Aufbau

Leseexemplar
4

Frühjahr 2013

Aufbau Digital

Impressum

ISBN 978-3-8412-0603-9

Aufbau Digital,

veröffentlicht im Aufbau Verlag, Berlin, Dezember 2012

© Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin

Die Originalausgabe erschien 2012 bei Aufbau, einer Marke der Aufbau Verlag GmbH & Co. KG

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LESEEXEMPLAR
4

Liebe Leserinnen und Leser,

gern überreichen wir Ihnen dieses Leseexemplar
und wünschen Ihnen anregende Lektüreeindrücke.
Viel Vergnügen mit den Leseproben unserer Höhepunkte im Frühjahrsprogramm 2013!
Mit freundlichen Grüßen

Ihr Aufbau Verlag

Inhaltsübersicht

Editorial

Harald Martenstein
ROMANTISCHE NÄCHTE IM ZOO

Jennifer duBois
DAS LEBEN IST GROSS

Ronaldo Wrobel
HANNAHS BRIEFE

Yoram Kaniuk
1948

Fawwaz Haddad
GOTTES BLUTIGER HIMMEL

Simone Adams
DIE HALBRUHIGEN

Liebe Leserinnen und Leser,

erneut darf ich Ihnen den Mund wässrig machen mit Prosa-Portionen, die Appetit auf mehr erzeugen wollen – zum ersten Mal ist dieser (Bücher-)Tisch international gedeckt: Da es auch in unserer neuen Blumenbar.jpg deutsche Entdeckungen gibt, zeigen wir hier stolz, was Aufbau aus deutschen Landen, aus Syrien, Israel, Brasilien und den USA an literarischen Leckerbissen für Sie vorbereitet hat:

Greifen Sie zu – gerade das, was sich nicht als ausgesprochen leichte Kost präsentiert, vermag umso größeren Genuss zu bereiten, weil man ihm noch lange nachschmeckt. Wenn Sie jetzt auf den Geschmack gekommen sind, würden wir uns freuen, Ihren literarischen Hunger mit den ganzen Portionen, mit den fertigen Büchern unserer Sterne-Autoren stillen zu können.

Mit herzlichen Grüßen

René Strien
Verleger

Abbildung

Foto © Heike Ollertz/Agentur Focus

HARALD MARTENSTEIN, geboren 1953 in Mainz, lebt in Berlin und der Uckermark. Er wurde mit dem Henri-Nannen-Preis und dem Egon-Erwin-Kisch-Preis ausgezeichnet. Er lehrt als Dozent an mehreren Journalistenschulen und ist Autor zahlreiche Bücher. Sein Roman »Heimweg« wurde im September 2007 mit der Corine ausgezeichnet, 2010 erhielt er den Curt-Goetz-Ring. Zuletzt erschienen sein Roman »Gefühlte Nähe« (2010), der von der Kritik höchstes Lob erhielt, sowie sein Kolumnenband »Ansichten eines Hausschweins« (2011).

Begründung der Jury zur Verleihung des Theodor-Wolff-Preises 2012 für den »Zeit«-Beitrag »Der Sog der Masse«, der neben 33 weiteren zum Teil preisgekrönten Geschichten und Betrachtungen in Harald Martensteins neuem Buch »Romantische Nächte im Zoo« enthalten ist:

»Harald Martenstein hält in seinem unkonventionell gestalteten Essay nicht nur ein überzeugendes Plädoyer für das eigene Urteil, für individuelle Zweifel im Augenblick kollektiver Einmütigkeit, für ein unermüdliches Gegen-den-Strom-Schwimmen, immer flussaufwärts gegen den Mainstream vorgefertigter Meinungen. Er entmantelt und entzaubert auch die naiven zeittypischen Vorstellungen von der angeblichen Überlegenheit der »Schwarmintelligenz«. Sein Text zeigt die Verführungskraft dieses Begriffes auf und appelliert an die Kardinaltugend des Journalisten wie des aufgeklärten Staatsbürgers: Skepsis! Wer Martenstein liest, lernt von neuem, der Masse zu misstrauen. Deshalb ist sein Essay viel mehr als nur ein journalistisches Meisterstück; es ist ein veritabler Beitrag zum politischen Diskurs in diesem Land.«

Auszug aus:

Harald Martenstein
ROMANTISCHE
NÄCHTE IM ZOO

Betrachtungen und Geschichten aus einem komischen Land

Etwa 272 Seiten

Auch als E-Book erhältlich

»Harald Martenstein ist Kult.« (Berliner Zeitung) In seinen erstmals versammelten Reportagen und Betrachtungen ist er ein aufmerksamer, geistreicher und manchmal auch wütender Chronist unseres komischen Landes.

Einer landesweiten Lesergemeinde gilt Martenstein als der witzigste Kolumnist. Seine 34 preisgekrönten Texte aus 20 Jahren zeigen einen achtsamen Frager oder gar Moralisten, der die Ideale und Spleens seiner Mitmenschen verstehen will, weil sie vielleicht einmal die eigenen waren. So sucht er im Kibbuz nach den Überbleibseln des Sozialismus, am Nürburgring nach der Bremse und im Suhrkamp-Verlag nach dem Geist der Literatur. Ihn interessiert, warum das Glück in Osnabrück wohnt, weshalb die Türen in Dessau so niedrig sind und wieso der »Kleine Prinz« bei Diktatoren beliebt ist. Anschaulich und klug schreibt Harald Martenstein die Biographie eines Landes, das sich so radikal und komisch gewandelt hat wie seine eigene Generation: von Heinz Erhardt zu Attac, von der Kneippkur zur Schwarmintelligenz.

Der Sog der Masse

Er beherrscht Medien, treibt Minister aus dem Amt und wechselt alle paar Jahre die Richtung: Der Mainstream hat gewaltige Kraft.

Aber hat er deshalb recht?

