Informationen zum Buch

Wohin steuert die Türkei?

Die Türkei ist als Brücke zwischen Europa und der islamischen Welt für uns von großer Bedeutung. Drei Millionen Menschen türkischer Herkunft leben in Deutschland. Dieses Buch hilft, die innertürkischen Veränderungen, aber auch das Leben und die Konflikte innerhalb der türkischen Community in Deutschland zu verstehen. Ein erhellender Generationenbericht, der mit Klischees aufräumt.

Zwei Jahre nachdem im Frühsommer 2013 die Proteste gegen die Regierung Erdogan und die Zerstörung des Istanbuler Gezi-Parks ausbrachen, werfen die Autorinnen einen Blick auf die junge Türkei, auf kulturelle, ökologische, wirtschaftliche Entwicklungen, die das Land grundlegend verändern.

Vor allem seit die muslimisch-konservative Partei AKP die Regierung stellt, scheint es, als habe sich der Druck auf die junge Generation erhöht, sich künstlerisch und persönlich zu entfalten und einer Entwicklung gegenzusteuern, deren Triebkräfte die engen Moralvorstellungen und finanziellen Interessen des türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan sind. Ein erhellender Generationenbericht, der mit gängigen Klischees aufräumt.

Aus dem Inhalt:

Kunst in der Türkei: Malt jetzt bloß nichts Nacktes!

Stadtplanungswahnsinn: Morgen kommt die Abrissbirne

Religion: Marx und Moschee

Ausgehen in Istanbul: Die Berghains von Istanbul

Mit falschem Trikot im falschen Stadtteil: Istanbul United

Frauen und Familie: Mir geht’s gut, Mama!

Karen Krüger ★ Anna Esser

Bosporus reloaded

Die Türkei im Umbruch

Für unsere Väter

Inhaltsübersicht

Informationen zum Buch

Einleitung

1. Falkenspione und Säbelrasseln
Ein Schnelldurchgang durch die jüngere türkische Geschichte. Was es mit »weißen« und »schwarzen« Türken auf sich hat, warum Sarajevo wieder zum Osmanischen Reich gehören soll und wieso ein kleiner israelischer Turmfalke der Polizei übergeben werden musste. Im Gezi-Park liebten alle Menschen einander, ansonsten aber gilt: Der beste Freund des Türken ist immer der Türke.

2. Morgen kommt die Abrissbirne
Stadtplanungswahnsinn in Istanbul: Über Viertel, die in kürzester Zeit dem Erdboden gleichgemacht werden, neue Bosporus-Brücken, verschwindende Grünflächen und über den vergeblichen Kampf um das älteste Kino der Stadt. Über Erdoğans Hang zu Größenwahn, seine Liebe für religiöse Symbole im öffentlichen Raum und was die Stadtbewohner dazu sagen.

3. Marx und Moschee
Warum die Religion seit einigen Jahren immer sichtbarer wird und warum es immer mehr Frauen gefällt, ein Kopftuch zu tragen. Von antikapitalistischen Muslimen und dem gemeinsamen Fastenbrechen auf der Straße. Konflikte zwischen jungen Gläubigen und jungen Säkularen und das fragwürdige Verhältnis der Regierung zu muslimischen Extremisten.

4. Mir geht’s gut, Mama!
Warum es gefährlich ist, in der Türkei eine Frau zu sein, was es mit der Familienehre auf sich hat und warum die Regierung Mütter über alles liebt. Über die täglichen Telefonate erwachsener Kinder mit Mama und über Mütter, die während der Gezi-Park-Proteste irgendwann keine Lust mehr hatten, nur Töpfe zu schlagen. Über lauernde Fettnäpfchen bei Familienfeiern und wie man sie am besten umgeht.

5. Medien und wütende Pinguine
Mit der Pressefreiheit geht es in der Türkei seit Jahren bergab: Von schreibenden Lakaien der Regierung und Journalisten, die wegen kritischer Berichte im Gefängnis landen. Wieso während der Gezi-Revolte Pinguine bei den Demonstrationen mitliefen, warum Erdoğan manchmal bei Zeitungsverlegern anruft und wie Internet-Nerds und Karikaturisten der AKP die Stirn bieten.

6. Verliebt, verlobt, verheiratet
Komm bloß nicht auf die Idee, nicht zu heiraten: Von den geheimen Codes zwischen Männern und Frauen und dem allgegenwärtigen Hochzeitswahn. Von Prinzessinnen und Beschützern, von gleichgeschlechtlicher Liebe und der Hassliebe der türkischen Gesellschaft zur Transvestiten-Kultur. Wo lernt man sich wie kennen, und wie macht man auf Türkisch Schluss? Über Beziehungen in der Türkei.

7. Jeder Türke wird als Soldat geboren
Die türkische Armee besitzt eine eindrucksvolle Größe und vermarktet sich als Schule der Nation. Es besteht die allgemeine Wehrpflicht, doch immer weniger Türken haben Lust auf den Dienst an der Waffe. Über Krieg im Osten und Wacheschieben an einer Parkbank, die sich schuldig gemacht hat, über verkrustete Männlichkeitsbilder und Kriegsdienstverweigerer im Gefängnis, über Selbstverstümmelung und Studieren an der Fernuniversität als Flucht vor dem Militär.

8. Malt jetzt bloß nichts Nacktes!
Von bekannten Künstlern und solchen, die es noch werden wollen. Die junge türkische Galerieszene, reiche Mäzene, unabhängige Kunsträume und das bizarre Kunstverständnis der muslimisch-konservativen AKP. Warum im osttürkischen Kars ein Mahnmal abgerissen wurde, wieso viele junge Künstler ihren Beruf wieder an den Nagel hängen und weshalb seit der Gezi-Revolte eine neue Zeitrechnung unter Kreativen herrscht.

9. Istanbul United
Fenerbahçe, Beşiktaş, Galatasaray: Die meisten Istanbuler sind verrückt nach Fußball und würden sterben für ihren Verein. Von Ultras, die sich aus Hilfsbereitschaft bis auf die Unterhose entkleiden und während der Gezi-Revolte Tränengas schluckten, und von einem Mann, der die Fankultur in der Türkei revolutionierte und jetzt lebenslang hinter Gitter soll.

10. Hände weg von Baum und Tier!
Wildschweinretter, Protestcamps, Gartenguerilla: Wie sich junge Leute für den Erhalt ihrer Umwelt einsetzen und vom Erfolg der ersten Stadtteilgärten. Früher wurden sie vertrieben und getötet, doch nun gilt: jeder streunenden Katze ihr Häuschen, jedem Straßenköter seinen Napf – nachbarschaftliche Hilfsaktionen zur Rettung freilebender Tiere.

11. Herz und Schmerz in den Traumvillen am Bosporus
Ein Abend ohne Fernsehen ist undenkbar: Über die Bedeutung der Daily Soaps als Vorbild für Lebensmodelle, Sitte und Moral. Null Probleme mit den Nachbarn und Soft-Power-Diplomatie oder warum türkische Serienstars im Nahen Osten wie Popstars verehrt werden und welche politischen Vorteile Ankara daraus zieht.

