LENA JOHANNSON

GROSSE

FISCHE

Ein Krimi auf Rügen

Aufbau Digital

Impressum

ISBN 978-3-8412-0588-9

Aufbau Digital,

veröffentlicht im Aufbau Verlag, Berlin, April 2013

© Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin

Die Originalausgabe erschien 2013 bei Rütten & Loening, einer Marke der Aufbau Verlag GmbH & Co. KG

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Umschlaggestaltung bürosüd München
unter Verwendung eines Motivs von © plainpicture/Thorsten Marquardt

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Inhaltsübersicht

Prolog

Kapitel 1 - Connys erster Fall

Kapitel 2 - Eifersucht

Kapitel 3 - Nächtlicher Besuch

Kapitel 4 - Vera

Kapitel 5 - Steuersumpf

Kapitel 6 - Ungebetener Besuch

Kapitel 7 - Böse Träume

Kapitel 8 - Hansens Motiv

Kapitel 9 - Sprung über Gräber

Kapitel 10 - Finale

Danksagung

Für P. T. und alle seine Kolleginnen und Kollegen, die durch ihren oft schwierigen und unbequemen Einsatz unsere Welt ein wenig sicherer machen.

Er hätte die Finger davon lassen sollen. Sein Schädel dröhnte, er konnte sich nicht orientieren. Wenn das Schaukeln nur aufhören würde. Ein Schütteln lief durch seinen Körper. Keine Kontrolle mehr. Er fror erbärmlich. Kurz: Er war in einem miserablen Zustand. Selbst schuld, sagte er sich. Er hätte eben die Finger davon lassen sollen. Wie oft hatte er sich das bereits vorgenommen? Aber er konnte nun einmal nicht anders. Gedämpft drang das klatschende Schlagen von Ruderblättern, die ins Wasser tauchten, an sein Ohr. Dazu ein menschliches Geräusch. Keuchen. Schweres, rasselndes Keuchen, von großer Anstrengung zeugend. Weit entfernt waren diese Laute nicht, trotzdem konnte er sie nicht deutlich hören. Es war, als trüge er eine dicke Wollmütze oder Ohrenschützer, die die Klänge der Welt filterten. Die Feuchtigkeit kroch durch seine Kleider, seine Haut, das Fleisch bis tief in die Knochen. Ihm fiel das lateinische Wort für Knochen ein: Os. Woher um Himmels willen kam dieser Gedanke? Was sollte er damit anfangen? Das hatte er nun davon, in der Schule alles auswendig gelernt zu haben. Er konnte seine Knochen nicht retten, aber er wusste, wie sie in lateinisch-medizinischer Sprache hießen. Nur ein Wunder könnte ihn noch retten. Vielleicht der Zauberer von Oz? Tief in seinem Inneren formte sich ein Lächeln über dieses Wortspiel: Der Zauberer von Oz rettet ihm die Knochen. Noch ehe das Lächeln es bis in sein Gesicht geschafft hatte, beschlich ihn ein sonderbares Gefühl. Etwas hatte sich verändert, nur was? Es dauerte eine Weile, bis er begriff, dass die Ruderschläge aufgehört hatten. Dafür wurde das Schaukeln stärker. Ihm wurde übel. Es kostete ihn beinahe die letzte Kraft, doch er öffnete die Augen, blinzelte. Eine Person beugte sich über ihn. Die schwarze Silhouette, irgendwie größer, als er sie in Erinnerung hatte, schwankte vor dem grauen Horizont, den bedrohlichen Wolken, die Regen im Gepäck hatten. Oder den Tod. Allmählich kam zurück, was in den letzten Stunden geschehen war. Das hätte ich dir nicht zugetraut, niemals, sagte er in Gedanken. Doch seine Stimmbänder hatten längst den Dienst quittiert, seine Lippen blieben geschlossen. Die Person hatte etwas in der Hand, eine Flasche. Und was noch? Ein Stück Stoff. Schon presste sie ihm den Lumpen über Mund und Nase. Ein beißender Geruch. Eine scharfe Substanz drang wie ein elektrischer Schlag in seinen Körper, schnitt ihm in die Luftröhre, steckte seine Lungen in Brand. Die Dunkelheit, aus der er gerade erst wieder ins Licht zurückgekehrt war, nahm ihn wieder zu sich. Behutsam zog sie ihn immer tiefer in sich hinein. Er fühlte, wie Hände an seinem Leib zerrten, wie sein Kopf gegen die Seitenwand des Bootes schlug. Die Zeit der Schmerzen war vorüber. Er war nur noch Geist, sein Körper gehörte nicht mehr zu ihm. Auch nicht, als dieser endlich über den harten Rand der Nussschale rollte und in die Ostsee eintauchte. Mit einem Mal fühlte er sich leicht und frei. Er sank tiefer und tiefer, dem Unvermeidbaren entgegen. Eine Ruhe füllte ihn aus, wie er sie nie zuvor gespürt hatte. Da wusste er, dass er sterben würde.

Kapitel 1

Connys erster Fall

»Ich würde die Finger davon lassen.«

Conny Lorenz hielt in der Bewegung inne und seufzte tief. »Und warum?«

»Der Becher gehört Brix.« Hansen sah sie nicht einmal an.

»Aha.« Sie drehte den Kaffeebecher, aus dem ein winziges Stückchen Rand weggeplatzt war, in ihren Händen. »Das steht aber nicht drauf.«

»Schreiben Sie auf alles, was Ihnen gehört, Ihren Namen?«

»Zu Hause nicht. Außerhalb, wo ich damit rechnen muss, dass nicht jeder weiß, was mir gehört, schon.«

»Hier weiß jeder, dass dieser Becher Brix gehört.« Jetzt sah er sie an mit diesem Blick, dessen er sich zu gerne bediente. Jeder außer dir weiß hier, wem was gehört, schien er zu sagen. Jeder außer dir. Du bist die Neue, du gehörst nicht hierher, wirst nie hierher gehören. Sie überlegte, ob sie es darauf anlegen und sich Kaffee in Brix’ heiligen Becher gießen sollte, ließ es jedoch bleiben. Stattdessen griff sie nach einem anderen Exemplar, eines mit blau-weißen Streifen.

»Was ist mit diesem?«, fragte sie.

»Den nimmt Fedder immer.«

Conny war nicht sicher, ob das die Wahrheit war oder Hansen sie nur schikanieren wollte. Sie beschloss, sich nicht daran zu stören, und probierte es mit einer schlichten weißen Tasse, die sie ihm vor die Nase hielt. Hansen schüttelte nur den Kopf.

»Sie werden hier doch wohl Becher für Besucher haben«, brachte sie gereizt hervor. Allmählich wurde es ihr wirklich zu dumm. Sie hatte Besseres zu tun, als mit diesem Miesepeter, der schon die Tage bis zu seiner Pensionierung zählte, über Trinkgefäße zu debattieren.

