Christian Försch

DER TOTE   
   AM LIDO

KRIMINALROMAN

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Impressum

ISBN 978-3-8412-0579-7

Aufbau Digital,

veröffentlicht im Aufbau Verlag, Berlin, April 2013

© Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin

Die Originalausgabe erschien 2013 bei Aufbau, einer Marke der Aufbau Verlag GmbH & Co. KG

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Umschlaggestaltung capa design, Anke Fesel unter Verwendung eines Motivs von DEA / G. SOSIO/ getty images

E-Book Konvertierung: le-tex publishing services GmbH, www.le-tex.de

www.aufbau-verlag.de

Inhaltsübersicht

TEIL I

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12

TEIL II

13

14

15

16

17

18

19

20

21

22

23

24

25

26

27

28

TEIL III

29

30

31

32

33

34

35

36

37

38

39

40

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42

43

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TEIL IV

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47

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49

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52

53

54

55

56

57

Mein Dank gilt

»Kannst du denn ertragen, was du siehst? Und kannst du dich ertragen, wenn du wegsiehst?«

Amanda

TEIL I

1

Meseret drückte den Gummiknopf, der Motor erstarb. Die Heckwelle versetzte dem Boot einen letzten Schub, dann glitt es fast lautlos über die ruhige See. Im Dunst tauchte die Plattform auf, wo der Wachmann Dienst schob. Licht brannte, sein Boot schaukelte im sanften Wellengang. Er hatte Meseret nicht bemerkt.

Dieser nahm das Ruder, tauchte es vorsichtig ein und dirigierte das Boot durch die im Mondlicht schimmernden Pfähle, auf denen Möwen saßen, weiß und reglos wie Statuetten. Er nahm den Eisenrechen und fischte nach den großblättrigen Algen, die in nur achtzig Zentimetern Tiefe wucherten, und dem Getier, das unter diesem Teppich vegetierte, Licht und Sauerstoff nahmen. Seine Schultern und Oberarme schmerzten nach dem langen Arbeitstag am Strand und mit der Farbrolle. Aber in seiner Heimat hieß es: »Dein Ziel sagt dir, wie viel Kraft du hast.«

Immer wieder tauchte er den Rechen ein und schaufelte die Algen an Bord. Während sich unter seinen Gummistiefeln ein glitschiger, süßlich riechender Haufen bildete, dachte er an Joy, in deren Augen sich die Farbe spiegeln würde, die er heute auf die Wände aufgetragen hatte. Pistaziengrün, ihre Lieblingsfarbe. Und morgen würden sie Einweihung feiern und Muscheln essen.

Er ließ den Metallkorb hinab auf den Grund, fixierte das Stahlseil an der Bordwand und paddelte vorsichtig, so dass der Korb sich wie ein Schirmanker in die Schicht aus Schalentieren grub.

Meseret sog die salzige Luft und die Würze des Meertangs ein. Er schloss für einen Moment die Augen. Fast wie früher, als er mit seinem Vater hinausgefahren war, um Tintenfische zu fangen.

In der Ferne war ein kräftiger Motor zu hören. Meseret legte das Ruder in den Rumpf und wartete. Es war verboten, in der Nacht mit den Fischerbooten rauszufahren. Wenn die Küstenwache oder der private Wachdienst ihn erwischte, dann kostete das fünfhundert Euro Strafe.

Er starrte in den Nebel, und als die laue Brise eine Lücke riss, sah er das Boot des Wachmanns. Es schaukelte noch immer neben der Plattform. Hatte sich Meseret das Geräusch nur eingebildet? Die Lagune war groß, 26 Quadratkilometer, der Wind trug Geräusche weit über die See.

Eine Möwe, die sich von einem der Pfähle erhoben hatte, ließ sich im Sturzflug auf das Boot fallen, fing sich mit einem Schlag ihrer breiten Schwingen ab und drohte mit ihrem Schnabel.

»Ich habe keinen Abfall«, flüsterte Meseret. »Du musst dich selbst um deinen Fang kümmern, verstehst du? Geh fischen.« Er versuchte, den Vogel zu vertreiben, aber dieser wich dem Rechen mit einem nonchalanten Hüpfer aus und kreischte meckernd.

»Du willst mich auf den Arm nehmen?«, zischte Meseret.

Als wieder Stille herrschte, hievte er den Metallkorb an Bord. Die Muscheln prasselten auf die Algen.

Plötzlich gab es einen metallischen Schlag, die Möwe flog auf, ein heftiger Ruck, Meseret lag auf dem Bauch. Aus dem Augenwinkel sah er den weißen Rumpf einer imposanten Yacht. Sie hatte ihn gerammt.

»He, bist du blind? Was hast du hier verloren?«, rief Meseret zornig, aber er dämpfte seine Stimme, damit der Wächter ihn nicht hörte.

Auf der Yacht stand ein Mann, der beschwichtigend die Hand hob. »Der Nebel, tut mir leid.«

»Sie dürfen hier nicht rein. Sehen Sie die Markierungspfähle nicht?«

»Ich muss mich verfahren haben.« Der Mann startete seinen Motor, kurbelte am Ruder und drehte bei. Dann schaltete er in den Leerlauf, stand auf, ging schwankend am Steuerrad vorbei bis zur Bugspitze und kontrollierte, dass keines der Boote beschädigt war.

»Und?«, fragte Meseret.

»Nichts passiert.«

Der Mann hielt die Hand ausgestreckt, um sich zu entschuldigen.

»Schon gut«, sagte Meseret, der wusste, wie stabil sein Metallrumpf war. »Wo wollten Sie denn hin?«

»Moment«, sagte der Mann. »Ich habe eine Markierung auf der Karte.« Er verschwand in der von getöntem Plexiglas umspannten Kommandobrücke. »Kommen Sie ruhig an Bord.«

Meseret zögerte. Er wollte so schnell wie möglich in den Hafen zurück. Wieso hatte der Wachmann den Zwischenfall nicht bemerkt?

»Was ist?«, fragte der Mann. Und da erkannte Meseret das Gesicht. Noch ehe er auf Abstand gehen konnte, hörte er ein Wuschen, wie wenn eine Peitsche durch die Luft saust. Er wurde am Kopf getroffen, flog nach hinten, spürte, wie sein Ohr am Gashebel entlang schrammte und sein Nacken auf den Sitz prallte. Der Schock lähmte Meseret nur für einen Moment. Dann pumpte der Schmerz das Adrenalin in seine Muskeln, er war wieder auf den Beinen und suchte nach einer Waffe. Er fasste nach dem Enterhaken in der Bordwand. Aber da schlug es mitten in seinem Gesicht ein. Er sah ein Phosphorleuchten. Seine Beine sackten weg.

