Ulrich Magin

Der Fisch

Thriller

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Impressum

ISBN 978-3-8412-0713-5

Aufbau Digital,

veröffentlicht im Aufbau Verlag, Berlin, Juli 2013

© Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin

Die Originalausgabe erschien 2008 bei Aufbau Taschenbuch, einer Marke der Aufbau Verlag GmbH & Co. KG

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unter Verwendung eines Motivs von © Bradley Mason/iStockphoto.com

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Inhaltsübersicht

Cover

[Impressum]

Prolog

8. September

4. Oktober

1. Teil - Fische

1 - 21. März

2 - 26. März

2. Teil - Lichter

3 - 4. Mai

4 - 23. Mai

3. Teil Stille

5 - 25. Mai

6 - 26. Mai

4. Teil - Vorbereitungen

7 - 27. Mai

8 - 28. Mai

5. - Teil - 0811

9 - 29. Mai

10 - 1. Juni

6. Teil - Jagd

11 - 2. Juni

12 - 3. Juni

7. Teil - Die Tiefe

13 - 4. Juni

14 - 5. Juni

Epilog

10 Jahre später, Sommer

Dank

Lesetipps

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Für Susanne und meine Eltern
in Liebe

Prolog

Oder die völlige Finsternis des tiefen Meeres: eine Woge über der anderen bedeckt sie, und über der Woge ist die Wolke; eine Schicht Finsternis über der anderen; wenn man die Hand ausstreckt, kann man sie fast nicht mehr sehen.

Sure 24, 40

8. September

Schon seit Stunden hatte kein Fisch angebissen. Der Angler streckte sich und verschränkte die Arme hinter seinem Kopf. Vor ihm stand die Büchse mit den Ködern, daneben der immer noch leere Plastikeimer für den Fang. Er sog die kühle Morgenluft ein, schloss die Augen und genoss die Ruhe. Nebel verdeckte das gegenüberliegende Ufer, schwebte über das Wasser auf ihn und sein Boot zu, färbte sich erst rosa, dann orange, schließlich karmesinrot: Die Sonne war aufgegangen, und ihr noch fahles Licht kroch über den See. Die Wellen waren kaum mehr als träge Schlieren, der Kahn schaukelte sanft. Der Angler fasste wieder nach der Rute.

Plötzlich zog es an der Leine. Hart, fest, ruckartig.

Die Schnur war in Sekundenbruchteilen angespannt und riss fast. Da musste ein kapitaler Bursche angebissen haben! Der Angler erinnerte sich, dass er an fast der gleichen Stelle vor ein paar Jahren einmal einen Riesenhecht geangelt hatte. Über eine Dreiviertelstunde lang hatte er mit dem Raubfisch gekämpft, doch es war all die Mühe wert gewesen. Mehr als einen Meter und sechzehn Zentimeter maß der schuppige Bursche von der spitzen Schnauze bis zum Ende der Schwanzflosse, fast vierundzwanzig Pfund brachte er auf die Waage. Und doch – als der Hecht damals anbiss, war das nur ein zaghaftes Zupfen an der Leine gewesen.

Dann ein neuer Ruck, die Leine spannte sich bis zum Zerreißen, die Rute bog sich durch.

Das musste ein Hecht sein, ein starker Kerl, ein Rekordexemplar!

Immer noch straff gespannt, zeigte die Schnur langsam nach vorn, zog die Rute mit sich. Der Angler musste sein Gerät fest umklammern, damit es ihm nicht entglitt. Er fluchte, als er sich dabei an der Hand verletzte.

Was war das nur für ein Fisch? Welcher Fisch hatte eine solche Kraft?

Das Ruderboot knarzte und drehte sich langsam, dann setzte es sich in Bewegung, erst zögerlich und gemächlich, bald immer schneller.

Links und rechts des Bootes schäumten Wellen auf, das Boot begann über das Wasser zu rasen. Der Angler kniete sich hinter die Ruderbank, um einen besseren Halt zu haben. Er fühlte sich, als zöge ihn ein Motorboot.

Die Angelrute fest an sich geklammert, sah der Mann über seine Schulter. Der Wind zerrte an seinen Haaren. Das Boot durchfurchte die Oberfläche des Sees und ließ einen breiten Streifen schäumendes und aufgewühltes Wasser hinter sich. Das Ufer war schon weit entfernt und entfernte sich mit jedem Augenblick weiter von ihm – es glich nur noch einem undeutlichen Strich. Der Angler überlegte, ob er die straff gespannte Leine kappen sollte. Aber dann würde die wild um sich schlagende Schnur ihn vielleicht schwer verletzen.

Wie viel Zeit mochte vergangen sein? Drei Minuten? Fünf Minuten? Er wusste es nicht zu sagen, er brauchte all seine Kraft, um die Angel zu halten. Was immer es war, das ihn zog, kam für Sekundenbruchteile nahe an die Oberfläche: ein grauer, länglicher Schatten, mindestens doppelt so lang wie sein Boot!

Den Angler übermannte Panik.

Was hatte er da gefangen?

Jetzt schrie er laut um Hilfe, aus einem uralten, ererbten Instinkt heraus, doch er war längst zu weit draußen auf dem See, als dass ihn jemand an Land hätte hören können. Das Rauschen des Wassers übertönte sein Rufen.

Schließlich riss die Angelschnur mit einem lauten Knall. Die Wucht schleuderte ihn nach vorn, er stolperte über die Ruderbank und rammte die Seitenwand des Kahns gegen seinen Magen. Er verlor das Gleichgewicht, dann fiel er über Bord.

Der kalte See schlug über ihm zusammen, er strampelte an die Oberfläche zurück und spuckte hustend Wasser aus. Neben ihm stand schräg das Boot im Wasser. Über die Schlagseite füllte es sich, dann drehte es sich und versank. Das alles geschah schneller, als er es für möglich gehalten hätte.

Dann sah er zum Ufer hin, das zu weit entfernt war, um es schwimmend zu erreichen. Er spürte, wie die Kälte in seinem Körper hochkroch. Eine Welle erfasste ihn, hob ihn an – die Bugwelle einer Fähre.

Der Angler griff nach dem Rettungsring, der ihm zugeworfen wurde. Dann zogen ihn mehrere Leute an Bord des Schiffes.

Sie wollten wissen, was mit ihm geschehen war. Er erzählte, sein Boot sei von einer Welle getroffen worden und dann gesunken. Über den riesigen Fisch, der ihn gezogen hatte, sagte er lieber nichts.

