JOHN F. KENNEDY

UNTER DEUTSCHEN

Reisetagebücher und Briefe
1937–1945

Herausgegeben von Oliver Lubrich

Aus dem Amerikanischen von Carina Tessari

Bild

Impressum

ISBN 978-3-8412-0599-5

Aufbau Digital,

veröffentlicht im Aufbau Verlag, Berlin, Mai 2013

© Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin

Die Originalausgabe erschien 2013 bei Aufbau, einer Marke der Aufbau Verlag GmbH & Co. KG

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unter Verwendung eines Motivs von © Bettmann/Corbis

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www.aufbau-verlag.de

Inhaltsübersicht

Cover

Impressum

Geleitwort. Von Egon Bahr

Einleitung

1937 – Reisetagebuch

1939 – Reisebriefe

1945 – Reisebericht

Anhang

Editorische Notiz

Zeittafel

Quellen

Literaturverzeichnis

Dank

Informationen zum Buch

Informationen zu Herausgeber/Übersetzerin

Geleitwort

Von Egon Bahr

Als Präsident Kennedy am 26. Juni 1963 in Berlin einschwebte, hatte im Schöneberger Rathaus niemand eine Ahnung, welche Triumphe ihm der Tag bringen würde. Wir wussten, dass der Besuch keine Selbstverständlichkeit war. De Gaulle hatte sich geweigert, einen Ort zu »besuchen«, in dem Frankreich souveräne Rechte hatte und zusammen mit drei anderen Mächten Verantwortung trug. Konnte der Jubel und die politische Bedeutung überboten werden, nachdem der General in Bonn, der Hauptstadt der Bundesrepublik, zum ersten Mal von dem »großen deutschen Volk« gesprochen hatte?

Die Mauer stand schon fast zwei Jahre, und keine Änderung oder auch nur Erleichterung der zementierten Teilung war absehbar. Nach dem verbalen Schlagabtausch mit Chruschtschow im Juni 1961 in Wien konnte nicht ausgeschlossen werden, dass ein politisch heißer Herbst bevorstand. Berlin blieb ein Risiko für den Präsidenten. Er muss erleichtert gewesen sein, dass ihn die Menschen so herzlich begrüßten, bevor er auch nur ein Wort gesprochen hatte. Sein erster Triumph: Auf dem Platz vor dem Rathaus, der nie zuvor und danach so viele Menschen gesehen hatte, sprach kein souveränes Staatsoberhaupt, sondern ein Freund, der Vertrauen und Hoffnung verkörperte, außerdem, unvergleichbar, der mächtigste Mann auf der Welt. Sein berühmter Satz wirkte wie eine Erlösung und hatte einen begeisterten Jubel zur Folge. Als Kennedy sich zum Berliner erklärte, schuf er eine friedliche Garantie für die Stadt. Bis 1990, dem Jahr der deutschen Einheit, hat es keine gefährliche Krise mehr gegeben.

Seine Rede am Nachmittag in der Freien Universität stellte die geniale Ergänzung dar, die Bereitschaft zur Entspannung mit der Sowjetunion, um die stabile Sicherheit in der Mitte für ganz Europa zu erreichen. Sie hielt trotz der Kuba-Krise, während der beide Seiten vor dem Abgrund eines nuklearen Krieges zurückschreckten. Das Einvernehmen mit Moskau war durch seine Erklärung in Berlin nicht gefährdet. Das wurde sein zweiter Triumph.

Beim Essen in der Brandenburghalle des Schöneberger Rathauses sprühte Kennedy vor guter Laune. Er muss sich erleichtert gefühlt haben. Den wirklichen Grund dafür kannten wir nicht. Der hatte eine ganz andere Dimension. Ich habe erst aus den Texten dieses Buches erfahren, dass Kennedy vor diesem Besuch mehrfach in Deutschland gewesen war. Bei Tisch hatte er das mit keiner Silbe erwähnt. Brandt hätte es mir mindestens zu verstehen gegeben, weil er wusste, dass ich schweigen konnte.

Die Kennedys sind eine der alten reichen weißen Ostküstenfamilien, unziemlich als Adel Amerikas bezeichnet. John F. war gerade zwanzig Jahre alt, als ihn sein Vater 1937 auf eine Dreimonatsreise nach Europa schickte. Schwerpunkte Frankreich und Italien für die Sehenswürdigkeiten, aber auch Deutschland. Der Student hat überall einen Blick für Mädchen, aber eben auch für die überzeugten Anhänger der Hitlerpartei. Gegner hat er nicht entdeckt. 1945 auf seiner dritten Deutschland-Reise, hat er nur noch Gegner getroffen. Aber dazwischen berichtet er 1939 aus Danzig, dass die Menschen begeistert »Heim ins Reich« wollten, in Berlin und abermals in München und in dem angeschlossenen Wien beeindruckt ihn die Stärke dieses zu ihrer Führung stehenden Volkes. Prag ist schon besetzt.