Er lag auf dem Rücken und versuchte, die Hände vors Gesicht zu bringen. Aber er war zu langsam. Sein Kopf wurde wie ein Pflock in die schmierigen Algen getrieben, bis seine Ohren verstopft waren. Er wunderte sich, dass seine Muskeln nicht mehr gehorchten, dass auch der Schmerz, der in seinen Schädel gefahren war, allmählich erlahmte, während ihn die stählernen Streben, durch die er die Sterne und das zur Fratze verrutschte Gesicht des Mannes sehen konnte, wieder und wieder trafen. Er erkannte den Korb, seinen eigenen Muschelkorb, der sich in die Luft erhob und dann heruntersauste und beim Aufprall ein Geräusch erzeugte, als wäre sein Kopf gar nicht mehr da, sondern nur noch die nassen Algen.

Dieselben Algen wie zu Hause. Dieselben Algen, in denen er als kleines Kind gelegen hatte. Zum ersten Mal mit seinem Vater auf See, wieder und wieder hatte er sich, statt die Netze einzuholen, ins Meer erbrochen und sich dann zitternd und kraftlos auf die schmierigen Grünalgen gelegt, die, nach Öl und Fischblut stinkend, ein kühles Bett bildeten und ihn sanft in eine andere Welt hinübergleiten ließen. Er hatte seinen Vater angestarrt, eine Bitte auf den Lippen, und der Vater hatte nur gelächelt, mit seinem schmalen Schädel auf dem halbnackten Körper, der mit gespreizten Beinen auf den Bordwänden stand und mit der Wade den Außenborder dirigierte. Ein Gott. Bei jedem Augenkontakt lächelte dieser Gott, und je öfter er lächelte, desto größer wurde Meserets Versagen. Dann waren sie an Land, Meseret trug seinem Vater die Gummistiefel und den Enterhaken hinterher. Die Worte kamen ihm undeutlich und stammelnd über die Lippen: »Darf ich morgen wieder mit?« Da war sein Vater stehen geblieben und hatte ihn ernst betrachtet. »Solltest du nicht besser in die Schule gehen?«

Meseret lag auf dem Rücken und spürte die sanfte Dünung. Plötzlich kehrte in seine Hände das Gefühl zurück. Ein stechendes Gefühl. In kleinen Portionen zog man ihm die Haut vom Körper. Dann rutschte er über den Algenberg und schlug mit dem Kopf und den Schultern gegen die Bordwand. Er war verwirrt, dass alles so lange dauerte und so unangenehm war.

»Niemand erlernt einen Beruf an einem Tag. Die richtige Einstellung hast du schon, und bald hast du auch den richtigen Magen«, hatte sein Vater am Ende gesagt.

Mit einem Platschen nahm ihn das kalte Wasser in Empfang, und Meseret wusste, auf eine klare und unaufgeregte Weise, dass er jetzt sterben würde.

2

In warmem Orange krochen die ersten Sonnenstrahlen über die Dünenkämme, zwischen denen sich der Pfad schlängelte. Kaspar Lunau lief in einem gleichmäßigen Rhythmus, seine Sprunggelenke federten auf dem Sand, tief sog er die jodhaltige Luft in die Lungen.

Aus dem Röhricht kamen einzelne Vogelrufe, die Dünung rollte grummelnd heran und lief in zischender Gischt aus. Er trug keine Ohrplugs, sein Gehör funktionierte. Seit vier Monaten und einem Tag hatte er keinen Anfall mehr gehabt, keine akustischen Halluzinationen, keine Überlagerungen von Schallwahrnehmungen. Er genoss, was er hörte, und er dachte an Silvia, die am Frühstückstisch sitzen würde, mit frischen Brötchen, Orangensaft und der Zeitung, in der Dinge standen, die ihn nicht kümmerten.

Dieses Gefühl hatte ich vollkommen vergessen, dachte er, so richtig und einfach fühlt sich wohl an, was man Glück nennt.

Er kämpfte sich eine Düne hoch, erreichte den Strand und lief auf die Wasserkante, wo der Sand kompakter war, wie frisch versiegeltes Parkett. Bizarr die Silhouetten des Treibgutes: Sonnengebleichte Wurzeln, zertrümmerte Obstkisten, gestreifte Stofffetzen. Er wurde auf einen Ärmel aufmerksam, der in einem verrosteten Klappstuhl hing. Als er näher kam, war es nur eine Windhose, die eine Bö von ihrem Mast gerissen und in einer Laune hierher getragen hatte.

Lunau lief zurück auf die asphaltierte Strandpromenade, begegnete Frühaufstehern, sog den Duft der Bäckereien und Bars ein, und als er durch das Tor der Ferienanlage trabte, war alles so, wie er es sich ausgemalt hatte: Da saß Silvia in ihrem hellblauen Sommerkleid und pumpte mit dem Milchschäumer. Sie lächelte Lunau an.

»Ich geh nur schnell unter die Dusche.«

Als sie einander gegenüber saßen, schenkte er sich Wasser ein, trank es in einem Zug, genoss die kühle Flüssigkeit in seiner Kehle. Er setzte das Glas ab und schaute Silvia an.

»Was ist?«, lachte sie.

»Ich habe nachgedacht.«

»Worüber?«

»Über uns.«

Sie erstarrte in der Bewegung, und er wusste, dass er vorsichtig sein musste. »Ich könnte wieder als freier Journalist arbeiten. Dann könnte ich leben, wo ich will.«

»Du meinst: hier? In Italien?«, fragte sie.

Er nickte.

Sie stand auf und legte ihm von hinten die Hände auf die Schultern.

»Warum wollen wir nicht alles so lassen, wie es jetzt ist?«

»Jetzt ist Urlaub. In zwei Wochen musst du wieder täglich unterrichten, und ich sitze in Berlin in meiner Redaktion.«

»Um halb neun beginnt die Konferenz. Ich muss los.«

Sie drückte ihm einen Kuss auf die Wange und verschwand im Haus.

3

Lunau lag auf der Strandliege und dachte mit Unbehagen an das Gespräch mit Silvia zurück. Dieser Urlaub verlief anders als geplant. Sie hatten die ersten beiden Septemberwochen gebucht, weil Silvia da gewöhnlich noch frei hatte. Doch dann hatte sie überraschend eine Springerstelle in Venetien bekommen, und dort begann das Schuljahr früher. Deshalb war Lunau an diesem Montag mit den Kindern alleine am Strand.

