Informationen zum Buch

Was ist ein Leben wert?

Dreißig Gäste in einem exklusiven Restaurant in Los Angeles, die ungestört von Paparazzi ihr Abendessen genießen möchten. Unter ihnen Alex King, ein junger aufstrebender Schauspieler, der seiner trostlosen Jugend in einem Trailerpark entkommen konnte, und Jody Johnson, seine ambitionierte Agentin. An diesem heißen Sommerabend ist King mit dem skandinavischen Model Simone verabredet. Doch plötzlich stürmt ein Maskierter das Restaurant, und ein perfides Psychospiel um Leben und Tod beginnt.

Rasant wie ein Film – ein Thriller ohne Speedlimit. Vom Autor des Bestsellers »Broken Dolls«.

J. S. Carol

Fürchte dich

Thriller

Aus dem Englischen
von Ursula Walther

Inhaltsübersicht

Informationen zum Buch

Prolog

13:00–13:30

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

13:30–14:00

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

14:00–14:30

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

14:30–15:00

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

15:00–15:30

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

15:30–16:00

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

16:00–16:30

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Epilog

Über J. S. Carol

Impressum

Wem dieses Buch gefallen hat, der liest auch gerne …

Was ist ein Leben wert?

Prolog

Also, wie willst du diese Sache angehen?

Als Erstes klappst du dein Handy zu, dann holst du tief Luft und zählst bis zehn. Instinktive Reaktionen sind nicht dein Stil. Du brauchst Zeit, um das, was du gerade gehört hast, zu verdauen – einen Moment zum Überlegen, ehe du dich unter die Leute mischst. Sobald du die zehn Sekunden hinter dich gebracht hast, machst du dich daran, eine Pro- und Kontra-Liste zu erstellen. Du rufst dir alles, was du gelernt hast, ins Gedächtnis und machst dich an die Arbeit. Zwangsläufig fallen dir mehr Punkte für Kontra als für Pro ein, denn sonst hätte sich der Anrufer nicht an dich gewandt.

Deine Klienten leben nicht in der Realität, und das ist auch gut so. Dieser simplen Tatsache hast du deinen Maserati Spyder, eine großzügige Bürosuite ganz oben in einem Wolkenkratzer und eine Eigentumswohnung mit Blick über das Tal in einem der exklusivsten Viertel von L. A. zu verdanken. Diese Leute glauben an ihre Illusionen. Sie halten sich für Götter, aber das sind sie nicht. Im tiefsten Inneren plagen sie dieselben Unsicherheiten und Zweifel wie uns alle, und genau wie wir bauen sie hin und wieder Mist. Der große Unterschied ist nur, dass sie mit ihren Fehltritten sofort in die Schlagzeilen geraten. Und dann kommst du ins Spiel. Der Versuch, den Medienrummel zu verhindern, ist von vornherein zum Scheitern verurteilt, allerdings kannst du ihn zu deinem Vorteil nutzen. Das ist die wahre Kunst eines Spindoktors.

So – was weißt du über ihn?

Dieser besondere Klient ist kein normaler A-Promi, er gehört in die Kategorie A+. Er hat das Aussehen eines Hauptdarstellers, die Jugend, das strahlende Lächeln und den trainierten Körper. Er hat sich einen Namen mit der Rolle des netten amerikanischen Jungen gemacht und ist praktisch in jedem seiner Filme auf diesen Charakter festgelegt. Solange er für volle Kinos sorgt, haben die Studiobosse kein Problem damit.

Die Reputation von Mr. A+ basiert einzig und allein darauf, dass ihn die Öffentlichkeit für durch und durch anständig hält. Kann man den Medien glauben, dann braucht er keinen Alkohol, keine Zigaretten oder Drogen und verstrickt sich nicht in irgendwelche Frauengeschichten. Er ernährt sich gesund, treibt regelmäßig Sport und setzt sich eifrig für wohltätige Zwecke ein. Er hat seine Highschool-Liebe geheiratet und zwei Kinder mit ihr gezeugt – einen Jungen und ein Mädchen. Die Familienfotos sind überall zu bewundern – man kann ihnen gar nicht entkommen. Die vier mit den perfekten Zähnen, der perfekten Haut und dem perfekten Lächeln führen ein perfektes Leben. Zu Füßen von Mr. A+ sitzt sogar noch ein niedliches kleines Hündchen, das das Bild vervollständigt.

Mr. A+ kam aus dem Nichts und hat sich an die Spitze katapultiert. Der amerikanische Traum ist Wirklichkeit geworden. Wenn etwas zu schön ist, um wahr zu sein, dann ist es das auch nicht. Das hast du vor langer Zeit gelernt und hier immer wieder bestätigt gesehen.

Es ist demnach keine Überraschung, dass Mr. A+ derzeit auf dem Beverly Hills Police Department in einer Zelle steckt, unter einem fürchterlichen Kater leidet und sich fragt, wie, zum Teufel, er dort gelandet ist. Seiner Ansicht nach hat er nichts falsch gemacht. Die Polizei sieht das allerdings ganz anders. In dem Fall sind die Gesetzeshüter auf der Gewinnerseite. Jemand, der in einem schäbigen Motel mit einer toten Nutte im Bett und einer großen Tüte Koks auf dem Nachttisch erwischt wird, hat ganz sicher gegen irgendein Gesetz verstoßen. Und dir ist bewusst: Mr. A+ setzt sich in dieser Situation lieber mit dir als mit seinem Anwalt in Verbindung.

Du kannst deine Klienten grob in zwei Kategorien einteilen – die Stillen, die sich im Klaren sind, dass sie sich in Schwierigkeiten gebracht haben, und alles tun würden, um das Problem aus der Welt zu schaffen; die anderen führen sich auf wie brüllende Löwen. Letzten Endes halten sich auch die an deine Anweisungen, aber es braucht viel Zeit und Überredungskunst, um sie an diesen Punkt zu bringen.

Mr. A+ ist ein Löwe – und was für einer!

Ehe er sich richtig in Rage reden konnte, hast du ihm gesagt, er solle den Mund halten und dir gut zuhören.

Die erste unangenehme Wahrheit ist: Die Dinge werden hässlicher, bevor sie sich bessern. Das hat dich deine Erfahrung gelehrt, und es ist besser, das von Anfang an klarzustellen. Beschönigungen helfen niemandem. Wahrheit Nummer zwei: Einige seiner Verträge werden unausweichlich gekündigt. Wahrheit Nummer drei: Seine Karriere wird er wohl erst mal an die Wand gefahren haben.

