Informationen zum Buch

Nacht für Nacht streift eine junge Frau durch die Stadt. Sie sucht nach etwas, doch sie weiß nicht, wonach. Vielleicht, denkt sie, kann sie es hinter den letzten erleuchteten Fenstern finden. Sie klingelt an den Türen. Und begegnet Menschen im Moment ihrer höchsten Einsamkeit – Menschen, die nachts erst richtig zu leben beginnen, wenn draußen alles still und dunkel ist.

»Die Nacht«, sagt er, »mag ich deshalb, weil man in ihr viel klarer sieht als am Tag. Was ja der Tatsache, dass es tagsüber hell ist, eigentlich widerspricht.« Ich schweige. Wir gucken zum Fenster hinaus und sehen uns selbst. In der Spiegelung treffen sich unsere Blicke. Dann sagt er: »Und jetzt möchte ich, wenn du erlaubst, gerne ins Bett gehen.«

Mercedes Lauenstein

Nachts

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Hey you, out there in the cold. Getting lonely, getting old. Can you feel me?

Pink Floyd, Hey You

Inhaltsübersicht

Informationen zum Buch

1 Adele

2 Albert

3 Hanna

4 Maria

5 Daniel

6 Fedora

7 Hardy

8 Chiara

9 Katy

10 Egon

11 Johanna

12 Thomas

13 Leoni

14 David

15 Nadèche

16 Max

17 Gustav

18 Annalena

19 Julian

20 Lara

21 Jule

22 Aziz

23 Jenny

24 Nicol

25 Aleko

Über Mercedes Lauenstein

Impressum

Wem dieses Buch gefallen hat, der liest auch gerne …

Nachts schlafe ich nicht. Ich laufe durch die Straßen und gucke durch die erleuchteten Fenster in das Leben der anderen hinein. Ich überfliege die Klingelschilder in den Hauseingängen in der vagen Hoffnung, auf einen Namen zu stoßen, den ich kenne, vielleicht auf meinen eigenen oder einen, der irgendwie zu mir passt.

Es gibt ein Haus, da wohnt fast die ganze Familie Milek unter einem Dach. Im ersten Stock einer, im zweiten einer, im fünften einer und im sechsten auch noch einer, Dottore Milek. Eine richtige Gang, mit eigenem Palast. Manchmal wäre ich auch gern ein Milek. Und dann wieder nicht. Eine Gang zu haben kann am Ende genauso scheiße sein, wie keine Gang zu haben.

Die Fenster, hinter denen noch Licht brennt, werden immer weniger, je später es wird. Ich zähle sie. Sie ziehen mich an. Die dunklen nicht, die machen mir Angst. Schlafende gruseln mich in ihrer Selbstvergessenheit. Ich halte mich deshalb an die Wachenden. Gibt es nur noch ein einziges erleuchtetes Fenster in einer ganzen Straße, bleibe ich stehen, blicke hoch und bete, dass es jetzt nicht erlischt. Einer muss übrig bleiben, einer muss immer übrig bleiben.

Adele

An einem Montag, um 4 Uhr 34

Ein Haus an den Bahnschienen. Vierter Stock. Es regnet und ich halte mir die Hände über die Augen, damit mir das Wasser nicht hineinläuft, während ich hochsehe. Zwei Fenster wie müde Lider, die Rollläden zur Hälfte geschlossen. Dahinter sehe ich jemanden auf und ab gehen.

Ich stehe mitten auf der Straße. Unter der Eisenbahnbrücke fährt ein Laster hindurch und direkt auf mich zu, die Lichter verwischen durch die Tropfen, die jetzt doch in meine Augen geflossen sind, zu wabernden, gleißenden Lichtklecksen. Kurz bin ich wie hypnotisiert, dann dröhnt die Hupe des Lkws in meinen Ohren und ich springe zur Seite.