Die munter flatternden bunten Sonnenschirme standen dicht an dicht, darunter noch dichter die Strandliegen, auf denen sich deutsche, polnische, russische und italienische Urlauber räkelten, sich mit Sonnenmilch einrieben, unter ihren Zeitungen schliefen und vor allem: redeten. Über Rabatte bei Autohändlern, Hautkrebsrisiko, das fehlende Aroma bei spanischen Erdbeeren, Überbeine, die Erstkommunion, die Kinder, die den ganzen Tag vorm Computer hockten, die Kinder, die den ganzen Tag am Fernseher hockten, die Kinder, die den ganzen Tag nicht still sitzen konnten und in der Wohnung Fußball spielten …

Lunau hatte den Fehler gemacht, die Zeitung mit an den Strand zu nehmen. Es stimmte nicht, dass die Pressemeldungen ihn nicht tangierten. Es war Wahlkampf in der Provinz Ferrara, und vor sich sah Lunau ein riesiges Porträtfoto von Adelchi Schiavon. »Saubere Lösungen dank sauberer Politik«, stand darüber. Ausgerechnet durch dich, dachte Lunau. Er blätterte den Politik- und den Lokalteil durch, seitenweise gab es Annoncen und Artikel zu diesem »neuen Gesicht« in der Politik. Lunau kannte Adelchi Schiavon. Er war ein zwielichtiger Karrierist. Außerdem der Vater von Amanda. Und jetzt schlug das Unbehagen in Groll um.

Plötzlich verstummten alle Stimmen um ihn her. Der ganze Strand schien den Atem anzuhalten. Dann setzte eine hektische Betriebsamkeit ein. Liegen quietschten, spitze Schreie stachen, Badeschlappen knarrten.

Die Kinder, dachte Lunau. Wo sind die Kinder? Er sprang auf, beschirmte seine Augen gegen die grelle Sonne, aber er sah nur einen wachsenden Pulk aus Leibern, die sich an der Wasserkante drängten.

Wo zum Teufel sind Sara und Mirko? Eben hatten sie noch, mit anderen Kindern, eine Burg gebaut. Von der Burg waren nur noch ein paar Zinnen zu erkennen, der Rest war niedergetrampelt, die Kinder verschwunden. Lunau hatte in wenigen Sekunden das Wasser erreicht. Wo war Saras pinkfarbener Bikini? »Scusi, Verzeihung«, rief er und arbeitete sich durch die Menge. Aller Augen waren in eine Richtung gewandt: auf einen schwarzgebrannten Modellathleten, der auf einem rotlackierten Rettungsboot stand und ruderte. Der Bademeister. Ein Mädchen kam schreiend aus dem Flachwasser gerannt, wurde von seiner Mutter umarmt, ließ sich nicht beruhigen.

Wo, verdammt noch mal, waren Mirko und Sara? Vom Heck des Katamarans ging ein Tau ab, an dem die Wellen zupften. Am Ende des Taus hing ein langes, schwarzes Bündel.

Die beiden bananenförmigen Schwimmer des Bootes gruben sich in den Sand, der Bademeister sprang in die Brandung. Lunau ging auf ihn zu, und dann sah er Sara und Mirko, bis zum Knöchel im Wasser. Ein Gefühl der Erleichterung ergriff ihn, bis er erkannte, was die Kinder betrachteten: eine Leiche, durch die die Dünung lief wie der Wind durch eine Flagge am Mast.

Lunau war in zwei, drei Sprüngen bei den Kindern, er ging in die Knie, umarmte sie und drehte vorsichtig ihre Gesichter zur Seite. »Kommt bitte mit unter den Sonnenschirm.« Sie bewegten sich nicht. »Bitte«, wiederholte Lunau.

Zwei Männer hatten sich aus dem Pulk gelöst und wateten auf die Leiche zu.

»Nicht anfassen«, rief Lunau. Die beiden drehten sich nach ihm um, auch der Bademeister, der ganze Strand schaute Lunau vorwurfsvoll an.

»Vielleicht lebt er noch«, rief einer der Männer. Aber der Bademeister schüttelte nur den Kopf und winkte ab.

Lunau zog sein Handy aus der Badehose und wählte den Notruf. Er ging auf den Katamaran zu und sagte zu dem jungen Mann: »Halten Sie die Leute auf Abstand. Wenn Sie sicher sind, dass er tot ist, müssen wir auf die Polizei warten.«

Der Bademeister schaute missmutig. Am Strand hatte er die Befehlsgewalt, aber eine bessere Idee als Lunaus kam ihm nicht.

Mirko und Sara hatten sich nicht vom Fleck gerührt. Sie starrten immer noch auf das dunkle Bündel, wie alle anderen. Lunau ärgerte sich über sich selbst, dass er sie nicht sofort weggebracht hatte. Er schob sie sanft vom Wasser weg. »Die anderen Kinder dürfen auch bleiben«, sagte Mirko.

»Das interessiert uns nicht«, sagte Lunau.

»Mich schon«, sagte Mirko.

Sara griff nach der Hand ihres Bruders und zog ihn weiter. »Du hast doch gehört, was Kaspar gesagt hat.«

»Er hat mir nichts zu sagen, er ist nicht mein Vater.«

Nach elf Minuten kam eine Polizeistreife, nach eineinhalb Stunden der Leiter der Mordkommission aus Ferrara. Michele Balboni, ein gutmütiger Mann Ende vierzig. Lunau kannte ihn seit April, er mochte ihn, und er glaubte, dass die Sympathie auf Gegenseitigkeit beruhte. Aber jetzt schaute der Kriminaler ihn misstrauisch an:«Was machen Sie hier?«

»Urlaub.«

Balboni winkte verächtlich ab, hob mit dem Handrücken das Absperrband und betrachtete die Leiche. Irgendwer hatte sie auf den Rücken gedreht. Bekleidet war sie mit Jeans, einem zerfetzten karierten Hemd, Socken und Halbschuhen. Kein Unterhemd, keine Uhr, keine Schmuckstücke. Keine Nase, kein Mund, keine Augen mehr, nur noch ein käsigroter Matsch, aus dem weißlich die Knochen schimmerten. Ebenso fehlten die Fingerkuppen.

Die Verletzungen im Gesicht endeten in roten Striemen, die unter den Ansatz des dichten Haares und über Hals und Brust liefen. Die Leiche war männlich. Hautfarbe: schwarz.

Balboni sah sich um, sah die Schaulustigen, die Frauen, die aufgeregt plauderten, statt ihre Kinder wegzuschaffen. Ein etwa dreißigjähriger Mann in gelbem Sommerjackett, eine Sonnenbrille auf dem kahlgeschorenen Schädel, fotografierte mit seinem Handy.

»Hätte man ihn nicht zudecken können?«, raunzte Balboni einen Brigadiere an.