Wegen des Vollbartes, der ihm nach einer Woche Urlaub gewachsen war, erkannte ihn niemand. Es war besser so, dass niemand wusste, dass er Innenminster dieses Landes war, verantworlich für die Sicherheit. Schlagzeilen konnte er nicht gebrauchen.

4. Oktober

Seit sechs Wochen registrierte der Fühler 252 Meter unter der Seeoberfläche die Temperatur des Tiefenwassers und meldete seine Messung über eine Glasfaserverbindung nach oben: 8,5 °C, 8,7 °C, 9,5 °C.

Er tat das automatisch alle fünf Minuten. Tagaus, tagein.

Bis zu diesem Tag.

Um 6.05 Uhr übermittelte das Instrument noch Daten an den Computer, um 6.10 Uhr blieb es stumm, um 6.15 Uhr und um 6.20 Uhr ebenfalls und um 6.25 Uhr desgleichen. Es meldete an diesem Tag und den folgenden Tagen nichts mehr – ob es noch maß, konnte niemand sagen. Dieser Ausfall des Fühlers beunruhigte die Forscher im Institut jedoch nicht sehr. In den letzten sechs Monaten waren nach und nach drei Fühler ausgefallen, sechs funktionierten noch. Gründe für einen Ausfall konnte es viele geben: Vielleicht waren die Geräte fehleranfälliger als gedacht, vielleicht hatten kleine unterseeische Erdrutsche die Verbindungskabel gekappt. Das Budget war jedenfalls nicht hoch genug, um die defekten Instrumente zu ersetzen.

»Verdammter Mist, jetzt auch noch das!«, fluchte der Techniker, als er den Ausfall bemerkte. Ihm war klar, dass nun wieder der Papierkram losging: Antragsformulare für Fördergelder mussten ausgefüllt werden, er musste die Reparaturzeit einschätzen, die Mitwirkung von Fremdfirmen begründen und so weiter.

Er hatte Nachtschicht. So was passierte immer nur kurz vor Feierabend. Seufzend ließ er sich auf seinen Stuhl fallen.

Moment! Da war ja noch die Kamera mit Restlichtverstärker, welche die Entnahme der Wasserproben überwachte. Sie befand sich auf dem Seegrund keine fünfzig Meter vom Temperaturfühler entfernt. In Intervallen von zwanzig Sekunden schoss sie ein Bild, das auf dem Zentralrechner des Instituts gespeichert wurde.

Der Techniker kramte nach der Bedienungsanleitung für das Aufzeichnungsgerät, das die Aufnahmen digital speicherte. Hier war sie ja! Er klickte das Icon auf dem Schirm an und bediente manuell die Rückspulfunktion.

Endlich erschien das Video auf dem Monitor. Die Kamera hatte tatsächlich etwas aufgenommen.

Zuerst war das Bild klar. In der rechten unteren Ecke wurde die Zeit gezählt. 6.06 Uhr. 6.07 Uhr. Nun schaukelte die Kamera, erst nur leicht von Seite zu Seite, dann heftig und immer stärker. Seltsam, dort unten, an dieser Stelle, sollte das Wasser ziemlich ruhig sein. Plötzliche Turbulenzen gab es hier eigentlich nicht. Dann stieg aufgewühlter Schlamm hoch und trübte den Blick, und dann … näherte sich etwas … im Schlammnebel … eine schwarze, fette, vierfingrige Hand.

Das konnte nicht sein!

Der Techniker spulte zurück, fror die Aufnahme als Standbild ein. Was beim ersten Hinschauen klar und deutlich erschienen war, wirkte nun verzerrt und unscharf. Er war sich unsicher: War das wirklich eine Hand oder nur eine vage Form, in die sein Gehirn Muster hineininterpretierte? War es nur eine optische Täuschung, nur dunkle Stellen im trüben Wasser?

Sollten sich doch die Wissenschaftler darum kümmern, die auch sonst für alles eine Erklärung hatten, dachte er. Ihm klang noch ihr Lachen in den Ohren, weil er erzählt hatte, dass er morgens beim Joggen einen Wal vor sich aus dem See auftauchen gesehen hatte. Sicher, er wusste selbst, dass es keine Wale im Bodensee gab – nur: Was er gesehen hatte, hatte er gesehen! Eine nackte Hand in 252 Meter Tiefe war allerdings tatsächlich lächerlich!

Er bestellte einen neuen Temperaturfühler, den ein ferngesteuertes Mini-U-Boot dann, wenn sie wieder über die Mittel verfügten, auf den Seegrund bringen würde.

Jetzt war erst einmal Feierabend. Raus aus dem Keller!

Sie nannten ihn Joe – Joe den Frosch.

Er stand auf einem Fensterbrett und blickte mit seinen Glubschaugen auf das Schaubild, das mit einer Stecknadel an der Wand befestigt war und das zwei Linien zeigte, die in einem scharfen Zickzack nach oben kletterten, wie das Diagramm einer Serpentinenstraße hinauf zu einem Alpenpass. Daneben befanden sich ein Karton Salz und verschiedene Gläser voll Lebensmittelfarbe, mit denen Experimente durchgeführt werden konnten.

Die Kinder starrten alle auf den Frosch. Carl Ghuimin war das gewohnt – es war nicht die erste Klasse, der er im Institut die komplexen Verhältnisse im See, die Auswirkung des Treibhauseffekts auf die unteren Seeschichten und den Gedanken der ökologischen Verantwortung vermittelte.

Die Vorträge fanden in der Bibliothek des Instituts statt. Carl wartete, bis alle sich hingesetzt hatten. Er fuhr sich mit der Hand durch seine struppigen, kurzen Haare und rückte sein Jackett zurecht. Institutsführungen und Referate gehörten zum Job eines Doktoranden. Er mochte Kinder eigentlich nicht, doch er liebte das Lehren. Carl richtete den roten Laserpunkt seines Pointers auf das vom Weltraum aus aufgenommene Foto der Erde, das der Beamer auf die Leinwand warf.

»Weiß jemand von euch, wo der Nordatlantik liegt?« Mit dieser Frage konnte man sie immer kriegen.

Ein Dutzend Hände streckte sich in die Höhe. So war das mit Zwölfjährigen – jetzt wollten sie noch was lernen, in ein paar Monaten kämpften sie bereits mit der Pubertät.