Dem Schweigen am anderen Ende der Leitung hast du entnommen, dass du seine Aufmerksamkeit gewonnen hast. Es ist kein Zuckerschlecken, einen A+-Promi in den Griff zu bekommen. Als er dir schließlich Gehör schenkte, hast du ihm in weniger strengem Ton erklärt, dass er durchhalten muss, denn mit der Zeit wird sich seine Situation bessern. Solange er sich an deine Spielregeln hält und nicht auf kurzfristige Wirkung aus ist, würde sich alles zum Guten wenden. Auf diese Tatsache hast du ihn wiederholt hingewiesen, um sicherzugehen, dass deine Worte zu ihm durchgedrungen sind.

Als Nächstes hast du ihm eingeschärft, sich exakt an deine Instruktionen zu halten. Ohne Wenn und Aber. Jetzt hast du das Ruder übernommen. Du bestimmst, wo die Reise hingeht. Macht er nicht genau das, was du sagst, kann er seine tolle Karriere vergessen. Das Grunzen, das an dein Ohr drang, verriet, dass er keineswegs überzeugt war. Kein Problem. Was er denkt, ist nicht relevant.

Du hast das Schweigen fast bis zum Zerreißen gedehnt und ihm dann mitgeteilt, dass du eine Million Dollar für deine Dienste verlangst – die gesamte Summe ist im Voraus fällig und muss sofort auf dein Konto überwiesen werden. Sein erster Impuls war, dir zu sagen, dass du dich zum Teufel scheren sollst. Doch du hast geschwiegen und ihm Zeit zum Nachdenken gegeben.

»Sind Sie wirklich so gut?«, fragte er zögerlich.

»Das sollten Sie hoffen.«

Am Ende des Gesprächs hattest du ihn so weit, dass er dir glaubt.

Dein erster Anruf gilt der beliebtesten Nachmittagstalkshow. Nicht der Redaktion, sondern der Moderatorin persönlich. Du versprichst ein herzzerreißendes Geständnis. Du versprichst Tränen. Du versprichst großes Fernsehen und schwindelerregende Quoten. Sie sagt, sie sei hocherfreut, das Interview führen zu dürfen.

Als Nächstes sicherst du dem National Enquirer gegen eine halbe Million Dollar die Exklusivrechte an einem unscharfen Video zu, das zeigt, wie Mr. A+ der Nutte mittels eines Strohhalms auf ungewöhnliche, höchst fantasievolle Art Kokain einflößt. Damit deine Strategie aufgeht, muss die Öffentlichkeit Mr. A+ auf dem absoluten Tiefpunkt sehen. Je spektakulärer der Absturz in allen Blättern geschildert wird, desto besser. Dann rufst du eine Promi-Suchtklinik an und sagst deinem Lieblingspaparazzo Bescheid, wann Mr. A+ voraussichtlich in der Klinik eintrifft. Wie üblich wird das Honorar für die Fotos dreißig zu siebzig aufgeteilt – siebzig Prozent für dich. Erst wenn die wichtigen Anrufe erledigt sind, kontaktierst du die Anwälte.

Dein Name ist Jody »JJ« Johnson, und mit diesem Namen entlohnen sie dich fürstlich.

13:00–13:30

1

JJ drückte Viktor ihre Autoschlüssel in die Hand und schaute auf die Uhr. Viereinhalb Minuten nach der vereinbarten Zeit – das war genau richtig für diese Verabredung zum Lunch. Gerade spät genug, um als die vielbeschäftigte Frau zu gelten, die sie war, aber nicht so unpünktlich, dass man ihr Unhöflichkeit vorwerfen konnte.

Victor setzte sich ans Steuer des Maserati Spyder, und der Motor röhrte heiser auf. Er fuhr los und manövrierte den Wagen geschickt in die nächste Parklücke. Victor war ein Exmarinesoldat Ende fünfzig, der langsam auf die Pensionierung zusteuerte. Währenddessen fungierte er als Alfie’s’ Sicherheitsmann, dessen Hauptaufgabe es war, die Paparazzi fernzuhalten. In all den Jahren, in denen JJ hierherkam, hatte es noch nie Schwierigkeiten im Restaurant gegeben.

Der kurze Weg von der Straße zum Eingang wurde von einer Markise überschattet, die Aufnahmen aus der Luft unmöglich machte. Zudem bot sie Schutz gegen die erbarmungslose Sonne – ein Segen an einem Tag wie diesem, an dem die Temperaturen fünfunddreißig Grad überstiegen.

Wie üblich begrüßte Tony Bertollini sie an der Tür mit Küsschen auf beide Wangen.

»JJ, Schätzchen, du siehst großartig aus. Irgendwas ist anders. Nein, sag’s nicht. Es ist die Frisur, stimmt’s?«

Tony war in jeder Hinsicht ein imposanter Mann. Er wog an die hundertfünfzig Kilo, bewegte sich aber, als wären es nur hundert. Er war Ende fünfzig, hatte ordentlich gekämmtes, dichtes weißes Haar und ständig gerötete Wangen. In seinen blauen Augen blitzte jungenhafter Schalk. Der gekünstelte italienische Akzent war gerade so stark, dass er einem nicht auf die Nerven ging.

»Es sind deine Haare«, fuhr Tony fort. »Du hast dir Strähnchen machen lassen.«

JJ lächelte und schüttelte den Kopf. »Tony, meine Haare sind genauso wie letzte Woche und die Woche davor. Und es wird sich auch in der nächsten Woche nichts daran ändern.«

Das stimmte. In ihrer schwarzen Kurzhaarfrisur war kein einziges Strähnchen zu sehen. Zeit war für sie viel zu kostbar, um sie mit Gedanken an ihre Frisur zu vergeuden, und diese Philosophie galt auch bei ihrer Garderobe. All ihre Hosenanzüge waren schwarz – maßgeschneidert und mehr oder weniger identisch. Sie musste sich in einer Männerwelt behaupten, und es fiel ihr traurigerweise leichter, sich in einer Hose durchzusetzen als in einem Kleid. Um genau zu sein – sie besaß ein paar schwarze Kleider für besondere Events oder die Gelegenheiten, bei denen sie ihre Weiblichkeit zu ihrem Vorteil nutzen wollte. Pragmatismus bestimmte nicht nur ihre Garderobe, sondern auch ihr restliches Leben. Sie machte alles, was ihr im Job weiterhalf. Außerdem mochte sie Schwarz, es brachte ihre grünen Augen zur Geltung.

Tony sog dramatisch die Luft ein und schlug die fleischige Hand vor den Mund. »Sag nicht, dass du dir Botox hast spritzen lassen, Liebling.«

JJ lachte. »Nein, das habe ich nicht.«

»Was auch immer es ist, du siehst fabelhaft aus. Aber im Grunde ist das ja nichts Neues.«

Tony umfasste ihren Ellbogen und führte sie in das Restaurant. »Deine Verabredung ist bereits eingetroffen«, wisperte er. »Attraktiv. Und zehn Minuten zu früh – demnach scheint ihm viel an der Verabredung zu liegen. Wenn man den Gerüchten Glauben schenken darf, pfeift er aus dem letzten Loch.«

»Benimm dich«, gab sie zurück.

