Informationen zum Buch

Das Mädchen mit den sprechenden Augen

Die berührende Geschichte zweier Schwestern, von denen eine mit Gesundheit und Erfolg gesegnet ist, die andere eine rätselhafte Behinderung hat. Aufwühlend und emotional erzählt die erfolgreiche Schauspielerin Leslie Malton die Geschichte ihrer Schwester Marion und ihre eigene – die Geschichte einer außergewöhnlichen, selbstlosen Schwesternliebe, die nicht frei ist von den Schatten der Schuld und Gewissensnot.

1957. Ein Amerikaner und eine Wienerin lernen sich kennen, sie verlieben sich und heiraten. In Washington D.C. wird 1958 ihre erste Tochter, Leslie, geboren, elfeinhalb Monate später folgt Marion – fast ein Zwilling. Etwa ein Jahr nach Marions Geburt stockt ihre Entwicklung, sie verlernt, was sie gerade gelernt hat, verliert die Sprache – verliert fast alles. Die Odyssee zwischen Ärzten und diversen Einrichtungen beginnt. Niemand kann dem kleinen Mädchen helfen. Erst 2012 liest Leslie Malton – längst eine berühmte Schauspielerin – einen Zeitungsartikel über das Rett-Syndrom. Plötzlich hat die Behinderung einen Namen. Leslie Malton trifft sich mit Betroffenen und deren Angehörigen, wird Botschafterin der "Elternhilfe für Kinder mit Rett-Syndrom in Deutschland". In diesem berührenden Buch erzählt Leslie Malton die Geschichte ihrer Schwester und ihre eigene, die Geschichte einer selbstlosen Schwesternliebe, die sich über Krankheit und Kontinente hinwegsetzt.

Leslie Malton

mit Roswitha Quadflieg

Brief an meine Schwester

Inhaltsübersicht

Informationen zum Buch

Kapitel I

Kapitel II

Kapitel III

Kapitel IV

Kapitel V

Kapitel VI

Kapitel VII

Epilog und Dank

Quellen

Über Leslie Malton und Roswitha Quadflieg

Impressum

Leseprobe aus: Roswitha Quadflieg – Neun Monate

Wem dieses Buch gefallen hat, der liest auch gerne …

001.tif

Für mich warst du nie eine Strafe, Ruthie, sondern eine wundersame, wenn auch leicht beschädigte Gottesgabe, eine Mahnung, dass Perfektsein eine Art von Blasphemie ist.

Aus »Weisman und Rotgesicht« von George Tabori

I.

Berlin, im November

Liebe Marion,

drei Monate sind es her, seit ich bei dir war. Unser Sommer ist längst verflogen, aber er lebt weiter in uns. Vor ein paar Tagen sind die letzten Blätter von den Bäumen gefallen, Berlin legt sein Winterkleid an. Du hast deinen Geburtstag gefeiert, meiner steht kurz bevor – wir Novembermädchen.

Als Felix und ich im Flugzeug saßen, wir die große Schleife über Los Angeles und den Pazifik zogen und dann Kurs Richtung Europa nahmen, war mir so wehmütig ums Herz. Wieder hatte ich dich zurückgelassen, zurücklassen müssen. Wir können nicht einfach deine Sachen packen und dich mitnehmen. Das war schon immer so, es wird nie anders sein. Auch deshalb fällt mir der Abschied jedes Mal unendlich schwer. Du lebst in Carlsbad in Kalifornien, ich lebe in Berlin. Ein Kontinent und ein Ozean trennen uns. Neunzehn Flugstunden.

Gleich nach meiner Rückkehr wollte ich dir schreiben. So, wie ich es immer mache, wenn ich große Ereignisse hinter mir oder eine Produktion abgeschlossen habe. Dann schreibe ich Briefe, sortiere mich, lasse das Geschehene Revue passieren, stelle mir Fragen. Vieles wird mir immer erst im Nachhinein klar. Aber dann hat mich das Leben hier wieder verschlungen.

Eben komme ich zurück aus Prag, ein neuer Film ist abgedreht, in ein paar Tagen nehmen wir die Proben für die deutsche Erstaufführung eines französischen Stücks in Hamburg wieder auf. Die Vorbereitungen für Aufnahmen eines Hörspiels laufen. Ich bin ein bisschen atemlos, will mich aber nicht beklagen, so soll es sein. Mein Beruf verträgt keinen Stillstand. Ich liebe es, in Rollen zu schlüpfen, mich auszuprobieren, immer wieder eine andere zu sein. Das weißt du.

