Joseph Caldwell

Das Schwein war’s

Kriminalroman

Aus dem Amerikanischen von Irmhild und Otto Brandstädter

 

Impressum

Die Originalausgabe unter dem Titel

The Pig Did It

erschien 2008 bei Delphinium Books, Harrison, New York. Encino, California

 

ISBN E-Pub 978-3-8412-0300-7

ISBN PDF 978-3-8412-2300-5

ISBN Printausgabe 978-3-7466-2627-7

 

Aufbau Digital,

veröffentlicht im Aufbau Verlag, Berlin, 2011

© Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin

Die deutsche Erstausgabe erschien 2010 bei Aufbau Taschenbuch, einer Marke der Aufbau Verlag GmbH & Co. KG

Copyright © 2008, 2009 by Joseph Caldwell

 

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Inhaltsübersicht

Anmerkung des Autors

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

 

Für Robert Diffenderfer,

… und es war auch höchste Zeit!

Anmerkung des Autors

Der Leser stelle sich bitte vor, dass die Personen in diesem Kriminalroman, wenn sie unter sich sind, irisch sprechen, die Muttersprache derjenigen, die in den westlichen Gefilden Irlands leben, in denen die Handlung spielt. Die Redeweise, wie sie hier wiedergegeben wird, beruht auf dem amerikanischen Englisch. Die handelnden Personen bedienen sich des Englischen, sowie jemand zugegen ist, der des Irischen nicht mächtig ist.

 

Das Grab ist ein verschwiegener Platz,

doch niemand herzt dort seinen Schatz.

 

Andrew Marvell (1621 –1678)

»An seine spröde Geliebte«

Kapitel 1

Aaron McCloud war nach Irland an die Gestade der Westküste in die Grafschaft Kerry gereist, um sich in der Einsamkeit der Natur in aller Ruhe zu bemitleiden. Die sanften Hügel sollten ihm Trost, das unbezähmbare Meer sein Zeuge sein. Nicht lange, und er würde das Haus seiner Tante betreten, das hoch oben auf einer Landspitze gen Westen blickte. Dort wollte er sich aus tiefster Seele seinem Schmerz hingeben.

Er saß im Bus und schaute aus dem Fenster. Das schon vor langer Zeit in Parzellen aufgeteilte Weideland Irlands glitt an ihm vorüber; die aus dem Erdreich geborgenen Steine waren zu Trennmauern aufgeschichtet, so dass man den Eindruck einer dreidimensionalen Landkarte gewann. Die Grenzlinien waren tiefschwarz, die einzelnen Weideflächen hatten die Form eines Rechtecks oder Rhombus, und wie um Abwechslung ins Bild zu bringen, ab und an auch die eines Quadrats oder Dreiecks.

Am oberen Hang eines sonnenbeschienenen Hügels graste eine Schafherde und bewegte sich langsam westwärts. Fast konnte man meinen, die Schafe schufen systematisch einen Trampelpfad zum Meer. Eng zusammengedrängt wirkten sie wie eine eigentümliche Wolke, zogen, unentwegt Grünzeug rupfend, vorwärts; für wen sie eine breite Spur hinterließen, kümmerte sie wenig, Hauptsache, sie konnten den Magen befriedigen. Etwas weiter höher, an die drei Meter vom Rand der Herde entfernt, stand ein Schäfer, ein Mann. Vielleicht war es sogar ein Junge; er trug einen Pullover mit breiten Querstreifen – verschiedene Rottöne, grün, blau, goldfarben und mehr zum Bund hin schwarz. In der Hand hielt er einen Krummstab, einen richtigen Hirtenstab wie aus alten Zeiten. Überlieferter Brauch. Die ganze Geschichte eines Landes offenbarte sich ihm. Doch das schwärmerische Träumen währte nur wenige Augenblicke. Der Hirtenstab entpuppte sich als zusammengeklappter Regenschirm, den der Mann jetzt an einen Felsen lehnte, um aus einer Gürteltasche einen Fotoapparat zu ziehen und eins der Schafe zu fotografieren. Er war genauso wenig ein Schäfer wie Aaron. Bestenfalls handelte es sich um einen Touristen, schlimmstenfalls um einen Regierungsbürokraten.

Der Bus – bequemer und moderner als die Greyhounds und Trailways bei ihm zu Hause – brauste nach Aarons Schätzung mit achtzig Sachen über die schmale und kurvenreiche Landstraße, die sich durch Kerry schlängelte. Am späten Nachmittag würde er das Dorf erreichen mit ein paar Häusern und Dockerys Pub. Von dort wollte ihn seine Tante abholen und ihn den Rest der Wegstrecke zu sich und dem alten, aus Feldsteinen gebauten Haus fahren, wo er als Kind so manchen Sommer verbracht hatte, denn sowohl Mutter wie Vater, die gerade geschieden waren, empfanden ihn als lästig und schoben ihn gerne ab.

Er hing an dem Haus. Es stand mitten im Feld unweit der Steilküste, die zum Meer abfiel. Der Uferstreifen unten endete abrupt an einem Felsen, der aus dem Wasser aufragte und den Zugang zur dahinterliegenden Bai versperrte. Immer, wenn er bei seiner Tante und deren Familie weilte, hatte ihn die Felswand geärgert, verwehrte sie ihm doch den Zugang zu dem Sandstrand in der Bucht. Sie trennte ihn von den anderen Kindern, die dort schwammen, im flachen Wasser tollten und sich gegenseitig im Sand einbuddelten. Die Burgen und Schutzwälle, die sie bauten, hätten, wenn sie nicht nur ihrer Phantasie entsprungen wären, mit Sicherheit dem plündernden Feind getrotzt, der seinerzeit von Norden eingefallen war und seine Vorfahren um ein Haar ins Meer getrieben hatte.