»Nee, Sie müssen sich schon Ihren eigenen von zu Hause mitbringen«, brummte er. »Und schön Ihren Namen drauf schreiben«, sagte er mit unverhohlener Schadenfreude und balancierte seinen randvollen dampfenden Becher zur Tür hinaus. Conny schloss die Augen, während sie hörbar die Luft durch die Nase blies. Nicht ärgern, ermutigte sie sich selbst. Das ist eben die spröde-nordische Art der Menschen in Mecklenburg-Vorpommern, vor der Paul sie gewarnt hatte. Davon würde sie sich nicht unterkriegen lassen. Immerhin war sie auch ein Nordlicht und wusste, dass in so mancher harten Schale ein ausgesprochen weicher Kern steckte. Sollten sie ihr den Anfang ruhig schwermachen, irgendwann würden sie schon auftauen und dann bestimmt die hilfsbereitesten Kollegen sein, die man sich nur wünschen konnte. Sie entschied sich für den blau-weiß gestreiften Becher von Fedder. Kein Kaffee, kein guter Tag! Dummerweise hatte sie es an diesem Morgen nicht geschafft, sich auf dem Weg von ihrer Zwei-Zimmer-Wohnung in der Unnütze Straße zum nur drei Straßen entfernten Kommissariat bei dem winzigen Kiosk des Italieners Matteo ihren Cappuccino zu holen. Häppchen hatte den Umzug vom beschaulichen Reinbek vor den Toren Hamburgs mitten hinein in die Altstadt von Stralsund deutlich weniger gut überstanden als sie selbst. An diesem Morgen hatte er einen kleinen übelriechenden Teich auf das Laminat im Flur gesetzt, statt die ihm eigentlich vertraute Katzentoilette zu benutzen. Kostbare Minuten waren futsch gewesen, weil Conny ihren Kater nicht zu fassen bekommen hatte. Sie musste ihn im Wohnzimmer zweimal um den gläsernen Couchtisch jagen, den Schaukelstuhl zur Seite kippen, um nach ihm zu greifen, was ihr jedoch misslang. Häppchen hatte sich nach einem Abstecher durch ihr Schlafzimmer, für ihn bei schlimmster Strafe verbotenes Terrain, unter das Sofa geflüchtet. Dort hatte sie ihn, auf dem Bauch liegend, endlich packen können. Das auch nur, weil er zur rechten Seite entkommen wollte, wo in der alten Wohnung der großzügige Übergang vom Wohnzimmer zur offenen Küche, seinem Lieblingsaufenthaltsort, gewesen war. In ihrem neuen Zuhause stand das Sofa mit der rechten Seite an der Wand und wurde so zur Häppchen-Falle. Natürlich hatte er seine Krallen ausgefahren und Conny feine rote Streifen in die Hand tätowiert, die sie einige Zeit mit sich herumtragen würde. Als sie ihn jedoch am Nackenfell hatte, wechselte er seine Taktik. Statt sich weiter zu wehren, markierte er tote Katze und hing wie ein nasser Sack erstaunlich schwer in ihrem Griff. Ob er wissen konnte, dass ein Mensch vor Schreck loslässt, wenn er fürchtet, seinem vierbeinigen Mitbewohner das Genick gebrochen zu haben? Häppchen traute sie so ziemlich alles zu. Sie hatte ihn von einem Einsatz mitgebracht, bei dem es um häusliche Gewalt gegangen war. Mit ihrem Kollegen war sie in Hamburg-Eimsbüttel, einem Stadtteil, der für seine Villen, betuchten Einwohner und den einen oder anderen Prominenten bekannt war, einer Frau zu Hilfe gekommen, die von ihrem Ehemann auf übelste Weise zugerichtet worden war. Was sie fanden, war neben der verängstigten Frau, deren linkes Auge völlig zugeschwollen und deren Haut übersät war von blauen und braunen Flecken, ein Chaos, wie es selbst Polizisten nicht oft zu sehen bekamen. Zwischen Bergen alter Zeitungen, die offenbar Tische und Sitzgelegenheiten ersetzen sollten, standen und lagen Unmengen leerer Flaschen herum. Obwohl es laut Einwohnermeldeamt kein Kind im Haushalt gab, fanden sich überall auf dem Fußboden Spielzeuge, Stofftiere und auch Malbücher. Auch Süßigkeiten aller Art und eine unüberschaubare Zahl Kekspackungen, die meisten geöffnet, waren in allen Zimmern verstreut. Über allem lagen ein bestialischer Gestank und das Schreien von Tieren, von Hunden, Katzen und diversen Kanarienvögeln. Nachdem der Mann in Gewahrsam genommen und die Frau ins Krankenhaus gebracht worden war, konnten die bereits benachrichtigten Herrschaften des örtlichen Tierheimes anrücken. Sie verstauten die Kreaturen, die sich aufgrund der Enge, in der sie miteinander leben mussten, zwar untereinander ordentlich vermöbelt hatten, ansonsten aber erstaunlich gut gepflegt waren, in Boxen und Käfige.

»Den hier können wir gleich einschläfern lassen«, sagte eine Frau mit blonden Haaren, die ihr glänzend und hart von einer großen Portion Gel vom Kopf abstanden wie die Stacheln eines Igels. »Der scheint taub zu sein.« Das Katzenhaus sei ohnehin schon überfüllt. Und wer nimmt schon einen tauben Kater zu sich? Das Tier war noch jung, vielleicht neun oder zehn Monate alt. Wer will so einen schon haben? Conny wollte. Oder besser gesagt, sie konnte nicht anders und nahm ihn zu sich. Seine Verhaltensauffälligkeiten hatte er im Laufe der ersten gemeinsamen Wochen zu großen Teilen abgelegt. Connys Erziehung, sofern man bei Katzen von Erziehung sprechen konnte, trug Früchte. Sie musste ihm eben zeigen, was er nicht durfte oder falsch gemacht hatte, anstatt ihn auszuschimpfen. So war es auch an diesem Morgen gewesen. Sie hatte ihn zu der Pfütze im Flur geschleppt, die er wahrscheinlich aus Protest über den Umzug hinterlassen hatte, und ihn mit der Nase dicht darüber gehalten. Das hatte dazu geführt, dass sie das Haus rund eine Viertelstunde später verlassen hatte als üblich. Und genau diese Zeit hatte ihr eben für den Cappuccino gefehlt.

