Über Martina André

Martina André wurde 1961 in Bonn geboren. Der französisch klingende Nachname ist ein Pseudonym und stammt von ihrer Urgroßmutter, die hugenottische Wurzeln in die Familiengeschichte miteinbrachte. Sie hat mit »Die Gegenpäpstin« sowie den Romanen »Das Rätsel der Templer«, und »Die Rückkehr der Templer« und »Das Geheimnis des Templers« vier Bestseller vorgelegt. Nun erscheint ihr vierter Templerroman »Das Schicksal der Templer«, die Fortsetzung der Abenteuer von Gero von Breydenbach. Martina André lebt heute mit ihrer Familie in der Nähe von Koblenz sowie in Edinburgh/Schottland, das ihr zur zweiten Heimat geworden ist.

Von der Autorin ebenfalls lieferbar sind: Die Gegenpäpstin, Schamanenfeuer, Die Teufelshure und Totentanz.

Mehr zur Autorin unter www.martina-andre.com

Informationen zum Buch

Episode I – Verborgene Schätze –

Herbst 1315 – Edinburgh/Schottland:

Der ehemalige Commander der Templer von Balantrodoch, Sir Walter of Clifton, hütet im Auftrag des Hohen Rates ein gewaltiges Geheimnis, dessen Entdeckung die Welt mit einem Schlag in den Abgrund führen könnte. Getarnt als Bettelmönche in der Bruderschaft des Heiligen Andreas, riskieren er und seine Brüder Kopf und Kragen, um den größte Schatz der Templer vor seinen Feinden zu schützen.

Herbst 2005 – Crypto City/Maryland/USA:

Im Hauptquartier der NSA ist es Agent Jack Tanner gelungen, ohne den Timeserver, aus dem Heiligen Land des Jahres 1153 in die Gegenwart zurückzukehren. Die Templer müssen ein weitaus größeres Geheimnis gehütet haben, als angenommen. Tom Stevendahl, der aus Geheimhaltungsgründen in diese Entdeckung nichts eingeweiht werden soll, wird von seinen amerikanischen Auftraggebern in den vorzeitigen Ruhestand versetzt. Er ist jedoch nicht bereit, seine bisherigen Forschungsarbeiten zu beenden, solange seine frühere Verlobte noch im Mittelalter vermisst wird und setzt sein Leben aufs Spiel, um sie zu retten.

Herbst 1315 – Breidenburg/Eifel:

Hannah und Gero von Breydenbach ist es wie durch ein Wunder gelungen, auf die Burg seiner Vorväter ins Jahre 1315 zurückzukehren. Als er einen Grafentitel erhalten soll, glauben sie sich am Ziel ihrer Träume. Doch die Inquisition hat ihre Jagd nach verschollenen Templern und deren Geheimnis noch nicht aufgegeben …

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Martina André

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Episode I

Verborgene Schätze

Roman

Aufbau

Inhaltsübersicht

Über Martina André

Informationen zum Buch

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Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Anhang

Nachwort/Danksagung

Impressum

Für Mairi und George St Clair –
Danke für eure Freundschaft

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EPISODE I

Verborgene Schätze

»Erkenne, was vor dir ist,
und was dir verborgen ist, wird dir enthüllt werden.
Denn es gibt nichts Verborgenes,
was nicht offenbar werden wird.«

(Thomas-Evangelium)

PROLOG

»Du erschaffst,
was du denkst«

(Kabbala)

HERBST 1315
BALANTRODOCH/LOTHIAN/SCHOTTLAND

Zuflucht des Kriegers

»Bruder Walter!«, rief eine energische Stimme, und wie ein Berserker rüttelte jemand unablässig an Sir Walter of Cliftons hagerer Schulter. Für einen Moment glaubte er, schlecht zu träumen, und entschloss sich, einfach auf seinem halbwegs bequemen Lager aus Stroh und Kaninchenfellen liegen zu bleiben und den lästigen Dämon, der seinen ohnehin unruhigen Schlaf störte, ganz einfach zu ignorieren. Doch die Stimme gab nicht nach. »Walter, ich bin’s!«, rief der Quälgeist nun mit Nachdruck. Dabei schüttelte er ihn erneut.

»Steh auf, Bruder, wir müssen uns beeilen!«

»Verdammt!«, murmelte Walter und drehte sich verärgert dem spärlich brennenden Torffeuer zu, das von einem großen Schatten verdeckt wurde.

