der Hüter des Schweigens

Malcolm Lowry und das weiße Meer

Hemingways Reisetasche

Prosper Mérimées vorbildliches Verhältnis zur Literatur

Wer hat Angst vor Byrons Memoiren?

Mary und Shelley

Thomas Manns Geheimnis

Kafkas Puppenspiel

Im Schließfach des Blaise Cendrars

Einige vorzügliche Gründe für die Vernichtung von Manuskripten

Vom leichtsinnigen Umgang mit Manuskripten

Herman Melvilles verlorene Insel

Kammerjungfern und Knopflöcher

Bücher, die nie geschrieben wurden

Die Logbücher des Admirals Zheng He

Brennende Bücher

Brennende Bibliotheken

Mehr oder weniger imaginäre Bibliotheken

Bücher, die es vielleicht nicht gibt

Coopers Vermächtnis

Von Schlafwandlern und Bauchrednern

Mr. Goulds Meisterwerk

Die barbarische Schreibmaschine

Aus der Asche der Kriege

Puschkins Hase

Das gefährlichste Buch der Welt

Schattenschriften der Antike

Im Kellergewölbe

Autoren ohne Werk

Verschlüsselt und verborgen

Das Geheimnis der Löschbücher

Aufgelesene und zitierte Literatur

Widmung und Dank

Der Autor

Register

Impressum

Wem dieses Buch gefallen hat, der liest auch gerne ...

Der Hüter des Schweigens

Verehrte Besucher, der Unter-Unter-Bibliothekar der Bibliothek der verlorenen Bücher ist hoch erfreut, Sie in den Sälen dieser außergewöhnlichen Sammlung begrüßen zu dürfen. Bevor Sie eintreten, erlauben Sie mir bitte, Ihnen einige wichtige Orientierungshilfen mit auf den Weg zu geben. Diese sind aus Sicherheitsgründen notwendig, da sich bereits einige tragische Zwischenfälle ereignet haben. Es gab Besucher, die sich im Labyrinth dieser Bibliothek verirrt haben. Einige haben das Tageslicht nie wieder gesehen, andere fand man nach Jahren – einsame Robinsons, verschollen im Büchermeer. Wieder andere verließen die Bibliothek mit verwirrtem Geist und zerrütteter Seele. Besonders gefährdet sind jene, die mit der Benutzung von Bibliotheken und Archiven vertraut sind, da sie von einer Systematik ausgehen, die an diesem Ort keine Gültigkeit hat. Sie sind verzweifelt, hier keine alphabetische, chronologische, thematische, geographische oder philologische Ordnung vorzufinden.

Doch das Chaos, das in unseren Beständen herrscht, hat seine Ursachen und Gründe. Der wichtigste Grund ist der Umfang unserer Sammlung, der zweitwichtigste ist die Unterbesetzung mit fachkundigem Personal. Wir haben unendlich viele Säle mit unendlich vielen Büchern, Manuskripten, losen Blättern, unlesbaren Papieren und Urnen, die die Asche verbrannter Werke enthalten oder mit Papierschnipseln gefüllt sind. Um dieses kaum fassbare und schwer zu archivierende Material kümmern sich neben mir nur ein Unter-Bibliothekar, der seit einiger Zeit dazu übergegangen ist, in der Ecke seines Büros zu stehen und die Wand anzustarren, sowie unser Vorgesetzter, der Bibliothekar. Diesen Herrn habe ich freilich seit Jahren nicht mehr gesehen. Entweder ist er gerade auf Dienstreise und sucht irgendwo auf der Welt nach verlorenen Büchern, über deren Existenz bislang niemand etwas wusste, oder Sie finden ihn in einem der abgelegenen Säle unserer Bibliothek. Falls Sie ihm begegnen, grüßen Sie ihn bitte von mir.