Noch kein Monat war vergangen, seit die frisch ernannte Kriminalkommissarin Conny Lorenz ihren Dienst in Stralsund angetreten hatte. Der zehnte September war ihr erster Tag gewesen, heute war der vierte Oktober. Man hatte es in der Zeit zwar geschafft, ihr Passwörter für das Computersystem anzulegen und sie für alle relevanten Funktionen freizuschalten, aber die persönlichen Gegenstände, die ihr Vorgänger auf dem Schreibtisch hinterlassen hatte, zu entfernen und sie als Kollegin herzlich oder wenigstens freundlich aufzunehmen, hatte man versäumt. Kommt schon noch, tröstete sie sich, während sie mit dem blauweiß gestreiften Fedder-Becher auf ihren Arbeitsplatz zusteuerte. Kriminalhauptkommissar Paulsen, der Leiter der Inspektion Stralsund, hatte einige Hebel in Bewegung setzen müssen, um Conny von der Freien und Hansestadt Hamburg nach Mecklenburg-Vorpommern versetzen zu lassen. Gut möglich, dass das dem einen oder anderen sauer aufstieß. Wenn sie erst in ihrem ersten richtigen Fall eng mit den Kommissaren Fedder und Brix und dem Kriminaloberkommissar Hansen zusammenarbeiten und sich beweisen konnte, würde man sie auch akzeptieren. Bis es soweit war, beschäftigte sie sich mit einem bereits fünf Jahre zurückliegenden Fall von Selbstbeschädigung mit Todesfolge. Alles deutete darauf hin, dass die Person keine Suizidabsicht gehabt, es beim Zufügen von Verletzungen aber derart übertrieben hatte, dass es sie das Leben kostete. Jetzt gab es bei den Ermittlungen eines Mordfalles in Berlin Hinweise darauf, es mit einem Serientäter zu tun zu haben. Der Verdächtige hatte Kontakt zu dem Opfer von damals und sein Berliner Mordopfer auf eine durchaus vergleichbare Weise verletzt. Soweit Conny es beurteilen konnte, gab es nur ein Indiz, das überhaupt auf eine Serie von Verbrechen hindeutete. Auch war der Kontakt zwischen dem Toten von vor fünf Jahren und dem jetzt in Verdacht geratenen Mann so oberflächlich gewesen, dass sie kein Motiv des Täters für ein Tötungsdelikt erkennen konnte. Sie hatte den Eindruck, dass die ermittelnden Kollegen damals sehr gründlich gearbeitet hatten. Selbstbeschädigung mit Todesfolge erschien ihr vollkommen plausibel. Aber man musste natürlich sichergehen. Und sie musste beschäftigt werden.

Fedder kam auf sie zu. Im Grunde war er ein sympathischer Kerl, Anfang bis Mitte fünfzig, schätzte Conny. Er war ungefähr so groß wie sie, also etwa einen Meter und siebzig, was für eine Frau in Ordnung, für einen Mann bei der Kriminalpolizei eher klein war. Seine Statur verriet, dass er schon seit Jahren mehr Sport machte als der Beruf von ihm verlangte. Wie sie von Paul wusste, hatte Fedder früher für den Marathon trainiert, war aber nie einen gelaufen. Zuerst hatte er wohl selbst Angst vor seiner Courage gehabt und die Anmeldung zu einer ersten großen Laufveranstaltung immer wieder verschoben. Als er dann endlich angemeldet war, kam ihm ein Einsatz dazwischen. Schließlich waren die Schmerzen in seinen Knien so stark geworden, dass er widerwillig zum Arzt gegangen war. Schwere Arthrose, lautete die Diagnose. Fedder musste die Laufschuhe an den Nagel hängen und war auf Anraten seines Therapeuten auf das Fahrrad umgestiegen. Dass regelmäßiges Radeln Muskeln aufbaut und die Gelenke entlastet, also empfehlenswert sei, war ein Trost für ihn. Sofort hatte er sich ein Rennrad und einen Heimtrainer gekauft. Dass er aber auch in dieser Disziplin auf Höchstleistungen verzichten sollte, muss er geflissentlich überhört haben. Seither war er schon mehrfach von Stralsund nach Hamburg und zurück gestrampelt, jedenfalls wenn man sein Kilometerpensum zusammenrechnete. Wenn die Arthrose ihn vom Training abhalten wollte, begegnete er ihr mit Schmerzmitteln. Als er jetzt auf ihren Schreibtisch zusteuerte, wirkte er noch ernster als sonst. Sein Unterkiefer zeichnete sich kantig unter der blassen Haut ab.

»Ich weiß, es ist Ihr Becher …«, sagte Conny, um ihm den Wind aus den Segeln zu nehmen.

»Was?« Er stutzte. Sie wedelte mit dem längst leeren Gefäß in der Luft und machte Anstalten, sich zu erheben, um damit in die Küche zu verschwinden.

»Ach das …« Fedder zog die Nase kraus, ohne den Rest seines Gesichts auch nur einen Millimeter zu bewegen. »Vielleicht ist das bei euch Wessis so, dass jeder auf sein Eigentum pocht. Bei uns gehört alles jedem. Wir sind da großzügig. Solange Sie den Becher hinterher abwaschen.«

Conny fing Hansens Blick auf. Er grinste süffisant. Reingelegt, sagten seine funkelnden Augen.

»Können wir diesen Wessi-Ossi-Mist bitte von vornherein lassen?«, fragte sie betont ruhig. »Ich war fünf, als die Mauer fiel! Wie viel Einfluss hat Ihrer Meinung nach ein fünfjähriges Kind auf die Politik eines Landes?« Sie sah von einem zum anderen. Treffer! Den Kerlen blieb endlich mal die Spucke weg. Jetzt musste sie nachziehen, dann ging dieser Punkt an sie. »Wenn Sie nicht aufhören, den Unterschied zwischen Ost und West zu beschwören, klappt das nie mit dem ›Es wächst zusammen, was zusammengehört‹. Oder finden Sie nicht, dass die zwei Hälften eines getrennten Landes zusammengehören?«

»Vom Kaffeebecher auf die große Politik, das muss Ihnen erst mal einer nachmachen«, gab Hansen zerknirscht von sich. Sollte das etwa ein Kompliment sein?

Und Fedder meinte: »Entschuldigung, war blöd von mir. Sie haben ja recht.« Er dachte einen Moment nach und schüttelte dann überrascht den Kopf. »Die ersten Wende-Babys sind inzwischen tatsächlich schon erwachsen. Die können sich gar nicht mehr vorstellen, wie es war mit einer Mauer in Berlin und strengen Grenzkontrollen von Ost nach West und umgekehrt.« Wieder machte er eine Pause und hing seinen Gedanken nach. »Ist auch gut so. Sie haben recht«, wiederholte er. »Wenn wir alten Unverbesserlichen nicht immer wieder davon anfangen würden«, stellte er schließlich mit einem Blick zu Hansen fest, der ihnen bereits den Rücken zugedreht hatte und in dem großen grauen Aktenschrank nach etwas suchte, »dann wäre bald Schluss mit den gegenseitigen Beleidigungen und Vorurteilen.«

»Mein Reden.« Conny lächelte ihm freundlich zu. »Den Becher wasche ich Ihnen trotzdem gerne ab.« Sie stand auf.

»Das ist nett.« Er schenkte ihr ein dünnes Lächeln. Das würde sie sich in ihren Kalender schreiben! »Ich meine, das wäre wirklich nett, aber nicht jetzt«, ergänzte er stotternd, weil ihm offenkundig gerade etwas Wichtiges eingefallen war. »Es gibt Arbeit.« Connys Herz machte einen Hüpfer. Wenn sie Glück hatte, durfte sie sich in den nächsten Tagen mit einem aktuellen Fall beschäftigen, Zeugen vernehmen, ermitteln. »Wolter hat angerufen. Am Strand unterhalb des Dornbuschwaldes wurde eine Leiche angespült.«

Hansen drehte sich um. »Unfall?«

»Anzunehmen«, sagte er sehr langsam, als sei er nicht sicher. »Trotzdem müssen wir uns das auf jeden Fall ansehen.«

»Brix ist diese Woche nicht da. Und du mit deiner Arthrose fällst ja wohl aus. Oder willst du kilometerweit durch weichen Sand oder oben auf der Steilküste herumlaufen?« Die drei standen sich vor Connys Schreibtisch gegenüber, die beiden Männer sahen sie an. Von draußen drangen Straßengeräusche zu ihnen herein, ein Drucker summte und klapperte.