Jetzt aber sehnte er sich nach der Felswand. Sein Uferstück würde menschenleer sein. Niemand würde seine Einsamkeit stören, von seiner Zurückgezogenheit Notiz nehmen – einzig und allein die See würde ihn bemerken. Natürlich würde es Möwen geben, auch Brachvögel. Er würde ihr Geschrei hören und bewundern, wie sie mit ausgebreiteten Schwingen selbst den geringsten Lufthauch nutzten, um ihre Kreise zu ziehen. Vielleicht waren auch Kormorane da, und wenn er Glück hatte, tauchte sogar ein einsames Schiff am Horizont auf. Böen und Stürme würde es geben, tosende Wogen, Gewitterwolken und Donner. Blitze würden am Himmel zucken. Winde würden um die Klippen heulen und – wieder mit ein wenig Glück – Gestein würde bersten und in großen Felsbrocken ins Meer stürzen. Nichts würde ihn erschüttern; inmitten der Naturgewalten würde er, Aaron McCloud, am Ufer dahinschreiten, allein in seiner Zurückgezogenheit und Einsamkeit. Nichts, was ihn in seinen neuerlichen Kümmernissen zu stören gedachte, würde er an sich heranlassen.

Aaron hatte kein Glück mit der Liebe gehabt. Gefangen in Wut und Enttäuschung, wollte er – allein mit sich und dem Meer – seinem Weltschmerz freien Lauf lassen. Natürlich würden die sich hebenden Wellen, wenn sie ihn so sahen, erschrocken zurückweichen, sich kurz aufbäumen, dann fallen und angesichts seiner Pein in sich zusammensinken. Mit schmerzerfülltem Gesicht wollte er sich eines gemessenen Schrittes befleißigen. Als würdiger Betrachter seiner Seelenqualen kam nur der unendliche, unergründliche Ozean in Frage. Der Schlussakt von Aaron McClouds Liebe zu Phila Rambeaux sollte sich an diesen Ufern, hier am Rande der Alten Welt, abspielen.

Mit zweiunddreißig hatte es Aaron gefallen, sich zu verlieben – zumindest hielt er es für Liebe. Es handelte sich um eine ganz normale junge Frau, nämlich eine seiner Studentinnen aus einem Workshop Literarische Ausdrucksformen an der New School in New York. Ihr Haar war nicht sonderlich auffällig, überwiegend glatt und an den Enden mehr kraus als gelockt, ein Mittelding zwischen braun und blond; die eigentliche Farbe der schwer zu bändigenden Mähne kam je nach Lichteinwirkung zur Geltung. Unter den grellen Neonröhren im Klassenraum war es mehr ein Blond, im gedämpften Licht der Vorhalle ein Brünett. Die haselnussbraunen Augen waren grün gesprenkelt, die Wangen wie kantige Flächen zwischen Augenhöhlen und Kinnladen gesetzt. Der Mund erinnerte an ein flaches gleichschenkliges Dreieck, die Nase war gerade und unauffällig, das Kinn ohne Rundungen und Grübchen, nicht mehr als der zweckmäßige Endpunkt, an dem die Kieferknochen aufeinandertrafen.

Dafür hatte sie bemerkenswert schöne Hände, die Hände einer Harfenistin. Aaron stellte sich vor, wenn er eine ihrer Hände nehmen und an sein Gesicht drücken würde, würde sie nicht nach Seife oder kostspieliger Creme duften, eher würde der Haut selbst ein zarter Hauch entströmen, geheimnisvoll und betörend. Und trotzdem waren es nicht die Hände, die es ihm angetan hatten, sondern aus was für Gründen auch immer das Gesicht, die hageren Wangen, die gesprenkelten Augen, das unscheinbare Kinn. Obendrein erhöhte ihre Angewohnheit, immer wenn sie sprach, mit dem rechten Ohr zu spielen, sein amouröses Verlangen.

Was sie zu Papier brachte, war verworren. Sie hatte eine deutliche Abneigung gegen alles Konkrete, verteidigte das Schwerverständliche als Doppeldeutigkeit. Ihr fehlte das literarische Gespür für das pralle Leben und damit die wesentliche Gabe, vorhandene Intelligenz für das Entstehen eines Kunstwerks zu nutzen. Ihre auffallend schönen Hände zauberten nichts künstlerisch ähnlich Schönes hervor.

Wie dem auch sei, zwei Jahre, nachdem ihm seine Frau mit einem Bariton aus dem Chor der St.-Joseph-Kirche nach Akron, Ohio, durchgebrannt war, gefiel es Aaron, sich um Phila Rambeaux zu bemühen. Sie würde sich geschmeichelt fühlen, umwarb sie doch ein Mann nicht ohne Vermögen, ein Mann, der für seinen natürlichen Charme, seinen Witz und Verstand, seine Ausstrahlungskraft bekannt war. Er hatte mehrere Romane geschrieben und veröffentlicht und war mit etlichen zweitrangigen Auszeichnungen geehrt worden, die seinem Prestige jedoch durchaus förderlich waren. Für seine Seminare schrieben sich mehr Studenten ein, als er annehmen konnte. Für seinen gesellschaftlichen Umgang hatte er mehr Freunde, als er bei sich empfangen konnte. In einem Haus aus braunem Sandstein in der Perry Street in Greenwich Village besaß er eine Wohnung, die über die ganze Etage ging, und was entscheidender war, er sah gut und gepflegt aus, was nichts mit schweißtreibendem Ehrgeiz und einem persönlichen Fitnesstrainer zu tun hatte, sondern auf eine ihm innewohnende Rastlosigkeit zurückzuführen war, die – wie manche meinten – schon an Krankhaftigkeit grenzte. Obendrein verstand er sich aufs Kochen.