12. Spiel’s noch einmal, Tayyip
Vom Schul-Proberaum auf die großen Bühnen, Headbanging in dunklen Einkaufspassagen, nationalistische Misstöne gegen kurdische Künstler und schnulzige Geburtstagslieder für reiche Istanbulerinnen. Warum türkische Rockmusiker lange brauchten, um in ihrer Muttersprache zu singen, und was es mit Erdoğans Liebe zur Arabesk-Musik auf sich hat.

13. Drei Punkte mehr, und ich wäre heute Chirurg statt Ingenieur
Von der Schule an die Universität: Strammstehen, Auswendiglernen, die Sehnsucht nach dem großen Geld. Was man in der Türkei studiert, hat oft nichts mit persönlichen Vorlieben zu tun. Entscheidend ist das Ergebnis bei einer landesweiten Prüfung, für die mindestens ein Jahr lang gebüffelt wird. Über den Alltag an der Universität, das Berufsleben und die Arbeitssicherheit in der Türkei.

14. Die Berghains von Istanbul
Tanzen bis zum Morgengrauen: Das Istanbuler Nachtleben kann sich inzwischen durchaus mit anderen europäischen Großstädten messen. Verblüffende Unterschiede gibt es trotzdem: Warum internationale Musiker ihr Konzert unterbrechen, man ohne weibliche Begleitung nicht in eine Disco kommt und warum in den Clubs in der Regel nur unverheiratete Nachtschwärmer anzutreffen sind.

Über Karen Krüger und Anna Esser

Impressum

Wem dieses Buch gefallen hat, der liest auch gerne …

Einleitung

Die Türkei ist uns nah. Etwa drei Millionen Menschen türkischer Abstammung leben in Deutschland. Sie haben wichtige Positionen in Politik und Gesellschaft inne, sie sind unsere Nachbarn, Kollegen, Freunde. Zum Bild deutscher Städte gehören türkische Reisebüros und Lebensmittelläden ganz selbstverständlich mit dazu. Die Türkei ist eines der liebsten Ferienziele der Deutschen. Gern erzählt man sich, wie nett und gastfreundlich die Menschen dort sind, und berichtet etwa von dem hervorragend Deutsch sprechenden jungen Teppichverkäufer, mit dem man während des letzten Urlaubs bei mehreren Gläsern Apfeltee stundenlang über Gott und die Welt geplaudert hat. In einigen Jahren wird das Land möglicherweise zur EU gehören und damit noch näher an Deutschland heranrücken.

Nach mehr als 50 Jahren Zuwanderung aus der Türkei wäre anzunehmen, dass man sich kennt, doch noch immer bestimmen vor allem Unwissenheit und Schubladendenken das Miteinander. Wer sonntagabends den Fernseher einschaltet, begegnet weiteren gängigen Klischees: »Junge Türken«, das sind vom Fitnessstudio gestählte Muskelpakete, die abends in der Shisha-Bar abhängen, herumlärmen, jeder Frau hinterherpfeifen und einem an der Ampel in ihrem tiefergelegten 3er BMW die Vorfahrt nehmen; das sind junge Frauen mit Kopftüchern, die untergehakt im sicheren Grüppchen durch die Stadt huschen; das sind schnauzbärtige Kerle, die wie stark verjüngte Ausgaben des türkischen Staatspräsidenten wirken, also überaus leicht reizbar sind und fromm. Doch die Erfahrung zeigt: Die meisten jungen Deutsch-Türken fallen nicht als solche auf, weil sie ganz und gar nicht diesen stereotypen Vorstellungen entsprechen. Dennoch werden diese gängigen Vorurteile nicht selten auf die jungen Menschen in der Türkei projiziert.

Und so trauten viele Deutsche kaum ihren Augen, als im Frühsommer 2013 die Proteste gegen die Regierung Erdoğan aubrachen, die zur Zerstörung des Istanbuler Gezi-Parks führten. Im Fernsehen sahen sie auf einmal junge Türken, die so ganz anders wirkten als jene, die hier das Klischee bestimmen: nämlich aufgeschlossen, dynamisch, kreativ, in jeder Hinsicht modern, und zwar in einem Maße, dass man ohne Weiteres hätte denken können, die Fernsehbilder der wütenden jungen Leute stammten aus Berlin, Barcelona oder New York. Von Bekannten hörten wir, die Autorinnen, in dieser Zeit sehr oft den Satz: »Die jungen Türken in der Türkei haben wir uns irgendwie ganz anders vorgestellt.«

Die Gezi-Proteste rückten eine junge türkische Generation ins öffentliche Bewusstsein, die es unbedingt verdient hat, gehört und beachtet zu werden. Die Revolte haben wir beide über Wochen hinweg in unterschiedlichen Rollen begleitet: die eine als engagierte Bewohnerin Istanbuls, die andere als Journalistin. Wir schauen mit deutschem Blick auf Dinge, die uns einerseits fremd, durch unsere Biographien aber auch sehr vertraut sind. Denn wir sind, obwohl wir beide in Deutschland geboren wurden, in dieser türkischen Generation und mit ihr aufgewachsen. Sie ist uns vertraut: Ende der 1980er, Anfang der 1990er Jahre beschlossen unsere jeweiligen Eltern, ein berufliches Abenteuer in der Türkei zu wagen: Anna Esser war elf Jahre alt, als sie von einer rheinland-pfälzischen Kleinstadt nach Istanbul zog, Karen Krüger kam im Alter von vierzehn Jahren aus einem südbadischen Dorf an den Bosporus. Unsere Momentaufnahmen und Porträts sind das Ergebnis eines neugierigen, empathischen Miterlebens, das nicht immer einfach, nicht immer konfliktfrei, meistens aber großartig und aufregend war und ist: Die Türkei befindet sich derzeit an einem Scheideweg, und noch ist unklar, wohin die Reise geht. Es liegt in den Händen der jungen Generation, ob das Land sich weiter den Prinzipien einer Demokratie zuwenden wird oder sein Heil in einer autoritären, religiös geprägten Staatsführung sucht.

Eine demokratisch regierte Türkei ist als Brücke zur islamischen Welt für uns alle von großer Bedeutung. Der Ausgang der Parlamentswahlen im Juni 2015 war in dieser Hinsicht ein großer Hoffnungsschimmer. Erstmals nach zwölf Jahren hat Recep Tayyip Erdoğans »Adalet ve Kalkınma Partisi«, die »Partei für Gerechtigkeit und Aufschwung«, kurz AKP, die absolute Mehrheit verloren. Sie kam nur noch auf knapp 41 Prozent der Stimmen. Die größte Oppositionspartei, die kemalistische »Cumhuriyet Halk Partisi«, die »Republikanische Volkspartei«, CHP, machte ebenfalls deutliche Verluste und landete mit 25 Prozent weit abgeschlagen auf dem zweiten Platz. Als eigentliche Sieger der Wahl wurden die Wähler und Politiker der pro-kurdischen »Halkların Demokratik Partisi«, der »Demokratischen Partei der Völker«, kurz HDP, gefeiert. Erstmals übersprang die 2012 gegründete Partei die Zehn-Prozent-Hürde und brachte es auf 13 Prozent der Stimmen. Die Menschen erkannten sie als klare politische Alternative. Die Beschwörung eines pluralistischen, multi-ethnischen Wir und der charismatische Co-Vorsitzende der Partei, Selahattin Demirtaş, überzeugten nicht nur Kurden, sondern auch Wähler aus dem kemalistischen Establishment.