Ich gehe auf die Haustür zu. Sie ist nicht geschlossen, ich kann sie aufdrücken. Als ich im Hausflur zum Stehen komme und das Licht anschalte, merke ich, wie nass ich bin. Ich tropfe. Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll zu wringen, meine Klamotten hängen schwer an mir herunter. Ich bin ein Schwamm. Ich klaube meine Haare aus dem Nacken, beuge mich vornüber und wringe sie aus. Dann ziehe ich meine Jacke aus und versuche, auch aus ihr so viel Wasser zu pressen wie möglich. Jetzt stehe ich in einer Pfütze. Ich versuche, sie mit meinen Schuhen etwas zu verteilen, aber es bringt nichts. Die schiefstehenden Bodenkacheln lassen es immer wieder zusammenfließen. Ich gehe weiter in den Flur hinein, bis ich beim Treppenansatz bin. Taste nach dem Notizbuch in meiner Hosentasche. Der Umschlagskarton ist ganz aufgeweicht und die Seiten wellen sich schon. Ich schlage es auf. Zum Rand hin ist manchmal die Tinte verwischt, aber der Rest ist lesbar. Ich schiebe meinen Pulliärmel nach hinten und gucke auf meine Uhr. Sie geht noch, ist aber von innen beschlagen. Halb fünf. Seit Tagen warte ich auf den richtigen Zeitpunkt, anzufangen. Heute spüre ich es ganz deutlich: Wann, wenn nicht jetzt. ›Mo, 4 Uhr 34‹ notiere ich in mein Buch und einen Doppelpunkt dahinter.

Ich gehe langsam die Treppe hinauf. Es riecht feucht im Treppenhaus, nach altem Stein und Moder, ein altes, unsaniertes Gebäude. Ich hoffe, beim Hinaufgehen noch etwas zu trocknen, und gehe extra langsam. Bringt natürlich nichts. Dafür höre ich in einer Wohnung im zweiten Stock Geräusche. Eine Toilettenspülung. Eine Frauenstimme. Französisch. Verstehe nicht die Worte, aber die Melodie. Und eine andere Frauenstimme, viel tiefer, auch französisch. ›Grimaud‹ steht an der Tür. Was, wenn ich jetzt da klingle? Und meine Auf-und Abgeherin aus dem Vierten einfach vergesse? Ich stelle mir die beiden Frauen vor, eine schmale und eine dicke, beide im weißen Nachthemd mit einem Kerzenhalter und einer langen weißen Stabkerze vor sich.

Ich gehe weiter. Im Dritten liegt auf der Fensterbank neben einem Tontopf mit einem Kaktus drin eine Spiegelscherbe. Wenn ich reinsehe, erkenne ich gerade mein Auge und den oberen Teil meiner Nase. Ich halte die Scherbe so weit weg von mir wie möglich und versuche mich zu begutachten. Nass, die Haare total zusammengeklebt, die Haut bleich. Ich sehe aus wie ein Straßenköter.

Oben angekommen, muss ich kurz überlegen, hinter welcher Tür meine Auf- und Abgeherin wohnt. Dann entscheide ich mich für die linke. Mit grünem Filzstift auf hellblaue Pappe geschrieben und mit Tesafilm geklebt steht da: Lindqvist.

Ich lehne mich an die Tür, um etwas zu hören. Schritte. Kleine Schritte, leise Schritte. Ich klopfe und trete ein Stück nach hinten.

Ein Auge. Im Türspalt. Schwarzer Wimpernkranz. Eine Frau. Sie trägt so was wie einen Schlafanzug, Jersey-Stoff, grau.

»Hallo«, flüstere ich und sage auf, was ich mir beim Hinaufgehen ausgedacht habe. »Ich möchte nicht stören, aber ich besuche Menschen in der Nacht, unangekündigt, und möchte daraus eine Forschung machen, also über die Nacht, über das Wachsein. Ich weiß, ich seh nicht so aus, aber draußen regnet es. Darf ich reinkommen?«

Der Türspalt öffnet sich und ich sehe die Frau im Ganzen vor mir. Sie flüstert zurück: »Wie lange dauert es? Ich habe ein Baby, es schläft gerade, ehrlich gesagt passt es mir nicht, denn wenn es aufwacht …«

»Nein, nein, das verstehe ich, dann gehe ich, Entschuldigung, gute Nacht«, sage ich und drehe um.

Als ich am Treppenabsatz angekommen bin und die erste Stufe nehmen will, macht sie: »Pschhh, komm her, komm her«, sie ist herausgetreten, auf die Fußmatte, barfuß, und hat die Tür hinter sich zugezogen.

»Wie lange dauert es denn?« Sie flüstert immer noch.

»Ich weiß nicht, 20 Minuten vielleicht?«

»Gut, dann geht es nicht im Flur, das ist zu kalt. Okay, komm rein. Aber zieh die Schuhe draußen aus und sei so leise, es geht, wir gehen in die Küche.«

Ich nicke und folge. Sie ist zierlich und bestimmt zwei Köpfe kleiner als ich. Ungefähr Ende 30.