»Der Nordatlantik ist wichtig für den Bodensee, denn unser See ist an dieses große Meer gekoppelt, genauer: an die NAO. Das ist kein Fremdwort und hat nichts mit einem verdrehten Noah zu tun, auch wenn wir den und seine Arche vielleicht bald brauchen könnten. NAO ist eine Abkürzung, ein Fachwort, und meint die nordatlantische Oszillation. Das klingt komplizierter, als es ist. Einfach gesagt, benennt NAO den Unterschied im Luftdruck zwischen zwei Stellen im Nordatlantik. Forscher messen nämlich den Luftdruck in Reykjavik und in Lissabon. Je stärker die Unterschiede im Druck sind – ihr kennt das von der Wetterkarte als Islandtief oder Azorenhoch –, desto größere Stürme entstehen. Im Winter sorgen dann die Stürme für milderes Klima, weil sie die kalte Luft wegpusten. Je höher also der Druckunterschied ist …«, Carl zeigte mit dem roten Laserpunkt des Pointers erst auf Island, dann auf Portugal, »desto mehr Stürme gibt es, desto milder werden die Winter, desto wärmer wird das Erdklima.«

Ein Blick auf die Klasse zeigte Carl, dass nicht jeder der jungen Schüler seinen Ausführungen folgen konnte. Er wollte sich deshalb auf den See konzentrieren – um den ging es schließlich.

»Wenn ihr auf dieses Bild schaut«, nun drehte sich Carl zu den Zickzackkurven an der Wand um, »dann seht ihr zwei aufsteigende Linien. Die eine zeigt den Anstieg der Luftdruckunterschiede im Nordatlantik, die andere die Erhöhung der Durchschnittstemperatur des Wassers im Bodensee. Ihr könnt erkennen, dass das alles ziemlich klettert – die durchschnittliche Temperatur des Seewassers von 4,5 °C 1960 um eineinhalb Grad auf 6 °C im Jahre 2000. Das scheint nicht viel, ist es aber. Man nennt das die globale Erwärmung oder den Treibhauseffekt. Wenn ihr genau hinschaut, bemerkt ihr, dass die Kurve, die die Temperatur des Bodensees anzeigt, etwa ein Jahr der des Nordatlantiks hinterherhinkt. Das kommt daher …«

Carl wechselte das Bild auf dem Beamer. Jetzt war er in seinem Element. Auf der Leinwand konnte man nun eine Art Trog sehen, der durch farbige Striche in drei horizontale Bereiche getrennt war.

»Hier seht ihr einen Querschnitt durch den Bodensee. Oben ist eine rote Schicht Wasser, darunter eine grüne, und das Wasser unten am Seegrund ist blau eingezeichnet.«

Carl blickte auf die Jungen und Mädchen. Er war ein souveräner Redner; gleichwohl genoss er auch die bewundernden Blicke. In vier bis sechs Jahren würden die Schüler ihre Lehre beginnen oder für das Abitur büffeln, würden Sachbearbeiter oder Bankangestellte werden. Ob sich wohl auch zukünftige Wissenschaftler unter ihnen befanden? Oder –

so wie er, als er achtzehn Jahre alt war – Punks, die ihr eigenes Ding durchzogen, die sich nicht um die Meinung der anderen scherten? Würden sie sich, so wie er damals, als Greenpeace-Aktivist engagieren oder nur nach Geld gieren?

Carl liebte den See. Als sich die anderen Jungen für Sport, Autos oder Dinosaurier interessierten, wollte er nur Bücher über Seen lesen. Nicht über das Meer: Haie und Wale ließen ihn kalt. Seen faszinierten ihn, ausschließlich Seen und vielleicht noch große Flüsse. Seen waren das Gedächtnis der Erde, sie steckten voller Geheimnisse.

»Was bedeuten die Farben?«, fragte ein Junge, der wirklich interessiert zu sein schien.

Carl musste schmunzeln. Gut so!

»Nun, diese Farben zeigen Schichten von unterschiedlich warmem Wasser. Das ist wie bei dem Wasserhahn an eurer Badewanne – Blau ist kalt, Rot ist warm, das grüne Wasser ist – sagen wir mal – lauwarm. Unten im See ist das Wasser kalt – oder sollte es zumindest sein. Aber gerade da unten wird es immer wärmer. Ein See ist nämlich nur scheinbar in Ruhe. Tatsächlich toben darin Gewalten, von denen ihr nichts ahnt.«

Carl erklärte Schülern gern die Arbeit von Seenforschern. Er verzichtete dabei auf komplizierte Worte wie Phytoplankton, Zooplankton, Hypolimnion oder Holomixis und versuchte, die komplizierten Verhältnisse im See in einfachen Worten zu schildern. Trotzdem: Er hatte nicht immer bei allen Erfolg.

Ein dickes Mädchen etwa, das in der zweiten Reihe saß, blickte aus dem Fenster auf den Bodensee, der in vielen kleinen Glitzerflecken im Sonnenlicht blinkte. Ihre Wangen waren wie vor Aufregung gerötet, aber Carl war sich bewusst, dass es sicherlich nicht sein Vortrag war, der sie so beschäftigte.

Er ließ sich nicht stören und fuhr fort: »Kaltes Wasser ist schwerer als warmes. Am Ende des Winters sinkt das abgekühlte Oberflächenwasser deswegen bis auf den Seegrund. Und das ist ganz schön viel Wasser. Ihr müsst euch das wie einen riesigen Wasserfall vorstellen. Ungeheure Massen von kaltem Wasser donnern in die Tiefe des Sees. Auch wenn hier die Oberfläche völlig ruhig wirkt, rast dieses kalte Wasser in gewaltigen Wasserfällen die steilen Uferwände innerhalb des Sees hinab und drückt wärmeres Wasser vom Seegrund hoch. Alles wird durcheinandergequirlt. Das ist, wie wenn man mit einem Paddel die Badewanne umrührt. Durch diesen Vorgang kommt frisches Wasser auf den Seegrund, der ganze See hat nur noch eine Temperatur, bis im Frühjahr und Sommer die Hitze eine erneute Schichtung schafft. Unten bleibt es kalt, oben erwärmt es sich erneut. Nun sind aber die Winter zu mild geworden, die Wasserfälle bleiben aus, und der ganze See erwärmt sich allmählich bis in die tiefsten Tiefen. Denn je wärmer das Oberflächenwasser im Winter ist, desto weniger sinkt es. Normalerweise bringt aber das kalte Wasser Sauerstoff in die tiefen Schichten, und ohne Sauerstoff können auch die Fische nicht atmen. Und wenn das Wasser an der Oberfläche immer wärmer wird, begünstigt das das Algenwachstum – ihr kennt das schmierige grüne Zeug am Ufer, das da wuchert, wo es seicht und warm ist.« Er machte eine kurze Pause und schaute in die Runde, bevor er fortfuhr.

