Über Heike Franke

Heike Franke, geboren 1966, arbeitete nach dem Studium der Politischen Wissenschaften zunächst in England und kehrte später wieder in ihre Heimatstadt Berlin zurück, wo sie heute lebt. Die Inspirationen für ihre Geschichten sammelt sie auf ihren Reisen.

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Wo die Liebe wartet …

Plötzlich steht die junge Johanna ohne Job und ohne Geld da. In ihrer Not nimmt sie eine Stelle in einer Weinhandlung an und wird in die Bourgogne geschickt. Erst hadert sie mit den Gebräuchen der Winzer, aber zwischen beerigen Aromen und kräftigen Abgängen verliebt sie sich in den Weinbauern Luc. Ihre Welten scheinen zu verschieden, doch dann gerät das Weingut seiner Familie in Bedrängnis, und Johanna wirft all ihre Pläne über den Haufen, um für ihr Glück zu kämpfen.

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Heike Franke

Eine Liebe in der Bourgogne

Roman

Inhaltsübersicht

Über Heike Franke

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Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Kapitel 47

Kapitel 48

Kapitel 49

Epilog

Ein letztes Wort …

Impressum

Für Caroline

Prolog

Drei Monate zuvor

Der schnittige Moderator der Abendschau schenkte der Kamera ein hollywoodreifes Lächeln. Johanna seufzte aus tiefstem Herzen, am liebsten hätte sie den Fernseher ausgeschaltet. Sie trank ihr Glas in einem Zug leer und schenkte dann schwungvoll nach. Für eins neunundneunzig schmeckte der Merlot richtig gut, jedenfalls nach drei Vierteln der Flasche. Sie zog die Beine an und fixierte den Bildschirm wie das Kaninchen die Python.

»Wie fühlt es sich denn an, Herr Hampel«, fragte der Moderator zuckrig, »nach so vielen Jahren, und vor allem so unerwartet, das Amt des Regierenden Bürgermeisters zu verlieren? In den Umfragen lagen Sie ja bis kurz vor der Wahl vorn.«

Jetzt wurde es spannend. Johanna hob das Glas und prostete dem Fernseher zu. Wenn sie schon vor aller Augen unterging, dann wenigstens mit einem Tusch.

In der oberen Ecke des Bildschirms erschien ein Diagramm. Der dunkelrote Balken auf der linken Seite reichte bis zu einer rekordverdächtigen Dreiundsechzig-Prozent-Marke. Der hellere daneben schaffte es gerade einmal auf mickrige vierundzwanzig Prozent. Hellrot stand für dieses Jahr, dunkel für die Wahl davor. Auf Hampels Stirn glitzerten Schweißtropfen, unbarmherzig eingefangen von der Kamera, die nun in die Totale zoomte. Der geschlagene Politiker schluckte und stützte die Hände auf die glänzende Fläche vor sich, als wolle er gleich darüberspringen. »Ich habe mit meiner Politik viel bewegt, da macht man sich eben auch Feinde.« Hampels Gesichtsmuskeln schienen zu erstarren, sein Lächeln wirkte einstudiert. »Und selbst jemand mit meiner Erfahrung ist nicht vor den Fehlern schlechter Mitarbeiter gefeit.« Er winkte ab. »Aber die Konsequenzen trage natürlich ich. Ich sehe dieses Wahlergebnis als einen Rückschlag, mehr nicht. Rom ist schließlich auch nicht an einem Tag erbaut worden.«

Ein feines Rinnsal Schweiß bahnte sich den Weg von der Schläfe am Haaransatz entlang. Johanna hielt die Luft an. Wie weit würde Hampel gehen? Würde er ihren Namen nennen? Sie beruflich für immer vernichten?

»Sie meinen die Enthüllungen über Ihre Trennung?«

Hampel starrte wie versteinert in die Kamera. Komm schon, sag es, dachte Johanna und hatte plötzlich das Gefühl, als würden sogar ihre Gedanken schon lallen. Sprich es aus – es war alles nur die Schuld dieser jungen Frau, die meinte, mit einem Master in Medien und politischer Kommunikation könnte sie Pressesprecherin des Regierenden Bürgermeisters werden. Die blöd genug war, ohne jede Rücksprache einen Tag vor der Wahl diesem Schmierfink von der B. Z. zu bestätigen, dass Hampels Frau sich von ihm getrennt hatte, weil er einen Fehltritt begangen hatte. Was diesen das Amt gekostet hatte, denn der Pressefuzzi hatte natürlich nichts Besseres zu tun gehabt, als sofort eine ganze Horde Volontäre auf Recherche zu schicken. Und am nächsten Morgen konnte die ganze Republik lesen, dass Hampel mit der besten Freundin seiner minderjährigen Tochter eine heiße Kissenschlacht veranstaltet hatte.

»Nicht einmal ›kein Kommentar‹?« Der Moderator lächelte milde.

Johanna starrte das Glas an. Leer. Sie trank den Rest aus der Flasche. Morgen würde sie dafür bezahlen. Doch wen kümmerte das? Hampel hatte zwar ihren Namen nicht genannt, und dennoch: Jetzt wusste jeder in der Branche, was passiert war. Ihre Karriere konnte sie ein für alle Mal begraben.

1

Die Sonne schien erbarmungslos auf kahles Geäst, als gälte es, den Winter auszutreiben, noch bevor er richtig begonnen hatte, denn schon der Dezember war ungewöhnlich warm gewesen. Doch so viel Licht wollte diesem Januartag einfach nicht stehen. Es fiel durch das Fenster hinein, das so makellos streifenfrei geputzt war, wie Johanna es selbst nie hinbekam. Davor fuhr die U-Bahn auf der Hochtrasse, in diesem dreckigen Orange, das so typisch Berlin war.

»Also, Frau Keppler«, sagte Doktor Knobloch mit dünner Stimme, die wie Quecksilber aus seiner Nase zu rinnen schien, »ich kann Ihrer Argumentation nicht folgen.« Johanna sah auf ihre Hände, schob mit Daumen und Ringfinger die Haut über dem Zeigefinger hin und her, sah zu, wie sie dadurch langsam rot wurde. »Ich soll Ihnen also glauben, dass Sie in der Situation mit Hampel völlig überfordert waren, Ihnen aber gleichzeitig die Stelle in unserer Presseabteilung geben?«

Alles hatte sie verbockt, dachte Johanna. Und sie bekäme keine Chance, aufzuklären, was wirklich passiert war. »Es war mein erster richtiger Job«, setzte sie hilflos an.

Knobloch schüttelte den Kopf. »Das ist mir zu wenig.«

Was sollte sie sagen? Dass sie dumm gewesen war, unfassbar naiv, und ihrer Kollegin geglaubt hatte, dass Hampel sein Okay gegeben hatte, die Anfrage der B. Z. zu bestätigen? Dass die Kuh vermutlich nur ihren Job wollte oder von wer weiß wem bezahlt wurde, um Hampel reinzureiten? Das würde Knobloch doch nie glauben, und sie konnte nichts beweisen, gar nichts.

