Informationen zum Buch

Stell dir vor, es ist Krieg und du bist falsch angezogen

Es gibt eine neue Realität, in der echt und gefälscht nicht mehr zu unterscheiden sind, eine Realität, in der Konzerne und Regierungen die Medien manipulieren und Menschen ihre Körper und Gefühle. Es ist die Realität 2.0, sie ist gefährlich, der Name dafür ist: adibas

»Zaza Burchuladze hat ein sehr bewegendes, hochkomisches und zugleich tieftrauriges Buch geschrieben.« Wladimir Sorokin

Es herrscht Krieg zwischen Russland und Georgien. Die russischen Truppen haben Tiflis eingekreist. Doch die Happy Few der Neureichen-Bohème, der Tiflis-Hipster und Womanizer erleben den Krieg vor ihrer Haustür hauptsächlich durch Fernsehen, Radio und Internet. Keiner weiß, welcher Information noch zu trauen ist. Die Augen weit geschlossen durchstreifen sie die Stadt zwischen Alltag und Ausnahmezustand. Was ist echt in einer Welt aus Fake-Nachrichten, Fake-Brüsten, Fake-Gefühlen und Fake-Kriegen? Echtheit spielt nur in einer Hinsicht eine Rolle: Markenklamotten. So die profane Antwort der Protagonisten. Erst als auch diese letzte Gewissheit ins Wanken gerät, beginnen sie zu verstehen.

Zaza Burchuladze

adibas

Mit einem Vorwort
von Juri Andruchowytsch

Aus dem Georgischen
von Anastasia Kamarauli
unter Mitarbeit von Tom Müller

Inhaltsübersicht

Informationen zum Buch

[Vorwort]

[01] Multimedia am Morgen

[02] Miniaturdreiecke

[03] Der Diplomat im Diplomatenkoffer

[04] Ich könnte springen

[05] Der E-Dog

[06] Blue Velvet

[07] Vol. II / Der unglaubliche Hulk

[08] 08/08/08

[09] Warten auf Vint

[10] Etwas Japanisches

[11] Georgien

[12] adibas

[13] Irgendein dritter Weg

[14] Gedanken am Ufer der Kura II / Reality Zone

[15] Nichts Besonderes

[Anmerkungen]

Über Zaza Burchuladze

Impressum

Wem dieses Buch gefallen hat, der liest auch gerne …

a|di|bas <int.> (I. Fake-adidas, II. Ersatz oder Imitation allgemein, III. Fälschung, Uneigentlichkeit im phil. u. pol. Sinn, u. a. gefälschte Nachrichten, gefälschte Körper, gefälschte Gefühle, gefälschte Kriege, IV. Roman von Zaza Burchuladze)

[Vorwort]

ANTIKRIEGSROMAN, VERSION 21. JAHRHUNDERT

Juri Andruchowytsch

In den letzten fünf Jahren hatte ich ein arges Problem damit, dass mir in Interviews immer wieder die Frage gestellt wurde, welches der jüngst von mir gelesenen Bücher mich wirklich beeindruckt hätte. So ein Buch gab es nicht. Vielleicht, dachte ich nicht ohne Wehmut, hat meine Leseerfahrung alle Grenzen der Faszination erreicht? Vielleicht ist es überhaupt Zeit, das Lesen noch nicht gelesener Bücher einzustellen?

Da schickte mir im Januar dieses Jahres der georgische Schriftsteller Zaza Burchuladze aus Berlin, wo er zurzeit lebt, seinen Roman adibas. Ich bin Ukrainer und, wie man sich vorstellen kann, leider des Georgischen nicht mächtig, deshalb erhielt ich vom Autor den Roman in russischer Übersetzung.