Mit Phila würde er leichtes Spiel haben. Seine Liebesbezeugungen würden sie um den Verstand bringen, wovor er sie wiederum bewahren musste. Als zuverlässiges Heilmittel würden sich aufmunternde Liebkosungen, beruhigende, nicht zu stürmische Umarmungen erweisen, wiederbelebende Zuwendung also, die in geflüsterten Aufforderungen zu einem weiteren Ausflug an die Grenzen des Wahnsinns mündete. Zum gegebenen Zeitpunkt würde er ihr sogar gestehen, dass er sich für sie allein zu dem Entschluss durchgerungen hatte, seiner sinnlichen Begierde wieder nachzugeben, nachdem er sich diesbezüglich völlige Entsagung auferlegt hatte, als der Bariton mit Lucille, der Sopranistin, abgehauen war. Für Phila, und für Phila allein, hatte er sich gestattet, die bis dahin unterdrückte Fleischeslust wieder aufleben zu lassen. Erneut zur vollen Männlichkeit erwacht, glühend vor Liebesverlangen, schmachtend nach Zärtlichkeit ging er aufs Ganze.

Doch es lief anders als gedacht. Er hatte kein leichtes Spiel mit Phila Rambeaux. Als er sie zum Kaffee, dann zu einem Drink und schließlich zum Dinner einlud, lehnte sie nicht nur schlichtweg ab, sondern machte auch aus ihrer Verwunderung keinen Hehl. Sie tat, als verstünde sie nicht, wovon er sprach, als hätte er ein Thema gewählt, wie es abwegiger gar nicht sein konnte und das jenseits aller Vorstellungskraft war. Hätte er sie gefragt, ob sie im Kongo Kakaobohnen ernten wollte, wäre ihr »Nein, danke« nicht weniger perplex ausgefallen. Bei der Einladung zu einem Kinobesuch, dann zu einer Theatervorstellung und schließlich zu einer Opernaufführung handelte er sich eine ähnlich verdutzte Ablehnung ein; sie zeigte sich weder über seine Hartnäckigkeit empört, noch machten sie seine Absichten neugierig. Auf die Idee, seine Existenz auch außerhalb des Seminarraums zur Kenntnis zu nehmen, kam sie überhaupt nicht, und folglich gab es für sie kein Wenn und Aber. Eigentlich abgewiesen wurde er nicht, bloß mehr wie Luft behandelt.

Aaron verpflichtete die Studentengruppe, zu der auch sie gehörte, zu einer Lesung aus seinem jüngsten Roman zu erscheinen. Sie kam und war nach der Veranstaltung gleich wieder verschwunden, noch ehe er sich einen Weg durch die Menge hatte bahnen und sie durch seine Aufmerksamkeit hatte auszeichnen können. Als letzten Versuch gab er in seiner Wohnung eine Party und lud auch alle Studenten ein. Phila erschien. Sie trug ein Kleid aus schwarzer Seide mit orangefarbenen und blauen geometrischen Formen, die wie intergalaktischer Müll einer gescheiterten Raumsonde aussahen. Seine Frage, ob sie etwas länger bleiben und beim Aufräumen helfen würde, wurde nur mit einem verständnislosen Kopfschütteln beantwortet; das Wort Aufräumen schien in ihrem Vokabular nicht vorzukommen. Zusammen mit einem Studenten aus Aarons Klasse, dem einzigen, den er für talentiert hielt, einem Igor Soundso, verabschiedete sich Miss Rambeaux lachend. Aaron wurde von den Furien der Eifersucht gepackt und in Qualen gestürzt, wie sie noch nie zuvor eine Menschenseele durchlitten hatte. Und so endete die Party.

Dann war das Semester vorüber, und Phila Rambeaux erhielt die Teilnahmeberechtigung zu einer Schriftstellerkonferenz in Utah. In der Beurteilung, die er über sie schrieb, hatte er festgehalten, dass sie keinerlei Talent besäße – was immerhin eine zwingende Voraussetzung für eine solche Konferenz hätte sein müssen. Aber nun war sie fort – und zwar für immer. Er war nicht gewillt, auf eine Rückkehr zu warten. Er beschloss, seine Verzweiflung einzupacken und sie nach Irland zu verfrachten. Gleichfalls ins Gepäck würde seine aufmüpfig mahnende, unbefriedigte Liebeslust wandern. Kamm, Zahnbürste, Deodorant und den festen Entschluss, nie wieder eine solche Torheit zu begehen, würde er behutsam dazulegen. Mit Frauen war es ein für alle Mal vorbei. Seine Freigebigkeit hatte ihre Grenzen, nie wieder würde er sie überschreiten. Und nun schleppte er all die Last mit nach Irland, in die Grafschaft Kerry, an die Ufer des sich westwärts unendlich ausdehnenden Ozeans.