Sie folgte Tony in den Speisesaal. Das Parkett knarrte unter ihren Füßen. Die Wände waren in einem kühlen, neutralen Hellgrau gestrichen, die Decke in gedecktem Weiß. Große von Pollock inspirierte Gemälde hingen im Raum – schneeweiße Leinwände mit Spritzern in kräftigen Farben. Der Duft, der aus der Küche drang, war vielversprechend.

Das Alfie’s war aus unterschiedlichen Gründen ihr Lieblingsrestaurant, doch an oberster Stelle stand das Essen. Es war zum Niederknien. Chester, der Chefkoch, war entweder ein Zauberer, oder er hatte seine Seele an den Teufel verkauft. Das Restaurant war klein und gemütlich. Das und die Tatsache, dass es kein einziges Fenster gab, machten es zum bevorzugten Geheimtipp für Hollywoods Elite für einen ungestörten netten Abend. Die Größen der Unterhaltungsindustrie waren scharf darauf, an den richtigen Orten gesehen zu werden, aber ironischerweise bekam man manchmal die meiste Beachtung, wenn man nicht gesehen wurde. Von der Sekunde an, in der Tony einen berühmten Gast an der Tür mit Rauchglasscheiben begrüßt hatte, hörte die Außenwelt für den Star auf zu existieren.

Die Liste für eine Tischreservierung zum Lunch war ellenlang – derzeit musste man ein halbes Jahr warten. Abends waren die Tische sogar fast neun Monate im Voraus ausgebucht. Viele versuchten, sich irgendwie reinzumogeln – ohne Erfolg. Tony war immun gegen Bestechung und Schmeicheleien. Die einzige Person, für die er seine Grundsätze beugte, war JJ.

Vor zwei Jahren hatte es einen Zwischenfall mit einem Stricher gegeben, und JJ hatte dafür gesorgt, dass Tony nicht dafür belangt worden war. Sie hatte auf ihr Honorar verzichtet – eine absolute Ausnahme. Tony hatte ihr ewige Dankbarkeit geschworen, aber JJ war froh, ihm helfen zu können. Er war ihr in einer Zeit, in der sie es wirklich nötig hatte, ein guter Freund gewesen. Zudem war es nicht schwierig gewesen, die Dinge für ihn geradezubiegen. Zum Dank hatte Tony darauf bestanden, ihr einmal in der Woche einen Tisch zum Lunch freizuhalten, und JJ war außer sich vor Freude. Kein Honorar zu verlangen, war eine Sache, aber ein solches Angebot auszuschlagen, wäre reiner Irrsinn.

Gewöhnlich gab es nur fünf Tische – drei oben, zwei unten. Um die Privatsphäre der Gäste zu gewährleisten, war der Abstand zwischen den Tischen sehr groß. Heute gab es allerdings sechs Tische. JJ zuliebe hatte Tony im Erdgeschoss einen zusätzlichen für zwei Gäste aufgestellt.

JJ warf einen Blick in die Richtung, als sie den Raum durchquerte. Das Pärchen, das dort saß, war so mit sich beschäftigt, dass es sie gar nicht zur Kenntnis nahm. Sie schienen sich gut zu verstehen, auch wenn es egal gewesen wäre, wenn nicht. Wichtig war nur, dass jeder, der sie zusammen sah, zwei junge Menschen wahrnahm, die verrückt nacheinander waren.

Tony begleitete sie zu ihrem Lieblingsplatz oben in der hintersten Ecke, von wo sie das Geschehen im ganzen Lokal beobachten konnte. Heute traf sie sich mit Dan Stone, einem mittelmäßigen Agenten, der unbedingt einen A+-Klienten an Land ziehen wollte. Stone stand auf, als er JJ entdeckte. Stone war Ende vierzig, sah allerdings nach einigen Besuchen beim Schönheitschirurgen um zehn Jahre jünger aus. Er hatte blaue Augen, ein Grübchen am Kinn und die schwarzen Haare so frisiert, dass die Geheimratsecken nicht besonders auffielen. Seine Fingernägel waren manikürt, seine Kleidung war teuer, aber leger. Alles an ihm schrie: Seht mich an! Er war gutaussehend und wohlhabend, und überall auf der Welt wäre er eine große Nummer. Aber dies war L.A., und hier galten andere Maßstäbe. Es gab jede Menge attraktive Männer, neben denen er verblasste, und im Vergleich zu den Superreichen war er arm.

Tony rückte ihr den Stuhl zurecht, und JJ nahm Platz. Kurz darauf eilte Holly, die Oberkellnerin, herbei, servierte einen Gin Tonic und legte zwei Speisekarten auf den Tisch, dann verschwand sie wieder. Alles geschah so geräuschlos, dass JJ kaum etwas davon mitbekam. Holly hatte ihr nicht einmal Zeit gelassen, Stone mit ihrem künstlichen Lächeln zu beglücken.

»Tut mir leid, dass ich mich verspätet habe, Dan. Der Verkehr war ein Alptraum. Sie wissen ja, wie das ist.«

»Sicher«, erwiderte Stone. »Ich habe letzte Woche einen neuen Ferrari bekommen. Ein wunderschönes Auto, aber was für einen Sinn hat es, dass es hundertachtzig Meilen in der Stunde fährt, wenn man nicht schneller als zwanzig fahren kann?«

JJ hörte nur mit halbem Ohr zu und warf stattdessen einen verstohlenen Blick über Dans Schulter, um die Namen und Gesichter der Gäste mit der Datenbank in ihrem Kopf abzugleichen. Sortieren, einordnen, katalogisieren. Einige Leute kannte sie, andere nicht. Einige, die sie besser kennenlernen, andere, mit denen sie nichts zu tun haben wollte.

Gary Thompson gehörte eindeutig zu Letzteren. Er war einer der Topleute bei Dreamworks, ein Tyrann und ein Riesenarschloch. Vor ein paar Jahren waren sie aneinandergeraten, und seither versuchte JJ, ihm aus dem Weg zu gehen. Der Filmboss saß am Nebentisch und zerteilte beherzt ein Steak. JJs Ansicht nach bewies das, dass er ein Neandertaler war. Chester vollbrachte Wunder in der Küche, und Thompson bestellte ein Steak. Ein Banause in jeder Hinsicht.