Der dritte Grund für das Chaos in unserer Bibliothek bin ich selbst. Zwar bin ich durchaus in der Lage, eine Bibliothek von einem Kuhstall und ein Buch von einer Mistgabel zu unterscheiden, doch verstehe ich kaum etwas von den Verwaltungswissenschaften, von wissenschaftlicher Systematik oder von der objektiven Bewertung von Büchern im Allgemeinen und literarischen Werken im Besonderen. Die Ordnungskriterien, die ich meiner Arbeit zugrunde lege, sind subjektiv. Soweit es mir gelungen ist, an einigen wenigen Stellen innerhalb der Bibliothek eine gewisse Ordnung herzustellen, muss man davon ausgehen, dass diese meinen eigenen Launen und Vorlieben entspricht, nicht aber dem Lehrbuch für angehende Bibliothekare oder dem Kanon der Literaturwissenschaftler.

Wenn man den offensichtlichen Mangel an Systematik einmal beiseitelässt, kann man jedoch grob das Wesen und die Eigenschaften jener Werke skizzieren, die in die Bibliothek der verlorenen Bücher bislang aufgenommen wurden. Es sind vor allem jene, die im Lauf der letzten Jahrhunderte durch Zufälle oder Unfälle, im Wahn, im Zorn oder mit kaltblütiger Absicht von Autoren, Verlegern, Erben, Anwälten, Pfaffen, Pädagogen, Tyrannen, Soldaten, Zensoren und Lesern vernichtet wurden, die Naturgewalten zum Opfer fielen, die an geheimen Orten versteckt oder in unverständlichen Sprachen und unentzifferbaren Schriften verfasst wurden, so dass sie von niemandem gelesen werden können. Die meisten dieser Werke sind für immer verloren, einige wurden unter merkwürdigen Umständen wiederentdeckt, andere konnten nach ihrer Vernichtung anhand erhaltener Notizen rekonstruiert werden. Zuweilen sind Name des Autors und Titel des Werkes überliefert, gelegentlich wissen wir auch etwas über den Inhalt, doch allzu oft gibt es keinerlei Informationen. Kein Name, kein Titel, kein Inhaltsverzeichnis, kein Entwurf, kein Exposé, kein Zeugnis, das Rückschlüsse auf ein verlorenes Werk zuließe. Diese Manuskripte, über die bislang überhaupt nichts bekannt oder überliefert ist, Werke, über die niemand jemals irgendetwas wusste oder in Erfahrung bringen konnte, machen den Großteil unseres Bestandes aus. Bis heute hat sich niemand systematisch mit diesen verlorenen Büchern beschäftigt. Sie haben in der Welt außerhalb unserer Bibliothek keinerlei Spuren hinterlassen.

Die meisten Besucher fragen nicht nach den Dichtern des Schweigens, sondern nach den verlorenen Werken von namentlich bekannten Autoren wie Lord Byron, Charles Brockden Brown, Honoré de Balzac, Blaise Cendrars, James Fenimore Cooper, John Dee, Fjodor Dostojewski, Gustave Flaubert, Goethe, Ernest Hemingway, Homer, Robert E. Howard, James Joyce, Franz Kafka, T. E. Lawrence, Malcolm Lowry, Thomas Mann, Herman Melville, Prosper Mérimée, Alexander Puschkin, Sappho, Mary Shelley, Laurence Sterne und vielen anderen berühmten Vertretern der schreibenden Zunft. Ich bin gern behilflich, die Freunde jener Autoren zu den Regalen zu führen, in denen ihre verlorenen, vernichteten und ungeschriebenen Schriften aufbewahrt werden. Auch mich macht es glücklich, bei meinen langen Wanderungen durch die Bibliothek hin und wieder auf große Namen zu treffen. Andererseits interessiert mich weniger der Ruhm oder die Herkunft und Epoche eines Autors als die mannigfaltige Art und Weise der Umstände, unter denen bestimmte Werke verlorengingen, wieder auftauchten oder endgültig vernichtet wurden. Gern erzähle ich meinen Besuchern Geschichten über Bücher, die allen Eliminierungsversuchen trotzten, die neu geschrieben wurden oder die nur angeblich verloren waren, und oft bin ich in den Sälen der Bibliothek auf Manuskripte gestoßen, deren Existenz bislang in Zweifel gezogen wurde, die aber an diesem Ort eine Zuflucht gefunden haben. Andere Bücher, die aus unerfindlichen Gründen gelegentlich in unseren Regalen auftauchen, gehören keiner der obengenannten Kategorien an. Sie wurden möglicherweise von Besuchern zurückgelassen oder von meinen Kollegen und Vorgängern irrtümlich oder in boshafter Absicht an unpassender Stelle eingeordnet. Unter diesen von Fachkräften als »Kuckuckseier« bezeichneten Büchern finden sich viele vergessene Schätze, die deshalb als »verloren« bezeichnet werden können, weil niemand sich an sie erinnert oder weil sie an ihrem korrekten Platz im Regal unauffindbar sind.