»Also, Frau Keppler«, Knobloch lehnte sich vor, faltete die Hände auf dem Tisch und legte die Stirn in Falten, »warum hängen Sie nicht noch ein Aufbaustudium bei mir an der Quadriga-Hochschule dran? Vier Semester politische Kommunikation und Politikmanagement, das ist das, was Ihnen fehlt, glauben Sie mir.« Sein Tonfall war nun ein gutmütiges Brummen.

Daher wehte der Wind also. »Das kann ich mir nicht leisten.« Johanna hasste sich dafür, wie zart ihre Stimme klang.

»Na, na.« Knobloch gefiel sich offenbar in seiner Rolle als gutmütiger Doktorvater. »Da lässt sich doch mit einem Kredit was machen. Und vielleicht finde ich ja auch noch einen kleinen Nebenjob für Sie, dann geht es alles leichter.«

Johanna konnte kaum an sich halten. Sie hatte ihren Master glänzend abgeschlossen. Was sie brauchte, war ein Job – und keine weitere Lehrzeit bei diesem arroganten Schnösel, durch die sie sich für den Rest ihres Lebens verschulden würde. »Das kommt nicht in Frage, danke, nein.«

Knobloch stand auf. »Wie Sie meinen, Frau Keppler.« Die Quecksilberstimme war noch eine Spur dünnflüssiger als zu Beginn. Er streckte ihr seine knochige Hand entgegen. »Es ist ja Ihre Zukunft.«

Unschlüssig stand Johanna in der Mitte des kleinen Zimmers, das sie bewohnte, seit sie zum Studieren nach Berlin gekommen war. Sie konnte sich noch lebhaft erinnern, wie schwer es damals gewesen war, überhaupt eine Bleibe zu finden. Der Wohnungsmarkt war leergefegt gewesen wie die Regale eines amerikanischen Supermarktes vor einem Hurrikan. Das Zimmer hatte sie nur bekommen, weil sämtliche Mitbewerber bei der Besichtigung Reißaus genommen hatten. Nicht vor ihr, nein. Vermutlich auch vor der Gegend, schließlich war das Märkische Viertel im Berliner Norden nicht gerade beliebt bei Studenten, hauptsächlich jedoch vor der Vermieterin.

Lucie Goldmann war – speziell. Ihre Wohnung war zugestellt mit alten Möbeln und Skulpturen kopulierender Figuren. Ständig klimperten Windspiele, wenn man nur eine Tür öffnete, und je nach Gemütslage waberten die Schwaden glimmender Räucherstäbchen durch die Räume. Johanna hatte sich daran gewöhnt, an Sandelholz, Orange oder auch Lavendel. Aber den Geruch von Weihrauch, der sie immer dann empfing, wenn Lucie besonders unangenehme Kunden gehabt hatte, würde sie nie ausstehen können.

Seit mehr als vier Jahren wohnte sie nun hier. Es gab ein Bett, einen Schrank, einen Schreibtisch, eine Stehlampe, ein paar Regale an der Wand. All ihre Habseligkeiten waren verteilt auf nicht einmal zwanzig Quadratmeter mit Blick auf triste Hochhausfassaden, darüber der Himmel, über den dann und wann ein Flugzeug zog.

Nicht, dass Johanna sich hier nicht wohl fühlte, aber als sie den Job im Wahlkampfteam bekommen hatte, hatte sie ihre Zukunft als Sprecherin des Bürgermeisters zum Greifen nahe vor sich gesehen. Strahlend und frisch an Hampels Seite im schicken Designerkostüm. Morgens wäre sie in ihrer exklusiven Wohnung in Prenzlauer Berg aufgestanden, um im Sommer auf der Dachterrasse zu frühstücken, während Berlin ihr zu Füßen gelegen hätte. Und jetzt? Jetzt säße sie auf unbestimmte Zeit hier fest und bekam keinen Job, nicht einmal einen schlechtbezahlten.

»Pizza?« Lucie Goldmann steckte den Kopf durch die halbgeöffnete Tür, und das Lächeln erstarb in ihrem alterslosen Gesicht. »Johanna? Was ist los?«, fragte sie.

Kaum mehr als vier Jahre kannten sie sich, und Lucie konnte in Johannas Gesichtszügen lesen wie in einem Buch.

»Wieder nichts.«

Lucie lehnte sich gegen den Türrahmen und schürzte die Lippen. »Na und?« Sie stemmte die linke Hand in die Hüfte und holte tief Luft. »Das wird schon noch. Du bist zu ungeduldig.« Sie schüttelte unwirsch den Kopf. »Hast mich schon angesteckt mit dieser Unsitte.«

Johanna trat an das nackte Fenster. »Weißt du«, die Worte klangen blechern, »diese ganze Tristesse da draußen, das passt irgendwie.« Sie lehnte den Kopf an die Scheibe, und die Kälte floss in ihre Stirn, ergriff Besitz von ihrer Haut. »Ich hab alles falsch gemacht. Aber es ist nicht fair, dass ich dafür bis in alle Ewigkeit zahlen muss.«

»Das wirst du nicht«, gab Lucie resolut zurück. »Wir machen alle Fehler, ein ganzes Leben lang. Denkst du etwa, ich bin so alt geworden und hätte nicht eine ganze Bibliothek voller Geschichten in meinem Leben gesammelt, die ich bereuen würde? Aber den Kopf hängen zu lassen, in deinem Alter, das wäre unverzeihlich.« Sie schob ihre Brille auf der Nase hoch. »Du wirst noch vieles falsch machen und noch viel mehr richtig. Und jetzt packst du dich mal am Schopf, Johanna, denn das hier, das bist doch nicht du.«

Wie schnell war weggefegt gewesen, was sie mit der ganzen Plackerei aufgebaut hatte. Die langen Arbeitstage und durchgemachten Wochenenden, der Verzicht darauf, sich wie ihre Kommilitonen ins Berliner Nachtleben zu stürzen, Freunde zu finden – alles zurückgestellt für eine Karriere, mit der sie eine gewaltige Bruchlandung hingelegt hatte. Ein Ja am falschen Fleck zum falschen Menschen, und alles war vorbei. Sie war wieder auf null, eventuell sogar noch eine Stufe tiefer. Und nun alles noch einmal von vorn. »Ich bin es so leid.« Johanna sah Lucie an. »Bewerbungen über Bewerbungen. Und die meisten antworten nicht mal. Ich sollte stattdessen endlich das Zimmer hier streichen. Das würde mich auf andere Gedanken bringen. Vielleicht kommt mir dann auch eine bessere Idee.«

»Essen hilft gegen fast alles, aber Farbgestank vernebelt die Sinne, auch meine, und ich brauche die jeden Tag«, ließ Lucie nicht locker. »Ich hab extra Pizza gemacht für dich und eine Flasche Rotwein gekauft, und zwar einen besseren als diesen Fusel, den du in letzter Zeit immer getrunken hast. Und abgesehen davon hatte ich auch einen anstrengenden Tag.«