 

»Schweine! Schweine!«

Aaron konnte das lautstarke Geschrei selbst durch das dicke Glas der Busfenster vernehmen. Zwei Teenager kamen ihnen auf Fahrrädern entgegen und wiederholten die Schreie im Vorbeiradeln. »Schweine! Schweine!« Aaron hielt das ganze für einen Jux, mit dem sie die gelangweilten Fahrgäste ärgern wollten, die sich in ihren verstellbaren, gepolsterten Sitzen lümmelten und in aller Bequemlichkeit von einem Ort zum anderen gekarrt wurden. »Schweine!« Der Ruf verhallte. Aaron drehte sich um, um einen letzten Blick auf die frechen Radfahrer zu erhaschen, aber sie waren schon verschwunden. Die einzige andere Regung unter den Passagieren war ein allgemeines Kopfrecken nicht in Richtung der dreisten Jugendlichen, sondern in Fahrtrichtung. Ein Mann in einem dicken Tweedanzug schnarchte vernehmlich; es klang nicht unähnlich dem Geräusch, wie es das eben erwähnte Tier von sich gibt. Eine junge Frau schlug ein Buch zu und betrachtete ihre Fingernägel. Die auf den Sitzen am Gang lehnten sich zur Seite, um bessere Sicht nach vorne zu haben. Ein großer hagerer Mann stand auf und ging nach vorn. Sein Haar, das mit Wasserstoffperoxid oder etwas Ähnlichem auf blond getrimmt war, stand stachelförmig in die Höhe. Über einem roten seidenen Hemd trug er eine Lederweste, dazu ein Paar ausgebeulte blaue Jogginghosen, und an den Füßen die unvermeidlichen ungeschnürten Reeboks. Angelegentlich schaute er durch die Windschutzscheibe und nahm so allen anderen, die vielleicht auch etwas sehen wollten, die Sicht.

Der Fahrer hatte das Tempo gedrosselt, und als sie um eine Kurve bogen, verstand Aaron, warum die Radfahrer so geschrien hatten. Schweine versperrten ihnen den Weg, eine aufgebrachte Rotte, quiekend, fast kreischend, als triebe man sie zum Schlachten.

Vereinzelt kletterten ein paar von ihnen die Steinmauern hoch, die die Straße säumten, andere trotteten die Hügel bergan, und vier oder fünf schnupperten an dem Rad eines Lastwagens herum, der in einem Graben stecken geblieben war. Eins der Vorderräder drehte sich noch, als würde das Schicksal des Fahrzeugs – so oder so – jeden Moment besiegelt sein.

Der Bus hielt an, die Tür ging auf. Der mit den Igelhaaren war als Erster draußen, der Chauffeur als Zweiter. Unter allgemeinem Schubsen und Drängeln – als hätte man es den Schweinen abgeguckt – leerte sich der Bus. Eine gebrechlich wirkende ältere Dame legte dabei eine Höflichkeit und Rücksichtnahme an den Tag wie ein Verteidiger auf dem Fußballfeld.

Das Einkreisen eines ausgebrochenen Schweins verlangt Wendigkeit. Fast ausnahmslos mischten sich die Fahrgäste – darunter auch Aaron – zwischen die Tiere, rannten die Straße entlang, klatschten in die Hände und scheuchten sie mit ihrem »Suuii! Suuii! Suuii!« Eine junge Frau hatte sich aus dem Gestrüpp einen Zweig gebrochen und versuchte, die Schweine auf der Straße zusammenzutreiben und sie dazu zu bewegen, in die ursprüngliche Fahrtrichtung von Bus und Lastwagen zu trotten. Aaron konnte nicht umhin festzustellen, dass sie sich mit ihrer Aufmachung als Schweinehirtin etwas zu bescheiden gab: ausgebeulte schwarze Wollhosen, dicker Wollpullover in Dunkelgrau, übersät mit rötlichbraunen Erdspritzern, grünen Grasflecken und einigen rotvioletten Streifen unbekannten Ursprungs.

Trotz ihres Äußeren gewann Aaron den Eindruck, dass sie mehr eine Tänzerin als eine Schweinehirtin war. Ihre Füße, die in Sneakers steckten, verrieten eine gewisse Leichtigkeit. Und ihre raschen Bewegungen und graziösen Drehungen führten ihn mit Recht zu der Annahme, dass sich unter der zu weiten Kleidung ein höchst femininer Körper verbarg. Ihr rostrotes Haar flog ihr ins Gesicht, mal von der einen, mal von der anderen Seite, und deutete auf eine glückselige Selbstvergessenheit hin, die nur schwer zu der eigentlich misslichen Lage der Person passte, doch in kurzen Momenten gab das schwingende Haar den Blick auf Augen, Nase, Mund, Wangen, Kinn und Hals einer Frau von lebendiger Schönheit und verführerischem Reiz frei.

Sie lachte und amüsierte sich sichtlich, als ob ein im Straßengraben gelandeter Laster und eine Horde wild gewordener Schweine zu den köstlichsten Vergnügungen des Lebens gehörte. Jeden ihrer schnellen Schläge mit der Rute begleitete sie mit einem kleinen Triumphschrei, so als hätte sie bei einem Spiel, das ihr unendliche Freude bereitete, einen weiteren Punkt gewonnen; wobei die Schweine laut quiekend ihrer Empörung mit erhobenen Schnauzen Ausdruck gaben.