All diese Bücher haben Schicksale und Geheimnisse, die sie unabhängig von ihrem Inhalt zu etwas Besonderem, etwas Lebendigem machen. Ich, der Unter-Unter-Bibliothekar, der Hüter des Schweigens, habe es zu meiner Aufgabe gemacht, ihre Geschichten zu sammeln. Und diese Geschichten, verehrte Besucher, sind die Orientierungspunkte, die ich Ihnen ans Herz legen möchte, bevor Sie zu eigenen Expeditionen aufbrechen. Es sind Inseln im unendlichen Büchermeer, die Sie als Häfen nutzen können, um entweder in bereits erschlossene Gebiete weiterzureisen oder einen abenteuerlicheren Kurs zu wählen, der in riskante, unerforschte Gewässer führt.

Jene, denen meine Begrüßungsrede wirr und phantastisch erscheint, die mich einen Narren schimpfen und meine Kompetenz in Frage stellen, möchte ich auf einen Satz von Jorge Luis Borges verweisen, der als Inschrift über dem Eingang unserer Bibliothek angebracht ist: »Die bloße Möglichkeit eines Buches ist hinreichend für sein Dasein.«

Malcolm Lowry und das weiße Meer

»Ich sah nach den Möwen, hoch oben im Sonnenlicht. Das Licht der Sonne brauste über mir wie eine riesige unsichtbare See.« Mit diesen Worten beschrieb der junge, noch völlig unbekannte Autor Malcolm Lowry seinem Freund und Mentor Conrad Aiken die Eindrücke eines Spaziergangs am Ufer der Themse. Seine außergewöhnliche Art, einfache Dinge durch Sprache zum Leuchten zu bringen, erinnert nicht zufällig an die Prosa Herman Melvilles. Lowrys Vorbilder waren Entdecker metaphysischer Abgründe, die sich unter der scheinbar spiegelglatten Oberfläche der Wirklichkeit verbergen, und die riesige unsichtbare See hätte in seinem Werk sicherlich eine weitaus größere Rolle gespielt, wenn das Schicksal eines jeden Buches nicht auf irgendeine Art und Weise vorbestimmt wäre. Das war zumindest die Vorstellung Melvilles, dessen Seeroman »Redburn« Lowry mit Begeisterung gelesen hatte.

»Redburn« schildert die erste Begegnung eines jungen Mannes mit der Welt der Seefahrer auf einer Reise von New York nach Liverpool und folgt dabei den Erfahrungen seines Autors. Seekrankheit, Sturm, die Schrecken und Schönheiten des Meeres, Feindschaften und Freundschaften an Bord, der langwierige Weg von der als Neuling verspotteten »Green Hand« zur selbstsicheren und salzwassergetränkten »Teerjacke« – ein Thema, das in der Literatur häufig aufgegriffen wurde. Conrad Aiken verarbeitete in »Blue Voyage« eine ähnlich schmerzliche Einführung in das Matrosenleben wie der Roman »Und das Schiff geht weiter« des heute vergessenen norwegischen Dramatikers Nordahl Grieg. Malcolm Lowry, der all diese Bücher kannte und liebte, vergiftete sich an der Idee der gleichzeitigen Initiation als Seemann und Schriftsteller und bat seinen Vater, nach dem Schulabschluss selbst in See stechen zu dürfen.

Im Mai 1927 sahen schwitzende Liverpooler Hafenarbeiter und ausgemergelte Matrosen eine schwarze Limousine an dem Pier vorfahren, an dem der Frachter »Pyrrhus« vor Anker lag. Der Chauffeur öffnete die Tür, und dem Wagen entstieg der unbedarfte Sohn eines reichen englischen Kaufmanns, der sich in den Kopf gesetzt hatte, wie seine literarischen Helden eine Jungfernfahrt als einfacher Kabinenstewart zu absolvieren. Wie wenig die Erlebnisse der Reise und die Realität der Seefahrt mit den romantischen Vorstellungen seiner Jugend gemein hatten, beschrieb Malcolm Lowry später in seinem Debütroman »Ultramarin«.