Als ich ihn las, durchfuhr mich plötzlich jenes Gefühl, das ich in den vergangenen Jahren vermisst hatte: ehrliche Begeisterung. Seitdem weiß ich, was ich auf die Frage nach meinen stärksten Leseeindrücken antworten soll. Ich erzähle dann von adibas und füge meistens hinzu, dass dieser kleine Roman momentan für uns in der Ukraine besonders aktuell ist – denn es gehe darin um den georgisch-russischen Krieg im August 2008. Meine Gesprächspartner nicken verstehend. Und mir wird sofort bewusst, dass ich sie mit meiner Präzisierung in die Irre führe, sie also eher desinformiere. Daher rate ich ihnen einfach, ihn zu lesen. Denn der Roman ist überhaupt nicht so, wie sie ihn sich nach meinen Worten vorstellen.

Also – was für ein Krieg? Ist so etwas wie Krieg denn überhaupt möglich? Gibt es Krieg denn?

Die menschlichen Wesen, die dem Leser in adibas begegnen, sind meist Bewohner der georgischen Hauptstadt Tiflis, die ihr gewöhnliches Leben leben – sie treffen sich in Bars, Cafés und »elitären Chinkali-Restaurants«, konsumieren Alkohol, MDMA und andere Drogen, denken über neue Tattoo-Motive nach, durchstöbern gespannt (verzeihen Sie das Oxymoron) die neuesten Auslagen der Second-Hand-Läden und verfolgen, in welcher Rolle Johnny Depp gerade zu sehen ist, sie fahren Taxi, verlieren ihre iPods, gehen ins Freibad, hören angesagte und nicht allzu angesagte Musik, schauen Pornos und zu guter Letzt haben sie ziemlich häufigen und hemmungslosen Sex.

Krieg? In so einer Welt kommt er nicht vor. Allenfalls der, in dem Darth Vader kämpft. Ein Unterhaltungskrieg, ein Fake-Krieg, ein Fantasy-Krieg.

Trotzdem aber hören wir Leser, wie die Figuren im Roman, mit einem Ohr ab und zu die Radio- und Fernsehsprecher und ihre »seelenlosen Rezitative«. Beiläufig erfahren wir zum Beispiel, dass General Kulachmetow (eine nicht erfundene, sondern allzu reale Person) »das Eindringen russischer Panzer nach Tiflis kategorisch dementiert«.

Die Nachrichten existieren irgendwo am Rande. Dort, in den Nachrichten, gibt es die Motorschützenbrigade der 42. Division, russische Straßensperren und Patrouillenschiffe der Marine, Kämpfer mit den grünen Bändern des Islam, die den armen (wir wissen, was später mit ihm geschieht!) Präsidenten Polens gefangen nehmen, feindliche Helikopter, jederzeit bereit, international geächtete Streubomben auf Wohngebiete abzuwerfen, und alle möglichen anderen Arten des Unrechts.

Seit mehr als einem Jahr verwenden wir in der Ukraine regelmäßig diese Terminologie. Wir haben begonnen, mit diesen Kriegsworten zu leben. Vor allem auch diejenigen, die weder direkt noch indirekt kämpfen. So hat modernstes militärisches Vokabular Einzug gehalten in unseren Alltag. In unseren Unterhaltungen und Kommentaren im Netz operieren wir gekonnt, wie es uns scheint, mit den Namen der Spezialbataillone, mit den Nummern der Fallschirmspringerbrigaden, mit den Modellen von Raketensystemen, Panzerfahrzeugen, Drohnen und Mehrfachraketenwerfern. Wir diskutieren über die taktischen Feinheiten von Kampfoperationen und markieren auf interaktiven Karten die Richtung entscheidungsbringender Gegenschläge.