»Wir haben Anweisung, Leichen nicht zu verändern.«

»Um Spuren nicht zu kontaminieren. Aber der Mann war mindestens drei Tage im Wasser. Mit einem Badetuch können Sie da nichts mehr kontaminieren. Nur ein wenig Taktgefühl beweisen.«

Als die Kriminaltechniker kamen, verließ Balboni den abgesperrten Bereich. Er trat auf Lunau zu. »Also, raus mit der Sprache. Was haben Sie mit der Geschichte zu tun?«

»Nichts. Ich war hier am Strand.«

»Alleine?«

Lunau runzelte die Stirn. Der Ton gefiel ihm nicht. Balboni wirkte seit ihrer letzten Begegnung stark verändert. Lunau war damals durch Zufall in den Mordfall Vito di Natale verwickelt worden. Der Vater von Sara und Mirko hatte ihm das Po-Delta gezeigt, wenige Stunden später war er ertränkt worden. Als Lunau Nachforschungen anstellte, berief Balboni sich zwar immer wieder auf das Dienstgeheimnis, versorgte ihn aber unter der Hand mit dem Obduktionsbericht und anderen Informationen. Von dem jovialen Gemütsmenschen, den Lunau kennen- und schätzen gelernt hatte, war wenig übrig geblieben. Balbonis Wangen waren eingefallen, der Teint fahl, und um den Mund hatte er einen bitteren Zug. Lunau überwand seine Irritation und erzählte das Wenige, das er wusste. »Und, was meinen Sie?«, fragte er am Ende.

»Was soll ich meinen? Sie haben die Fingerkuppen gesehen.«

»Fischfraß war das nicht.«

»Nein.«

»Sie glauben doch nicht …«

»Was ich glaube, ist meine Sache. Kein Stoff für die Presse.«

»Ich bin hier nicht als Journalist.«

Wieder winkte Balboni ab. »Wo kann ich Sie erreichen?«

»Meine Handynummer haben Sie. Ich bin die nächsten vierzehn Tage hier am Meer.«

Balboni nickte und wandte sich dann dem Staatsanwalt zu, der mit einem Tross an Beamten und Reportern erschien.

4

Am nächsten Tag fuhr Lunau die fünfzig Kilometer Superstrada nach Ferrara, um auf der Questura seine Aussage zu machen. Die Morgensonne blinkte auf den Reisfeldern, die Reiher standen in majestätisch unbequemer Pose im Wasser.

Lunau dachte an die Artikel, die er gelesen hatte. Für die Presse war der Fall auf den ersten Blick klar. Ein illegaler Einwanderer, der sich die Haut an den Fingerkuppen abgetrennt hatte, um sich der Identifizierung und der damit verbundenen Abschiebung zu entziehen, war gewaltsam zu Tode gekommen. Vielleicht von Schleppern erschlagen, vielleicht von einer rivalisierenden Gruppe von Dealern oder fliegenden Händlern. Egal. Das Wort »egal« stand nirgendwo, aber Lunau hörte es heraus. Jährlich starben im Mittelmeer Zehntausende, das »Mare nostrum« war ein Massengrab, das sich zwischen den afrikanischen und den europäischen Kontinent geschoben hatte. Wenn sich ein Grabdeckel öffnete und sich eine dieser zahllosen Leichen den Augen der Badegäste zeigte, dann war das bedauerlich, nach den Gesetzen der Wahrscheinlichkeit aber nicht zu verhindern.

Lunau passierte das herrschaftliche Stadttor, das ihn an seinen ersten Besuch in Ferrara erinnerte. Damals hatte ihn die eigentümliche Mischung aus mittelalterlichen Gassen und luftiger Renaissancepracht betört, bis man versucht hatte, ihn mit dem Auto zu überrollen. Er fuhr über die schnurgerade Hauptachse Richtung Zentrum, suchte einen Parkplatz, und als er die Wagentür öffnete, schlug ihm eine klebrige Hitze entgegen, wie er sie nur in den Tropen erlebt hatte. Jetzt wurde klar, warum sich alle Ferrareser in den Sommermonaten an die Küste flüchteten. Häuser, Straßen, ja selbst die vertrockneten Grünflächen strahlten eine gallertartige Schwüle ab, die jeden Schritt zur Qual machte.

Die Questura lag schräg gegenüber dem Palazzo dei Diamanti, einem der Wahrzeichen der Stadt, vor dem sich gewöhnlich die Touristen drängten. Aber auch für den Palazzo war Sommerurlaub.

Balboni empfing Lunau freundlich in seinem Büro. Nachdem alle Formalitäten erledigt waren, lud er Lunau sogar auf einen Kaffee aus dem Automaten ein. Auch er schien sich jetzt daran zu erinnern, dass sie schon einen Mordfall gemeinsam aufgeklärt hatten. Auch wenn Balboni auf diese Zusammenarbeit keinen Wert gelegt hatte.

Sie rührten mit dem Plastikstick in den kleinen geriffelten Bechern, in denen die Schaumbläschen kreiselten.

»Und?«, fragte Lunau.

Balboni warf genervt seinen halbvollen Becher in die Mülltone. »Was heißt: und?«

»Wie weit Sie mit den Ermittlungen sind.«

Balboni schüttelte den Kopf. »Die Sache ist verdammt schwierig. Der Mann hatte keine Papiere bei sich, keine persönlichen Gegenstände. Die Kleidung ist billige Importware, vermutlich in Bangladesch produziert und über China vertrieben. Keine Tätowierung, keine Operationsnarbe.«

»Alter?«

»Um die Dreißig.«

»Ja, und weiter?«

»Hören Sie, wir machen unsere Arbeit. Das können Sie mir glauben.«

Lunau hob die Hände. »Niemand stellt das in Abrede.«

Balboni schaute ihn an, die Sehnen am Hals waren gespannt. Wieder war dieser leidende Zug in seinem Gesicht. War er ernsthaft erkrankt?

»Nicht, was Sie denken«, sagte der Ermittler.

»Was denke ich denn?«

»Weil er ein Illegaler war, deshalb interessiert er uns nicht.«

»War er denn ein Illegaler?«

Balboni zuckte mit den Achseln.

»Was ich mich frage: Wieso sich soviel Mühe geben, um das Gesicht eines Menschen unkenntlich zu machen, der sowieso anonym ist?«, sagte Lunau.

»Wie meinen Sie das?«

»Wenn die Vermutungen der Presse stimmen, dann haben wir es mit einem illegalen Einwanderer zu tun, mit jemandem, dessen Papiere vernichtet sind, der sich an den Wänden eines Erstaufnahmelagers die Fingerkuppen abgescheuert hat, damit er nicht identifiziert werden kann. Er ist also namenlos. Wieso dann ein solcher Aufwand, ihm auch noch das Gesicht zu nehmen? Wer hätte dieses Gesicht erkennen können? Andere Illegale, die sich sowieso nicht zur Polizei trauen? Wer konnte dem Mörder gefährlich werden?«

Balboni schwieg.