»Ich könnte fahren«, schlug Conny vor. »Wo genau liegt denn der Fundort?« Sie ging zu der Landkarte, die zwischen den beiden Fenstern an der Wand hing und das Gebiet von der Insel Poel im Westen bis zur polnischen Grenze im Osten und Rheinsberg im Süden zeigte.

»Entschuldigung, Sie sind ja nicht von hier. Dann können Sie nicht wissen, wo der Dornbuschwald liegt.« Da war wieder dieser überhebliche Blick von Hansen, während Fedder nur betreten zu Boden starrte. Dieses Mal kam Conny das Getue gerade recht. Sie schnappte sich einen Bleistift und kreiste mit dessen unangespitztem Ende den besagten Wald auf der Nordhälfte von Hiddensee ein. Wenn sie etwas hier in der Gegend kannte, dann waren das die Inseln.

»Irrtum, lieber Herr Kollege, auch wenn man irgendwo fremd ist, kann man etwas über die Region wissen.« Sie lächelte ihn an.

»Ich bin nicht Ihr lieber Kollege.«

»Stimmt.« Nun war es an ihr, eine abweisend-arrogante Miene aufzusetzen. »Was mich interessiert, ist, ob die Leiche hier unterhalb des Leuchtturms oder weiter im Süden angeschwemmt wurde.« Sie tippte mit dem Bleistiftende auf die beiden Punkte.

»Das hat Wolter nicht gesagt. Er meinte nur, es gäbe einen Toten, männlich, wahrscheinlich um die vierzig.«

»Hat Wolter den ersten Angriff gefahren?«, wollte Conny wissen.

»Wer sonst?«, knurrte Hansen zurück.

»Ich gehe nicht davon aus, dass er die Polizeistation auf Hiddensee vollkommen alleine betreibt«, stellte sie gereizt fest.

»Nein, sie sind zu zweit«, erklärte Fedder. »Aber Wolter hat den ersten Angriff trotzdem alleine gefahren und die Spuren geschützt. Zeugen gab es nicht. Außer dem Spaziergänger natürlich, der die Leiche entdeckt hat.«

Seit dem Moment, als Conny die Transportbox aus dem kleinen Abstellraum auf dem Dachboden geholt hatte, war Häppchen verschwunden. Schon das Packen ihrer Tasche hatte ihn beunruhigt. Immer wieder war er ihr um die Beine gestrichen, so nah, dass sie einmal beinahe über ihn gestolpert wäre. Als die Box ins Spiel kam, hatte er sich unter das Sofa verkrümelt, in den hintersten Winkel dieses Mal, an den schlecht heranzukommen war. Schlauer Kater. Nur war Conny schlauer. Es nützte ja nichts, ihr Schiff nach Hiddensee fuhr am frühen Abend. Häppchen allein zu Haus war keine Option. Sie musste ihn also in die Transportkiste befördern und zu Paul bringen. Begeistert war der nicht, als sie den Gastaufenthalt ihres Katers ankündigte. Glücklicherweise war es ja nur für eine Nacht.

»Komm her, Süßer«, redete sie betont ruhig auf ihn ein. Conny sprach oft mit ihm, obwohl sie wusste, dass er sie nicht hörte, geschweige denn verstehen konnte. »Ich habe etwas Schönes für dich.« Sie schlug das Ei, das sie eine Weile hatte abkühlen lassen, auf die hölzerne Arbeitsplatte und begann, es zu pellen. Die Schale krachte leise. Aus dem Augenwinkel sah sie ihren Kater mit erhobenem Schwanz in die Küche kommen. Er setzte sich neben sie und ließ ihre Hand mit dem Ei nicht mehr aus den Augen. Von wegen schlau, dachte sie. Häppchen war vor allem verfressen.

»Manchmal habe ich wirklich den Verdacht, dass du doch etwas hören kannst.« Sie teilte die Köstlichkeit in kleine Stücke und gab alles in ein Schälchen. »Aber vermutlich ist das nur deine brillante Nase, die dich in die Falle gelockt hat.« Die Schale platzierte sie ganz hinten in der Transportbox. Häppchen beäugte das Ganze misstrauisch. Er maunzte herzzerreißend, setzte ein Pfötchen in die ungeliebte Kiste, machte wieder einen Schritt zurück und sah Conny an, die vermeintlich unbeteiligt daneben stand. Es dauerte nicht lange, bis er, nachdem auch ein ganz lang vorgestreckter Hals nicht zum Erfolg geführt hatte, in die Box stieg. Noch ehe er das halbe Ei verspeist hatte, war die Gittertür hinter ihm geschlossen.

Den Käfig mit dem lautstark protestierenden Kater in einer, ihre Tasche mit allem, was sie für eine Nacht brauchte, in der anderen Hand machte Conny sich auf den Weg. Wie so oft fiel ihr Blick auf das Straßenschild. Unnütze Straße. Mehr als einmal war es schon als Souvenir abmontiert worden. Kein Wunder, Conny war auch darauf hereingefallen, als sie den Namen zum ersten Mal gehört hatte.

»Dann ist die Straße doch nicht unnütz, wenn ich hier eine Wohnung finde«, hatte sie gescherzt. Die Vermieterin hatte sie müde lächelnd über die Herkunft der Bezeichnung aufgeklärt. Wahrscheinlich war Conny nicht die Erste, die diesen Witz machte. Im Mittelalter war die kleine Gasse das Revier der Huren gewesen. Darum wurde sie Nüttze Strate genannt, also vermutlich Nuttenstraße.

»Wer will schon in einem Weg mit einem solchen Namen wohnen? Also hat man ihn einfach umbenannt. Fragen Sie mich bitte nicht, warum die sich bei der Gelegenheit nicht gleich etwas Hübsches haben einfallen lassen.«

Conny hatte nicht gefragt, sondern die Wohnung genommen, obwohl sie fest damit rechnete, dass ihre Kollegen sich das Maul darüber zerreißen würden, wenn sie erst ihre Adresse kannten. Denn wenn sich der Name der Straße auch geändert hatte, ihre Nutzung im Mittelalter kannte in Stralsund jeder.

Weit war es nicht in die Heilgeiststraße, in der Paul eine großzügige Vier-Zimmer-Wohnung mit Dachterrasse bewohnte. Noch besser als die wunderschöne Terrasse war die Nachbarin Frau Schmidt, die quasi zur Wohnung gehörte. Sie leerte Pauls Briefkasten, rettete seine Blumen vor dem Vertrocknen, wenn er im Urlaub war, und konnte sich auch um den Kater kümmern. Der Weg, das Kopfsteinpflaster und die alten Backsteinbauten oder Giebelhäuser, zum Teil blitzsauber renoviert, zum Teil aber noch von der Vergangenheit gezeichnet, waren Conny vertraut. Paul und sie waren seit vier Jahren ein Paar, sie hatte ihn oft besucht. Ein Lächeln trat auf ihre Lippen, als sie an ihn dachte. Es war so schön, endlich in seiner Nähe zu sein. Vorbei war die Zeit, in der sie sich abwechselnd auf den Weg machen mussten, wenn ihre Dienstpläne ihnen mindestens zwei freie Tage hintereinander und vor allem gleichzeitig gönnten. Seit dem zehnten September konnten sie sich endlich nach Feierabend oder sogar manchmal kurz in der Mittagspause sehen. Ein Umstand, den sie von Herzen genoss.