Vor ein paar Monaten wollte ich unbedingt eine Kolumne über Guido Westerwelle schreiben. Besser gesagt, eine Hymne auf Guido Westerwelle. Ich wollte erklären, warum er ein sehr guter Politiker ist, zumindest einer der besseren in Deutschland.

Ich dachte nicht wirklich so. Trotzdem habe ich mir gesagt: Das muss jetzt geschrieben werden. Manchmal schreibe ich Sachen, die ich nicht wirklich denke. Mehr so aus dem Bauch heraus. Wenn alle das Gleiche sagen, bekommt man Lust dagegenzuhalten. Dann sagt man sich: Alle sind sich einig, hey, da stimmt doch was nicht.

Damals haben alle auf Westerwelle herumgehackt. Jeder drittklassige Kabarettist hat Westerwelle-Witze im Programm gehabt, und das kam mir so billig, so vorhersehbar, so ungerecht vor, auch gemein, das hat mich an die Schulzeit erinnert, an diese miesen Momente, in denen alle gemeinsam auf einen Außenseiter losgehen.

Die Westerwelle-Kolumne ist nie geschrieben worden. Ich hab’s nicht geschafft.

Stattdessen schreibe ich jetzt ein Lob der Reaktanz. Denn mir ist klar geworden, dass ich reaktanzgesteuert bin, zumindest teilweise. Anderen geht es genauso, das habe ich recherchiert. Reaktanz ist eine gute Sache.

Den Begriff »Reaktanz« hat 1966 ein gewisser Jack W. Brehm erfunden, ein Sozialpsychologe. Reaktanz bedeutet, vereinfacht gesagt, dass wir Menschen auf eine Überdosis von psychischem Druck oder auch auf Verbote sehr häufig in folgender Weise reagieren: Wir tun genau das Gegenteil von dem, was von uns erwartet wird. Reaktanz ist ein typisches Abwehrverhalten gegen jede Art von Einschränkung, Druck und Verboten.

Das berühmteste Experiment dazu geht so: Versuchspersonen sollen die Qualität von Schallplatten bewerten. Zur Belohnung darf sich jeder eine der getesteten Platten aussuchen. Nach dem Probehören und den Bewertungsinterviews betritt der Versuchsleiter den Raum und teilt bedauernd mit, dass eine der Platten nicht mehr vorrätig sei. Sofort steigt die Attraktivität der vergriffenen Platte bei allen Versuchsteilnehmern. Sie wird, in einer zweiten Befragung, plötzlich viel besser bewertet. Weil sie nicht mehr zu haben ist.

Oft beweist einem die Wissenschaft ja das, was man sowieso schon zu wissen glaubte: Das Verbotene wird attraktiver, weil es verboten ist. Deswegen musste in den USA das Alkoholverbot, die Prohibition, kläglich scheitern. Nie haben die Leute mehr getrunken. Deswegen will der Fuchs die Trauben haben, die zu hoch für ihn hängen. Deswegen haben sich Romeo und Julia ineinander verliebt, es war strengstens verboten. Ich kenne Leute, darunter mich selbst, die unter anderem deswegen immer noch rauchen, die Verteufelung der Raucher ist einfach too much. Deswegen tun geschickte Verkäufer so, als wäre ihre Ware knapp.

In der Politik funktioniert es ebenfalls, auch dazu gibt es Experimente. Wenn man ankündigt, dass es ab morgen verboten sein wird, auf die Straße zu spucken, dann werden sehr viele von uns plötzlich ein starkes Spuckbedürfnis spüren. Selbst die notorischen Nichtspucker.

Das Gleiche passiert mir, wenn ich ununterbrochen mit der gleichen Meinung beschallt werde. Wenn alle auf einer bestimmten Person oder Personengruppe herumhacken, werde ich reaktant, tut mir leid.

Die Reaktanz ist ein naher Verwandter des Trotzes. Reaktanz ist gut, weil sie eine Einheitsgesellschaft mit Einheitsmeinungen verhindert. Reaktanz ist – ausnahmsweise werde ich pathetisch – der Beweis dafür, dass wir zur Freiheit geboren sind.

Na ja. »Zur Freiheit geboren«, ganz so toll sind wir auch wieder nicht. Wir sind schon irgendwie Herdentiere. Neben der edlen Veranlagung zur Reaktanz, die jeder in sich trägt, gibt es ja auch den Hang zum Konformismus. Unsere Vorfahren haben in Horden gelebt. Ich will dazugehören. Jeder will das.

Das Gegenteil von Reaktanz heißt Mainstream. Das Gute am Mainstream ist, dass man nicht groß nachdenken muss. Man wirft sich einfach hinein in den Strom und lässt sich gemütlich treiben.

Das Volk

Der Sozialpsychologe Solomon Asch hat in den 50er Jahren ein Experiment gemacht. Es ist ein Klassiker, ähnlich wie das Reaktanz-Experiment von Brehm. Versuchspersonen sollen vier verschieden lange Linien miteinander vergleichen. Zwei der Linien sind genau gleich lang. Die dritte und vierte Linie aber haben eine andere Länge – extrem anders. Man sieht es sofort.

Die Frage an die Versuchsperson lautet: »Welche beiden Linien sind gleich lang?« Diese Frage soll in Anwesenheit anderer beantwortet werden, in einer größeren Gruppe. Die Versuchsperson ahnt nicht, dass alle anderen Mitglieder der Gruppe mit dem Testleiter zusammenarbeiten.

Die eingeweihten Gruppenmitglieder geben alle eine falsche Antwort. Alle. Diese Antwort, wie gesagt, ist so grotesk falsch, dass selbst ein fünfjähriges Kind es merken müsste. Drei Viertel der Versuchspersonen schließen sich, im Durchschnitt, trotzdem der falschen Antwort an. Nur ein Viertel hat den Mut, den eigenen Augen mehr zu trauen als der Gruppe. Die anderen denken vielleicht, dass mit ihren Augen etwas nicht stimmt. Oder sie wollen nicht unangenehm auffallen.