Genauer gesagt – so war es. Das gab es noch bis Mitte August des vergangenen Jahres 2014. Der Krieg gegen Georgien war gerade sechs Jahre her, als unsere erste militärische Katastrophe geschah – der Kessel bei Ilowaisk – und wir begannen, uns viel trauriger und zurückhaltender über den Krieg zu äußern. Ilowaisk – das ist der Ort, wo die Ukraine nach offiziellen Angaben unseres Oberkommandos mehr als 300 Soldatenleben verloren hat. Ein Dichter und guter Bekannter von mir, der seit dem 22. Juni letzten Jahres als Freiwilliger im Osten kämpft, der also diese Hölle ganz direkt gefühlt, gesehen, geschmeckt, gerochen und gehört hat, sagt: »Glaub nicht an diese offiziellen dreihundert Gefallenen. Nimm sie mal zehn, vielleicht auch mal fünfzehn.« Ich glaube meinem Bekannten. Die Gedichte über die Front fielen ihm ganz zufällig ein – zum Beispiel, nachdem er beim Patrouillieren am Asowschen Meer beobachtet hatte, wie ein Wachhabender, ohne das schussbereite Maschinengewehr aus der Hand zu lassen, eine SMS zu schreiben versuchte. Vielleicht an seine Freundin.

Der georgisch-russische Krieg 2008, seine aktive Kampfphase, dauerte ein bis zwei Wochen. Unser Krieg dauert schon mehr als ein Jahr, und seine aktiven Kampfphasen unterscheiden sich nicht substantiell von den sogenannten Waffenstillständen. Gerade heute habe ich aktuelle Angaben des Generalstabs über die Kräfte des Gegners gelesen: Im besetzten Teil des Donezbeckens halten sich derzeit 43 000 Kämpfer auf, 9000 davon sind russische Soldaten. Das ist viel. Es gibt zu viel von diesem Krieg.

In Zaza Burchuladzes Roman gibt es auf den ersten Blick wenig Krieg – unbedeutende und zufällige Fragmente davon, mikroskopische Bruchstücke eines Krieges. Eine Drohne mit der unzweideutigen Markierung »РФ« (Russische Föderation) nähert sich dem Erzähler. Zwei Panzerfahrzeuge an einer Kreuzung. Der schwule Trainer Amiko wird zur Armee eingezogen. Ein paar Jagdflugzeuge am Himmel. Soldaten mit zusammengerollten und unter die Schulterklappen gesteckten Mützen rauchen am Kirchentor. Und »man weiß nicht, ist es ein religiöser Feiertag oder eine zivile Totenfeier für die Kriegsgefallenen.« Ich denke an unsere Totenfeiern. Wir versuchen weiterzuleben.

Ich denke an unsere Soldaten auf unseren Bahnhöfen. Sie werden immer mehr. In den letzten zehn Jahren wurden sie immer weniger, sie waren fast verschwunden, aber jetzt werden sie mehr, und zwar unerträglich schnell. Sie wurden zum unverzichtbaren Element unserer menschlichen Umgebung, vor allem der Bahnhofs-Umgebung. Sie reisen zu ihren Einheiten, an die Front. Oder sie kehren von dort zurück. Die einen nach Hause, die anderen von zu Hause weg, manche aus dem Lazarett, andere ins Lazarett. Manche gehen auf Krücken. Ihre offensichtlichen Verletzungen und Verwundungen lassen auch nicht den Schatten eines Zweifels – ob wir diese Realität annehmen oder nicht, wenn wir in Bars und Cafés sitzen, wenn wir Alkohol und MDMA konsumieren, über neue Tattoo-Motive nachdenken, gespannt die neuesten Auslagen der Second-Hand-Läden durchstöbern und verfolgen, in welcher Rolle Johnny Depp gerade zu sehen ist, Taxi fahren, unsere iPods verlieren, angesagte und nicht allzu angesagte Musik hören und zu guter Letzt ziemlich häufigen und hemmungslosen Sex haben –, dass am anderen Ende des Landes tatsächlich Krieg herrscht. Und ich weiß wirklich nicht, woher wir jetzt und später all die Traumatologen, Psychologen und Logopäden für unsere ganzen Soldaten nehmen sollen. Vielleicht kann uns nur Konsum retten? All die Kleider, Tattoos und Telenovelas?