Es ist eine ganz schmale Küche, wie ein Schlauch. Ganz hinten ein Fenster, vor dem ein Holztisch steht und zwei Stühle. Sie stellt ein Bein auf und lehnt sich auf ihr Knie, ich setze mich an den vordersten Rand der Stuhlkante und frage: »Was machst du nachts, wenn du nicht schläfst?«

»Hm«, macht sie. »Ich hätte immer gesagt: feiern. Schlafen oder feiern. Ich hab nie darüber nachgedacht, dass es noch andere Gründe gibt, aufzubleiben. Das lerne ich grad erst kennnen.«

»Wie meinst du?«, frage ich.

»Naja, ich hab jetzt ein Baby«, sagt sie und zuckt mit den Achseln. »Vier Wochen ist er, und jetzt stille ich oft nachts. Ich bin jetzt jemand ganz anderer.«

»Wer warst du denn vorher?«, frage ich.

»Ein normaler Mensch halt. Tagsüber Arbeit, abends schlafen und am Wochenende Party. Bis vor neun Monaten hab ich mich gefühlt wie 25. Und jetzt geh ich mit dem Kleinen nachts in der Wohnung auf und ab und denk: Das wird nie wieder so.«

»Macht dir das Angst?«

»Eher Respekt. Na gut, wenn ich meinen Sohn dann angucke, wie er von mir trinkt und mich braucht, und wenn ich dann denke: Scheiße, den werd ich jetzt nie wieder los, dann hab ich schon Angst.«

»Also freust du dich nicht so über dein Kind?«

»Nein, nein, so auch nicht, er ist das Beste, was mir je passiert ist. Weil es so was Großes ist, ein Kind zu haben. Es ist nur komisch, wie schnell sich das Leben ändert. Ich wollte keine Kinder oder eher: Es war mir egal. Ich wollte für immer sein wie 25, auch letztes Jahr noch, mit 37. Ich dachte eigentlich, es ist eh zu spät für Kinder.«

»Und wer ist der Vater?«

»Das ist kein gutes Thema«, sagt sie.

»Okay«, sage ich.

»Weil du nach der Nacht gefragt hast«, sagt sie schnell, »ich mag das ganz gern jetzt, das nachts Stillen.«

»Ja?«

»Ich mein, ich weiß nicht, ob sich die Nacht auch ohne Baby so anfühlen kann. Wenn ich am Fenster sitze und Castor trinkt, dann ist alles wie in Watte, wie eingeschneit, nur eben ganz warm, und kein bisschen beneide ich die, die draußen rumlaufen. Dabei war ich letztes Jahr doch noch selbst eine von denen, die um fünf über den Gehweg torkeln und denen dabei die Tomate aus dem Döner fällt. Und jetzt gibt es nur noch Castor und mich. Und das fühlt sich richtig an. Vor einem Jahr hätte ich dir den Vogel gezeigt, wenn du mir das erzählt hättest. Wahrscheinlich die Schwangerschaftshormone. Die machen einen ganz ruhig und zufrieden. Ich habe neulich was Interessantes gelesen, und zwar, dass die Menschen früher in zwei Phasen geschlafen haben. Frag mich nicht, wann, irgendwann vor 500 Jahren oder so, vielleicht tausend, ich hab’s mit Jahreszahlen nicht so. Jedenfalls: Es gab den ersten und den zweiten Schlaf. Und dazwischen lag man stundenlang wach oder ging auf und ab, erzählte sich etwas. Und in dieser Phase befand sich der Körper in einem Zustand, den der moderne Mensch heute gar nicht mehr kennt, höchstens bei der Meditation. Das war eine Art klares Dösen. Und dabei wurde ein Hormon freigesetzt, Pro-, irgendwas mit Pro. Prolaktin oder so. Und jetzt kommt’s, das, was ich sagen wollte: Das ist ein Hormon, das sonst nur Schwangere haben oder Hühner, damit sie beim Brüten geduldig bleiben.«

»Das ist toll«, sage ich.

Sie seufzt und lächelt mich an.

»Jetzt hab ich einfach dieses Kind. Man denkt, das Große passiert erst noch, und dann passiert es und fühlt sich gar nicht groß an. Also schon, aber irgendwie auch nicht.«

Sie zuckt mit den Achseln.