Eine von den Fahrgästen, eine ältere Frau, hatte sich mitten unter die lärmenden Viecher gedrängt, schlug ihnen auf die Schnauze, gab ihnen Klapse auf den Hintern, eigentlich mehr darauf bedacht, ihr Verhalten zu bestrafen, als Ordnung herzustellen. Der Mann in dem Tweedanzug lief neben der Herde her, schrie herum, klatschte über den Köpfen der Schweine in die Hände und trieb nur noch mehr der verängstigten Tiere in die Wiesen am Straßenrand. Der Jugendliche mit den wasserstoffblonden Haaren hatte sich ein paar Meter weiter unten am Fuß des Hügels postiert und es sich zur Aufgabe gemacht, dafür Sorge zu tragen, dass die Schweine nicht in den Talgrund entwischten. Er stampfte mit dem Fuß auf, brüllte herum, warf sich ihnen drohend entgegen und tat alles, was in seinen Kräften stand, um sie zur Umkehr zu bewegen. Zu seinem Leidwesen schienen nicht wenige der Tiere Gefallen an seinem Gehabe zu finden und kamen ihm bedrohlich nahe, so dass er sich gezwungen sah, immer weiter den Abhang hinab zurückzuweichen, die Schweine in freudigem Bewegungsdrang munter hinter ihm her.

Der mit dem Tweedanzug rannte jetzt neben einem Schwein her, das einen Hügel erstürmte; solchermaßen veranstalteten sie ein Wettrennen, um zu zeigen, wer als Erster oben ankam. Zwei Damen, beleibte Matronen, die sich würdevoll gaben und die Aaron nur französisch parlieren gehört hatte, hielten sich mit verächtlichem Kopfschütteln etwas abseits und sprachen eifrig miteinander wie Sportreporter, die gerade ein Spiel kommentieren.

Einige Schweine standen neben dem Transporter und schienen sich damit zu begnügen abzuwarten, bis sich die Aufregung gelegt hatte. Andere wühlten mit den Schnauzen im Gras in der Hoffnung, unter dem Rasen noch irgendetwas Schmackhaftes zu finden. Ein Schwein, heller als die anderen, fing an, seine Kumpanen mit der Schnauze zu stupsen, zu stoßen, zu grunzen und alle zu übertönen, die sich mit durchdringendem Gequieke gegen ihr Misshandeltwerden zur Wehr setzten. Als es schließlich den beiden Französinnen diskrete Puffe versetzte und sie so mitten in die Schweineschar zu drängen versuchte, schritt die Schweinehirtin, die Schöne mit der Gerte, ein und ließ es nicht so weit kommen, sondern trieb den Übeltäter wieder in die Rotte.

Fröhlich schwang sie ihre Rute, nahm sich mit raschem Hieb mal das eine, mal das andere Schwein vor, erinnerte ein jedes, dass es ihr gefügig zu sein und damit nicht das schlechteste Los gezogen hatte. Ähnlich rasch wie die Rute hüpften ihre Augen hin und her und ließen deutliches Vergnügen an dem Durcheinander erkennen, das sie anrichtete und das ihr offensichtlich mehr Spaß machte, als Ordnung in das Getümmel zu bringen.

Getrieben von dem Bedürfnis, den anderen zu zeigen, dass er kein Tourist war, brach sich Aaron aus dem Brombeergestrüpp eine Gerte, dünn wie ein schwankendes Schilfrohr. Ohne mit der Wimper zu zucken, befreite er sie von den Blättern, schwenkte sie zweimal durch die Luft wie ein Fechtmeister, der sein Rapier prüfen will, und schaute sich dann nach einer Aufgabe um, die seinem Stil und Elan angemessen war. Er wollte sich eines der eigensinnigen Schweine annehmen und es den Seinen wieder zuführen. Zwei schnüffelten an der Steinmauer entlang, ein anderes war in Richtung Tal den Hügel bereits halb hinunter, drei trotteten gemächlich zur Straße zurück und gaben das Herumgetolle auf, wieder ein anderes weiter oben quiekte mit hochgereckter Schnauze und wollte heruntergeholt werden, noch ein anderes bewegte sich langsam hangabwärts, tat geradezu unbekümmert, als hätte es sich soeben im Stechginster erleichtert und wollte nicht, dass man ihm ansah, was es dort getrieben hatte.

Aaron hatte sein Opfer gefunden, genauer gesagt, das Schwein ihn. Dort auf dem Abhang, etwa sechs Meter über ihm, stand es, die Vorderbeine gespreizt, wie um seine Kampfeslust zu demonstrieren. Auf Nacken und Schultern, die ihm ein Stier hätte neiden können, saß ein gewaltiger, vorgestreckter Kopf mit zuckender Schnauze; eine trotzige Herausforderung an Aaron, sich näher zu wagen. Die Augen, rosa umrandete Schlitze, blinzelten, blickten ihn stechend an und blinzelten wieder. Die Ohren hatte es aufgestellt, den Schwanz erhoben, und ein kräftiger Strahl Pisse ergoss sich ins Gras, strömte gelb und unentwegt und ließ ihn aus unerklärlichem Grund an Coors Bier denken. Aaron zählte laut bis drei. Der Strahl brach ab und versiegte. Mit der Gerte in der Hand stapfte Aaron hügelan. Er würde um das Schwein herumgehen, sich ihm von oben nähern und, den Stock schwenkend, das Tier nach unten zurück zur Straße treiben. Sowie er den Aufstieg begann, drehte sich das Schwein ein wenig zur Seite, behielt ihn aber im Auge. Aaron stieg weiter, höher. Das Schwein drehte sich etwas mehr, ihn aufmerksam beobachtend. Als Aaron den Fleck erreicht hatte, von wo aus er seinen Angriff starten wollte, hatte sich das Schwein völlig umgedreht. Damit standen sich die beiden erneut gegenüber.