Wir haben in einem Neobarockschlösschen gedreht. Es geht um große Themen: illegale Arbeitsmärkte, Zwangsadoption, die verzweifelte Suche einer Mutter nach ihrem Kind, die Entführung des Kindes, um Korruption. Und um eine alte Liebe. Einen Rechtsanwalt, der eines Tages bei der Frau, die ich spiele, und ihrem Mann auftaucht und seine Nase in Dinge steckt, für die beide verantwortlich sind. Eigentlich spielt dieser Film in Zürich, aber die meisten der Innenaufnahmen wurden in Prag gedreht.

Für die Szene, in der dieser Anwalt auftritt – zwanzig Jahre haben er und ich uns nicht gesehen, mein Mann ist verreist –, hat uns der Bühnenbildner zwei dieser eiförmigen Drehsessel in einen sonst spärlich möblierten Raum gestellt. Genial. Der zwischen uns knisternde Dialog ließ sich wirklich nur von so einem drehbaren Sessel aus spielen. Artig und steif auf einem Sofa sitzend hätte er für mich nicht funktioniert. So konnte ich mich nach hinten werfen, wippen, um die eigene Achse drehen, im Drehen die Beine übereinanderschlagen. Das hat Intimität und auch einen Touch Anzüglichkeit in die Gesamtsituation gebracht. Es sind ja immer die kleinen Dinge, über die sich so viel transportieren lässt. Wäre der Bühnebildner am Set gewesen, ich wäre ihm vor Dankbarkeit um den Hals gefallen.

Überhaupt, und das hatte gar nichts mit diesem Film zu tun, war Prag sehr inspirierend für mich. Eine tatsächliche Neubegegnung. Bei meinen früheren Besuchen dieser Stadt war immer Angst dabei. Ostblock, Panzer, KGB … Aber jetzt, 2014, hatte ich zum ersten Mal die Gelassenheit und Muße, mir die phantastische Architektur anzusehen und von dort eine Brücke nach Österreich zu schlagen – zu unseren Wurzeln, von Mamas Seite her. Plötzlich tauchten unsere gemeinsamen Jahre in Wien vor mir auf. Immerhin fast sechs Jahre verbrachten wir dort. Unsere Teenagerzeit. Eine erstaunlich lange Periode in der Geschichte unserer unsteten Familie. Sogar der Name des Instituts, in dem du so glücklich warst, fiel mir wieder ein. Das Comenius-Institut in der Siebensterngasse. Und auch der Name der Leiterin war wieder da. Ich habe ihr von dort aus geschrieben.

Du warst elf, ich war zwölf Jahre alt, als Dad zum Political Attaché an die Amerikanische Botschaft in Wien bestellt wurde. Ich besuchte die American International School und empfand es als völlig normal, dass du nicht auf derselben Schule warst wie ich. In welcher Stadt wir auch wohnten, immer bist du auf eine andere Schule oder in eine Einrichtung gegangen. Oder du wurdest zu Hause von einem Kindermädchen betreut.

Gestern, ich war noch keine zwei Stunden wieder zu Hause, hatte den Koffer noch nicht ausgepackt, rief mich die Leiterin des Comenius-Instituts an. Sie erinnert sich an dich. Wie mich das freute! Du warst eines der ersten Kinder in dieser 1970 von ihr und ihrem inzwischen verstorbenen Mann gegründeten heilpädagogischen Einrichtung.

Umso dringlicher also, dir jetzt zu schreiben! Unsere Begegnung im Sommer war ein Kapitel für sich. Ein Lebensabschnitt. Schön und heftig, wirklich und real. Alles andere als ein Film.

Es war ja das erste Mal, dass wir uns sahen, seit ich Bescheid weiß. Seit ich den Artikel über das Rett-Syndrom las, und es plötzlich einen Namen für alles gab. Für ein ganzes Leben. So viel gäbe es noch mit dir zu besprechen, wenn wir denn miteinander sprechen könnten. Wie hängt das alles zusammen? Was wissen wir wirklich voneinander? Ich meine, dich zu kennen. Aber stimmt das? Und du, was weißt du von mir?

