Über Mary L. Longworth

Mary L. Longworth lebt seit 1997 in Aix-en-Provence. Sie hat für die »Washington Post«, die britische »Times«, den »Independent« und das Magazin »Bon Appétit« über die Region geschrieben. Außerdem ist sie die Verfasserin des zweisprachigen Essay-Bandes »Une américaine en provence«, die der Verlag La Martinière 2004 herausgebracht hat. Sie teilt ihre Zeit zwischen Aix, wo sie schreibt, und Paris, wo sie an der New York University das Schreiben lehrt. »Tod auf Schloss Bremont«, ihr erster Roman, ist bei Aufbau Taschenbuch lieferbar. Im Frühjahr 2013 erscheint »Mord in der Rue Dumas«.

Informationen zum Buch

Es stirbt sich schöner in der Provence

Professor Moutte, Dekan der theologischen Fakultät der Uni von Aix-on-Provence, wurde ermordet. War der Täter einer der Bewerber um sein Amt und seine schöne Wohnung in der Rue Dumas? Denn Professor Moutte hat den Zeitpunkt, an dem er in den Ruhestand gehen will, immer wieder aufgeschoben. Oder war einer der Studenten der Mörder, die auf das hochdotierte Dumas-Stipendium hoffen? Vielleicht war der ehrenwerte Professor auch in den Handel mit gefälschten Antiquitäten verstrickt? Und dann wird auch noch Professor Mouttes Sekretärin von einem Auto überfahren. Richter Antoine Verlaque, Kommissar Bruno Paulik und die schöne Juraprofessorin Marine Bonnet stehen vor einem komplizierten Fall.

Südfranzösische Atmosphäre, Kochkunst und Liebe in einem wunderschönen Provence-Krimi.

»Genau die richtige Sommerlektüre.« Berliner Morgenpost

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Mary L. Longworth

Mord in der Rue Dumas

Ein Provence-Krimi

Aus dem Amerikanischen von Helmut Ettinger

Inhaltsübersicht

Über Mary L. Longworth

Informationen zum Buch

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1. Kapitel: Eindruck machen

2. Kapitel: Die echten Wissenschaftler

3. Kapitel: Ein dummer Einfall

4. Kapitel: Bei jedem Job ...

5. Kapitel: Einer unter vielen

6. Kapitel: Jene, die nicht lieben, und jene, die nicht geliebt werden

7. Kapitel: Ein unangenehmer Moment für Sylvie

8. Kapitel: Essen für die Seele

9. Kapitel: Namen werden genannt

10. Kapitel: Dr. Bouvet spannt Richter Verlaque auf die Folter

11. Kapitel: Begegnung mit Dr. Bonnet

12. Kapitel: Der arme alte Georges

13. Kapitel: Ein wirklich bescheidener Mann

14. Kapitel: Rue Saint Lazare

15. Kapitel: Gebrochene Versprechen

16. Kapitel: Es ist so traurig zu Hause

17. Kapitel: Ein Dieb

18. Kapitel: Brauner Teppichboden

19. Kapitel: Der Cha-Cha des Herzens

20. Kapitel: Der Tanz der Horen

21. Kapitel: Nur italienischen Kaffee, bitte!

22. Kapitel: Der Schatten deines Hundes

23. Kapitel: Lohn für geleistete Dienste

24. Kapitel: Mit dem TGV um 7.43 Uhr nach Paris

25. Kapitel: Am Fuß das kleine Hundetier

26. Kapitel: Schwarz und Weiß

27. Kapitel: Libellen

28. Kapitel: Die Pata Negra

29. Kapitel: Ein Geständnis beim Grappa

30. Kapitel: Die Persischen Briefe

31. Kapitel: Das kümmert mich nicht im Geringsten

32. Kapitel: Die Bucht der Dichter

33. Kapitel: Fliegende Edelsteine

34. Kapitel: Heiße Schokolade

35. Kapitel: Ex Votos

36. Kapitel: Wunderbares Elfenbein

37. Kapitel: Leere Bücherregale

38. Kapitel: Auch Bruno Paulik versucht sich im Radfahren

39. Kapitel: Mitleid mit den Schuldigen

40. Kapitel: Die ungebrochene Hoffnung auf den Posten des Dekans

Epilog

Impressum

Für Ken und Eva

1. Kapitel

Eindruck machen

Die Freundschaft zwischen Yann Falquerho und Thierry Marchive wurde an der ganzen Universität mit Verwunderung gesehen. Die beiden wetteiferten nicht nur um dasselbe Doktorandenstipendium, sondern unterschieden sich auch nach ihrer äußeren Erscheinung und sozialen Stellung stark voneinander. Yann, blond und hochgewachsen, war Sohn geschiedener Eltern – eines Pariser Fernsehproduzenten und einer Innenarchitektin. Thierry, dunkelhaarig und untersetzt, kam aus bescheideneren Verhältnissen: Sein Vater arbeitete als Französischlehrer an einem Gymnasium in Marseille und seine nach wie vor mit ihm verheiratete Mutter als schlechtbezahlte Diätköchin in einem Krankenhaus der Stadt.

Die beiden Studenten schritten rasch aus, wobei sie laut und ohne Unterlass miteinander redeten. Beide waren das jüngste von drei Geschwistern – etwas, das sie miteinander teilten – und daher gewohnt, sich an einem lebhaften Abendbrottisch Gehör zu verschaffen. »Mach hin«, rief Yann seinem Freund über die Schulter zu. »Sonst sind die besten Happen weg, ehe wir dort ankommen.«

»Ich kann doch nichts dafür, dass ich nicht solche Storchenbeine habe wie du«, gab sein Freund zurück und suchte verzweifelt Schritt zu halten. »Wir wären längst da, wenn du nicht noch das Telefon abgenommen und ohne Ende mit der – wie hieß sie doch gleich? – gequatscht hättest.«

»Suzanne«, antwortete Yann nachdenklich. »Den Namen haben sie ihr nach dem Song gegeben.«

»Richtig ... deine Sandkastenliebe ... Die Tochter des Arztes in Carnac an der Bretagneküste, wo du mit deiner bürgerlichen Familie so idyllische Sommerferien verbracht hast.« Thierry blieb stehen, um auf der Luftgitarre ganz passabel Leonard Cohen nachzumachen.

»Und sie gibt Orangen dir und Tee,

der von weit her aus China kommt ...«,

sang er, hüpfte von dem schmalen Bürgersteig herunter und lief mitten auf der Straße.

»Hör auf, Blödmann«, rief Yann lachend. »Ja, idyllisch waren diese Sommer wirklich. So sehr, dass meine Eltern sich getrennt haben. Vielleicht lag es ja am Regen im August ... Da war kein Entkommen aus unserem perfekt eingerichteten Strandhaus.« Das war eines der Dinge, die Yann an Thierry mochte: Der ließ sich von keinem noch so perfekt eingerichteten Strandhaus beeindrucken, und wenn man es ihm auf einem silbernen Tablett servierte. Beim Weitergehen dachte Yann mit gerunzelter Stirn an seine Mutter und seinen Vater mit ihren neuen Partnern, von denen ihn keiner interessierte.