Das Alfie’s bewirtete heute vierzehn Gäste – mit JJ waren es fünfzehn. Die übliche Mischung aus Schauspielern, Regisseuren, Produzenten und Agenten. Die meisten waren zu zweit, an einem Tisch im Erdgeschoss saßen vier Gäste. Sechzig Prozent waren Männer. JJ entdeckte ein Gesicht aus alten Hollywood-Zeiten. Elizabeth Hayward war ein Star aus den fünfziger Jahren, in einer Ära, in der alles wie Gold glänzte, jedoch aus demselben Blech gemacht war wie heute. Sie schien mit ihren drei Begleitern etwas zu feiern – wahrscheinlich ihren eigenen Geburtstag, wie JJ vermutete. Sie bezweifelte, dass die Schauspielerin ihr wahres Alter zelebrierte. Nach mehrmaligem Liften war Haywards Haut so straff gespannt, dass sie keine Mimik mehr besaß, und die weit aufgerissenen Augen verliehen ihr den Ausdruck permanenten Staunens. JJ fand den Anblick traurig, auch wenn sie verstand, was die alternde Diva zu so drastischen Maßnahmen getrieben hatte. Hayward galt zu ihrer Zeit als eine der schönsten Frauen der Welt. Doch die Zeit konnte grausam sein, insbesondere zu Hollywood-Stars. Während ihre Schönheit verblasste, wurden die Rollenangebote immer spärlicher, bis sie niemand mehr engagieren wollte. Die Schauspielerin hätte alles getan, um den Verfall aufzuhalten, und ihre Verzweiflung wuchs mit jedem Jahr.

Die deprimierende Wahrheit war, dass JJ mehr Frauen kannte, die etwas an sich hatten machen lassen, als Frauen, die alles der Natur überließen. Eine Straffung hier, ein bisschen Fettabsaugen da, ein bisschen Botox. Bisher hatte sie selbst der Versuchung widerstanden, aber irgendwann würde sie unweigerlich an den Punkt kommen, an dem sie auf die Kunst der Ärzte zurückgreifen würde. Sie war achtunddreißig, und der Zahn der Zeit nagte auch an ihr. Sie entdeckte Linien und Fältchen in ihrem Gesicht, die vor einem halben Jahr noch nicht da gewesen waren und ganz leicht geglättet werden könnten. Allerdings war die plastische Chirurgie ein schwieriges Terrain. Wo zog man die Grenze? Nicht nur die Frauen erlagen den Verlockungen des Skalpells, auch Männer waren nicht immun dagegen. Dan Stone bildete keineswegs eine Ausnahme. Zugegeben – das Älterwerden war für Männer leichter als für Frauen, dennoch ließen sich immer mehr Männer künstlich verschönern.

Ed Richards am dritten Tisch wurde gerühmt, weltweit einer der bestaussehenden Männer zu sein, und war derzeit der zugkräftigste Star in Hollywood. Seine letzten drei Filme hatten mehr als eine Milliarde Dollar eingespielt. Aber er ging auf die fünfzig zu und wurde nicht jünger. Richards hatte JJ gegenüber steif und fest behauptet, er habe noch keine plastische Chirurgie in Anspruch genommen, und ausgesprochen überzeugend geklungen. Andererseits wusste sie aus zuverlässiger Quelle, dass selbst er kleine Eingriffe hatte vornehmen lassen.

Und dann war da noch Alex King. Er saß an dem intimen kleinen Zweiertisch parterre. King war der neue Star, und es würde noch Jahre dauern, bis er einen Schönheitschirurgen brauchte. Falls seine Karriere so weiterging, wie sie begonnen hatte, endete er definitiv eines Tages als A+. Killing Time war der Blockbuster des Sommers gewesen und hatte ihn zu einem Actionhelden gemacht, den man gesehen haben musste. Bei King stimmte alles. Er sah großartig auf der Leinwand aus, war durchtrainiert und konnte spielen. Er war das Ausnahmetalent, das es in jeder Generation nur einmal gab. Gegenwärtig bekam er drei Millionen Dollar pro Film, doch seine Gage stieg rapide, und es dauerte sicherlich nicht mehr lange, bis er sich in die Liga der »Siebenstelligen« spielte.

JJ warf einen Blick auf ihren neuesten Klienten, um sich zu vergewissern, dass er alles richtig machte. Bisher schien alles gut zu laufen. King himmelte seine Begleiterin hingerissen an, als würde sie ihm die Geheimnisse des Universums verraten. Der Junge konnte wirklich schauspielern, das musste man ihm lassen. JJ empfand beinahe Mitleid mit der atemberaubenden Blondine, die ihren verführerischen Schlafzimmerblick an ihn verschwendete.

2

Alex King strahlte Simone an, dann sah er sich um. In solchen Momenten konnte er immer noch nicht fassen, wie sehr sich sein Leben verändert hatte. Es war Wahnsinn. Vor zwei Jahren hatte er kaum das Geld für einen Burger bei McDonalds zusammenkratzen können, und jetzt saß er hier in diesem Luxusrestaurant. Damals hätte er alles dafür getan, in so einem Laden den Job eines Aushilfskellners zu bekommen.

Killing Time war ein absoluter Erfolg, und King hatte das Gefühl, gleichzeitig in zwei Universen zu leben. In einem war er Alex King, der Actionheld, im anderen Alex King, der bettelarme weiße Junge aus der heruntergekommenen Wohnwagensiedlung in Ohio. Er wartete darauf, dass dieser Traum endete. Jeden Augenblick würde er aufwachen, sich in der schäbigen Zweizimmerwohnung wiederfinden, die er mit Sapphire teilte, einer Dragqueen mit zu großen Händen und ausgeprägtem Adamsapfel, und sich über sein lautes Schnarchen aufregen.

Simone sagte etwas und wartete. Das Schweigen deutete darauf hin, dass sie eine Antwort von Alex erwartete. Er nickte und hoffte, dass die Geste passte. Dann plapperte Simone ohne Punkt und Komma weiter. King blendete ihre Stimme aus und blickte verstohlen zu den Gästen, die oben saßen. Er erspähte JJ und erschrak. Seit wann war sie hier? Er hatte ihr Eintreffen nicht mitbekommen. Sie unterhielt sich mit einem Typen, der sich mächtig anstrengte, aufzufallen. Verdammt, was hatte sie hier zu suchen?

Alex sank auf seinem Stuhl zusammen und wünschte, ein Loch würde sich auftun und ihn verschlingen. Sein Date war auch ohne diesen Bullshit schwer genug zu ertragen. JJs Anwesenheit machte die Situation tausendmal schlimmer. Wie sollte er sich auf seine Aufgabe konzentrieren, wenn sie jede seiner Bewegungen beobachtete? King drehte sich so, dass JJ sein Gesicht nicht sehen konnte. Auch wenn das nichts nützte. Sie hatte ihn längst im Visier, und es wäre unsinnig, so zu tun, als wüsste er das nicht. Vermutlich war er ihr direkt beim Reinkommen aufgefallen.