Johanna seufzte. »Okay, okay.« Sie folgte Lucie in die große Küche, in der es köstlich roch, und setzte sich an den gedeckten Tisch. »Also sag schon, was war so anstrengend?«

Lucie goss Wein in bauchige Gläser. »Meine letzte Kundin.« Es klang wie ein Stoßseufzer. »Kommt zu mir, um sich ihre Blockaden lösen zu lassen, und steht dann mitten in der Klangschalenmeditation mit den Worten auf, sie könne das nicht aushalten. Mittendrin!«

Johanna musste lachen. Es war nicht das erste Mal, dass Lucies Direktheit eine ihrer Kundinnen vertrieb. »Vermutlich hast du zu heftig angefangen? Und ihr etwas über ihre Blockaden gesagt, das sie nicht hören wollte? Wo sie herkommen, zum Beispiel?«

»Ach, die soll sich nicht so anstellen.« Lucie nahm das Pizzablech aus dem Ofen und knallte es auf den Herd. »Bin ich eine Therapeutin oder ein Wunschkonzert?«

»Na ja …«

»Jetzt fang du nicht auch noch an!« Lucie zerteilte die Pizza, als würde sie der unliebsamen Kundin den Hals durchschneiden. »Ich weiß, meine Liebe, du hörst ja auch nie auf mich, obwohl du es längst besser wissen solltest.« Sie schob ein großes Stück Pizza auf einen Teller und reichte ihn Johanna. »Hab ich dir nicht gesagt, der Job bei Hampel bringt dir Ärger und Blockaden ein? Aber du musstest es ja trotzdem machen. Ich bin ja nur die esoterisch Durchgeknallte.«

2

Der Himmel hing schwer über den sanften Hügeln der Bourgogne. Die gräuliche Wolkendecke schien dick und träge, es waren keine Strukturen darin zu erkennen. Im fahlen Licht wirkten die kahlen Weinreben grau und tot, wie sie da Reihe für Reihe aus der braunroten Erde ragten, die toten Triebe des letzten Jahres noch in die Führungsdrähte verknotet. Ein eisiger Wind fauchte ungebrochen von den Hängen herab und trug den Geruch von Schnee mit sich.

Es gab nichts zu tun zu dieser Jahreszeit in den Weinbergen, die meisten Winzer der Region waren irgendwo auf dieser Welt an einem sonnigen, warmen Ort und verbrachten ihren einzigen Urlaub des Jahres. Es war die Zeit, in der man Kraft tanken konnte für die kommenden langen Monate, in denen Wetter und Mond das Leben bestimmten.

Luc Béjart hatte kalte Füße in den Gummistiefeln, aber das bemerkte er kaum noch. Es gehörte zu seinem Leben, seit er denken konnte. Schon als Kind hatte er wie alle anderen hier gelernt, dass man in die Weinberge nicht mit normalen Schuhen ging. Zu feucht und schwer war die dunkle Erde, klebte an jedem Schuh, wie mit Sekundenkleber vermischt, um dann im Warmen abzufallen und sich im ganzen Haus zu verteilen.

»Und?«, fragte er seinen älteren Bruder Stéphane, der zwei Schritte entfernt hockte, mit vor Kälte roten Händen an einem Weinstock entlangstrich, den Blick fest auf die Pflanze geheftet.

»Schwer zu sagen«, gab Stéphane zurück. »Es ist einfach zu kalt. Zu lange zu kalt.« Er wandte den Kopf und sah Luc in die Augen. »Die alten Reben werden das vermutlich überstehen. Ihre Wurzeln reichen tief genug in die Erde. Aber die jungen, die wir im letzten Jahr erst gepflanzt haben, die verdursten uns, wenn es nicht bald taut.« Er fuhr mit der Hand noch einmal an einer Rebe entlang, stand dann langsam auf und schüttelte dabei den Kopf. »Knochentrocken. Vermutlich ist sogar der Frost drin.«

Luc vergrub die Hände in den Taschen seiner dicken Jacke. »Nach zwei Jahren mit schlechtem Wetter, in denen uns der Hagel viele Trauben genommen hat, kommt jetzt auch noch der Frost.« Er ließ den Blick über die schier endlos sich wölbenden Hänge streifen. »Wenn das so weitergeht …«

Stéphane zündete sich eine Zigarette an. »Wir können das verkraften, aber die kleinen Weingüter, die haben ein echtes Problem.«

»Wenn wir dieses Jahr wieder eine schlechte Ernte haben, haben wir bald nichts mehr zu verkaufen«, wandte Luc ein. »Meine Importeure vertrauen darauf, dass ich ihnen jedes Jahr eine bestimmte Menge an Wein liefere. Wenn wir das nicht garantieren können, werden sie in Kalifornien, Südafrika oder Australien kaufen.«

»Noch wissen wir nicht, wie sich das Wetter entwickelt und welche Schäden der Frost wirklich verursacht«, beschwichtigte Stéphane und ging langsam Richtung Straße. »Solange es früh genug wärmer wird, können wir junge Pflanzen nachsetzen. Die bringen zwar keinen großen Ertrag, können aber das Gröbste auffangen.«

»Mag sein.« Luc war nicht überzeugt. Er fand seinen Bruder meist zu zögerlich. Stéphane handelte immer erst, wenn das Kind längst im Brunnen ertrunken war. »Ich sollte mit ein paar kleinen Weingütern sprechen. Wenn ich mehr Weine im Vertrieb anbieten kann, haben wir alle etwas davon.«

»Du weißt genau, dass die Familie das nicht will.« Stéphane öffnete die Tür seines SUV. Ein Schwall warmer Luft kam den beiden Männern entgegen.

»Das ist absurd.« Luc nahm seine Schuhe aus dem Wagen und tauschte sie gegen die Gummistiefel ein.

Stéphane tat es ihm gleich. »Wieso absurd? Du weißt genau, dass du es kaum schaffen kannst, unsere Familie und noch andere Weinhäuser gleichermaßen gründlich und engagiert zu vertreten. Wer zu viel will, hat nachher gar nichts.« Stéphane öffnete den Kofferraum und warf die Gummistiefel in die Plastikwanne darin. »Außerdem werden dir doch die Gascons den Vertrieb ihrer Weine geben, wenn du Élodie heiratest, oder?«

Luc schwang sich auf den Beifahrersitz. »Sicher.« Er zog die Tür zu und spürte, wie ihn die Wärme angenehm umfing. Er dachte an das kleine, luxuriöse Weingut der Gascons, das den teuersten Weißwein der Welt auf den Markt brachte. Er dachte auch an die uralte Familienfehde zwischen den Gascons und den Béjarts, die zwar längst Geschichte, aber noch nicht zu Grabe getragen worden war. Seine Verbindung mit Élodie, der schönen und einzigen Tochter des Hauses, sollte den Zwist endgültig für alle sichtbar beenden und die Allianz der Familien besiegeln.