»Für gewöhnlich erfolgt an großen Seen so ein complete mixing oder full turnover, die vollständige Umwälzung, die die Wissenschaftler Vollzirkulation nennen, diese völlige Durchmischung des Wassers, ein- oder zweimal im Jahr. Diese Durchmischung des Sees bestimmt – wie gesagt – die Gesamttemperatur des Wassers, das Algenwachstum und die Sauerstoffzufuhr für das Tiefenwasser. Aber hier, am Bodensee, ist die Zirkulation jetzt im 16. Jahr in Folge ausgeblieben. Der ganze See ist also gestört.«

Einige der Schüler schienen schon erstaunt zu sein. Wenn man gerade knapp über ein Jahrzehnt alt war, mussten sechzehn Jahre astronomisch lang klingen.

»Vom Sauerstoff und von vielem anderen ist jedoch das Wachstum von Plankton abhängig. Plankton – das sind winzige Tiere und Pflanzen, die man nur unter dem Mikroskop sehen kann.«

Das dicke Mädchen stierte immer noch gebannt aus dem Fenster auf den glitzernden See. Wie eine Pantomimin zeigte sie plötzlich mit ausgestrecktem Finger auf das Wasser und wackelte nervös auf ihrem Stuhl. Ihr Mund schnappte auf und zu wie bei einem Fisch, der auf dem Trockenen nach Luft japst. Ein paar Schüler sahen sie an und begannen zu feixen.

Dicke Kinder sind nie beliebt, dachte Carl, aber er ließ sich von den Grimassen der Schüler nicht beirren. »Manche Fische können nur leben, wenn eine bestimmte Sorte Plankton da ist. Jetzt haben wir festgestellt, dass sich durch die Erwärmung des Seewassers die Zusammensetzung des Planktons ständig ändert: Arten, die vor zehn Jahren noch zahlreich waren, sind fast ausgestorben, andere Arten, die vor zehn Jahren ganz selten waren, nehmen überhand. Das führt dazu, dass ganze Fischarten im See vom Aussterben bedroht sind – könnt ihr euch das vorstellen?«

Die Schüler zeigten sich weniger beunruhigt, als Carl erwartet hatte. Ihn erschreckte die Vorstellung, dass eine nur minimale Veränderung der Wassertemperatur ganze Fischarten ausrotten konnte – mit unabwägbaren Konsequenzen für das gesamte Ökosystem. Den Kindern schien es gleichgültig zu sein, aus welcher Sorte Fisch man ihre Fischstäbchen formte.

»Aber es ist doch egal!«, schrie ein vorwitziger Junge, offenbar der Coole in der Klasse, der sich schon mehr herausnahm als die anderen, »ist doch egal, welcher Fisch überlebt – es gibt dann immer noch andere Fische!«

»Das stimmt schon«, erklärte Carl. »Aber stell dir einfach mal vor, es geht nicht um zwei Sorten Fische, sondern um Fische und Menschen. Einer stirbt aus, der andere überlebt.«

»Dann würde ich zu den Menschen halten!«

»Ja, doch was ist, wenn die Fische gewinnen?«

Der Junge blickte ihn ratlos an, und Carl nutzte die pädagogische Chance: »Genau deshalb müssen wir etwas für den Schutz und die Erhaltung unserer Umwelt, vor allem aber unserer Seen, und gegen ihre fortschreitende Verschmutzung und Erwärmung tun. Denn glaubt mir: Jeder von uns kann etwas dagegen tun.«

»Wir können nichts dagegen tun!«

General Bilderberger starrte auf den Monitor. Der Schirm blieb schwarz. Es gab nichts zu sehen, die Verbindung war tot. Das ganze System hatte Unsummen gekostet, und nun funktionierte nichts mehr!

Für dieses ganze Computerzeug bin ich zu alt, dachte der General.

Der hochgewachsene Mann mit dem kurz geschnittenen grauen Haar wollte Informationen. Und er wollte sie schnell – schnell und präzise, wie er es gewohnt war. »Was soll das heißen, wir können nichts tun?«

Der Raum lag in Dunkelheit, das einzige Licht stammte von zwölf flackernden Monitoren, die an einer Wand gestapelt standen. Oberflächlich betrachtet zeigten die Bildschirme nur statisches Rauschen, in Wirklichkeit handelte es sich um die von restlichtverstärkenden Spezialkameras übertragenen Videobilder des Grundes, die den unablässig rieselnden Seeschnee zeigten: Staub, Plankton und Reste kleiner Fische, die von oben herabregneten. Stundenlang betrachteten eigens ausgebildete Posten dieses ermüdende Flimmern, tagaus, tagein, in der vagen Hoffnung, den Feind vor die Linse zu bekommen. Bisher vergebens. Es hatte sich noch keiner von den erwarteten fremden Wesen gezeigt. Und nun waren zwei der Augen in die Tiefe blind.

»Die beiden Überwachungskameras«, entgegnete der untergebene Offizier hastig und sah General Bilderberger direkt an, »sind heute vom Netz gegangen. Eine bei minus 80 Metern auf der Mainau-Schwelle, die andere bei minus 120 Metern vor Langenargen.«

»Die Gründe des Ausfalls!«, verlangte Bilderberger.

»Noch nicht bekannt.« Der Offizier ließ sich keine Unsicherheit anmerken. »Ein mechanisches Versagen ist möglich, aber nicht sehr wahrscheinlich. Vermutlich wurden die Kabel durchtrennt. Und …«

»Was und?«, hakte der General sofort nach. Seine Ungeduld war ihm deutlich anzumerken. Bilderberger mochte und erwartete Effizienz. Das hier war ineffizient.

»Wir haben Meldung vom Limnologischen Institut für die Erforschung des Bodensees. Zur selben Zeit stellte der untere Fühler ihrer Thermistor-Kette die Funktion ein.«

Bilderberger hob fragend eine Augenbraue. Er kannte sich in der militärischen, nicht aber unbedingt in der zivilen Technik im See aus.

»Es handelt sich um Ketten von Temperaturmessgeräten. Das Institut hat sie in den ersten 30 Metern alle drei Meter angebracht, dann alle zehn Meter bis hinunter nach minus 252 Meter. Sie hängen von einer Boje herab, senden die Messungen kontinuierlich per Funk an das Institut. Normalerweise geschah das alle zwanzig Minuten, auf unseren Wunsch hin dann alle fünf Minuten.«

»Gibt es einen Zusammenhang mit unseren technischen Problemen?« Bilderberger mochte keine ausufernden Erklärungen, es sei denn, sie stammten von ihm selbst.