»Na endlich«, knurrte der Störenfried und redete ohne Unterlass weiter … »Es hat Brian of Locton erwischt. Sie haben ihn vorgestern in Maryculter verhaftet und nach Holyrood Abbey verschleppt. Dort wird er seit gestern von einem englischen Inquisitor gefoltert. Wie man mir sagte, ist der Kerl kein Kirchenmann, sondern wie üblich ein Menschenschinder. Die Folterknechte haben Brian so furchtbar zugerichtet, dass er dem Tod inzwischen näher ist als dem Leben. Wir müssen ihn dort rausholen und das heilige Kreuz zur Hilfe nehmen, um seine Haut zu retten, sonst ist er bei Sonnenaufgang so mausetot wie meine Großmutter.«

Es dauerte einen Moment, bis Walter im dürftigen Licht einer Ölfunzel, die er aus reiner Gewohnheit die ganze Nacht brennen ließ, seinen Ordensbruder Thomas of Thoraldby, genannt Totty, erkannte. Er gehörte wie Walter zur geheimen Bruderschaft des Heiligen Andreas und trug das gleiche graue Ordensgewand wie er selbst. Anders als sein Spitzname vermuten ließ, war der fünfunddreißigjährige Thomas groß und athletisch. Mit seinem rostbraunen zerzausten Schopf und dem geschärften Blick eines Jägers, dem nichts in seiner Umgebung entgeht, wirkte er wie ein furchteinflößender Krieger und nicht wie ein harmloser Mönch. Eine Eigenschaft, die den meisten Templern, die hatten fliehen können, zu eigen war und die es ihnen schwer machte, sich in der neu gegründeten Bruderschaft als gewöhnliche Ordensbrüder zu tarnen.

Tottys Vorfahren stammten aus Wales, aber Walter war aufgrund seines Aussehens davon überzeugt, dass sich unter ihnen auch einige Nordmänner befanden. Als der Orden noch Bestand hatte, war er Commander der Templer von Garway gewesen, im Südwesten von England. Ähnlich wie Walter, der in England geboren und aufgewachsen war und bis zum Jahre des Herrn 1309 seinen Dienst als Commander von Balantrodoch, dem Hauptsitz der Templer in Schottland, versehen hatte, war Thomas nach der Vernichtung des Ordens den Schergen der Inquisition in die Hände gefallen und hatte längere Zeit unter der Folter den unablässigen Verhören getrotzt, was ihn wie die meisten Brüder fürs restliche Leben gezeichnet hatte.

»Zur Hölle, verdammt!«, zischte Walter und bekreuzigte sich hastig, während er sich, in eine schmuddelige Mönchskutte gehüllt, von seiner provisorischen Bettstatt erhob. »Woher weißt du das alles?«

»Von der Verhaftung habe ich gestern Morgen durch einen Hospitaliter in Maryculter erfahren«, erklärte Totty beunruhigt. »Er sagte mir auch, dass man Brian zum Verhör nach Edinburgh bringen wollte. Ich bin die ganze Nacht von Aberdeenshire aus durchgeritten«, fügte er mit gehetzter Stimme hinzu. »Auf dem Weg hierher habe ich Roger, Michael, Ralph und Peter Bescheid gegeben, außerdem habe ich ihnen aufgetragen, Edmund und William zu informieren, damit wir auch genug Männer sind, um Brian notfalls mit Waffengewalt aus dem Kerker befreien zu können. Wobei ich mir nicht vorstellen kann, dass wir es ohne die Unterstützung des Kreuzes schaffen werden.«

Die anderen Brüder hatten sich zur gleichen Zeit in Saint Andrews und Dumfries aufgehalten, was Totty – wie auch Sir Walters Aufenthalt in dessen abgeschotteter Einsiedlerklause – einem verschlüsselten Plan entnehmen konnte, der einmal im Monat an ständig wechselnden Orten in einer Generalversammlung der Bruderschaft festgelegt wurde. Mehr durch Zufall hatte er von einem Bruder der Hospitaliter erfahren, dass Bruder Brian of Locton am vergangenen Dienstag von Schergen der Heiligen Inquisition unter dem Verdacht der Ketzerei und schwarzen Magie abgeholt worden war. Brian of Locton, ein irischer Templer, war vor drei Jahren, nach seiner Entlassung aus der Gefangenschaft, unter dem Zwang der Inquisition den Ordensrittern von St. John in Maryculter beigetreten, die das dortige Ordenshaus nach der Auflösung des Templerordens übernehmen durften. Aber in Wahrheit fühlte er sich der Bruderschaft des Heiligen Andreas verpflichtet und spionierte bei den Hospitalitern für Walter und seine Leute.

»Es hieß«, fuhr Totty wutschnaubend fort, »der Engländer würde Brian mit Zustimmung des schottischen Königs die Folterinstrumente zeigen. Dass es nicht beim Zeigen geblieben ist, habe ich am frühen Nachmittag über einen weiteren Mittelsmann direkt aus Holyrood Abbey erfahren. Ich hatte ihn sofort kontaktiert, nachdem die Brüder und ich mit der Fähre den Abhainn Dhubh überquert hatten.«

»Da stimmt was nicht«, raunte Sir Walter und fuhr sich mit seinen rauen Händen übers Gesicht. »Er hat sich seit dem Prozess, in dem er von der Ketzerei freigesprochen wurde, nichts zu Schulden kommen lassen, und bei unseren Treffen haben wir stets darauf geachtet, nicht zusammen gesehen zu werden. Es muss einen Grund haben, warum man ausgerechnet ihn ausgesucht hat.« Mit grimmigem Blick und in dem sicheren Wissen darum, dass die Sache bis zum Himmel stank, schlüpfte er mitsamt seinen Filzsocken in die abgetragenen Sandalen.