Dana Hilliot, Alter Ego des Autors, kämpft auf einem trostlosen, heruntergekommenen Frachtschiff mit Kurs auf Shanghai um die Aufmerksamkeit und Anerkennung seiner proletarischen Kameraden, die ihn nicht zu Unrecht für ein verwöhntes Bürschchen halten, das ehrlichen Matrosen den lebensnotwendigen Arbeitsplatz wegnimmt. Fatalerweise versucht der Neuling den Respekt der anderen durch übermäßigen Alkoholkonsum zu gewinnen. Das Einzige, was ihm dabei gelingt, ist, seine literaturgeschwängerten Illusionen über das Leben auf See nachhaltig zu zerstören. Hilliots Vereinsamung wird durch die Gegenüberstellung der lebhaften Unterhaltungen der Matrosen und seiner inneren Monologe verdeutlicht: »O Herrgott, sieh herab auf Deinen unwürdigen und ungewaschenen Diener, Hilliot, den Matrosen, den Liverpool-Norweger, dessen Knie beim Donner zusammenschlagen und dessen ekelerregende Hände beständig zittern in kraftlosem Gebet; o der Du aus dem grünen Mantel des stehenden Pfuhls meine Augen erschufst, der Du alles erschufst, die Schwachen und die Starken, die Sanftmütigen und die Grausamen, die Gerechten und die Ungerechten, erbarme Dich seiner kleinen Lustanwandlungen und schütze das wenige Schöne in seinem Leben, das gar so bald im grünen Sog der Gezeiten versinken wird.«

Lowry konnte nach seinen Erfahrungen als Schiffsstewart zumindest behaupten, er habe »das Geräusch des Meeres in fremden Gewässern vernommen«. Mit diesem Zitat aus Conrad Aikens »Blue Voyage« versuchte er die Sympathie des älteren Kollegen zu gewinnen, nicht zuletzt in der Hoffnung, dieser würde seinen Erstling »Ultramarin« eher als Hommage denn als Plagiat verstehen.

1932 verkaufte Lowry das Manuskript seines ersten Romans an einen Londoner Verlag. Der Lektor von Jonathan Cape Ltd. wollte den Text zur Durchsicht mit nach Hause nehmen, packte das Material in seine Aktentasche, die er wie immer auf den Rücksitz seines Wagens legte. Da er etwas im Büro vergessen hatte, musste er noch einmal umkehren. Er war nur kurze Zeit fort gewesen, doch als er sich in sein Auto setzte und die Papiere, die er von seinem Schreibtisch geholt hatte, in seine Tasche stecken wollte, sah er mit Schrecken, dass der Rücksitz leer war. Jemand hatte die Tasche gestohlen! Doch das Wertvollste, was sie enthielt, war ein dickes Bündel Manuskriptblätter. Ihr neuer Besitzer wird sein Pech verflucht haben, während er das für ihn völlig bedeutungslose Geschreibsel vermutlich in den Kamin stopfte.

Lowry hatte die letzte Fassung des Romans im Haus seines Freundes Martin Case geschrieben. Entwürfe einer ersten Fassung waren dabei im Papierkorb gelandet. Case hatte diese Blätter heimlich gesammelt und verwahrte sie sicher. Als er von Lowrys Missgeschick erfuhr, brachte er ihm die geretteten Papiere, die es dem Freund wunderbarerweise ermöglichten, das Buch neu zu schreiben. Mit dem Ergebnis war Lowry allerdings nie sonderlich zufrieden. Seine Frau Margerie erzählte: »Er arbeitete immer an zwei oder drei Projekten gleichzeitig, und nebenher liefen auch unregelmäßige Randbemerkungen zu ›Ultramarin‹. Oft traf ich ihn mit dem abgenutzten Band in den Händen an, wobei er diesen wütend anfunkelte und auf den Seiten Notizen machte oder ihn manchmal auch nur umklammert hielt und aus dem Fenster starrte; dann pflegte er sich zu mir umzudrehen und zu sagen: ›Weißt du, eines Tages muss ich das neu schreiben.‹«

Dem neugeschriebenen Roman, der 1933 erschien, folgte 1962, postum, eine erweiterte Fassung, die die Randnotizen Lowrys berücksichtigte. Auch wenn die Reise des Matrosen Hilliot in »Ultramarin« noch versöhnlich enden durfte, sind die Schiffsglocken des Frachters »Oedipus Tyrannus« »Glocken der Hölle«, die Malcolm Lowrys Hauptwerk »Unter dem Vulkan« bereits einzuläuten scheinen.