Dann sagt sie: »Erzähl mal was von dir. Warum gehst du nicht feiern? Warum machst du solche verrückten Projekte? Und warum ganz allein?«

»Wen sollte ich denn dabei haben?«

»Verstärkung oder so, ich weiß nicht.«

»Allein ist es doch viel schöner.«

»Nicht langweilig?«

»Ich bin am liebsten allein.«

»Und wenn dir was passiert?«

»Mir passiert nichts.«

»Was macht dich so sicher?«

»Mein Gefühl.«

»Du bist krass.«

»Das denkst du so, weil es krasser klingt, als es ist.«

»Hm«, macht sie und dann schweigen wir.

»Ich kann dir übrigens nur Leitungswasser anbieten«, sagt sie irgendwann.

Auf einmal beginnt der Boden zu wackeln. Erst ganz sachte, aber dann immer stärker. Auf dem Herd steht eine Teekanne, sie klappert jetzt ein bisschen. Ich sehe aus dem Fenster. Im Regen glänzen die Schienen in der Bahntrasse und reflektieren die Lichter der Gleisampeln. Dann macht es mit einem Mal »Zsssssssschhhhhhh« und ein Zug rast vorbei. Helles Licht in den Zugfenstern, nur wenige Plätze belegt, und fort ist er wieder. Und die Teekanne steht wieder still.

»Um fünf Uhr kommen die ersten Züge vorbei. Das war der Railjet nach Budapest«, sagt die Frau.

Ich denke an meinen Lieblingsort in der Stadt, unter der Zugbrücke, die über den Fluss führt. Wenn man da sitzt und dann rauscht der Zug über einen hinweg und es rattert fürchterlich und man hört kein Wort mehr, kein Hundebellen, kein Wasserrauschen, alles wird geschluckt von dem Zug, dann ist das, als schieße einen jemand mit einer Rakete ins All oder als überfahre einen jemand. Alles hört kurz auf und übrig sind nur noch Lärm und Rauschen und Lichtblitze. Nur dass dabei nichts wehtut und man danach noch ganz unversehrt und lebendig ist. Und ein bisschen wie neugeboren.

»Ich wollte kurz vor der Schwangerschaft eigentlich umziehen, größere Wohnung, bessere Lage, etwas ruhiger alles, weißt du«, sagt sie. »In meinem Beruf verdiene ich ziemlich gut, das wär schon drin. Aber dann ging das doch alles so schnell, mein Bauch wurde ziemlich früh ziemlich groß und dann hatte ich keinen Bock auf Umziehen. Aber Castor stört sich bisher sowieso nicht an den Zügen. Er hat sich an das Geräusch vielleicht schon in der Schwangerschaft gewöhnt.«

»Castor und Züge, das ist ein bisschen lustig.«

»Wieso?«

»Na wegen Castor-Express.«

»Darüber habe ich noch nie nachgedacht.«

»Zum Glück. Wäre auch schlimm, irgendwie.«

»Mein Großvater hieß Pollux, seine Eltern waren besessen von der griechischen Mythologie, der Vater war Archäologe, die Mutter Antikenwissenschaftlerin. Pollux hatte, bis er 30 war, einen Zwillingsbruder namens Castor, der dann starb. Mein Opa kam nie drüber hinweg. Ich kenne so viele Geschichten von Castor, es ist, wenn man Opa Pollux zugehört hat, immer ein bisschen so gewesen, als gäbe es Castor noch, als sei er nur verreist. In fast jedem Gespräch, das man mit meinem Großvater führte, kam auf die ein oder andere Weise sein Bruder vor. Und wenn irgendetwas anstand, Prüfungen, Reisen, hat Opa gesagt: Castor sei mit dir. Vor einigen Jahren starb Opa Pollux, und seither fehlt nicht nur er mir, auch Castor fehlt mir. Für mich ist er eigentlich erst mit Pollux gestorben. Und als ich letztes Jahr unerwartet schwanger wurde, wusste ich: Castor. Einen Mädchennamen gab es gar nicht erst.«

»Wahrscheinlich wird Castor sein Kind dann Pollux nennen müssen, weil er sich schlecht fühlt, dass nun nur er wiedergeboren wurde und diesmal Pollux fehlt«, sage ich.

»Hey, hör auf, so was darfst du nicht sagen. Und wer sagt, dass ich nicht noch einen Sohn kriege?«

»Stimmt auch wieder.«

»Wie lange wohnst du hier schon?«, frage ich dann.