»Natürlich stimmt da was nicht«, belehrte ihn Totty aufgebracht. »Es sei denn, du findest es richtig, dass soeben einer von unseren Leuten – wohlgemerkt ohne Prozess – auf der Streckbank gemeuchelt wird.«

»Das meine ich nicht.« Widerstrebend schüttelte Sir Walter sein graues langhaariges Haupt, das ihn zusammen mit dem weißen Bart, der ihm bis auf die Brust reichte, wie einen Druiden des alten Glaubens aussehen ließ. »Ein englischer Inquisitor macht mit dem schottischen König gemeinsame Sache?« Er hob eine buschige Braue und warf Totty einen scharfen Blick zu. »Sehr merkwürdig, findest du nicht?«, murmelte er und stand auf, um nach seinem Wanderstab zu suchen. »Bist du sicher, dass der Hinweis der Wahrheit entspricht?«

»Der Mann, den ich gefragt habe, gehört zu den Hausdienern von Holyrood Abbey und ist absolut zuverlässig«, fügte Totty beinah beleidigt hinzu. »Ich habe vor ein paar Monaten für die Genesung seiner Schwester gebetet, die am Antoniusfeuer erkrankt war. Nachdem ich ihm dazu ein paar Anweisungen gegeben hatte, zukünftig keine schwarzen Körner zu essen und das Mehl selbst zu mahlen, ist sie wie durch ein Wunder genesen. Allein dafür wird er mir auf ewig dankbar sein.«

»Nun gut«, sagte Walter, »wenn es so ist, wird es wohl richtig sein. Wo sind die anderen?«

»Sie warten bei Saint Mary auf uns. Bruder Ralph hat uns im Hafen von Leith sechs Pferde gemietet, damit wir schneller vorankommen und keine Rückschlüsse auf die Brandzeichen möglich sind, falls uns jemand bemerkt.«

Zusammen mit Totty hastete Sir Walter wenig später durch den Wald von Rosslyn, dem Gebiet des Henry St Clair of Rosslyn. Dieser hatte im letzten Jahr als Verbündeter von König Robert the Bruce eine Rotte von geflohenen Templerbrüdern in der siegreichen Schlacht von Bannockburn zusammen mit den schottischen Kriegern gegen die Engländer angeführt und dafür von der schottischen Krone das hiesige Gebiet rund um die Pentlands erhalten. Eine Moorlandschaft, von Flüssen und Bächen durchzogen, wenig ertragreich, aber von dichten Eichenwäldern umgeben. Sir Henrys Onkel war einer der letzten Großmeister des Ordens gewesen, und obwohl er auch deshalb den Templern zugetan war, gehörte er nicht zu den Eingeweihten des Hohen Rates. Walter und seine Bruderschaft des Heiligen Andreas, die sich ausschließlich aus Nachfolgemitgliedern des Hohen Rates der Templer zusammensetzte, hatten sich unter Angabe einer Reihe von oberflächlichen Gründen aus den Kampfhandlungen gegen die Engländer herausgehalten, und taten es noch immer. Denn sie operierten in geheimer Mission, um unerkannt den größten Schatz des Ordens – Das Geheimnis des Glaubens – zu schützen. Keine Reliquie, sondern ein Heiligtum, das sogar den legendären Heiligen Gral in den Schatten stellte, und von dessen Existenz nicht einmal so hochgestellte Persönlichkeiten wie Sir Henry etwas ahnten. Der umtriebige Lord hatte sich mit Sir Walters Bekenntnis zufriedengeben müssen, dass sie als ehemalige inhaftierte Brüder nun unter einem neu gegründeten Bettelorden zwar gern auf seine Unterstützung zählten, zugleich aber jegliche Gewalt ablehnten und im Angesicht Gottes fortan die Waffe nur noch zur Verteidigung ihres eigenen Lebens führten. Stattdessen wollten sie inkognito durch die Lande ziehen, um Gutes zu tun und Alte und Kranke zu pflegen.