In London, wo sein Vater inzwischen Botschafter ist, erlebt er 1939 als Augenzeuge die Kriegserklärung Chamberlains gegen das Reich. Nach Kriegsende macht ihn sein Vater mit dem Marineminister James Forrestal bekannt, den er nun begleitet. Er lernt den Oberbefehlshaber General Eisenhower kennen und überfliegt die Trümmerwüsten des zerstörten Reiches. Aus der Nähe kann er die Verhandlungen für die Ordnung im Nachkriegseuropa auf der Potsdamer Konferenz verfolgen, an denen weder Paris noch Vertreter Osteuropas teilnehmen. Die betonte Geschlossenheit der Anti-Hitler-Koalition auf der einen Seite, auf der anderen Seite der Antitotalitarismus, zu dem der junge aufgeweckte Kennedy schon gefunden hatte, konnten ihn sogar zu der Ahnung eines Gegensatzes geführt haben, der bald Kalter Krieg genannt werden sollte.

Das Bild von Deutschland muss für Kennedy sehr widerspruchsvoll gewesen sein. Die grauen, verängstigten Gesichter der Berliner, die durch die Trümmerlandschaft liefen, haben ihn tief beeindruckt. In Bremen und an »Hitlers Wohnsitz« in Bayern sahen die Menschen gut genährt aus. Die Russen (Kennedy spricht nie von Sowjets) hätten Pläne für den politischen Wiederbeginn, die Amerikaner offenbar nicht. Die Deutschen seien willfährig, sogar unterwürfig. Er notiert: »Sollte Deutschland in vier Einheiten aufgeteilt bleiben, wird Berlin eine ruinierte unproduktive Stadt bleiben.« Die Antwort auf die Frage, ob es »je wieder zu einer Großstadt aufgebaut werden wird«, lässt er offen.

Das Panorama seiner Erinnerungen war nicht eindeutig. Sogar die hellen Farben konnten dunkle Hintergründe haben. Ob die Deutschen zuverlässig und berechenbar sind, konnte er aus den Erfahrungen seiner drei Reisen nicht klar herausfiltern.

Doch der dritte und größte Gewinn des 26. Juni 1963 wurde für ihn: Er hatte einen persönlichen festen neuen Standpunkt zu Deutschland gefunden. Er hatte die Fragezeichen abgeschüttelt, mit denen er am Morgen gelandet war. Der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika hatte keine Zweifel mehr: Für die Vision seiner Strategie des Friedens, des begrenzten Zusammenwirkens mit Moskau, war er sicher, die Bundesrepublik Deutschland an seiner Seite zu haben. Das war ihm so zur Gewissheit geworden, dass er seinen Nachfolgern hinterließ: Wenn sie einmal in eine schwierige Lage kämen, sollten sie nach Berlin fahren. Das würde ihnen helfen. Diese letzte Reise nach Deutschland ließ die vorhergehenden hinter dem Horizont der Vergangenheit verblassen. Für die Welt bleibt die Tragik, dass er noch vor Ende desselben Jahres ermordet wurde. Das Band der Freundschaft bleibt für Berlin unzerreißbar.

Januar 2013

»Die Deutschen sind wirklich zu gut«
John F. Kennedy im »Dritten Reich«

Einleitung

Präsident Kennedy will Adolf Hitler besuchen – im Jahr 1964, zum 75. Geburtstag des »Führers«. Auf dieser provokativen Idee beruht Robert Harris’ Bestseller Fatherland (1992), und in Christopher Menauls Film findet der Besuch spektakulär statt. In diesem Schreckensszenario, in dem »Germania« in Europa den Krieg gewonnen hat und nun eine Verständigung mit den USA herbeiführen will, ist es Joseph P. Kennedy, der als Präsident nach Berlin reist. In der Wirklichkeit war es sein Sohn, John F. Kennedy, der 1963 in der geteilten Stadt eine berühmte Rede hielt (»Ich bin ein Berliner«). Weniger bekannt ist, dass JFK bereits als junger Mann drei Reisen nach Deutschland unternahm: 1937, nach seinem ersten Jahr in Harvard, als Student; 1939, vor dem Beginn des Krieges, als Botschaftersohn; und 1945, während der Potsdamer Konferenz, als Reporter. Der junge Kennedy kam in wechselnden »Missionen«: einer bildungstouristischen, einer akademisch-diplomatischen und einer journalistischen. Und er gewann richtungsweisende Einsichten: zur Diktatur, zum Krieg und zum Systemkonflikt.