Das Experiment ist oft wiederholt worden. Es kommt immer das Gleiche heraus. Man kann die meisten Leute dazu bringen, öffentlich zu erklären, dass eins plus eins drei ergibt. Kein Problem. Es müssen ihnen nur genügend andere Leute dabei Gesellschaft leisten.

Vor einiger Zeit wurde es mit Vierjährigen ausprobiert. Die Kinder bekamen Bilderbücher und sollten sagen, was sie auf den Bildern sehen. Die Kinder dachten, dass sie alle das gleiche Buch in der Hand halten, sie konnten aber in die Bücher der anderen nicht hineinschauen. Eines der Kinder, nur eines, hatte ein anderes Buch bekommen. Auf einer Seite des Buches war ein Bild seiner Mama oder seines Papas zu sehen. Bei den anderen Kindern zeigte diese Seite ein Tier, welches, weiß ich nicht – vielleicht einen Goldhamster. In 18 von 24 Versuchen passten sich die Kinder, die es besser hätten wissen müssen, der Mehrheit an. Sie sahen ein Bild ihrer Mutter und sagten wie alle anderen: »Ich sehe einen Goldhamster.«

Wenn ich so etwas höre, bekomme ich Angst.

In den 50er Jahren, in denen ich geboren wurde, dachte in meiner westdeutschen Heimatstadt fast jeder, dass Deutschland die im Krieg verlorenen Ostgebiete auf keinen Fall aufgeben darf, dass Frauen nur in Ausnahmefällen arbeiten gehen sollen, dass Homosexualität eine Perversion ist, über die man am besten nicht spricht, dass es tausend wichtigere Dinge gibt als Umweltschutz. Heute denkt fast jeder in diesen Fragen ungefähr das Gegenteil. Auch ich denke das Gegenteil. Ich denke ziemlich genau das Gegenteil von dem, was meine Großeltern gedacht haben, die allerdings, in ihrer Zeit, völlig normal waren, mit anderen Worten: Mainstream.

In jeder Epoche haben die Menschen an andere Wahrheiten geglaubt, und zwar an die gleichen wie ihre Nachbarn. Die Furcht vor Hexen oder die Verehrung für den Kaiser, die in den Köpfen meiner Urgroßeltern wohnten, sind meinen Großeltern genauso falsch vorgekommen, wie mir heute der Gedanke falsch vorkommt, dass man die Ostgebiete nicht aufgeben darf. Und weil die Geschichte immer weitergeht, werden meine heutigen Meinungen den Nachgeborenen wohl auch seltsam vorkommen.

Ich weiß, dass ich in den Augen der Zukünftigen eine lächerliche Figur bin. Diese Erkenntnis macht mich demütig. Leute, die eine Meinung mit großer Selbstgewissheit vertreten, ohne die Spur eines Zweifels, so, als ob es kein Morgen gäbe, kommen mir dumm vor. Die einzige Haltung, die garantiert jeder Revision standhält, ist vermutlich der Zweifel.

Die Außenseiter, die Verweigerer des Mainstreams, haben nämlich oft recht behalten. Galileo Galilei wurde eingesperrt, weil er die Ansicht vertrat, dass die Erde sich um die Sonne dreht. Die ersten Kämpferinnen für das Frauenwahlrecht waren in den Augen der Mehrheit Spinnerinnen. 1980 waren die Grünen eine Randgruppe.

Das heißt, der Mainstream des Jahres 2100 wird heute vielleicht von drei oder vier Exoten am Rande der Gesellschaft vertreten.

Prophezeiungen sind schwierig, weil die Geschichte nicht immer in die gleiche Richtung marschiert. Viele denken, dass wir, wie seit 100 Jahren, auch in der Zukunft immer freier oder immer bindungsloser werden, dazu immer mehr wissenschaftliche Erkenntnisse anhäufen. Die Geschichte kenne nur eine Richtung, diese Richtung heiße Fortschritt. Das ist eine Mainstream-Idee von heute. Sie muss nicht stimmen. Das Wissen der Antike war im Mittelalter zu großen Teilen verschwunden. Die lockeren Moralvorstellungen mancher Naturvölker liegen näher bei unseren heutigen Ideen als beim Mainstream des 19. Jahrhunderts. Aus der Geschichte der Meinungen lässt sich keine vorhersagbare Richtung und kein Bewegungsgesetz ableiten.

In 50 Jahren schütteln die Menschen vielleicht den Kopf über unsere Angst vor der Klimakatastrophe. Vielleicht bleibt sie ja aus, so, wie auch das große Baumsterben ausgeblieben ist. Ich behaupte nicht, dass es so kommt. Aber eines weiß ich nun wirklich genau: Sehr viele Gewissheiten jeder Epoche der Geschichte haben sich im Nachhinein als falsch herausgestellt.

Aber was wird zum Mainstream? Wer bestimmt das? Die Medien? Einer schreibt vom anderen ab, ist es so einfach? Erschafft sich der Mainstream, ab einem gewissen Punkt, sozusagen selbst?

Weil ich seit längerer Zeit in den Medien arbeite, glaube ich, sie einigermaßen zu durchschauen. Es gibt keine geheimen Verschwörungen, so wenig, wie es gezielte Kampagnen gegen einzelne Politiker gibt. Es stimmt, dass es einem manchmal so vorkommt – fast alle schreiben das Gleiche. Alle sind gegen Westerwelle und gegen Kernkraft, alle waren für Klinsmann. Das hängt damit zusammen, dass die meisten Menschen ungern allein dastehen. Sie möchten Erfolg haben und geliebt werden. Das gilt auch für Journalisten. Im Mainstream ist man sicher. Die meisten Medien spiegeln folglich den Mainstream wider und verstärken ihn dadurch noch, aber sie erschaffen ihn nicht.