»Ein Zusammenhang kann beim derzeitigen Wissensstand weder bestätigt noch verneint werden.«

»Dann schauen Sie nach!« Bilderberger wirkte ungehalten. »Man muss die Kameras doch reparieren können!«, zischte er.

»Das geht nicht auf die Schnelle. Wir können da ja nicht einfach einen Elektriker runterschicken! Zudem …«

Bilderberger sah den Offizier scharf an.

»Wir müssen auch das hier noch analysieren«, sagte der Techniker hilflos, dann drückte er einen Knopf.

Es blubberte und piepte im Lautsprecher, so regelmäßig und präzise, dass es tatsächlich intelligente Signale sein konnten. Das Piepen, ein harter, hochfrequenter Ton, wurde stärker, dann wieder schwächer. General Bilderberger sah auf die Uhr: Der Ton wiederholte sich exakt alle fünf Sekunden. Ein Sonarpeilton wie bei einem U-Boot oder einem Delphin. Ein Delphin im Bodensee? Ausgeschlossen. Ein U-Boot – von wem?

Das Blubbern mochte schon von einem an den Unterwassermikrofonen vorbeiziehenden U-Boot stammen, und doch fehlten die typischen Geräusche der Schrauben.

Bilderberger blickte den Offizier an.

Der Techniker zuckte ratlos mit den Schultern. »Wir sind dran, aber wir können noch nichts Genaues sagen. Das kann alles sein – von einem Fisch bis zu einem ferngelenkten Miniatur-U-Boot.«

»Es geht nicht darum«, stellte Bilderberger klar, »was es sein könnte. Es geht darum, was es ist. Es werden wohl kaum Fische sein! Fische stellen keine Mikrofone ab.«

General Bilderberger war nicht an den See gekommen, um gemocht zu werden, und er saß nicht in diesem winzigen Betonbunker mit all diesen Geräten und blinkenden Konsolen, um sich Freunde zu machen. Er war hier, weil er eine Mission hatte. Aber noch konnte er den anderen nicht sagen, was er bereits wusste. Er war jedoch froh, Mittel in der Hand zu halten, die ihm seine schwierige Arbeit überhaupt ermöglichten. Etwas geschah am Seeboden, und zwar schon seit Jahren. Man hatte Mikro-Erdbeben registriert, die so ungewöhnlich waren, dass das Militär aufmerksam geworden war. Alles wirkte, als führte jemand auf dem Seegrund Bauarbeiten aus – und von dort unterirdisch unter die Uferzone. Bilderberger hatte Gelder erhalten, um den See mit Kameras und Mikrofonen zu überwachen.

Nun aber wurden die Kameras zerstört, und die Mikrofone fielen aus.

Bilderberger hätte nur zu gern gewusst, wer sein Feind war. Es konnten ja wohl kaum kleine grüne Männchen sein.

»Uns könnte es«, beendete Carl seine Führung durch das Institut für die Erforschung des Bodensees, »also leicht so gehen wie unserem Freund da!« Er zeigte auf das Poster, das neben dem Frosch im Wasserglas und neben der Fieberkurve der Nordatlantikerwärmung hing und einen Monstermolch zeigte, unter dem in großen Buchstaben Andrias scheuchzeri stand, die lateinische Bezeichnung für einen längst ausgestorbenen Riesensalamander. »Wir könnten eines Tages von der Erde verschwinden wie dieses Fossil.«

Manche der Kinder sahen ihn mit offenem Mund und erschrockenem Blick an, andere kicherten. Ihm reichte es schon, wenn er sehen konnte, dass er niemanden gelangweilt hatte.

Carl knipste den Beamer aus. »Habt ihr noch Fragen?«

»Das da«, sagte das dicke Mädchen, das so unaufmerksam gewesen war, und zeigte auf das Bild, »das ist ein hässliches Tier. Warum unternimmt niemand etwas dagegen? Das habe ich öfter im Untersee zwischen der Höri und der Schweiz gesehen. Der Molch war so groß wie ein Schiff!«

Carl musste lachen. »Erstens: Kein Tier ist hässlich. Tiere sind anders als wir Menschen optimal an ihre Umgebung angepasst. Und zweitens: Das Tier ist schon lange tot. Vor Millionen von Jahren bereits ausgestorben.«

»Das stimmt nicht!«, erwiderte das Mädchen. »Ich habe es gesehen!«

»Wann denn?«

»Na eben, als Sie gesprochen haben. Das war die ganze Zeit vorm Fenster. Und«, sie hielt inne, drehte den Kopf und deutete mit ihrem dicken Zeigefinger nach draußen, »da ist es schon wieder!«

Die anderen Kinder lachten und stürzten zum Fenster.

»Passt auf Joe auf!«, rief Carl, als er das Glas mit dem Frosch schwanken sah. Es gab Gerangel, dann weiteres Gelächter.

»Du dumme, fette Kuh!«, platzte ein fast genauso dickes Mädchen heraus. »Da ist nichts zu sehen!«

»Tanja ist doof! Tanja ist doof!«, brüllte ein anderes Kind.

Endlich waren die Schüler alle aus der Tür. Schulklassen hinterließen immer Chaos – man konnte schon froh sein, wenn sie keine pubertären Botschaften in die Institutsbänke schnitzten. Carl machte sich daran, zerknülltes Papier (ein Diagramm des Wasserkreislaufs, das er ausgeteilt hatte) vom Boden aufzulesen und von den Tischen zu fegen. Plötzlich fiel ihm die eigentümliche Stille auf.

Es war nicht die Stille, die entsteht, wenn plötzlich Ruhe herrscht in einem überfüllten Raum, sondern die andere Art Stille – das plötzliche Fehlen eines vertrauten Geräusches.

Wo war das Kwaak-kwaak, das Joe gewöhnlich von sich gab?

Carl sah zu dem Glas mit dem Frosch.

Joe war tot! Er lag auf dem Rücken, den Körper im Todeskampf verzerrt, ausgetrocknet. Daneben ein Haufen weißer Körner.

Einer der Schüler musste eine ganze Tüte Salz in das Becken gekippt haben, und das arme Tier war qualvoll verendet. Lurche können nur im Süßwasser existieren, in Salzwasser gehen sie jämmerlich ein.

Waren Menschen so?, fragte sich Carl. Mussten sie alles ablehnen, was irgendwie anders war? War ein Molch denn immer hässlich, ein fettes Mädchen immer nur dumm? Weshalb war es lustig, einen harmlosen Frosch in Todesqualen zucken zu sehen?