Außerdem war es Tradition, dass alter Wein alten Wein heiratete. Ein Muss, damit die Familie ihre Position in der Weinwelt auf Dauer halten konnte.

Stéphane ließ den Motor an. »Fahren wir nach Beaune?« Er tippte auf das Ziffernblatt seiner Uhr. »Lass uns was essen gehen und die Sorge um die Reben für einen Moment vergessen. Im Augenblick können wir nicht viel tun, und es macht keinen Sinn, sich jetzt schon um etwas zu sorgen, das hoffentlich gar nicht eintritt.«

3

Johanna saß auf ihrer Matratze, eingewickelt in die Bettdecke, das Kopfkissen gegen die Wand geknüllt. Der Tag hatte nicht besser angefangen als der davor. Nur Ablehnungen auf ihre Bewerbungen zu erhalten setzte ihr mehr zu, als sie geglaubt hätte. Langsam wusste sie nicht mehr, was sie noch anstellen sollte, um einen Job zu bekommen.

Vor dem Fenster hing der Himmel tief über trostlosen Hochhäusern, deren bunte Fassaden kaum mehr als ein verzweifelter Versuch waren, etwas vorzugeben, das sie nicht waren. Dieser soziale Wohnungsbau, den man einst hoffnungsvoll ins Grün gestellt hatte, barg Potential für eine ordentliche Depression in sich. Da half auch der Blick auf viel freies Feld, den ehemaligen Mauerstreifen in Pankow-Rosenthal, nichts.

Sie könnte einfach hier sitzen bleiben, bis Lucie sie rausschmiss, oder, anders als die meisten ihrer Nachbarn hier, dem Schicksal eine vor den Latz knallen.

Johanna stellte die leere Kaffeetasse auf dem Boden ab und stand auf. Herrgott, das hier war ein Stolperstein, vielleicht ein Berg, der im Weg stand. Aber es war nicht das Ende. Der Tag hatte gerade erst begonnen.

»Lucie?« Sie trat in die Diele und lauschte. Nichts. »Lucie?«

»Was gibt es?« Ihre Mitbewohnerin steckte ihren Kopf aus dem kleinen Zimmer heraus, das sie als Büro nutzte. »Ich sitze über dieser elenden Buchhaltung.«

»Ich muss hier raus«, sagte Johanna und verschränkte die Arme vor der Brust, »sonst werde ich noch verrückt.«

»Na ja, das Büro läuft ja nicht weg. Hast du was Bestimmtes vor?«

Johanna dachte einen Moment lang nach. So viele Möglichkeiten gab es zurzeit nicht, dafür sorgte schon ihre angespannte finanzielle Lage. »Wie wäre es mit einkaufen und kochen?«

Lucie verzog das Gesicht. »Oh, du kennst meine Hassliebe zu Supermärkten.«

»Ich kann doch einkaufen gehen, du machst derweil deine Buchhaltung weiter, und dann kochen wir zusammen. Was hältst du davon?«

Lucie nickte. »Das ist ein Deal.«

»Hattest du einen Plan, was für ein Essen es werden soll, als du das alles hier eingekauft hast?« Lucie öffnete die Rotweinflasche. »Hol mal Gläser.«

Johanna stand unschlüssig vor dem Berg von Lebensmitteln, die sich auf der Arbeitsfläche stapelten. »Nicht wirklich«, gab sie zu und reichte Lucie zwei bauchige Weingläser. »Sieht aus, als hätte ich eine Hungersnot befürchtet, oder?« Sie musste kichern.

»Entweder das, oder du hattest deinen Kopf nicht dabei.«

Johanna nahm das Glas entgegen und trank einen großen Schluck. Eigentlich hatte sie sich fest vorgenommen, nichts davon zu erzählen, aber jetzt lagen ihr die Worte auf der Zunge und kitzelten so sehr, dass sie rausmussten. »Ich habe Jens getroffen.«

»Wen?«

»Jens, Lucie, den Jens.« Johanna trank das halbe Glas in einem Zug leer. Es gab gar nicht genug Alkohol, um diese Wut wegzuspülen.

Lucie runzelte die Augenbrauen. »Den Jens, mit dem du drei Monate zusammen warst? Und dann nach vier Monaten noch mal drei Monate? Und nach weiteren zwei Monaten noch mal drei? Den Drei-Monats-Jens?«

»Genau den Jens.« Johanna nahm die Flasche und schenkte sich nach. »Verräter-Jens. Ausgerechnet der muss mir heute über den Weg laufen. Zwischen Porree und Paprika. Super gelaunt und ganz vergnügt mit seiner neuesten Flamme.«

»Man könnte meinen, du liebst ihn noch.«

»Den? Niemals. Den könntest du mir auf den Bauch binden, ich würde schreiend wegrennen.«

»Dafür regst du dich ziemlich auf«, stellte Lucie gelassen fest und begann, die Lebensmittel zu sortieren. »Wir können ein schönes Curry daraus machen.«

»Kokosmilch ist so ziemlich das Einzige, was ich nicht gekauft habe.«

»Hab ich im Schrank.« Lucie packte Paprika, Porree, Champignons, Möhren und Aubergine auf eine Seite. Dann legte sie noch eine Mango dazu und platzierte die Ananas dahinter. »Mit Reis und Hühnchen. Hühnchen ist im Tiefkühlschrank, glaube ich.«

Johanna kramte eine Ingwerknolle unter Nudelpackungen und einer Tüte Reis hervor und legte sie zum Gemüse. »Haben wir noch Chilischoten?«

»Ich schätze, wir müssen uns mit getrockneten Flocken behelfen.« Lucie drehte den Wasserhahn auf und begann, das Gemüse zu waschen.

»Okay, vielleicht hab ich ihn geliebt«, gab Johanna zu, »aber nur ganz kurz.«

Lucie gluckste. »Deshalb bist du auch zweimal wieder zu ihm zurückgegangen? Weil er dir eigentlich egal war?«

Johanna nahm das schärfste Messer aus dem Block und fing an, auf der roten Paprika herumzuhacken. »Ach komm, du weißt ganz genau, wie charmant Jens sein kann. Er hat mich einfach eingelullt mit seinem ganzen Süßholzgeraspel.«

»Du musst deshalb nicht die Paprika zu Brei verarbeiten.« Lucie zog ihr das Schneidebrett unter den Händen weg und füllte die Streifen in eine Schale. »Hier, schäl lieber die Möhren.« Dann begann sie, die Aubergine in Würfel zu schneiden. »Ich glaube, Jens hat dir mehr zugesetzt, als du wahrhaben willst. Nach ihm hast du keinen Freund mehr gehabt. Jedenfalls keinen, von dem ich wüsste.«