Als Conny die Wohnung aufschloss, dröhnte ihr Wagner entgegen. Gut, dass Häppchen das nicht hören konnte. Sie stellte ihre Fracht ab und ging an der offenen Küche vorbei in das sparsam eingerichtete Wohnzimmer. Paul saß, die Beine hochgelegt, in der Ecke der L-förmigen cremefarbenen Ledercouch. Er hatte den grauen Wollpullover mit Reißverschluss am Stehkragen an, den sie so mochte, und eine dunkelgraue weite Hose, die er nur zu Hause trug. Seine Füße steckten in dicken Socken, sein Kopf ruhte auf einem überdimensionalen Kissen, das er sich in den Nacken geschoben hatte. Ganz genau so fühlte Paul sich wohl.

»Da seid ihr ja«, begrüßte er sie, griff nach der Fernbedienung, stellte die Musik leiser und wechselte von Wagner auf leichten Soul.

»Häppchen geht es nicht gut.« Conny beugte sich zu ihm herunter und küsste ihn auf den Mund, lange und zärtlich. Sie spürte ein vertrautes Kribbeln in der Magengegend. Sehr schade, dass sie nicht bleiben konnte.

»Was fehlt ihm?«, wollte Paul wissen, als sie sich von ihm gelöst hatte. »Er wird mir doch hoffentlich nicht alles vollspucken?«

»Nein, körperlich ist er in Ordnung.« Sie würde ihm den Protest-Pinkelteich beichten müssen, dachte sie. »Der Umzug nach Stralsund belastet ihn noch immer. Als ich ihn nun schon wieder in die Box stecken musste, hat er Panik gekriegt. Du musst ganz lieb zu ihm sein, okay?«

Paul nahm ihre Hand und zog sie zu sich auf das Sofa. »Kann er nicht für dich fahren, und du bleibst hier? Ich verspreche auch, ganz lieb zu dir zu sein.«

»Wie langweilig. Nein, dann fahre ich lieber und sehe mir mal die Wasserleiche an.«

»Dankeschön.« Er zog ein Gesicht. »Häppchen, komm her, Kater«, rief er. »Dann schmuse ich eben mit dir.«

»Er hört dich nicht«, antwortete Conny und lachte. »Außerdem ist er eingesperrt. Aber ich will mal nicht so sein, ich hole ihn dir.« Sie küsste Paul noch einmal. Dann stand sie auf, ging in den Flur zurück und entließ Häppchen in die Freiheit. Der inspizierte augenblicklich die neue Umgebung. Mit hoch erhobenem Schwanz stolzierte er geradewegs in die Küche. Paul kam ihm entgegen und hockte sich hin. Er hielt dem Tier die Hand hin. Häppchen schnupperte, dann neigte er den Kopf und rieb sich an Pauls Knie.

»Hallo, mein Freund! Hast du ordentlich mit Frauchen geschimpft? Gut gemacht«, lobte Paul mit einschmeichelnder Stimme.

»Wie bitte?« Conny stemmte die Fäuste in die Hüften.

»Er hat doch recht.« Paul sah zu ihr auf. »Ihr hättet beide zusammen sofort zu mir ziehen können. Aber nein, du musst dir eine eigene Wohnung nehmen.«

»Bitte nicht wieder diese Leier.« Sie seufzte.

»Und wer muss Frauchens Dickschädel ausbaden? Du, mein Freund.«

»Das arme Tier!«, sagte sie ironisch, verschränkte die Arme vor der Brust und lehnte sich gegen den Kühlschrank.

»Allerdings. Völlig durcheinander ist er.« Paul kraulte dem Kater ausgiebig den buntgefleckten Pelz. Der veranstaltete regelrechte Bocksprünge vor Wonne.

»Ich bin hier anscheinend überflüssig.« Conny stieß sich vom Kühlschrank ab und machte Anstalten zu gehen. »Drei sind offenbar einer zu viel«, sagte sie und gab sich Mühe, möglichst beleidigt zu klingen.

Paul stand auf. »Wir wollen mal nicht so sein. Immerhin haben wir noch den ganzen Abend für uns«, antwortete er mit einem liebevollen Blick auf den Kater, der ihm nicht von den Beinen wich. »Möchtest du einen Tee?«

»Gerne.«

Er füllte den Wasserkocher und löffelte schwarzen Tee in das gläserne Sieb der Kanne. Während er den kleinen Krug mit der Sahne aus dem aufgeräumten und sauber glänzenden Kühlschrank nahm und zusammen mit einer Schale Kandiszucker auf ein Tablett stellte, fragte er: »Was weißt du über die Leiche?«

»Männlich, etwa vierzig Jahre alt, unterhalb des Dornbuschwaldes angeschwemmt. Das ist alles.« Sie zuckte mit den Schultern. »Ich werde mit der Ärztin sprechen, die die Leichenschau durchgeführt hat, und mit dem Spaziergänger, der den Toten gefunden hat. Dieser Walter …«

»Wolter«, korrigierte er.

»Genau. Dieser Wolter müsste für mich die Termine gemacht haben. Ich komme morgen mit dem Schiff um Viertel nach drei zurück.«

Er goss sprudelndes Wasser in die Kanne und trug alles in das Wohnzimmer. Dort gab er in jede Tasse ein Stück Zucker und goss Tee darauf, als dieser lange genug gezogen hatte. Es knisterte leise. Zum Schluss gab er etwas Sahne dazu, die sich in weißen Kringeln durch die cognacfarbene dampfende Flüssigkeit zog. Häppchen saß unter dem Couchtisch und beobachtete die Zeremonie aufmerksam.

»Warum schicken sie dich?«

»Brix ist diese Woche zur Fortbildung, und Fedder mit seiner Arthrose scheut die Steilküste und lange Fußmärsche am Strand.«

»Hansen hätte fahren können.«

»Ich kann es ebenso gut. Sie haben mich nicht geschickt, ich habe es vorgeschlagen. Ich bin froh, wenn ich die lieben Kollegen im Büro ein paar Stunden nicht sehen muss.« Sie verdrehte die Augen.

»Läuft’s noch nicht besser?« Paul hatte ein Bein angewinkelt und stellte die Tasse auf sein Knie.

»Bisher nicht, aber das wird schon.« Conny hatte keine Lust über die schlechte Stimmung im Kommissariat zu reden. Vor allem wollte sie auf keinen Fall, dass Paul sich die Kollegen deswegen zur Brust nahm. Wenn die herausfanden, dass der Chef und die Neue ein Paar waren, würde ohnehin erst einmal wieder dicke Luft herrschen. Nein, sie musste sich ohne Pauls Unterstützung Respekt verschaffen und die Sympathie des Teams gewinnen. »Jedenfalls freue ich mich. Ich war erst ein Mal auf Hiddensee, und das ist lange her. Wer weiß, vielleicht gefällt es mir so gut, dass ich mich dorthin versetzen lasse.«

»Ich dachte, wir sind uns einig.« Er sah sie ernst an.

