Ulrike Renk

Die Heilerin

Historischer Roman

 

 

Impressum

ISBN E-Pub 978-3-8412-0214-7

ISBN PDF 978-3-8412-2214-5

ISBN Printausgabe 978-3-7466-2685-7

 

Aufbau Digital,

veröffentlicht im Aufbau Verlag, Berlin, März 2011

© Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin

Die Orginalausgabe erschien 2011 bei Aufbau Taschenbuch;

Aufbau Taschenbuch ist eine Marke der Aufbau Verlag GmbH & Co. KG

 

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Umschlaggestaltung morgen, Kai Dieterich

unter Verwendung zweier Motive von Bridgeman Art Library

und eines Motivs von © The Gallery Collection/Corbis

 

Konvertierung Koch, Neff & Volckmar GmbH,
KN - die digitale Verlagsauslieferung, Stuttgart

 

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Inhaltsübersicht

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Nachwort

Danksagung

 

Ich liebe Euch – Philipp, Lisa, Tim, Robin, Margret, Walter, Regina, Karl, Ina.

 

Und C. – lass es mich mit den Beatles sagen: Little darling, the smiles returning to the faces / Little darling, it seems like years since it’s been here / Here comes the sun, here comes the sun / and I say it’s all right

Kapitel 1

Margaretha war gerade fünfzehn, als ihre Mutter sie das erste Mal zu einer Geburt mitnahm. Es war eine stürmische Oktobernacht im Jahr 1677. Der Wind heulte durch die Gassen in Krefeld, das Laub der Bäume wurde, Vogelschwärmen gleich, zwischen den Häusern hindurchgejagt. Immer wieder verdunkelten dichte, tiefhängende Wolken den vollen Mond, der knapp über der Stadtmauer zu hängen schien.

»Wach auf, Margret.« Die Mutter schüttelte sanft Margarethas Schulter. »Mevrouw van Holten liegt in den Wehen.«

»Mutter?« Margaretha rieb sich verwirrt über die Augen.

»Schhh.« Ihre Mutter hielt die Kerze hoch, schützte die flackernde Flamme mit der Hand vor dem Windzug, der durch die Ritzen des Fensters drang. »Wecke deine Geschwister nicht. Ziehe dich an und komm.« Bisher hatte Margaretha ihre Mutter zwar bei Wochenbett- oder Krankenbesuchen begleitet, aber noch nie durfte sie einer Geburt beiwohnen. Sie sprang aus dem Bett, griff nach ihren Kleidern und schlüpfte hinein. Es war empfindlich kalt geworden, und nur mit Mühe gelang es ihr, die Haken und Ösen der klammen Kleidung zu schließen.

»Nimm die dicken Socken«, sagte ihre Mutter leise, aber eindringlich. »Es wird schneien.« Sie hatte die Wollsocken schon aus dem Kasten genommen und hielt sie dem Mädchen hin.

»Schneien? Es ist erst Ende Oktober, Moedertje.« Margaretha warf einen zweifelnden Blick aus dem Fenster. Die dichten Wolken drohten allenfalls mit Regen, dachte sie.

»Es liegt Schnee in der Luft«, wisperte die Mutter. Kritisch besah sie sich ihre Tochter, dann nickte sie. »Die Haube noch. Mein Korb steht unten, wir müssen uns sputen.«

Margaretha schlang den Zopf zu einem losen Knoten im Nacken, sie hatte keine Zeit, die Haare ordentlich hochzustecken, zog die Haube über und verknotete das Band unter dem Kinn. Mevrouw van Holten war eine geborene Scheuten, dachte Margaretha, erst letztes Jahr hatte sie geheiratet, und nun erwartete sie ihr erstes Kind.