Er holte tief Luft und versuchte, JJ aus seinen Gedanken zu verbannen, doch sosehr er sich auch bemühte, ihre angsteinflößende Präsenz war derart beherrschend, dass er an nichts anderes mehr denken konnte. Er gab Tausende Restaurants in L. A., und sie kam ausgerechnet in dieses – genau an diesem Tag, genau zu dieser Zeit. Bei näherer Betrachtung ergab das Sinn. Immerhin hatte JJ ihm vorgeschlagen, hier zu essen, und eine Reservierung in letzter Minute möglich gemacht. Augenscheinlich wollte sie sichergehen, dass er sich ordentlich benahm.

»Alles okay, Süßer?«

King zwang sich zu einem Lächeln. »Ja, alles bestens.«

Das Kerzenlicht milderte Simones besorgten Ausdruck, während sie ihn musterte. Ihr Akzent, wenn sie Englisch sprach, war eine seltsame Mischung aus Skandinavisch und Valley-Girl. King vermutete, dass sie als kleines Mädchen eine Überdosis an amerikanischem Fernsehen abbekommen hatte. So ausführlich, wie sie sich über dämliche Reality-Shows ausließ, war sie sicherlich immer noch süchtig danach. Wenn man von den Reality-Shows absah, gehörte die Liebe zum Fernsehen zu den wenigen Dingen, die sie gemeinsam hatten. Seine Kindheit war der reinste Alptraum gewesen. Das Fernsehen hatte ihm nicht nur Mutter und Vater ersetzt, sondern war auch sein Rettungsanker gewesen – das Versprechen, dass irgendwo da draußen ein besseres Leben auf ihn wartete.

»Bist du sicher, dass alles in Ordnung ist?«, fragte Simone. »Du bist ein bisschen blass.«

Kings gespieltes Lächeln wurde breiter, dann beugte er sich vor und berührte Simones Hand.

»Du bist wunderschön, weißt du das?«

Simones Schmunzeln machte deutlich, dass dies nicht gerade eine brandneue Nachricht war. Und sie hatte recht. Sie war mit ihren einundzwanzig Jahren eine weltberühmte Schönheit, ein Supermodel – blond, nordisch, makellose Figur. Ihr Leben lang hatten die Leute ihre Schönheit verehrt.

Zum tausendsten Mal fragte sich King, was um alles in der Welt er hier machte. Millionen Männer in aller Herren Länder träumten davon, Simone näherzukommen, und ausgerechnet er sollte heute Nachmittag das Glück haben. Allein der Gedanke daran bereitete ihm Übelkeit. In diesem Augenblick entschied King, dass er nur eine Chance hatte, die nächsten Stunden zu überleben – nämlich wenn er das Ganze wie einen Schauspieljob anging. Lächeln für die Kameras, den richtigen Text an der richtigen Stelle abspulen und die passenden Emotionen zeigen. Licht, Kamera, Action. Was für ein irrsinniger Plan – er hasste JJ dafür, dass sie ihn in diese Situation gedrängt hatte.

»Könntest du mich eine Minute entschuldigen?«, fragte er. »Ich muss mal.«

»Klar, Süßer, aber bleib nicht zu lange weg.«

»Es dauert nur ein paar Sekunden.«

King faltete unbeholfen seine Serviette und legte sie auf den Tisch. Es war der reinste Stress, dauernd daran zu denken, was man in einem so vornehmen Lokal tun durfte und was nicht. Und albern. Man musste die richtige Gabel und das richtige Messer nehmen und aufpassen, dass man nicht aus dem falschen Glas trank. Er hatte sich den Kopf mit all den Regeln vollgestopft. Dort, wo er herkam, waren die Servietten aus Papier, und man benutzte so was nur, wenn man Burger aß.

Eine diskrete Serviererin sah, dass er aufstand, und positionierte sich an einer strategisch günstigen Stelle, um ihn zu der Toilette zu geleiten. King durchquerte verlegen den Raum. Sein Herz hämmerte, weil er das Gefühl hatte, dass alle Blicke auf ihn gerichtet waren. Aber natürlich starrte ihn niemand an. Warum sollten sie? Sie waren viel zu sehr mit ihren eigenen Dramen beschäftigt. Er schaute sich um – er hatte recht, kein Mensch interessierte sich für ihn. Nicht einmal Simone. Sie hatte ihre Puderdose aus der Gucci-Tasche geholt und schien froh zu sein, einen Moment für sich zu haben. Er fühlte sich sicher. Niemand beobachtete ihn. Niemand sprach ihn an. Niemand stellte Forderungen.

Die Toilette war klein und sauber und roch nach Orangen. Sie war ganz anders, als er sie sich vorgestellt hatte. Normalerweise waren die Toiletten in so feinen Restaurants wahnsinnig luxuriös – diese nicht. Die Wände waren schlicht weiß, die Wasserhähne aus Stahl. Gedämpftes Licht, ein Regal mit Handtüchern, eine Schale mit Pfefferminzdrops, das war’s.

King schloss sich in der letzten Kabine ein und setzte sich auf den Klodeckel. Er holte tief Luft und rief sich zur Ordnung. Er musste sich zusammenreißen und versuchen, das Gefühl der Nutzlosigkeit zu verdrängen, das in seinem Unterbewusstsein zu lauern schien. Er schaffte das. Er hatte schon viel Schlimmeres durchgemacht und überlebt. Es war nur ein Date, um Himmels willen! Okay, es war ein Date mit einer der bekanntesten Schönheiten, aber nichtsdestotrotz war es nur ein Date. Man verlangte nicht von ihm, jemanden umzubringen.

Seine letzte echte Verabredung war schon so lange her, dass er sich kaum erinnerte, wie man sich benehmen sollte. Vor Killing Time gab es keine Probleme. Damals hatte er eine feste Beziehung. Er konnte ins Kino oder in eine Bar gehen oder einfach nur rumhängen, sich eine schöne Zeit machen, ohne dass sich eine Menschenseele dafür interessierte. In letzter Zeit war es sehr viel komplizierter. Die Leute, mit denen er ausging, gaben sich nur mit ihm ab, weil er Alex King, der Filmstar, war. Sie wollten nicht ihn, sondern seinen Ruhm. Und wenn er doch einmal auf echtes Interesse stieß, hatte er alle Hände voll damit zu tun, die Paparazzi abzuhängen – ein echter Stimmungskiller.

Er zwang sich, ruhig durchzuatmen, und spürte, wie das Herzrasen nachließ. Die Welt rückte wieder in eine erträgliche Distanz. Es ist nur ein Date, redete er sich wieder und wieder ein. Nur ein Date.