Am schlimmsten aber wäre, wenn sich diese Kampagne, diese Mobilisierung, diese Verteidigung schließlich nur als Imitation erwiese. So wie »adibas« im Roman adibas von Zaza Burchuladze.

Aus dem Ukrainischen
von Sabine Stöhr

S-13
S-14

Bobo kann alles. Ihre Pasta schmeckt hervorragend, sie hat alle Folgen von Lost gesehen, und blasen kann sie wie eine Göttin: voller Hingabe und Liebe.

Bobo. Schon bei ihrem Namen sehe ich ihre festen Brustwarzen, ihren cremeweichen Körper, ihre schlanke Taille und ihre geschickte Zunge vor mir. Ich liege im Bett. Allein. Mein Handydisplay zeigt halb zehn. Ich habe verschlafen. Zwei Stunden. An meinen Traum kann ich mich kaum erinnern, nur daran, dass mein Hirn leuchtete wie eine Glühbirne und Funken durch die Hirnwindungen schossen. Wie Signale in einem Glasfaserkabel.

Auf dem Nachttisch steht ein Glas H-Milch, daneben ein Teller mit einem Croissant und einer Centrum-Tablette. Wie es aussieht, wird das für die nächste Zeit meine morgendliche Ration sein. Habe ich wirklich so tief geschlafen, dass Bobo aufstehen, sich anziehen und mir das Croissant holen konnte, ohne dass ich es gemerkt habe?

Ich greife danach und sofort springt Aphex auf das Bett. Er wedelt gierig mit dem Schwanz: Links-rechts, links-rechts – sein Schwanzwedeln macht mich schwindlig. Er leckt mein Gesicht ab. Man könnte glauben, er hätte mich Ewigkeiten nicht gesehen. Er versucht sogar, mir seine trockenwarme Zunge zwischen die Lippen zu schieben. Als ob ihn meine Anwesenheit freuen würde. Dabei will er nur das Croissant. Er setzt sich auf meine Brust und blickt mich mit seinen Hundeaugen an.

»Hau ab!«, rufe ich.

Tief betrübt und mit eingezogenem Schwanz schleicht er davon und legt sich auf Bobos Kissen. Er lässt das Croissant nicht aus den Augen. Sie sind groß und feucht, wie die von Amélie aus dem Film Die fabelhafte Welt der Amélie. Er würde mir das Croissant so gern aus der Hand schnappen, traut sich aber nicht. Ich kann ihn gut verstehen. Das ist das leckerste Croissant in ganz Tiflis. Es wird bei uns im ersten Stock, in der neu eröffneten französischen Bäckerei gebacken. Mit Kirschkonfitüre, Rosinen, Vanillefüllung, Marzipan, Schokolade, Quark … Das sind mehr als nur gewöhnliche Croissants. Sie sind wie die Goldberg-Variationen, gespielt von Glenn Gould.

Aphex fixiert mich mit seinen Hundeaugen, er setzt auf mein Gewissen. Vergeblich. Sein Lacrimosa zieht heute nicht bei mir. Wir beide wissen, dass er keine Chance hat, mich rumzukriegen. Nicht einen Krümel wird er von mir bekommen. Der locker-leichte Blätterteig zergeht auf meiner Zunge … Eine angenehme Wärme breitet sich in meinem Magen aus.

Ich schlage die Decke zurück und blicke auf meinen Schwanz. Er liegt auf meinem Bauch, und es sieht amüsant aus, wie er anschwillt und das Blut die Adern aufpumpt. Ich muss ihn einfach anschauen. Meine Zauberflöte – so hat Bobo ihn genannt. Irgendwie hat ein Ständer etwas Hypnotisches. Aphex scheint das ähnlich zu sehen. Abwechselnd schaut er hin und her, zwischen dem Croissant in meiner linken und der Zauberflöte in meiner rechten Hand.