Alle geschriebenen oder lediglich geplanten, veröffentlichten oder verlorenen Manuskripte Lowrys sollten am Ende einen großen Erzählzyklus bilden, eine Romantrilogie nach dem Vorbild von Dantes »Göttlicher Komödie«. »Unter dem Vulkan« war Lowrys Höllenfahrt. Das Buch hat wie »Ultramarin« eine autobiographische Grundlage: das Scheitern von Lowrys erster Ehe und seinen Abstieg in den Alkoholismus, der zugleich Trost und Selbstbestrafung war. Es ist aber vor allem ein bis ins Detail geplanter symbolistischer Roman über die unausweichliche Selbstzerstörung und Selbstzerfleischung eines alkoholsüchtigen Konsuls in Mexiko. Sein Scheitern im Leben und in der Liebe wird in Rückblenden, Träumen und Visionen geschildert. Sein Sterben, in dem sich die Katastrophen des 20. Jahrhunderts spiegeln, wird zum »Menetekel für die Welt«.

»Lunar Caustic« (»Die letzte Adresse«), ein ebenfalls autobiographischer Kurzroman, erzählt den Weg eines Künstlers in den Wahnsinn, der in einer New Yorker Psychiatrie, in unmittelbarer Nähe von Herman Melvilles einstigem Wohnsitz, endet. Das ist kein Zufall, denn jener Künstler identifiziert sich mit dem bedeutenden amerikanischen Autor, und die Ärzte und Pfleger der Klinik tragen Namen, die Melvilles Werk entlehnt sind. Der kleine Roman sollte in Lowrys Zyklus das Fegefeuer repräsentieren, doch das Einzige, was die psychiatrische Anstalt von der Hölle unterscheidet, ist die vage Möglichkeit eines Auswegs.

Ein dritter Roman, »In Ballast to the White Sea«, sollte Dantes Einkehr ins Paradies entsprechen. Nach den Untergangsvisionen der früheren Texte Malcolm Lowrys hat die Frage, welche Vorstellung vom Paradies dieser von Literatur und hochprozentigen Getränken gleichermaßen besessene Autor in sich trug, eine ganz besondere Bedeutung. Der 1909 in London geborene Lowry hatte sowohl die Hölle des Alkoholismus als auch das Fegefeuer der Nervenheilanstalt am eigenen Leib erfahren. Die Sehnsucht nach Anerkennung und die Schuldgefühle, die ihn nach dem Selbstmord eines Freundes quälten, trieben ihn in die Sucht. Die Sucht und der Wahn wurden jedoch bald zu unverzichtbaren Quellen seiner Inspiration. Die einzigen Hinweise, die wir auf Lowrys Vision vom Paradies haben, sind die verlorenen Paradiese seiner gescheiterten Romanfiguren, deren Hoffnung auf privates Glück in der Vergangenheit begraben wurde. In seinem eigenen Leben war es nicht viel anders.