Inzwischen hatten die beiden jungen Männer eine mit reichem Schnitzwerk verzierte Haustür an dem Place des Quatre Dauphins erreicht und drückten den Klingelknopf, der in ein blankpoliertes Messingschild mit dem Namen »Professor Moutte« eingelassen war. Der Türöffner summte, und das Schloss klickte. Thierry hielt seinem Freund die Tür auf. »Nach Ihnen, Monsieur!« Er hatte bemerkt, dass Yann plötzlich still geworden war, wie immer, wenn es um seine Eltern ging. Dann bemühte sich Thierry stets, das Thema zu wechseln. Er stellte sich Familie Falquerho vor, wie sie in einem Wohnzimmer hockte, dessen schneeweißes Mobiliar überhaupt nicht in ein Ferienhaus passte, und schweigend zusah, wie graue Wellen an den Strand rollten. Er musste Yann auf andere Gedanken bringen. »Du denkst immer nur ans Essen. Und natürlich an Suzanne.« Yann musste lachen und trat in das kalte, feuchte Vestibül des großen Wohnhauses. Er freute sich auf das kostenlose Essen an diesem Abend und dachte an Suzanne, die er in den Weihnachtsferien besuchen wollte.

Thierry hatte seit seinem Eintritt ins Gymnasium auf sein Gewicht achten müssen und dort nie eine Freundin gehabt. Seine erste intime Begegnung mit einer Frau hatte erst im zweiten Jahr an der Universität stattgefunden. Und was für eine Begegnung! Ulla war eine schwedische Austauschstudentin – ein Klischee, das selbst Thierry kannte, der noch nie aus Frankreich herausgekommen war. Er lächelte in sich hinein, als er die geräumige Steintreppe zu Professor Mouttes Wohnung im dritten Stock hinaufstieg. Aber das Bild von Ulla – nackt in seinem Bett – verblasste, während er sich in dem Bau aus dem 17. Jahrhundert umsah. Vor allem bestaunte er die Eingangshalle, die so ganz anders war als bei seinen Eltern und auch dort, wo er jetzt mit Yann hauste. Ihre Treppe aus rotem Backstein war so schmal, dass man einen Sessel oder selbst ein Fahrrad nur mit größter Mühe in ihre Bleibe befördern konnte. In diesem aristokratischen Bauwerk jedoch, das drei elegante Appartements beherbergte, genoss er jede Stufe, die reiche Bürger von Aix und deren Diener über die Jahrhunderte ausgetreten hatten.

»Ich rieche schon den Duft der Vorspeisen«, bemerkte Yann und nahm zwei Stufen auf einmal. »Blätterteigpastete, Minipizza, vielleicht eine gemischte Aufschnittplatte und ein, zwei Briekäse aus dem Supermarkt. Warum gibt es bei betuchten Leuten oft so billiges Zeug zu essen?« Er blieb stehen und blickte zu seinem Freund hinunter, der gerade aus einem Tagtraum zu erwachen schien. »Hörst du mir überhaupt zu? Ich wette, der Wein ist auch aus dem Tetrapak.« Er schaute zu, wie sein Freund seinen breiten Fuß in eine Kuhle der Steinstufen setzte.

»Bettler dürfen nicht wählerisch sein«, gab Thierry zurück. »Ich kenne mich sowieso nur mit Fasswein aus.« Yann musste lachen. Dann klopfte er an die Tür. Seinem Marseiller Freund zugewandt, der grade schnaufend die letzten Stufen nahm, sagte er rasch: »Ich schwöre, wenn ich erst einmal eine Stelle habe, hoffentlich bald, dann kommt mir kein Käse oder Wein aus dem Supermarkt auf den Tisch.«

Thierry nickte amüsiert und brummte: »Ist notiert.« Beim Lehrergehalt seines Vaters hatte sich seine Familie nur industriell hergestellten Käse leisten können. Dank seines Pariser Freundes wusste er aber nun, wie handgemachter Käse schmeckte, und hoffte insgeheim, auch er werde einmal in der Lage sein, Essen und überhaupt alles in bester Qualität zu kaufen. Die letzten Osterferien, die er mit Yann im Pariser Penthouse von dessen Vater mit Blick auf den Invalidendom verbracht hatte, waren ein Höhepunkt in seinem vierundzwanzigjährigen Leben gewesen. Noch nie hatte er in so vielen feinen Restaurants gegessen, wo Vater und Sohn Falquerho stets den besten Tisch erhielten und mit Besitzern, Kellnern und Köchen engbefreundet zu sein schienen. Monsieur Falquerho imponierte Thierry enorm, denn obwohl er eine Menge Geld und viele berühmte Freunde hatte, bekam Yann von ihm keinen Euro mehr als seine Mitstudenten.

Die Wohnungstür öffnete eine hochgewachsene, schöne Frau Mitte vierzig mit dichtem schwarzen Haar und großen braunen Augen. Erfreut sah Thierry, dass sie das tiefausgeschnittene schwarze Wollkleid trug, in dem sie ihm besonders gefiel, denn es brachte nicht nur ihre perfekte olivfarbene Haut, sondern auch ihren üppigen Busen zur Geltung. »Das grausige Paar«, sagte sie lachend in Anspielung auf den bekannten Horrorfilm The gruesome twosome. »Herein mit euch! Ihr kommt genau richtig!«, raunte sie ihnen mit einem Augenzwinkern zu. »Es ist serviert!«

»Danke, Professor Leonetti!«, antworteten sie wie aus einem Munde. Zwar schätzten Thierry und Yann die Gelehrsamkeit des Gastgebers, Dr. Georges Moutte, aber die lebhaften, humorvollen Vorlesungen der jüngeren Dr. Annie Leonetti waren ihnen eindeutig lieber. Doch wenn es um das Dumas-Stipendium ging, hatte Dr. Moutte das letzte Wort. Das war der Grund, weshalb sie diesmal auf ihr gewohntes Freitagabendvergnügen verzichtet hatten, in den Bars von Aix-en-Provence mit amerikanischen Touristinnen anzubändeln, und stattdessen hier mit ihren Professoren vorliebnahmen.

Dr. Leonetti führte die Studenten dem Hausherrn zu und zog sich dann zurück. »Pass auf, dass du nicht wieder alles rundherum mit offenem Mund anglotzt«, raunte Yann seinem Freund zu. Das ließ Thierry nicht auf sich sitzen. »Solange du nicht nach jedem Satz des Dekans ›in der Tat‹ flötest.«

»Bonsoir, Professor Moutte«, ließ Yann hören, als er den älteren Herrn mit dem weißen Haar begrüßte.