Der Wahlausgang markierte eine Abfuhr an das autokratische Regime Erdoğans und ist ein demokratischer Etappensieg. Eine andere Türkei ist wieder denkbar. Denn bei der Abstimmung ging es um mehr als um die künftige Zusammensetzung der Volksvertretung und Regierung. Zur Wahl stand indirekt auch die Frage, ob die Türkei im Zuge einer Verfassungsänderung ein Präsidialsystem bekommt, das es Erdoğan ermöglicht hätte, seine Macht noch weiter auszubauen. Offensichtlich wollen die Wähler das nicht. Für die AKP waren es deshalb »verunglückte« Parlamentswahlen und die Koalitionsverhandlungen zeigten schnell, dass tatsächlich keine Partei der Erweiterung von Erdoğans Kompetenzen zustimmen wird.

Wie sehr Erdoğan an seiner Macht festhält und wie wenig der demokratische Wille der Bürger für ihn zählt, offenbarte sich noch bevor er die Verhandlungen für gescheitert erklärte: Nach dem verheerenden Selbstmordattentat in der türkisch-syrischen Grenzstadt Suruç im Juli 2015 flogen türkische Kampflugzeuge erstmals Einsätze gegen Stellungen der Terrororganisation »Islamischer Staat« (IS) in Syrien. Die internationale Staatengemeinschaft begrüßte diesen Schritt; im Kampf gegen den islamistischen Terror war die Türkei bis dahin äußerst zurückhaltend gewesen. Parallel zu den Einsätzen gegen den IS begann das türkische Militär jedoch auch, Stellungen von PKK-Kämpfern zu bombardieren, und die Regierung kündigte den Friedensprozess mit der auch in der Türkei als terroristisch eingestuften Arbeiterpartei PKK auf. Bei landesweiten Verhaftungswellen, die angeblich der Bekämpfung des Terrors dienten, wurden weniger Kämpfer des IS festgenommen als vor allem Kurden: mutmaßliche PKK-Sympathisanten, aber auch Anhänger der HDP und andere linke Aktivisten. Offiziell begründete Erdoğan die Kehrtwende der Regierung mit Attentaten der PKK auf türkische Polizisten. Der tatsächliche Hintergrund ist jedoch ein anderer: Die politische Bewegung der Kurden soll nachhaltig geschwächt werden, um die alten Machtverhältnisse im Land wiederherzustellen. Erdoğan will verhindern, dass die im Kampf gegen den IS sehr erfolgreichen Kurden jenseits der türkischen Grenze ein zusammenhängendes Gebiet kontrollieren. Zudem soll mit der Aufkündigung des politischen Dialogs die pro-kurdische HDP diskreditiert und  indem der Partei ideologische Nähe zur PKK unterstellt wird – kriminalisiert werden. Denn nur Neuwahlen könnten Erdoğan und seiner AKP wieder ihre ungestörte Mehrheit zurückbringen. Sie sollen nun im Spätherbst 2015 stattfinden.

Der Blick in die Türkei hilft, das Leben und die Konflikte in der türkischen Community in Deutschland zu verstehen. Die hier lebenden Deutsch-Türken existieren nicht losgelöst von ihren Familien, Freunden und Bekannten in der Türkei. Bestimmte soziale Konstellationen, wie etwa die Funktionsweise der Familie, gleichen einander. Es macht kaum einen Unterschied, ob man in ein Wohnzimmer in Stuttgart-Feuerbach schaut oder in eines im Istanbuler Stadtteil Bakırköy. Auch gewisse Trennlinien, die in der türkischen Gesellschaft zu beobachten sind, bilden sich unter Deutsch-Türken ab. Allen voran jene zwischen Säkularen und Religiösen. Deutsch-Türken, die Erdoğan bei seinen Wahlkampftouren in Berlin oder Köln zujubeln, begeistern sich aus den gleichen Gründen für ihn wie ihre Angehörigen und Freunde in der Türkei. Genauso verhält es sich mit dem Protest der Deutsch-Türken, die gegen eben jene Auftritte demonstrieren: Sie sind überzeugt, dass Erdoğan einer echten Demokratie in der Türkei im Wege steht. Auch deshalb zeigten sie sich im Sommer 2013 solidarisch mit den Gezi-Aktivisten. Zahlreiche von Deutsch-Türken organisierte Aktionen in deutschen Innenstädten machten damals auf das mutige Aufbegehren der jungen Generation in der Türkei aufmerksam.

In welchem gesellschaftlichen Kontext bewegt sich diese Generation? Wie lebt und liebt sie, was sind ihre Nöte, ihre Ideale? Wie schaut sie auf den Rest der Welt? In Deutschland ist es für junge Leute seit langem selbstverständlich, durch ferne Länder zu reisen. Junge Türken hingegen überschritten Grenzen über Jahrzehnte hinweg höchstens als Gastarbeiter. Damals wie heute sind Urlaubsreisen ins Ausland nur für eine gut betuchte Minderheit möglich.

Die in den neunziger Jahren geborene Generation ist allerdings die erste, die mit universitären Austauschprogrammen Europa erleben kann. In Fernsehen und Internet sieht sie die Bilder von Bewegungen wie Occupy und Blockupy und nimmt auch über die sozialen Medien daran Anteil. Die jungen Leute sprechen Englisch – viele von ihnen nicht etwa, weil sie es in der Schule richtig gelernt hätten, sondern weil Englisch die Sprache ihrer Computerspiele ist, die in ständiger Kommunikation mit anderen gespielt werden, und weil sie im Netz amerikanische Fernsehserien gucken und Songs herunterladen. Es ist eine Generation, die den Wert einer intakten Natur erkannt hat und deren Zerstörung nicht zulassen will. Sie ist an Politik interessiert, doch es fehlt ihr an Erfahrung, wie man am politischen Geschehen partizipiert. Anders als ihre Väter und Großväter, die irgendwann resignierten, nimmt die junge Generation es nicht mehr hin, dass man ihr demokratische Rechte und persönliche Freiheiten verweigern will. Sie begehrt gegen eine Regierung auf, die Macht vor Recht walten lässt und Entscheidungen ohne Rücksicht auf die Wünsche und Hoffnungen der Bürger trifft. Die junge Generation mag vielleicht noch keine großen Taten vollbringen. Atomkraftwerke werden trotzdem gebaut, Grünflächen müssen Hochhäusern weichen, Menschenrechte werden verletzt, allen Protesten zum Trotz. Dennoch sollte man ihr Engagement nicht unterschätzen. Der Gezi-Park ist zu einem Sinnbild für den Widerstand des türkischen Volkes gegen die Bevormundung durch die Regierung Erdoğan geworden.