Die Masse

Auf der Suche nach einer Antwort – was wird zum Mainstream? – landet man bei Gustave Le Bon, der 1895 den Klassiker »Psychologie der Massen« geschrieben hat. Le Bon war Arzt und Anthropologe, das Massenverhalten konnte er im Krieg von 1870/71 studieren, im belagerten Paris und während der Tage der Pariser Kommune. Le Bon behauptet, dass Menschenmassen sich in ein neues Wesen verwandeln, ein Gemeinschaftsgeschöpf, das anders handelt und anders funktioniert als der Einzelne. Die Masse sei schlichter, begeisterungsfähiger, brutaler, irrationaler, leichtgläubiger, sprunghafter, als Individuen es sind. Intelligenz sei als Massenphänomen unmöglich.

Die Masse ist dumm – diese Weisheit klingt ziemlich undifferenziert, nach einer Stammtischweisheit, aber sie beschreibt tatsächlich recht genau die Grundlage der Massenpsychologie. Falls Le Bon recht hat, ist ein Soziologenkongress in seinem gemeinsamen Arbeitspapier weniger intelligent, als jeder einzelne Soziologe es wäre, wenn er alleine nachdenkt. Eine Redaktionskonferenz, die gemeinsam über ein Thema berät, wäre demnach im Normalfall weniger originell als der einzelne Redakteur, den man in Ruhe überlegen lässt. Da kann ich mitreden, das habe ich oft erlebt. Und lange vor den großen Verbrechen der Nazis und des Stalinismus vertrat Le Bon die Theorie, dass »gutmütige Bürger, die normalerweise ehrsame Beamte geworden wären«, in der Masse zu den grausamsten Verbrechen fähig sind. Die Masse ist nicht nur dumm. Sie kann auch gefährlich sein.

1895 wurde das Kino gerade geboren, ans Fernsehen dachte keiner. Trotzdem hat Le Bon über die Entstehung von Massenmeinungen den erstaunlichen Satz geschrieben: »Die Massen können nur in Bildern denken.«

Bilder transportieren Emotionen, nur Emotionen bewegen Massen. Logik ist zu kompliziert für sie.

Die zweite Grundregel zur Überzeugung der Massen – Le Bon spricht lieber von »Hypnose« als von »Überzeugung« – heiße Wiederholung. Man muss einfache Botschaften und starke Bilder oft genug wiederholen. Dieses Rezept wird immer wirken. Das Bild eines Anschlages. Das Bild eines havarierten Atomkraftwerkes. Das Bild eines Angeklagten in Handschellen.

Sind wir so? Werden wir zu Automaten, sobald wir Teil einer Masse sind, sobald jemand unsere Instinkte auf die richtige Weise bedient?

Ich habe, bei einer Studentendemonstration, als Teil der Masse mal eine Tomate geworfen, in Richtung der CDU-Politikerin Hanna-Renate Laurien, die damals Kultusministerin gewesen ist. Sie ist inzwischen gestorben, sie war eine freundliche und kluge Dame. Wir haben uns später getroffen und darüber gelacht. Hätte ich damals eine Tomate auf sie geworfen, wenn ich alleine gewesen wäre? Bestimmt nicht. Hätte ich aus der Masse heraus auch Steine geworfen? Vielleicht.

Die Masse ist aber das Grundprinzip der Demokratie, zugleich das Grundprinzip unseres Wirtschaftssystems. Die Mehrheit bestimmt, wer regiert. Die Mehrheit bestimmt, was produziert wird. Es gibt natürlich ein paar Vermittlungsinstanzen, wir haben eine repräsentative Demokratie, der Markt ist an Gesetze gebunden. In letzter Zeit wird allerdings der Ruf nach einer mehr oder weniger direkten Volksherrschaft immer lauter. Das Volk soll öfter als bisher über wichtige Fragen abstimmen, vielleicht sogar im Internet, das ist technisch ganz einfach und kann wunderbar schnell gehen. Es klingt ja auch erst mal sympathisch. Das Volk sind schließlich wir alle. Wir könnten uns dann ganz unseren Stimmungen hingeben.

Ich hätte Angst davor.

Dies ist die größte Beunruhigung von allen, dass nämlich unser offizieller Herrscher, der Souverän in einem demokratischen System, das Volk, wir selbst, ein launischer, dummer und gefährlicher Herrscher sein könnte.

Als die Mitglieder des Parlamentarischen Rates 1948 das Grundgesetz schrieben, hatten sie noch Angst vor dem Volk und seinen Launen. Das hing natürlich mit Adolf Hitler zusammen. Die Paragraphen des Grundgesetzes können vom Bundestag jederzeit geändert oder ergänzt werden, mit einer Zweidrittelmehrheit. Einige Paragraphen aber sind davon ausgenommen, durch die sogenannte Ewigkeitsklausel im Artikel 79 des Grundgesetzes. Dazu gehören die Menschenrechte, die Achtung der Menschenwürde, die Gewaltenteilung, die föderale Struktur Deutschlands. Diese Dinge darf das Volk nicht ändern, auch nicht mit einer Mehrheit von 99 Prozent. Nach herrschender Rechtsmeinung darf deshalb auch die Todesstrafe in Deutschland nie wieder eingeführt werden, von keinem Mainstream der Welt.

Der Schwarm

1986 hat der Wissenschaftler Craig Reynolds mit Hilfe von Computersimulationen herausgefunden, dass die Individuen, aus deren Summe ein Schwarm entsteht, sich an drei Regeln halten. Das, was wir »Schwarmintelligenz« nennen, beruht tatsächlich auf nur drei Verhaltensregeln.

Erstens: Bewege dich als Mitglied des Schwarms immer in Richtung des Schwarmmittelpunkts. Auf diese Weise wird verhindert, dass der Schwarm auseinanderfließt. Zweitens: Bewege dich weg, sobald dir jemand zu nahe kommt, vermeide Zusammenstöße. Drittens: Bewege dich in dieselbe Richtung wie deine Nachbarn.

Kaum ein Begriff hat in den Jahren, die seit meiner Kindheit verstrichen sind, eine solche Karriere gemacht wie »Schwarmintelligenz«. Das Internet funktioniert wie ein Schwarm, heißt es. Die Revolutionen in den arabischen Staaten wurden und werden über die schwarmförmige Organisation Facebook organisiert, ohne Anführer, ohne eine Partei.