»Guten Abend, Herr Doktor«, sagte Thierry und drückte seinerseits dessen dürre, von Altersflecken bedeckte Hand. »Danke für die Einladung.«

»Keine Ursache, keine Ursache«, kam es von Dr. Moutte. »Meine Lehrer haben das Gleiche getan, als ich in Ihrem Alter war. Aber Sie haben ja auch einen guten Grund, heute hier zu erscheinen, nicht wahr?« Er kicherte über seinen eigenen Witz. Thierry konnte kaum darüber lächeln, dass Dr. Moutte in dieser Weise auf das Dumas-Stipendium anspielte. Auch Yann war etwas betreten, wollte sich aber nichts anmerken lassen. Er wünschte sich das Stipendium sehr (das ihm lediglich den baldigen Übergang zu einem Betriebswirtschaftsstudium erleichtern sollte) und sah keinen Grund, das zu verhehlen.

»Hmm ... in der Tat«, sagte Yann und musste nun doch grinsen, als er bemerkte, dass Thierry die Augen verdrehte und zur Decke schaute, wo ihn die in kräftigen Farben gemalten mythologischen Figuren zu interessieren schienen. Die schwebenden Götter und Göttinnen waren von Blumen- und Tiermotiven in feinem Stuck umgeben. Er wollte Yann danach fragen, denn der kam nicht nur aus einer reichen Familie, sondern liebte auch die Kunst und war nur zu bereit, das bei jeder Gelegenheit unter Beweis zu stellen. Aber Yann blickte über Dr. Mouttes Schulter hinweg zu dem langen Tisch, der sich unter der Last der Speisen bog. Thierry sah, dass der Freund mit seiner Vermutung recht gehabt hatte. Dort gab es Pizza, in handliche Stücke geschnitten, Briekäse, Brot und Aufschnitt. Aber zumindest der Wein wurde in Flaschen serviert. Yann löste sich abrupt vom Gastgeber und bahnte sich den Weg zu dem Tisch, wo sich Dr. Leonetti gerade ein Glas Wein einschenkte. Sie hatte die beiden jungen Männer im Blick, während ein breites Lächeln ihren großen Mund umspielte. Sie mochte sie beide, wunderte sich aber, weshalb sie ausgerechnet Theologie studierten. Sie hatte den Eindruck, Yann Falquerho habe sie gewählt, weil die Fakultät besser ausgestattet und der Zugang leichter war als zum Beispiel im Fach Geschichte, denn es gab viel weniger Bewerber. Sicher würde er später zu Jura oder Wirtschaft wechseln. Einer ihrer Freunde, der bei einem Finanzdienstleister in London arbeitete, hatte ihr erzählt, in der Welt der Aktien und Wertpapiere interessiere man sich zunehmend für Absolventen der Fachrichtungen Theologie und Geschichte. Der kleinere von beiden, der aus Marseille, war ihr erst recht ein Rätsel. Vielleicht würde sie ihn an diesem Abend nach seinen Plänen fragen, wenn es ihr gelang, ihn von der Stuckdecke abzulenken.

»Möchten Sie ein Glas?«, fragte sie und hielt Yann die Flasche entgegen. Er stand nun neben ihr, Kopf und Hals beinahe im rechten Winkel gesenkt. Sie folgte seinem Blick, besorgt, ihr Kleid könnte zu tiefausgeschnitten sein, stellte dann aber fest, dass seine unbequeme Haltung nicht ihr galt, sondern dem Etikett auf der Flasche.

»Ein Roter aus Bandol!«, rief er aus. »Natürlich, danke! Dr. Moutte wächst ja heute Abend über sich hinaus!« Annie Leonetti musste lächeln. »Der Wein ist mein Beitrag. Das Leben ist doch zu kurz, um schlechten Wein zu trinken, nicht wahr? Holen Sie Ihren Freund her, damit ich auch ihm ein Glas einschenken kann.« Aber Thierry war bereits zur Stelle. Er hatte Professor Leonetti mit der Flasche in der Hand erblickt und sich durch die Professoren und Doktoranden bis zu ihr und Yann durchgedrängt. Er nahm sich kurzerhand ein benutztes Glas vom Tisch, denn wenn er lange nach einem sauberen suchte, war die Flasche vielleicht leer. Da übertönte plötzlich Dr. Mouttes Stimme den Geräuschpegel der plaudernden Gäste.

»Nein, Bernard! Es bleibt so, wie ich es Ihnen heute in meinem Büro gesagt habe ... Mein Entschluss ist endgültig!«

Professor Bernard Rodier, ein Mann mittleren Alters, der für viele Kollegen zu schön war, um sich mit Theologie zu befassen, wandte sich brüsk um und lief zur Tür. Annie Leonetti hatte nie verstanden, warum Bernard zu schön sein sollte. Hieß das, Theologie zu lehren war nur etwas für hässliche Menschen? Die gab es zur Genüge bei den Philosophen, während sich an der Juristischen Fakultät durchaus einige sehr hübsche, wenn nicht gar schöne Exemplare tummelten. Und wo war bei all dem ihr Platz?

Thierry und Yann sahen sich erschrocken an, denn sie glaubten, die Professoren hätten über das Stipendium gestritten. Annie aber lächelte und goss ihnen Wein nach. »Keine Sorge«, sagte sie. »Das hat mit dem Dumas-Stipendium nichts zu tun.« Zu Recht nahm sie an, Bernard habe Moutte unklugerweise nach dessen Pensionierung gefragt, die dieser auf einer Fakultätsversammlung in der Woche zuvor angekündigt hatte. Drei Namen wurden als Nachfolger auf dem Posten des Dekans gehandelt, der ein großzügiges Gehalt, viel Zeit für eigene Forschungen und diese fast 200 Quadratmeter große Wohnung in einem historischen Gebäude am Platz mit dem Brunnen Les Quatre Dauphins versprach, den viele für den schönsten von Aix hielten. Zu den Fresken, die auf die Bewohner dieser Räume herabblickten, kam in dem von hohen Mauern umgebenen Garten eine begehrte Rarität, welche die Bewohner von Aix im Sommer zwar gelegentlich hören, aber nie sehen konnten – ein Swimmingpool.

Ein derart üppig ausgestatteter Posten war für die Provence ungewöhnlich, aber die Theologische Fakultät hatte es immer verstanden, an der Universität eine Sonderrolle zu spielen. Ende der 1920er Jahre hatte Pater Jules Dumas, Geistlicher und zugleich Dekan, den Stammsitz seiner Familie und sein gesamtes Vermögen der Universität vermacht. Nach seinem letzten Willen sollte das jeweilige Oberhaupt der Fakultät die Räume im dritten Stock des Hauses bewohnen, während man die Etagen darunter vermieten sollte, um die Stiftung zu finanzieren, die seinen Namen trug. Später wurden ein Haus mit Büros und Unterrichtsräumen sowie eine Straße nach ihm benannt. Ironie der Geschichte: Seine Familie war mit Maschinenteilen für Panzer reich geworden, die man 1917 auf den Schlachtfeldern von Nordfrankreich und Belgien getestet hatte. Und zwei seiner Brüder hatten im Ersten Weltkrieg ihr Leben gelassen.