Ich spüle meine Centrum-Tablette mit Milch runter und gehe ins Bad. Immer noch sauer, dass er kein Croissant bekommt, jagt der Köter bellend hinter mir her und versucht, mir in die Ferse zu beißen. Im Wohnzimmer läuft der Fernseher, auf TV-1000 läuft Pans Labyrinth, genauer gesagt, es lief. Das Bild ist stehen geblieben. Das weiße Monster, das die Augen in den Handflächen trägt, hält die Hände vors Gesicht. Das halbe Bild ist in grobe Pixel zersprungen. No signal to display steht in der Mitte des Bildschirms. Die Privatsender haben in letzter Zeit ziemliche Probleme. Ich schalte auf Imedi um. Eine Panzerkolonne rattert über die Autobahn. Ein atemloses Voice-Over berichtet: »… General Kulachmetow nennt es Desinformation. Er dementiert, dass die Russische Armee in Tiflis einmarschiert sei. Nichtsdestotrotz sind am Stadtrand Didi Digomi seit einer Stunde intensive Feuergefechte zu hören …«

Ich nehme erst einmal eine heiße Dusche. Ich reibe mich von Kopf bis Fuß mit einem Kokosflocken-Bodyscrub ein. Die Mikroperlen stimulieren meine Haut. Zuletzt dusche ich mich eiskalt ab. Auch die Zähne putze ich mir auf meine eigene Art. Beides werde ich mir wohl nie abgewöhnen: morgens kalt duschen und die Zähne so lange schrubben, bis das Zahnfleisch blutet. Ich habe immer noch einen Ständer. Das süße Aroma des Bodyscrubs erinnert mich wieder an Bobo. So wichtig ist es nun auch wieder nicht, dass sie nicht schlucken will! Aber wie gern würde ich ihr jetzt in den Mund spritzen!

Für mich gibt es zwei Kategorien von Frauen: die, die schlucken, und die, die es ausspucken. Mir ist aufgefallen, dass die, die nicht schlucken, besser blasen als die, die schlucken. Natürlich ist das kein Naturgesetz. Ich spreche nur aus Erfahrung. Bobo zum Beispiel schluckt nicht und bläst hervorragend. Wenn ich komme, füllt sich ihr Mund mit meinem Sperma, und sie schickt Dankesgebete zum Himmel. Ein guter Blowjob ist eine Zeremonie: das Sperma im Mund, die Gebete im Herzen, den Schwanz in der Hand.

Ich habe Bobo vorgestern in Zawkisi bei der Party im Sommerhaus eines gemeinsamen Freundes aufgegabelt. Eine Nacht aus schwarzen Kerzen, besoffenem Gefasel und lausigem Ecstasy. Seitdem habe ich herausgefunden, dass sie ziemlich straightforward ist, vorzugsweise schwarze Kleidung trägt – ihr Skype-Nickname ist alien_style – und sie ein Bauchnabelpiercing hat. Angeblich ein kleiner Platin-Embryo. Sie kommt gern auf den Punkt und hört vorzugsweise Minimal. Ihr Körper ist durchtrainiert, sie hat einen Knackarsch und feste Brüste. Im Großen und Ganzen ist sie eher scharf als schön.

An dem Abend stand sie allein neben den Lautsprechern und nippte an einer Dose Red Bull. Ich zwängte mich zwischen den auf Ecstasy Tanzenden durch, bis vor zu den Lautsprechern und stieß wie zufällig mit ihr zusammen.

»Entschuldigung«, rief ich.

Sie lächelte etwas verlegen, anscheinend hatte sie mich nicht verstanden. Bei der Lautstärke konnte man nicht mal seine eigene Stimme hören.

»Borena«, rief sie zurück.

Ich dachte, sie verarscht mich.

»Borena?«

Sie nickte mir zu:

»Bobo reicht auch.«

Nach ein paar missglückten Versuchen, dem Rhythmus der Musik zu folgen, landeten wir irgendwie im Nebenzimmer und machten eine Weile wild rum. Obwohl ich mich in einer Art Trance befand, erschien es mir ziemlich realistisch, hier und jetzt zu vögeln.