Das Aufbegehren ist besonders bemerkenswert, wenn man sich die schwierigen Bedingungen vor Augen hält, unter denen die junge Generation in der Türkei leidet. Das Land mit seinen fast 80 Millionen Einwohnern ist tief gespalten zwischen Arm und Reich, säkular und religiös, Ost und West und Menschen mit guter und weniger guter Schulbildung. Die Türkei war nie moderner als heute, gleichzeitig ist die Gesellschaft Zugkräften ausgesetzt, die der Pluralisierung von Lebensentwürfen massiv zuwiderlaufen. Seit dem Jahr 2002 hatte allein die AKP die Fäden in der Hand. Sie ist eine Partei, die Religion zwar nicht im Namen trägt, sich aber auf den Islam bezieht. In einem Land, in dem 99 Prozent der Bevölkerung muslimischen Glaubens sind, mag das naheliegen. Doch es sind längst nicht alle Türken so gläubig wie der konservative Kern der AKP-Anhänger oder wie der AKP-Mitbegründer Recep Tayyip Erdoğan, der mächtigste Politiker im Land.

Seit 2014 hat Erdoğan das Amt des Staatspräsidenten inne, zuvor stand er elf Jahre lang als Ministerpräsident der Regierung vor. Als Erdoğans konservativ-muslimische AKP im Jahr 2002 die Parlamentswahlen mit überwältigender Mehrheit gewann, befürchteten säkulare Kritiker das Schlimmste und sahen iranische Verhältnisse heraufziehen. Ihre düsteren Prophezeiungen erfüllten sich nicht, im Gegenteil: Die neugewählte Regierung setzte in zügigem Tempo Wunschreformen aus Brüssel um und trieb die Annäherung an den Westen in der Hoffnung auf einen baldigen EU-Beitritt voran. Die Wirtschaft des Landes, durch jahrzehntelange staatliche Lenkung erstarrt, geriet in Bewegung und erlebte ein immenses Wachstum, was auch Skeptiker dazu bewegte, bei nachfolgenden Wahlen ihre Stimme der AKP zu geben. Erdoğan knüpfte vielversprechende diplomatische und wirtschaftliche Verbindungen zu den Nachbarstaaten, ließ Straßen, Krankenhäuser und Schulen errichten. Außerdem baute er Moscheen, wogegen ebenfalls nichts einzuwenden war, da frühere Regierungen die religiösen Bedürfnisse der Bürger zutiefst vernachlässigt hatten.

Die Religion, die der Staat jahrzehntelang aus der Öffentlichkeit verdrängt hatte, kehrte als gemäßigter Islam dorthin zurück. Erdoğan und seine AKP gaben den Gläubigen etwas, das ihnen seit der Gründung der türkischen Republik nicht vergönnt gewesen war: Selbstbewusstsein. Die Regierung ermöglichte ethnischen Minderheiten, sich kulturell bemerkbar zu machen, und stieß den Friedensprozess mit den Kurden an. Auch den dunklen Kapiteln der türkischen Vergangenheit wandte sich das Land langsam zu: Statt nur türkische Heldengeschichten auswendig zu lernen, konnte in manchen Schulen und Universitäten erstmals auch über heikle Themen diskutiert werden. Die Gesellschaft erlebte einen Demokratisierungsschub, der das Interesse der jungen Generation an politischer Teilhabe weckte und den zivilgesellschaftlichen Bewegungen völlig neue Handlungsspielräume eröffnete. Auf einmal schien die Türkei der Welt zu beweisen: Ein muslimisches Land kann wirtschaftlich erfolgreich und zunehmend demokratisch sein, ohne den Islam zu verleugnen.

Die anfängliche Euphorie vieler Türken und internationaler Beobachter über diese Entwicklung verflog allerdings schnell. »Die neue Türkei«, zu der Erdoğan das Land umformen will, hat in den vergangenen Jahren immer mehr Gestalt angenommen. Ankara hat eine ganz eigene Definition von Demokratie. Erdoğan, der als Staatspräsident eigentlich zu parteipolitischer Zurückhaltung verpflichtet ist, mischt sich in alles ein. Die Türkei ist heute außenpolitisch weitgehend isoliert. Das Wirtschaftswachstum stagniert, Investoren halten sich zurück. Die Gräben zwischen Säkularen und Religiösen sind so tief wie lange nicht, und von einem »gemäßigten Islam« redet heute niemand mehr. Die Türkei ist inzwischen eine der wichtigsten Rekrutierungsstätten des IS für ausländische Kämpfer.

Generell konzentriert die Regierung sich vor allem darauf, Andersdenkende mundtot zu machen; die gesellschaftliche Öffnung ist ihr suspekt. Sie hat sehr klare Vorstellungen davon, wie das Leben der Bürger der »neuen Türkei« aussehen soll, und nimmt für sich in Anspruch zu bestimmen, wie etwa Religiosität richtig gelebt wird und was Sitte und Moral bedeuten. Und so verbiegt die Regierung Gesetze oder schafft neue zu ihren Gunsten und dem Gefallen ihrer Anhänger. Die meisten davon greifen massiv in das Privatleben der Menschen ein.

Erdoğan entscheidet, wie die türkischen Großstädte auszusehen haben, was im Internet stehen darf, was Kunst ist, wie man Geschichte richtig interpretiert, was die Leute trinken  nämlich keinen Alkohol –, wo sie sich küssen  auf keinen Fall öffentlich – und sogar, wie viele Kinder eine Frau bekommen soll – nämlich drei, bestenfalls aber fünf. Das alles will er lenken. Wird jedoch eine Frau vergewaltigt, von ihrem Mann geschlagen, aus verletzter Ehre umgebracht, oder werden Umweltschutzgebiete durch Bauprojekte zerstört, schauen Polizei und Justiz weg. Auch die Presse hat Erdoğan längst auf Linie gebracht. Dutzende Journalisten landeten im Gefängnis. Große Medienkonzerne wurden so lange unter Druck gesetzt, bis sie ihre kritische Berichterstattung aufgaben. Jetzt unterstützen sie nur noch die Interessen der Regierung.

Jahrelang schwiegen die Menschen in der Türkei zu alldem. Jeder war für sich allein unzufrieden mit den Verhältnissen. Dann aber zeigte ihnen der Kampf um ein paar Bäume, dass sie nicht allein sind. Sie merkten, dass es sogar sehr viele von ihnen gibt, denn aus dem Protest gegen die Zerstörung des Istanbuler Gezi-Parks wurde eine landesweite Revolte gegen die Regierung Erdoğan.