Da ihm die Einreise in die USA wegen Trunkenheit verwehrt wurde, zog sich Lowry Anfang der 1940er Jahre mit seiner Frau Margerie in eine Waldhütte in die kanadische Wildnis zurück, um in der Einsamkeit die jüdische Geheimlehre der Kabbala zu studieren, »Unter dem Vulkan« zu Ende zu schreiben und immer wieder neu zu überarbeiten. Im Rückblick erschien ihm diese Zeit als vergleichsweise paradiesisch; seine Arbeit machte gute Fortschritte, sein Alkoholproblem schien bewältigt, und Margerie, die große Liebe seines Lebens, erwies sich als kluge und unersetzliche Hilfe bei den notwendigen Korrekturen. »In Ballast to the White Sea« war bereits so gut wie vollendet, ein etwa zweitausend Seiten umfassendes Manuskript lag vor, und die Aussicht auf eine erfolgreiche Veröffentlichung war gut. Doch das Schicksal wollte es anders: Am 7. Juni 1944 ging Lowrys Hütte mit seinen sämtlichen Manuskripten in Flammen auf. In letzter Minute und unter Einsatz ihres Lebens konnte Margerie Lowry nur eine von mehreren Fassungen des Romans »Unter dem Vulkan« retten – beinahe wäre auch dieses Buch ein verlorenes Meisterwerk der modernen Literatur geworden. Wieviel Lowry zur Rettung seines Werkes beitrug, ist nicht bekannt. Vielleicht empfand er sogar ein seltsames Glücksgefühl beim Anblick seiner brennenden Manuskripte. Vielleicht sah er in dem Feuer die göttliche Strafe für die eigene künstlerische Unvollkommenheit, die ihn peinigte und zu immer neuen Überarbeitungen antrieb. Vielleicht erblickte er in der Asche die Möglichkeit eines Neubeginns, der ihn endlich zur Perfektion führen würde. Wahrscheinlich reagierte er aber so, wie jeder andere Schriftsteller reagiert hätte, der das Werk von Monaten und Jahren in Flammen aufgehen sieht: fassungslos. Es dauerte einige Zeit, bis er wieder an seine Arbeit denken konnte.

Obwohl das Manuskript von »In Ballast to the White Sea« vernichtet wurde, sind einige ältere Entwürfe und einzelne Seiten einer früheren Fassung erhalten. In einem Brief, den Lowry sieben Jahre nach der Katastrophe an seinen Freund David Markson schrieb, schilderte er ausführlich den Inhalt des verbrannten Romans, den er als eine Art »strindbergschen Tonio Kröger von Maeterlinck, nach Melville« bezeichnete.

Der Held des Romans, ein junger Student in Cambridge, skandinavischer Herkunft, hat dieselben seemännischen Erfahrungen wie Lowry, und so wie dieser seine Inspiration aus den Werken Melvilles, Griegs und Aikens bezog, ist er von einem bestimmten Buch fasziniert: Es ist ein Roman über das Meer von einem norwegischen Schriftsteller, ein erschreckendes und furchtbares Werk, eine Art »Moby-Dick«, der allerdings »weniger mit Walen zu tun hat als mit dem Schicksal der individuellen und lebendigen Besatzung der Acushnet (so hieß die Pequod ursprünglich)«. Je öfter der Student das Buch liest, desto mehr identifiziert er sich mit dem Helden, dessen Erlebnisse und Erfahrungen sich möglicherweise mit jenen des Autors, sicher aber mit jenen des Studenten decken. Denn auch dieser hat ein autobiographisches Werk verfasst, das auf unheimliche Weise die Geschichte des Norwegers spiegelt. Am Ende führt eine Begegnung zwischen dem Studenten und dem Autor zu einer Art Erlösung beider, zu einem Ausweg aus Wahnsinn, Besessenheit und Isolation – zurück ins Leben, ins weltliche Paradies aus innerem Frieden und privatem Glück, das dem hoffnungsvollen Ende der »Göttlichen Komödie« Dantes entspricht. »Tatsächlich ist das Ganze noch viel komplizierter«, schrieb Lowry, »aber lassen wir’s mal so.«

Der zerstörte Roman über das weiße Meer reflektiert die Begegnung Lowrys mit dem Norweger Nordahl Grieg, dessen Roman »Und das Schiff geht weiter« ein Vorbild für »Ultramarin« war. Lowrys Werk entpuppt sich als Labyrinth, das immer wieder zu seinen persönlichen Obsessionen zurückführt, so dass sich sein Leben auf vielfältige Weise in seiner Literatur spiegelt.