»Das wird jetzt aber keine Reportage für die deutschen Medien, oder?«

»Ich stelle mir nur die Fragen, die sich aufdrängen. Ist die Haut an den Fingerkuppen vor oder nach dem Exitus entfernt worden?«

Balbonis Gesicht war starr. »Wir haben den Obduktionsbericht noch nicht.«

»Sie sollten auf dieses Detail achten.«

Balboni knurrte einen Gruß und verschwand durch die Tür seines Büros. Die Hand hatte er Lunau nicht gegeben.

5

Lunau lag wieder auf der Sonnenliege und versuchte, sich mit dem Nichtstun abzufinden. Anfangs waren ihm der öde Sandstrand und das grau-braune Wasser wie eine krankhafte Verzerrung vorgekommen, aber da die Kinder ausgelassen im Sand und an den Hüpfburgen spielten und nichts zu vermissen schienen, ließ er sich von der Brandung und der Sonne betäuben. Alle paar Minuten kam ein Schwarzer vorbei, begrüßte Lunau mit »Capo« oder »Signore«, jammerte, wie schlecht die Geschäfte gingen und wedelte mit grellbunten Handtüchern, Damenhandtaschen, billigem Schmuck oder Kinderspielzeug herum. Jedes Mal wenn Lunau in das Gesicht eines Afrikaners sah, musste er an die Leiche denken, an das gebrochene Nasenbein, die Splitterungen an den Jochbögen.

»Wollt ihr ein Eis?«, fragte Lunau die Kinder, die sich seit dem Fund dem Wasser nur noch selten näherten und meist in der Nähe des Sonnenschirms spielten.

»Ich darf um diese Uhrzeit kein Eis essen, das weißt du genau«, fauchte Mirko und klatschte eine Schippe Sand auf einen Haufen.

»Tut mir leid, ich hatte nicht daran gedacht. Können wir nicht eine Extradosis Insulin spritzen?«, meinte Lunau.

»Das ist schädlich.«, knurrte Mirko.

Lunau wusste nicht, ob das stimmte.

»Ich fänd’s toll«, sagte Sara und sprang auf. »Du bist doch nicht sauer auf mich, oder?«

»Nein«, knurrte Mirko.

Lunau streckte ihr die Hand hin, und sie legte ihre schmalen, weichen Finger in die seinen. Er zögerte einen Moment, wollte seine Einladung aber nicht zurückziehen und nahm sich vor, Mirko etwas zum Spielen mitzubringen.

»Bleib bitte am Sonnenschirm, bis wir zurück sind«, rief er dem Jungen zu.

Mirko antwortete nicht. Aber Lunau wusste, dass Verlass auf ihn war.

In der Strandbar suchte Sara sich ein Eis aus, und dann setzten sie sich unter ein Schilfdach, ließen sich die warme Luft um die nackten Beine wehen und genossen den Schatten, während das Geschrei der Badegäste nur noch in lauen Fetzen herübergeweht wurde. Lunau blätterte die Zeitungen durch. Langatmige Interviews mit Kandidaten der bevorstehenden Wahl. Männer in grauen Anzügen hatten sich mit ihren Kindern, mit ihren Ehefrauen und ihren Haustieren fotografieren lassen. Alle lächelten, alle hatten Italien im Sinn. Aber niemand war so oft fotografiert worden wie Schiavon. Wie hatte er das geschafft? Vor drei Monaten war er nur Insidern bekannt gewesen, jetzt schien er auf einmal eine enorme Popularität zu genießen. Was war den Sommer über passiert?

»Und?«, fragte Sara und schaute ihn mit großen Augen an, während ihre knallrote Zunge an dem cremigen Eis schleckte.

»Was: und?«

»Was sagen die Zeitungen zu dem Mann?«

»Sie sagen gar nichts.«

Lunau hatte nicht eine Zeile zu dem Thema gefunden.

»Wer macht so etwas?«, fragte Sara.

Lunau schüttelte den Kopf. »Keine Ahnung. Jemand, der diesen Mann gehasst hat oder eifersüchtig war oder Angst vor ihm hatte.«

»Zappaterra?«

Andrea Zappaterra war der Mann, der Saras Vater umgebracht hatte. Das war erst viereinhalb Monate her, und doch kam es Lunau vor wie in ferner Vergangenheit. Er hatte sogar Mühe, sich das Gesicht des klobigen Kerls vorzustellen, während Vito Di Natale, Saras Vater, seine dunklen Locken und seine kleinen, flinken Augen, denen er nur zwei Mal begegnet war, in seiner Erinnerung lebendig waren. Vielleicht weil Sara vor ihm saß, mit denselben Locken und demselben Blick. »Nein, Zappaterra sitzt im Gefängnis«, sagte Lunau.

»Dann gibt es noch einen Mörder hier.«

Lunau nickte.

»Was macht er jetzt?«

»Keine Ahnung.«

»Versteckt er sich vor der Polizei?«

»Vielleicht. Aber die Polizei weiß nicht, wer es ist.«

»Und du?«

»Ich auch nicht. Sonst würde ich es der Polizei sagen.«

»Aber wenn die Polizei ihn nicht findet, dann kann er auch noch andere Leute umbringen. Auch Mama oder mich.«

»Das wird er nicht. Euch hasst der Mörder nicht.«

»Woher willst du das wissen? Du kennst ihn doch gar nicht.«

Lunau schwieg.

»Oder kennst du ihn doch?«

»Nein. Aber wer sollte euch hassen?«

Sara leckte nicht mehr an ihrem Eis. Lunau ließ den Blick über den Strand schweifen, suchte Mirko, aber die dichten Schirmreihen verdeckten die Sicht.

»Wir gehen zurück.«

»Sag mir erst, ob du ihn kennst.«

»Nein.«

»Aber du würdest ihn gerne kennen.«

»Ja.«

»Dann such ihn doch.«

»Das ist nicht so einfach. Die Polizei kann das besser.«

»Zappaterra hast auch du gefunden.«

»Das war Zufall.«

Sie schüttelte den Kopf.