Auf seinen Reisen verfasste JFK Aufzeichnungen, die er nie veröffentlicht hat: ein persönliches Tagebuch (1937), einige Briefe (1939) und einen ausgearbeiteten Bericht (1945). Diese Dokumente werden hier erstmals zusammengestellt und in deutscher Sprache zugänglich gemacht. Sie zeigen, mit welchem Interesse ihr Verfasser auf die Deutschen blickte, wie er ihr Verhältnis zu Hitler zu ergründen suchte und wie sich dabei sein Denken veränderte.

In der kontrafaktischen Geschichte von Robert Harris’ Roman hängt das Schicksal der Welt vom Berlin-Besuch Joseph P. Kennedys ab. Aber auch die tatsächlichen Reisen des jungen John F. hatten nachhaltige Auswirkungen, und sie werfen weitreichende Fragen auf: Was bedeuten die deutschen Erfahrungen für seine Präsidentschaft? Welche Rolle spielen sie für seine Deutschland- und Berlin-Politik? Wie können wir anhand der frühen Aufzeichnungen den späteren Staatsmann in seiner Entwicklung verstehen?

Kennedys Amtszeit (20. Januar 1961 bis 22. November 1963) stand im Zeichen der Systemkonkurrenz und der Kriegsgefahr. Dramatische Ereignisse waren die Invasion in der Schweinebucht (17. April 1961) und der Bau der Berliner Mauer (13. August 1961). Die Kuba-Krise und die Berlin-Krise brachten die Menschheit an den Rand eines neuen Weltkrieges. Die entscheidenden Fragen seiner Regierungsjahre beschäftigten JFK, während er als junger Mann Deutschland bereiste: Wie funktioniert eine Diktatur? Wie lässt sich ein Krieg abwenden? Und wie ist einem alternativen Gesellschaftsentwurf zu begegnen?

Mit totalitären Gesellschaften machte Kennedy erste Erfahrungen, als er 1937 das faschistische Italien und das nationalsozialistische Deutschland kennenlernte und in Frankreich an der spanischen Grenze mit Flüchtlingen des Bürgerkriegs sprach. Den Weg in einen Krieg konnte er erstmals studieren, als er im Sommer 1939 München, Berlin und Danzig besuchte: die Orte, an denen der Konflikt zunächst entschärft worden war, die Entscheidung zum Angriff fiel und der Überfall auf Polen begann. Den Anfang des Kalten Krieges erlebte er, als er sich 1945 in Potsdam aufhielt, während die Siegermächte dort über die Friedensordnung verhandelten.

Auch Kennedys Verbindung zu Deutschland, sein öffentliches Eintreten für (West-)Berlin und sein vielzitierter Satz, den er am 26. Juni 1963 einer begeisterten Menge in deutscher Sprache zurief, sind vor dem Hintergrund seiner Kenntnis des Landes zu sehen.

Im Verlauf seiner Reisen löste sich der spätere Präsident allmählich vom politischen Programm seines mächtigen Vaters, der dafür eintrat, dass die USA sich aus Europas Konflikten heraushalten und den Diktaturen nicht widersetzen sollten. Er wandelte sich vom Isolationisten zum Interventionisten.

Bei Kennedys dreifacher Auseinandersetzung mit Nazi-Deutschland handelt es sich um die frühen Erfahrungen eines späteren Weltpolitikers, die im Rückblick bedeutend werden, aber auch um historische Zeugnisse, die als solche bedeutsam sind. Denn sie geben zunächst beispielhaft Aufschluss darüber, wie ein Amerikaner die deutsche Diktatur erleben konnte – vor Ort, zu verschiedenen Zeitpunkten; und wie er seine Beobachtungen aufgeschrieben hat – unmittelbar, in wechselnden Formen.

Wie also hat John F. Kennedy 1937, 1939 und 1945 das »Dritte Reich« wahrgenommen – in der Phase der Konsolidierung, vor dem Angriffskrieg und nach dem Untergang? Welche Einsichten enthalten seine Aufzeichnungen? Aber auch welche Fehleinschätzungen und welche blinden Flecken werden nachträglich sichtbar?