Das kleine Paradies, das Lowry in Kanada gefunden hatte, ging in Flammen auf, genauso wie seine literarische Vision vom Paradies. Aber was hätte er, der all seine Inspiration aus den tiefsten Abgründen menschlichen Erlebens zog, mit einem Garten Eden anfangen können, außer ihn niederzubrennen? Seine Alkoholsucht führte ihn zurück ins Fegefeuer der Psychiatrie, aus der er schließlich als unheilbarer Fall in die Hölle der Sucht entlassen wurde. 1957 starb Lowry an einer Schlafmittelvergiftung, die man auch als Finale einer lebenslangen Art von Selbstmord durch Schreiben und Trinken bezeichnen könnte. Wenn er seinen Roman gerettet und seine geplante Trilogie zum Abschluss gebracht hätte und wenn wir über seine tatsächlichen Vorstellungen vom Paradies besser Bescheid wüssten, hätten wir vielleicht ein anderes Bild von diesem sprachgewaltigen Dichter des Untergangs und der Selbstzerstörung. So unterstreicht das Schicksal von Lowrys großem verlorenem Roman nur die melancholische Aussage seiner anderen Werke: Es gibt keine Erlösung, nur die Erinnerung.

Hemingways Reisetasche

Ende 1921 tauchte ein junger Mann mit dunklem Haar und dünnem Schnurrbart in der Pariser Buchhandlung »Shakespeare and Company« auf. Er komme gerade mit seiner Frau aus Chicago, sagte er zu der Inhaberin Sylvia Beach. Zuvor habe er zwei Jahre in einem Militärlazarett verbracht, um eine Kriegsverletzung zu kurieren, die er sich in Italien zugezogen habe. »Ich bin Ernest Hemingway«, sagte er. Dann zog er Schuhe und Strümpfe aus, um der verblüfften Buchhändlerin die Narben an seinen Beinen zu präsentieren.

Ernest Hemingway stand noch ganz am Anfang seiner Karriere. Er hielt sich und seine Frau Hadley mit Sportreportagen über Wasser und nutzte jede Gelegenheit, um über die rührige Miss Beach bedeutende Literaten und Künstler kennenzulernen. Die Avantgarde traf sich in den Cafés am linken Seine-Ufer, und »Shakespeare and Company« in der Rue de l’Odéon war ein Magnet für die jungen Wilden der literarischen Moderne. Hemingway brachte frischen Wind in die Pariser Boheme, er boxte mit dem kanadischen Romancier Morley Callaghan, besoff sich mit Scott Fitzgerald und James Joyce, trank Tee mit Gertrude Stein und Alice B. Toklas.

Er arbeitete immer noch hauptsächlich als Journalist, als er im Frühjahr 1923 von der internationalen Konferenz zum griechisch-türkischen Konflikt in Lausanne berichtete und nebenbei einen Hochstapler namens Mussolini überführte: »Mit Leuten, die schwarze Hemden und weiße Gamaschen tragen, stimmt etwas nicht«, schrieb er im »Toronto Daily Star« über den Faschisten.

Mussolini hatte zur Pressekonferenz geladen, sich aber nicht die Mühe gemacht, die Fragen der Reporter zu beantworten. Er posierte als schweigsames Orakel, über den weltlichen Dingen stehend und mit düsterer Miene ein Buch studierend. Hemingway interessierte sich brennend für Mussolinis Lektüre. Schließlich gelang es ihm, einen Blick auf das Werk zu werfen: Es war ein Wörterbuch, und Mussolini hielt es verkehrt herum.

Es gab also nicht viel Bedeutsames zu berichten. Hemingway, der die lebhafte Atmosphäre der Pariser Künstlerszene vermisste, begann sich zu langweilen und sinnierte, statt über Weltpolitik zu schreiben, über die fabelhafte Aussicht, die Lord Byron hundert Jahre zuvor auf den Genfer See gehabt haben musste. Eigentlich hatte er genug zu tun, denn zu Hause wartete eine Unmenge literarischer Entwürfe darauf, sortiert und überarbeitet zu werden. Kurz entschlossen bat Hemingway seine Frau Hadley, zu ihm nach Lausanne zu kommen und seine Manuskripte – sämtliche frühe Arbeiten, darunter ein angefangener Roman – mitzubringen, damit er sie in seiner freien Zeit bearbeiten konnte. Hadley ordnete die handschriftlichen Notizen, die abgetippten Texte und die Durchschläge sorgfältig in Hefter aus Manilahanf und packte sie in ihre Reisetasche. Sie nahm ein Taxi zum Gare de Lyon, wo sie mit dem nächsten Zug in die Schweiz fahren wollte. Kaufte sie Zigaretten? Trank sie einen Kaffee? Grübelte sie über den Verlauf der Konferenz, über den in den Zeitungen ausführlich berichtet wurde? Man weiß es nicht. Eines ist sicher: Sie wartete, geduldig oder ungeduldig, an den trostlosen Bahnhofsgleisen, umgeben vom Gesumm und Gebrumm rastloser Reisender, Gepäckträger, Schaffner und Verkäufer, auf den Zug nach Lausanne, der sich wieder einmal aus ungewissen Gründen verspätete.