Alle bewegen sich plötzlich in dieselbe Richtung wie ihre Nachbarn.

Weniger bekannt ist das Wort »Schwarmfeigheit«. Ich habe es zum ersten Mal in der Talkshow von Anne Will gehört. Der Journalist und Politikberater Michael Spreng sprach von der »Schwarmfeigheit im Internet«. Jeder Journalist kennt sie. Unsere Texte stehen im Netz, sie werden kommentiert, wir bekommen E-Mails. Dagegen ist nichts zu sagen. Doch weil es möglich ist, sich anonym zu äußern, unter einem erfundenen Netznamen, sind die Äußerungen deutlich aggressiver geworden. Die Leserbriefe, mit Absender und – meistens – dem echten Namen, waren im Durchschnitt sachlicher und seltener beleidigend. Die wenigsten Internetautoren, behaupte ich, hätten den Mut, so zu schreiben, wenn sie mit ihrem Namen dafür einstehen müssten.

Ein sehr frühes und bis heute gern zitiertes Experiment zur Schwarmintelligenz wurde vor mehr als 100 Jahren auf der Viehzuchtmesse der britischen Stadt Plymouth veranstaltet. Ochsen wurden gewogen, unter Ausschluss der Öffentlichkeit, danach durfte das Publikum ihr Gewicht schätzen. Diese etwa 800 Personen waren zum Teil Familien mit Kindern, zum Teil Metzger und Viehzüchter, Experten und Laien bunt gemischt. Die Schätzungen waren teilweise grotesk falsch. Wenn man aber den Durchschnitt aller Schätzungen ausrechnete, dann lag dieser Durchschnitt immer sehr nahe bei dem richtigen Ergebnis.

Das Internet funktioniert nach dem gleichen Prinzip. Jeder darf mitmachen, Experten und Laien, ähnlich wie beim Viehmarkt in Plymouth. Das Internetlexikon Wikipedia ist inzwischen die wichtigste Wissensquelle der meisten Leute, es wird vom Schwarm verfasst. Die Politiker Guttenberg und Koch-Mehrin haben ihre Ämter verloren, weil der Schwarm sich ihre Doktorarbeiten vorgeknöpft hatte. Bei den Wirtschaftskrisen spielt der Schwarm ebenfalls eine entscheidende Rolle: Wenn er sich aus einer Währung oder aus einer bestimmten Aktie zurückzieht, brechen alle Dämme.

Ich glaube, dass die Gesetze der Schwarmintelligenz auch das politische Leben zu beherrschen beginnen. Das beste Beispiel ist die Bundeskanzlerin. Zu Recht wird gesagt, dass Angela Merkel für einen Stil des Regierens steht, den es vor ihr in Deutschland nicht gegeben hat. Die Traditionen und Grundsätze ihrer Partei scheinen für sie keine Rolle zu spielen. Angela Merkel setzt Volksstimmungen um, sie ist keine Leitwölfin, eher ein Fisch im Schwarm. Sie lässt sich, wo immer und solange es geht, in der Strömung treiben. Als das Volk nach Fukushima die Atomkraft ablehnte, war bekanntlich auch Frau Merkel, die eben noch die Laufzeiten der Kernkraftwerke verlängert hatte, plötzlich für die Abschaltung der Atommeiler. Und als die Sozialdemokraten in Wahlen und Umfragen zulegten, fiel ihr ein, dass der Mindestlohn, den die CDU immer strikt abgelehnt hatte, eine feine Sache ist.

Bewege dich in Richtung des Mittelpunkts, vermeide Zusammenstöße, bewege dich in dieselbe Richtung wie die Mehrheit.

Die Querdenker

Manchmal habe ich den Eindruck, dass Deutschland von einer Einheitspartei neuen Typs beherrscht wird, der Mainstreampartei. Diese Partei ist ökologisch, für einen höheren Bildungsetat, für Frauenquoten, für Klimaschutz, für Umverteilung des Wohlstands, dafür, dass die hier lebenden Ausländer Deutsch lernen … Konsens, wohin man schaut. Selbst zu einer so komplexen Frage wie der Euro-Krise scheint es nur ein oder zwei denkbare, zulässige Antworten zu geben. Dass die Piratenpartei – noch – keine Quotenregelung hat, wird in manchen Kommentaren schon als große Kühnheit registriert.

Man muss sich zum Vergleich nur einmal das Meinungsspektrum der angeblich so langweiligen Adenauerjahre in Erinnerung rufen, als es noch Christen, Kommunisten, Sozialisten, Konservative und alles Mögliche andere gab. Falls man unter »Demokratie« einen offenen, freien Meinungskampf versteht, ein Ringen um den richtigen Weg, dann haben wir nicht allzu viel davon. Und dazu ist nicht einmal ein Unterdrückungsapparat erforderlich, es hat sich einfach so ergeben.

Damals, unter Adenauer, waren die Milieus noch ziemlich autark, es gab nicht einen einzigen großen Schwarm, es gab mehrere kleinere Schwärme. Die Linken interessierten sich für die Meinung anderer Linker, die Konservativen lasen konservative Zeitungen. Heute kriegt man, dank Internet, fast alles mit, was irgendwo von irgendeinem wichtigen Menschen gemeint wird. Man kriegt immer alles mit. Man ist immer mittendrin.

Trotzdem gedeiht bei uns der Typus des Querdenkers, der in den Talkshows für eine gewisse Belebung im Rahmen des Schicklichen sorgen soll – unsere neue Apo, bestehend aus eloquenten Personen wie Hans-Olaf Henkel, Richard David Precht oder Alice Schwarzer. Der Inbegriff eines solchen Querdenkers ist der sympathische Heiner Geißler. Der Rebell Heiner Geißler tritt auf die denkbar unterhaltsamste Weise für Umweltschutz ein, für grünes Denken, für Bürgerbeteiligung, für die parlamentarische Demokratie, für Emanzipation und für soziale Gerechtigkeit. Er ist Mainstream, total, aber er vertritt den Mainstream mit so viel Temperament, dass er auch mir meistens als der Prototyp des rebellischen alten Mannes erscheint.