Wir können nicht telefonieren. Ich weiß nicht, was ein Telefon für dich ist. Kitzelt es dich, findest du es lustig, ist es eine Irritation? Was bedeutet dir eine Stimme, wenn du den, der spricht, nicht siehst. Du kannst diesen Brief nicht lesen, aber ich kann ihn schreiben und dir von allem erzählen.

Zu dir allein will ich sprechen, dir zum ersten Mal alles sagen. Mein ganzes Leben sollst du wissen … Werde die Viertelstunde nicht müde, schreibt »die ewig Liebende« in Stefan Zweigs Novelle Brief einer Unbekannten.

Vor ein paar Jahren fiel mir dieses schmale Buch in New York, in der Neuen Galerie, in die Hände, einem Museum für deutsche und österreichische Kunst, und ich nahm es mit, weil ich meinte, es habe genau die richtige Länge, um es während des Rückflugs zu lesen. Es hat mich nie mehr losgelassen. Diese bedingungslose Liebe, die nicht danach fragt, was sie zurückbekommt. Liebe als Schutz für das eigene Leben. Das Einzige, was dieser Liebenden Schmerz zufügte, war, dass der Geliebte sie nicht wiederkannte. In allem sah ich mich. Nicht nur in meiner Liebe zu dir, sondern auch in meiner Angst, meiner einzigen Angst, dass du mich eines Tages nicht mehr erkennst.

Ich fühle mich dir noch immer so nah wie damals, als wir kleine Mädchen waren, herumtollten, oftmals in einem Bett schliefen, obwohl wir längst erwachsen sind, den größten Teil des Lebens hinter uns haben – über ein halbes Jahrhundert. Merkwürdig, das zu schreiben, aber so ist es nun einmal. Auch an dir ist das Alter nicht spurlos vorübergegangen, auch dir wachsen, wie ich amüsiert feststellte, die ersten grauen Haare. Und du hast nicht mehr dieselbe Beweglichkeit wie früher. Aber du bist immer noch dort, in Carlsbad. Bist nicht weggezogen, hast nicht geheiratet, hast keinen Beruf erlernt. Du, eine verlässliche Konstante, die sich nicht wehren kann gegen das, was andere über sie bestimmen.

Vier Jahre hatten wir uns nicht gesehen. Vier lange Jahre.

Es war spät in der Nacht, als Felix und ich bei Mama ankamen. Du warst noch in Elm House, wo du schon seit vielen Jahren von Montag bis Freitag lebst, dein Zimmer mit einer anderen Frau teilst. Täglich besuchst du eine Werkstatt. Was ihr da eigentlich macht, weiß ich gar nicht. Das muss ich mir beim nächsten Mal unbedingt ansehen. Elm House, ein eigener Kosmos. Es gehört zu dem Dachverband Mountain Shadow, der »besondere Menschen« rund um die Uhr betreut.

Sieben Wochen hatte Mama dich nicht abgeholt, weil sie kränklich war. Normalerweise holt sie dich jeden Freitagabend, wäscht, duscht, pflegt dich, cremt dich ein, schneidet dir die Fingernägel, wenn nötig, die Haare, zieht dir schöne Kleidung an. Das geht in Elm House nicht. Reißverschlüsse einzuhaken oder gar Knöpfe in Knopflöcher zu fummeln ist viel zu kompliziert und zeitaufwendig. Man zieht dir ein T-Shirt über den Kopf und Schlabberhosen an. Fertig. Hübsche Kleidung wird angeblich gestohlen. Offenbar lässt sich nichts dagegen tun, deshalb hat Mama es vorgezogen, deine guten Sachen zu Hause zu lassen und dich an den Wochenenden »herauszuputzen«.

Gleich am nächsten Morgen machten wir uns auf den Weg. Schließlich waren Felix und ich deinetwegen nach Carlsbad gekommen. Keine Stunde wollten wir verlieren. Ich hatte solche Sehnsucht nach dir!

Elm House. Flachdach, ebenerdig, ohne Treppen, die Haustür wird nie abgeschlossen. Hierher kommt nur, wer hier wohnt, arbeitet oder jemanden abholt. Gleich hinter der Tür betritt man das Wohnzimmer. Ein großes Sofa, ein paar Lehnstühle und ein Fernseher, der, wie ich vermute, den ganzen Tag läuft. Dahinter ein kleiner Gang, Küche, zwei Bäder, sechs Zimmer. Drum herum ein kleiner ungepflegter Garten, den niemand nutzt.