Das ging Aaron zu weit. Er stolperte bergab auf das Schwein zu und stieß dabei einen hohen, Furcht erregenden Schrei aus, der eher klang, als hätte ihn eine Maus erschreckt. Das Schwein blieb unbeeindruckt stehen. Auch Aaron hielt ein. Er ließ seine Gerte zweimal kurz hintereinander durch die Luft sausen. Das Schwein blinzelte und rührte sich nicht. Aaron bewegte sich auf dessen linke Seite zu. Er würde es sich von der Seite her vornehmen. Aber noch ehe er zum Zuge kam, drehte sich das Schwein mit einem missmutigen Grunzer um und machte einen Satz den Hang hinauf. Aaron zögerte einen kurzen Moment, nicht aus Entscheidungsnot, sondern weil ihn das Tier überrumpelt hatte. Es war ein Spielverderber. Dann jagte er den Hügel hinauf, die Gerte wie eine Wünschelrute schwingend, die sich nicht damit abfinden konnte, dass man ihre Verheißungen stets von neuem ignorierte.

Das Schwein strebte weiter nach oben und gewann an Tempo, als es förmlich in einen Galopp ausbrach. Aaron ihm hinterher, fest entschlossen, es nicht entkommen zu lassen. Noch nicht ganz auf der Kuppe angelangt, scherte das Schwein nach links aus und zog einen Bogen, der auf die andere Seite des Hügels führte. Der Abstand zwischen ihnen wurde geringfügig kürzer, doch Aaron wurde bange, wie lange er noch mit dem Luftholen durchhalten würde. Nicht, dass er schon merklich keuchte, aber er spürte doch, dass der Atem kürzer und flacher wurde und er in der rechten Seite ein leichtes Stechen bekam. Ein Herzinfarkt oder eine Blinddarmentzündung, beides konnte ihn jeden Moment überraschen, aber es kümmerte ihn nicht. Er musste das Schwein erwischen.

Mit einem Mordstempo gewann es an Boden. Aaron kam es so vor, als führte das Borstenvieh ihn mit Vorsatz, lockte ihn immer weiter fort vom Bus, fort von der Straße, fort von seinen Mitreisenden; wie Moby Dick entführte es ihn in unbekanntes Terrain, in ein verborgenes Tal jenseits des Hügels. Wenn es wirklich das Ziel verfolgte, würde Aaron gewissermaßen zum Captain Ahab werden, besessen von seinem Vorhaben, aller Atemnot und allem Seitenstechen zum Trotz.

Das Schwein verschwand um die Biegung zum östlich liegenden Hang, setzte über die Heide, vermied das Felsgestein. Aaron ihm hinterher, er nahm die Gerte in die linke Hand, um sich mit der rechten die Seite zu halten. Er brachte die Biegung hinter sich. Da, etwas weiter oben, mehr zum Gipfel hin, stand das Schwein. Unter befriedigtem Grunzen warf es mit der Schnauze Grassoden hoch. Aaron blieb stehen, stand und rang nach Luft. Der dumpfe Schmerz in der Seite war stechend geworden. Er ließ seine Gerte fallen, drehte sich um und machte kehrt, ging den gleichen Weg zurück, den er gekommen war. Er würde sich nicht weiter um das Schwein kümmern. Sollte es doch allein und verlassen an dem Hang da bleiben, sollte es sich doch, so gut es konnte, sein Futter suchen, sich die Annehmlichkeiten eines sauberen Schweinekobens versagen, ohne einen gutgefüllten Trog zurande kommen, nie mehr das Privileg genießen, zum Besitz einer heiter lachenden Frau mit blitzenden Augen gezählt zu werden.

Aaron umwanderte den Hügel und begann den Abstieg. Von hier oben – ihm war gar nicht aufgegangen, wie hoch er geklettert war – konnte er nach Westen hinüber zu den abgegrenzten Weideflächen sehen, die sich den Hang hinaufzogen und die es wenig rührte, dass sie auf der Klippe endeten, die steil zum Meer abfiel. Die Stadt im Norden lag selbst im schräg fallenden Licht der untergehenden Sonne grau da, wobei die Häuser, eine Ansammlung von Stuck und Stein, sich offensichtlich lieber mit den Hügeln als mit den Klippen und dem Meer arrangierten. Am Horizont schien ein einsames Schiff jeden Moment von der Erdscheibe kippen zu wollen. Nicht ein einziges Fischerboot, auch kein curragh, das traditionelle Boot aus Flechtwerk, konnte man sehen. Seit langem schon waren die Küstengewässer überfischt. Der wuchtige Felsen auf Great Blasket Island, der Küste über eine Seemeile vorgelagert, ragte mitten in eine Wolke hinein, als hoffte er, in den Nebelschwaden eine Antwort auf sein hartes Dasein zu finden.

Aaron beschleunigte sein Tempo, musste aber jeden Schritt abbremsen, um nicht auf dem steilen Abhang auszurutschen. Seine Tante Kitty würde schon warten, und Geduld war eine Eigenschaft, die man ihr nicht gerade nachsagen konnte. Zum Glück waren sie und Aaron, da es die Besonderheiten der McClouds über die Generationen hinweg so ergeben hatten, fast gleich alt, Kitty die um zwei Jahre Ältere. In ihrer Kindheit hatten sie sich mehr als Cousin und Cousine gesehen, weniger als Tante und Neffe. Nur wenn sie sich stritten, würde Kitty ihre Vorrangstellung ins Spiel bringen – Aarons Großvater hatte sie hoch betagt gezeugt. Sie war die letzte krönende Befruchtung, die er in über dreißig fruchtbaren Jahren zustande gebracht hatte, sieben Kinder, und zu guter Letzt diese einen Schlusspunkt setzende Blüte, die zum Verdruss der Familie das Haus erben sollte, das Vieh, das Weideland eines sie abgöttisch liebenden und abgöttisch geliebten Vaters. Eigensinnig verletzte er das Recht des Erstgeborenen, indem er sein Hab und Gut nicht dem ältesten Sohn, sondern der jüngsten Tochter vermachte. Durch diese perverse Handlungsweise ermutigt, machte es sich Kitty bald zur Gewohnheit, sich verzweifelt zu gebärden, sobald sie eine Unannehmlichkeit hinnehmen, geschweige denn akzeptieren sollte. Derart verwöhnt, betrachtete sie sich als ohne Fehl und Tadel, hatte mit niemandem, der anderer Auffassung war, Geduld, nicht etwa, weil die anderen im Unrecht waren, sondern weil ihnen ihrer Meinung nach ein kritisches Urteilsvermögen abging.