In einem Heft der Kulturzeitschrift Merkur geht es um das Thema »Konformismus«. Niemand möchte ein Konformist sein, tatsächlich sind es aber fast alle. Warum? Die Herausgeber antworten: »Es ist etwas anderes, ob man sich als professioneller Tabubrecher in Talkshows feiern lässt oder ob man freimütig die Wahrheit sagt, seine Wahrheit. Dafür muss man womöglich einen Preis bezahlen. Zu missfallen oder gar ausgestoßen zu werden aus dem Kreis derjenigen, die die richtigen, die guten, die hilfreichen Ansichten vertreten.«

Harald Schmidt gehört zu einem anderen Typus. Er hält sich nicht immer an die üblichen Sprachregeln und Tabus, er pfeift auf den Mainstream. Das wirkte lange erfrischend. Es ist aber auch unmöglich zu sagen, wofür er stattdessen steht. Er hütet sich davor, sich in irgendeiner Weise festzulegen. Das macht ihn fast unangreifbar, so wie früher die Hofnarren unangreifbar gewesen sind. Leute wie Harald Schmidt oder Henryk M. Broder begleiten den Mainstream, sie leben von ihm, wie Fischer, sie laufen an seinem Ufer und werfen ihre Netze aus. Die eine oder andere Pointe verfängt sich immer darin.

Noch einmal die Frage: Wer entscheidet darüber, welche Ansicht »richtig« ist und welche »falsch«? Im Merkur schreibt der Medientheoretiker Norbert Bolz, dass die meisten Leute die Ansichten übernehmen, von denen sie glauben, dass die meisten anderen Leute sie auch haben. Darüber, welche Meinung gerade die allgemein übliche ist, informieren die Massenmedien. Die Meinungsmacher dort sind aber auch nur Leute wie alle anderen. Sie tendieren dazu, die Meinungen und die Themen anderer Meinungsmacher zu übernehmen – sie verhalten sich genau wie die Versuchspersonen in Solomon Aschs Experiment mit den vier Linien. Sie trauen ihren eigenen Augen nicht.

Bewege dich in Richtung des Mittelpunkts. Bewege dich in dieselbe Richtung wie alle anderen. Vermeide Zusammenstöße.

Weil der Mainstream heute die normative Rolle übernommen hat, die früher von Traditionen und Sittengesetzen gespielt wurde, tendiert man dazu, vom Mainstream abweichende Meinungen als unmoralisch zu verurteilen. Wissenschaftler, die zur angeblich nahenden Klima-Apokalypse eine abweichende Meinung vertreten, werden zum Beispiel »Klimawandelleugner« genannt – als ob es um Religion ginge und nicht um Wissenschaft.

In der Wissenschaft kann es ohne den Zweifel an scheinbaren Gewissheiten keine Entwicklung geben. Und weder in der Wissenschaft noch in der Kunst hat die Masse jemals etwas Bemerkenswertes hervorgebracht. »Alles Wertvolle«, schreibt Bolz, »verdanken wir außergewöhnlichen Individuen.«

Jemand, der wirklich ein Querdenker ist, müsste heutzutage vielleicht für die Wiedereinführung der Monarchie eintreten. Er müsste an den heiligen Idealen der sozialen Gerechtigkeit, am Atomausstieg und an der Emanzipation zweifeln. Mit anderen Worten, er müsste bereit sein, sich vom Schwarm zu einem gefährlichen Irren stempeln zu lassen.

Lob der Reaktanz

Ohne Reaktanz würden wir uns alle nach und nach in Gemüse verwandeln, das ist hoffentlich klar geworden. Ohne Reaktanz läuft »Demokratie« auf eine massenpsychologische Zwangsherrschaft des Einheitsdenkens hinaus. Reaktanz ist die Kraft, die dafür sorgt, dass ein Meinungspendel nach einer gewissen Zeit wieder zurückschwingt. Und jetzt schreiben Sie mir um Himmels willen keine Briefe, in denen Sie mir Klimawandelverharmlosung vorwerfen oder vor den Gefahren des Monarchismus warnen.

Ich bin, weltanschaulich, Reaktist. Als ich mit meinen Kolumnen anfing, gab es manchmal Ärger, wenn politische Themen auftauchten, zum Beispiel Kritik an den USA. Ich habe eine Kolumne geschrieben, in der ich die Gewaltverliebtheit mancher Amis gegeißelt habe. Das war als Thema nicht sehr originell, ich weiß, und vielleicht ist die Kolumne ja zu Recht nicht gedruckt worden. Ich jedenfalls hatte von diesem Tag an eine animalische Lust, alles an den USA schlecht zu finden. Obwohl das ein tolles Land ist, ehrlich. Ich habe bei jeder Gelegenheit, jahrelang, antiamerikanische Tiraden geschrieben. Da habe ich mich einfach lebendig gefühlt.

Unpolitisch war dieses Verhalten nur auf den ersten Blick. Reaktanz ist nicht unpolitisch. Reaktanz führt dazu, dass Verbote sich, langfristig gesehen, nicht lohnen.

Redakteure, die mich länger kennen, verbieten mir inzwischen, glaube ich, bestimmte Thesen oder bestimmte Themen, weil sie dann sicher sein können, dass sie genau das kriegen. Da muss man vorsichtig sein, das ist ein ganz übler Trick.

Die Lobrede auf Guido Westerwelle muss damit beginnen, dass er einer der wenigen wirklich guten Redner ist, im Bundestag. Er hat sich in die zweite Reihe der Partei zurückgezogen und macht seinen Nachfolgern keinen Ärger, er verhält sich tadellos solidarisch. Da sollte man sich nur mal den CDU-Politiker Merz zum Vergleich anschauen, der nach seinem Machtverlust ununterbrochen gestänkert hat. Es ist gar nicht so schwer mit der Lobrede, aber das Material reicht noch nicht ganz.