»Sieben Jahre. Und weißt du, was irre ist?«, fragt sie. »Ich kenne fast alle, die in diesem Haus wohnen, ich registriere die Ausziehenden und die neu Einziehenden, nur meinen direkten Nachbarn, den kenne ich nicht. Noch nie gesehen. Da müsstest du jetzt mal klingeln, das würde mich interessieren.«

»Vielleicht wohnt da ja niemand?«, sage ich.

»Doch, da ist ein Name an der Tür und ich höre immerzu Geräusche. Ich höre, wie Musik spielt, so eine seltsame asiatische Zupfmusik, oder vielleicht auch was aus dem Balkan? Es ist immer dieselbe Melodie. Vielleicht spielt er oder sie die auch selbst? Auf einer Art Harfe? So stelle ich es mir vor. Und manchmal plätschert die Wanne, als ließe sich jemand ein Bad ein. Oder als wäre da ein riesiges Aquarium. Unheimlich, was?«

»Und wann hörst du die Geräusche?«

»Fast immer nachmittags. Und abends, bis zehn. Regelmäßig. Wer auch immer da wohnt, hat jedenfalls keinen konventionellen Job. Und trotzdem betrügt uns seit sieben Jahren der Zufall und wir verpassen uns. Oder eben die Person da drüben geht nie raus. Nie. Und kriegt nie was geliefert. Da passiert einfach gar nichts an der Haustür, das hätte ich doch mal mitgekriegt.«

»Frag doch mal den Hausmeister oder Vermieter?«

»Ist das nicht Stalking?«

»Nö.«

»Hm«, sagt sie. »Weißt du, vielleicht will ich es gar nicht mehr wissen. Vielleicht muss es einfach ein Geheimnis bleiben.«

»Hey«, sagt sie dann schnell, »mir fällt ein, ich müsste doch noch etwas zu trinken haben. Ich habe noch diesen …« Sie steht auf, reckt sich zum Hängeschrank über dem Herd empor und öffnet das oberste Fach. »… da oben ist ein Wein.«

»Quatsch, lass doch«, sage ich.

»Den musst du trinken, den trinke ich doch im nächsten Jahr oder noch länger nicht.«

Als sie die Arme reckt und mit den Händen im obersten Schrankfach umhertastet, rutscht ihr Shirt etwas nach oben und ich kann ihren Bauch sehen. Die Haut ist ganz teigig und weiß, mit noch weißeren Streifen und kleinen blau-roten Strichen übersät. Bis vor vier Wochen war da ein Baby drin, sage ich mir. Und denke: Wir sind Aliens.

Dann hat sie den Wein, streckt ihn mir hin und grinst mich an.

»Hier. Genieß ihn, solange du noch kannst.«

»Danke, aber …«

»Jetzt nimm ihn.«

Dann dringt ein Krächzen aus dem Nebenzimmer.

»Oh nein«, sie reißt die Augen auf, hält schnell die Finger vor den Mund und flüstert: »Jetzt waren wir zu laut. So ein Mist.«

»Es tut mir so leid!«

»Macht nichts, warte.«

Sie eilt aus der Küche, und kommt kurze Zeit später mit dem Baby zurück. Es ist winzig. Es kräht, sie wippt es auf dem Arm hin und her.

»Ich gehe, okay? Danke für alles«, sage ich.

»Schade«, sagt sie, das Baby schaukelnd, »du warst ein besonderer Besuch. Schade, wirklich, ich hätte gern noch mehr von dir gehört. Vergiss den Wein nicht.«

Ich gehe raus, wir winken uns. Sie deutet auf den Wein, sagt: »Wo der Wein wohl gelandet wäre, wenn du heut nicht gekommen wärst? Dann hätt den jemand anders gekriegt. Dann wär irgendwas auf der Welt ein kleines bisschen anders gelaufen. So was macht dann den Unterschied am Schluss. So was Kleines. Also tschüss.«

Ihre letzten drei Worte gehen im Geschrei des Babys unter. Sie macht die Tür zu, dann ist das Krähen gedämpft und ich sehe an mir herunter.

Ich bin immer noch nass. Nicht mehr tropfend immerhin. Mir ist kalt. Ich lese noch mal das Schild. Lindqvist. Ich weiß ihren Vornamen gar nicht. Bestimmt heißt sie Adele. Sie sieht aus wie eine Adele. Ich gehe die Stufen hinunter.

Draußen regnet es. Ich halte den Wein fest in den Händen. Die nächste Kneipe ist meine, denke ich, die nächste Kneipe hat bestimmt einen Korkenzieher für mich.