3

Lieber Gott, er quasselt ohne Pause. Am liebsten wäre sie sofort aufgestanden und hätte den Agenten einem Selbstgespräch überlassen. In diesem Moment war Dan Stone der Mittelpunkt des Universums – ein Platz, den er liebend gern einnahm. JJ wusste wieder, warum sie diese Unterredung so lange vor sich hergeschoben hatte. Stone hatte die Selbstbesessenheit zur Kunstform erhoben.

Leider war es ausgesprochen ermüdend, einen Narzissten wie Dan Stone bei Laune zu halten, aber der Umgang mit Egozentrikern gehörte zu ihrem Job. Agenten wie er waren ihr täglich Brot. Sie suchten nach Talenten, den Talenten, die dazu neigten, regelmäßig in Schwierigkeiten zu geraten und die Fehler der längst verblassten Stars und Sternchen vergangener Tage zu wiederholen. Man sollte meinen, sie würden dazulernen, aber das taten sie nicht, und dafür dankte JJ Gott jeden Tag. Würde jemand ein Mittel gegen Dummheit erfinden, wäre sie arbeitslos.

JJ nippte an ihrem Gin Tonic und tat so, als würde sie zuhören. Aus den Augenwinkeln beobachtete sie, wie sich Simone umsah, als wäre sie gestorben und in Disneyland wiedergeboren. Kokettes Augenzwinkern in alle Richtungen. King und Simone bildeten rein optisch ein wundervolles Paar, und das war gut so, denn Bilder und Nachrichten über sie würden bis abends im Internet die Runde machen und morgen die Titelseiten der Zeitungen beherrschen. Zweifellos schmückten einfallsreiche Schreiberlinge die Geschichte mit dem unausweichlichen Kuss und dem Gerücht aus, Simone würde King ungeheuer sexy finden. Oder auch nicht. Sogar eine negative Story wäre nicht schlecht, da Kings weibliche Fans froh wären, wenn er Simone nicht als die Richtige für ihn ansähe.

JJ wusste alles über Alex King. Über seine Kindheit im Trailerpark, die Schlägereien und den Drogenmissbrauch. Ihr war klar, dass die Vergangenheit, auch wenn die Zukunftsaussichten noch so vielversprechend waren, immer in dem Moment ans Licht kam, in dem man am wenigsten damit rechnete. Man konnte den Jungen aus dem Trailerpark holen, aber der Trailerpark steckte für immer in dem Jungen. Die Vergangenheit definierte eine Persönlichkeit, formte sie. Auch ein herausragender Schauspieler konnte seine Herkunft nicht gänzlich abschütteln.

»Ich werde Carmine zum größten Star aller Zeiten machen«, verkündete Stone. »Damit meine ich, sie wird größer als Marilyn.«

Na klar, dachte JJ. Dies war Stones Lieblingsthema. Er sah in jedem neuen Klienten den größten Star des Jahrhunderts. Sein ungebremster Optimismus war nervenaufreibend.

»Und wann beginnen die Dreharbeiten?«, wollte sie wissen.

»Sie haben schon angefangen. Carmine ist derzeit in Montreal. Nach allem, was man hört, läuft’s großartig. Ich sage Ihnen, JJ, Carmine ist fürs Filmgeschäft geboren. Der Regisseur liebt sie, die Crew liebt sie – alle sind begeistert von ihr.«

JJ fragte sich im Stillen, wie lange das so bleiben mochte. Verlief Carmine Harts Laufbahn nach dem üblichen Muster, würde sie sich gerade so lange zusammenreißen, bis sie an ihre eigene Bedeutsamkeit glauben konnte, um sich dann in eine zickige Diva zu verwandeln.

»Klingt, als wären Sie auf einen echten Diamanten gestoßen«, sagte JJ. »Sehen Sie zu, dass Sie sie halten können.«

Stone lachte. »Aus dem Vertrag, den ich sie habe unterschreiben lassen, könnte sich nicht einmal Houdini befreien.«

JJ griff nach der Speisekarte – ein Zeichen für Stone, es ihr gleichzutun. Zwar kannte sie die Karte in- und auswendig, aber sie war dankbar, wenn Stone wenigstens für ein, zwei Minuten die Klappe hielt.

Plötzlich schrie jemand, und JJs Kopf schnellte in die Höhe. Der Schrei wirkte in der gepflegten Atmosphäre des Alfie’s fehl am Platz. Er war schrill, überraschend und vollkommen deplatziert. Die Unterhaltungen an den Tischen verstummten, Besteck fiel auf Geschirr, dann war alles still. Alle sahen die Frau an, die gekreischt hatte. Sie presste die Hände auf den Mund und schaute mit aufgerissenen Augen in den Korridor, der zur Küche führte. JJ folgte ihrem Blick und sah einen schwarzgekleideten Mann. Im ersten Moment starrte sie ihn nur an. Drei Details zogen ihre ganze Aufmerksamkeit auf sich. Die schwarze Sturmmaske, die Maschinenpistole mit dem Schalldämpfer und die Sprengstoffweste.

Das sichtlich verschreckte Küchenpersonal kam mit erhobenen Händen, von dem Mann gefolgt, in den Speisesaal. Chester ging voraus – sein durch den Schock verzerrtes Gesicht war aschfahl. JJ konnte sich nicht erinnern, den Chefkoch jemals ohne sein strahlendes Lächeln gesehen zu haben. Er war eine der sanftmütigsten Personen, die sie je kennengelernt hatte. Über Hollys Gesicht liefen Tränen, und sie konnte sich nur auf den Beinen halten, weil eine der Küchenhilfen sie stützte.

JJs Gabel fiel auf den Teller – jeder Muskel in ihrem Körper war gespannt, während sie sich für die Explosion wappnete. Eine Millisekunde in grellem Licht und sengender Hitze, dann das Nichts. Alles ginge so schnell, dass keine Zeit für Schmerz bliebe. In einem Augenblick noch voller Leben, im nächsten Staub und Asche. Der nahe Tod ließ sie an Tom denken. Trotz der Therapie und ihrer Versuche, sich in Arbeit zu vergraben, war die Erinnerung ihr ständiger Begleiter, der unter der Oberfläche darauf wartete, aufzutauchen. Sie sah das Licht, das sich im Pool spiegelte, und den reglosen Körper, der mit dem Gesicht nach unten im Wasser trieb.