»Ist das ein Wunder? Wenn es nach Jens gegangen wäre, hätte ich ihm bis ans Ende aller Tage die Steigbügel für seine Karriere gehalten, dabei nett ausgesehen und seine dreckige Wäsche gewaschen.« Möhrenschalen segelten in dünnen Streifen zu Boden. »Nee, nee, nicht mit mir.« Sie knallte die Möhre ins Spülbecken und nahm die zweite. »Ich brauche keinen Mann.«

»Aha.« Lucie wusch die Möhre ab und schüttelte den Kopf. »Sind ja auch alle so wie Jens. Ist klar.«

Johanna hielt inne und sah Lucie an. »Ich will mehr. Viel mehr, als er mir geben wollte«, sagte sie schließlich und hatte das Gefühl, sie könnte all ihre Wut in weißen Rauch aufgehen sehen. Männer! Machten alle einen auf ach so modern, aber damit war es vorbei, sobald eine Frau ihren Weg ging und auch noch drohte, sie zu überholen. »Ich will nicht so ein bisschen arbeiten, bis der Richtige daherkommt und dann die nächsten zwanzig Jahre abgehetzt zwischen Job, Kind und Herd verbringen. Ich möchte etwas bewegen. Ich dachte, mit dem Job bei Hampel wäre ich auf genau dem richtigen Weg. Ich will nicht helfen, irgendein Produkt zu kommunizieren, sondern Werte, eine Zukunft.«

Lucie drehte den Wasserhahn zu. Es wurde still in der Küche. »Das ist ein großes Ziel.« Sie legte den Kopf schief und sah aus, als machte sie sich Sorgen.

»Ich weiß. Aber wofür sind wir auf der Welt, wenn nicht, um etwas besser zu machen?« Johanna bückte sich und sammelte die hinabgefallenen Möhrenschalen auf. »Ich möchte, wenn ich mal alt bin, zurückblicken können und sagen, ich hab ein bisschen dazu beigetragen, dass es etwas besser zugeht auf dieser Welt.«

»Dann solltest du vielleicht wirklich in die Politik gehen.«

Johanna schüttelte vehement den Kopf. »Auf gar keinen Fall.«

»Wieso nicht?«

»Ich hab gelernt, wie man etwas perfekt kommuniziert, wie man mit Medien umgeht, etwas publik macht, Menschen überzeugt und bewegt. Ich kann die richtige politische Idee erkennen, oder zumindest das, was ich für den richtigen Weg halte, aber ich kann das nicht entwickeln.«

»Du bist also das Sprachrohr?«

»So in etwa. Kommunikation ist meine Stärke, nicht Diplomatie.«

»Und ich dachte immer, dass gerade Diplomaten die Meister im Kommunizieren sind?« Lucie zog die Augenbrauen hoch. »Egal, ich glaube, an deiner Diplomatie solltest du auf jeden Fall feilen.«

»Ich weiß.« Johanna winkte ab und verzog das Gesicht zu einem Grinsen. »Was Hampel betrifft, war ich eher der Elefant im Porzellanladen.«

4

Élodie Gascon riss ihre dunklen Augen auf, was diese noch mehr aussehen ließ wie die eines Rehs. Sie hielt den Kopf ein wenig gesenkt und blickte durch lange, geschwungene Wimpern zu Luc auf. »Wir werden nicht im Schloss wohnen?«

»Welches Schloss?« Luc war irritiert. Teils von ihrer dramatischen Reaktion, teils davon, dass er sich überhaupt hatte überzeugen lassen, sie hierher auf die Baustelle mitzunehmen, die genau genommen noch nicht einmal eine Baustelle war. Es gab einen Bauwagen und eine Grube. Mehr nicht.

»Im Schloss deiner Eltern.« Sie zog einen Schmollmund.

Luc hatte immer mehr das Gefühl, dass sie aneinander vorbeiredeten. »Meine Eltern haben kein Schloss. Was soll das, Élodie?«

Thibault Mercier, Lucs bester Freund seit der Schulzeit, hielt mit quietschenden Reifen, sprang aus dem Wagen und kam auf sie zu. »Élodie«, begrüßte er zunächst die junge Frau mit zwei in die Luft gehauchten Wangenküssen, dann umarmte er Luc. »Entschuldigt, dass ich zu spät bin. Ich musste mich noch um eine Havarie auf der Baustelle vom Krankenhausanbau kümmern.«

»Wir sind gerade erst angekommen«, winkte Luc ab.

»Ich möchte aber im Schloss wohnen«, quengelte Élodie. »Wie konntest du überhaupt hier ein Stück Land kaufen? Hier wohnt doch niemand, und wer würde das auch wollen?«

Luc schloss für einen Moment die Augen. Er hatte das Gefühl, als könne er das Blut in seinen Adern kochen fühlen. »Élodie«, sagte er betont ruhig, »wenn du dich umsiehst, dann wirst du feststellen, dass hier einige Häuser stehen und dass man von diesem Hang einen wunderbaren Blick auf Beaune hat. Der Südhang ist perfekt, das Grundstück sehr weitläufig, und das Haus, das Thibault für uns entworfen hat, wird Luxus pur sein.«

»Aber …«, versuchte sie es erneut, doch Luc ließ sie nicht ausreden.

»Ich werde ganz gewiss nicht im Haus meiner Eltern wohnen. Ich weiß nicht, wie du überhaupt auf diese Idee gekommen bist, aber ich hoffe, dass das nun ein für alle Mal geklärt ist und dass du meinen Wunsch, unabhängig von unseren Eltern zu leben, teilst.«

Élodie verschränkte die Arme vor der Brust und drehte sich um. Wie ein bockiges Kind trat sie nach kleinen Steinen in der Erde.

Luc ignorierte das und wandte sich seinem Freund zu. »Hast du die Pläne eingereicht?«

Thibault nickte und zog ein paar Papiere aus seiner Jackentasche. »Hier, die Kopien sind für dich. Die Baugenehmigung ist nur noch eine Formsache. Ich habe mit allen zuständigen Ämtern gesprochen. Sobald dieser elende Frost ein Ende hat, können wir mit dem Bau beginnen.«

»Das sind ja endlich mal gute Nachrichten.« Luc hatte Probleme befürchtet, denn das Haus, das er plante, entsprach nicht ganz dem Stil derer der Nachbarn. Es hatte klarere Formen, deutlich mehr Glasflächen und ein Pultdach. Das Bauamt von Beaune konnte in solchen Fragen schwierig werden, auch wenn sie sich hier oben nicht im Einzugsgebiet der Touristen und schon gar nicht im historischen Stadtkern befanden.

Thibault lachte. »Du hast nicht wirklich geglaubt, dass dir hier jemand Probleme macht, oder?« Er schüttelte den Kopf. »Komm schon, Luc, du bist ein Béjart.«

»Können wir jetzt gehen?«, fragte Élodie. »Mir ist kalt.«

»Gleich.« Irgendetwas musste Luc sich einfallen lassen. Wenn sie sich für den Rest seines Lebens auch so aufführte, würde er verrückt.