1937 – Diktatur

Nach seinem ersten Studienjahr in Harvard unternimmt der zwanzigjährige John »Jack« Kennedy (geboren am 29. Mai 1917) im Sommer 1937 zusammen mit seinem Schulfreund Kirk LeMoyne »Lem« Billings (1916–1981) eine ausgedehnte Bildungsreise: eine Grand Tour durch Europa. In Kennedys Ford-Cabriolet, das sie überführen, fahren Jack und Lem durch Frankreich, zur spanischen Grenze, nach Italien, Österreich und Deutschland und schließlich über die Niederlande und Belgien, mit dem Schiff, nach England.

Unterwegs führt Kennedy ein Journal. In ein gebundenes Heft mit dem aufgedruckten Titel »My Trip Abroad« schreibt er auf rund einhundert Seiten tageweise datierte Einträge, die er nachträglich offenbar nicht mehr bearbeitet, so dass sie ein unverfälschtes Abbild seiner damaligen Sichtweise geben. Dieses Reisetagebuch hat verschiedene Dimensionen: eine private, eine kulturelle und eine politische.

Vordergründig haben die College-Schüler in ihren Sommerferien vor allem Spaß. Sie treffen Bekannte, gehen in Kinos, feiern in Bars. So suchen sie in München das Hofbräuhaus auf, anschließend noch einen Nachtclub, und sie sehen sich einen Hollywoodfilm an: »Swing High, Swing Low«, eine Liebesgeschichte mit Carole Lombard.

Insbesondere ist immer wieder von Frauen die Rede. Die Fahrt ins »Dritte Reich« beginnt mit einer süffisanten Bemerkung: »Picked up a bundle of fun« (»Gabelten ein Spaßbündel auf« bzw. »Luden eine Fuhre Vergnügen auf«). Gemeint ist wohl eine nicht identifizierte junge Frau, die sie unterwegs mitgenommen haben. Vermutlich ist es diese Reisebekanntschaft, auf die Kennedy in der Folge wiederholt eingeht: »Her Ladyship«, bemerkt er zweimal sarkastisch, sei mit der schlichten Unterkunft nicht zufrieden gewesen. Es könnte allerdings auch sein, dass er mit diesem spöttischen Titel seinen mutmaßlich homosexuellen Freund Billings meint, für den er immer wieder neue Spitznamen erfindet.

Denn während Kennedy auf Affären aus ist (im Tagebuch ist die Rede von zahlreichen Flirts und Dates und sexuellen Eroberungen), muss es Billings anders ergangen sein. Lem soll Jack in der Schule Avancen gemacht haben, die dieser lapidar zurückwies, ohne dass es die Beziehung der beiden gestört hätte. Billings besuchte Kennedy als dessen engster Freund noch im Weißen Haus, wo ihm ein Gästezimmer zur Verfügung stand.

Im Tagebuch erscheint der Reisegefährte als komische Figur. Billings ist Kennedys Sidekick, über den sich der Millionärssohn liebevoll lustig macht, wenn er ausgerechnet in der Wallfahrtsstadt Lourdes krank wird, nach französischem Essen riecht oder einen Spurt einlegen muss. In Notre-Dame wartet der Protestant stundenlang im Kirchenschiff, während sein privilegierter katholischer Freund einen Platz beim Altar ergattert. Am Ende lässt ihn Kennedy sogar in Boulogne mit dem Auto zurück, um selbst das Postschiff nach England nehmen zu können.

Ein weiterer Begleiter ist ein in Deutschland erworbenes Haustier: ein Dackel (»Dachshund«), den Kennedy nach dem Sekretär des Botschafters der USA in Paris, Carmel Offie, benennt. Dass die beiden Amerikaner die nationalsozialistische Diktatur zusammen mit einem Tier bereisen, erinnert an den kuriosen Transit der Schriftstellerin Virginia Woolf, die das Land zwei Jahre zuvor mit ihrem Hausäffchen »Mitz« durchquert hatte, um so die Aufmerksamkeit der Einheimischen von ihr selbst ablenken und ihre eigenen Reaktionen auf den Faschismus in ihrem Tagebuch protokollieren zu können.

Der Hund bringt ein Problem zutage, das in Kennedys Leben eine wichtige Rolle spielte: seine gesundheitlichen Beschwerden. Denn JFK reagierte allergisch und bekam einen besorgniserregenden Ausschlag. Zeitlebens litt er unter Schmerzen aufgrund chronischer Krankheiten (im Magen, im Darm, am Rücken). Wenn er eine Biographie schreiben würde, hat Billings einmal gescherzt, würde diese einen entsprechenden Titel haben: »John F. Kennedy – Eine Patientengeschichte«.