Wie Annie Leonetti gehofft hatte, war sie unter den drei Nachfolgekandidaten. Zwar jünger als ihre Kollegen und an der Fakultät als »Modernisiererin« bekannt, kam an ihrer Promotion an der amerikanischen Yale-Universität und ihren zahlreichen Veröffentlichungen keiner vorbei. Aber mehr noch als der Ruf, ein wenig radikal eingestellt zu sein, sprach gegen sie, dass sie aus Korsika stammte. Wo sie ihre ersten achtzehn Lebensjahre verbracht hatte, sollte für ihre Karriere wichtiger sein, als sie je geglaubt hätte. Manchmal bedauerte sie, dass sie nicht in den USA geblieben war, wo niemand auf den Gedanken gekommen wäre, eine Korsin mit den Eigenschaften »bäuerlich« oder gar »terroristisch« zu belegen. Das Schlimme war, dass sie und ihr Ehemann die Insel liebten und nach dem Abschluss von Annies Promotion eigens aus Amerika nach Frankreich zurückgekehrt waren, um jedes Jahr ihren Urlaub auf Korsika verbringen zu können.

Der zweite Nachfolgekandidat war Bernard Rodier, ein seriöser, wenn auch etwas phantasieloser Wissenschaftler, der sich auf den Zisterzienserorden spezialisiert hatte. Die Bekanntgabe des Dritten, Giuseppe Rocchia, wurde mit beträchtlichem Raunen und Murren aufgenommen. Der »Theologe für jedermann«, wie er sich gern nannte, lehrte an der Theologischen Fakultät in der italienischen Partnerstadt Perugia und verdiente das Zehnfache seines Universitätsgehalts damit, dass er Bücher und theologische Artikel für bunte Magazine schrieb oder im italienischen Fernsehen den Zuschauern seine Sicht auf die Weltreligionen erklärte. Aus diesem Grund verteidigte ihn Annie: Rocchia erläuterte mit einfachen Worten, was viele Leute für ein kompliziertes, abseitiges Thema hielten. Außerdem leistete er einen Beitrag zum italienischen Fernsehen, das dringend der Verbesserung bedurfte. Sie hatte seine Bücher gelesen, die in der ganzen Welt Bestseller waren, und so manches Wertvolle darin gefunden. Bei einem kürzlichen Besuch in Perugia hatte sie einen seiner Kollegen gefragt, weshalb Rocchia sich noch mit Lehrtätigkeit befasse, da er doch mit seinen Büchern und Auftritten in Talkshows so viel Geld verdiene. »Von dorther bezieht er sein Ansehen«, hatte Dario zu ihr gesagt, als sie auf einem der wunderschönen Plätze von Perugia einen Campari schlürften. »Außerdem lassen wir Italiener uns gern Dottore nennen.«

Bernard Rodier hatte sein leeres Glas auf einer Empire-Anrichte aus Tropenhölzern, die aus einer der früheren Kolonien Frankreichs stammten, abgestellt und den Raum verlassen. Er war regelrecht hinausgestürmt, sollte Annie später am Abend ihrem Mann berichten. Jetzt entlockte ihr der Patzer, den Bernard sich geleistet hatte und der seine Chancen auf den Posten des Dekans verschlechterte, nur ein kleines Lächeln. Als ihr Blick auf Yann und Thierry fiel, musste sie an ihre eigene Studienzeit denken – wie ihre Familie in dem korsischen Dorf wochenlang gefeiert hatte, als sie an einer Grande École von Paris angenommen wurde, wie viel Mühe und Zeit es sie gekostet hatte, Englisch zu lernen, und wie sie sich während der Jahre ihrer Promotion in Connecticut als Kellnerin in einem französischen Restaurant von New Haven verdingen musste, um ihre Studiengebühren zu bezahlen. Nachtarbeit wurde ihr zur Gewohnheit. Wenn sie eigentlich ihren beiden kleinen Kindern hätte vorlesen oder mit ihrem Ehemann das Bett hätte teilen sollen, saß sie am Schreibtisch und arbeitete. Jetzt aber würde sich all die Mühe auszahlen. Sie konnte, sie musste der nächste Dekan der Theologischen Fakultät werden. Und ihre Familie würde endlich von ihrer unansehnlichen Behausung aus den 1970er Jahren in eines der begehrtesten Gebäude von Aix ziehen. Für Bernard, der nicht annähernd so viel veröffentlicht und an keiner angesehenen ausländischen Universität studiert hatte wie sie, empfand sie kein Mitleid. »Armer Bernard«, flüsterte sie und schmunzelte in sich hinein.

2. Kapitel

Die echten Wissenschaftler

Annie Leonetti setzte ihr Weinglas ab und blickte sich in dem Raum um, in dem es totenstill geworden war. Georges Moutte legte die Hand vor den Mund und hüstelte, womit er das peinliche Schweigen brach. Ob er an diesem Abend enthüllte, wer seine Nachfolge antreten sollte? Bei dem Gedanken unterdrückte sie ein Lächeln, bedauerte aber plötzlich, dass sie ihren Mann nicht mitgebracht hatte.

»Sie können es durchaus schon jetzt erfahren«, sagte der ältere Herr mit lauter, klarer Stimme. »Ich habe mich entschlossen, meinen Rücktritt aufzuschieben.« Ein leises Murmeln lief durch den Raum, und wieder musste der Dekan sich laut räuspern, um sich Gehör zu verschaffen. »Auf unbestimmte Zeit«, fügte er hinzu und beantwortete gleichsam die stumme Frage, die den meisten Gästen durch den Kopf ging. »Ich traue mir durchaus noch etwas zu«, fuhr er fort und versuchte ein Lachen. »Wer das Dumas-Stipendium erhält«, sagte er und blickte in Richtung von Yann und Thierry, »wird nächste Woche um diese Zeit bekanntgegeben. Und nun möchte ich, dass Sie essen, trinken und es sich bei mir wohl sein lassen.«

Yann legte das Stück Pizza auf den Teller zurück und blickte Thierry an. »Jetzt habe ich überhaupt keinen Appetit mehr.«

»Verstehe«, antwortete Thierry. »Ich wünschte, wir könnten uns das Stipendium teilen.«

»Auf keinen Fall«, erklärte sein Freund mit einem Ernst, den Thierry kaum von Yann kannte. »Aus dir wird einmal ein echter Wissenschaftler. Ich bin nur zur Theologie gekommen, weil es da mehr freie Plätze gab und ich meine Eltern richtig ärgern wollte.« Thierry griff nach der Flasche und goss beiden ein. »Aber trinken können wir doch. Hat es denn funktioniert?«

»Hat was funktioniert?«, fragte Yann, nahm einen Schluck Wein und griff nach einem Petit Four. Nachdem heraus war, was ihn so beschäftigt hatte, meldete sich der Hunger wieder. »Du meinst, ob sich meine Eltern geärgert haben?« Yann lachte und prostete seinem Freund zu.