»Ich kann immer noch nicht glauben, dass Sir Henry und der Clan der St Clairs diese Geschichte gefressen haben«, bemerkte Totty lakonisch. »Schließlich steht ihr Oberhaupt dem Orden näher als irgendein Adliger sonst in Schottland.«

»Jacques de Molay hat auch nicht alles gewusst«, gab Walter mit einem Schulterzucken zu bedenken. »Was nicht weiter verwunderlich ist. Schließlich hat der Hohe Rat nur die Fähigsten für seine Aufgaben ausgesucht und nicht die Mächtigsten. Oder hast du schon einen König erlebt, der schlauer ist, als sein Geheimdienst?«

»Nein, eher nicht«, erwiderte Totty und grinste matt. »Ansonsten wären Sir Henry und der König uns längst auf die Pelle gerückt.«

»Ich weiß, dass ich nicht weiß, sagte schon Sokrates«, belehrte ihn Walter. »Menschen an der Spitze der Macht verlieren oft den Blick für das Wesentliche und haben keinen Ehrgeiz mehr, den Dingen selbst auf den Grund zu gehen, wie es die griechischen Gelehrten taten. Sie verlassen sich auf das Urteil ihrer Spitzel und Speichellecker, die sie engagieren, um ihre Wissenslücken zu füllen. Das schafft einen fruchtbaren Boden für raffinierte Günstlinge, bei denen es selbst dem cleversten Anführer schwer fallen dürfte, Freund von Feind zu unterscheiden. Deshalb hat der Hohe Rat der Templer sich schon früh entschieden, die wahren Lenker des Ordens geheim zu halten, und mit unscheinbaren Ämtern zu tarnen. Damit sie nicht stolz werden und faul, und niemand auf die Idee kommt, sich bei ihnen anzubiedern, um ihr Wissen auszuhorchen. Molay fungierte, wie so viele andere auch, lediglich als Schachfigur. Dass er seinen Kopf für uns hingehalten hat, um unsere Ehre zu retten, ist allemal löblich und tragisch zugleich. Aber man hat ja gesehen, wie hilflos er war, als man ihn auf Chinon festgesetzt hatte, und wie lange es gedauert hat, bis er an seinem unrühmlichen Ende zu einer akzeptablen Haltung fand, die dem Orden das Ansehen zurückgegeben hat, die ihm gebührt. Zugleich hat er unserer Organisation damit einen harmlosen Anstrich verliehen und den Feind, was das Aufspüren unserer Mysterien betrifft, mit Verwirrung gestraft.«

»Dann bedeutet das, wir agieren mit dem Verhalten eines Jacques de Molay, um unsere Feinde zu täuschen. Sehe ich das richtig?«, fragte Totty, während er mit Walter mitzuhalten versuchte.

»Nicht, um sie zu verwirren«, gab Walter zurück, »sondern, um sie gar nicht erst auf uns aufmerksam zu machen. Schon allein deshalb alarmiert mich der Umstand, dass Brian of Locton trotz aller Vorsicht nun offenbar ins Visier unserer Widersacher geraten ist.«

Ihr Ziel war die Ruine einer ehemaligen Templerkapelle, die vor Jahren dem Verwüstungswahn englischer Truppen zum Opfer gefallen war. Henry St Clair hatte bei der Landübergabe durch den König zwar davon gesprochen, sie wieder aufbauen zu lassen, größer und schöner als je zuvor, doch nun benötigte er das Geld wohl eher, um unweit entfernt ein neues Schloss zu errichten.

Nur von einer spärlich brennenden Fackel geleitet, folgte Sir Walter in fast völliger Dunkelheit seinem ausgezeichneten Orientierungssinn. Die Ruine der alten Templerkapelle befand sich, wie auch seine Höhle, im Tal des North Esk, an einem breiten, an dieser Stelle rauschenden Bachlauf, der sich kurz vor Edinburgh mit dem South Esk zu einem einzigen Fluss verband. Beide Gewässer stellten eine Verbindung zwischen Walters ehemaliger Wirkungsstätte in Balantrodoch, wo er als Nachfolger von John of Husflete seinen Dienst als Commander Templer versehen hatte, und jenem Ort her, der ihm seit seiner Entlassung aus den Fängen der Inquisition als Refugium diente.

Wie bei fast allen festgesetzten Templern hatte man auch bei Walter während seiner Gefangenschaft in der Holyrood Abbey unter der Folter Beweise über die Vergehen des Ordens hinsichtlich Ketzerei, Blasphemie und weiterer schwerwiegender Verfehlungen wie Unzucht und schwarzer Magie herauszupressen versucht. Jedoch stets ohne Ergebnis. Dank des Allmächtigen hatte er Hunger und Durst und dem glühenden Eisen getrotzt, mit dem man ihn mehrmals täglich traktiert hatte. Eher wäre er gestorben als seinen Häschern den geringsten Hinweis zu geben, wie tief er mit den Mysterien des Ordens vertraut war, geschweige denn seine Zugehörigkeit zum inneren Kreis der Templer zu verraten. Am Ende war er zu schwach gewesen, um überhaupt noch eine Antwort geben zu können. In der sicheren Überzeugung, dass er ohnehin bald sterben würde, hatte William de Lamberton, Bischof von Saint Andrews und den umliegenden Gebieten, Gnade vor Recht ergehen lassen und die Entlassung Walters aus den Kerkern der Inquisition beim schottischen und englischen Klerus erbeten.

Mit der Auflage, das Land nicht verlassen zu dürfen und sich für die verbleibende Zeit ganz und gar Gott und einem asketischen Dasein zu widmen, hatte man ihm erlaubt, sich in eine Einsiedelei zurückzuziehen.