Sie verdrängte den Gedanken, schluckte die Schuldgefühle hinunter und suchte nach einem schönen Erlebnis in ihrer Vergangenheit. Wenn sie schon sterben musste, dann sollte ihre letzte Erinnerung eine schöne sein. Sie dachte an die beste Zeit in ihrem Leben, in der es unvorstellbar erschien, dass irgendwann andere Tage auf sie zukommen sollten. Damals war alles voller Lachen und Liebe gewesen, und JJ dachte, es würde ewig so weitergehen. Sie erinnerte sich an einen Tag, an dem sie mit Tom am Pool gesessen hatte, hypnotisiert von dem eindrucksvollsten Sonnenuntergang, den sie jemals gesehen hatte. Sie drehte sich zu Tom und rechnete damit, dass er ebenso fasziniert war wie sie, aber er interessierte sich nicht für den Sonnenuntergang, sondern nur für sie. Er sagte kein Wort. Das brauchte er auch nicht, denn sein Gesicht drückte alles aus. JJ hatte sich nie mehr geliebt gefühlt als in diesem Augenblick.

4

JJ war nicht sicher, wie viel Zeit verstrichen war. Dafür wusste sie mit Gewissheit, dass sie wie durch ein Wunder noch am Leben war. Sie öffnete die Augen. Der Eindringling schob die Küchencrew beiseite, stellte sich in die Mitte des unteren Raums, drehte sich, mit der Pistole in der Hand, einmal um die eigene Achse und beobachtete dabei die Gesichter der Gäste.

»Okay, Leute, lasst uns ein paar Dinge klarstellen. Erstens – diese Weste ist mit ausreichend Sprengstoff bestückt, um nicht nur das Lokal, sondern auch diesen und den nächsten Häuserblock in Schutt und Asche zu legen. Drücke ich auf den Knopf, können sich eure Familien glücklich schätzen, wenn sie so viele Stückchen von euch finden, dass sie eine Streichholzschachtel damit füllen können. Von jetzt an bin ich Gott. Ich habe die Macht, Leben zu bewahren, und ihr solltet mir besser glauben, dass ich erst recht die Macht habe, Leben zu beenden.«

Er drehte sich noch einmal um 360 Grad und zielte auf die Gesichter, um seinen Worten Nachdruck zu verleihen.

»Zweitens – denkt nicht einmal daran, den Helden zu spielen. Treibt ihr es zu weit, zögere ich keine Sekunde, auf diesen Knopf zu drücken. Also, es läuft folgendermaßen ab: Ihr tut exakt das, was ich sage, denn ihr habt alle viel mehr zu verlieren als ich.«

Der schwarzgekleidete Mann streifte den Rucksack von den Schultern und stellte ihn auf den Boden. Er winkte Tony zu sich.

»Du – komm her!«

Tony gehorchte. Kein Zaudern, keine Debatte. Er hielt Blickkontakt mit dem Attentäter und starrte ihn an, als hätte er eine Klapperschlange vor sich.

»Du bist der Besitzer, richtig?«

»Ja, der bin ich.«

Der übertriebene italienische Akzent hatte einem heiseren New-Jersey-Akzent Platz gemacht. Für JJ war das keine große Überraschung, allerdings verwirrte sie es doch. Vor nicht allzu langer Zeit hatte sie einen Abend, der sich bis in die Morgenstunden erstreckte, mit Tony verbracht. Sie hatten zwei Zweitausend-Dollar-Rotweine und den größten Teil einer Flasche Courvoisier XO Imperial geleert und sich ihre Geschichten erzählt. Angeblich war Tony der Sohn eines Fabrikarbeiters aus New Jersey und hatte sich in seiner Jugend als Boxer verdingt. Fünfzehn Kämpfe, fünfzehn Siege, davon elf durch k. o. Ersteres glaubte JJ ohne weiteres, an der zweiten Aussage hegte sie Zweifel. Wie viele in Hollywood existierte Tony in einer Sphäre, in der sich Tatsachen und Fiktion vermischten. Beim besten Willen konnte sie sich nicht vorstellen, wie Tony durch den Ring tänzelte und auf seinen Gegner einschlug.

»Gib mir dein Handy«, wies ihn der Attentäter an. Tony zog sein Telefon aus der Tasche und ließ es auf den Tisch fallen. Es landete mit einem Scheppern auf der Platte, schlitterte noch ein Weile über den Tisch, bis es ganz zum Stillstand kam. JJ konnte nicht begreifen, dass das Geräusch so laut in ihren Ohren dröhnte. Vermutlich weil sich alle Anwesenden so leise wie möglich verhielten. Hin und wieder hörte man ein ersticktes Schluchzen oder das Knarren eines Stuhls, sonst nichts. In der Grabesstille gewann der winzigste Laut an Bedeutsamkeit. Ihre eigenen Atemzüge waren ohrenbetäubend, das sanfte Summen der Klimaanlage klang wie ein Triebwerk.

»Ich möchte, dass du die Gitter herunterlässt und die Türen abschließt.«

Tony rührte sich nicht von der Stelle. Der Attentäter hob die Pistole und stieß den Lauf an Tonys Brust. Was, zur Hölle, machst du da?, wollte JJ schreien, aber sie hielt den Mund. Wenn jemand mit einer Waffe auf dich zielt, tust du, was er verlangt. Man stellt dann nichts in Frage und handelt, ohne zu zögern.

»Lassen Sie wenigstens die Frauen gehen«, sagte Tony, und JJ blieb das Herz stehen. Der Attentäter musterte Tony, als würde er seinen Vorschlag ernsthaft in Erwägung ziehen, dann drehte er die Waffe um und schlug Tony mit dem Griff hart ins Gesicht. Der dumpfe Knall hallte im Raum wider. Der Restaurantbesitzer sank auf die Knie, Blut spritzte aus seiner Nase und floss ihm über Mund, Kinn und Kleidung.

JJ zuckte zusammen und holte scharf Luft. Sie presste die Hand vor den Mund – zu spät, um die Laute zu unterdrücken. Tränen brannten in ihren Augen – Tränen der Angst und des Mitleids für ihren Freund. Bitte, lieber Gott, lass ihn nicht sterben.

Der Attentäter zielte mit dem Finger am Abzug auf Tonys Kopf. JJ wiederholte ihr Stoßgebet immer und immer wieder, flehte um ein Wunder.

Lass ihn nicht sterben, lass ihn nicht sterben. Bitte, lieber Gott, lass ihn nicht sterben.

Als sie damals in einer schweren Krise war, hatte ihr Tony geholfen. Der Gedanke an ein Leben ohne ihn war unerträglich. Gerade als sie zu der Überzeugung gelangt war, dass Gott sie nicht erhörte, ließ der Attentäter die Waffe sinken und trat zurück. JJ stieß den angehaltenen Atem aus und sank auf ihrem Stuhl zusammen. Die Erleichterung war überwältigend, aber nur von kurzer Dauer.