Lieber als eine Kneipe wäre mir ein Schlaftreff. Ich wünsche mir Geselligkeit, nicht auf Barhockern, sondern auf Matratzen, keine Kneipen, sondern Schlafstuben. In denen es gut riecht, in denen es frische Bettwäsche gibt und keine anstrengenden Menschen. Ruhige Menschen, mit viel Prolaktin, von denen die meisten nur daliegen und mit sich eins sind. Und statt Rotwein gäbe es warme Milch mit Honig.

Über die Zugbrücke rattert ein Zug.

Albert

An einem Samstag, um 3 Uhr 28

Eine kurze Straße mit schmalen Häusern, keines höher als drei Stockwerke und obendrauf die immer gleichen alten Giebeldächer. Die Fenster, von altem weißem Holz gerahmt, hängen im Erdgeschoss tief, fast auf Hüfthöhe. Es fährt kein Auto und geht kein Mensch, und wenn ich nicht genau wüsste, dass ich mich noch in der Stadt befinde, wäre ich der festen Überzeugung, auf dem Land zu sein.

In dem kleinsten der Häuser ein erleuchtetes Fenster im ersten Stock. Es hängen keine Vorhänge davor. Braunes Gebälk an der Decke und ein einziges langes, dunkles Regalbrett, auf dem Bücher in kleinen Stapeln liegen, Holzfiguren, Dosen und Schachteln. Darüber hängen drei Bilder, ölskizzenartig.

Ich drücke einen kupferfarbenen Knopf, der ohne Fassung direkt in die Wand eingelassen ist. Die Klingel schellt sanft und dunkel wie der Anschlag eines Xylophons aus Holz.

Nach einer Weile knarzen hinter der Tür mehrere Treppenstufen und ein älterer Herr öffnet mir. Graues, sich wellendes Haar links und rechts am Kopf, dazwischen eine Glatze. Runde, tropfenförmig nach unten hängende Augen, die gut zu den großen alten Ohren passen. Kein Bart. Sein dunkelroter Pulli hat einen V-Ausschnitt, darunter ist ein blauweiß gestreiftes T-Shirt zu sehen. Die Hose eine ausgewaschene Jeans, an den Füßen Birkenstock-Sandalen. Er steht auf einem buntgewebten Teppich, aus der Wohnung dringt der Geruch von Sauerteig und warmem Kerzenwachs.

Nicht einmal einen halben Meter hinter ihm führt eine hölzerne Treppe nach oben, sie glänzt wie Honig, so warm strahlt das Licht aus dem oberen Raum auf sie herunter.

»Hm …«, sagt er, als ich ihm erzähle, was ich mache, und zieht das ›m‹ dabei interessiert nach oben, »… also, das gefällt mir, muss ich sagen! Wie lange brauchst du denn?«

So lange er möchte, sage ich, und schon nickt er einverstanden und winkt mich energisch herein, an ihm vorbei in den engen Flur, der sich nach rechts zu zwei weiteren dunklen Räumen mit angelehnten Türen öffnet.

»Albert heiß ich«, sagt er, als er die Tür schließt. Dann steigen wir die knarzende Holztreppe hinauf. Oben angelangt, stehen wir direkt in dem Zimmer, das ich von der Straße aus gesehen habe: ein großer Raum mit zwei Fenstern nach vorn raus. Gegenüber, an der linken Wand, eine längliche Kommode, weiß, darauf einige blumenlose Vasen und ein Haufen ausgeschnittener Zeitungsartikel. Davor ein ebenfalls weißer Tisch mit vier verschiedenfarbigen Stühlen drum herum. Eine zweite Tür führt nach hinten raus.

»Was ist dahinter?«, frage ich.

»Ein Balkon«, sagt Albert.

»Eine komische Balkontür«, sage ich. »Normalerweise haben Balkontüren einen Glaseinsatz.«

»Bist du Schreinerin?«, fragt er.

»Das wäre nicht schlecht«, sage ich.

Er schreitet entschlossen auf die Tür zu und öffnet sie.

»Bitte sehr«, sagt er.

Kühle, feuchte Nachtluft weht uns entgegen.

»Wenn du nicht so eine bist, die gleich erfriert, können wir draußen sitzen«, schlägt er vor.

Auf dem Balkon stehen drei Holzstühle mit verstellbaren Lehnen, eine davon weit zurück gelehnt, davor ein Hocker für die Füße. In drei Töpfen auf dem Boden wachsen zarte grüne Pflänzchen.

»Was sind das für Pflänzchen?«, frage ich.