Als Reaktist erfüllt man eine sozialhygienische Funktion und leistet einen Dienst an der Menschlichkeit. Es ist unappetitlich, wenn einzelne Personen zum public enemy erklärt werden, überall, von jedem. Guttenberg? Eva Herman? Jan Ullrich? Das sind Verfehlungen gewesen, kritikwürdig, gegebenenfalls strafbar, aber doch keine Kapitalverbrechen. Bei jedem Gangster finden Gerichte mildernde Umstände, nur das große Volkstribunal der öffentlichen Meinung kennt keine Bewährungsstrafen, so lange, bis das große Vergessen einsetzt. Man vergibt nichts, aber man vergisst. Wenn erst mal der nächste Skandal da ist, absorbiert er sowieso die gesamte Erregungsenergie, über die man verfügt.

Sich selber vergibt man alles.

Und Margot Käßmann? Der umgekehrte Fall. Eine Heilige. Da ist Reaktanz ebenfalls angebracht. Auch der dunkle Trieb, Idole schlechtzumachen, hat etwas mit Reaktanz zu tun. Das ist die Nachtseite der Reaktanz.

Es müsste, im Mainstreammedium Fernsehen, eine Sendung geben, eine einzige, die der Reaktanz verpflichtet ist. Einmal pro Woche, 30 Minuten lang, müsste jemand einer von fast allen geglaubten Wahrheit widersprechen oder eine abseitige Meinung äußern oder den aktuellen public enemy verteidigen. Ohne Ironie. Ohne einen Moderator, der sich distanziert. Auch das wäre ein interessantes Experiment.

Der Publikumsjoker

In der beliebtesten deutschen Quizsendung, bei »Wer wird Millionär?«, hat Günther Jauch im Mai 2011 eine Rechtschreibfrage gestellt. In welchem dieser Wörter ist ein k zu viel?

Akkumulator, Akkusativ, akkurat, Akkupunktur.

Die Kandidatin wusste es nicht. Ich wüsste es auch nicht. Bei »Wer wird Millionär?« gibt es den Publikumsjoker. Das Publikum stimmt darüber ab, welche Antwort die richtige ist. Das Publikum entschied sich, mit 48 Prozent, für das Wort »akkurat«. Auf Platz zwei, mit 42 Prozent, lag »Akkupunktur«. Die Kandidatin fiel durch. Akupunktur schreibt man mit einem k, akkurat mit zwei.

So etwas passiert bei »Wer wird Millionär?« immer wieder: Bei den einfachen Fragen ist der Publikumsjoker fast immer eine sichere Sache. Aber je komplizierter es wird, desto öfter irrt sich die Mehrheit. Es ist dann klüger, jemanden anzurufen, der Ahnung hat. Eine Einzelperson.

Das Leben ist natürlich oft ziemlich kompliziert. Trotzdem haben wir unser Leben weitgehend dem Publikumsjoker untergeordnet. Der Publikumsjoker bestimmt die Regierung. Der Publikumsjoker bestimmt die Aktienkurse, der Publikumsjoker entscheidet darüber, was es zu kaufen gibt, was gesendet wird und was vom Markt verschwindet. Was hält eine Gesellschaft für richtig, was für falsch, welche Werte hat sie, wie benehmen sich die Leute, was ziehen sie an?

Fragen Sie das Publikum.

Die drei Frisöre

Bei Udo. Am Telefon nimmt eine Frau den Terminwunsch entgegen, genauer gesagt, eine echte Berlinerin. »Zu wem wollnse denn?« Ich war noch nie da. Ich will es einfach mal ausprobieren. »Ick traare Sie denn mal bei dem Jean an.« Sie spricht es »Dschang« aus.

Udo Walz selbst frisiert nur Frauen, außer, der Mann ist Bundeskanzler oder etwas in dieser Richtung. Udo Walz konnte deshalb eine eidesstattliche Erklärung abgeben, des Inhalts, dass Gerhard Schröder seine Haare nicht färbe. Als Udo Walz seinen 60. Geburtstag feierte, mit 300 Gästen, von denen die meisten im weitesten Sinn prominent waren, wurde auch ein handgeschriebener Glückwunschbrief des Kanzlers verlesen. »Wenigstens«, sagte einer der Gäste zu seiner Tischdame, »ist Schröder nicht selber da.« Es geht in dieser gesellschaftlichen Zone manchmal recht maliziös zu.

Der Aufstieg von Udo Walz zu einer der scheinbar oder auch nur anscheinend wichtigsten Figuren der Hauptstadtsociety wird allmählich auch dieser Society selber unheimlich. Zufall ist es jedenfalls nicht. Udo Walz hat, das beweisen frühe Fotos des ganz jungen Udo mit Hildegard Knef und Marlene Dietrich, von Anfang an mit großer Zielstrebigkeit die Nähe prominenter Menschen gesucht, ein Bub aus Waiblingen, Vater Lastwagenfahrer, Mutter Fabrikarbeiterin, den es in das Westberlin der 70er Jahre zieht.

Er arbeitet viel. Das sagen alle. Er ist diskret. Und wenn eine Kamera in der Nähe ist, reißt er ganz weit den Mund auf, so als ob er einen heranfliegenden Pingpongball mit dem Mund auffangen möchte. Das ist das typische Udo-Walz-Lächeln.