Aaron mochte sie und hatte sie immer gemocht. Sie war es, die ihn gelehrt hatte, es ihr gleichzutun und aufsässig und ein bisschen hochnäsig zu sein. Sie hatte ihm Hartnäckigkeit beigebracht, in ihm den Unwillen geweckt, sich auf Rede und Gegenrede und auf Kompromisse einzulassen. Sie kamen gut miteinander aus. Trotzdem würde sie es nicht gern sehen, wenn man sie warten ließ – das galt auch für ihn. Aarons Besorgnis bestand zu Recht.

 

Er lief weiter bergab, hielt dann aber plötzlich inne. Unversehens war er und mit ihm die Landschaft um ihn herum von einem dichten Schleier umgeben und in sanftes Dunkel gehüllt. Die Stadt lag nur noch schemenhaft da, das Meeresrauschen war verstummt. Allein die äußersten Ränder von den Wolkengebilden weit draußen über der Insel waren in Licht getaucht, helle, silbern glänzende Streifen. Hinten am Horizont schob sich von Westen eine Wolke vor den Sonnenball, als wollte sie mit Macht das Ende des Tages herbeiführen; Festland und Meer sollten doch zusehen, wie sie in ihrem Schatten zurechtkamen. Die Welt schien verlassen, vergessen, und das schon eine Ewigkeit, nicht als wäre sie noch einen Moment zuvor von Leben erfüllt gewesen. Aaron fühlte sich in die Zukunft versetzt – die Erde öde und leer, die See grau und teilnahmslos.

Unwillkürlich musste er an eine Furcht aus Kindheitstagen denken, aber ehe sie ihn tatsächlich erfasste, durchlebte er erneut das Gefühl aus der Vergangenheit, weniger vom Verstand her, mehr als körperliche Empfindung. Er war mit seiner Großtante Molly, Kittys Mutter, unterwegs gewesen, einer beleibten und gemütvollen Frau mit einem rauen Lachen, aber voller Herzensgüte. Sie wollten auf eine über der Stadt liegende Bergeshöhe und kletterten durch Heide und Stechginster, als ohne jede Vorwarnung Nebel aufstieg, alles um sie herum verschlang und nichts Vertrautes oder Bekanntes mehr zu sehen war. Wahrscheinlich hatte er zu jammern begonnen, sie hatte amüsiert gelacht, seinen Kopf zwischen die rauen Hände genommen und ihm gut zugeredet. »Armes Kind, du bist überhaupt kein bisschen irisch, falls du es überhaupt jemals warst. Es ist nichts weiter passiert; wir erleben lediglich das tägliche Wunder, das uns Erfahrung und Weisheit lehrt. Wir sind in ein wundersames Geheimnis getaucht, das ist alles. Wir sind mittendrin und können es nicht ergründen. Alles ist ein Geheimnis, und wir nehmen es hin, Gott zum Ruhme. Hab also keine Angst und verhalte dich wie ein Ire, momentan zumindest. Sei klug und vernünftig. Lerne hier und jetzt, mit dem wundersamen Geheimnis zu leben. Auch, es mit ins Grab zu nehmen. Ich drücke dir jetzt einen Kuss auf die Stirn, du Dummerchen« – was sie auch tat –, »und du wirst keine Angst mehr haben. Komm, ich nehme dich an die Hand, und wir gehen einfach weiter, auch wenn wir nichts sehen. Das ist nichts Besonderes, es ist immer so. Und dann essen wir den Kuchen, den ich in der Tasche habe.«

Aaron war, als hätte sie ihm eben erst die Stirn geküsst. Er fuhr sich mit der Hand über die Stelle, die ihre Lippen berührt hatten, und schaute nach unten auf seine Füße. Die Kindheitserinnerung war verschwunden. Aber was noch weit erstaunlicher war, er spürte keine Seitenstiche mehr, konnte wieder vernünftig atmen und musste beim Gehen nicht mehr so gewaltsam keuchen. Die Wolke, mit dem von ihr ausgelösten Naturschauspiel zufrieden, zog Richtung Osten weiter und hoffte vielleicht, irgendwo in Nordfrankreich mit dem Mond ihren Schabernack zu treiben. Das Licht gewann wieder an Kraft, und die Welt kehrte, etwas schläfrig noch, zum Leben zurück. Aaron hob den Kopf. Die Spuren von Mineralien und Erzen in den Steinen brachten die Hauswände in der Stadt zum Funkeln. Schaumkronen belebten das Meer, und das Gras gewann nicht nur seine Grünschattierungen zurück, sondern verströmte auch den Duft von Heide, Stechginster und, wie es ihm vorkam, von Nikotin.