Bald darauf hatte John of Husflete ihn zu seinem Nachfolger als Oberhaupt der geheimen Bruderschaft berufen, deren Ziel es war, wenigstens den inneren Kern des Ordens zu erhalten und damit das größte Geheimnis der Christenheit vor dem Angriff des Teufels zu bewahren. Hugues de Payens, Herr von Montigny-Lagesse und die übrigen Begründer des Templerordens hatten das mächtigste Mysterium der Christenheit vor fast zweihundert Jahren mehr zufällig unter dem Tempelberg in Jerusalem entdeckt, als sie auf der Suche nach dem Heiligen Gral waren. Aufgrund der Brisanz dieses Fundes, der ihre Vorstellungen von einem Abendmahlkelch bei weitem überstieg, hatten sie den Hohen Rat gegründet. Einen eingeweihten Kreis verschworener Ordensbrüder, die von da an die Verantwortung für den respekteinflößenden Fund übernahmen und ihn stets und an verschiedenen Orten vor dem gemeinen Volk und sämtlichen Widersachern versteckt gehalten hatten.

In aller Eile hatte man nach der Vernichtung des Ordens den unscheinbaren Sarkophag, in dem sich das Heiligtum befand, von Franzien kommend auf eine Insel inmitten von Loch Obha geschafft und dort unter den Ruinen einer ehemaligen Wikingerfestung vergraben. Doch es wäre naiv gewesen, zu glauben, ein Mysterium von solch ungeahntem Ausmaß auf Dauer an einem allgemein zugänglichen Ort versteckt halten zu können.

»Das Geheimnis des Glaubens ist fähig, die gesamte Christenheit in ein einziges Chaos zu stürzen und ein Höllenfeuer heraufzubeschwören, das nicht mehr gelöscht werden kann, wenn die Macht, die in ihm steckt, in die falschen Hände gerät«, hatte John of Husflete seinen Männern in geradezu beschwörender Weise verkündet. Deshalb war Meister John, wie ihn alle nannten, mit einem Segelschiff des Ordens und einem Vorkommando von ehemaligen Templern an Bord auf Routen der Wikinger in eine ferne Welt aufgebrochen, um herauszufinden, ob das ihnen anvertraute Mysterium dort sicherer verborgen werden könnte als unter dem Einfluss der hiesigen Könige, die in seinen Augen allesamt von der Machtgier des Teufels besessen waren.

Sobald er den passenden Ort entdeckt und alle Vorkehrungen getroffen hatte, wollte er zurückkehren, um den Sarkophag mitsamt seinem brisanten Inhalt bis in alle Ewigkeit in Sicherheit zu bringen.

Bis es soweit war, hatte er alle Last der Verantwortung auf die Schultern seines Nachfolgers geladen. Nicht nur für den kostbarsten Besitz des Ordens, sondern auch für den Schutz der verbliebenen Brüder. Zugleich hatte er Sir Walter die Aufgabe erteilt, weitere untergetauchte Templer zu rekrutieren, die ihm vertrauenswürdig genug erschienen, um sie bei ihrer schwierigen Mission zu unterstützen. Als neu gewähltes Oberhaupt der geheimen Bruderschaft musste Walter schon bald eine Entscheidung treffen, die er lieber hinausgezögert hätte. Denn offenbar gab es immer noch genug unselige Teufel, die es sich zur Aufgabe gemacht hatten, ihn und seine Mitbrüder aufzuspüren und zu jagen, um ihr geheimes Wissen an sich zu reißen.

In dem Bewusstsein, dass es mit Bruder Brian nun tatsächlich einen der ihren erwischt hatte, rannte Walter die verfallenen Stufen der Krypta von Saint Mary hinab, wo er völlig außer Atem die anderen Templer, die dort bereits auf sie warteten, kurz begrüßte. Seine Mitstreiter setzten sich ausnahmslos aus ehemaligen Kommandeuren zusammen, die in früheren Zeiten einem Ordenshaus der Templer vorgestanden hatten und nun in der Anonymität seines Bettelordens untergetaucht waren.

»Es gibt ja keine Zufälle«, murmelte Sir Walter und ging vor den anwesenden Männern im Schein der Fackel auf die Knie, aber nicht, um ihnen zu huldigen, sondern um eine fingerdicke Staubschicht auf dem Boden der Krypta mit dem Ärmel seines Gewands beiseite zu wischen, bis ein paar lose daliegende Eichenbohlen sichtbar wurden, die er sorgsam zur Seite räumte.