Conny musste lächeln. »War doch nur ein Spaß. Natürlich sind wir uns einig. Obwohl ich bezweifle, dass wir ein bezahlbares Haus auf Rügen finden, das uns beiden gefällt und das eine für uns günstige Lage hat.«

»Wir müssen eben danach suchen. Aber du hast ja nie Zeit dafür. Entweder musst du an deiner Modell-Landschaft basteln oder ins Kino gehen.«

»Oder einen Umzug von Reinbek nach Stralsund organisieren und durchziehen.« Conny sah auf die Uhr. »Ich muss los«, sagte sie und stellte ihre leere Tasse auf den Tisch. Sie fing einen strafenden Blick von Paul auf und stellte die Tasse auf den dafür vorgesehenen Untersetzer.

»Du hast noch zehn Minuten.« Er machte eine Pause. Sie fürchtete schon, er würde wieder von dem gemeinsamen Haus anfangen. Das tat er nicht. Stattdessen erklärte er: »Die Männer hassen Hiddensee. Sie hätten dich auf jeden Fall geschickt.«

»Warum?«

»Du hast dort kein Auto, und du bist auf das Schiff angewiesen.«

»Na und? Ist doch herrlich. Während der Arbeitszeit gemütlich über die Ostsee schippern … Ich kann mir Schlimmeres vorstellen.« Sie strahlte.

»Du kannst nicht in deinem eigenen Bett schlafen. Und leider auch nicht in meinem.« Seine Augen funkelten. »Und wenn die Vernehmungen länger dauern, verpasst man die Fähre und muss noch eine Nacht bleiben. Das finden die Kollegen gar nicht witzig.«

»Verstehe.« Sie sah wieder auf die Uhr. »Jetzt muss ich aber wirklich los.«

»Ich würde dich gern zum Schiff bringen, aber ich lasse dein Raubtier lieber nicht alleine.« Als hätte er es gehört, legte Häppchen die Ohren an.

Es hatte zu nieseln begonnen, und der Wind frischte deutlich auf. Conny zog sich die Kapuze auf den Kopf. Sie musste aufpassen, nicht auf dem Herbstlaub auszurutschen, das sich auf dem nassen Kopfsteinpflaster sammelte. Die Böen, die ihr vom Wasser her entgegenbliesen, waren so stark, dass sie sich vorlehnen musste, um nicht nach hinten gedrückt zu werden. Sie lächelte und summte I’m singing in the rain. Die steife Brise trug ihre leise Stimme davon. Connys Laune hätte nicht besser sein können. Sie übte den Beruf aus, den sie haben wollte, seit sie dreizehn war, sie hatte Paul in ihrer Nähe, mit dem sie eine ausgesprochen glückliche Beziehung führte, und seit kurzer Zeit lebte sie auch noch an der Ostsee. Dass ihr erster eigener Fall sie auch noch auf die kleine Insel Hiddensee führte, machte ihr Glück komplett. Nun gut, von einem Fall konnte wahrscheinlich kaum die Rede sein. Routine sei es, hatten die Kollegen gesagt. Es käme immer mal wieder vor, dass einer absäuft, ein unerfahrener oder unvorsichtiger Segler zum Beispiel. Sie solle mal nicht glauben, dass sie spektakuläre Ermittlungen vor sich habe. Ihr war es recht. Sie würde schon noch genug Gelegenheiten bekommen, sich und ihr Können zu beweisen. Conny lief den Fischmarkt entlang, warf dem Ozeaneum einen Blick zu. Wie viele Menschen hatten nur im Urlaub die Möglichkeit, das Meeresmuseum mit seinen verschiedenen Aquarien und der Pinguinanlage zu besuchen? Sie dagegen wohnte jetzt hier und konnte an einem freien Tag hingehen. Ohne Parkplatzsuche, ohne Planung. Bisher war sie noch nicht dazu gekommen. Aber sie würde es bestimmt bald nachholen.

Sie kaufte eine Fahrkarte und spazierte zum Anleger. Das rotweiße Boot, auf dem Räucherfisch und Seelachsfilet verkauft wurden, tanzte auf der kabbeligen See. Die Altefähr wartete auf Gäste für die große Hafentour. Vergeblich. Viel Betrieb war nicht bei diesem Wetter. Nur einige wenige Passagiere, mit Rucksäcken oder Rollkoffern ausgerüstet, warteten wie Conny auf die Fähre. Und ein junger Mann, die Kapuze des schwarzen Sweatshirts halb über die kurzen schwarzen Haare gezogen, war da. Über dem Shirt trug er eine Jacke im Militär-Tarn-Look, in seiner Unterlippe steckten zwei silberne Ringe, wie Conny sehen konnte, als er sich kurz umdrehte, die Lage peilte und dann seine Angel auswarf. Der kleine Haken mit einem Blinker daran flog unweit der Köpfe der Umstehenden durch die Luft, ein leises Sirren der sich ausrollenden Angelschnur konnte sich kaum gegen das Rauschen des Windes durchsetzen.

Das Schiff legte pünktlich an und schüttete eine erstaunlich große Menge Fahrgäste aus, die es von der Insel zurück auf das Festland gebracht hatte. Dann nahm es Conny und wenige Urlauber an Bord. Conny machte es sich auf einem gepolsterten Sessel direkt am riesigen Fenster bequem. Sie beobachtete, dass die Passagiere, kaum dass die Fähre abgelegt hatte, zu dem kleinen Verkaufstresen strömten. Eine Frau holte zwei Milchkaffee, eine andere kaufte Postkarten und Kugelschreiber mit Hiddensee-Motiv. Ein Mann bestellte ein Bier und einen Korn.

»An des Schaukeln ham Se sich bestimmt schon gwöhnt, gell?«, fragte er die Mitarbeiterin hinter dem Tresen und hampelte mehr als nötig herum, um zu demonstrieren, wie sehr der Kahn wackelte.

»Ja«, gab sie unbeeindruckt zurück. »Und an die Sprüche der Touristen auch!«

Er stutzte kurz, dann lachte er viel zu laut auf. »Ah so, ja, des hörn Se sischer häufischer, gell?« Sie stellte ihm Bier und Korn hin und nannte ihm den Preis. Conny sah zu, wie er zahlte und seine beiden Gläser auf einem Tablett zu seinem Platz balancierte. Hoffentlich würde er den Alkohol vertragen und sich nicht womöglich übergeben. Konnte er mit dem Trinken nicht warten, bis er in seinem Hotel angekommen war, überlegte sie gereizt. Der Blick zur Rügenbrücke, an der sie vorbeifuhren, und auf die Silhouette von Stralsund besänftigte sie sofort wieder. Sie seufzte zufrieden und nahm den Anblick und den Geruch der Ostsee tief in sich auf, der durch die Tür, die hin und wieder jemand öffnete, ins Innere drang, während die Fähre über die Wellen in die Dunkelheit hüpfte. Salzwasser klatschte an die Scheibe und lief als dünnes Rinnsal zurück in die Ostsee.

Nach einem kurzen Halt in Neuendorf setzte der kleine Dampfer seine Fahrt rasch fort. Um acht Uhr erreichten sie den Hafen von Vitte. Wie besprochen, erwartete Wolter sie bereits. Es war nicht schwer für ihn, sie zu erkennen. Sie war die einzige allein reisende Frau.