Mit Witz und Klugheit leisteten die Aktivisten friedlichen Widerstand, und selbst als es Verletzte und Tote gab, blieben sie standhaft. Schon bald war von einem »kollektiven Wunder« die Rede. Kleinere und auch größere Demonstrationen hatte es in der Türkei zwar schon immer gegeben. Gemäß den gesellschaftlichen Gräben blieben die Gruppen dabei jedoch immer unter sich. Ging es um die Belange von Kurden, demonstrierten die Kurden; ging es um die Belange von Frauen, demonstrierten die Frauen, begehrten die Arbeiter gegen schlechte Arbeitsbedingungen auf, demonstrierten nur die Arbeiter, und oftmals erfuhren die einen nichts von den anderen, weil die Presse nicht darüber berichtete. Im Sommer 2013 erlebte das Land jedoch eine Revolte über alle gesellschaftlichen Grenzen hinweg, die sich von Istanbul aus im ganzen Land ausbreitete. Es waren ganz normale Studenten, die im Gezi-Park campierten, und junge Angestellte aus der Mitte der Gesellschaft, die ihre Mittagspausen und Feierabende dazu nutzten, den Protest zu unterstützen. Da waren junge gläubige Muslime, die kritisierten, dass sich hinter Erdoğans frommen Worten vor allem Profitgier verberge, da waren Arbeiter, Künstler, Homosexuelle, Transvestiten und Umweltschützer. Fragte man die Leute nach ihrem Geburtsjahr, dann lag die Antwort meistens irgendwo zwischen 1975 und 1995. Sie gehören einer Generation an, die von ihren Eltern, die noch den Militärputsch von 1980 erlebt haben, als unpolitisch gegeißelt worden war. Das Engagement dieser jungen Leute gipfelte im Sommer 2013 jedoch in dem Politischsten, das die Türkei seit Jahrzehnten erlebt hatte. Mit Gasmasken, Taucherbrillen und leichtem Atemschutz ertrugen sie die Tränengasattacken und wirken dennoch dabei, als atmeten sie erstmals frische Luft. Sie nannten sich »Tränengasgourmets«.

Die Polizei erstickte fortan jedes abermalige Aufflammen der Proteste mit Gewalt. Der Versuch, die Gezi-Bewegung in politische Kanäle zu leiten, scheiterte. In der Türkei gehören Populismus, autokratisches Gebaren, Korruption und Vetternwirtschaft zum politischen Alltag. Viele junge Leute in der Türkei stehen der Politik daher sehr ablehnend gegenüber. Trotzdem gab es eine große Gruppe von Gezi-Aktivisten, die eine »Gezi-Partei« gründeten. Doch die alten Gräben öffneten sich wieder, und so kam keine Einigung über das inhaltliche Programm der Partei zustande. Der kleinste gemeinsame Nenner war lediglich, dass »von nun an alle zusammenarbeiten sollten« und dass die alten Parteien »ausgedient« hätten. Die »Gezi-Partei« verschwand bald wieder in der Versenkung. Manche behaupten deshalb, der Geist von Gezi existiere nicht mehr. Doch das ist falsch. Er ist bisher nur nicht in eine institutionalisierte Form gegossen worden, und das macht es mitunter schwierig, seine Kraft zu spüren.

Schaut man jedoch genau hin, dann stellt man fest, dass die Menschen in der Türkei seit Gezi sensibler auf Staatswillkür und die Verletzung von Freiheiten reagieren. Ihre Hemmschwelle, dagegen zu protestieren, ist eindeutig gesunken. Das gilt vor allem für die junge, gut ausgebildete Generation, aber es gilt auch für bildungsfernere Milieus und für ältere Menschen in der Türkei. Die Furchtlosigkeit, mit der die Gezi-Aktivisten sich den Hundertschaften der Polizei stellten und der ganzen Welt Erdoğans Willkür vor Augen führten, hat ihnen Mut gemacht. Das zeigte auch das Ergebnis der Parlamentswahlen.

Vieles spricht dafür, dass sich die türkische Gesellschaft grundlegend verändert. Gezi hat beispielsweise die zivilen Organisationen gestärkt. Die »Kent Hareketleri« und die »Istanbul Kent Savunması« – städtische Zusammenschlüsse aus Nachbarschaftsvereinen, Berufsverbänden und verschiedenen zivilgesellschaftlichen Organisationen – sind beispielsweise stets dabei, wenn irgendwo in der Türkei gegen staatliche Umstrukturierungsprojekte aufbegehrt wird und die Ortsansässigen Unterstützung brauchen. Das gilt für größere Widerstandsbewegungen, wie beispielsweise jene gegen die Abholzung von Bäumen auf dem Campus der Technischen Universität von Ankara, genauso gilt es für Einzelschicksale, wie das der Großmutter, deren Garten von einem Bauvorhaben bedroht wird. Überall gibt es Mitmachaktionen wie Nachbarschaftsgärten und Initiativen zur Rettung von Natur und Tieren.

Die Menschen haben auf einmal Lust, sich zu engagieren. Das zeigen auch die Demonstrationen, die seit dem Sommer des Protests mehr Zulauf haben. Meist lassen sich über das Internet sehr rasch Tausende von Leuten zusammentrommeln. Auch das ist eine Erfahrung, die Gezi die jungen Leute gelehrt hat: Sämtliche Verabredungen kamen damals über die sozialen Medien wie Facebook und Twitter zustande. Über sie wurden auch die offenen Foren organisiert, die sich unmittelbar nach der gewaltsamen Räumung des Gezi-Parks in vielen Istanbuler Stadtteilparks und anderen Städten des Landes gebildet hatten. In ihnen setzten die Aktivisten ihre politischen Diskussionen fort, den ganzen Sommer über bis in den Herbst hinein. Die Teilnehmer trafen sich immer abends, in den Abbasağa-Park im Istanbuler Stadtteil Beşiktaş kamen mitunter bis zu Zehntausend junge Männer und Frauen. Die Foren waren für sie ein Kurs in Demokratie. Allein die gemeinsame Erfahrung, wie ein respektvolles Ringen um Meinung aussehen kann, hat sicherlich Spuren hinterlassen. In der Türkei ist es bei Diskussionen üblich, andere nicht ausreden zu lassen. Nur dann gilt man als meinungsstark und engagiert. In den Foren einigten die Leute sich jedoch auf ganz besondere Regeln: Hände über den Kopf nach oben strecken bedeutete Zustimmung, Arme über dem Kopf kreuzen stand für Ablehnung.

Die Gezi-Park-Proteste offenbarten, wie sehr sich die türkische Gesellschaft verändert hat. Doch Staatspräsident Erdoğan lässt das ungerührt. Er hat den Wandel der jungen Generation verschlafen und sich vor allem mit Nachwuchspolitikern umgeben, die ihm nach dem Mund reden. Unter ihnen ist niemand, der ihm erklären könnte, was die jungen Türken denken und fühlen. Und so reagiert die Regierung seit den Gezi-Protesten mit unnachgiebiger Härte auf jeglichen Widerstand. Schon vor der Räumung des Parks war es 2013 zu zahlreichen Festnahmen gekommen. Danach begann eine wahre Hexenjagd. Dutzende Aktivisten wurden wegen »Aufstachelung des Volkes« oder »Aufstachelung zur Gewalt« verhaftet. Die jungen Leute sollten nicht wagen, noch einmal gegen die Regierung zu revoltieren. Auch türkische Medienvertreter, die kritisch berichtet hatten und sich damit dem regierungsfreundlichen Kurs ihrer Zeitungen und Fernsehsender widersetzten, wurden zur Zielscheibe: 59 Journalisten verloren direkt nach den Protesten ihre Arbeit, 13 wurden auf unbestimmte Zeit beurlaubt. In der weitgehend gleichgeschalteten türkischen Medienlandschaft haben sie so gut wie keine Chance auf eine neue Anstellung.