»Warum müssen wir uns beeilen?« Auch wenn Margaretha noch bei keiner Geburt dabei war, wusste sie doch viele Dinge, die damit zu tun hatten. Von früh an hatte die Mutter ihre einzige Tochter mitgenommen, hatte mit ihr den Kräutergarten gepflegt und war mit ihr durch die Rheinauen gegangen, immer auf der Suche nach Kräutern und Heilpflanzen. Gewissenhaft hatte die Mutter der Tochter den Nutzen und Schaden von Pflanzen, Kräutern, Aufgüssen und Extrakten erklärt. Margaretha wusste, dass die erste Geburt sich oft lange hinziehen konnte.

»Es wird Schwierigkeiten geben«, sagte Gretje op den Graeff, stemmte sich gegen die Haustür, die nach außen öffnete, und zog ihre Tochter mit sich, als sie endlich gegen den Wind ankam. Mevrouw op den Graeff, eine der Hebammen und Heilfrauen der Stadt Krefeld, trug in der einen Hand das Windlicht, in das sie die Kerze gesteckt hatte, in der anderen den großen Korb mit ihren Kräutern und Hilfsmitteln. Margaretha folgte ihr, die Tür glitt ihr aus der Hand und fiel krachend ins Schloss. »Verdomme!«, murmelte sie.

»Nicht fluchen!«, ermahnte die Mutter sie. »Hoffentlich hast du den Vater nicht geweckt.« Nur einen kurzen Blick warf Gretje über ihre Schulter, dann eilte sie weiter.

Margaretha sog die Luft tief ein, ihre Mutter hatte recht, es roch nach Schnee, kalt und ein wenig wie das Eisen, wenn der Hufschmied es zischend aus dem Wasser zog. Die Luft war auch deutlich kühler geworden, und vom Boden her zog es klamm nach oben, trotz der dicken Strümpfe. Sie liefen vom Obertor, wo das Haus der Familie stand, über die Hauptstraße Richtung Schwanenmarkt, passierten den Platz mit dem Brunnen und bogen am Viehmarkt rechts ein in die Burgstraße. Am Viehmarkt roch es nach Dung und Schweinen, das Geschnatter der Gänse und Hühner, die noch am Mittag dort angeboten worden waren, schien noch immer in der Luft zu liegen. In der kleinen Gasse warf sich ihnen der Wind entgegen, als wollte er sie mit aller Macht davon abhalten, ihr Ziel zu erreichen. Hier knirschte der Matsch schon unter den Stiefeln der beiden Frauen. Der Boden fror.

»Godallemachtig«, murmelte Gretje op den Graeff und hielt kurz inne. Der Wind heulte um die Häuserecken, fing sich in den Toreinfahrten, hallte dort. Doch dann wurde Margaretha klar, dass es nicht der Wind war, der dort heulte, sondern eine Frau. Sie wimmerte, steigerte das Wimmern, bis es in einem gellenden Schrei endete, begann wieder zu wimmern.

Die Mutter sah sich kurz zu ihrer Tochter um, hielt ihr das Licht der Kerze ins Gesicht. Das Mädchen war bleich.

»Das wird nicht einfach, Meisje. Willst du lieber nach Hause gehen?«

Margaretha überlegte, ein Schauer rann ihr über den Rücken, aber dann straffte sie die Schultern, biss sich in die Lippe. »Ich komme mit.«

Für einen Augenblick prüfte die Mutter den Blick der Tochter, doch Margaretha hielt stand. Dann nickte Gretje. »Gut. Wenn du das schaffst, schaffst du alles andere auch. Komm.«

Sie klopften an eine Tür, ein hohlwangiger Mann öffnete ihnen.

»Mevrouw op den Graeff, dem Herrn sei Dank. Thilda stirbt, und ich bin schuld.« Er wischte sich die Tränen aus den Augen, hob ein Glas und trank einen großen Schluck, verschluckte sich und hustete. Er stank nach Branntwein. Angeekelt verzog Margaretha das Gesicht. Wieder hatte der Schrei seinen durchdringenden Höhepunkt erreicht und verebbte, jedoch nur kurz. Obwohl sie nun im Haus waren, erschien es Margaretha, als ob der Schrei nicht mehr ganz so laut gewesen war.