»Ha!«, ruft Albert triumphierend. »Schön, was? Find ich auch. Das kannst du nachher gleich mal meiner Frau sagen, wenn sie aufwacht! Also, falls du so lange bleibst.«

»Wieso?«, frage ich.

»Weil das in der Tat sehr schöne Pflänzchen sind. Sie laufen unter dem Oberbegriff ›Unkraut‹. Zu Unrecht, haha, wie ich finde. Man kann sie sogar essen. Man kann ja sowieso viel mehr essen, als man glaubt.«

Er greift mit seinen großen Händen in einen der Töpfe, in dem das Unkraut am dichtesten wächst, und rupft ein paar Strünke heraus. Die eine Hälfte reicht er mir, die andere schiebt er sich selbst in den Mund.

»Iss! Mach ich dauernd. Passiert gar nix.«

Ich zögere. Albert kaut und grinst. Dann stecke auch ich mir die Kräuter in den Mund.

Sie schmecken nussig, ein bisschen sauer, nach Gras. Ich muss daran denken, dass ich als Kind oft Gras gegessen habe. Und Sauerklee. Am liebsten hätte ich alles gegessen, was draußen wächst. Einmal habe ich die gelben Blüten der Forsythien gegessen, aber die haben Durst und Bauchschmerzen gemacht, und dann bin ich nach Hause gelaufen und hab so lange aus dem Gartenschlauch getrunken, bis die Bauchschmerzen weg waren.

»Also, ich kann dir sagen: Vogelmiere ist dabei und Portulak und Springkraut. Den Rest muss ich erst noch nachschauen.«

Der Himmel ist viel heller als sonst, dabei ist gar kein Mond mehr zu sehen. Durch das hölzerne Balkongeländer kann man in den Garten blicken. Es ist ein winziger Garten, der zaunlos an die ebenso winzigen Gärten der benachbarten Häuser grenzt. Fast alle Bewohner scheinen das Gras wild wachsen zu lassen, hohes Gestrüpp und wilde Blumen stehen zwischen knorrigen Bäumen, dazwischen wurden kleine Flächen für Tische und Stühle, einen Sandkasten oder ein Planschbecken freigemäht.

Ich frage Albert nach seinem Beruf.

Er ist, also war, sagt er, Bäcker. Mit seiner Frau zusammen hatte er einen Laden, einen Kiosk »mit allem Möglichen«, auch mit einer kleinen Backstube. Bis er 55 Jahre alt war, hat er gebacken, dann hat es ihm gereicht. Er wollte wieder mehr Zeit für sich, wollte endlich Rentner sein und sich um das zweite, damals gerade geborene Enkelkind kümmern. Alberts jüngste Tochter und ihr Mann wohnen nämlich gegenüber.

Alberts Frau Maria blieb im Laden. Sie hatte noch keine Lust, aufzuhören. Holte sich einen jungen Gehilfen dazu und ersetzte so ihren Mann. »Sie wird arbeiten, bis sie eines Tages tot umfällt«, sagt Albert, »sie liebt den Laden.«

Nach einem Jahr Rentnerdasein wurde es ihm dann aber doch etwas fad.

»Das frühe Aufstehen hab ich nicht mehr raustrainiert bekommen aus meinem Organismus. Ich wollte, naja, vielleicht doch wieder eigenes Geld verdienen. Also hab ich einen Job als Zeitungsauslieferer angenommen.«

Drei Jahre lang hat er das gemacht. »Aber immer nur von April bis August« sagt er, »die Wintermonate hab ich ausgespart, das lasst mal die Jüngeren machen, nicht so einen alten Mann wie mich, habe ich ihnen gesagt.« Er nickt selbstzufrieden.

»Toll war das, ein frühes Aufstehen von einer ganz anderen Qualität als das frühe Aufstehen eines Bäckers. Man wird so herrlich in Ruhe gelassen. Nichts lärmt, kein grelles Licht, keine Menschen. Jeden Morgen spektakuläre Sonnenaufgänge, wilde Wolkenkombinationen in rot, gold, lila. Kann man einfach vor sich herfahren mit dem Rad, quer durch die Sommernacht, und aus den Fahrradtaschen riecht es nach feuchter Druckerschwärze und man hat sie alle im Gepäck, die noch ungelesenen Nachrichten des Tages. Hab mich nochmal richtig jung gefühlt. Im Morgengrauen durch die Straßen radeln, ich glaub, das ist wahre Freiheit.« Er seufzt. Und greift nochmal in die Kräuter. Hält mir eine Handvoll hin und schiebt sich selbst welche in den Mund.