Wir kamen an, du warst noch nicht zurück aus der Werkstatt, ich ging in dein Zimmer, suchte aus der Kommode ein paar deiner Sachen zusammen. Es war ja klar, dass du für längere Zeit wegbleibst.

Dann hörte ich ein Klopfen an der Haustür. Kaum einer der Bewohner von Elm House vermag den Knauf ohne fremde Hilfe zu drehen. Eine eigentlich sehr einfache kurze Bewegung, die, wenn man sie nicht beherrscht, den Weg – hinein wie hinaus – versperrt.

Ich öffne die Tür – und da stehst du, in deiner mir so vertrauten Haltung. Leicht nach vorn gebeugt, die Hände fest zusammengepresst. Du schaust mich schräg von unten an, du bist ja viel kleiner als ich, ich schaue dich an – und deine Augen leuchten. Keine Sekunde hast du gefremdelt. Dich keinen Zentimeter von mir abgewandt. Ich war außer mir vor Glück. Vier Jahre, wie weggewischt. Ich schloss dich in meine Arme, und es kam mir so vor, als hätten wir uns gestern zuletzt gesehen. Unsere Vertrautheit war sofort wieder da. Dein Geruch, deine Haut, dein Haar. Auch körperlich waren wir uns in keiner Weise fremd geworden.

Es war reiner Zufall – ja, ich muss das so schreiben, obwohl ich eigentlich nicht an Zufälle glaube –, dass ich im Mai 2012 diesen Artikel Wenn es nicht mehr weitergeht im Tagesspiegel las. Einen Artikel über das Rett-Syndrom. Und es fiel mir wie Schuppen von den Augen. Schlagartig – und endlich! – wusste ich, was bei meiner Schwester los ist. Alle Symptome, außer Epilepsie, treffen genau auf sie zu. Ich gab Felix den Artikel, beriet mich, bevor ich meine Mutter informierte, mit meiner Cousine, nahm Kontakt zu Fachleuten auf. Seit 1999, seit US-Wissenschaftler das defekte Gen, die Ursache für Rett, lokalisiert haben, kann diese Krankheit über eine molekulargenetische DNA-Untersuchung – einen Bluttest oder eine Speichelprobe – nachgewiesen werden.

Mehr als ein halbes Jahrhundert lang hatte ich die Bürde mit mir herumgetragen, ein Infekt mit hohem Fieber, mit dem ich meine Schwester angesteckt hatte, als ich etwa zwei Jahre alt war, sei der Auslöser für ihr »Anderssein« gewesen. Eine sehr kindliche Vorstellung, wie ich heute weiß, aber sie prägte buchstäblich mein ganzes Leben. Welch eine sonderbare Verwicklung! Ich war mir keiner bösen Tat bewusst, trotzdem plagten mich Schuldgefühle, meiner Schwester, die ich so sehr liebte, einen ihr ganzes weiteres Leben bestimmenden Schaden zugefügt zu haben.

Jetzt weiß ich, dass Rett durch eine spontane Veränderung im Erbgut der Eltern entsteht. Dass durch diese Veränderung das sogenannte MECP2-Gen beschädigt wird, welches auf dem X-Chromosom liegt. Normalerweise steuert es die Bildung des Proteins, das für viele verschiedene biochemische Vorgänge im Gehirn zuständig ist. Fehlt dieses Protein, ist die Vernetzung von Nervenzellen blockiert.

Nichts hätte die Entwicklung meiner Schwester fördern, aber auch nichts sie aufhalten können. All die Fragen: Warum? Weshalb? schienen wie weggewischt. Von einem defekten Gen ausgehend, ist nichts mehr falsch. Im Gegenteil. Alles hat seine Richtigkeit, in gewisser Weise sogar Logik.

Die einzige Frage, die übrigbleibt, ist: Warum sie und nicht ich? Wir haben dieselbe Mutter, denselben Vater, dieselben Gene. Es hätte genauso gut mich treffen können.

Warum also sie?