»Wo ist sie?«, fragte Gretje und schob den Mann sachte beiseite. »Oben?«

Er nickte stumm.

»Gibt es oben einen Kamin?«

»Nein.«

»Wenigstens eine Kohlepfanne?«

Van Holten sah sie mit weit aufgerissenen Augen an. »Ne… nein«, stotterte er.

»Dann besorgt eine, minn Jong. Und macht Euch keine Sorgen.« Sie tätschelte seinen Arm und ging an ihm vorbei. Margaretha folgte ihr, beeindruckt von der Ruhe, die ihre Mutter ausstrahlte. Im engen Hausflur roch es nach Kohl, nasser Wolle und saurer Milch. Rechts führte eine Tür in das größte Zimmer des schmalen Hauses, das so gebaut war wie viele Häuser der Stadt. Dort stand der Webstuhl und nahm den meisten Raum ein. Van Holten war Leinenweber. Der Kamin erwärmte den Raum, so dass die Weber auch im Winter trotz der Kälte die Schiffchen durch die Fäden ziehen konnten. An der Rückseite des Raumes lag die Wohnküche. Eine schmale und steile Stiege führte in das erste Stockwerk. Am Fuße der Treppe saß ein Mädchen, kaum älter als Margaretha. Sie hatte sich ganz zusammengekauert und hielt die Ohren mit den Händen bedeckt, wiegte sich leise jammernd hin und her.

»Hemeltje, Gottegot, Hemeltje!«, sagte sie leise wieder und wieder.

Gretje stupste sie an. »Bist du die Magd? Wie heißt du?«

»Katrinchen. Gottegot.« Sie sah nach oben, verdrehte die Augen.

»Der gute Gott und der allmächtige Herr werden uns helfen. Aber weder er noch der liebe Himmel kochen Wasser und beschaffen sauberes Tuch, das ist deine Aufgabe. Erfüll sie. Aber vorher schütte die saure Milch weg, lüfte durch und schür dann das Feuer. Wir werden Kohlen brauchen.« Gretje lächelte zuversichtlich, dann stapfte sie die Stiege entschlossen nach oben. Wieder setzte die Frau im oberen Geschoss zu einem entsetzlichen Schrei an.

Margaretha war flau im Magen. Sie drückte das Bündel sauberer Leinentücher, das ihr die Mutter zum Tragen gegeben hatte, gegen ihre Brust, dann fasste sie sich ein Herz und folgte ihr.

Nur zwei Kerzen brannten in dem Schlafzimmer, in dem ein breites Bett stand, dessen dicke Vorhänge zugezogen waren. Die Wollblenden bewegten sich sacht in dem scharfen Luftzug. Bevor Gretje sie beiseitezog, sah sie sich um. Das Fenster ging zur Straße und klapperte unter den Windböen, die sich gegen das Haus zu werfen schienen. Das Gebälk ächzte, und die Dielen knarrten. Irgendwo rief ein Käuzchen.

»Das Fenster ist nicht dicht. Geh nach unten und schau, ob dort Stroh oder Bast ist, damit wir es abdichten können.« Dann schob sie den Vorhang beiseite. Die junge Frau mit dem aufgeblähten Körper krallte sich in das Kissen. Ihr Gesicht war vor Schmerzen zu einer Fratze verzogen, trotz der Kälte lief ihr der Schweiß über die Haut. »Und bring auch frische Laken mit. Warmes Wasser. Eimer. Los!«

Wie erstarrt schaute Margaretha auf die junge Frau, die sich hin und her warf, stöhnte und wimmerte. Natürlich wusste Margaretha, dass Schmerzen zur Geburt gehörten, und hatte auch schon so manche Frau in den Wehen schreien gehört. Doch das, was sie nun sah, überstieg ihre Vorstellung.