1. Teil
Fische

Und Gott schuf die großen Seeungeheuer …

Genesis 1, 21

1
21. März

Carls klamme Finger pressten sich an den Styroporbecher mit Kaffee. »Hast du die letzte Schicht gehabt?«, fragte er seinen Kollegen Gabriel Iff, der sich im ölverschmierten Overall müde an die Reling lehnte.

»Ja!«

»Und?«

»Gut war es. Acht Kerne, jeder mehrere Meter lang.«

»Alter?«

»Wir sind im postglazialen Bereich. Wir dürften die Sequenz jetzt fast vollständig vorliegen haben.«

»Was Besonderes?«

»Wissen wir erst nach der Analyse.« Wissenschaftler sind immer vorsichtig.

»Aber?« Carl hatte einen seltsamen Ton in der Stimme des Forschers bemerkt.

»Seltsame Fragmente in den Boundary-Bereichen.«

»Meteorisch?«

»Kaum möglich. Scheint eine Art Tiefengestein zu sein.«

»Tiefengestein? Wie kommt das dorthin?«

»Keine Ahnung«, antwortete Carls Kollege und sah hinüber zu der Fähre, die von Konstanz in Richtung Nordufer pflügte, »vielleicht haben die Bodensee-Nixen dort unten ein Bergwerk!«

Das Schiff hob und senkte sich in der Dünung. Es war noch kalt, und der See lag grau da. Andere Forscher hätten bei diesen Wetterverhältnissen vielleicht das Gleichgewicht verloren, aber nicht Carl. Er stand fest. Er kannte diesen Rhythmus und bemerkte ihn kaum noch.

Sie dürften die Sequenz jetzt fast vollständig haben. Das war gut so. Dann konnte er bald mit seiner Arbeit beginnen, die Schichten zu kartieren, die Bruchstellen zu suchen – Bruchstellen, die auf gewaltige Katastrophen hindeuteten.

Seine Arbeitsschicht würde sechs Stunden dauern und hart werden. Die neuen Kerne wurden weiter draußen gewonnen, an den Stellen, an denen der See bereits tief war. Hier dümpelte das Schiff. Nach der Arbeit, am Abend, würde Carl nach Hause fahren, in seine kleine Wohnung, eine Dose Ravioli öffnen und in einem Topf aufwärmen oder einen Pizza-Lieferservice anrufen, duschen und versuchen, den italienischen Zeitungsartikel zu lesen, der von einer großen Welle im Gardasee sprach, die 2001 mit zerstörerischer Gewalt gegen Riva geprallt war und dabei ein Boot zertrümmert und die Uferbefestigung unterspült hatte.

Das dreimalige laute Dröhnen einer Sirene erklang und zeigte an, dass der Entnahmezeitpunkt erreicht war. Wenige Minuten später krächzte der Lautsprecher: »Achtung! Vorsicht! Er kommt!« Carl gähnte und sah dann auf die Uhr: genau acht Uhr am Morgen.

Carl Ghuimin, der »Herr Doktor«, wie ihn die Arbeiter nannten, fuhr sich durch die kurzen blonden Haare und streifte sich die schweren Lederhandschuhe über, die ihn vor Verletzungen schützen sollten. Bald war es so weit, bald musste er zupacken. Er kannte jeden Handgriff.

Die »Langenargen II« glich einem Schiff, auf dessen Deck man einen Miniatur-Eiffelturm oder einen Strommast montiert hatte. Das Gebilde war ein Bohrturm. Vor den Aufbauten, auf dem Heck, lagen zahllose, rund zehn Meter lange Metallröhren. Man setzte sie zusammen und fertigte daraus den Bohrstrang, der unterhalb des 20 Meter hohen Turms eingesetzt und dann durch ein Loch mittschiffs in den See hinabgelassen wurde, bis der Strang lang genug war, um den Seeboden zu erreichen. Dort bohrte sich die Röhre innerhalb einer Stunde in die Ablagerungen auf dem Grund, dann wurde die Sedimentprobe nach oben geholt. Carl arbeitete als wissenschaftliche Kraft mit den Technikern zusammen, die Schichten dauerten sechs Stunden, und die Analyse der Sedimentablagerungen sollte der Inhalt von Carls Doktorarbeit werden. Man holte die Metallröhre mit den Proben aufs Schiff, öffnete sie – und heraus kam der schlammige Zeuge unserer Vergangenheit, der Hunderte oder gar Tausende Jahre Geschichte enthielt, Angaben über Klima und Vegetation.

Denn Seen, so erklärte es Carl den Schülern, die er durch das Institut führte, legen jedes Jahr eine neue Schicht von Sedimenten an – so wie die Bäume Ringe. Sand und Schlamm, den die Zuflüsse, vor allem der Rhein, in den Bodensee tragen, Mutterboden, den der Regen hineinschwemmt, die Reste von Fischen, Pflanzen und Mikroorganismen, die auf den Boden hinabregnen, schließlich Dinge, die Menschen aus Booten fallen lassen – so entstehen kleine Landkarten einer präzise bestimmbaren Zeit. Die Analyse der Kalkskelette der Mikroorganismen ermöglicht es den Forschern sogar, die Temperatur eines bestimmten Jahres herauszufinden.

Wenn man ihn nach seinem Beruf fragte und Carl »Limnologe« antwortete, war die Reaktion darauf stets ein ratloser Blick. »Limno… was?«

»Limnologie«, erklärte Carl dann geduldig, »ist die Wissenschaft von den Binnengewässern, von Flüssen und Seen.« Man sah ihn dann meist mitleidig an – was sollte schon interessant sein an heimischen Tümpeln, Wasserflöhen und Bachforellen?

Nur um zu beeindrucken, erklärte Carl dann gewöhnlich, dass seine erste Expedition ihn an den Loch Ness geführt hatte. Er erzählte nicht, dass damals paläoklimatische Untersuchungen durchgeführt wurden, Studien über das Klima vergangener Erdepochen. Für die Universität Edinburgh, für die Carl noch als Austauschstudent tätig gewesen war, hatte er ein Tauchboot auf den Grund des schottischen Sees gesteuert, um Bodenproben von dort zurück an die Oberfläche zu bringen.

Schon zu dieser Zeit waren schwankende Schiffsdecks sein Arbeitsplatz gewesen. Ein Deck sah im Grunde wie das andere aus: Metall, mit dicken Schichten grüner Farbe überzogen und voller Pfützen. Sein Beruf hatte nichts mit Segelschiffromantik zu tun. Die Analyse der Proben hatte damals gezeigt, dass der Loch einmal ein Meeresarm gewesen war – für die Wissenschaftler kaum überraschend, für die Weltpresse eine Sensation, die genüsslich aufgebauscht worden war. Zumindest Carl konnte seine Zuhörer immer noch mit der Geschichte seiner U-Boot-Fahrt beeindrucken. So klang seine Wissenschaft schon etwas aufregender.

