HADASSA BEN-ITTO

»DIE PROTOKOLLE DER
WEISEN VON ZION«

ANATOMIE EINER
FÄLSCHUNG

Aus dem Englischen
von Helmut Ettinger
und Juliane Lochner

Titel

Impressum

Titel des Originalmanuskripts

The Lie That Wouldn’t Die

ISBN 978-3-8412-0629-9

Aufbau Digital,

veröffentlicht im Aufbau Verlag, Berlin, März 2013

© Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin

Bei Aufbau erstmals 1998 erschienen; Aufbau ist eine Marke der Aufbau Verlag GmbH & Co. KG

© 1998 by Hadassa Ben-Itto

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Die meisten meiner Verwandten kamen im Holocaust um.

Ihre Gräber sind unbekannt, kein Stein erinnert an sie.

Möge dieses Buch ihr Grabmal sein.

INHALTSÜBERSICHT

Vorwort

Kapitel 1: Begegnungen mit den Protokollen

Kapitel 2: Die Romanow-Dynastie und die Protokolle

Kapitel 3: Die Protokolle vor Gericht

Kapitel 4: 1921 – Der Mythos wird entlarvt

Kapitel 5: Die Verteidigung einer Lüge

Kapitel 6: Schwere Entscheidungen

Kapitel 7: Die Zeugen

Kapitel 8: Französische Fingerabdrücke auf einem russischen Fabrikat

Kapitel 9: Die Fälscher

Kapitel 10: Ein Bericht aus Südafrika

Kapitel 11: Der Berner Prozeß

Kapitel 12: Die Lüge stirbt nicht aus

Quellen und Danksagungen

Auswahlbibliographie

VORWORT

Dieses Buch handelt von einem gefälschten Dokument, den Protokollen der Weisen von Zion, das eine gefährliche Lüge über mein Volk, die Juden, verbreitet – die Lüge von der jüdischen Weltverschwörung. Die jüdische Weltverschwörung ist ein Hirngespinst, das bereits im vorigen Jahrhundert Pogrome legitimiert hat, ein zentraler Gedanke in Hitlers Rassenwahn war und bis auf den heutigen Tag zur Erklärung aller nur erdenklichen Katastrophen dient, von Aids über den Krieg in Bosnien bis zur Finanzkrise in Asien. In den angeblichen Protokollen einer Zusammenkunft von jüdischen Weisen schien der Plan zur Weltverschwörung ausgearbeitet und niedergeschrieben worden zu sein.

Dies ist die Geschichte über diejenigen, die das Dokument fabriziert, benutzt und auf der ganzen Welt in Umlauf gebracht haben; das Buch erzählt aber auch von den Menschen, die die Lüge als solche entlarvten und widerlegten.

Seit einem ganzen Jahrhundert wird diese Lüge nun schon gedruckt und in fast allen Sprachen verbreitet, die die zivilisierte Menschheit kennt. Jahrzehntelang ist sie aber auch wieder und wieder von aufrechten Journalisten, gebildeten Historikern, von Politikern und Diplomaten, von Religionsführern und ehemaligen Polizeiagenten, vor allem aber von mutigen, verantwortungsbewußten, unbestechlichen Richtern in demokratischen Staaten demaskiert worden. Die schreckliche Geschichte des 20. Jahrhunderts hat sie ohnehin widerlegt.

Als ich dieses Buch schrieb, wollte ich nicht nur die Geschichte einer Lüge erzählen, sondern auch zeigen, wie sie überlebt hat und wie sie, was viele nicht wissen, immer noch wirksam ist. Das Buch ist auch für jene geschrieben, die unbewußt zulassen, daß diese und ähnliche Lügen (z. B. die Behauptung, Auschwitz sei kein Massenvernichtungslager gewesen) weiterhin kursieren und Schaden anrichten.

Man hat mir immer wieder gesagt, es sei falsch, eine Unwahrheit verbieten zu wollen, wenn sie einmal gedruckt ist und zwischen zwei Buchdeckeln steht. Eine Lüge wie diese müsse dann eben auf dem »Marktplatz der Ideen« bekämpft werden. Die Ereignisse, die mein Buch schildert, geben diesen Menschen unrecht. Eine vorsätzliche Lüge ist keine »Idee«. Sie kann aber leicht zu einer gefährlichen Waffe werden. Wer sie benutzt, trägt nicht zur Meinungsfreiheit bei. Im Unterschied zu anderen Waffen wird diese Lüge niemals zur Selbstverteidigung eingesetzt. Daher gibt es keinen Grund, sie für zulässig zu erklären. Sie muß verboten werden wie andere Waffen, die geeignet sind, massenhaften Tod und Zerstörung zu bringen.

Ich bin der festen Überzeugung, daß Lügen und Verleumdungen, die ganze Menschengruppen zu Sündenböcken stempeln, Haß gegen sie schüren, ihre Tötung und Ausrottung propagieren, nicht als »freie Rede« geschützt werden dürfen. Dieses Buch fordert von denjenigen, die meine Auffassung nicht teilen, sie mögen eine realistische Alternative aufzeigen.

Die Geschichte der Protokolle ist mehrfach in verschiedenen Sprachen aufbereitet worden. Historiker und Menschen, die an Forschungsergebnissen interessiert sind, können zu gut recherchierten, wenn auch oft schwer zugänglichen, wissenschaftlichen Arbeiten greifen. In diesem Buch habe ich die Geschichte der Protokolle der Weisen von Zion für Leser aufbereitet, die wissen wollen, was wirklich geschehen ist, ohne daß sie komplizierte wissenschaftliche Literatur lesen und sich durch Fußnoten kämpfen müssen. Ich habe das Buch in der Hoffnung geschrieben, daß die unglaublichen Tatsachen, die hier enthüllt werden, das Interesse des Lesers fesseln mögen.

Keine Person und kein Ereignis sind erfunden. Um das Buch lesbarer zu machen und so viele Menschen wie möglich zu erreichen, habe ich allerdings einige im Detail nicht belegte Beschreibungen und Gespräche ebenso wie Wahrnehmungen und Gedanken der Personen eingefügt. Aber auch diese sind nicht frei erfunden, sondern fußen auf vorhandenen Korrespondenzen, Erinnerungen und Zeitungsberichten. Am Ende des Buches findet der Leser eine Aufstellung der benutzten Dokumente.

Sechs Jahre habe ich damit verbracht, die Fakten zu recherchieren, zahllose Bücher zu lesen, überlebende Augenzeugen zu interviewen, öffentliche und private Archive in mehreren Ländern zu durchforsten und Tausende von Dokumenten zu studieren. Wenn dieses Buch aufklären kann und der Lüge über die jüdische Weltverschwörung und die Protokolle der Weisen von Zion Einhalt gebieten kann, dann hat sich diese Arbeit gelohnt.