Das Geräusch hallte von den Mauern der Ruinen wider und Walter kniff ärgerlich seine buschigen Brauen zusammen. »Roger, Michael!«, rief er verhalten und schaute zu Roger of Stowe und zu Michael of Baskerville auf, die wie er und noch einige mehr einst einen Kommandeursposten im Orden bekleidet hatten. »Geht nach oben und haltet die Umgebung im Blick. Wir können hier beim besten Willen keine ungebetenen Besucher gebrauchen.« Die beiden Angesprochenen schienen ein bisschen enttäuscht, weil sie, wie die übrigen Brüder auch, das hier versteckte magische Artefakt noch nicht zu Gesicht bekommen hatten. Trotzdem begaben sie sich augenblicklich mit gezückten Schwertern zum Ausgang und Walter spürte, wie er ruhiger wurde und besonnener zu Werke ging. Das steinerne Kreuz, das er hier versteckt hielt, war nur ein Teil des sagenumwobenen Templerschatzes, aber ein nicht unwesentlicher, verkörperte es doch, wenn auch in wesentlich schwächerer Form, die eigentliche Wirkung des Heiligtums. Genaugenommen war es ein schlichtes, handtellergroßes Kreuz, gefertigt aus einem Gestein, das wie Das Geheimnis des Glaubens einer verborgenen Höhle unterhalb des Berges Horeb auf dem Sinai entstammte. Es strahlte eine gewisse Hitze ab, aber nur wenn man es anfasste, und verursachte Brandblasen auf der Haut, wenn man es ohne Gedanken an seine Wirkung in den Händen hielt. Bei genauer Betrachtung zeigte sich dem Beobachter eine Aura der Abstrahlung, die das Kreuz wie eine etwa fingerbreite Hitzespiegelung umhüllte, ähnlich einer Fata Morgana. Nachdem er ein paar Steinplatten aus dem Boden gelöst hatte, kam eine kreisrunde Öffnung im Untergrund zum Vorschein, gerade groß genug, dass ein ausgewachsener Mann hindurchpasste. Darunter befand sich ein weiterer Hohlraum, der früher einmal von außen begehbar gewesen war, nach einem Erdrutsch jedoch nur noch mithilfe eines Seils und mindestens zweier starker Männer, die einen Eindringling sieben Fuß in die Tiefe hinablassen mussten. Ralph, ein schwarzhaariger Templer aus Wiltshire in England, übernahm zusammen mit dem irischen Bruder Peter of Malvern die Muskelarbeit. Mit äußerster Vorsicht ließen sie Walter und Totty nacheinander hinunter. Ein schwacher Widerhall zeigte das Aufkommen Walters auf dem staubigen Boden an. Totty tat es ihm nach und fing, kaum unten angekommen, geschickt die brennende Fackel auf, die Bruder Ralph durch das Loch zu ihnen hinabwarf. Voller Neugier leuchtete er den spartanisch eingerichteten Raum aus, den er bisher noch nicht zu Gesicht bekommen hatte. Indes fiel Walters Blick auf den monströsen Altar, der, wie er ihnen zuvor erklärt hatte, einer keltischen Opferstätte gleich, aus vier massiv gemauerten Säulen und einer mächtigen Marmorplatte bestand.

Nachdem Walter den Opferstein einmal umrundet hatte, machte er sich an einer Wand aus hellem Kalksandstein zu schaffen und löste am Fuß der Mauer mehrere Steine heraus. Aus einem darunterliegenden Hohlraum brachte er eine schlichte Eichenholzkiste zutage, die kaum größer war als die Heilige Schrift.

»Geh zur Seite«, warnte er Totty, während er die unscheinbare Kiste auf Händen zum Altartisch balancierte, »das Ding ist gefährlich. Du wärst nicht der Erste, den die Strahlung des Kreuzes ohne Vorwarnung trifft, weil die Kiste sich versehentlich öffnet.«

»Und was ist mit dir, Bruder Walter?«, fragte Totty, über so viel Misstrauen sichtlich enttäuscht. »Warum kannst du das Kreuz anfassen und wir nicht?«

»Weil ich reinen Herzens bin«, belehrte ihn Walter mit einem Seufzen, »und darüber hinaus imstande, meine Gedanken zu kontrollieren. Dazu bedarf es jahrelanger Übung. Wenn du einmal mit der Macht dieses Kreuzes in Berührung gekommen bist, entwickelst du ein Gespür für das viel größere Geheimnis des Glaubens, dessen Einflussnahme auf seine Umgebung tausendmal stärker ist.«

Totty ahnte, wie gefährlich das eigentliche Mysterium war, das sie am Loch Obha versteckt hielten, mit dem er aber noch nie in Berührung gekommen war. Nur die Meister des Hohen Rates hatten es bisher zu Gesicht bekommen. Es hieß, es sei das größte Vermächtnis der Christenheit, auch wenn es in Wahrheit den Juden gehörte. Gern hätte er weitere Fragen gestellt, doch er hielt sich zurück.