Warum hatte er sich überhaupt entschieden, Limnologe zu werden? Die Ursache lag weniger in wissenschaftlicher Neugier als vielmehr in einem Kindertraum. Im Regal seines Vaters hatte das dicke Buch eines amerikanischen Arztes gestanden, der Beweise für eine weltweite katastrophale Sintflut gesammelt hatte. Der Band war in einer ungemein poetischen Sprache geschrieben, mit Bergen, Meeren und Gletschern als handelnden Personen. Heute wusste Carl, dass der Autor nicht viel mehr war als ein Phantast, aber als Kind hatte ihn das Werk über alle Maßen beeindruckt – besonders die Stelle, wo von einer zehn Meter hohen Welle die Rede war, die entstand, als der Bodensee plötzlich gekippt war und fast ausgelaufen wäre. Carl hatte sich sogar über die Fernleihe der Bücherei die verstaubte Originalquelle des Arztes besorgt, Helmut Gams’ und Rolf Nordhagens »Postglaziale Klimaänderungen und Erdkrustenbewegungen in Mitteleuropa« von 1923. Noch heute hatte er die betreffende Seite eingerahmt in seiner Wohnung hängen. Später war dann sein Engagement für die Umwelt hinzugekommen.

Carl sah tatsächlich nicht so aus, wie man sich einen Forscher vorstellte. Er war muskulös, aber er trug keinen Zottelbart und auch kein langes Haar, und in ausgeleierte Sweatshirts schlüpfte er nur für die Bohrarbeit.

»Aaachtung!«

Der harte Seewind zerrte an Carl, dessen Gesicht schon ganz rot war von der Kälte. Das einzige Warme hier draußen war der Bohrstrang, der ständig geölt werden musste. Carl trug, um sich nicht zu verletzen oder zu verbrennen, dicke Handschuhe mit sich. So spürte er die Kälte nicht. Er nahm auch den penetranten Ölgeruch längst nicht mehr wahr – er hatte wohl schon Hunderte von Bohrproben aus europäischen Seen geholt. Wenn er etwas fühlte bei seiner Arbeit, dann war es, seinem Traum nahe zu sein. Er hatte sein Leben lang davon geträumt, etwas von Bedeutung zu entdecken, und nun spürte er, dass er knapp davor war, etwas wirklich Wichtiges zu finden.

Das Schiff hob und senkte sich leicht mit den Wellen. Carl blickte auf den Turm, der etwas aus dem Wasser unterhalb des Schiffes zog – eine Art überlanger Zahnstocher aus dumpfem Metall. Das Tuckern des Motors, das Knirschen des Metalls erinnerten ihn an eine Fabrik; es klang nicht wie die Arbeitsstätte eines Wissenschaftlers, der sich mit dem Wetter vor 10 000 Jahren beschäftigt.

»Achtung, neuer Kern!«

Carl ging in Position. Ein zweiter Bohrkern. Seine Untersuchung sollte Aufschluss geben über die postglaziale Geschichte des Sees, die Zeit nach der Eiszeit. Was war geschehen, als sich die Gletscher zurückzogen? Lag der Seegrund frei, bildete sich eine Savanne, durch die große Tierherden zogen, oder schmolz der Gletscher an Ort und Stelle, füllte er gleich das Becken, das er ausgehobelt hatte – gab es hier gleich einen eiskalten, arktischen See? Schließlich: Wie hatten sich die Temperatur, die Luft, die Vegetation entwickelt? Die Analyse all der Daten konnte auch Aufschluss geben über die modernen Ansichten zu Klimakatastrophe, Treibhauseffekt und Erderwärmung. Und eine Frage stand im Mittelpunkt: Waren die Übergänge kontinuierlich oder abrupt geschehen?

Carl streifte die schweren Schutzhandschuhe erneut über. Er konnte sie brauchen, wenn er das Gehäuse, das den Bohrkern enthielt, eine lange Schichtung aus Schlick und Sand, die aus der Tiefe des Seebodens stammte, packte, es drehte, auf Deck legte und dann öffnete.

Es roch nach Öl.

»Der Bohrkern!«

Bevor Carl zugreifen konnte, schlingerte und schaukelte das Boot. Der Ausleger, der das Schiff stabilisieren sollte, tauchte unter Wasser, das Bohrgehäuse pendelte gefährlich hin und her. Das Metall knarzte. Carl zog unweigerlich den Kopf ein. Ein Eisensplitter raste knapp an seiner Schläfe vorbei und schlug mit einem lauten Knall auf dem Deck auf.

Carl forschte zurzeit besonders nach Belegen für vorzeitliche Tsunamis im See, obschon gemeinhin angenommen wurde, der Bodensee sei vor Tsunamis sicher. Weder stießen an seinem Grunde zwei Kontinentalplatten zusammen, noch gab es dort Unterwasservulkane. Gleichwohl hatten verschiedene Geologen Hinweise auf Unterwasser-Erdrutsche gefunden, aber im Allgemeinen ging man davon aus, dass diese nicht so viel Terrainverlust bringen konnten, um ein verheerendes Absinken des Wassers mit anschließender Tsunamiwelle zu verursachen. Trotzdem: Carl wusste, dass die Uferzone des Sees sehr weit und sehr eben in das Wasser hineinlief. Beim großen Niedrigwasser in den Jahre 2005 und 2006 hatten große Flächen plötzlich trocken gelegen. Mitten im See hatten sich neue Inseln gebildet. Das aber machte Tsunamiwellen, die im Meer nur wenige Zentimeter hoch sind, so gefährlich: An seichten Uferpartien stauten sie sich zu meterhohen Wellenmauern.

Die Vorstellung eines Tsunamis am stillen, so gemütlichen Bodensee schien absurd. Andererseits kannte Carl die Untersuchungen vom Comer See und Vierwaldstättersee, die für ihre Tsunamis gefürchtet waren. Vom Bodensee gab es Berichte, die von unerklärlichen Wellen an sonst völlig schönen Tagen erzählten, vom Aufwallen des Sees, von donnernden und rumpelnden Geräuschen unter dem Seespiegel, von versunkenen Dörfern. Beruhte manches davon auf realen Ereignissen? Sosehr Carl auch suchte, bisher hatte er keine wirklich überzeugenden Indizien für Tsunamis gefunden. Es gab keine Aufzeichnungen, wenigstens keine, die er kannte, aber vielleicht deckten die geologischen Untersuchungen ja solche Ereignisse in der Vorzeit auf. Die Erde ist nicht immer geduldig, und sie formt sich noch immer. Vor Erdbeben gab es keine Sicherheit. Wusste man, ob ein Risiko vorlag, konnte man auch handeln, und die sich drastisch verändernden Bedingungen tief im See – die Erwärmung des Wassers, die fehlende Durchmischung – mussten auch die Geologie des Sees beeinflussen.