Hadassa Ben-Itto, Februar 1998

KAPITEL 1
Begegnungen mit den Protokollen

Dies war mein letzter Tag am Gericht. Hätte irgend jemand vor fünf Jahren angedeutet, ich würde meine Karriere als Richterin aufgeben, um Nachforschungen für ein Buch anzustellen, hätte ich das als schlechten Scherz abgetan. Im Jahre 1991, nach dreißig Jahren am Gericht war ich mehr Richterin als Frau. Wenn man mich nicht beim Vornamen rief – eine geläufige Praxis in unserer ungezwungenen Gesellschaft –, sprach man mich mit »Richterin«, nicht mit »Frau« an. Die Pensionierung lag noch Jahre entfernt, und freiwillig meinen Posten aufzugeben wäre fast gleichbedeutend mit Selbstmord gewesen. Meine Arbeit war mein Lebensmittelpunkt. Dennoch saß ich nun hier am 31. Oktober 1991 und hielt meine letzte Verhandlung am Bezirksgericht von Tel Aviv.

Eine ganze Schar Anwälte in schwarzen Roben, darunter einige meiner früheren Assessoren, fanden sich aus verschiedenen Gerichtssälen des Gebäudes zusammen, um mich hinauszugeleiten. Das Gericht war überfüllt, als ich meine letzten Urteilssprüche verlas, wobei ich versuchte, meiner Stimme einen möglichst normalen Ton zu geben. In diesem Raum hatte ich meine besten Jahre verbracht. Hier hatte ich Zeugen und die Vertreter der Anklage und der Verteidigung angehört; ich hatte Männer und Frauen in Augenblicken der Stärke und der Schwäche, der Qual und der Freude erlebt; ich hatte Menschen mit niedergeschlagenen Augen gesehen – entweder weil sie das Lügen nicht gewöhnt waren oder weil es so schwer war, die Wahrheit zu sagen. Einige hatten diesen Raum als Gefangene betreten und als Freie verlassen, andere kamen als Freie hinein, und verließen den Raum dann unter Bewachung durch die unauffällige Seitentür, die zu den Zellen führt. Hier hatten Mütter und Väter begriffen, daß man ihnen die Obhut über ihre Kinder entriß; von hier aus hatte ich Männer und Frauen in lebenslange Gefangenschaft geschickt.

Ich war Teil dieses Gerichtssaales. Ich wußte, welches Fenster sich nicht ganz schließen ließ und welches knarrte. Ich konnte den Fleck auf dem Linoleum sehen, wo ein Polizist einen Beutel konfisziertes Haschisch hatte fallen lassen, und jenen Platz neben dem Zeugenstand, wo einmal ein alter Mann zusammengebrochen und gestorben war, als er von einem aggressiven und hartnäckigen Ankläger verhört wurde. Die Fensterscheiben waren noch kreuz und quer mit Klebeband verklebt, eine notwendige Vorsichtsmaßnahme aus dem Golfkrieg, als Tel Aviv eine Zielscheibe irakischer Raketen war.

In diesem Raum ließ ich einen Teil meiner selbst zurück, aber ich nahm auch ein starkes Gefühl der Erfüllung mit; zwar gab ich meinen Sitz am Gerichtshof auf, aber ich würde weiter Richterin sein, wenn auch selbsternannt, unterwegs, um die Wahrheit herauszufinden und ein Urteil zu fällen. Ich wollte ein Buch vor Gericht bringen, und ich war dabei in erster Linie getrieben von einem Gefühl des Zornes.

Plötzlich erinnerte ich mich, wie mich eines Tages ein amerikanischer Tourist ansprach: »Ich habe gehört, Sie sind im Rechtswesen?« – so wie man jemanden fragt: »Sind Sie im Versicherungswesen?« – »Ich bin tatsächlich im Rechtswesen«, dachte ich, oder ich hatte zumindest immer versucht, Gerechtigkeit walten zu lassen, obwohl mir wie allen Richtern auch Fehler unterlaufen sein müssen. War ich im Irrtum oder naiv, wenn ich diesen Gerichtssaal verließ und eine andere Art von Wahrheit suchte, eine andere Art Gerechtigkeit? Die Entscheidung fiel mir leicht. Im Grunde genommen war es gar keine bewußte Entscheidung, sondern eine Kette von Ereignissen, die unweigerlich zu dem Punkt führten, an dem ich nun stand.

Wenn Freunde mich fragten, wann diese »Besessenheit« mich zuerst ergriffen hatte, lautete meine Standardantwort, daß alles vor 26 Jahren im Speisesaal der Abgeordneten der Vereinten Nationen in New York begonnen hatte.

Die Vereinten Nationen – 1965

Golda Meir, die damals als Außenministerin im Amt war, hatte mich in die israelische Delegation zur zwanzigsten UN-Vollversammlung und zu den Beratungen des Dritten Ausschusses geladen, in denen Menschenrechtsangelegenheiten ganz oben auf der Tagesordnung standen. In diesem Jahr debattierten wir über den endgültigen Entwurf des Abkommens über die Beseitigung jeglicher Form der Rassendiskriminierung, und neben den langen Komiteesitzungen arbeitete ich an Dokumenten, bereitete Reden vor und nahm an Delegationstreffen teil.

Die zwanzigste Generalversammlung war in vollem Gange. Während der vorangegangenen sechs Wochen hatte sich die Atmosphäre dieser außergewöhnlichen Versammlung herauskristallisiert, und die zentralen Fragen waren erarbeitet, Allianzen gebildet und Konflikte offengelegt worden. Neue, unerfahrene Abgeordnete wie ich hatten sich die Verfahrensregeln und, was noch wichtiger ist, die spezielle Terminologie und den ungeschriebenen Verhaltenskodex, zu einer eleganten Kunst stilisiert, zu eigen gemacht.

Da ich Israel vertrat, trug ich die zusätzliche Last, mir alle Gesichter einprägen zu müssen, die zu Vertretern feindlicher Delegationen gehörten, um der unangenehmen Erfahrung aus dem Wege zu gehen, einem Abgeordneten zuzunicken, der durch mich hindurchsah, als wäre ich Luft. Als besonders peinlich erwies sich das in einem Fahrstuhl, wo keiner der Anwesenden umhin kam, es zu bemerken. Abgeordnete arabischer und islamischer Länder hatten sich damals an strikte Weisungen zu halten, wonach sie weder durch Nicken noch durch Lächeln oder irgendeine als freundlich deutbare Geste Israelis gegenüber Aufmerksamkeit zollen durften; auch durften sie nicht den Namen »Israel« erwähnen, wenn sie auf einen unserer Abgeordneten Bezug nahmen. Trotzdem erwähnten sie uns ständig in ihren täglichen Attacken. Manchmal nannten sie mich »Abgeordnete des besetzten Palästina« oder »Abgeordnete der Zionistischen Gemeinschaft«; eines Tages, als ich im gelben Kostüm erschien, hieß es »die Dame in Gelb«. Der ungarische Abgeordnete flüsterte mir zu: »Meinte er den gelben Stern?« Bei einer anderen Gelegenheit wurde ich »Abgeordnete der Weisen von Zion« genannt.