»Aber jetzt ist gut. Schluss. Jetzt hab ich für immer frei«, sagt er.

Albert geht jeden Abend um sechs, halb sieben ins Bett. Und morgens steht er um zwei, halb drei, manchmal drei und wenn er richtig faul ist, um halb vier auf. Seine Frau schläft dann noch, sie schlafen zusammen in einem Bett, unten neben der Küche. Sie wacht von seinem Aufstehen schon lange nicht mehr auf.

Merkwürdig, denke ich, dass die Zeit, die ich als »Nacht« bezeichne, für Albert immer der »Morgen« ist. Eigentlich ist es ein bisschen, als gäbe es für ihn gar keine Nacht. Es gibt den »Abend«, an dem er zu Bett geht, also die Zeit zwischen sechs und neun Uhr, und es gibt das, was danach kommt, ab zwei Uhr. Die Aufstehzeit. Der Morgen. Für einen Moment kippt meine Wahrnehmung der Nacht. Die Nacht ist plötzlich kein Ende mehr, kein toter Punkt, sondern etwas Neues. Nichts Dunkles, sondern etwas Helles.

»Und wie verbringst du jetzt die Zeit?«, frage ich.

»Ich lese, gehe spazieren. Kümmere mich um die Enkelkinder. Halt alles, was ich vorher in der Freizeit gemacht hab. Das Einzige, was ich gar nicht mehr mache, ist backen. Wenn man beschließt, sich von etwas abzunabeln, dann muss man radikal sein!«

Jetzt, glaubt Albert, ist sein Leben so, wie Leben am meisten Spaß macht. »Alt werden ist natürlich schon allein deshalb keine schöne Sache, weil einem die Knochen krachen und das sichere Ende naht«, sagt er, »aber vom Alltagsempfinden her ist es die beste Zeit. Mein ältester Enkel ist jetzt 23 und er sagt zu mir: ›Opa, du bist ein Fels der Gelassenheit!‹ Das freut mich. Ich hatte nie ein richtiges Lebensziel, aber jetzt im Nachhinein denke ich: Das kann man doch mal als Lebensziel durchgehen lassen. Ein Fels der Gelassenheit zu sein.«

Dann knarzt es hinter uns und die Balkontür geht auf. Eine ältere Dame im blauen Bademantel sieht uns verschlafen an: »Aha, Besuch?«

»Wir haben eine Forscherin zu Besuch!«, sagt er.

»Eigentlich bin ich gar keine Forscherin«, sage ich. »Sondern nur neugierig.«

Die alte Frau guckt Albert skeptisch an.

Albert guckt mich an.

»Lügen ist nicht gut«, sagt er und dreht seinen Kopf nachdenklich Richtung Garten.

»Was bitte wollen Sie denn hier eigentlich?«, sagt die Frau jetzt etwas lauter zu mir und ich kriege ein bisschen Angst. Ich schäme mich und weiß nicht, was ich antworten soll. Und dann sage ich etwas sehr Blödes, aber es ist das Einzige, was mir einfällt.

»Wir haben zusammen Unkraut gegessen.«

»Ich bringe dich lieber mal raus«, sagt Albert und wir stehen auf und gehen den Weg zurück, den wir hochgekommen sind.

Auf der honigfarbenen Treppe werde ich traurig und im selben Moment werden meine Füße immer schneller und unten reiße ich die Haustür auf, schlage sie mit einem Wumms hinter mir zu und laufe und laufe und laufe, bis ich dreimal um die Ecke gebogen bin. Vor der Mauer am Rande eines Parks bleibe ich stehen. Ich klettere an ihr hoch. Und bleibe auf ihr sitzen, bis das erste Licht der Morgensonne zwischen den Wolken hervortritt wie die Glut unter der Asche.

Hanna

An einem Donnerstag, 3 Uhr 12

Ich fröstele. Der Sommer geht jetzt rapide zu Ende, die heißen Nächte werden weniger, unter meinen Füßen krachen die ersten gelben Blätter. Ich suche die Hausfassaden ab. Diesmal ist es ein Rundbogenfenster in einem dieser hochgewachsenen Häuser, die meistens ein Türmchen dran haben und die so aussehen, als wohnten darin nur Menschen, wie man sie von alten Stadtfotografien kennt. Solche, die sonntags in langen Mänteln und großen Hüten durch den Park spazieren.