Mama brauchte einige Zeit, bis sie den Gedanken annehmen konnte, dass bei ihrer Tochter eine Krankheit vorliegt, die es tatsächlich »gibt«, die einen Namen hat, die auch andere haben, über die weltweit geforscht wird. Keine vereinzelte Erscheinung also. Jahrzehntelang hatten sie und Dad doch gemeinsam gekämpft, alles darangesetzt, diese Hilflosigkeit, diese Finsternis hinter sich zu lassen und eine Diagnose zu bekommen, die ihnen einen Weg gewiesen hätte, wie sie mit allem besser hätten umgehen, vielleicht sogar eine Heilung hätten herbeiführen können. Und die sie ein für alle Mal von der an ihnen nagenden Ungewissheit befreit hätte, an ihrer zweiten Tochter vielleicht doch irgendetwas versäumt oder gar falsch gemacht zu haben. Trotz aller Bemühungen waren sie keinen Schritt weitergekommen.

Nach Dads Tod streckte Mama die Waffen, ergab sich – zurückgezogen in Kalifornien – dem Schicksal deines So-Seins und reduzierte sich darauf, für dich da zu sein, dafür zu sorgen, dass es dir gutgeht. Mit nunmehr achtzig Jahren hatte sie ihre Welt »in Ordnung« gebracht.

Erst nach einigen Telefongesprächen konnte ich sie davon überzeugen, wie entscheidend es für uns alle sei, wenn wir den Gentest bei Marion machen ließen. Wenn wir eine Definition hätten statt vager Schuldgefühle. Auch für mich war das enorm wichtig. Schließlich willigte sie ein.

Der Test war positiv!

Und jetzt, muss ich dir gestehen, packt mich manchmal die Wut. Es will mir einfach nicht in den Kopf, dass das Leben, wie du es heute führst, tatsächlich alles für dich gewesen sein soll. Du hast so viel Neugier, so viel Witz und Charme. Was alles könnte man dir noch beibringen. An wie vielen Dingen könntest du vielleicht Freude haben.

Felix vorn, am Steuer. Wir beide auf der Rückbank, während der Fahrt von Elm House zu Mama. Schon seit Wochen hatte ich mich auf diesen Moment gefreut. Und dann saßen wir da, dicht beieinander, wie damals in unseren weißen Kleidchen im roten Cabrio. Einmal spürte ich deine Hand auf meiner Wange, an meinem Ohr.

Als wir ankamen, duftete es schon vor dem Haus, Mama servierte uns ein Wiedersehensfestmahl. Frisches Gemüse, kleine Pellkartoffeln, Tomaten, die du so liebst. Ein großes Stück Fleisch. Und zum Nachtisch Beeren-Smoothie und ice cream.

Essen. Eines der wichtigsten Themen für dich. Auch diesmal haben wir es gemeinsam ausgekostet. Wenn ich dir drei kleine Stückchen Fleisch auf den Teller lege, greifst du blitzschnell zu und stopfst dir alle drei gleichzeitig in den Mund. Dasselbe Spiel mit Weintrauben. Und ich sage: »No! One, Marion, just one.« Und dann spielen wir weiter. Du guckst, beobachtest mich, greifst – zack! – zu. So schnell ist kein anderer am Tisch. Und Felix schüttelt den Kopf: »Wo tut sie das alles nur hin?«

Früher animierten wir dich ständig, ich hab es noch im Ohr: »Put your head up. Put your head up, Marion!« Damit du deinen Kopf hobst. Durch deine wie bei allen Rett-Mädchen ausgeprägte Muskelschwäche sinkt dein Kopf immer etwas nach vorn, und du schaust nach unten. Damals wussten wir nicht, warum. Und umso schöner war es dann für mich, wenn du dein Gesicht nach oben wandtest und mich tatsächlich anblicktest.

Felix hat viele Fotos von dir gemacht. Von uns beiden, von uns dreien. Wunderschöne Fotos! Eins nach dem anderen hole ich mir auf meinen Bildschirm.

In Mamas Garten: du, mit uns am Tisch auf der großen Terrasse. Töpfe mit bunten Blumen, zu Kugeln gestutzte Koniferen um uns. Das Weiß der Wände blendet, wir tragen Sonnenbrillen. Du kneifst die Augen zusammen. Du magst keine Brillen. Wir sitzen auf weißen Stühlen, die fedrigen Blätter der Mimosenbäume werfen Schatten, hinten am Zaun das üppige Rot der Bougainvilleen.