Im April 2015 unterzeichnete Erdoğan dann ein neues Sicherheitsgesetz, das unter anderem das Demonstrationsrecht extrem verschärft. Als der Entwurf bekannt wurde, mahnte die kemalistische Tageszeitung »Cumhuriyet«, die Demokratie werde mit dem Gesetzespaket abgeschafft. Sie erinnerte daran, was der heutige Staatspräsident vor 20 Jahren einmal sagte: »Die Demokratie ist für uns eine Straßenbahn. Wenn wir am Ziel sind, steigen wir aus.« Mit der Befürchtung, dass das Sicherheitspaket die letzten Kilometer zu Erdoğans Ziel ebnen könnte, ist die Zeitung nicht allein. Denn tatsächlich liest sich das Gesetz wie ein Freifahrtschein in den Polizeistaat: Polizisten dürfen nun auf gewaltbereite Demonstranten schießen, ohne selbst angegriffen worden zu sein. Als Waffen gelten fortan auch Explosionsstoffe wie Feuerwerkskörper, ihr Gebrauch kann mit bis zu vier Jahren Haft bestraft werden. Demonstranten, die ein Emblem oder Zeichen einer »illegalen Organisation« bei sich tragen, drohen von nun an drei Jahre Gefängnis. Das Verhüllen des Gesichts wiederum kann mit bis zu fünf Jahren Freiheitsentzug geahndet werden. Das neue Gesetz sieht außerdem vor, dass Festnahmen bei ungenehmigten Demonstrationen bis zu 24 Stunden, im Falle einer »schweren Bedrohung der öffentlichen Ordnung« sogar 48 Stunden ohne Richterbeschluss möglich sind. Bedenklich ist ferner ein Passus, der es der Polizei erlaubt, Menschen von Versammlungsorten zu entfernen, die »ihre eigene Sicherheit oder die Sicherheit anderer gefährden«. Das neue Gesetz ermöglicht außerdem die willkürliche Festnahme von Journalisten und erleichtert die Durchsuchungen ihrer Wohn- und Arbeitsräume, da eine richterliche Genehmigung erst 48 Stunden später eingeholt werden muss.

Die Türkei hat eine rasante Entwicklung durchlaufen. Die junge Generation reitet auf einer gigantischen Welle von Veränderungen. Das Politische hat erst seit wenigen Jahren wieder einen Platz im öffentlichen Diskurs. Noch in den neunziger Jahren war es für viele Menschen ein Tabu, über Politik zu sprechen oder aus Protest auf die Straße zu gehen: Zu schwer wog die Erfahrung der drei Militärputsche, die das Land seit der Republikgründung erlebt hatte – der letzte war erst 1980. Die junge türkische Generation ist damit die erste, die ohne diese unmittelbare Erfahrung aufgewachsen ist.

Auch in anderen Bereichen hat das Politische wieder Einzug gehalten. Über Jahrzehnte hinweg galten Malerei, Musik und Theater in der Türkei nur als schöner Zeitvertreib und als Vehikel, um die Menschen in Anatolien zu europäisieren. Gezi zeigte der Kunst, was sie seit ihrer Kommerzialisierung in den neunziger Jahren fast vergessen hatte: dass sie ein politisches Werkzeug sein kann, Trägerin von Hoffnung, besonders im Konflikt. Noch suchen die Kreativen nach Wegen, das fortzusetzen. Das Publikum ist bereit dafür, seit Gezi nimmt es schon kleine Gesten als politisch wahr. Für Kunst und Künstler, aber auch für Aktivisten und Soziologen, Studenten und Journalisten gibt es eine neue Zeitrechnung. Sie heißt »vor Gezi« und »nach Gezi«.

Die alten Familienstrukturen bröckeln, neue bauen sich auf, der Umgang zwischen Mann und Frau verändert sich. Sich kennenlernen und verlieben ist immer noch nicht einfach für viele junge Türken. Am Wochenende kann man Familienpicknicks am Bosporus beobachten, bei denen die Leute sich gegenseitig auf dem Smartphone die Freunde auf der Facebook-Seite zeigen – womöglich ist ja eine Kandidatin zum Heiraten dabei. Andere machen sich im Istanbuler Nachtleben auf die Suche nach der großen Liebe. Wie der Partner und das zukünftige gemeinsame Leben im Idealfall aussehen könnte, leben jeden Abend zur besten Sendezeit die türkischen Seifenopern vor. Das schöne Klischee der kopftuchtragenden jungen Frau, die nur zu Hause ist und für die Familie kocht, ist im Auflösen begriffen: Immer mehr fromme Türkinnen besuchen selbstbewusst die Universität und pflegen Freundschaften zu säkular eingestellten Gleichaltrigen – lange Zeit war beides undenkbar.

Trotzdem sind die tiefen gesellschaftlichen Gräben, die in den Jahren der Republikgründung gezogen wurden und die Erdoğan und dessen AKP durch ihre Rhetorik des »wir« und »sie« weiter verschärft haben, genauso allgegenwärtig wie die Trennung zwischen arm und reich und gebildet und bildungsfern. Einzig im Fußballstadion sind alle eine Seele, 90 Minuten lang sind Herkunft und Religion vollkommen egal. Auch beim Wehrdienst, er ist der Alptraum eines jeden jungen türkischen Mannes, begegnen die Menschen einander. Dort ist es vor allem die Furcht vor der willkürlichen Härte der Vorgesetzten, die unter den jungen Männern ein Gefühl von Verbundenheit schafft.

Unser Buch ist ein Buch über junge Istanbuler und über Menschen in der Türkei, die ideengebend für die junge Generation sind. Die meisten der Porträtierten haben im Sommer 2013 an der Revolte gegen die Regierung teilgenommen. Sei es, dass sie bei Demonstrationen mitmarschierten, sich als Anhänger der Fußballfanvereinigung Çarşı Auseinandersetzungen mit der Polizei lieferten oder im Gezi-Park campierten. Der Park liegt im Stadtteil Beyoğlu, dem alten europäischen Zentrum Istanbuls, und dorthin kehrt das Buch aus bestimmten Gründen immer wieder zurück. Denn mit der Istiklal Caddesi, dem Gezi-Park und dem daran angrenzenden Taksim-Platz ist Beyoğlu einer der politischsten Orte der Türkei. Jedes gesellschaftliche Aufbegehren findet dort seinen Ausdruck. Die Leute demonstrieren auf der etwa drei Kilometer langen Istiklal Caddesi, die auf den Taksim-Platz mündet, oder rufen dort Gleichgesinnte zu Kundgebungen zusammen. Der Taksim-Platz ist mit seinem Atatürk-Denkmal und dem zu Ehren des Staatsgründers erbauten Kulturpalast Atatürk Kültür Merkezi ein Symbol für die Werte der säkularen Republik. Wer dort baut oder sich durchsetzt, hat die Macht, weshalb die von der AKP geführte Stadtverwaltung den Kulturpalast auch dem Verfall überlassen hat.