All dies wird im Tagebuch höchstens nebenbei mitgeteilt. Der Stil der Aufzeichnungen ist schmucklos, lakonisch. Kennedys jungenhafter Humor kommt in saloppen Formulierungen zum Ausdruck, aber auch in einer trockenen Ironie, die sehr anspielungsreich und nicht immer auf Anhieb verständlich ist.

So stellt er seinem Tagebuch eine Liste sämtlicher Unterkünfte voran, von denen er all jene mit Sternchen versieht, wo ihm beschieden wurde, er sei »kein Gentleman!« Diese eigenwillige Auszeichnung erhalten insgesamt zehn Etablissements, zwei davon sogar doppelt. Weil Billings über wenig Mittel verfügte, stiegen die jungen Männer in günstigen Pensionen oder in einer Jugendherberge ab. Dabei scheinen sie sich oft schlecht benommen zu haben. Immer wieder ist die Rede von »Ärger«, den sie sich einhandeln, wenn es um die Bezahlung geht oder um hinterlassene Sachschäden.

Die Studenten der Elitehochschule Harvard sind aber durchaus auch kulturell interessiert. Ihre Reise ist ein touristisches Sightseeing. Kennedy berichtet von Kathedralen (Rouen, Beauvais, Notre-Dame, Orléans, Mailänder Dom, Petersdom, Kölner Dom), von Schlössern (Thierry, Fontainebleau, Versailles, Chambord, Blois, Amboise, Chenonceau und die Burgen am Rhein), von Museen (Louvre, Vatikan, Deutsches Museum) und von anderen historischen Stätten (Invalidendom, Lourdes, Kolosseum, Engelsburg, Pompeji). Er sieht Leonardo da Vincis »Letztes Abendmahl« in Mailand und Michelangelos »David« in Florenz.

Jeden Sonntag geht der praktizierende Katholik zur Messe – so auch in den Kölner Dom, wo er die gotische Architektur bestaunt. Er besucht Oberammergau, wo die Passionsspiele aufgeführt werden. Dabei erwähnt er Anton Lang, der als Darsteller mehrfach den Christus gegeben hatte und dadurch auch international bekannt geworden war.

Die beiden Touristen fahren außerdem nach Garmisch-Partenkirchen, wo das Hitler-Regime die Olympischen Winterspiele inszeniert hatte. Im Deutschen Museum in München bewundert Kennedy die Installationen zum Bergbau und zur Luftfahrt als Ausdruck von deutschem Perfektionismus. Er hebt die Schönheit des Rheintals hervor, mit den malerischen Dörfern und Burgen, aber auch die Modernität der Reichsautobahnen, die bekanntlich zu militärischen Zwecken angelegt waren.

Zwischen studentischen Abenteuern und touristischen Impressionen stellt Kennedy im Verlauf der gesamten Reise politische Betrachtungen an, die aus heutiger Sicht von besonderem Interesse sind. Eine Reihe von Beobachtungen an den vorherigen Stationen bereitet die Auseinandersetzung mit dem nationalsozialistischen Deutschland vor. So besichtigen Kennedy und Billings schon kurz nach ihrer Ankunft in Frankreich die Schlachtfelder des Ersten Weltkrieges: den Chemin des Dames, das Fort de la Pompelle, die beschossenen Kathedralen von Soissons und Reims sowie den amerikanischen Soldatenfriedhof unweit des Château Thierry. An der spanischen Grenze sehen sie die von den Franquisten zerstörte baskische Stadt Irún, und sie hören die furchtbaren Geschichten der Flüchtlinge. Ganz in der Nähe hat die deutsche »Legion Condor« drei Monate zuvor die Stadt Guernica bombardiert. Das Gemälde, das Pablo Picasso als Reaktion hierauf malte, wurde im Spanischen Pavillon auf der Pariser Weltausstellung (25. Mai bis 25. November 1937) gezeigt.

Kennedy besucht diese Ausstellung, auf der er auch die monumentalen Pavillons des Deutschen Reiches und der Sowjetunion gesehen haben muss, die einander am Eiffelturm nahezu allegorisch als Architektur gewordener Systemkonflikt gegenüberstanden. In Notre-Dame nimmt er an einer Messe von Kardinal Eugenio Pacelli teil, dem späteren Papst Pius XII. und früheren apostolischen Nuntius im Deutschen Reich, der 1933 das Konkordat mit der Regierung Hitler unterzeichnete – und der ein Freund seines Vaters ist.

Nachdem er in seinem Freshman Year New York Times