Inmitten des alltäglichen Gedränges stand eine unauffällige, einsame Gestalt. Ein Mann, nicht klein, nicht groß, in einen schäbigen, abgewetzten Mantel gekleidet, kaum zu unterscheiden von den wartenden Passagieren. Doch er vertrieb sich die Zeit nicht mit müßigen Träumereien. Sein aufmerksamer Blick schweifte umher, registrierte fachmännisch jedes Detail, jede Bewegung und fiel schließlich auf eine offensichtlich allein reisende junge Dame und ihre prall gefüllte Ledertasche.

Hadley bemerkte nichts davon. Sie hatte Mühe, die schwere Tasche mit all den Manuskripten zu heben. Ihre Hoffnung auf den zukünftigen Ruhm Hemingways verlieh dem Papier, das mit seinen Worten beschrieben war, vielleicht ein zusätzliches Gewicht. Ein Ausrufer kündigte eine weitere Verspätung des Zuges an, und Hadley stellte seufzend das unhandliche Gepäck zurück auf den Bahnsteig. Sie ging ein paar Schritte auf und ab und hielt nach dem Jungen Ausschau, der die Wartenden mit heißem Tee und Kaffee versorgte. Sie wollte die Reisetasche nehmen und einen Sitzplatz suchen – doch die Tasche war fort und der Mann in dem schäbigen, abgewetzten Mantel nirgendwo zu sehen.

Als Hadley in Lausanne eintraf, weinte sie unablässig. Wie sollte sie ihrem Mann bloß erklären, dass seine wertvollen Manuskripte gestohlen worden waren? Hemingway ahnte das Schlimmste. Als er endlich begriff, was wirklich geschehen war, wurde er totenbleich. Dann krebsrot. Die Augen waren die eines durchbohrten Stiers im Todeskampf. Ein letzter Wille, den Torero doch noch in den Staub der Arena zu trampeln. Dann Dunkelheit. Hemingway wandte sich ab, ging in die nächste Bar und genehmigte sich ein paar Drinks. So ähnlich muss es sich zugetragen haben.

Später berichtete Hemingway mit einiger Gelassenheit von dem Zwischenfall und behauptete sogar, der Verlust sei letztlich gut für ihn gewesen. Er hatte inzwischen seinen Stil verfeinert und sich in der Kunst des Weglassens geübt. Er hatte begriffen, dass das Ungesagte oft eine größere Wirkung erzielt als weitschweifige Erläuterungen. Die Beschäftigung mit seinen frühen Versuchen wäre vielleicht ein Hindernis auf dem Weg zu dieser befreienden Erkenntnis gewesen.

Doch der Verlust jener Arbeiten war zunächst ein schwerer Schlag. Hemingway hatte gehofft, in Paris eine schriftstellerische Laufbahn beginnen zu können, die er mit seinen journalistischen Aufträgen finanzieren wollte. Das Schreiben von Zeitungsartikeln hielt er freilich für eine Plage. »Das gottverdammte Zeitungszeug bringt mich allmählich um«, gestand er seinem Freund Sherwood Anderson. Seine Depeschen brachten ihm zudem kaum etwas ein, und nun waren auch seine literarischen Versuche verloren! Er dachte schon daran, die Schriftstellerei aufzugeben und sich zum Chirurgen ausbilden zu lassen. Schließlich fing er einfach von vorn an. Sein erstes Buch »Three Stories and Ten Poems« erschien 1923, wenige Monate nach dem Verlust der alten Manuskripte.