Danach tauschten wir per Bluetooth unsere Klingeltöne aus, lachten über allen möglichen Scheiß und zogen über jeden her, den wir kannten. Schließlich schliefen wir auf dem Sofa ein. Wie in einer Seifenoper. Der Kamerawinkel öffnet sich. Romantische Musik. Abspann.

Ich habe das Gefühl, alles fügt sich wie von selbst. Bobo will zu einem festen Bestandteil meines Lebens werden. Wie die Raufasertapete in meiner Altbauwohnung. Und ich bin durchaus bereit, alle Konsequenzen zu akzeptieren: die Johnny Depp-Filme, die Centrum-Tabletten, die Darth-Vader-Plakate und die mittelschweren Hysterien kurz vor dem Einsetzen ihrer Periode.

Ich ziehe den Morgenmantel an und verlasse das Bad. Aphex hebt sein Bein, so dass ich sehen kann, was er vorhat, pisst demonstrativ an den Kühlschrank und bringt sich dann schnell in Sicherheit. Was für eine klägliche Rache! Gespannt erwartet er meine Reaktion. Doch den Gefallen werde ich ihm nicht tun. Der Bastard! Soll er doch warten, bis er schwarz wird. Ich sehe genau, wie nervös er ist, wie angespannt. So wie Antonio Gades1 kurz vor den ersten Schritten seiner Kür. Aphex wartet nur darauf, dass ich ihn anschreie, er solle Flamenco tanzen. Aber ich lasse mich nicht aus der Ruhe bringen und wische die Pisse mit Küchenpapier auf. Ich weiß nicht, ob jeder Chihuahua sein Herrchen so terrorisiert oder ob ich ihn einfach nur zu sehr verwöhnt habe. Aus dem Augenwinkel verfolge ich seine erstaunte Reaktion. Scheinbar dämmert es ihm langsam, dass sein Plan nicht aufgegangen ist.

Ich öffne den Kühlschrank. Als das Lämpchen angeht, fällt mir wieder mein Traum ein. Mein Kopf hat ungefähr genauso geleuchtet, es war nicht das grelle Strahlen nach einer Line Koks, sondern eher ein ruhiges Vor-sich-hin-Leuchten. So wie die Nachttischlampe von Oma.

Aus dem Wohnzimmer kann ich den Fernseher hören: »… am rechten Ufer der Kura rückt das Artilleriebataillon der 42. Division weiter in Richtung Stadtmitte vor. Darunter befinden sich 80 großkalibrige Geschütze sowie 50 Panzer …«.

Auf dem Küchentisch am Fenster liegt neben Bobos Laptop ein Taschenbuch. Das sanfte Vibrieren der Laptoplüftung ist auf den Tisch übergegangen, ich sehe das Buch zum ersten Mal, auf dem Umschlag ist eine Abbildung:

001.tif

gone with the balloon

Es muss irgendwas aus der Gegenwartsliteratur sein. Eine Parodie, dem Titel nach. Aber eigentlich könnte es alles sein, von Horror bis Postmoderne. Wie Romane heutzutage eben sind.

Als erstes gehe ich auf YouTube. Ich klicke auf Cannibal Corpse, in der Hoffnung, dass mein Schwanz wenigstens bei George Fishers Gebrüll endlich erschlafft. Ich setze mich auf den Stuhl und öffne meinen Bademantel. Gleichzeitig denke ich an Bobo. Es ist schwer, einen Ständer zu haben und nicht an Bobo zu denken. Und umgekehrt: an Bobo zu denken und keinen Ständer zu bekommen.

Fisher brüllt: »Draining the snot, I rip out the eyeees«. Er lässt seinen Kopf kreisen wie einen Propeller und wirbelt seine langen offenen Haare durch die Luft.

Ich rufe Bobo an, erreiche sie aber nicht. Ihr gewünschter Gesprächspartner ist zurzeit leider nicht erreichbar. Bitte versuchen Sie es später noch einmalMessage sent to Bobo