Obwohl keine andere Delegation derartige Verletzungen der UN-Etikette über sich ergehen lassen mußte, verlor kein Komiteevorsitzender je ein Wort darüber. Solches Verhalten gehörte zur täglichen Routine in der Vollversammlung. Ein beliebter Witz, der auf den Korridoren zu hören war, beschrieb das allmorgendliche Treffen arabischer, moslemischer und osteuropäischer Abgeordneter, bei dem jeweils mindestens ein Abgeordneter in jedem Komitee angewiesen wurde, Israel anzugreifen, egal was auf der Tagesordnung stand. In der Vollversammlung der Vereinten Nationen ist die »freie Rede« an ihre äußersten Grenzen getrieben worden, wo es keinen Ruf nach Sachdienlichkeit und kein Recht auf Einmischung gibt.

Geschäftsessen mit anderen Abgeordneten waren Bestandteil der Tagesordnung, die man nicht verpassen durfte. Hier wurden Kontakte geknüpft, Informationen ausgetauscht und Beschlüsse gefaßt. Das Mittagessen im eleganten Speisesaal der Abgeordneten war eine erfreuliche Angelegenheit, und die Etikette wurde streng eingehalten. Mein Gast war an jenem Tag ein Diplomat eines befreundeten lateinamerikanischen Landes, ein vollkommener Gentleman mit tadellosen, aber keineswegs altmodischen Manieren, wenn er mir auch symbolisch die Hand küßte.

Mein Gast war ein erfahrener Diplomat, ein Mitglied der Ständigen Vertretung seines Landes. Eigentlich hatten wir etwas Offizielles zu diskutieren, das Teil des typischen Tauschgeschäfts zwischen Delegationen war: »Ich stimme wie Sie zu diesem Punkt, wenn Ihr Abgeordneter uns in diesem oder jenem Komitee unterstützt.« Aber die übliche Gelegenheit für Geschäftsgespräche war nach dem Dessert. Ausführlich erging er sich in Komplimenten über mein Aussehen, mein Kleid und meine letzte Rede, bevor er sich der noch wichtigeren Angelegenheit, der Auswahl von Essen und Wein, zuwandte. Wir plauderten nett über unsere Familien, unsere Arbeit zu Hause und unsere Eindrücke von der Versammlung, als er unverhofft und taktvoll fragte: »Warum erwähnten Sie in Ihrer Antwort dem russischen Abgeordneten gegenüber, der heute so besonders unverschämt war, mit keinem Wort Die Protokolle der Weisen von Zion? Wäre das nicht eine gute Gelegenheit gewesen, zu diesem Thema eine klare Erklärung abzugeben? Es überrascht mich, daß ausgerechnet die Russen es wagen, diese Fälschung zu erwähnen.«

Die meisten Abgeordneten mußten keinen Gebrauch von ihrem »Recht auf Antwort« machen, aber als Vertreterin Israels war ich täglich dazu gezwungen. Ich machte es mir zur Gewohnheit, nur auf Fragen, die mit Israel zusammenhingen, zu antworten und antisemitische Äußerungen zu überhören, obwohl sie anfänglich am schwersten zu ertragen waren. Sie reichten von Anschuldigungen, die Juden wären »die Geldverleiher« der kapitalistischen Welt, »Pressemanipulatoren«, »die Erfinder der Apartheid« und »Verleger von Pornographie« bis zur Erwähnung der berühmten Schmähschriften, welche Juden beschuldigten, Kinder zu ermorden, um Matzen für das Passahfest zu backen, und zu Zitaten aus dem Talmud, der angeblich Juden dazu aufforderte, »das Blut der Nichtjuden zu trinken«. Der Begriff der »jüdischen Weltverschwörung« wurde oft in den Mund genommen, als sei sie eine unverrückbare Tatsache.

Also sagte ich zu meinem Gegenüber beim Mittagessen, daß es erniedrigend wäre, solchen rassistischen Unfug mit einer Antwort zu bedenken, denn niemand, der seine fünf Sinne beisammen hätte, könnte das für voll nehmen. Zu meiner Verwunderung stimmte er dem nicht zu. Er meinte, nach seiner Erfahrung drangen die bösartigsten und falschesten Anschuldigungen in die Köpfe der Menschen ein und prägten ihre Meinung, wenn sie nur häufig genug dahergebetet wurden und auf keinen Widerspruch stießen.

»Ihr Juden solltet diese Lektion gelernt haben«, sagte er. »Ihr habt Hitlers Mein Kampf ignoriert und euch dadurch in Gefahr gebracht. Gerade ihr solltet nie antisemitische Hetze unbeachtet lassen und vor allen Dingen nie die Theorie von der ›jüdischen Weltverschwörung‹ und Die Protokolle der Weisen von Zion ignorieren. Das Buch ist gefährlich.«

Er klärte mich auf, daß die Protokolle, wie sie allgemein genannt werden, auch in seinem Land veröffentlicht wurden, daß er selbst sie gelesen habe und daß viele Leute glaubten, daß ihr Inhalt wahr ist. Kleinlaut mußte ich zugeben, daß ich mir nie die Mühe gemacht hatte, die Protokolle zu lesen, aber auf der Stelle schwor ich mir, es zu tun. Nachdem die Vollversammlung zu Ende war, kehrte ich wieder als Richterin an den Gerichtshof in Tel Aviv zurück. Es brauchte mehr als zwanzig Jahre und viele weitere »Begegnungen« mit den Protokollen, bis ich sie endlich selbst las.

Paris – 1973

An einem regnerischen Sonntag des Jahres 1973 saß ich mit einem französischen Rechtsanwalt in einem Pariser Restaurant beim Abendessen, und wir diskutierten über ein neues Gesetz, das im vergangenen Sommer in Frankreich verabschiedet worden war. Das Gesetz verbot die Diskriminierung von Menschen aufgrund ihrer Herkunft, ihrer ethnischen Zugehörigkeit, ihrer Rasse oder Religion. »Abwarten, wie das Gericht das Gesetz auslegen wird«, sagte ich. »Das werden wir bald wissen«, sagte er und erzählte mir, daß bereits am nächsten Morgen ein Chefredakteur vor Gericht stand. Sein Blatt hatte am 22. September 1972 einen Artikel veröffentlicht, der den Juden die schlimmsten rassistischen und unmenschlichen Praktiken zur Last legte. Der Autor des Artikels hatte sich auf Zitate aus alten jüdischen Schriften berufen und sie fehlinterpretiert. Er beschrieb, wie jüdischen Kindern »von der Wiege an« der Haß auf andere Völker anerzogen und ihnen nach göttlichem Gesetz die Ermordung von Nichtjuden (Goys) befohlen wurde. Nach Aussage des Autors arbeitete die jüdische Weltverschwörung systematisch daran, die Welt unter Kontrolle zu bringen. Das Blatt, in dem der Artikel erschienen war, wurde vom sowjetischen Informationsbüro in Paris herausgegeben.