»Du bist klüger als die Polizei.«

»Bin ich nicht. Frag Mirko, der meint, ich bin sogar dümmer, als die Polizei erlaubt.«

»Er würde dich gerne mögen, aber er kann nicht, weil du nicht Papa bist.«

Lunau nickte und schaute in Saras Augen. Er stand auf, damit er nicht die Fassung verlor. Er dachte an seine eigenen Kinder, die er nur noch am Wochenende sehen konnte, und er fragte sich, ob er nicht nach einem billigen Ersatz suchte. Jette, seine Frau, hatte Fakten geschaffen. Sie hatte Lunaus Kontakt zu Paul und Stefan beschränkt und die Scheidung eingereicht. Jeden noch so vorsichtigen Versuch der Annäherung blockte sie ab. Sara blickte ihn fragend an. Ein ernster Gedanke huschte durch ihre Mimik und brachte sie auf die Idee, dass Lunau Aufmunterung brauchte. Sie zwinkerte und erhob sich, und er war sicher, dass sie für nichts ein Ersatz war.

6

Lunau freute sich auf ein ausgefallenes Mittagsmahl mit Silvia. Er hatte Venusmuscheln besorgt, Tapes philippinarum, die Sorte, die nur vierzig Kilometer weiter nördlich, in der Sacca di Goro, der Lagune vor dem Fischerdorf Goro, gezüchtet wurde. Er ließ kaltes Wasser in die Spüle und kippte die Tiere hinein. Mit einer alten Zahnbürste schrubbte er den Sand von den geriffelten, in Braun-, Gelb- und Rotschattierungen marmorierten Schalen. Gleichzeitig setzte er eine Pfanne mit Olivenöl auf. Er sah auf die Uhr: In zwanzig Minuten würde Silvia eintreffen, und bis dahin sollte alles angerichtet sein. Lunau mochte festlich gedeckte Tafeln, blinkendes Besteck auf farbigen Servietten. Als er den Knoblauch schnitt, ging im Wohnzimmer der Krach los. Sara heulte, weil Mirko ihr ein Eselsohr in eine Seite gemacht hatte.

»Stimmt nicht, du dusselige Kuh. Du hast beim Ausmalen dein Buch immer weiter zu mir rübergeschoben, und dabei ist die Seite umgeknickt.«

Lunau sah gerade noch, wie Sara Mirkos Buch gegen die Wand warf, und dann war dieser auch schon über den Tisch gesprungen und hatte Sara den Arm auf den Rücken gedreht.

Lunau wusste, wie reizbar die Kombination aus Sonneneinstrahlung und Hunger machte. Jeden Tag spielten sich die gleichen Szenen ab, und jeden Tag nahm er sich aufs Neue vor, die Kinder nicht einfach vor den Fernseher oder den Nintendo zu setzen.

Lunau trennte die beiden. »Das war sicher nur ein Versehen. Mirko wollte dein Buch nicht kaputt machen.«

»Wollte er doch, weil seins nämlich so langweilig ist.«

»Ist es gar nicht!«

»Hast du selbst gesagt. Jetzt lügst du, weil es ein Geschenk von Kaspar war und er dich hört.«

Sara warf mit einem Buntstift nach Mirko und hätte ihn fast im Gesicht getroffen. Lunau griff sich ihre Handgelenke und schaute sie an. »Das darfst du nicht. Du könntest ihm ein Auge ausstechen.«

»Na und?«

Sie versuchte loszukommen, und Lunau musste fester zudrücken.

»Du tust mir weh. Mirko hat recht. So gemein wäre Papa nie zu uns gewesen.«

Lunau machte sich ein ums andere Mal klar, dass die Kinder mit dem Verlust des Vaters kämpften. Sie schwankten zwischen Anlehnungsbedürfnis und plötzlicher Aggressivität, gerade ihm gegenüber. Er brauchte Geduld und Phantasie.

»Will mir einer von euch beim Kochen helfen?«

Keine Antwort.

»Tischdecken?«

Mirko traf Saras Hinterkopf mit einem Klaps, den sie nicht abwehren konnte, weil Lunau noch immer ihre Hände festhielt.

»Hast du das gesehen? Und du hilfst ihm auch noch!«, schrie Sara.

Lunau kapitulierte. Er holte den Tresorschlüssel aus Silvias Nachtkästchen, ging zurück ins Wohnzimmer und schloss die kleine Stahlluke auf, die hinter dem Fernseher in die Wand eingemauert war. Er nahm die beiden Nintendos und legte sie aufs Sofa.

»Setzt euch hier hin. Ihr dürft so lange spielen, bis das Essen fertig ist.«

»Wow«, rief Mirko. Ein pädagogisches Desaster.

»Aber das ist heute eine Ausnahme.«

»Ist klar«, sagte Mirko zerstreut, während sein Gerät munter losdudelte.

»Und stellt bitte den Ton leise.«

Als Lunau in die Küche zurückgehen wollte, zeichnete sich die Silhouette einer Person im Fliegenvorhang ab. Ein schwarzes Mädchen stand hinter den bunten Plastikstreifen, die es nicht zu berühren wagte.

»Können wir Ihnen helfen?«, fragte Lunau. Wie war die Frau in die geschlossene Ferienanlage gekommen?

»Sind Sie Kaspar Lunau?«, fragte sie.

»Ja. Und Sie?«

Sie schaute sich hektisch draußen um.

»Wollen Sie einen Moment hereinkommen?«

Sie trat durch den Vorhang und sagte: »Danke.«

Lunau schätzte sie auf etwa zwanzig. Sie hatte ein strahlendes Kindergesicht über einem kurvenreichen weiblichen Körper. Nicht einmal die billige Aufmachung mit hochhackigen Schuhen, einem vulgär knappen Kleid und greller Schminke konnten ihre natürliche Schönheit stören.

»Ich bin Meserets Verlobte«, sagte sie.

Lunau schaute sie fragend an. »Meseret?«

»Der Tote«, sagte das Mädchen.

Die Kinder blickten auf. Mit einer Geste bat Lunau das Mädchen in die Küche und zog die Tür zu.

Er hatte den Topf mit Olivenöl auf der Flamme vergessen, und das überhitzte Öl verbreitete einen stechenden Geruch. Lunau nahm es vom Feuer, ließ es abkühlen und warf dann die tranchierten Knoblauchzehen hinein, die sofort zu zischeln anfingen.

»Wie haben Sie mich gefunden?«

»Amanda hat mir die Adresse gegeben.«

Lunau hielt einen Moment inne. Die Gedanken an Amanda verstörten ihn nach wie vor. Unweigerlich fiel ihm zuerst ihr schlanker nackter Körper ein, der grazil und provokant auf dem weißen Flussufer dahin sprintete, in einem irrealen, stahlblauen Mondlicht. Und dann dachte er an ihre Stimme, ihr Gestammel am Telefon. Wie ihre Verzweiflung und ihre Hilflosigkeit in die Routine seines Berliner Büros eingebrochen waren. Ihre Trauer über den Tod ihres Freundes, der noch immer nicht aufgeklärt war. Sie hatte Lunau das erste Mal nach Ferrara gerufen. Nun war er zum zweiten Mal hier, und wieder brach Amanda seine Routine auf. Aber was hatte sie mit dieser nicht identifizierten Leiche zu schaffen?