»Nun, nun, nun, Meisje, es wird alles gut!«, beschwichtigte Gretje op den Graeff die junge Frau. Sie zog ihr das Nachthemd aus, warf es auf den Boden, legte ihr die Hand auf den nackten Bauch. Margaretha erschien es, als würde die über alle Maßen gespannte Haut gleich aufplatzen. Immer noch konnte sich das Mädchen nicht von dem Anblick lösen.

»Spürst du meine Hand? Du musst hierhin atmen. Einatmen und ganz langsam auspusten. So wie ich …« Geräuschvoll atmete Margarethas Mutter ein und dann aus.

»Ich kann nicht«, stöhnte Thilda.

»Doch, du kannst. Einatmen. Jetzt!« Gretje sprach beruhigend, aber auch bestimmt. Thilda van Holten wurde ruhiger, das Wimmern ließ nach, und sie schien sich ein wenig zu entspannen. Eine Windböe zog pfeifend durch die Ritzen, und Margaretha zuckte zusammen, dann raffte sie ihre Röcke und lief die steile Stiege hinab. In der Küche brannte ein helles Feuer, darüber hing ein rußgeschwärzter Kessel, in dem etwas kochte. Margaretha warf einen Blick hinein. Dicke Fettaugen schwammen auf der Oberfläche.

»Was ist das?«, fragte sie die Magd.

»Ich sollte doch Wasser kochen.«

»Hast du den Topf nicht ausgescheuert? Da schwimmt ja Fett.«

»Ausgescheuert? Nein. Ich habe gestern ein Huhn ausgekocht. Da muss noch ein Rest im Topf gewesen sein.« Katrinchen zuckte die Schultern.

Margaretha hatte schon früh gelernt, dass Sauberkeit wichtig war, nicht nur im Wochenbett. Ohne die Magd anzusehen, nahm sie den Kessel vom Herd, öffnete die Tür zum Hof und schüttete das Wasser aus. Eine Dampfwolke nahm ihr für einen Moment die Sicht. Dann drehte sie sich um, drückte Katrinchen den Kessel in die Hand.

»Wasch ihn aus, und zwar gründlich. Und dann nimmst du sauberes Wasser und erhitzt es. Habt ihr Bast im Haus? Ich brauch zudem einen Eimer, Laken.«

Die Haustür wurde geöffnet und jemand polterte in der Diele. Es war der junge van Holten. Er hatte bei seinen Eltern, die im Nachbarhaus wohnten, eine Kohlepfanne ausgeliehen und schwankte damit nun durch die Diele. Torkelnd stieß er gegen die Küchentür, blieb stehen und sah Margaretha mit großen Augen an.

»Wohin damit?« Er deutete auf das Kohlebecken.

»In der Küche brauchen wir es wohl nicht. Es muss nach oben.« Margaretha verdrehte die Augen und hob lauschend den Kopf. Die furchtbaren Schreie waren verstummt. Auch van Holten horchte.

»Gottegot. Ist sie …?« Doch dann hörte man wieder einen leisen Schrei. Er klang nicht mehr so verzweifelt, aber immer noch schmerzhaft. Van Holten zuckte zusammen. »Was habe ich getan? Was habe ich ihr angetan?«

»Zum Jammern ist es jetzt zu spät. Das Kohlebecken wird gebraucht. Und habt Ihr Bast?«

»Bast?«

»Es zieht wie Hechtsuppe dort oben.« Margaretha stemmte die Hände in die Hüften, so wie sie es oft bei ihrer Mutter gesehen hatte, wenn diese mit Männern sprach.

Van Holten wies mit dem Kopf zur Webstube. »Dort ist Bast. Ja, es zieht dort oben. Aber das große Bett passt nicht in das andere Zimmer, dort zieht es nicht und einen Kamin haben wir da auch.«

»Auch ein Bett?«, fragte Margaretha.