»Nachdem du das brennende Kreuz einmal in der Hand gehalten hast«, erklärte ihm Walter nüchtern, »kannst du dir lebhaft vorstellen, was dir blüht, wenn du den Deckel des Sarkophags öffnest. Nur wenn du deine Gedanken zu einhundert Prozent beherrschst, hast du eine Chance, nicht auf der Stelle den Verstand zu verlieren.« Um seinen Worten mehr Gewicht zu verleihen, legte er behutsam die Hand auf die Schulter seines Kameraden. »Selbst erfahrene Templerbrüder können der Macht, die von seinem Inhalt ausgeht, nur kurze Zeit widerstehen. Wenn er in die falschen Hände gerät, könnte das nicht nur unser aller Ende bedeuten, darüber hinaus wäre auch die Wiederkehr unseres Erlösers in Gefahr.«

Sir Walter of Clifton ließ die unscheinbare Kiste, die im Innern mit Blei und Gold beschichtet war, um die Wirkung des Kreuzes nicht nach außen dringen zu lassen, in einer Seitentasche seines abgetragenen Eremitenumhangs verschwinden und wies dann mit einem Wink den ehemaligen walisischen Kommandeur an, den Brüdern weiter oben den Befehl zu erteilen, sie hochzuziehen. Er selbst verwischte unterdessen ihre Spuren.

»Warum ziehst du keine schützenden Handschuhe an, wenn du das Kreuz berührst?« fragte Totty, nachdem sie oben in der Krypta angekommen waren. »Ich meine, wenn es so heiß wird, dass man sich die Finger verbrennt«.

»Das würde nichts nützen. Die Macht verbindet sich mit meinen Gedanken, und nur bei direkter Berührung des Kreuzes kann ich sie besser in die gewünschte Richtung steuern«, antwortete ihm Walter. »Die Verbrennungen treten im Übrigen nur dann auf, wenn man die Macht des Kreuzes nicht zur Gänze beherrscht. Und ich will nicht behaupten, dass ich schon so perfekt darin wäre, wie John of Husflete es war.«

»Ich fürchte, ich verstehe nicht, was du meinst«, sagte Totty und senkte beschämt den Kopf.

»Mach dir nichts draus, Bruder«, tröstete ihn Walter. »Solange du nicht gezwungen bist, vorzeitig meine Nachfolge anzutreten, ist es nicht nötig, dieses Mysterium vollkommen zu durchblicken. Und bis dahin hat uns Bruder John hoffentlich einen neuen Befehl zukommen lassen und erlöst uns von dieser schweren Bürde.«

Während Bruder Ralph am späten Nachmittag in Leith die Pferde besorgt hatte, war Roger of Stowe nach Edinburgh geritten und hatte dort gegen ein kleines Bestechungsgeld den Dienstplan der Stadtwachen inspiziert. Er erhielt die Information, dass in den frühen Morgenstunden ein Wachwechsel vorgesehen sei. Diesen konnten sie nutzen, um sich unbemerkt den Klostermauern zu nähern. Holyrood Abbey lag außerhalb der Stadtmauern und war somit leicht über den davorliegenden Àrd-thir Suidhe zu erreichen, einem weithin sichtbaren Hügel, auf dessen Höhe eine weitere Mönchsklause beheimatet war. Falls jemand auf die Idee kam, sie mitten in der Nacht zu kontrollieren, konnten sie als Mönche getarnt durchaus angeben, auf der Durchreise zu sein, um die dortigen Brüder zu besuchen. Auf diese Weise würden sie den Kerkermauern von Holyrood Abbey nahe genug kommen, ohne verdächtig zu erscheinen.

Nur mit einer einzigen Fackel versehen ritten sie durch die feuchtkalte Nacht, bis sie die Feuerkörbe auf den Stadtmauern von Edinburgh ausmachen konnten.

Die Wege rund um die Festung waren menschenleer und doch verspürte Sir Walter eine hartnäckige Anspannung. Mehr als vier Jahre waren vergangen, seit John of Husflete ihm bei seinem Abschied als Vertreter des Hohen Rates nicht nur Das Geheimnis des Glaubens, sondern auch das Artefakt des brennenden Kreuzes anvertraut hatte, zusammen mit dem Befehl, beides mit seinem Leben zu schützen und das Kreuz nur im äußersten Notfall und für Zwecke des Ordens zu nutzen. Seitdem hatte er das Kreuz erst einmal zum Einsatz gebracht, und dabei gleich gegen Bruder Johns Befehl verstoßen, als er einer jungen Frau zu Hilfe geeilt war. Sie sollte wegen eines Laibs Brot, den sie gestohlen hatte, im Nor Loch, einem See unterhalb der königlichen Festung von Edinburgh, ertränkt werden. Nicht etwa wegen des Diebstahls, sondern weil sie versucht hatte, dem Pranger zu entkommen, indem sie davongelaufen war, was die Todesstrafe bedeutete, wenn man wieder eingefangen wurde. Auf dem Weg von A’ Ghualainn, einer ehemaligen Templerkomturei östlich von Edinburgh, zu seiner Höhle, um das Kreuz an einen neuen, sicheren Ort in der Nähe seiner Eremitage zu verstecken, hatte Walter aus gebührender Entfernung die Vollstreckung des Urteils beobachtet und sich sogleich gefragt, ob und wie er der Frau helfen könnte. Er hatte sofort an das Kreuz gedacht, aber zu diesem Zeitpunkt war er mit dessen Wirkungsweise noch längst nicht bis in alle Einzelheiten vertraut gewesen. Und das, obwohl er vor den bereits eingeweihten Brüdern des Hohen Rates etliche Prüfungen hatte bestehen müssen, bis er das Kreuz das erste Mal in Händen hatte halten dürfen. Vor allem die Fähigkeit zur Kontemplation war von Bedeutung gewesen. Er hatte unter Beweis stellen müssen, dass er die Unterdrückung seiner Gedanken beherrschte und sich weder von Angst noch von Überschwang leiten ließ. Erst danach war es möglich, sich eine klare Vorstellung von dem zu verschaffen, was als Nächstes geschehen sollte, um die bestehende Wirklichkeit entsprechend zu beeinflussen.