Wir zu dritt am Strand, im Restaurant. Du lachst, strahlst uns an, schaukelst aufgeregt hin und her, bist ganz da, gespannt, aufmerksam und neugierig, fühlst dich offensichtlich wohl mit uns. Und wir genießen das Zusammensein mit dir. Wo wir nicht überall mit dir herumgefahren, durch wie viele Shopping Malls wir zusammen gelaufen sind. Du liebst es, unter Menschen zu sein, hörst ihnen gern zu. Ihre Stimmen, Lachen. Du bist gern mittendrin.

Zum Beispiel im Harbour Fish Café. Direkt am Meer. Da warst du früher oft mit Dad. »Those places with fingerfood«, wusste er, waren die richtigen für dich. Wir saßen da, du hast dich ständig umgedreht, richtig auf der Bank umgedreht, und ich habe versucht, dich zurückzudrehen, dich mit kleinen Häppchen zum Weiteressen animiert. Bis ich endlich begriff: Du wolltest nicht hinaus aufs Meer schauen wie alle anderen, sondern in die entgegengesetzte Richtung. Du wolltest die Menschen sehen. Also habe ich dich umgesetzt, damit du nicht länger sehen musstest, was ich sehen wollte, sondern das, was du selbst sehen wolltest.

Du warst so glücklich, löstest sogar deine Hände und legtest die linke Hand ganz ruhig und entspannt in deinen Schoß. Es war so schön für mich, das zu beobachten. Diese Freude und Entspannung. Überhaupt benahmst du dich vorbildlich, hast dieses Fingerfood mit der Plastikgabel aufgespießt, nicht einfach in den Mund gestopft. Du hast es gespürt: Du bist nicht zu Hause. Dies ist kein Alltag. Hier »benimmt« man sich. Du hast es sogar geschafft, Milch aus dem Pappbecher zu trinken, ohne sie zu verschütten, was nicht einfach ist, weil so ein Becher leicht einknickt. Gläser oder Teller gibt es in solchen Cafés ja nicht.

Diese drei Wochen waren Erlebnis, Wunder und Freude. Und immer der Wunsch nach noch mehr!

Ich fragte Mama, warum sie denn nicht mehr mit dir unternehme, nicht öfter mit dir in Shopping Malls gehe. Sie antwortete, weil sie oft in den Nachrichten sehe, dass jemand Amok läuft. Und dann heiße es ja nur noch: Runter, runter, runter! Das könne sie nicht mehr. Und du schon gar nicht. Sie könne sich ja nicht einmal mehr schützend über dich werfen, geschweige denn, mit dir irgendwohin rennen, wo du in Sicherheit wärst. Und mir wurde wieder sehr deutlich, dass ich immer vergesse, wie alt Mama inzwischen ist. Sie sieht immer noch so jung aus. Manchmal schien es mir so, als seiest du älter als sie. Trotzdem war ich geschockt. Man kann dich doch nicht einsperren! Nur weil deine Mutter eine alte Frau ist. Klar, ihr habt den zauberhaften Garten, in dem du dich auskennst. In dem nichts passieren kann. Aber schon am Rand des Pools hört der Spaß für dich auf, weil Mama sich jetzt nicht mehr traut, mit dir hineinzugehen.

Vorsorge schränkt ein. Und du bist so hungrig auf das Leben.

Leichter Regen perlt an den Fensterscheiben, die kahlen Äste nicken herein, der Lärm der Bausstelle nebenan ist verstummt. Es ist Sonntag. Du kannst dir nicht vorstellen, was hier schon seit Wochen los ist. Sie reißen das Haus neben unserem ein. Manchmal zittert die Außenwand. Der Putz im Flur zeigt Risse. Felix und ich sind besorgt.

Die Fotos scheinen zu leuchten. Wie schön wäre es, wenn wir sie gemeinsam ansehen, die Freude daran teilen könnten.

Wir im Pool, das blaue Wasser, die roten Steinfliesen am Rand. Du huckepack auf meinem Rücken. Natürlich haben wir dich mit ins Wasser genommen, wild herumgeplanscht und geplatscht wie Kinder. Geliebte innige Zweisamkeit! Du hast Vertrauen entwickelt, jeden Tag mehr, auch in dich selbst, hast getestet, wie weit du allein im Wasser gehen und noch stehen kannst, hast Spaß daran gehabt, dich um die eigene Achse zu drehen. Mama hektisch am Rand. Auf und ab.