»Dann setze ich mich schon mal ins Auto.« Élodie stapfte davon, als wäre es eine Zumutung, auch nur eine Sekunde länger hier oben zu verweilen. Dabei hatte sie darauf bestanden, mitzukommen.

Thibault machte ein paar Schritte auf einen alten Brunnen zu. »Den würde ich an deiner Stelle stehen lassen. Ist sehr dekorativ im Garten. Wir können auch sehen, ob wir ihn wieder in Betrieb nehmen können.«

Luc beugte sich über den Rand und guckte in die Tiefe. Stockdunkel war es da unten. Man konnte nicht sehen, wie weit es hinabging. »Zu gefährlich mit Kindern«, stellte er fest.

Thibault zuckte die Schultern. »Wir können einen Holzdeckel daraufmontieren, den Kinder nicht bewegt bekommen.« Er wandte sich Luc zu. »Bist du sicher, dass sie die Richtige für dich ist?« Er hob abwehrend die Hände, noch ehe Luc etwas sagen konnte. »Ich weiß, es geht mich nichts an. Aber als dein Freund kann ich mir einfach nicht vorstellen, dass du ausgerechnet mit Élodie glücklich wirst. Ihr scheint mir wirklich gar nicht zusammenzupassen.«

»Sie ist nicht immer so«, verteidigte Luc seine Verlobte. »Vielleicht hätte ich tatsächlich vorher länger mit ihr über meine Pläne sprechen sollen. Aber ich hatte gedacht, es würde ihr hier gefallen. Ich bin gar nicht auf die Idee gekommen, dass sie denken könnte, wir bleiben im Haus meiner Eltern.« Er sah zu ihr hinüber, wie sie im Wagen saß und auf ihrem Handy herumtippte. Vermutlich chattete sie wieder mit einer ihrer Freundinnen, was überhaupt ihre Lieblingsbeschäftigung zu sein schien. »Wenn das Haus erst einmal Gestalt annimmt, wird sie es schon mögen. Ich zeige ihr heute Abend die Pläne.«

»Wie du meinst.« Thibault schien nicht überzeugt. »Noch können wir alles ändern.«

»Ich spreche mit ihr.« Luc wandte sich zum Gehen. »Schließlich soll Élodie sich auch wohl fühlen. Ich gebe dir dann Bescheid. Im Notfall müssen wir tatsächlich die Planung für den Innenausbau noch einmal überdenken.«

Am Abend begann es erneut zu schneien. Winzige Flocken segelten zunächst vereinzelt zu Boden, dann kam Wind auf und brachte große, nasse Schneekristalle mit sich, die die Hügel rund um Beaune in kürzester Zeit in eine Winterlandschaft verwandelten. Als es schließlich aufhörte und der fast volle Mond durch die Wolkendecke brach, wirkte die historische Altstadt wie die Kulisse eines Märchens.

Élodie hatte sich bei Luc untergehakt, und die beiden gingen schweigend durch den frischen Schnee, der unter ihren Füßen herrlich knirschte. Kaum ein Mensch war in den schmalen Gassen unterwegs, und das Licht, das aus den Fenstern fiel, malte unwirkliche Schatten an die Hausfassaden.

»Vielleicht hast du ja recht«, durchbrach Élodie die Stille mit ihrer melodisch warmen Stimme.

»Womit?«

»Damit, nicht bei deinen Eltern zu wohnen.«

Luc war froh, dass sie das Thema von sich aus ansprach. Schon der gemeinsame Restaurantbesuch war ausgesprochen harmonisch verlaufen. Sie hatten sich bestens unterhalten, und Élodie hatte nichts von ihrem unangenehmen Verhalten gezeigt, das sie dann und wann aus heiterem Himmel an den Tag legte. Im Gegenteil, an diesem Abend war sie verständnisvoll und interessiert auf alles eingegangen, wovon Luc gesprochen hatte. Sogar das Smartphone war in der Handtasche geblieben. »Allerdings«, pflichtete er ihr bei. »Ich mag meine Eltern sehr, aber ein wenig räumlicher Abstand hat noch nie geschadet.«

»Wirst du dein Büro in Beaune behalten, oder planst du, im Haus eins einzurichten?«

Darüber hatte Luc noch gar nicht nachgedacht. Trotzdem fiel ihm die Antwort nicht schwer. »Ich möchte auf lange Sicht mehr Weingüter vertreten, auch international. Dafür werde ich über kurz oder lang Leute einstellen müssen. Ich möchte nicht, dass meine Angestellten dann bei mir zu Hause ein und ausgehen.«

»Bei uns«, wandte Élodie ein und drückte sich etwas fester an ihn.

»Du hast recht, bei uns.« Luc nahm ihre Hand und legte den anderen Arm um ihre Schultern. Wie zart und zerbrechlich sie sich anfühlte. »Soll ich dich nach Hause bringen, oder kommst du mit zu mir?«

Élodie zögerte, und er konnte nicht sagen, ob sie wirklich überlegte oder ob sie nur mit ihm spielte. In dieser Hinsicht verstand er nicht, was in ihr vorging. Sie waren verlobt, und dennoch war sie zurückhaltend wie eine Jungfrau. Manchmal hatte er gar das Gefühl, dass sie seine körperliche Nähe nicht wollte. Vielleicht war sie aber auch nur schüchtern, denn wenn sie erst einmal im Bett waren, schien sie auf eine Weise unersättlich, die ihm schon fast unheimlich war.

»Oh, là, là, wen haben wir denn da?« Plötzlich stand Coco, Lucs jüngere Schwester, vor ihnen. Sie sah aus wie ein Gespenst, das sich in der Farbe vertan hat, verhüllt in einen langen schwarzen Mantel, eine große Kapuze tief ins Gesicht gezogen. »Sind die Turteltauben auf dem Weg zu einem Stelldichein?« Coco lachte trocken und begrüßte ihren Bruder mit Wangenkuss, was sie bei Élodie unterließ, wie immer.

»Und, Corinne«, sagte Élodie spitz und nannte die angehende Schwägerin bei ihrem Vornamen, mit dem sie sonst niemand ansprach, »was treibt dich so spät noch aus dem Haus?«

Coco zog eine Flasche Richebourg Grand Cru aus der Tasche. »Ich hatte nichts mehr zu trinken. Stellt euch das vor.« Sie zog theatralisch beide Augenbrauen hoch. »Da musste ich tatsächlich nachts noch in den Weinkeller.«

»Ich hoffe nur, du hast nicht wieder vergessen, die Alarmanlage einzuschalten.« Luc konnte sich den Kommentar nicht verkneifen, auch wenn er genau wusste, dass das nur ein einziges Mal vorgekommen war. Und das nur, weil Coco einen Anruf aus dem Krankenhaus erhalten hatte, in dem ihr mitgeteilt wurde, dass ihr Freund mit dem Auto von der Straße abgekommen und gegen einen Baum geschleudert worden war und nun im Sterben lag. Es war nicht fair, ihr das Versäumnis vorzuwerfen, aber ihre stets feindselige Art Élodie gegenüber war auch nicht gerade angemessen.