»Woher kennen Sie Amanda? Und warum schickt sie Sie zu mir?«

»Ich bin Meserets Verlobte.«

»Das sagten Sie bereits. Dann müssen Sie mit der Polizei reden.«

Sie schüttelte den Kopf. Und Lunau meinte zu begreifen.

»Sie haben keine Aufenthaltsgenehmigung?«

»Das weiß ich nicht.«

»Das wissen Sie nicht?«

»Michael hat meine Papiere.«

»Wer ist Michael?«

Jetzt hing der Knoblauch an und roch verbrannt.

»Scheiße«, rief Lunau. Braunen Knoblauch mochte Mirko nicht, er würde wieder maulend im Teller herumstochern, und Lunau würde Mühe haben, die Broteinheiten zu berechnen, die Mirko verzehrt hatte. Mirko war Diabetiker, und es war für Lunau eine völlig neue Aufgabe, rund um die Uhr die Kontrolle über die Insulindosierung zu wahren, die der Junge sich spritzen musste. Lunau warf schnell die Muscheln in die Pfanne, löschte sie mit Weißwein ab und setzte Nudelwasser auf.

»Also noch einmal: Ihre Papiere sind bei Michael, aber Ihr Verlobter hieß Meseret. Und Meseret ist der Tote, der hier angeschwemmt wurde.«

Sie schluchzte.

»Und warum kommen Sie damit zu mir? Hätte nicht Amanda zur Polizei gehen können?«

»Sie sind ein guter Mann.«

»Wer sagt das?«

»Amanda.«

Lunau schaute dem attraktiven Mädchen in die Augen. Sie waren klar, das Weiß wirkte unverbraucht, noch nicht von Drogen zerstört, obwohl sich die Kapillaren jetzt gerötet und die Tränen einen Schleier darüber gezogen hatten. Ich bin kein guter Mann, dachte Lunau, ich bin ein Idiot.

Da ging die Tür auf, Silvia steckte den Kopf in die Küche, schloss die Lider und sagte: »Mhh, das duftet.« Dann öffnete sie die Augen, und angesichts der Schwarzen im Minirock blieb ihr auch der Mund offen stehen. Hinter Silvia stand ein Fremder mit einer Aktentasche. Joys Blick irrte zwischen Lunau und den beiden Neuankömmlingen hin und her, fiel auf die Ledertasche in der Hand des Mannes. Im Nu hatte sie ihre Stöckelschuhe von den Füßen gezogen, und dann rannte sie los. Sie war mit einem geschmeidigen Manöver zwischen Silvia und dem Mann hindurchgewischt, und trotz des engen Rocks hatte sie schnell zehn, zwanzig Meter Vorsprung. Sie rannte über den Rasen und durch die Buchsbaumhecke, mit der die Parzellen an den Ferienwohnungen abgeteilt waren. Sie passierte das Törchen und verschwand hinter einer Mauer.

»Nun warten Sie doch, keine Sorge, das sind …!« Lunau hatte seine Badeschlappen abgestreift und rannte barfuß, so schnell er konnte. Er war gut im Training und zweifelte nicht, dass er sie bald einholen würde. Nachdem er die kleine Ferienanlage durchquert und den Fußweg zum Meer erreicht hatte, sah er sie über die Strandpromenade laufen. Eine kilometerlange schnurgerade Straße, gesäumt von breiten Geh- und Radwegen, vereinzelte Touristen mit Luftmatratzen und Strandtaschen, die unterwegs zur Siesta waren. Joy lief Richtung Süden. Er konnte sie nicht verlieren, doch als sie Lunau bemerkte, bog sie ab. Sie versuchte, ihn im Gewirr der schmalen Wege abzuschütteln, die zwischen den Gartenmauern verliefen. Lunau war schon auf Schlagdistanz. Wenn er sie aus den Augen verlor, musste er nur einen Moment stehen bleiben, um ihre nackten Füße auf dem Asphalt platschen zu hören.

Da änderte sie wieder ihre Taktik. Sie steuerte den Ortskern an, um im Gedränge der Touristen unterzutauchen, aber um diese Zeit lag der Corso, die Fußgängermeile mit den Pizzerien, Eisdielen und Spielhöllen, verlassen da. Joy rannte bis zum Ortsrand. Lunau war auf wenige Meter herangekommen. Ihre Füße wirbelten vor seinen Augen. Ihr Laufstil war nicht elegant, aber effizient. Er wollte einen Arm nach ihr ausstrecken, als er angebrüllt wurde. Ein Fahrradfahrer war aus einer Einfahrt geschossen und schlitterte vor Lunau über die Betonplatten. Lunau half ihm auf.

Die Badeorte, die man als »Lidi Ferarresi« bezeichnet, ziehen sich als ein einziger Betongürtel von den Sumpfgebieten nördlich vom Ravenna bis ins Po-Delta hin. Der südlichste Ort ist Lido di Spina, daran schließt sich, nur durch einen Kanal getrennt, Lido degli Estensi an, wo Lunau wohnte. Joy hatte inzwischen die Brücke erreicht, die über den Kanal führte. Sie überquerte die Brücke, bog von der Straße ab und verschwand auf einem Gewerbehof. Lunau folgte ihr, kam durch ein großes Schiebetor, das offen stand, und fand sich auf einem geschotterten Hof wieder. An dessen Ende lag eine große Halle, aus der ein kühler Lufthauch zog. Lunaus Fußsohlen brannten, er japste und fragte sich, ob er wirklich so gut in Form war wie gedacht.

Er sah sich um: ausgebrannte Autowracks und Eisenschrott. Keine Spur von dem Mädchen. Kein Laut. Sie musste in die Halle geflohen sein. Zögerlich trat Lunau ein. Der Betonboden war kalt, kein Licht brannte, man hörte nur ein helles, vielstimmiges Klappern auf Blech. Lunaus T-Shirt klebte am Rücken. Es dauerte eine Weile, ehe er im Zwielicht etwas erkennen konnte. Das Gebäude schien einst eine Montagehalle gewesen zu sein. Ähnlicher Schrott wie auf dem Vorplatz lagerte auch im Innern und schwitzte einen Geruch von Altöl, verbranntem Kunststoff und Fisch aus. Aber das war nicht der typische faulige Geruch von Trawlern. Es roch nach gekochtem Fisch. Immer intensiver. Metall klimperte, Badelatschen schlurften über den Boden. Ein Dutzend Schwarzafrikaner saßen auf den Metallteilen und löffelten Essen aus Blechgefäßen. Eine übergewichtige Frau stand in einer Ecke und kratzte in einem Topf.