Schon Mitte der sechziger Jahre hatte die Sowjetunion eine extrem antizionistische politische Linie eingeschlagen und duldete nicht nur, sondern förderte und ermutigte tatsächlich zügellosen Antisemitismus. Zionismus und Judentum waren nach sowjetischen Begriffen austauschbar, und Juden wurden als die Verkörperung alles Bösen hingestellt. Die sowjetische Presse war zur Hauptquelle roher antisemitischer Propaganda geworden.

Die Theorie von der jüdischen Weltverschwörung war untrennbarer Bestandteil des russischen Antisemitismus. Der ukrainische Schriftsteller T. K. Kitschko hatte wiederholt davor gewarnt, daß die Juden »eine jüdische Weltmacht« begründen wollten, und bald würde die Welt »ein Königreich jüdischer Priester« werden. Sie wäre die verborgene Macht, die bald das Universum in den Griff bekäme. Kitschko wurde für seine Leistungen im Bereich »Erziehung der Öffentlichkeit« belohnt und mit einer staatlichen Auszeichnung bedacht. Ein anderes Buch, Achtung: Zionismus von Juri Iwanow, Berater beim Zentralkomitee der KPdSU, war als Die sowjetischen Protokolle von Zion bekanntgeworden. Iwanows Botschaft war, daß die Juden die allerschlimmsten Rassisten waren, die mit Hitler kollaboriert hatten, und daß ihre Bankiers in ihrer Gier nach Reichtum und Macht Millionen Juden dazu verurteilt hatten, im Holocaust vernichtet zu werden.

Mein Bekannter sagte, daß Teile dieser antisemitischen Bücher sich läsen, als seien sie von den Protokollen der Weisen von Zion kopiert, einem Buch, das von russischen Autoritäten oft zitiert werde. Die sogenannte jüdische Weltverschwörung sei ein vortrefflicher gemeinsamer Nenner, der leichte Erklärungen liefere für Tatsachen und Situationen, die ansonsten eher peinlich waren, egal in welchem Land.

Nun würde also ein Gericht entscheiden, ob dieses geistige Gift in Frankreich verbreitet werden dürfe. »Das könnte das französische Gegenstück des berühmten Berner Prozesses werden«, fügte mein Bekannter in der falschen Annahme, ich sei vertraut damit, hinzu. Auf diese Weise erfuhr ich erstmals, daß 1934 ein Schweizer Gericht befunden hatte, daß Die Protokolle der Weisen von Zion eine unverschämte, grobe Fälschung wären; diesen Prozeß hatte die jüdische Gemeinde gegen eine örtliche Nazigruppe eingeleitet. Er nahm an, der Berner Prozeß würde sicherlich Erwähnung finden. Die Protokolle der Weisen von Zion waren zwar kein direktes Thema in diesem Fall, jedoch würden sie ganz bestimmt eine Rolle spielen.

Als ich hörte, daß Professor René Cassin als Zeuge zu dem Prozeß geladen war, ließ ich meine Pläne für den nächsten Tag fallen. René Cassin, ein berühmter Rechtsphilosoph, übte zu jener Zeit ein Amt als Richter am Europäischen Gericht für Menschenrechte aus, doch bekannt war er als einer der Urheber der Universalen Erklärung der Menschenrechte und als Friedensnobelpreisträger.

So fand ich mich tags darauf im Palais de Justice ein. Wenn man wie ich an einen nackten und funktional ausgerichteten Gerichtssaal gewöhnt ist, hält man den Atem an aus Ehrfurcht vor den alten Gobelins an den Wänden und den schweren Kronleuchtern an den Decken. Als ein livrierter Amtsdiener die drei Richter in ihren Roben hereinführte, schienen sogar diese eleganter als die unsrigen.

Der Berner Prozeß und Die Protokolle der Weisen von Zion waren bald an der Tagesordnung, als nämlich ein Zeuge nach dem andern beschrieb, daß der Autor des russischen Artikels praktisch Passagen aus den Protokollen wiedergegeben hatte.

Die eindrucksvolle Liste der Zeugen hatte Menschenmassen angezogen, und der Gerichtssaal platzte aus allen Nähten. Neben Professor René Cassin waren Gaston Monnerville, ehemaliger Präsident des französischen Senats, weithin bekannte Rabbiner und Historiker, führende Persönlichkeiten der katholischen Kirche und Theologen zugegen. Aber die wirkliche Überraschung des Prozesses bescherte ein Zeuge namens Grigori Swirski, ein sowjetischer Autor, der während des Zweiten Weltkriegs neunmal ausgezeichnet worden war. Er war aufgrund von staatlichem Antisemitismus zum Verlassen Rußlands gezwungen worden. Zum Erstaunen des ganzen Gerichtssaals zeigte er dem Gericht ein Büchlein, das erstmals 1906 im zaristischen Rußland von den Schwarzhundertschaften veröffentlicht worden war, einer russischen antisemitischen Organisation, die tonangebend bei Pogromen gegen Juden gewesen war. Der Gerichtsdolmetscher erklärte den Richtern, daß das Büchlein auf der Rückseite die Adresse der Nowosti-Buchhandlung trug, wo es erhältlich war. Der Artikel, um den es ging, war eine exakte Kopie des Textes von 1906, so der Zeuge, und er trug zum Beweis Auszüge aus dem kleinen Buch vor.

Ein Zeuge nach dem andern veranschaulichte vor dem Gericht, daß der Wortlaut des Artikels nicht nur unwahr war, so wie auch das Original, Die Protokolle der Weisen von Zion, sondern daß er auch unter die Definition einer rassistischen Veröffentlichung fiel, die neuerdings gerichtlich verboten war.

Das Schlußplädoyer sprach Robert Badinter, Repräsentant der L. I. C. A., der Internationalen Liga gegen Rassismus und Antisemitismus. Es war ein französisches Plädoyer, wie es im Buche stand.

»Wie ist es möglich«, fragte er, indem er sich dem russischen Angeklagten zuwandte, »daß das moderne Sowjetrußland im Jahr 1972 für einen Text der Ochrana, der zaristischen Geheimpolizei, von 1906 Verwendung findet? Wir verfolgen eine merkwürdige Spur, die von den Protokollen der Weisen von Zion ihren Ausgang nahm und zu einem französischsprachigen Magazin führt. Es heißt, daß diese Dinge von Rußland aus zu uns gekommen sind. Die Menschen haben ihre Blicke auf Rußland gerichtet, dem großartigen Land, das Tyrannenmacht abgeschüttelt, den Weg zum Sozialismus gewählt und sich aufgemacht hat hin zu dem Ideal einer gerechten und brüderlichen Gesellschaft. Jahrzehnte sind vergangen, und immer noch beruft sich dieses große Land auf jenes Ideal und nährt diese Hoffnung. Und plötzlich stöbert es an dunklen Orten nach den Schrecken, die es einst verschrien hat, und gräbt die entwürdigendsten Texte aus, um sie seinen Zwecken dienlich zu machen.«

Als am 24. April 1973 das Urteil gesprochen wurde, war ich wieder in meinem Gerichtssaal und hörte davon erst viel später, als mein Bekannter mir ein Buch mit dem Titel Der Pariser Prozeß schickte, 1974 von Emanuel Litvinoff, einem Fachmann für russisches Judentum, der beim Prozeß ausgesagt hatte, in London herausgegeben. Es enthielt eine brillante Einleitung und den vollen Wortlaut des Prozesses.