Coco warf ihrem Bruder einen giftigen Blick zu. »Schlechte Laune?«

»Es ist kalt, lass uns gehen«, wandte Élodie sich an Luc und sah dann kurz zu Coco. »Einen schönen Abend noch.« Sie versuchte nicht einmal mehr, ihre Ablehnung zu verhehlen.

Coco küsste Luc auf die Wange und raunte ihm dabei »Vergifte dich nicht, wenn du sie küsst« ins Ohr. Dann ging sie mit hocherhobenem Haupt an beiden vorbei, hob zum Gruß noch einmal die Flasche und verschwand in einer dunklen Gasse.

5

Johanna schlenderte langsam den Gehweg entlang. Sie hatte Zeit und weder ein Ziel noch jemanden, der irgendwo auf sie wartete. Es war der erste sonnige Tag seit langem, und so ignorierte sie tapfer den bissigen Wind, der Papierfetzen den Kurfürstendamm entlangtrieb.

Nach vorn geneigt gingen die Leute, die Schultern hochgezogen, den Kopf gesenkt. Großstadtindianer hatte ein Kommilitone die Berliner immer genannt, sie wusste bis heute nicht, aus welchem Grund und warum sie ihn das nie gefragt hatte. Ein Kaffee täte jetzt gut. Etwas, an dem sie ihre Hände und die Seele wärmen könnte und das ihr einen Grund gäbe, ein wenig zu verharren und aus dem Fenster auf das Treiben zu schauen, das einfach so weiterging, während ihr Leben stillzustehen schien.

Der Tauentzien eignete sich nicht dafür. Da gab es nur Warenhäuser, Filialen der einschlägigen Bekleidungsketten, Schuhgeschäfte, Ramschläden und die Gedächtniskirche. Letztere war in eine Art Schlafrock gewickelt, hinter dem wohl saniert wurde, was das Zeug hielt.

Vielleicht sollte sie einfach umkehren und am Ludwigkirchplatz in eines der Bistros gehen? Geld ausgeben, das sie nicht hatte?

Allein die Vorstellung, wie sie da sitzen würde wie in Wahlkampfzeiten bei den regelmäßigen Strategiemeetings, die Hampel gern hier in seinem alten Kiez abgehalten hatte, zurückschlüpfen könnte in dieses Gefühl, zu den Erfolgreichen zu gehören, war so verlockend, dass sie sich wie von selbst umdrehte und begann, den Weg zurückzumarschieren, den sie gerade gekommen war. Beschwingt fühlte sich jeder Schritt an, und es war egal, ob es nur eine Illusion war. Für den Moment war es gut, und das allein zählte.

Der eisige Wind kam nun von vorn und traf mit solcher Wucht auf ihre Stirn, dass Johanna Kopfschmerzen bekam. Sie war froh, in die Uhlandstraße abbiegen zu können, und musste einen Moment lang stehen bleiben, um sich die Nase zu putzen. Ihr Gesicht fühlte sich wie schockgefroren an, als könnte etwas abbrechen, wenn sie zu stark ins Taschentuch schnaubte.

Sie wollte gerade weitergehen, da fiel ihr auf, vor welchem Geschäft sie angehalten hatte. Es war jene feinsortierte Weinhandlung, in der sie für den Bürgermeister und seine Frau eingekauft hatten. Von außen wirkte der Laden recht unscheinbar. Das Schaufenster gab keinerlei Anlass zur Vermutung, dass man von dem kleinen Geschäft aus über den Hinterhof zu einem großen Ausstellungsraum gelangte, in dem nicht nur erlesene Weine feilgeboten wurden, sondern zudem eine knarzende Treppe in ein großes Kellergewölbe führte, in dem wahre Schätze lagerten und edle Weine bei Kerzenschein verkostet wurden. Schon der Name des Ladens, Le Sang des Vignes, ließ echte Weinkenner wissen, dass sie hier in den richtigen Händen waren, denn wer wusste schon, dass man den Wein das Blut des Weinbergs nannte?

Johanna wollte sich gerade abwenden, da sah sie den Zettel, der neben der Tür angebracht war. Ein einfaches DIN-A4-Blatt, mit Tesafilm an die Scheibe geklebt. Hilfe für Verkauf und Büro gesucht, hatte jemand mit der Hand in großer Schrift geschrieben, die Buchstaben gleichmäßig geschwungen, bitte im Laden melden.

Johanna zögerte. Nein, das war bestimmt keine gute Idee. Und überhaupt, sie hatte weder von Verkauf noch von klassischen Bürotätigkeiten eine Ahnung. Sie schüttelte den Kopf, dass sie überhaupt über so etwas nachdachte, und wandte sich ab. Ein paar Schritte entfernt blieb sie stehen. Vielleicht aber, dachte sie, konnte man aus diesem Laden etwas machen, ihm eine frische Internetpräsenz verpassen, eine gutgepflegte Facebookseite, ein Google+-Profil, witzige Tweets und sogar einen Blog über Weinbau, Sorten, Verkostungen und wer weiß, was sonst noch in dem Laden lief? Das roch nach einer echten Herausforderung. Sie musste nur den Fuß in die Tür bekommen.

Kühn schien der Gedanke, doch er erfüllte sie mit diesem Flattern im Bauch, das sie immer befiel, wenn sie Möglichkeiten entdeckte, an die andere nicht einmal zu denken wagten. Was hatte sie schon zu verlieren? Und wer wusste, was am Ende aus einem solchen Aushilfsjob werden konnte?

Johanna trat in den Laden. Ein angenehmer Geruch nach Eichenholz stieg ihr in die Nase. Die dunklen Dielen knarrten unter ihren Schritten. Sie sah sich um und hatte beinahe das Gefühl, nach einer langen Reise zurückzukehren.

Die vollgestopften Regale, all die Weinflaschen, Karaffen und Gläser, die gestapelten Weinkisten in der Ecke, in denen Flaschen in Holzwolle gebettet lagen, das alles hatte sie schon bei ihrem ersten Besuch fasziniert. Die uralte Korkmaschine, ein paar Flaschen und Gläser darauf drapiert, der rustikale Verkaufstresen mit der alten Registrierkasse, alles hier schien Geschichten zu erzählen. Und es war eine Schande, dass davon kaum jemand wusste.

»Kann ich Ihnen helfen?« Der alte Mann lächelte sie an und stützte die Hände auf den Tresen.

»Der Zettel …«, Johanna räusperte sich. »Sie suchen eine Aushilfe?«

Der Mann lächelte noch etwas breiter, falls das überhaupt möglich war. »In der Tat«, sagte er und kam hinter dem Tresen hervor. »Warten Sie einen kleinen Moment, ich hole die Chefin.« Er nickte ihr zu und verschwand durch die Hintertür.