Während Walter das grausige Spektakel am Ufer des Sees beobachtete, fielen ihm außer der johlenden Menschenmenge ein paar Kinder verschiedenen Alters auf, die völlig verstört am Ufer saßen. Blass und mit angstvollen Gesichtern verfolgten sie, wie die Verurteilte gefesselt und geknebelt an einen dicken Stecken gebunden von zwei starken Männern in die schmutzige Brühe getaucht und unter Wasser gehalten wurde. Dann zogen sie die Frau wieder hoch. Sie rührte sich nicht mehr. Die Kinder begannen zu weinen und wollten zu ihrer Mutter laufen. Doch der Henker hielt sie zurück.

Sir Walter war vor Ort geblieben, nachdem man den leblosen Körper der Frau der grölenden Menge überlassen hatte, die sich mit Fußtritten und anderen Handgreiflichkeiten persönlich davon überzeugte, dass sie auch tatsächlich tot war. Als sie sich nicht rührte, verlor der Pöbel das Interesse an ihr, und auch die Gerichtsbarkeit machte sich zu Sir Walters Überraschung kurze Zeit später davon. Den regungslosen Körper der Frau ließen sie einfach am Ufer des Lochs zurück. Vielleicht, um ihn den Angehörigen zur Beerdigung zu überlassen – oder den Schaulustigen zur Warnung.

Die völlig verstörten Kinder starrten derweil fassungslos auf den blau angelaufenen Leib ihrer Mutter.

Kaum, dass die Schergen und Gaffer verschwunden waren, machte Walter sich auf und untersuchte die Frau unter den Augen ihrer weinenden Kinder auf ein verbliebenes Lebenszeichen. Zu seiner großen Erleichterung wurde er fündig. Auch wenn sie nicht mehr atmete, so glaubte er doch unter seinen ausgestreckten Fingerkuppen ein schwaches Pulsieren ihrer Adern zu spüren. Er wusste, er würde mit dem, was er vorhatte, gegen alle Regeln verstoßen, aber er war überzeugt, ein gütiger Gott würde nichts anderes von ihm erwarten. Und so barg er den kalten Leib der Frau unter einem gewaltigen Busch, auf dem normalerweise die Wäscherinnen ihre Laken ausbreiteten. Noch einmal vergewisserte er sich, dass außer ihm und den Kindern niemand in der Nähe war, der ihn beobachten konnte. Dem ältesten Kind, einem schwarz gelockten Jungen, drückte er rasch ein paar Münzen in die Hand, mit der Bitte, er solle sich und seinen Geschwistern in der Stadt etwas zu Essen kaufen und danach nahe der Stadtmauer auf ihn warten. »So Gott der Allmächtige es zulässt, werde ich eure Mutter wohlbehalten zu euch zurückbringen«, erklärte er ihm, »aber ihr dürft mit niemandem darüber sprechen, verstanden?« Der Junge nickte wie betäubt und machte sich sogleich mit seinen Geschwistern davon.

Ein waghalsiges Versprechen, dachte Walter, während er ihnen für einen Moment hinterhersah, doch er hegte keinen Zweifel, dass die Macht, die er hütete, größer war als die Herzlosigkeit jener Menschen, die den Tod dieser Frau zu verantworten hatten.

Hastig befreite er das magische Artefakt aus seinem goldenen Käfig. Im ersten Moment brannten seine Handinnenflächen, als er es ans Tageslicht holte, wie zu Zeiten seiner Einweisung, doch je mehr er sich auf seine Gedanken konzentrierte und auf Gott vertraute, desto geringer empfand er den Schmerz. Behutsam berührte er mit dem Kreuz die Stirn der vermeintlich Toten und stellte sich mit geschlossenen Augen vor, wie sie zum Leben erwachte. Von einer mächtigen Kraft durchflutet, fuhr er mit dem Kreuz am leblosen Leib der Frau entlang und berührte sie an mehreren Stellen, den Kopf, die