Sich auf verschiedene Zeugen berufend, hatte das Gericht festgestellt, daß der fragliche Artikel Passagen aus den Protokollen der Weisen von Zion enthielt, »einer antisemitischen Veröffentlichung, die gegen Ende des neunzehnten Jahrhunderts von der russischen zaristischen Polizei, der Ochrana, zusammengestellt worden war«. Der Angeklagte wurde des Vergehens der öffentlichen Verleumdung für schuldig befunden und zu einer Geldstrafe von 1 500 Francs an den Staat sowie 1 Franc an die L. I. C. A., die nicht mehr wollte, verurteilt. Das Gericht ordnete weiterhin an, daß der volle Urteilsspruch in der folgenden Ausgabe des russischen Magazins veröffentlicht wurde und daß Auszüge aus dem Urteil in sechs französischen Zeitungen und Zeitschriften, ausgewählt vom Kläger, bekanntgemacht werden mußten.

Ein kurzes Vorwort auf der ersten Seite des Buches, das mir mein Bekannter geschickt hatte, war von dem berühmten, in den Westen abgewanderten russischen Ballettänzer Valeri Panov verfaßt. Er schrieb: »Es ist unglaublich, daß immer noch überholte Vorurteile dazu herhalten müssen, Menschenwesen aufgrund ihrer Rasse, Religion oder Nationalität herabzuwürdigen . . . man liest aus diesen Seiten eine Konfrontation zwischen dem gesunden Menschenverstand der Zivilisation und alten, üblen Ammenmärchen, die unschuldigen Menschen das Leben gekostet haben.« Panov schloß sein kurzes Vorwort mit einer Botschaft der Hoffnung: »In Paris wurde die Wahrheit verteidigt, und die Lügen, die durch die europäische Geschichte spukten, wurden ans Licht der Vernunft geholt.«

Ich fragte mich, ob Robert Badinter jemals mit der vorsitzenden Richterin, Simone Rozes, über den Pariser Prozeß diskutiert hatte, als sie sich in den darauffolgenden Jahren begegneten. Simone Rozes beendete ihre Richterlaufbahn fünfzehn Jahre später als Präsidentin des Cour de Cassation, des höchsten Gerichtshofes in Frankreich. Zu dieser Zeit war Robert Badinter Präsident des Verfassungsgerichtes von Frankreich, zuvor bereits namhaft als Justizminister, der die Abschaffung der Todesstrafe in seinem Land durchgesetzt hatte.

Die Vereinigten Staaten – 1985

Ich frühstückte gerade mit Pacita in einem Hotel in der New Yorker City, als sie plötzlich erklärte: »Das ist dein Tag, Hadassa, heute gehen wir zu den Banken, wir werden über Finanzen reden!«

Beide gehörten wir zu einer Gruppe von Juristen aus verschiedenen Ländern, die eingeladen worden waren, um sich über die amerikanische Justiz zu informieren. Dreißig Tage lang wurden wir von Küste zu Küste begleitet; wie zu erwarten war, ergaben sich daraus einige enge Freundschaften. Nachdem wir lange Stunden gemeinsam in dem Minibus verbracht hatten, der uns überall hin fuhr, in Flugzeugen und beim Essen, fand ich mich immer öfter neben Pacita, einer Richterin von den Philippinen, die an einem hohen Gerichtshof in Manila ihren Dienst tat. Wenn es sich ergab, reservierten wir Plätze füreinander. Am meisten genossen wir unseren gesunden Humor, der uns durch einige langweilige Sitzungen half.

Allmählich teilten wir einander Dinge aus unseren Privatleben mit, die so verschieden waren, als lebten wir auf unterschiedlichen Planeten. Es faszinierte uns beide, daß wir außer unserem Beruf fast nichts gemeinsam hatten. Beide waren wir hochrangige Richterinnen an Gerichtshöfen mit einer ähnlichen Rechtsprechung, die unter sehr ähnlichen Rechtssystemen, beide in der britischen Tradition verwurzelt, operierten. Davon abgesehen waren wir einander fremd, stammten aus unterschiedlichen Kulturen, hatten verschiedene Konfessionen und erheblich unterschiedliche Bräuche und Lebensarten.

Pacita war katholisch, geboren und aufgewachsen auf den Philippinen und mit einem chinesischen Geschäftsmann verheiratet. Sie wohnte auf einem Anwesen, von Bediensteten umgeben, die ihr jede Handreichung abnahmen, und sie hatte ihre liebe Not, auf unserer Reise ohne diese Dienste auszukommen. Ich brachte sie zum Lachen, indem ich mich über ihre Schwierigkeiten lustig machte, und wie ich ihr so meine eigenen Lebensumstände schilderte, in denen es so etwas wie Bedienstete überhaupt nicht gab, wurden ihre Nöte in ein anderes Verhältnis gebracht. Sie kam zu dem Schluß, daß sie im Grunde irgendwie zurechtkommen würde. Wir hatten wirklich viel Spaß zusammen.

Einmal gestand sie mir, sie hätte nie zuvor einen Juden persönlich kennengelernt. »Du siehst auch gar nicht jüdisch aus«, meinte sie. Tatsächlich war sie der Ansicht, daß alle Juden krumme Nasen haben müssen, obwohl sie diese erstaunliche Tatsache nicht in einer herabwürdigenden Weise mitteilte. Sie kam auf Barbara Streisand: »Ist sie nicht Jüdin? Sie hat doch eine krumme Nase, und wie!«

Gerade an diesem Morgen strahlte sie, stolz darauf, zeigen zu können, daß sie mit dem, was sie für jüdische Eigenarten hielt, auf vertrautem Fuße stand. Auf dem Programm stand ein Treffen mit einigen Bankdirektoren, mit denen wir erörtern wollten, wie man der Geldwäsche durch Banken auf die Schliche kommen kann. Sie ging davon aus, daß sie alle Juden wären. Wenn man sie fragte, woher sie ihr eigenartiges Wissen bezog, antwortete sie mit dem Brustton der Überzeugung: » Hast du nicht von diesem Buch gehört, in dem enthüllt wird, daß die Juden überall am Zuge sind, gerade im Finanzwesen? Gehört das nicht zu so einem großangelegten jüdischen Plan?«

Als ich Die Protokolle der Weisen von Zion erwähnte, leuchteten ihre Augen auf, sie erinnerte sich: »Ja, das ist das Buch!« Sie war sehr überrascht und ein wenig enttäuscht, daß keiner der fünf führenden Bankiers, die wir an jenem Tage kennenlernten, Jude war.