Johannas Mut schrumpfte auf einmal und verkam zu einem Klumpen in ihrem Magen. Was tat sie denn hier? Dachte sie wirklich auch nur eine Sekunde, sie könnte in einer Weinhandlung arbeiten und dem verstaubten Etablissement mit modernen Kommunikationsstrategien zu Leibe rücken? Das war absurd. Sie sollte gehen, und zwar sofort, noch ehe diese Chefin kam und Fragen stellte, die sie nicht würde beantworten können.

Doch dann dachte Johanna an das leere Konto – und an die Worte von Knobloch. Es war an der Zeit, dass sie ihren Stolz fraß und der Realität ins Gesicht blickte. Ihr Studienabschluss war zurzeit keinen Pfifferling wert.

Der alte Mann kehrte zurück und zwinkerte ihr zu. Hinter ihm erschien eine große Blonde und musterte sie von oben bis unten. Schließlich streckte ihr die Frau die Hand entgegen. »Cornelia Sommer. Sie suchen einen Job?«

Sie ergriff die Hand und legte so viel Entschlossenheit in ihre Stimme, wie sie nur konnte. »Johanna Keppler. Ja, ich brauche einen Job. Dringend.«

Sommer neigte den Kopf, stemmte die Hände in die Hüften und fixierte Johanna mit ihrem flaschengrünen Blick. »Was können Sie denn?«

»Nichts«, antwortete Johanna mit dem Mut einer Verzweifelten, »nichts, was ich hier brauchen werde, aber ich kann alles lernen.«

Für einen Moment guckte Sommer irritiert, dann brach sie in schallendes Gelächter aus. »Wissen Sie was?«, sagte sie schließlich. »Ich mag ehrliche Leute.« Sie wies mit der offenen Hand auf den alten Mann, der wieder seinen Platz hinter dem Tresen eingenommen hatte. »Das ist Gustav Sommer, mein Vater und ein begnadeter Verkäufer. Er wird Ihnen alles beibringen. Was wissen Sie über Wein?«

Johanna zuckte die Schultern. »Ich trinke gern welchen. Und ich weiß, wo ich Fachbücher herbekomme und wie ich schnell daraus lerne.«

»Sprechen Sie Französisch?«

Johanna nickte.

Sommer zog die Augenbrauen hoch. »Verhandlungssicher?«

»Ich denke schon. Ich habe ein Jahr in Paris studiert.«

»So? Und wann können Sie anfangen?«

Johanna war nicht klar, ob das hieß, dass sie den Job hatte. »Morgen?«

Sommer hielt ihr die Hand hin. »Das klingt gut. In der Probezeit werden Sie hier nicht reich, aber Sie können davon Ihre Miete zahlen, meine ich. Danach sehen wir weiter, je nachdem, wie Sie sich machen. Morgen früh pünktlich um zehn hier?«

Johanna schlug ein. »Abgemacht. Aber ich warne Sie, ich habe wirklich keine Ahnung.«

Sommer lächelte. »Sie sprechen Französisch. Sie sind ehrlich. Und Sie machen mir den Eindruck einer ambitionierten jungen Frau, die sich ausdrücken kann und weiß, was sie will. Glauben Sie mir, ich kann einschätzen, was ich tue.«

Johannas Kopf fühlte sich plötzlich leicht an, wie mit Helium gefüllt. Sie konnte es gar nicht fassen. Sie hatte einen Job, ein geregeltes Einkommen. Da war er, der Silberstreif an ihrem ganz privaten Horizont.

»Danke.«

Am nächsten Morgen war Johanna so überpünktlich, dass sie eine geschlagene halbe Stunde den Kurfürstendamm auf und ab wanderte, bevor sie Punkt zehn durch die Tür des Le Sang des Vignes trat, mit einem flauen Gefühl im Bauch und weichen Knien.

Als spürte er ihre Nervosität, empfing Gustav Sommer sie besonders herzlich. »Willkommen in unserem kleinen Team«, strahlte er, schüttelte ihre Hand und bedeutete ihr dann mit einer Geste, ihm zu folgen. »Furchtbar kalt heute Morgen, nicht wahr? Ihren Mantel bringen wir nach hinten ins Büro. Und dann trinken Sie erst einmal einen Kaffee und kommen an.«

Johanna spürte ein Flattern im Magen, jetzt deutlicher als zuvor. Gustav Sommer hatte es nicht verdient, dass sie ihn enttäuschte, aber was wäre, wenn sie alles verkehrt machte? Es war ihm deutlich anzusehen, wie sehr er sich über ihre Anwesenheit freute. Kein Wunder, er war schätzungsweise um die siebzig. Jeden Tag im Laden zu stehen, von früh bis spät, musste sehr anstrengend für ihn sein. Und jetzt kam sie, Johanna, eine vermeintliche Hilfe für ihn, die sich vermutlich als das Gegenteil entpuppte.

»Nun, nun«, beruhigte er sie, als könne er ihre Gedanken lesen. »Machen Sie sich nicht so viele Sorgen, wir kochen hier auch nur mit Wasser.« Er öffnete die Tür zum Büro und ließ sie eintreten. »Das lernen Sie schon alles, ist gar nicht so schwierig.«

Sie musste nur ein Stück Zuversicht zu fassen bekommen, damit es ihr bei den ersten Schritten auf diesem fremden Terrain half. Sie holte tief Luft und hängte ihren Mantel an den Haken, zumindest für die nächsten Stunden.

Das helle Schellen der alten Türglocke ließ auf Kundschaft schließen. »Nehmen Sie sich einen Kaffee«, wies Gustav Sommer auf die Maschine, die man durch die Tür in der angrenzenden kleinen Küche sah. »Ich kümmere mich um den Laden.«

Johanna stellte etwas unschlüssig ihre Tasche auf dem Boden ab und trat in die Küche. Alles war blitzblank. Auf der Arbeitsfläche aus schwarzem Granit konnte man das eigene Spiegelbild betrachten. In den Regalen darüber leuchteten weiße Porzellantassen im Sonnenlicht, das durch das Fenster hineinfiel, und auf Hochglanz polierte Gläser funkelten verführerisch. Unter dem Fenster standen zwei Stühle und ein Bistrotisch, eine bauchige Vase mit roséfarbenen Tulpen darauf.

»Guten Morgen.«

Johanna fuhr herum. »Oh, guten Morgen.«

Cornelia Sommer streckte ihr mit einem Lächeln die Hand entgegen. »Willkommen.« Dann zog sie ihren schweren Mantel aus und hängte ihn auf. »Wenn Sie schon dabei sind, machen Sie mir doch auch einen Kaffee, bitte. Schwarz, ohne alles, wie meine Seele.« Sie lachte vergnügt. »Und dann fangen wir beide damit an, dass Sie unsere Weine kennenlernen.«

»Wie war es?« Lucie stellte eine Schale mit dampfender Linsensuppe vor Johanna auf den Tisch. »Als was arbeitest du da eigentlich?«