»Das war ein Spaß. Mein Vater drehte gerade einen Dokumentarfilm über das Turiner Grabtuch, was ihn ganz unerwartet zu einem Anhänger der katholischen Mystik bekehrte. Daher fand er es ganz toll, dass ich Theologie studieren wollte. Noch mehr hat mich überrascht, dass meine Mutter ebenso dachte. Wir haben einen reichen Großonkel, der Missionar in Südamerika ist. Den wollte sie damit offenbar beeindrucken.«

»Was du auch sagst«, meinte nun Thierry, »ich denke nach wie vor, dass du in der Theologie deinen Weg machst.« Yann musste lachen. »Ich wundere mich selbst, dass ich daran Gefallen gefunden habe. Das liegt in erster Linie an Dr. Leonetti. Aber Stipendium oder nicht, ich werde einen Abschluss in Betriebswirtschaft machen.«

Thierry goss seinem Freund noch einmal Wein nach, sich selbst aber nicht. Als Yann seine gerunzelte Stirn sah, fragte er: »Was hast du denn? Keine Sorge, selbst wenn ich in die Staaten gehe, bleiben wir doch in Kontakt, oder?« Thierry schüttelte den Kopf, trat dicht an seinen Freund heran und sagte leise: »Nein, nein, das ist es nicht. Mich macht stutzig, dass Moutte nicht zurücktritt. Wie sich wohl Professor Leonetti jetzt fühlen mag? Ich habe gedacht, sie wird seine Nachfolgerin, du nicht auch?« Yann blickte zu der Professorin hinüber, die nun auf einem harten Stuhl mit hoher Lehne saß und, die Hände auf den Knien, zur Decke schaute. »Das habe ich auch gedacht, aber was wissen wir schon? Uns sagt man doch nichts. Vielleicht hat es noch weitere Anwärter gegeben. Rodier zum Beispiel oder der Kerl aus Toulouse, der sich so für die normannische Kirche interessiert. Außerdem wird Moutte bestimmt bald zurücktreten, so alt wie er ist.«

»Was heißt bald? Du weißt doch, wie schlimm es ist, wenn man sich einer Sache sicher glaubt, und plötzlich kommt es ganz anders. Ob es dann noch sechs Monate dauert oder drei Jahre, spielt keine Rolle. Es ist wie ein Schlag in den Magen.«

Yann nahm einen Schluck und versuchte sich zu erinnern, wann ihm so etwas passiert war. Als Laura ihm im letzten Moment mitgeteilt hatte, sie könne im Juli nicht mit ihm in die Bretagne fahren, und er von einem Freund erfuhr, dass sie sich in St. Tropez mit einem Kerl vergnügte, der bereits in einer Anwaltskanzlei angestellt war? Nein, darüber war er ziemlich schnell hinweggekommen, als Suzanne letzten Sommer in sein Leben zurückkehrte.

»Schau dir das an«, sagte plötzlich Thierry und blickte quer durch den Raum. »Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich sagen, Mlle. Zacharie baggert Moutte an.« Yann schaute in die gewiesene Richtung und zuckte zusammen.

»Das ist ja ekelhaft! Was macht die denn da? Versucht sie ihn zu küssen? Ich dachte, sie kann keinen in der Fakultät leiden, besonders mich nicht, seit ich versucht habe, aus ihr herauszukriegen, wann über das Dumas-Stipendium entschieden wird.«

»Nein«, meinte Thierry und nahm sich einen Cracker. »Dich konnte sie schon lange vorher nicht leiden.«

Yann runzelte nur die Stirn. »Du hast recht, zu hassen scheint sie den Dekan jetzt nicht gerade.« Die 27-jährige Audrey Zacharie besaß einen Abschluss in Kunstgeschichte und hatte in ihrem letzten Jahr an der Universität nachmittags gelegentlich in der Theologischen Fakultät ausgeholfen. Als ihr Studium beendet war, wurde gerade die Sekretärinnenstelle beim Dekan der Theologen frei, und Audrey kam so zu einem Vollzeitjob. Sie war jedoch ewig unzufrieden und rieb Professoren und Studenten jeden Tag unter die Nase, dass dies nicht ihr Lebensplan sei und nur die Wirtschaftskrise sie zwinge, Briefe zu tippen und Akten abzulegen. Zugleich wachte sie wie ein Schießhund über ihre neue Rolle in der Fakultät und war stolz auf diesen sicheren Platz mit großzügigem Urlaub und hervorragenden Rentenansprüchen.

»Knabbert sie Moutte am Ohr?«, fragte Yann, während er an einem Stück Brot kaute.

»Nein, sie flüstert ihm etwas zu. Vielleicht sagt sie ihm gerade, wie sehr sie dich hasst.«

Yann nahm sich ein Stück Käse, steckte es in den Mund und zog eine Grimasse.

»Du meine Güte, was für ein Zeug. Ich brauche schon deshalb einmal ein gutes Gehalt, um mir ordentliches Essen und Trinken leisten zu können.«

»Da haben Sie recht!«, kam es von Dr. Leonetti, die zu den beiden Studenten getreten war. »Es freut mich, dass Ihnen der Wein schmeckt. Es ist schon merkwürdig, dass an einem Hang so nahe am Meer ein derart vollmundiger, starker Roter wächst.« Seit Bernards wütendem Abgang war ihr ganz flau im Magen, denn sie wünschte sich doch so sehr, Dr. Mouttes Nachfolgerin zu werden. Bernards Fall zeigte aber, wie leicht man durch eine Sorglosigkeit bei dem betagten Dekan in Ungnade fallen konnte. Was sein Rücktritt vom Rücktritt »auf unbestimmte Zeit« wohl bedeutete? Ein weiteres Studienjahr? Das ging schnell vorbei, aber mehr war wohl kaum zu ertragen. Ging Moutte nicht schon auf die Siebzig zu? Unvermittelt wurde ihr klar, dass sie nicht wusste, wie alt der Dekan wirklich war. Vielleicht erst Ende fünfzig? War das möglich? Wer wusste das schon? Sie grübelte gerade darüber nach, wie sie sich an Mouttes Sekretärin heranmachen könnte, die sie verachtete, als einer der Jungen eine Bemerkung fallenließ, die sie in die Gegenwart zurückholte.

»Und merkwürdig, dass Cassis an derselben Küstenstraße nur einen hellen, prickelnden Weißen hervorbringt!«

Annie Leonetti starrte Yann an, überrascht, dass der so viel von Wein zu verstehen schien. Sie war froh, jetzt Thierry und Yann zur Gesellschaft zu haben, mit denen man über Wein, Fußball oder anderes reden konnte, was junge Männer in ihrem Alter so interessierte. »Ja, darüber habe ich auch schon nachgedacht! Machen wir noch eine Flasche auf?«, fragte sie dann, beugte sich hinunter und holte unter dem weißen Tischtuch eine hervor, die sie dort vor der Party für sich reserviert hatte.

3. Kapitel

Ein dummer Einfall

Yann starrte Thierry ungläubig an. Er hatte die wackelige Klinke herabgedrückt, und die Tür ging tatsächlich einige Zollbreit auf.