»Guten Abend, herzlich Willkommen auf Hiddensee, Frau Kollegin«, begrüßte er sie höflich und reichte ihr die Hand. »Wolter – Michael Wolter.«

»Conny Lorenz. Freut mich.«

»Ich bringe Sie in Ihre Pension. Wie es aussieht, haben Sie nicht viel Gepäck bei sich.« Er sah ein wenig irritiert aus, wenn sie sich nicht täuschte. Aber in dieser Finsternis war das kaum zu erkennen. Von einer ordentlichen Hafenbeleuchtung hielten die Hiddenseer wohl nicht viel. »Dann brauchen wir den Bollerwagen gar nicht, oder?«

»Nein.« Sie lächelte ihn an. »Ich ziehe es vor, mit leichtem Gepäck zu reisen. Es ist ja auch nur für eine Nacht.«

»Wieso sind Sie da so sicher?«, wollte er wissen und runzelte die Stirn. Sie musste sich beeilen, mit ihm Schritt zu halten. Wolter war groß und hatte lange Beine. Außerdem kannte er sich aus und wusste genau, wohin er seine Füße setzen konnte. Im Gegensatz zu Conny, die prompt in eine tiefe Pfütze trat. Regen und Wind hatten noch zugelegt, und sie hoffte sehr, dass sie in ihrer Unterkunft etwas zu essen bekäme. Zwar war sie nicht empfindlich, was das Wetter anging, aber sie merkte, wie das Wasser durch ihren Lederschuh drang und ihren Strumpf tränkte. Wenn sie morgen nicht mit nassen Füßen in den Tag starten wollte, sollte sie heute nicht mehr lange draußen herumlaufen.

»Frau Lorenz?«

»Bitte?«

»Sie gehen davon aus, dass Sie nur eine Nacht bleiben. Wie darf ich das verstehen?«

»Ich dachte, der Fall ist reine Routine. Tod durch Ertrinken. Kommt nicht selten vor, oder bin ich da falsch informiert?«

»Nein, das kommt leider nicht selten vor. Allerdings wird meistens ein natürlicher Tod bescheinigt. Frau Dr. Schäfer hat aber Anhaltspunkte, dass in diesem Fall kein natürlicher Tod vorliegt. Sonst hätten Sie schließlich nicht kommen brauchen. Hat Kollege Fedder Ihnen das nicht gesagt?« Conny schüttelte den Kopf. »Was ist das denn für eine Kommunikation bei euch auf dem Festland?«

»Wir hatten kaum Zeit miteinander zu reden«, murmelte sie und ärgerte sich gewaltig. In seinem Ton hatte Missbilligung gelegen und Überheblichkeit. Klar, wenn es einen Toten gab, war die Kriminalpolizei gefragt. Es kam also immer ein Kollege vom Festland. Wahrscheinlich fühlte Wolter sich dadurch bevormundet. Es musste ein Vergnügen für ihn sein, dass das Miteinander in seiner Dienststelle offenbar besser funktionierte.

»Wann kann ich die Leiche sehen?«, fragte sie und bemühte sich um einen professionellen strengen Ton.

»Davon haben Sie am Telefon nichts gesagt. Sie wollten nur, dass ich Ihnen Termine mit Frau Dr. Schäfer und dem Spaziergänger mache. Das habe ich getan.« Er nannte ihr die Zeiten. Den Urlauber, der den Toten entdeckt hatte, würde sie erst um vierzehn Uhr treffen. Dann konnte es schon eng mit der Fünfzehnfünfzehn-Fähre werden. Ob das Absicht war, um sie zu drangsalieren? Sie ließ sich nichts anmerken.

»Ich bin davon ausgegangen, dass die Inaugenscheinnahme der Leiche Routine ist und ich Sie nicht extra darauf hinweisen muss.«

»Bei Ihnen ist wohl alles Routine«, sagte er leise und blieb stehen. »Der Tote ist ins Krankenhaus nach Bergen gebracht worden. Hier auf Hiddensee gibt es kein Krankenhaus, und wir hätten ihn schlecht über Nacht in der Polizeistation aufbewahren können. Das habe ich Fedder aber auch gesagt.« In seinen Augen lag ein spöttisches Funkeln. Conny spürte, wie Feuchtigkeit und Kälte ihr in die Knochen drangen. Sie fröstelte. »Entweder Sie fahren morgen mit der Fähre um Viertel vor acht rüber nach Rügen und kommen mit der um zwanzig nach zehn zurück, dann schaffen Sie Ihre beiden Verabredungen. Oder Sie verschieben das bis nach den Verhören.« Conny machte Anstalten weiterzugehen. Wenn sie noch länger auf einem Fleck stehen musste, wäre sie bald komplett durchgefroren. Womöglich bekäme sie am Ende noch eine Erkältung. Wolter bewegte sich keinen Millimeter.

»Wir sind da«, sagte er.

»Hübsch«, gab sie automatisch zurück, ohne sich das kleine Gebäude näher anzusehen.

»Sie hätten auch erst nach Bergen fahren können«, meinte Wolter und zuckte die Achseln. »Oder wir hätten den Toten nach Stralsund gebracht. Das hatte ich Fedder gesagt.«

Conny hatte keine Lust, über die wirklich saumäßige Kommunikation zu sprechen. »Kriegen Sie es hin, morgen um neun Uhr einen Termin für mich mit der Leiche zu vereinbaren, oder soll ich mich selbst darum kümmern?«

»Nee, nee, das mach ich schon. Mal sehen, ob der Herr dann Zeit hat.« Er grinste sie schief an. »Wir sehen uns dann um zwölf in der Polizeistation. Ich habe die Auffinderin dorthin bestellt. Das ist Ihnen doch recht?«

»Ja, absolut. Danke. Gute Nacht.«

»Fedder hat mit Wolter telefoniert. Er wusste, dass die Ärztin bei der Leichenschau Anzeichen für einen nicht natürlichen Tod gefunden hat, aber er hat es mir nicht gesagt«, schimpfte sie und drückte sich mit ihrem Mobiltelefon in eine Zimmerecke am Fenster, wo sie den besten Empfang hatte. »Fedder hat von einem Unfall gesprochen. Er hat mich absichtlich ins Messer laufen lassen«, fauchte sie. »Er wusste auch, dass die Leiche nach Rügen gebracht wurde. Ich muss morgen mit der Fähre hin und her fahren. Das hätte man wirklich schlauer organisieren können. Die hätten uns den Toten nach Stralsund gebracht. Direkt vor die Haustür quasi. Das hätte den Zeitplan morgen deutlich entzerrt.« Sie atmete vernehmlich aus. »Wie stehe ich denn da?«, schimpfte sie im nächsten Augenblick weiter. »Als hätte ich keine Ahnung. Habe ich ja auch nicht. Was ist denn das für eine Kommunikation bei euch auf dem Festland?«, ahmte sie Wolter nach.

»Ich werde mit Fedder sprechen«, gab Paul ruhig zurück.