An jenem Abend fragte mich Pacita nach den Protokollen der Weisen von Zion, und ich empfand es als peinlich, so wenig darüber zu wissen.

»Woher weißt du dann, daß das Buch gefälscht ist?« fragte sie. Als Richterin war mir bewußt, daß ich keine taugliche oder zufriedenstellende Antwort darauf parat hatte, denn ich hatte mich nie tatsächlich mit der Sache befaßt. Wieder einmal faßte ich den Vorsatz, es zu tun.

Tel Aviv – 1988

Wir hatten eine regnerische Woche hinter uns, und Tel Aviv gab sich von seiner besten Seite – reingewaschen und in der Morgensonne funkelnd. Es war ein schöner Februartag. Ich kam gerade von meinem allmorgendlichen Schwimmen im Meer und freute mich auf ein erholsames Stündchen, bevor ich durch den Berufsverkehr zum Gericht fahren mußte. Mit einer dampfenden Kaffeetasse in der Hand ließ ich mich nieder, um in Ruhe die Zeitung zu lesen. Eine Überschrift sprang mir ins Auge: »Neue Ausgabe der Protokolle der Weisen von Zion herausgegeben!« Das löste eine Kette von Assoziationen in mir aus, die meine Aufmerksamkeit von dem Artikel ablenkten. Mehr als zwanzig Jahre waren seit dem Mittagessen bei den Vereinten Nationen vergangen, fünfzehn Jahre seit dem Pariser Prozeß und drei Jahre seit der Begegnung mit Pacita. Obwohl die Protokolle in meinem Beisein mehrfach zur Sprache gekommen waren, hatte ich noch kein Auge auf das Dokument geworfen. Es wurde höchste Zeit.

Zwei Tage später verbrachte ich den größten Teil der Nacht damit, eine englische Ausgabe der Protokolle zu lesen, nachdem ich in der Universitätsbibliothek überraschenderweise erfahren hatte, daß das Buch nie ins Hebräische übersetzt worden war, obwohl es in fast jeder anderen Sprache erschienen war. Das Buch, herausgegeben von Small, Maynard & Company in Boston, war Die Protokolle und die Weltrevolution betitelt. Auf dem Innentitel stand, daß es »eine Übersetzung und Analyse der Protokolle der Versammlungen der zionistischen Weisen« enthalte.

Vorgeblich handelte es sich um authentische »Protokolle« der Versammlungen einer jüdischen Geheimregierung, der sogenannten Weisen von Zion, aber zu meinem Erstaunen wurde mir schnell klar, daß es keine tatsächlichen Notizen von Versammlungen sein konnten, sondern 24 Reden einer einzigen, anonymen Person, die sich an ein nicht benanntes Publikum richten. Wenn es echte Versammlungsprotokolle wären, als die man die Protokolle immer darstellt, würde man vermuten, auf ein Datum, eine Anwesenheitsliste, eine Debatte oder einen Beschluß zu stoßen, doch nichts davon ist vorhanden.

Später fand ich heraus, daß, obwohl der Titel des Dokuments Teil desselben schien und zuweilen in Anführungsstrichen gedruckt war, von einer Ausgabe zur andern abwich. Manchmal waren es Die Protokolle der Weisen von Zion, manchmal Die Protokolle der Treffen der gelehrten Weisen von Zion und ein andermal Die Protokolle der Treffen der zionistischen Weisen, und es gab zahlreiche weitere Beschreibungen, die unmöglich korrekte Übersetzungen des Titels eines existierenden Textes sein konnten.

In seinen Reden entwickelte der namenlose Sprecher in knapper Form ein umfassendes Programm der Vernichtung aller christlichen Staaten und machte praktische Vorschläge zur Erlangung der Weltherrschaft durch die Juden. Das internationale Judentum wurde als eine satanische Sekte beschrieben, die in einer Zweckgemeinschaft unter der Führung dieser Weisen agierte, die keine moralischen Rücksichten kannte. Jedes Protokoll behandelte einen mehr oder weniger fest umrissenen Teil des großen Themas, und im ganzen arbeiteten die 24 Protokolle sorgfältig auf, wie die universale Weltherrschaft erlangt werden könnte. Alle Regierungen wären der jüdischen Oberherrschaft zu unterwerfen, einer Autokratie, an deren Spitze ein jüdischer Souverän stehen würde.

In dieser Ausgabe der Protokolle hatte der Herausgeber zusammengefaßt, auf welche Weise diese Weltherrschaft erreicht werden sollte:

1. Die nationale Macht der nichtjüdischen Staaten muß gebrochen werden, indem durch Appelle an den Rassenhaß internationale Revolutionen angestiftet werden und indem man sich unter dem Banner von »Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit« scheinbar für größere Freiheiten und Privilegien für bestimmte Menschenklassen einsetzt – diese Schlagworte dienen allerdings nur dazu, Menschen für die jüdische Sache zu rekrutieren. Autokratische Regierungen, die ja tatsächlich stark sind, müssen zunächst durch die Einführung des Liberalismus geschwächt werden, um so den Weg zur Anarchie zu ebnen.

2. Alle Kriege müssen »auf eine wirtschaftliche Ebene überführt« werden, was territoriale Vorteile aus dem Krieg ausschließen und die jüdische Macht allmählich zum bestimmenden Kriegsfaktor machen wird.

3. Die internationalen Rechte der Juden müssen auf Kosten der nationalen Rechte der nichtjüdischen Völker ausgebaut werden.

4. Die nichtjüdischen Staaten müssen weiter geschwächt werden, indem man ihnen eine falsche und Widersprüche provozierende Politik aufdrängt, die geheime Kontrolle über das Beamtenwesen erlangt, die Presse manipuliert und Stück um Stück die freie Rede ausmerzt.

5. Die Autorität von Regierungen in eher liberalen Ländern muß durch die Vernichtung der nichtjüdischen Religionen eingeschränkt werden, da ihre konservative und moralische Kraft der Nährboden für liberale Regierungen ist.

6. Um den Widerstand jener Staaten zu brechen, die sich gegen die Unterwerfung unter die neue jüdische Macht sperren, muß ohne Zaudern auf Gewalt, List, Heuchelei, Bestechung, Betrug, Verrat und den Raub fremden Eigentums zurückgegriffen werden.

7. Durch den Abbau der gewerblichen Konjunktur, durch Spekulation und Dauerstreik, der »Massen von Arbeitern auf die Straße werfen wird«, kann die Sozial- und Wirtschaftsstruktur der christlichen Staaten unterwandert werden; auch, indem man künstlich die Löhne erhöht, so daß die Lebenshaltungskosten steigen. Schließlich wird man so eine allgemeine Wirtschaftskrise und die Zerrüttung der Finanzsysteme heraufbeschwören. Die finanzielle Stärke der verschiedenen nichtjüdischen Staaten wird auch unterminiert werden, wenn sie sich dazu gezwungen sehen, sich mehr und mehr mit In- und Auslandsschulden zu überlasten, was am Ende zum Bankrott führt.