»Das gibt’s ... doch nicht!«, sagte Thierry und ließ ein lautes »Hick!« hören. »Ich weiß, dass diese Bude bald auseinanderfällt, aber es ist doch ... irre, wie leicht man hier reinkommt.«

»Schsch«, machte Yann und hob die Hand. »Geht dein Schluckauf nicht ein bisschen leiser? Los, du zuerst, ich bleibe dicht hinter dir.«

Die beiden Studenten zwängten sich durch die nur wenig geöffnete Tür. Es war eine Seitenpforte des Hauses der Geisteswissenschaften an der Avenue Jules Dumas, die auf eine schmale, für den Abtransport der Mülltonnen benutzte Gasse hinausging. Yann hatte Erfahrung mit solchen Dingen. Im Pariser Wohnhaus seines Vaters gab es eine ähnliche Hintertür, deren Schloss sich leicht öffnen ließ. Das kam ihm zugute, wenn er den Schlüssel vergessen hatte und nicht wollte, dass ihn der Vater um drei Uhr nachts heimkommen sah. Außerdem gab es da noch diese Sache in der kalten Polizeizelle und die Enttäuschung im Gesicht seines Vaters, als er ihn am nächsten Morgen von dort abholte. Yann zog die Tür geräuschlos hinter sich zu und lief zu der Treppe links von ihnen. Der Strahl seiner kleinen Taschenlampe huschte über die Stufen. »Sein Büro ist in der vierten Etage. Los geht’s.«

»Das ist wirklich ein dummer Einfall.«

»Ich hab’s dir doch schon erklärt«, sagte Yann und schob Thierry die Stufen hinauf. »Moutte ist nicht ganz bei Trost ..., das hat er heute Abend wieder mal bewiesen. Er hält uns schon die ganze Zeit zum Narren, ändert ständig den Termin, lässt Anspielungen fallen, wer das Stipendium kriegt. Und wenn er nun entschieden hat, es ganz abzuschaffen? Oder sich einen anderen Sieger ausgeguckt hat?«

»Wenn wir erwischt werden, kommen wir in Teufels Küche«, sagte Thierry und blieb mitten auf der Treppe stehen.

»Wer soll uns denn erwischen? Wir schlüpfen hinein und heraus wie die Kirchenmäuse«, flüsterte Yann.

»Und wenn Moutte noch im Büro sitzt?«

»Er ist zu Hause und schläft tief und fest, das habe ich dir doch schon gesagt! Alte Leute brauchen viel Schlaf.«

»Ich dachte immer, es wäre umgekehrt«, gab Thierry zurück. »Die brauchen weniger Schlaf als wir.«

Yann schnaufte ärgerlich. »Wie auch immer. Um diese Zeit ist er nicht mehr hier, wir haben fast zwei Uhr. Du bist übrigens puterrot im Gesicht.«

Thierry legte den Handrücken auf die Stirn. »Du weißt doch, dass ich immer Schweißausbrüche habe, wenn ich nervös bin. Das zeigt nur, was für eine blöde Idee das ist!«

»Hör zu: Wenn wir die Papiere finden, aus denen klar hervorgeht, wer das Stipendium bekommen soll, fotografiere ich sie mit meinem neuen Handy, und wir zeigen das Dr. Leonetti. Dann sind wir gewappnet, wenn er noch einmal so ein Ding loslässt wie heute Abend.«

Thierry blickte in das dunkle Foyer hinab und versuchte sich das Gewimmel von Studenten, Angestellten und Professoren vorzustellen, das tagsüber dort herrschte. Aber so sehr er sich auch mühte, die Dunkelheit und Stille des Ortes wirkten nach den geräuschvollen Bars, aus denen sie kamen, geradezu unheimlich auf ihn.

Yann sah die Sorge in Thierrys Miene und erklärte in ruhigem Ton: »Wir bleiben höchstens zehn Minuten, einverstanden? Außerdem – bist du denn gar nicht neugierig?«

»Na schön. Und dass ich betrunken bin, hilft mir auch.«

»Sei still! Seine Tür ist die vierte auf der linken Seite. Siehst du sie?« Yann ließ den Strahl seiner Taschenlampe über die Türen gleiten, die aus hellem Holz im Stil der 1930er Jahre gefertigt waren. »Hier ist es.« Yann gab Thierry die Taschenlampe, zog seine Brieftasche hervor und griff nach seiner Bankkarte.

»Warum benutzt du nicht auch noch unseren Studentenausweis?«

»Schsch! Jetzt werde doch mal ernst. Sieh her ... Ich mache das wie in einem Krimi«, erklärte Yann und schob die Karte in den Spalt zwischen Tür und Rahmen. »Leuchte mal hierher, ich muss schauen, wo der Schnapper ist.« Thierry beugte sich nieder, um zu tun, was man ihm sagte, aber von dem Schnapper war nichts zu sehen. Yann blickte seinen Freund an und zuckte die Schultern. Er legte die Hand auf den Türknauf und drehte ihn vorsichtig. Die Tür ging auf. »Habe ich es dir nicht gesagt?«, zischte er. »Moutte ist nicht mehr ganz bei Trost! Er hat heute Nachmittag sogar vergessen abzuschließen.«

»Machen wir Licht?«, fragte Thierry.

»Warum nicht? Die Fenster gehen nicht zur Straße hinaus, wer soll es schon sehen?« Die Deckenbeleuchtung ließ das Büro des Dekans in all seiner lächerlichen Pracht erstrahlen. Yann schüttelte angewidert den Kopf. »Wie ich diese Amtsstube hasse!« Er erwartete Zustimmung von seinem Freund, aber Thierry starrte auf ein riesiges Gemälde aus dem 19. Jahrhundert, das den heiligen Franz von Assisi zeigte. Yann stemmte die Hände in die Hüften und fuhr fort: »Warum hat er sie nicht im coolen Art-déco-Stil eingerichtet, wie es zu den klaren Linien des Hauses passt? Aber dieser Kitsch!« Yann war als Kind von seiner Mutter viele Jahre lang durch Auktionshäuser und Designerstudios geschleppt worden. Nach ihrer Scheidung fühlte sie sich ihm gegenüber schuldig und wollte ihn nicht allein lassen. Aber bald wurde Mme. Falquerho klar, dass ihr jüngster Sohn große Kunst und gutes Design nicht nur liebte, sondern ein Auge dafür hatte.

Thierry schaute sich staunend um. Zwar begriff er, was Yann mit »klaren Linien« und »Art-déco« meinte, aber er selber konnte den schweren roten Samtvorhängen vor den Fenstern, den Bücherregalen aus dunklem Holz an den Wänden und selbst der in Gold und Beige gestreiften Tapete durchaus etwas abgewinnen. Dies war ein Ort, so stellte er sich vor, wo man seine Tage bei ruhiger Arbeit verbringen konnte. Eine Oase inmitten der billigen, gesichtslosen Bauten, die man sonst auf dem Gelände der Universität fand.

»Wo wollen wir suchen?«, fragte er und wandte seinen Blick von dem heiligen Franz ab, beschämt, dass er die Sünde des Rechtsbruchs beging. Ihm war kalt, er wollte die Dokumente einsehen und dann schnell wieder verschwinden.