Früher lebten vor allem traditionsbewusste Zugezogene aus dem Osten des Landes in Beyoğlu, doch der Gentrifizierungswahn, der besonders in Beyoğlu sehr augenfällig ist, hat die meisten von ihnen vertrieben. Heute ist Beyoğlu deshalb vor allem das Viertel der Istanbuler Kreativen; Schauspieler, Architekten, Maler, Schriftsteller und Filmemacher leben dort. Unter ihnen viele, die sich schon sehr früh gegen die geplante Zerstörung des Gezi-Parks engagierten. Beyoğlu ist auch ein riesiges Ausgehviertel; getanzt und getrunken wird in den Bars und Nachtklubs rund um die Istiklal Caddesi bis in den frühen Morgen. All das ist der AKP ein Dorn im Auge. Es gibt dort nichts, was ihr gefällt – weder gesellschaftlich noch ästhetisch. Für sie ist Beyoğlu das Paradies der anderen. Und deshalb soll das Viertel umstrukturiert werden, deshalb eskalieren viele Konflikte gerade dort.

Obwohl Istanbul im Mittelpunkt steht, erzählt unser Buch von der gesamten Türkei. Manche mögen einwenden, die Stadt sei ganz anders als der Rest des Landes. Das aber trifft so nur zu, wenn man durch das touristische Viertel Sultanahmet mit seinen großen und kleinen Basaren und den Reiseagenturen streift oder wenn man sich unter die Schönen und Hippen im Vergnügungsviertel Beyoğlu mischt, wo sich Bars und Ausgehfreudige kaum von jenen in anderen europäischen Großstädten unterscheiden. In Wirklichkeit aber bilden Istanbul und seine 16 Millionen Einwohner ein Spiegelbild des ganzen Landes – man muss sich nur die Mühe machen, ein bisschen weiter zu schauen als bis zum nächsten Kebab-Salon. Aus allen Teilen der Türkei ziehen jedes Jahr Tausende an den Bosporus: Auf der Suche nach Geld und Glück lassen sie sich an den ausgefransten Rändern Istanbuls nieder, bringen ihre Sitten und Gebräuche mit und verwachsen mit der Stadt. Und so prallen Ost und West, Okzident und Orient am Bosporus aufeinander. Mit Unterstützung der Regierung werden dort eine Moschee und ein Einkaufszentrum nach dem anderen gebaut und jahrhundertealte Stadtviertel abgerissen, um Raum für teure Luxusresidenzen zu schaffen. Es gibt Viertel, in denen sich ein Büroturm an den anderen reiht und jeden Abend junge Menschen in Anzug und High-Heels in Richtung U-Bahn-Station gespült werden. Und ein paar Schritte weiter fühlt man sich in ein ostanatolisches Dorf versetzt: Hühner laufen gackernd über nicht-asphaltierte Straßen, Kinder spielen Fußball zwischen Wäscheleinen, vor den notdürftig zusammengezimmerten Häusern lungern Halbwüchsige herum. An den Rändern der Stadt liegen Viertel, die so weit entfernt vom Bosporus sind, dass deren Bewohner die Meerenge noch niemals gesehen haben – für einen Ausflug fehlen in der Regel Geld und Zeit, denn die Menschen müssen arbeiten, arbeiten, arbeiten.

Dann sind da die Viertel der Istanbuler Bohème, jeder kennt dort jeden, und wenn man sich tagsüber nicht im Stammcafé begegnet, dann spätestens abends bei Lesungen und klassischen Konzerten. Es gibt Studentenviertel, in denen sich junge Leute zu viert oder fünft eine horrend teure Zweizimmerwohnung teilen, morgens aber top gestylt in die Universität gehen und abends die Bars bevölkern, als verdienten sie schon das große Geld. Und dann sind da die Villenviertel, deren Bewohner ihre Kinder vom Chauffeur zur Schule bringen lassen und wo ein Kaffee so viel kostet wie in anderen Vierteln ein Drei-Gänge-Menü. Die Stadt pulsiert, ständig entsteht Neues, ist man auf der Suche nach Veränderungen. Es ist, als habe sich der Druck auf die junge Generation erhöht, sich künstlerisch und persönlich zu entfalten und einer Entwicklung gegenzusteuern, deren Triebkräfte die engen Moralvorstellungen und finanziellen Interessen des türkischen Staatspräsidenten sind.

Die türkischen Verhältnisse haben sich in den vergangenen dreißig Jahren rasant geändert, und nur wer zurückschaut, kann begreifen, welche enormen Schritte unternommen wurden und wie viel Flexibilität diese Veränderungen der Gesellschaft abverlangen. Vieles, was bei uns in Deutschland selbstverständlich ist, wurde in der Türkei im Schnelldurchlauf erlebt und gelernt. Vor allem die junge Generation, die der Wunsch nach Freiheit und Demokratie eint, schlägt sich ganz großartig angesichts dieser Herausforderungen. Sie verdient dafür Anerkennung und Bewunderung. Vor allem aber verdient sie Neugier.

1.
Falkenspione und Säbelrasseln

Ein Schnelldurchgang durch die jüngere türkische Geschichte. Was es mit »weißen« und »schwarzen« Türken auf sich hat, warum Sarajevo wieder zum Osmanischen Reich gehören soll und wieso ein kleiner israelischer Turmfalke der Polizei übergeben werden musste. Im Gezi-Park liebten alle Menschen einander, ansonsten aber gilt: Der beste Freund des Türken ist immer der Türke.

In Üsküdar, einem Stadtteil auf der asiatischen Seite der Stadt, steht eine Kunstinstallation, die sehr schön versinnbildlicht, welche Denkrichtungen die türkische Gesellschaft derzeit am meisten prägen. Das Werk, über dessen ästhetischen Wert man durchaus streiten kann, stammt von dem türkischen Bildhauer Faruk Akın. Es steht direkt am Ufer des Bosporus, wo am Wochenende Tausende von Leuten flanieren und in Teegärten sitzen. Findige Händler spannen an der Uferpromenade Schnüre mit bunten Luftballons auf, da sie wissen, wie gern junge Türken beweisen wollen, etwas gelernt zu haben beim Militär: Für ein paar KuruŞ dürfen sie mit einem Luftgewehr auf die Ballons ballern. Wer einen Treffer landet, ist sich des anerkennenden Nickens der Zuschauer gewiss. Akıns Installation genießt weitaus weniger Aufmerksamkeit: Aus rot angestrichenem Stahl hat er riesige Ziffern geschaffen. Die eine Ziffernfolge bildet die Jahreszahl 1453 – es ist das Jahr, in dem Mehmet II. Konstantinopel eroberte. Er besiegelte damit den Untergang des christlichen Byzantinischen Reiches und den endgültigen Aufstieg des Osmanischen zur Großmacht.