Doch es war ihm nicht vergönnt, die Wiedergeburt der Landschaft in vollen Zügen zu genießen, denn er wurde gewahr, dass er auf der falschen Seite des Hanges hinuntergegangen war. Weder Schweine noch Bus waren zu sehen, auch sprangen nirgendwo auf der Straße Schweinetreiber sinnlos herum. Selbst die junge Frau mit den lebhaften Augen und dem übermütigen Lachen konnte er nirgends entdecken. Er würde in die entgegengesetzte Richtung gehen müssen, um auf die andere Seite des Hügels zu gelangen. Bevor er das tat, nahm er die Straße unten noch einmal genauer in Augenschein. Es stimmte, es waren keine Schweine, kein Bus, keine Reisenden und auch nicht die Hirtin mit der Gerte zu sehen. Dafür aber der Lastwagen im Straßengraben, leicht vornübergeneigt, als wollte er vor seiner Weiterfahrt ein wenig dösen.

Er blickte Richtung Norden und sah nur zwei Autos und einen Kleintransporter. Richtung Süden machte die Straße eine Kurve, und dahinter war nichts zu erkennen. Er rannte den Hügel hinab, sprang über die Mauer, stand auf der Straße. Auf dem Asphalt breitgefahrener Schweinekot, auf dem weißen Mittelstreifen ein Apfelgriebsch und eine Bananenschale. Auch die Schleifspuren des Lasters waren da, und natürlich der Laster selbst. Im Brombeergestrüpp flatterte das Halstuch der Frau, täuschte mal einen Vogel, dann wieder einen Schmetterling vor. Alle waren fort, selbst die Schweine. Man hatte ihn allein zurückgelassen. Die Stadt war ein ganzes Stück entfernt. Das Haus seiner Tante noch weiter. Er würde per Anhalter fahren müssen.

Seine Aufregung legte sich. Die Menschen hier waren gastfreundlich, und schließlich machte er in seinem Jackett und seinen grauen Hosen einen durchaus respektablen Eindruck, auch wenn er keine Krawatte trug.

Angeregt von der Landschaft ringsherum, der frischen kühlen Luft, den dunkler werdenden Schatten, machte er sich auf den Weg. Er verspürte keine Lust, einfach stehenzubleiben und zu warten. Zwei Kurven hatte er hinter sich gebracht, da kam ein erstes Auto. Er hielt den Daumen hoch. Der Wagen verlangsamte sein Tempo, nahm aber sogleich wieder Geschwindigkeit auf und fuhr an ihm vorbei. Bald folgte ein zweites Auto, aber das verlangsamte nicht einmal sein Tempo, sondern hupte auch noch im Vorbeifahren. Das nächstfolgende beachtete ihn überhaupt nicht. Er hätte wohl doch lieber bei dem gestrandeten Laster stehenbleiben sollen. Einen Mann, der Pech gehabt hatte, würde man nicht herzlos seinem Schicksal überlassen. Ein weiteres Auto fuhr an ihm vorbei. Zwei Jugendliche vorn und ein junges Mädchen auf dem Rücksitz verlachten ihn sogar. Er beschloss, umzukehren und es an der Unglücksstelle beim Lastwagen zu versuchen.

Er drehte sich um und sah das Schwein. Es war keine drei Meter hinter ihm. Es sah ihn an, senkte den Kopf und beschnüffelte den Straßenbelag. Einen einsamen Wanderer würde man vielleicht mitnehmen, einen Mann mit einem Schwein wohl kaum.

Aaron stampfte mit dem Fuß auf. Das Schwein ließ sich in seinem Herumschnüffeln nicht stören. Aaron versuchte es wie vorher mit Rufen und Schreien, aber auch da blieb das Schwein unbeeindruckt. Ein Auto fuhr vorbei, gleich danach ein weiteres. Aaron rannte auf das Schwein zu, musste aber abbremsen, um nicht in den gesenkten Kopf des Tieres zu rasen. »Hau ab! Los! Nun geh schon! Suuii! Suuii! Scher dich fort!«

Das Schwein hob ein wenig den Kopf, stierte auf Aarons Schuhe, senkte die Schnauze und rieb sie an einem Steinbrocken der Mauer. Er stampfte erneut mit den Füßen, doch ohne Erfolg. Er gab es auf, machte kehrt und stapfte finster entschlossen am Straßenrand weiter. Ein Auto kam um die Kurve. Er hob den Arm. Das mit dem Daumen hatte keinen Zweck. Er würde mit den Armen winken, das hinterließ mehr Eindruck, zeugte von Ungemach, und das Auto würde einfach stehenbleiben müssen. Es tat es nicht. Das Schwein allerdings blieb ihm auf den Fersen.

Das Stampfen, Trampeln, Schreien wiederholte sich, bewirkte aber nichts. »Scher dich auf den Hang! Du wolltest doch dort hinauf, also geh! Mach schon! Niemand hindert dich daran!« Und wieder das Stampfen, Trampeln, Schreien. Alles umsonst.

Verbissen strebte er der Stadt zu. Autos überholten ihn, ein Lastwagen, ein Kleintransporter, weitere Autos. Er hatte es aufgegeben, um Hilfe zu bitten. Auch blickte er sich nicht mehr um. Er wusste ohnehin, dass man ihm folgte. Er konnte es nicht ändern. Es kam, wie es kommen musste, die Sonne sank, die länger werdenden Schatten legten sich auf Land und Meer, auf die Inseln und Weideflächen an den Hängen und in den Tälern, und Aaron marschierte auf der dunkler werdenden Straße, erreichte schließlich die Stadt und auch den Zufluchtsort, den er sich für das Versenken in sein Leid und seinen Kummer auserkoren hatte – die ganze Zeit, wie es schien, in Gewahrsam eines Schweins.