»Hier ist eben ein Mädchen hereingekommen«, sagte Lunau. Niemand nahm Notiz von ihm. »Es heißt Joy. Wo ist sie?«

Neben Lunau saß ein hagerer junger Mann, der mit seinem Löffel aufreizend oft über den Rand seines leeren Napfes kratzte. Lunau fasste ihn an der Schulter und sagte: »Joy. Du kennst sie doch. Sie versteckt sich hier, aber sie braucht vor mir keine Angst zu haben. Ich will ihr helfen.«

Der Mann schüttelte mit einer unwirschen Geste Lunaus Hand ab und sagte: »Niente capito. Italiano niente.« – »Nichts verstehen, nichts Italienisch.«

Lunau sah ihm direkt in die Augen. Er hatte ein fein geschnittenes Gesicht mit breiter Nase. Seine schwarzen Locken waren zu einem leicht ondulierten Helm getrimmt. Er mochte dreißig sein.

»Kommst du aus dem Senegal?«, fragte Lunau. »Wie heißt du?«

Kopfschütteln. »Niente capito. Italiano niente.« Lunau ging zum nächsten und bekam dieselbe Antwort. Es war klar, dass man ihn auf den Arm nahm. Zwischen den essenden Männern lagen große Müllsäcke mit gefälschten Markenhandtaschen, Badetüchern, Hüten und Schmuck. Offensichtlich war das eine Brigade fliegender Händler, der sogenannten Vu cumpra. Lunau schritt die Runde ab und wandte sich dann der Köchin zu. Sie hatte sich mit dem großen Holzlöffel die letzten Reste in den Mund geschoben und setzte jetzt Spülwasser auf einen Gaskocher. Sie hatte ein breiteres Gesicht, gröbere Züge.

»Kommen Sie aus Nigeria?«, fragte Lunau.

Sie antwortete nicht.

»Wo ist Joy? Ich will ihr helfen.«

Die Frau fügte dem Wasser einen Spritzer Spülmittel hinzu und schlug mit der Hand Schaum auf. Da niemand ihn daran hinderte, ging Lunau durch den aufgetürmten Schrott. In einer Art Gasse, die man entlang der Wände freigelassen hatte, standen Metallpritschen mit bunten Decken und Schlafsäcken. Lunau fand einen Hinterausgang und verließ die Halle. Fliegen surrten im Gebüsch, es roch nach Exkrementen. Er ging einen Trampelfad entlang, zwischen den Gerippen von Fischkuttern hindurch. Er stieg über eine Begrenzungsmauer, auf der ein vom Rost zerfressener Maschendrahtzaun hing. Dahinter begann der Dünengürtel, der bis zum Strand reichte. Dies war einer der wenigen wilden Abschnitte, die nicht an Strandbetreiber verpachtet waren. Es gab hier keine Bars, keine Sonnenschirme im Spalier. Die Leute lagen kreuz und quer in ihren Strandmuscheln und aus Treibholz errichteten Unterständen.

Lunau fand keine frischen Spuren im Sand. Joy musste also noch in der Halle sein. Er kehrte zurück. Die Männer warfen ihr Blechgeschirr in den Bottich mit Spülwasser, während der junge Mann mit dem ondulierten Helm aus einer riesigen Espressokanne Kaffee verteilte.

»Joy!«, rief Lunau. »Das waren Freunde von mir. Keine Polizei, keine Ausländerbehörde. Du brauchst keine Angst zu haben.« Seine Stimme erzeugte einen enervierenden Hall. »Joy!«, schrie er noch einmal, überzeugt, dass das Mädchen ihn hörte. Er schritt die Metalltürme ab und versuchte, im Zwielicht etwas zu erkennen. Man schien wahllos Maschinenteile, Motoren, Werkzeuge und Stahlträger aufeinander geworfen zu haben. Insgesamt hatte man fünf Haufen gebildet, zwischen denen sich jeweils ein Durchlass befand. Joy musste in irgendeinem Hohlraum stecken. Als Lunau auf den größten der Türme zuging, versperrte ihm auf einmal der junge Mann mit dem ondulierten Haar den Weg. Zwei andere sprangen ihm bei, und dann waren es schon fünf. Sie waren unbewaffnet, aber ihre Haltung war klar. Sie standen unbeweglich und blickten Lunau unverwandt an, während draußen ein Ape, ein Dreiradroller mit Ladepritsche, vorbei knatterte und sich am Eingang der Halle zwei Möwen kreischend um Essensreste stritten.

»Ihr kennt keine Joy, wie?«, sagte er verächtlich. Als er nach seiner Gesäßtasche griff, traten plötzlich die Sehnen am Hals der Männer hervor.

»Nur ruhig«, sagte Lunau und zeigte die Visitenkarte, die er aus der Tasche geholt hatte. »Sagt Joy, sie kann mich jederzeit anrufen.«

Er steckte die Karte dem jungen Mann in die Brusttasche und verabschiedete sich mit einem Wink. Als er wieder im Sonnenlicht stand, zitterten seine Beine.

7

Dank surrender Elektrik öffneten sich die beiden Flügel des Metalltores, und Lunau hatte einen freien Blick auf die Villa der Schiavons. Es war ein geschmackvoller Bau mit mehreren Dependancen. Dahinter lag ein parkähnlicher Ziergarten, davor ein Kiesrondell, an dem noch mehr Autos parkten als gewöhnlich. Schwere, teure Limousinen, an denen der Staub des Hochsommers nicht zu haften schien. Aus dem Haus drangen Gelächter und ein Streichquartett von Franz Schubert. Ein gut gebauter Mann in schwarzem Anzug kam auf Lunau zu. Er schwitzte nicht.

»Haben Sie eine Einladung?«, fragte der Mann der Sicherheitsfirma.

»Nein. Amanda wartet auf mich.«

Und da kam sie auch schon aus der Tür. »Er gehört zu mir«, rief sie. Der Sicherheitsmann hob eine Braue und ließ Lunau vorbei. Amanda hatte ihren Kleidungsstil nicht geändert. Sie trug immer noch Klamotten, in die Designer teure Löcher geschnitten hatten. Ihre Haare waren rot gefärbt, aber zu einem braven Bubikopf gestutzt, der sie noch attraktiver machte. Sie umarmte ihn und drückte ihm einen Kuss auf den Mund. Flüchtig, allerdings auch mit einem Klopfen ihrer harten Zungenspitze. Sie konnte es nicht lassen, Lunau zu provozieren.