»Wahrscheinlich am besten in den Aktenschränken. Vielleicht gibt es da einen Ordner mit der Aufschrift ... ›Dumas-Stipendium‹? Was meinst du?«

»Meinetwegen!« Thierry trat an die Aktenschränke heran, die die Basis der Wandregale bildeten. Er öffnete den ersten, aber auch in dem standen nur Bücher. Yann ging an den nächsten, der Papier und anderes ordentlich aufgestapeltes Büromaterial enthielt. Bei der dritten Tür ließ Yann einen Pfiff hören. »Bingo«, flüsterte er, als sei er auf das Fach gestoßen, wegen dessen Inhalt sie das Recht brachen. Er zog die oberste Schublade auf und sah, dass darin alphabetisch geordnete Akten lagen. Die Mappe zum Dumas-Stipendium war bald gefunden. Er öffnete sie, und beide schauten begierig hinein. Yann hielt sie, während Thierry rasch die Seiten umblätterte.

»Hier sind unsere Bewerbungen – meine und dann deine«, sagte Thierry. »Und Garrigue?«

»Keine Sorge! Die hat keine Chance! Hat sie schon mal im Seminar den Mund aufgemacht?«, fragte Yann.

Thierry ließ erleichtert die Schultern sinken.

»Nein, du hast recht. Aber sie ist wirklich klug. Und hübsch dazu, meinst du nicht? Wenn man sie etwas besser ausstaffiert, in andere Klamotten steckt und ihr eine schickere Brille verpasst?«

Yann schaute seinen Freund entgeistert an. »Liest du neuerdings die Elle?« Ärgerlich über Thierrys Geschwafel griff er nach der nächsten Bewerbung. »Ah, Claude. Keine Chance. Seine Noten sind nicht so gut wie unsere, außerdem ist er ein Einsiedler. Verdammt! Nichts darüber, wer nun gewonnen hat!«

»Dann ist das eben so. Los, gehen wir«, sagte Thierry, schob die Mappen zusammen und legte sie in die Schublade zurück. »Mir wird das Ganze langsam zu viel.« Er wandte sich wieder dem Heiligen aus Umbrien zu, der ihm, von Tieren und Vögeln umgeben, zulächelte.

»Nein! Wenigstens auf den Schreibtisch werfen wir noch einen Blick. Vielleicht hat er den Sieger irgendwo auf einem Zettel notiert.« Yann ging zum Schreibtisch, und Thierry folgte ihm mit einem Seufzer.

»Schau du dich um, ich setze mich ein bisschen hin«, sagte Thierry. Am Schreibtisch angekommen, stoppte er, weil ihm etwas zu fehlen schien. »Wo ist denn der Schreibtischsessel?«, fragte er und ging um den Tisch herum. »Oder benutzt er gar einen dieser ergonomischen Hocker?«

Yann lachte und nahm eine Mappe ohne Aufschrift von dem Tisch. »Ich glaube kaum, dass Moutte bei IKEA einkauft!«

Da schnappte Thierry plötzlich nach Luft und tat einen Schritt zurück, wobei er gegen ein Tischchen mit Marmorplatte stieß und beinahe eine große Glasvase, die darauf stand, umgeworfen hätte. Yann ließ die Mappe fallen, griff nach der Vase und rief: »Merde, Thierry!« Nach seiner Meinung war das Art nouveau aus ... Nancy? Er versuchte sich an den Namen des Glaskünstlers der Jahrhundertwende zu erinnern, dessen Vasen seine Mutter mit viel Mühe für stinkreiche Kunden erstanden hatte. Sie waren stets aus dunklem, grün, braun oder orange gefärbtem Rauchglas gewesen. Blumen und Pflanzen rankten sich um sie.

»Jesus, Maria und Joseph!«, schrie Thierry auf.

»Sei still! Dich hört man ja bis ins Stadtzentrum!«, entfuhr es Yann. Thierry drehte sich vom Tisch weg, lehnte sich gegen die Wand, den Unterarm vor den Kopf gelegt, und wimmerte leise.

»He«, flüsterte Yann, jetzt ernstlich besorgt. Er trat an seinen Freund heran und strich ihm über den Rücken. »Ist ja gut, wir gehen doch gleich.«

Thierry stand eine Weile wie erstarrt. Ohne hinzusehen wies er langsam mit der Hand auf den Fußboden hinter dem Schreibtisch. Yann drehte sich um. »Heiliger Strohsack!« Da lag der Dekan mit weit aufgerissenen Augen auf dem Rücken und neben ihm der umgekippte Sessel. »Los, weg von hier!«

Thierry drehte den Kopf und zwang sich, Mouttes Leichnam einen Augenblick lang anzuschauen. Dann rief er seinem Freund zu: »Yann! Wir können ihn doch nicht so liegenlassen!«

Der zerrte Thierry am Pullover. »Wen sollen wir denn rufen? Er ist tot! Wahrscheinlich hatte er einen Herzanfall. Aber wenn sie uns erwischen! Schließlich sind wir hier eingebrochen. Schon vergessen?«

»Wir können doch zumindest einen Rettungswagen rufen!«, flehte Thierry und griff bereits nach seinem Handy. Yann legte seine Hand darauf.

»Die finden ihn, wenn es hell wird! Lass uns gehen! Los!«

»Wir machen es anonym!«, verlangte Thierry verzweifelt mit gebrochener Stimme.

Jetzt legte Yann beide Hände auf Thierrys Schultern und schaute ihm fest in die Augen. »Beruhige dich. Für den alten Kerl können wir nichts mehr tun. Wir müssen uns jetzt um uns selber kümmern und so rasch wie möglich von hier verschwinden. Der Hausmeister findet ihn am Morgen. Verstehst du? Gehen wir!«

Thierry ließ sich von den Argumenten seines Freundes überzeugen. Wenn man sie jetzt in Mouttes Büro fand, würde keiner von beiden das Dumas-Stipendium erhalten. Wahrscheinlich würde man sie sogar von der Universität verweisen. Dann endete er als Französischlehrer in einer Schule der Problemviertel von Marseille wie sein Vater. Noch einmal warf er einen Blick auf den Dekan. Besonders erschreckten ihn dessen weit aufgerissene Augen. Die sollte Thierry Marchive sein Leben lang nicht vergessen. Dreißig Jahre später – da war er bereits Leiter der Abteilung Theologie an einem kleinen amerikanischen College – würde seine vierjährige Tochter von einer Schaukel fallen und zwei, drei Sekunden lang genau so in den wolkenlosen Himmel starren, bis sie wieder atmen und Thierry, einer Ohnmacht nahe, Tränen der Erleichterung vergießen konnte. Ein weiteres Mal sollte er solche Augen bei einer zu schlanken und zu nervösen Kollegin sehen, die in seinem Büro eine Herzattacke erleiden würde.

»Gehen wir«, sagte er, ein wenig ruhiger.

Als sie zur Tür schritten, warf Thierry einen letzten Blick auf das große Bild an der Wand und begriff, warum er es so schön fand: Der heilige Franz beugte sich lächelnd nieder und sprach mit den Vögeln. Eine riesige Eiche breitete ihre Äste über der Gruppe aus, als beschütze sie den Heiligen und seine Freunde. Winzige bunte Blumen schmückten den Vordergrund. Mit einem Seufzer hielt Yann seinem Freund die Tür auf und schob ihn sanft hindurch.