Tony rappelte sich auf und kam, sich auf einen Tisch stützend, mühsam auf die Füße. Er funkelte seinen Peiniger zornig an, ehe er sich umdrehte und zum Eingang schleppte. Sekunden später senkten sich rumpelnd die Gitter vor der Scheibe. Die darauf folgende Stille erinnerte ans Ende der Welt.

5

King öffnete die Tür einen winzigen Spalt, um zu hören, was da draußen vor sich ging. Alles war still. Verdammt still. Er schloss die Tür, presste die Stirn an das kühle Holz und überlegte fieberhaft, was er tun sollte. Das war total abgefahren. Solche Dinge passierten im Irak, nicht in L. A. Wie in einer Szene im Film, nur mit dem Unterschied, dass dies bittere Realität war. Angst durchströmte ihn. Er wollte nicht sterben. Es wäre falsch. Er war erst zweiundzwanzig, um Himmels willen, und sein ganzes Leben sollte noch vor ihm liegen. Er musste hier raus, und zwar sofort. Doch wie?

Sein Herz pochte, als würde es gleich explodieren. Kalter Schweiß klebte auf seiner Haut. Seine Lage war mehr als beschissen. Da draußen stand ein Selbstmordattentäter, und jeden Moment konnte er die Sprengladung zünden – das wär’s dann gewesen. Das Ende. Das schwarze Nichts.

King öffnete erneut die Tür ein paar Zentimeter. Es war immer noch ruhig, was die Sache irgendwie sehr viel schlimmer machte. Denk nach. Aber es war ihm unmöglich, einen klaren Gedanken zu fassen. Sein Kopf war leer, und falls ihm doch irgendwas durch den Kopf schoss, stellte er sich vor, dass die Bombe losging und sein Gehirn in die Luft sprengte. Das Einzige, woran er denken konnte, war, dass ihm der Tod unmittelbar bevorstand und er nichts machen konnte, um dieses Schicksal abzuwenden.

Er schloss die Augen, und für einen Moment war er wieder in Cincinnati. Er hörte, wie seine Mom im Nebenzimmer weinte, und er vernahm die schweren Schritte im kleinen Flur zum Schlafzimmer. Das Klatschen von Fleisch auf Fleisch hatte vor ein paar Minuten aufgehört, aber es hallte noch in seinen Ohren nach. Selbst jetzt, nach all den Jahren, waren seine Alpträume noch voll von diesen Geräuschen. Obwohl King seine Mom hasste, verspürte er immer noch den Drang dazwischenzugehen. Zum Teil, weil es richtig und anständig gewesen wäre, aber hauptsächlich, um die Laute zum Verklingen zu bringen. Das Problem war, dass ihr Freund dann auf ihn losgegangen wäre.

King hörte, dass die Schritte vor seiner Tür haltmachten. Der Knauf drehte sich langsam. Er riss die Augen auf und befand sich wieder, schwer atmend, in der Toilette vom Alfie’s, und nebenan trieb sich ein Irrer mit einer Bombe herum. Er wusste nicht, was schrecklicher war: Hier festzusitzen oder im Wohnwagen in Cincinnati vor Angst zu zittern. Wenn er genauer darüber nachdachte, konnte er nicht sicher sagen, ob es einen großen Unterschied machte. Damals wie heute war er vollkommen machtlos.

6

Alex King war nicht da. Diese Entdeckung elektrisierte JJ. Mit einem verstohlenen Blick in die Runde vergewisserte sie sich, dass sie recht hatte. King war nicht von seinem Toilettengang zurückgekommen. Ob das günstig war oder eher nicht, konnte sie nicht entscheiden. Falls King vorhatte, wie in seinen Actionfilmen den Helden zu spielen, brachte er sie alle in höchste Gefahr. Bisher hatte noch niemand sein Leben verloren, doch JJ hegte keinerlei Zweifel, dass der Attentäter auf den Abzug drücken würde.

JJ schob jeden Gedanken an King beiseite und versuchte, die Dinge richtig zu verstehen. Allerdings war die Situation derart niederschmetternd und verrückt, dass man sie nicht richtig begreifen konnte. Selbst für L. A., wo der Wahnsinn zum Alltag gehörte, war dieser Überfall etwas Irrsinniges. Die Gedanken wirbelten durch ihren Kopf, sie zwang sich, sie unter Kontrolle zu bringen. Um die Lage einigermaßen zu erfassen, musste sie sich innerlich distanzieren. In ihrem ganzen Leben hatte sie nie so furchtbare Angst gehabt wie jetzt. Zwar war es gut, dass sie das vor sich selbst zugab, aber diese Gefühle hatten noch nie zu etwas Gutem geführt.

Sie schloss die Augen, holte tief Luft und zählte bis zehn. Diesmal würden jedoch zehn Sekunden nicht reichen. Als sie die Augen wieder aufschlug, war sie ruhiger. Ihr Herz raste zwar nach wie vor, aber ihr Kopf war klarer. Also, was konnte sie über die Situation sagen? Erstens – und das war im Augenblick das Wichtigste: Hier handelte es sich nicht um einen islamistischen Terrorakt, sonst wären sie längst tot. Selbstmordattentäter operierten nicht wie dieser Verrückte. Sie bestiegen einen Bus oder Zug, setzten sich ohne viel Aufhebens hin, sprachen ein paar Gebete zu dem Gott, an den sie glaubten, dann zündeten sie die Bombe. Sie spazierten nicht herum, wedelten mit ihrer Waffe und hielten einstudierte Ansprachen. Zweitens – sie konnte seine Hände und die Haut rund um die grauen Augen sehen, sie war weiß wie ihre eigene. Den Krähenfüßen und Tränensäcken nach zu urteilen, dürfte er mindestens fünfzig Jahre alt sein. Und er hatte eine Südstaaten-Predigerstimme – Tennessee, Georgia oder Louisiana. Laut CNN hatten durchschnittliche Terroristen entweder einen arabischen oder einen afroamerikanischen Hintergrund, waren größtenteils jung – zwischen zwanzig und dreißig. Einige waren sogar noch jünger – Teenager, denn Jugendliche waren empfänglicher für Gehirnwäsche. Schaute man nach Guantánamo Bay, erkennt man die Altersstruktur. Und keiner von ihnen sprach so, als wäre er nur einen Steinwurf vom Mississippi geboren.

JJ fiel noch etwas auf – etwas, das ihr das Blut in den Adern gefrieren ließ: das Funkeln der Besessenheit in den grauen Augen, kombiniert mit einer Aura unerschütterlichen Selbstvertrauens. Das hatte sie in dieser Stadt schon oft gesehen. Der große Unterschied war nur, dass Bomben und Waffen dabei nie eine Rolle spielten.

»Alle aufstehen!« Der Attentäter deutete mit dem Kinn zu den Gästen, die oben saßen. »Ich will, dass alle da hinaufgehen.«

JJ