8. Auf dem daraus resultierenden sozialen und politischen Chaos kann sich schrittweise eine jüdische Diktatur gründen, hauptsächlich durch die »furchtbare« Macht des jüdischen Geldbeutels und durch die anderen Machtfaktoren, nämlich die Überwachung der Presse und der revolutionären Bewegung.

9. Während der Übergangsperiode von der nichtjüdischen zur jüdischen politischen Macht in allen Staaten wird es eine Geheimregierung der Juden geben, herbeigeführt durch Pressemanipulation, Irreführung der öffentlichen Meinung, Massenterror, Schwächung der Entschlußkraft der Nichtjuden, Abwertung ihrer Bildung, und indem man Zwist unter ihnen aussät.

Als ich nun in den Protokollen selbst weiterlas, sprangen mir Sätze und Absätze ins Auge, die jeglicher Vernunft entbehrten und im Gegensatz zu jeder jüdischen Tradition und Lehre standen:

». . . deshalb wird in der Staatsverwaltung weit mehr durch Gewalt und Rücksichtslosigkeit erreicht als durch wissenschaftliche Erörterungen . . . Die Staatskunst hat mit dem Sittengesetz nichts gemein. Ein Herrscher, der an der Hand des Sittengesetzes regieren will . . . ist daher keinen Augenblick auf seinem Throne sicher. Wer regieren will, muß mit List und Heuchelei arbeiten . . . Nach den Naturgesetzen liegt das Recht in der Macht . . . Die Gewalt bildet die Grundlage . . . Daher dürfen wir nicht zurückschrecken vor Bestechung, Betrug, Verrat . . . muß man fremdes Eigentum ohne Zögern nehmen . . . Unsere Regierung . . . darf die Schrecken des Krieges durch weniger bemerkbare, aber um so wirksamere Hinrichtungen ersetzen . . . wir wollen jede existierende Ordnung und Institution zerstören und . . . Hand auf die Gesetze zu legen, alle Einrichtungen umzubilden und der Herr derer zu werden, die uns ihre Macht freiwillig aus ›Liberalismus‹ überlassen haben . . .«

Ich las ungläubig weiter:

». . . daß die Macht der Masse blind, unvernünftig und urteilslos ist, daß sie bald nach rechts, bald nach links horcht . . . Hieraus folgt, daß die geeignetste Staatsform eines Landes dort gefunden ist, wo die Leitung in der Hand einer verantwortlichen Persönlichkeit liegt . . . Gott hat uns, seinem auserwählten Volke, die Gnade verliehen, uns über die ganze Welt zu zerstreuen. In dieser scheinbaren Schwäche unseres Stammes liegt unsere ganze Kraft, die uns schon an die Schwelle der Weltherrschaft geführt hat . . .«

»Die Hauptaufgabe unserer Verwaltung«, so las ich im fünften Protokoll, »besteht darin, die öffentliche Meinung durch eine zersetzende Beurteilung aller Vorgänge in ihrer Widerstandskraft zu lähmen, den Menschen das eigene Denken, das sich gegen uns aufbäumen könnte, abzugewöhnen, und die vorhandenen Geisteskräfte auf bloße Spiegelfechtereien einer hohlen Redekunst abzulenken . . . Um die öffentliche Meinung zu beherrschen, müssen wir Zweifel und Zwietracht säen, indem wir von den verschiedensten Seiten so lange einander widersprechende Ansichten äußern lassen, bis die Nichtjuden sich in dem Wirrsale nicht mehr zurechtfinden und zu der Überzeugung kommen, daß es am besten sei, in staatsrechtlichen Fragen keine Meinung zu haben . . . Das ist unser erstes Geheimnis! Das zweite, für den Erfolg unserer Sache nicht minder wichtige Geheimnis besteht darin, die Fehler und Gebrechen des Volkes möglichst zu vermehren. Alle schlechten Gewohnheiten, Leidenschaften, alle Regeln des geselligen Verkehrs müssen derart auf die Spitze getrieben werden, daß sich niemand in dem tollen Durcheinander mehr zurechtfinden kann und die Menschen aufhören, einander zu verstehen.«

Ich fragte mich, ob irgend jemand, der klar denken konnte, solchen Unfug drucken würde, und ob er davon ausginge, daß es Leser gäbe, die ihm so etwas abnehmen würden. Offenbar war es aber so.

Das sechste Protokoll kündigt die Gründung großer Monopole an, »die jeden fremden Wettbewerb ausschließen und für uns eine Quelle gewaltigen Reichtumes bilden. Von diesen jüdischen Alleinrechten werden selbst die großen Vermögen der Nichtjuden in einer Weise abhängen, daß sie am ersten Tage nach dem großen Zusammenbruche der alten Regierung . . . verschwinden werden.« Der Goy, also der Nichtjude, als Grundbesitzer sei schädlich, weil er, was die Quellen seiner Lebenshaltung beträfe, unabhängig bleiben könnte. »Daher gilt es«, so das sechste Protokoll, »ihn um jeden Preis seines Grundbesitzes zu berauben.« Dies wäre leicht zu bewerkstelligen, wird dort erklärt, man müsse nur den Boden höher besteuern. »Gleichzeitig müssen wir Handel und Gewerbe einen verstärkten Schutz angedeihen lassen und vor allem das Spielgeschäft fördern. Dieses dient uns als Gegengewicht gegen die zunehmende Macht der Industrie.« Eine weitere Möglichkeit, die Industrie zu zerstören, sei »die Entwicklung eines starken Verlangens bei den Nichtjuden nach Pracht, nach einem alles verschlingenden Aufwande.« Die Löhne sollten erhöht werden, was aber den Arbeitern keinen Nutzen bringen würde, »weil wir gleichzeitig eine Preissteigerung bei allen Gegenständen des täglichen Bedarfs herbeiführen. Als Vorwand werden wir dabei den Notstand der Landwirtschaft und der Viehzucht benutzen.«

Die Pläne der Juden sollten geheim bleiben, aber für den Fall, daß man sie vor der Zeit aufdeckte, »haben wir ein letztes furchtbares Mittel in der Hand, vor dem selbst die tapfersten Herzen erzittern sollen. Bald werden alle Hauptstädte der Welt von Untergrundbahnen durchzogen sein. Von ihren Stollen aus werden wir im Falle der Gefahr für uns die ganzen Hauptstädte mit allen Einrichtungen und Urkunden in die Luft sprengen.«

Der Plan bedenkt in allen Einzelheiten die Neuorganisation von Politik, Presse, Religion, Wirtschaft, Steuern, Währung, Börse, Bildung, Justiz, Gerichten und Rechtsberufen, Verwaltung, Eigentum, Armee, Polizei und »Thronfolge«.