»Nein, das wirst du nicht. Ich regle das selbst, wenn ich zurück bin.«

»Es ist nicht deine Angelegenheit, Conny, jedenfalls nicht nur. Wenn meine Leute sich gegenseitig Informationen vorenthalten, dann betrifft das die Arbeit der gesamten Mannschaft. Das kann ich nicht durchgehen lassen.«

»Aber wenn du ihn dir vorknöpfst, weiß jeder gleich, dass ich gepetzt habe.«

»Hast du ja auch.« Sie konnte ihn lächeln hören.

»Bitte, Paul, sieh dieses eine Mal noch darüber hinweg, in Ordnung?«

»Ich habe dich gewarnt«, sagte er, statt ihr zu antworten. »Die Kollegen sind Sturköppe. Erwarte nicht von mir, dass ich Dinge ignoriere, die du mir über sie erzählst. Das kann ich nicht. Sag mir nichts, oder lass mich die Angelegenheiten auf meine Art klären.«

Eine Weile schwiegen sie. Conny hörte nur noch die Musik, die Pauls Wohnzimmer erfüllte, und ein tiefes raues Brummen. Sie konnte sich genau vorstellen, wie Paul auf seinem Sofa lag, Häppchen auf seinem Bauch.

»Okay, nächstes Mal halte ich meinen Mund. Dafür hältst du dieses Mal deinen. Einverstanden?«

»Einverstanden«, sagte er nach einem kurzen Augenblick. »Soll ich dir für morgen ein Boot von der Wasserschutzpolizei bestellen? Dann bist du wenigstens nicht auf die Fähre angewiesen.«

»Nein, geht schon.«

»Sonst alles in Ordnung bei dir? Haben sie dir ein nettes Zimmer besorgt?«

»Wenn du knarrende Böden, fleckige Auslegeware und eine Plastik-Falttür zwischen Schlafzimmer und Bad nett findest.« Sie sah sich um. Selten hatte sie ein geschmackloseres Zimmer bewohnt. »Immerhin, das Bett scheint sauber zu sein. Und ich bekomme sogar noch etwas zu essen. Aber nur, wenn ich mich gleich auf den Weg mache, die Küche macht nämlich um neun zu«, erklärte sie ihm.

»Hört sich toll an. Dann beeile dich, sonst verhungerst du noch. Rufst du nachher noch mal an?«

»Willst du wissen, ob ich das Essen überlebt habe?«

Er lachte. »Genau.« Sie wusste, dass er noch etwas sagen würde. »Ich liebe dich«, kam es leise durchs Telefon. Sie spürte, wie sich wohlige Wärme in ihr ausbreitete.

»Kraul Häppchen die tauben Ohren von mir. Bis nachher«, sagte sie.

In der Gaststube saßen vier Männer an einem Tisch, von denen mindestens einer zu viel getrunken hatte. Er war laut und hatte Schwierigkeiten, Worte über die Lippen zu bringen. Conny überlegte, ob sie wieder gehen sollte, doch sie war hungrig und hatte keine Lust, die Hausschuhe gegen ihre nassen Lederschuhe zu tauschen, die bereits zum Trocknen unter der Heizung standen. Also entschied sie sich für den von den Männern am weitesten entfernten Tisch. Eine Kellnerin mit verschiedenfarbigen Strähnchen im vermutlich nicht naturblonden Haar legte ihr die Karte hin und murmelte etwas, das Guten Abend bedeutet haben konnte. Der Plastikumschlag der Speisekarte fühlte sich klebrig an, die Auswahl war übersichtlich. Zwei Nudelgerichte, zwei Schnitzel mit unterschiedlichen Soßen, Bauernfrühstück, die obligatorische Currywurst, Sauerfleisch, ein Salat und Kartoffelecken mit Quark, das war alles. Die Getränkekarte war deutlich umfangreicher: Sanddorn-Weizen, Sanddorn-Likör, drei verschiedene Brände, die alle mit Sanddorn zu tun hatten. Kein übles Alibi, dachte sie. Hier konnte man nach Herzenslust Hochprozentiges bestellen und behaupten, man täte etwas für die Gesundheit. Außerdem gab es natürlich eine große Palette unterschiedlichster Biere sowie ein überraschend weitreichendes Weinangebot.

Der Mann, der eben noch hinter dem Tresen Gläser poliert hatte, trat an ihren Tisch. »Darf es schon etwas zu trinken sein?«

»Ist es möglich, etwas mit Sanddorn aber ohne Alkohol zu bekommen?«

»Ja, möglich ist das schon, es macht aber nicht so viel Spaß.«

»Macht es Ihnen etwa Spaß, wenn Ihre Gäste alle lallen, so wie der da hinten?«, fragte sie bissig.

»Meine Gäste können bei mir abschalten und ihre Sorgen und den Ärger für ein paar Stunden vergessen. Wenn Ihnen das nicht passt, dann suchen Sie sich ein anderes Lokal. Dies ist ein freies Land.«

Conny sah ihm in die Augen. »Ich nehme eine Apfelsaftschorle und die Kartoffelecken, bitte.«

Er hielt ihrem Blick stand. »Quark ist alle. Sie können die Kartoffelecken mit Majo kriegen oder ohne alles.«

»Wie sieht es mit einem Bauernfrühstück aus?«

»Können Sie haben.«

»Danke schön!« Sie schenkte ihm ein umwerfendes Lächeln und reichte ihm die Karte, ohne den Blickkontakt abreißen zu lassen.

»Seit fünfzehn Jahren ist Baustopp«, sagte gerade einer der vier Männer.

»Genau, Baust … Bausto … Stopp«, lallte der Betrunkene.

»Aber trotzdem entstehen dauernd neue Häuser. Kann mir mal einer erklären, wie das geht?« Der andere sah herausfordernd in die Runde. Er hatte Sommersprossen, rötliches Haar, und seine Augen sahen in unterschiedliche Richtungen, weshalb es wirkte, als könne er seine drei Tischgenossen gleichzeitig anschauen. »Die Grundstückspreise explodieren. Nur die Fremden können sich das leisten. Die setzen uns Paläste vor die Nase, aber wenn unsereiner nur eine Garage anbauen will, kriegt er keine Genehmigung.« Er hatte bewusst laut gesprochen und warf Conny einen feindseligen Blick zu. Natürlich, die Gäste dieses Lokals wussten, wer fremd war und wer auf die Insel gehörte.

»An den Straßen wird auch nichts gemacht«, ergänzte einer der beiden anderen, von denen Conny nur den Rücken sehen konnte. »Diese Schlammpiste in Kloster ist doch eine Zumutung«, schimpfte er weiter. »Aber dafür ist kein Geld da.«

Von den Problemen, die es in ihren Augen auf Hiddensee gab, kamen sie auf die große Politik zu sprechen. Früher war alles besser, und ihnen ging es am schlechtesten von allen, wobei sie selbst keine Schuld traf. Die altvertraute Leier. Wie Conny sie hasste. Ihr Vater hatte genauso geredet. Für ihn hatte es immer einen Schuldigen gegeben, wenn er mal wieder seine Arbeit verloren hatte. Auch dass er trank, hatte stets jemand anders zu verantworten gehabt. Ob er sich schon tot gesoffen hatte? Sie schob den Gedanken beiseite. Das war nicht mehr ihr Problem. Das Bauernfrühstück war so fettig, wie es aussah. Sie schlang die Hälfte davon herunter, ließ den Rest stehen und zog sich eilig zurück.