»Nun ja, ein schmales.« Er rülpste, hielt sich verschämt lächelnd die Hand vor den Mund. Die Branntweinfahne schien vor ihm im Raum zu stehen. Angewidert wandte Margaretha den Kopf ab. Sie drückte sich an van Holten vorbei, lief die Treppe empor. Vor der Tür zum großen Schlafzimmer blieb sie stehen, holte tief Luft. Sie hörte das Stöhnen der Frau, die murmelnde Stimme ihrer Mutter. Der Gedanke an den zum Platzen gespannten Leib der Frau und das viele Blut erzeugten Übelkeit in ihr. Sie drehte sich um, sah die andere Tür, öffnete sie. Wohlige Wärme schlug ihr entgegen. In diesem Moment kämpfte sich der Mond durch die Wolken und warf sein Licht in den kleinen, aber behaglichen Raum. Das Bett war in der Tat schmal, doch es wirkte frisch bezogen. Kein Wind pfiff hier, das Zimmer lag nach hinten zum Hof.

Margaretha gab sich einen Ruck und öffnete die Tür zum Schlafzimmer. Thilda lag im Bett, die Beine weit gespreizt. Das flackernde Licht der Kerzen warf gespenstische Schatten, die über die Wände tanzten. Sie atmete zusammen mit Gretje, ein Rhythmus, ein-aus, ein-aus. Hin und wieder entfuhr ihr ein Wimmern. Margaretha wusste nicht, wie sie sich bemerkbar machen sollte, und traute sich nicht, zum Bett zu gehen.

»Schön weiteratmen, Meisje«, sagte Gretje lobend und drehte sich dann zu ihrer Tochter um. »Bringst du Wasser? Wo bleibt die Kohlepfanne? Und hast du Bast? Bevor die nächste Stunde um ist, wird diese Frau krank sein, wenn sie weiter in dem Windzug liegt.«

»Nebenan ist ein warmes Zimmer. Dort zieht es nicht, und der Kamin verläuft durch den Raum, es ist warm.« Margaretha sprach die Frage nicht aus, aber sie hing deutlich in der Luft: Würde die gebärende Frau es dorthin schaffen? Oder wie würden sie sie dahin bringen?

»Ein Bett?«, fragte Gretje knapp.

»Ja. Ein kleines, aber wie mir schien, frisch bezogen.«

»In Hemmelsnaam. Warum sagt das denn keiner?« Gretje stieß wütend die Luft aus. Dann wurde ihre Stimme wieder sanft. »Komm, Meisje, aufstehen. Wir gehen rüber. Margret, nimm die eine Kerze und mach dort Licht.«

»Aufstehen?« Erschrocken sah Thilda die Hebamme an. »Das kann ich nicht.«

»O doch, und du wirst.«

Später wusste Margaretha nicht mehr, wie sie die heulende Frau in das andere Zimmer bekommen hatten, aber sie schafften es. Wenige Stunden danach hielt Gretje op den Graeff dem inzwischen völlig betrunkenen van Holten seinen Erstgeborenen hin. »Wie soll Euer Kind heißen?«

»Mein Kind?« Er verschliff die Silben, seine Augen befanden sich auf Wanderschaft und fanden keinen Fixpunkt. »Ist es tot?«, lallte er.

»Nein. Wohl kaum.« Gretje holte tief Luft und schaukelte den Kleinen sanft, der inzwischen anfing leise zu jammern. »Er lebt, genauso wie Eure Frau. Wie soll der Sohn nun heißen?«

»Er lebt? Meine Frau auch?« Van Holten hob das Glas an die Lippen, doch es war leer. Wütend schleuderte er es gegen die Wand, wo es klirrend zersplitterte, griff nach dem Tonkrug. Wie ein Ertrinkender sog er die letzten Tropfen aus dem Gefäß. Gretje rümpfte die Nase. Die zum Schneiden dicke Luft stand in dem Raum, es stank nach Branntwein, Schweiß und feuchten Strümpfen.