»Gallé«, flüsterte Yann, entrüstet, dass dieser Kitsch aus dem 19. Jahrhundert Thierry so bewegte.

»Was hast du gesagt?«

»Ich meine die Vase, die ich gerade noch gerettet habe. Sie ist von Émile Gallé.« Thierry antwortete nicht. Er fand es befremdlich, dass sein Freund von einer Vase redete, während der Dekan der Theologischen Fakultät leblos auf dem Rücken lag. Beide wussten nicht, dass die Mappe, die Yann aus der Hand gefallen war, den Namen des Gewinners des Dumas-Stipendiums enthielt.

4. Kapitel

Bei jedem Job ...

Seit dem frühen Morgen regnete es unaufhörlich. Kommissar Bruno Paulik1 stand an seinem Küchenfenster und sah, wie die schweren Tropfen auf die Pflanzen in seinem kleinen Hof niederprasselten. In der Provence war seit Monaten kein Regen gefallen, wie lange, wusste er schon gar nicht mehr. Jetzt schien das Wetter Versäumtes nachholen zu wollen. Gerade hatte das Radio gemeldet, dass ein Dorf in der Haute Provence bereits wegen Überschwemmungsgefahr geräumt werden musste. Der Schotterweg zum Hof seiner Eltern bei Ansouis im südlichen Luberon fiel ihm ein. Das war zwar weit von dem Überschwemmungsgebiet entfernt, aber wenn es dort ebenso schüttete, würde der bald ein einziger Morast sein. An Tagen wie diesem zahlte sich der Range Rover aus, den er gebraucht gekauft hatte. Bei schlechtem Wetter musste er jetzt nicht mehr in dreihundert Meter Entfernung auf der Landstraße parken. Das Allradfahrzeug erklomm auch die entlegensten Weinberge seines Vaters und seiner Frau Hélène, wenn der alte Mann, der nun bald achtzig war, auch am liebsten zu Fuß ging. »Ich gehe, solange ich noch kann«, brummte er nur, wenn Bruno ihm anbot, ihn zu fahren. Allerdings vermutete der Kommissar bei seinem Vater andere Gründe: Alceste Paulik hatte vor kurzem zwischen Reihen von Weinstöcken eine römische Münze gefunden und glaubte fest daran, es müsse noch mehr davon geben. Er zeigte sie jedem, der in sein Haus kam – von Familienmitgliedern bis zu dem Burschen, der den Stromzähler ablas. Wenn auch die Inschrift nicht mehr zu entziffern war, so war er doch davon überzeugt, dass der deutlich erkennbare Kopf Kaiser Hadrian darstellte: mit Bart und langer Adlernase, in eine Toga gehüllt, den Lorbeerkranz auf dem Kopf. Über Nacht, so schien es zumindest seinem Sohn, war Alceste Paulik zu einem begeisterten Hobbyhistoriker geworden. Er ließ sich von Bruno sogar nach Aix fahren, »die große Stadt«, die seine Eltern gar nicht mochten, um sich in der Bibliothek Bücher über römische Geschichte auszuleihen.

»Papa!«, maulte Léa und vergrub ihren blonden Schopf verzweifelt in den Händen. Bruno Paulik wandte sich seiner Tochter zu. »Dieses blöde Solfeggio! Wie ich es hasse! Warum müssen wir solche Übungen machen? Ich kann doch schon Noten lesen!« Heftig schob sie mit der linken Hand die Blätter beiseite, so dass sie über den Esstisch aus Kiefernholz sausten und zum Teil zu Boden fielen. Paulik drehte sich vom Fenster weg, trat zu ihr und nahm sie in den Arm.

»Du weißt doch, wenn du auf die Musikschule von Aix gehst, musst du solche Übungen machen, auch wenn du schon Noten lesen kannst«, erklärte er ihr.

Als Léa stumm blieb, fuhr er fort: »Du singst gern, doch bei jedem Job, den man liebt, gibt es verschiedene Sachen, die man überhaupt nicht leiden kann. Aber wenn man darin richtig gut werden will, dann muss man ab und zu ...« – er suchte nach dem richtigen Wort – »eine Kröte schlucken.«

»Papa!« Die Neunjährige wusste nicht, ob sie weinen oder lachen sollte. Sie hat ja recht, dachte Paulik bei sich. Er wusste selbst, dass die schwierige, aber obligatorische Ausbildung in Musiktheorie zuweilen mehr Schaden als Nutzen brachte. Der beste Weg, um einem Kind die Liebe zur Musik auszutreiben, hatte seine Frau Hélène sie einmal genannt. Und wenn man ihn, Bruno Paulik, den Bauernsohn aus dem Luberon, in seiner Jugend zu solchen Dingen gezwungen hätte, dann wäre aus seiner Leidenschaft für die Oper, in der er selbst schon Buffo-Partien gesungen hatte, wohl nie etwas geworden. Auch Léa sang gern, warum sollte sie nicht jetzt ungetrübte Freude daran haben? Mit der Theorie konnte sie sich befassen, wenn sie älter war.

Er bückte sich, hob die herabgefallenen Blätter auf und flüsterte: »Pfefferminz-Schokoladeneis?« Léa nickte strahlend und hielt zwei Finger hoch, was hieß, dass sie zwei Kugeln wollte. Paulik nahm das Eis aus dem Gefrierschrank, und Léa holte zwei Schalen herbei. Sie waren mit dem hellgrünen süßen Traum fast fertig, als die Tür aufging.

»Mama!«, rief Léa. »Wir haben gerade eine Solfeggio-Pause mit Eis!«

Hélène Paulik blickte ihren Mann mit gespieltem Zorn an. Dann musste sie lachen.

»Willst du auch welches?«, fragte Léa. Hélène begriff nicht, wie Mann und Tochter bei dieser Kälte Eis essen konnten, wo man bereits den Kamin anfeuern musste.

»Nein, ich brauchte wohl eher einen heißen Grog.« Sie lehnte sich gegen die Wand und versuchte, ihre Gummistiefel abzustreifen.

»Kommt sofort!«, sagte Paulik und setzte den Wasserkessel auf. Léa lief zur Hausbar und fragte: »Rum oder Whisky?« Vater und Mutter blickten sich verblüfft an.

»Ist das nun ein gutes Zeichen, dass eine Neunjährige weiß, was in einen Grog gehört?«, fragte Bruno Paulik seine Frau.

»Rum, meine Süße!«, rief Hélène zurück. »Unsere Tochter ist eben ein aufgewecktes Mädchen, was soll ich da sagen?«

»Du bist müde und nass«, sagte Paulik, holte Hélènes geliebten wollenen Poncho und legte ihn ihr um die Schultern.

»Mehr nass und sehr frustriert. Wir wollten an diesem Wochenende eigentlich die Weinstöcke anhäufeln ... Bei deinem Vater hast du das ja schon erledigt.«