Der Friseursalon Udo Walz liegt in der Uhlandstraße 181, dort, wo Westberlin gerade noch einen halbwegs präsentablen Eindruck macht. Ein paar Meter weiter spürt man schon den Niedergang, an der Mazurka-Bar oder der verlassenen Pizzeria Capri oder beim benachbarten Salon »Ratz-Fatz«, Herrenschnitt 11 Euro 90. Walz hat sieben Geschäfte, auch auf Mallorca. Dieses hier ist weitläufig und ein bisschen verwinkelt, nicht sonderlich edel, das Mobiliar sieht nach Ikea aus. Am Eingang steht ein Büchertisch, Publikationen von und über Udo. Und da ist er auch selber. Aufgeknöpftes Hemd, darunter das Unterhemd. Schleppender Schritt. Gewaltiger Bauch. Ein Teil davon ist zur Besichtigung offiziell freigegeben, weil das Unterhemd relativ kurz ist. Udo müsste dringend mehr Sport treiben. Er hält ein Handy ans Ohr. Bald darauf zündet er sich eine Zigarette an.

So, mit Handy und Zigarette und im zu kurzen Unterhemd, läuft er im Salon auf und ab und bespricht recht laut einen Termin mit einem Drehteam, der Sender wird nicht ganz klar. Ein junger Mann mit viel Gel im Haar zupft Udo hin und wieder Fussel vom Kragen, während dieser auf und ab geht. Im Hintergrund läuft ein Fernseher.

Einer seiner Freund sagt: »Was die Promis an Udo Walz mögen, ist, dass er ein so normaler Typ ist. Die wollen einfach mal unter normalen Leuten sein.«

Einer der Friseure bringt Wasser im Plastikbecher. Dann wäscht er die Haare, die Brille muss man dabei in der Hand halten, ein Tischchen zum Ablegen gibt es nicht. Die Friseure sind alle ziemlich junge, hübsche Burschen. Einer wedelt mit einem riesigen Fächer.

Die Kunden sind alle ältere Damen. Das liegt vielleicht an der Tageszeit, früher Nachmittag. Jetzt kommt der Dschang. Er ist als Einziger über 30. Jeans, schwarzes T-Shirt. Er fragt: »Was soll denn gemacht werden?«

Dschang ist keine Quasselstrippe, man muss ihm jeden Satz aus der Nase ziehen. Frage: Was ist denn zurzeit der Trend, bei den Herren, haarmäßig? Antwort: »Das, was die Fußballer machen. Die Fußballer setzen den Trend.« Neulich sei eine ganze Mannschaft bei Udo Walz gewesen, hier im Salon. Aber er weiß nicht, welche.

Nun betritt ein weiterer Herr den Salon, ein älteres Semester, um die 70, lange Mähne. Aus den hinteren Salonbereichen schwebt zum ersten Mal eine Friseurin herbei, ein gazellenartiges Geschöpf mit riesigen Augen und einem Dekolleté, das in der Nähe des Erdmittelpunkts endet. Sie ist für den alten Knaben zuständig, man kann ihn fast im ganzen Raum schnurren hören, so gut gefällt ihm das.

Das Prinzip des Salons scheint darin zu bestehen, Gazellen und Senioren zusammenzubringen sowie Seniorinnen und junge Hirsche.

Es kostet 35 Euro. Das geht, oder? Jean hat es auf seine wortkarge Art aber tatsächlich geschafft, seinem Kunden eine Flasche Udo-Walz-Shampoo zu verkaufen. 20 Euro. Für Shampoo! Wahnsinn. Jeder Kunde kriegt aber an der Kasse gratis den Sonderdruck der Bunten zum Udo-Walz-Geburtstag. 16 Seiten mit genau 50 Fotos von Udo Walz. Auf manchen Fotos sieht er aus wie der Alterspräsident des Reinickendorfer Harley-Davidson-Klubs. Aber der Schnitt von Dschang ist gut. Das sagen alle. Danke! Und Entschuldigung, weil ich kein Trinkgeld gegeben habe, das war der Schock, wegen des Shampoos.

Bei Gerhard. Gibt es etwas Dekadenteres, als zum Friseur nach München zu fliegen? Und das genau eine Woche nach dem letzten Friseurbesuch?

Gerhard Meir hat vier Salons und ist elf Jahre jünger als Walz. Außerdem ist er mehr der intellektuelle Typ, er trägt eine Florian-Illies-Brille, hat Romane geschrieben, und das »SZ-Magazin« veröffentlicht unter seinem Namen eine Kolumne. So was besorgen Ghostwriter, aber trotzdem. Der Wille zählt.

Meir wurde durch das Relaunch von Fürstin Gloria berühmt, er hat ihr damals den Irokesenschnitt verpasst. Er gibt sich in Interviews gerne frech, über die Fernsehgeilheit von Udo Walz finden sich in den Romanen spöttische Passagen. Walz heißt dort »Bruno Lansky«.

Promi-Friseure sind kein speziell deutsches Phänomen. Der Brite hat Aidan Phelan (David Beckham!) und Nicky Clarke (Nicole Kidman! Gwyneth Paltrow!), der Franzose hat Franck Provost (Lady Di, ihr letzter Schnitt vor dem tödlichen Unfall), bei den Amis sind es Nick Chavez (ganz Beverly Hills) und John Frieda (Meg Ryan! Tom Cruise!). Mit 460 Dollar für einen Nassschnitt gilt Frieda als teuerster Friseur der Welt.

Warum gerade die Friseure in letzter Zeit so wichtig geworden sind? Unter Köchen gibt es neuerdings auch viele Stars. Vielleicht sind die Friseure im Zuge der allgemeinen Promi-Kultur einfach automatisch mit nach oben gespült worden. Sie sind eine Art Prominentenproletariat. Höflinge. Satelliten der echten Prominenz. Sie gehören dazu, aber werden nicht wirklich ernst genommen.

Eines aber muss man ihnen zugutehalten – sie können etwas. Sie sind nicht reine Selbstdarsteller.

Am Telefon war es bei Meir völlig anders als bei Walz. Die Frau erkundigte sich genau danach, was gemacht werden soll, und sie fragte: »Möchten Sie lieber von einer Dame oder von einem Herrn bedient werden? Ist der Günther recht? Jaaaa?« So sind sie, die Münchner. Überhaupt muss es jetzt leider eine etwas klischeehafte Geschichte werden, ich kann nichts dafür, die Wirklichkeit ist eben so. Hier Berlin, dort München.