»Mijnheer van Holten, Eure Frau lebt, das Kind auch. Ich habe einige Stunden gearbeitet und würde nun gerne nach Hause gehen. Aber das Kind braucht einen Namen. Überlegt Euch, wie Ihr ihn nennen wollt. Ich bringe ihn nun zu seiner Mutter. Später am Tag komme ich wieder.«

»Ihr wollt gehen?« Verblüfft sah er sie an. »Und mich alleine lassen?«

»Natürlich. Warum nicht? Katrinchen ist doch da. Sie kocht gerade eine gehaltvolle Brühe, damit Eure Frau wieder zu Kräften kommt. Schlaft Euren Rausch aus.« Sie lachte leise, drehte sich um.

»Mevrouw op den Graeff, Ihr könnt nicht einfach gehen. Ist das Kind getauft?«

Langsam drehte sich Gretje wieder zu ihm um. Ihr Gesicht zeigte eine seltsame Ungeduld, stellte Margaretha fest, die mit dem gepackten Korb im Flur stand. Die Nacht war anstrengend und zuerst furchterregend gewesen, doch der Ausgang glücklich. Alle Anspannung und Aufregung war nun von ihr gefallen; sie fröstelte, war müde und ausgelaugt.

»Ich kann das Kind nicht taufen«, sagte Margarethas Mutter mit gepresster Stimme.

»Ihr … Ihr … Ihr seid doch Hebamme, Ihr dürft taufen«, stotterte van Holten. »Was, wenn es in den nächsten Stunden stirbt?«

»Ich dürfte eine Nottaufe vornehmen, wenn es dem Kind schlecht geht. Diesem Kind geht es bisher gut. Ich sehe auch keinen Anlass zur Sorge, dass es ihm in den nächsten Stunden schlechter gehen sollte. Allerdings nur, wenn ich es jetzt aus diesem Mief hier wegbringe, ansonsten könnte er wohlmöglich ersticken. Dann müsste er notgetauft werden.« Sie drehte sich um und ging nach oben.

»Mevrouw! Haltet ein«, rief van Holten. »So wie meine Frau geschrien hat, war die Geburt schwer. Und schwere Geburten führen oft zum Tod. Ich bestehe auf einer Taufe. Das Kind soll …«, er zögerte, aber in seiner Wut war seine Aussprache wieder deutlicher geworden, so als hätte er den Vorhang der Benebelung beiseitegeschoben. »Der Junge soll nach meinem Vater benannt werden. Jakob van Holten!«

»Das ist fein. Ich werde es Eurer Frau ausrichten, sie fragte danach«, rief ihm Gretje über ihre Schulter zu.

»Und tauft Ihr ihn nun?«

Gretje blieb stehen. Margaretha sah, dass ihre Mutter bebte. Ein sicheres Zeichen dafür, dass sie wütend war. Für einen Moment schien die Hebamme zu zögern, dann stieg sie die steile Treppe wieder hinunter, gab Margaretha das kleine Bündel.

»Ich bin Mennonitin, wie Euch sehr wohl bekannt ist. Genauso wie Eure Frau Thilda. Ihr seid Protestant. Eure Art den Glauben an Gott zu leben ist nicht besser und nicht schlechter als unserer. Wir sind alle Kinder Gottes, und zwar von Geburt an. Gott liebt und schützt uns. Wir Mennoniten entscheiden uns dazu, als junge Erwachsene das Taufgelöbnis und dadurch den erneuten Bund mit Gott einzugehen. Bewusst und willentlich.«

»Und wenn das Kind jetzt stirbt?« Er weinte plötzlich fast.