Ich las weiter, zugleich fasziniert und abgestoßen:

»Wir wollen unseren Plan zur Niederzwingung der nichtjüdischen Staaten in Europa in wenige Worte zusammenfassen: Einem von ihnen werden wir unsere Macht durch Mordanschläge, also durch die Schreckensmänner, den Terror, beweisen. Sollte es zu einer gemeinsamen Erhebung aller europäischen Staaten wider uns kommen, so werden ihnen amerikanische, chinesische oder japanische Geschütze in unserem Namen antworten . . . Wir ziehen uns eine gewaltige Menge von Bankleuten, Fabrikherren, Geldmännern und, was die Hauptsache ist, von Millionären heran; denn in der Wirklichkeit wird doch alles durch die Macht des Geldes entschieden . . . Wenn der König der Juden auf sein geheiligtes Haupt die Krone setzen wird, die Europa ihm anbieten muß, dann wird er der Stammvater, der Patriarch der ganzen Welt sein . . . der echte Papst des Universums.«

Als ich den Anfang des dritten Protokolls las, fühlte ich mich mit einem Mal an antisemitische Karikaturen erinnert, die eine riesige Schlange, die die Weltkugel im Würgegriff hat, darstellten. »Das Ziel, welches wir uns gesteckt haben, liegt, wie ich Ihnen heute schon mitteilen kann, nur noch wenige Schritte entfernt. Wir brauchen nur noch einen kleinen Weg zurückzulegen, dann ist der Kreis der symbolischen Schlange – des Sinnbildes unseres Volkes – geschlossen. Wenn dieser Ring erst geschlossen sein wird, dann preßt er alle europäischen Reiche mit kräftigen Schraubstöcken zusammen.«

Protokoll Nummer 10 beschreibt, wie die Öffentlichkeit einer Gehirnwäsche unterzogen werden soll:

»Ich bitte Sie, sich zu erinnern, daß sich die Regierungen und Völker in der Staatskunst mit dem Scheine begnügen . . . für uns ist die Kenntnis dieses Umstandes von der allergrößten Bedeutung. Sie wird uns zustatten kommen bei den Verhandlungen über die Verteilung der Staatsgewalt, die Freiheit des Wortes, der Presse und des Glaubens, das Recht des Zusammenschlusses, die Gleichheit vor dem Gesetze, die Unverletzlichkeit des Eigentums und der Wohnung, die indirekte Besteuerung und die rückwirkende Kraft der Gesetze. Über all diese Fragen darf man mit dem Volke niemals offen und rückhaltlos sprechen. Ist es unumgänglich notwendig, sie zu berühren, so dürfen wir uns nicht auf Einzelheiten einlassen, sondern nur in allgemeinen Redensarten die Grundsätze einer neuzeitigen (modernen) Gesetzgebung anerkennen . . . Wir werden es zu verhindern wissen, daß hochbegabte Persönlichkeiten erstehen, denen die von uns geleitete Masse den Aufstieg, ja sogar die Aussprache nicht gestatten wird. Ist sie doch gewöhnt, nur uns zu folgen, da wir ihren Gehorsam und ihre Aufmerksamkeit gut bezahlen. Auf diese Weise werden wir uns eine blindgefügige Macht schaffen, die gar nicht imstande sein wird, etwas gegen den Willen unserer Vertreter zu unternehmen, denen wir die Leitung der Masse anvertraut haben . . . Um dieses von uns gewünschte Ergebnis zu erreichen, werden wir für die Wahl solcher Präsidenten sorgen, deren Vergangenheit irgendeinen dunklen Punkt, irgendein ›Panama‹ aufweist. Dann werden sie getreue Vollstrecker unserer Weisungen. Einerseits müssen sie stets fürchten, daß wir mit Enthüllungen kommen, die sie unmöglich machen; andererseits werden sie, wie jeder Mensch, das begreifliche Bestreben haben, sich in der einmal erlangten Machtstellung zu behaupten, um die einem Präsidenten zustehenden Vorrechte und Ehren möglichst lange zu genießen. Das Abgeordnetenhaus wird ihn wählen, decken und verteidigen, doch wir werden der Kammer das Recht nehmen, Gesetze vorzuschlagen oder abzuändern. Dieses Recht werden wir vielmehr dem verantwortlichen Präsidenten übertragen, der eine Strohpuppe in unseren Händen ist.«

Das elfte Protokoll erläutert im einzelnen den Vorgang der Gesetzgebung, und das zwölfte Protokoll beginnt mit einer neuen Definition des Begriffes der »Freiheit«. Von nun an bedeutet er »das Recht, das zu tun, was das Gesetz erlaubt«. Der Text macht auf diese Weise klar, »solche Auslegung des Begriffes gibt die Freiheit vollständig in unsere Hand«. Des weiteren läßt er sich über die künftige Presse aus: »Wir werden ihr einen Zaum anlegen und die Zügel straff führen. Auf gleiche Weise werden wir mit anderen Druckerzeugnissen verfahren; denn was kann es helfen, wenn wir die Angriffe der Presse unterbinden, aber in Streitschriften durch Lügen angepöbelt werden?«

Die Goys würden alle Weltereignisse durch bunte Brillen sehen, denn Neuigkeiten würden über zentrale Agenturen übermittelt werden, und »keine Nachricht wird ohne unsere Prüfung in die Öffentlichkeit gelangen . . . Auf diese Weise wird das gedruckte Wort ein Erziehungs-Mittel in der Hand unserer Regierung, die es nicht mehr zulassen wird, daß das Volk sich in fruchtlosen Träumen über die angeblichen Wohltaten des Fortschrittes verliert.« Der Sprecher schildert in allen Einzelheiten, wie die Presse in Schach gehalten wird, indem man Journalisten, Verleger und Drucker nur mit Genehmigungen arbeiten läßt und indem man alle Druckerzeugnisse mit Stempelsteuern belegt. Unter Androhung einer Steuerverdopplung wären Schriftsteller gezwungen, sehr umfangreiche Bücher zu schreiben, und am Ende werden sich die gelangweilten Leser davon ganz abwenden.

Die meisten Zeitschriften werden Amtsblätter, aber sie beinhalten auch widersprüchliche Meinungen, um jeden Verdacht von sich abzulenken. »Jene Dummköpfe, welche die Meinung ihres Parteiblattes zu vertreten glauben, werden in Wirklichkeit nur unsere Meinung nachsprechen oder doch wenigstens diejenige Meinung, die uns gerade paßt. Sie bilden sich ein, die Richtlinien ihrer Partei zu verfolgen, und merken nicht, daß sie hinter der Flagge marschieren, die wir vor ihnen flattern lassen.«

Auch die Religion wird reglementiert werden. »Sobald wir die Weltherrschaft erlangt haben, werden wir keinen anderen Glauben dulden als allein unseren Glauben an den eigenen Gott«, verheißt das vierzehnte Protokoll.