Geht man an 1453 vorbei, ist nach wenigen Schritten die zweite Ziffernfolge Akıns erreicht: 1923 – Gründungsjahr der türkischen Republik durch Mustafa Kemal Atatürk. Fotografieren lassen sich die meisten Flaneure vor der Eroberung Konstantinopels, was auch daran liegen dürfte, dass Üsküdar ein äußerst konservativer Stadtteil ist. Dort leben vor allem Wähler von Erdoğans Partei, der AKP. Stünde die Kunstinstallation ein paar Kilometer weiter, in Kadıköy, wo die von Atatürk gegründete Oppositionspartei CHP das Sagen hat, wäre es bestimmt umgekehrt.

Geschichte ist in der Türkei immer ein Politikum. Türken, für die das Jahr 1923 das Wichtigste ist, verstehen sich als Säkulare, als Kemalisten und Anhänger von Staatsgründer Atatürk. Jene hingegen, deren Herzen für 1453 schlagen, sind Anhänger Erdoğans. Seit dessen AKP im Jahr 2002 das Ruder im Land übernommen hat, wird alles Osmanische verklärt, ist der Rückbezug auf die Kultur und Politik des Osmanischen Reiches allgegenwärtig. Die Regierung träumt von einem muslimisch geprägten Mittelmeerraum und von einer Einheit der Region wie zur Zeit der Sultane – unter türkischer Führung, versteht sich. »Brüderlichkeit« und »Gemeinschaft« sind die Worte, mit denen Erdoğan das Projekt gern umschreibt. Politologen bevorzugen den Begriff Neo-Osmanismus. Im Jahr 2009 nahm Ahmet Davutoğlu, damals noch türkischer Außenminister, einen Besuch in Sarajevo zum Anlass, um den Wunsch seiner Regierung nach der Wiederbelebung des Osmanischen Reiches öffentlich zu machen – die Hauptstadt von Bosnien und Herzegowina gehörte einmal dazu. Wirkliche Erfolge in diese Richtung kann Ankara seitdem zwar nicht vorweisen, das Land ist außenpolitisch weitgehend isoliert. Erdoğan wird aber nicht müde, eine gemeinsame muslimische Front heraufzubeschwören.

So auch 2014 vor Vertretern der »Organisation für Islamische Zusammenarbeit«: Der Westen zeige ja nur ein freundliches Gesicht, um an Öl, Gold, Diamanten und billige Arbeitskräfte heranzukommen, wetterte Erdoğan. In Wahrheit verabscheue die westliche Welt Muslime und freue sich darüber, muslimische Kinder sterben zu sehen. Es sind solche vor Selbstbewusstsein und Dreistigkeit strotzenden Auftritte, die den AKP-Wählern imponieren. Erdoğans polterndes Intermezzo beim Weltwirtschaftsgipfel 2009 in Davos ist ebenfalls legendär. Jeder noch so bildungsferne Türke weiß seitdem, dass »wan minit« »eine Minute« heißt: Erdoğan saß zusammen mit dem damaligen israelischen Staatspräsidenten Shimon Perez auf einem Podium zum Gaza-Konflikt. Der Moderator gestand ihm nicht genauso viel Redezeit zu wie Perez, was Erdoğan veranlasste, sich wütend Gehör zu verschaffen, indem er immer wieder »wan minit!, wan minit!« rief. Irgendwann stand Erdoğan einfach auf und verließ, lauthals Verwünschungen ausstoßend, das Podium. Seine Anhänger fanden das toll.

Doch auch im Innern ist die Liebe der AKP zu vergangener Größe nicht zu übersehen: Istanbul gedenkt jedes Jahr mit großem Brimborium am 29. Mai der Eroberung Konstantinopels. Als die Stadt 2010 europäische Kulturhauptstadt wurde, renovierte die Stadtverwaltung mit dem dafür ausgewiesenen Budget vor allem osmanische Bauten: Istanbul wurde nicht nur als Brücke zwischen Orient und Okzident inszeniert, sondern auch als Zentrum der osmanischen Zivilisation. Über seinen neuen Regierungssitz in Ankara erklärte Erdoğan ausdrücklich, er habe ihn mit »osmanischen« Elementen versehen lassen. Kommt ein Staatsgast zu Besuch, dann wird dieser von einer Palastgarde empfangen, gekleidet in historische Rüstungen und bewehrt mit Speeren, Säbeln, Hellebarden und Schilden. Sie sollen die sechzehn Reiche repräsentieren, die die Türken im Laufe der Geschichte von den Hunnen bis zu den Osmanen angeblich gegründet haben.

Um auch die junge Generation mit seiner Liebe zum Osmanischen Reich zu infizieren, hat der Staatspräsident kürzlich beschlossen, Osmanisch als Pflichtfach in den Schulen einzuführen. Für die Schüler wird die Sprache wohl eher zum neuen Albtraum. Sie wird in arabischer Schrift geschrieben, und das Vokabular setzt sich aus persischen, arabischen und türkischen Lehnwörtern zusammen. Nirgendwo auf der Welt kann man in einem Café sitzen und auf Osmanisch eine Cola bestellen: Staatsgründer Atatürk schaffte die Sprache in den zwanziger Jahren ab, um die Türkei moderner und europäischer zu machen. Auch andernorts wird sie nicht mehr gesprochen.

Den Kemalisten ist das alles ein Graus. Sie sehen sich als Hüter der republikanischen Werte und Ordnung, die Atatürk dem Land gebracht hat: moderne Gesetze, Frauenrechte, die Abschaffung des Kalifats, die Trennung von Staat und Religion im öffentlichen Leben, säkulare Erziehung – alles im Namen einer Nation, die der Staat jedoch erst erschaffen musste. Atatürk und seine Weggefährten konstruierten sie: radikal, schnell und autoritär. Die ständisch-religiöse Ordnung des Osmanischen Reiches, die Christen, Juden und anderen Minderheiten eigenständige Lebensbereiche garantierte, wurde abgeschafft. Die Existenz des kurdischen Volkes und anderer Volksgruppen verleugnet. Eine nationale Geschlossenheit wurde proklamiert, deren Bindemittel jedoch  und das ist bis heute das wahrscheinlich größte Problem – trotz säkularen Anstrichs auf der islamischen Homogenität der Bevölkerung gründete. Der britische Historiker Perry Anderson hat den von Kemal Atatürk errichteten säkularen Staat deshalb als Oberflächenkonstrukt beschrieben: In staatlicher Regie wurde die Religiosität von der Öffentlichkeit ins Private abgedrängt, dennoch blieb sie das wichtigste Bindemittel der überwiegend agrarisch geprägten türkischen Gesellschaft.

Über Jahrzehnte hinweg kontrollierte ein autoritärer Säkularismus den Islam, der die Religion und religiöse Symbole komplett aus dem öffentlichen Leben verbannte. Erst mit Erdoğan und seiner AKP brach das auf, Religion wurde wieder sichtbar und das Kopftuch salonfähig