»Leslie, be careful with Marion!«

Ihre Ängstlichkeit hat mich verrückt gemacht: »Ich bin vorsichtiger mit ihr, als ich es je mit mir selber war!«

Ich lasse dich nicht untergehen. Ich trage immer Sorge um dich. Wie damals, als wir noch in einem Bett schliefen, im Sandkasten spielten, ich dich verkleidete, schminkte, dir beim Waschen, beim Anziehen, Essen und Trinken half und dir, wenn du traurig oder verstört warst, Lieder vorsang. Hurra, ich bin ein Schulkind!, ein deutsches Kinderlied, war unser Hit. Bis auf ein einziges Mal hat es uns immer geholfen.

Ich weiß sehr genau, was du kannst, und lasse es zu. Ich halte dich, aber ich halte dich nicht zurück.

Begegnen wir beide uns als Kinder? Werde auch ich wieder »klein«, wenn wir zusammen sind, weil unsere Kinderzeit unsere Gemeinsamkeit ist? Unser Treffpunkt? Unser Kokon, in den auch ich jederzeit wieder krabbeln kann. Wo wir keinerlei Distanz haben. Wo die Trennung aufgehoben ist. Wo ich dich immer vorfinden werde, solange wir leben. Du bewegst dich nicht. Du bist immer am selben Platz. Trotz ein paar grauer Haare.

Wie ich mich freuen würde, wenn du jetzt lachtest.

Auch Mama freut sich, wenn sie wieder »zwei Mädchen zu Hause« hat. Schwärmt ihrer Freundin am Telefon vor, wie wunderbar es sei, dass ich so viel mit Marion unternehme, sie blühe auf. Auch sie spürt natürlich, wie glücklich und entspannt Marion ist, wenn ich da bin, dass ich anderes bei ihr erreichen kann als sie selbst. »Marion is so responsive« et cetera. Aber kaum legt sie den Hörer auf, kommandiert sie wieder rum. Selbst Felix wird zum Fünfzehnjährigen runtergestuft. Mit Oberbefehlston! Wie sie es wohl aus dem Gasthaus ihrer Mutter in Wien kannte. »Felix, I need you now!« Da verirrt sich kein »Bitte« oder »Könntest du vielleicht mal« auf ihre Lippen.

Sie verstand nicht, dass diese Reise unser Jahresurlaub war, eine Zeit, die wir uns hart erkämpft hatten. Drei Wochen. Eine Ewigkeit für zwei freie Schauspieler. Was stellt sie sich vor, was wir für ein Leben führen? Doch ich schluckte meinen Ärger runter und vermied den Streit, der unweigerlich ausgebrochen wäre, hätte ich sie auf ihr Verhalten hingewiesen.

Auf der anderen Seite ist sie auch sehr lieb, herzlich und lustig. Sie kann sogar genießen. Aber sie ist Zwilling – manchmal komme ich nicht umhin, doch an Sternzeichen zu glauben –, hat zwei Seelen in ihrer Brust, zwei sehr unterschiedliche Seiten.

Felix und ich mieteten ein Auto, du stiegst hinten ein, musstest den Fuß höher heben, als du es von Mamas Auto gewohnt bist. Äußerst mühsam für dich. Am anderen Tag hast du dich mit dem Po zuerst hineingesetzt und die Beine nachgezogen. Du hattest den Ablauf verstanden. A, B, C. Und wo es schwierig geworden war, etwas verändert. Ich war sehr glücklich, weil du das allein, von dir aus gemacht hast, ohne dass einer dir gesagt hätte: Marion, pass auf!

In der Zeit, in der wir bei dir waren, hast du ständig solche Dinge gemacht. Wir waren dein Ansporn.

Vielleicht traut Mama dir zu wenig zu? Das dürfte ich natürlich nie laut sagen. Felix meint sogar, sie sei eifersüchtig auf mich. Weil wir eben eine ganz andere Beziehung zueinander haben, als ihr sie habt, andere Dinge machen als ihr. Eigentlich selbstverständlich, dass jeder auf unterschiedliche Weise kommuniziert. In den drei Wochen habe ich dir wieder beigebracht, die Treppe im Haus allein hinauf- und hinunterzugehen. Langsam, aber du konntest sie wieder gehen. Wie stolz