»Dann ist es in der Hand Gottes. Welche Sünden soll es begangen haben? Die Gefahr, dass Euer Sohn an diesem Tag stirbt, sehe ich nicht. Wenn es Euch wichtig ist, dann lasst ihn im Laufe des Tages taufen. Er ist gesund und munter, er hat schon getrunken. Es geht ihm gut. Ich werde ihn nicht taufen.« Sie sah ihn streng an, nickte ihm zu, ging in den Flur und nahm das Kind aus Margarethas Armen. Dann stapfte sie die Treppe empor. Jeder ihrer Schritte auf der hölzernen Stiege schien durch das Haus zu hallen.

Wenig später liefen die beiden Frauen durch das morgendliche Krefeld. Gretje hatte recht behalten, dicke Schneeflocken, weich wie Wollfasern, trieben im ersten Licht des Tages durch die Luft. Die Hähne hatten gekräht, die ersten Wagen fuhren durch die Stadt, und die Tore waren geöffnet worden. Die beiden Frauen, Mutter und Tochter, gingen schweigend nebeneinander her. Ihre Schritte waren schwerfällig und müde. Als sie das Haus in der Nähe des Obertors erreicht hatten, blieb Gretje stehen. Sie sah Margaretha an. Die Fältchen um ihre Augen, die wie Radspeichen um ihre Augen lagen, hatten sich vertieft. Sie lächelte schwach.

»Du hast dich gut gehalten, mein Kind. War es arg schlimm?«

»Am Anfang schon. Ich dachte, sie würde sterben. Was muss sie für Schmerzen gelitten haben!« Margaretha senkte den Kopf. Ihre Knie zitterten, und inzwischen waren ihre Füße, trotz der dicken Strümpfe, kalt.

»Nicht mehr als andere auch, aber auch nicht weniger. Sie hat dagegen angekämpft und das war ihr Fehler. Wir haben ihr geholfen, richtig damit umzugehen. Du hast deine Sache gut gemacht, Meisje. Nun geh zu Bett und ruh dich ein paar Stunden aus. Später am Tag werden wir noch mal nach Thilda und dem kleinen Jakob sehen.« Gretje öffnete die Tür. Es war kalt im Hausflur. Das Feuer im Herd schien ganz heruntergebrannt zu sein. Seufzend stellte Gretje den Korb ab, stützte kurz die Hände in das Kreuz und bog die Schultern nach hinten.

Margaretha schlich an ihr vorbei nach oben. Das Haus der op den Graeffs gehörte zu den älteren der Stadt. Margarethas Großvater hatte es gebaut. Durch Anbauten und Umbauten war es immer wieder verändert worden und wies nun einen sehr winkeligen Grundriss auf. Weil keines der Zimmer groß genug für einen Webstuhl war, hatte die Familie das Nachbarhaus gekauft, nachdem die Bewohner dem Fieber erlegen waren. Dort standen nun drei Webstühle, von der Küche blieb nur noch der Herd, außerdem nutzten sie die Gesindezimmer im oberen Stockwerk. Somit waren die Arbeit und auch die Arbeiter in das zweite Haus gepackt worden und die Familie in das andere.

Margaretha teilte sich das Zimmer mit ihrer Schwester Eva, mit drei Jahren das Nesthäkchen der Familie. Das Kind kam zur Welt, als Gretje schon längst die fruchtbaren Zeiten hinter sich hatte liegen sehen. Der älteste Sohn der Familie war fast dreißig Jahre älter als die jüngste Tochter.

Eva war ein besonderes Kind, ihr Gesicht mondförmig, die Augen glichen Mandeln, sie lachte beständig, war fröhlich und aufgeweckt, konnte jedoch nicht richtig sprechen und hatte Schwierigkeiten zu laufen. Die Familie liebte das Kind und hütete es wie den Augapfel. Margaretha schlich leise in das Zimmer, zog sich aus und kroch unter die inzwischen klammen Laken. Vereinzelte Schneeflocken malten Tupfen auf das kleine Fenster, die Sonne ging an einem diesigen Himmel auf. Irgendwo bellte ein Hund, und der Nachtwächter sang sein Abschiedslied. Margaretha schlief ein.