Da ihn die Geschichte vom kippenden Bodensee so fasziniert hatte, entschied sich Carl bei seiner Doktorarbeit für das Thema: »Holozänzeitliche Naturkatastrophen in postglazialen Alpennordrandseen und ihr Nachweis durch die Analyse von Sedimenten in Bohrproben«. Im letzten Vierteljahr waren – aus welchem Grund auch immer – Forschungsgelder viel stärker als zuvor geflossen. Wer weiß? Vielleicht gelang ihm bald eine wichtige Entdeckung, und er würde durch die Talkshows tingeln und in drastischen Worten ausmalen, wie die Killerwelle von Konstanz vor 8 000 Jahren das Leben am Ufer des Schwäbischen Meeres ausgelöscht hatte. Bei der Tsunami-Geschichte war auch eine Menge Sensationslust mit dabei! Eine Wasserwand, die über den See rast, mit einem donnernden Geräusch, und dann das Steilufer hochschwappt und das Kloster Birnau mit sich in die Tiefe reißt – das klang schon nach Special effects aus Hollywood. Da konnte selbst ein Student, der im Schlamm wühlte, in Gedanken zum Indiana Jones der Süßwassergeologie werden!

»Verdammt!« Sein Kollege starrte fassungslos auf den See. »Pass auf!«

Plötzlich war da nicht mehr nur der Geruch von Öl. Das war Gestank! Faule Eier? Schwefel? Schwefel! Carl ging zur Reling und beugte sich hinunter.

Das Schiff schwamm in einer milchigen Brühe. Das Wasser schien zu kochen, überall stiegen Bläschen auf, wie Kohlensäure in Mineralwasser. Erst kleine, dann größere. Die letzen Gasblasen maßen über einen halben Meter im Durchmesser.

Nach wenigen Sekunden war der Spuk vorbei.

Als hätten wir die Tore zur Hölle geöffnet, dachte Carl.

Rund 50 000 Boote sind auf dem Bodensee registriert, vom kleinen Segelboot bis zur luxuriösen Jacht aus poliertem schwarzen Holz, die jeden erdenklichen technischen Schnickschnack aufweist, den zwar niemand braucht, der aber die Nachbarn neidisch macht. 30 000 Segel- und 20 000 Motorboote – 33 davon sind Fähren der sogenannten Weißen Flotte. Fünf Millionen Passagiere befördert die Flotte jährlich, und das, obwohl die Saison nur von der offiziellen Eröffnung der Fährfahrt am 21. März bis zum Oktober dauert.

Die Saisoneröffnung kümmerte Kapitän Ove Spoor jedoch nicht. Sein Katamaran fuhr rund ums Jahr, selbst im Winter. Jeden Tag, von fünf bis zwanzig Uhr.

Das Schiff war 34 Meter lang – etwa ebenso lang wie ein ausgewachsener Blauwal –, siebeneinhalb Meter breit und mit seinen beiden Dieselmotoren mit modernster Common-Rail-Einspritzung 22 Knoten schnell, das sind rund 40 Stundenkilometer. Der Katamaran lag nicht tief im Wasser – beladen hatte er einen Tiefgang von eineinhalb Metern –, weil er aus Aluminium bestand. Das ideale Boot, um auch in Ufernähe zu navigieren.

Aber nun lag nur der tiefe See unter ihm.

Ein kühler, frischer Wind, der schon nach Frühjahr roch, jagte über die Wasserfläche und schob kleine Rippel vor sich her. Möwen zogen kreischend ihre Kreise und warteten darauf, von den Passagieren gefüttert zu werden. Spoor stand am Steuer des großen Katamarans. Der Kapitän fühlte das leichte Schaukeln des Schiffes, hörte das gleichförmige Brummen und Stampfen der Motoren und das leise Klirren der Tassen und Gläser unter Deck, er fühlte den frischen Wind. Der Uferstreifen lag grau vor ihm und verschwamm fast unmerklich mit dem trüben Himmel. Eine der Möwen stand wie festgezurrt über seiner Brücke und drehte nur hin und wieder den Kopf, um nach Brotstückchen Ausschau zu halten.

Keine 50 Minuten würde Kapitän Spoor für die 24 Kilometer lange Strecke von Konstanz nach Friedrichshafen benötigen. Vor ihm breitete sich, blau, plan und weit, der See aus. Unter ihm lagen mehr als 200 Meter bis zum Grund. Hinter ihm durchzog eine lange gerade weiße Schaumspur die Wasseroberfläche. Das Schiff fuhr rasch nach Osten.

Mittlerweile war sogar der graue Morgenhimmel einem Azurblau gewichen, das einen schönen Tag versprach.

Spoor pfiff vor sich hin. Alles war gut.

Plötzlich war da ein Knirschen, nicht das Knirschen von Stahl auf Stahl, sondern ein geschmeidiges, fast gleitendes Knirschen. Die Fahrgäste horchten dennoch auf, denn durch den Katamaran ging ein Ruck, ein Stoß, der ihnen den Boden unter den Füßen wegzureißen drohte.

Kapitän Spoor spürte den harten Schlag in demselben Moment, in dem seine Passagiere aufschrien. Es waren spitze, überraschte, besorgte Schreie. Der Kapitän hätte den Aufprall verschlafen können, er hätte trotzdem gehört, dass etwas Schreckliches geschehen war.

Einen Moment später wurden die Menschen durcheinandergewirbelt und fielen zu Boden. Ein Mädchen drückte es gegen die scharfe Kante des Tresens. Sie schrie auf, als sie sich den Arm brach.

Nach dem Schlag kam das Zittern. Der Rumpf des Katamarans zitterte. Die Vorhänge an den Bullaugen flatterten erschreckt. Die Theke im Gastraum bebte. Die Gläser auf den Tischen klirrten, erst leise, dann laut und lauter. Der Motor im Maschinenraum bebte. Die Teller klapperten, einige sprangen von den Tischen und gingen auf dem Boden zu Bruch. Die Reling vibrierte heftig. Selbst das Wasser um das Schiff herum zitterte.

Das ganze große Boot schüttelte sich wie ein verwundeter Wal, der von einer Harpune getroffen worden war. Die Metallplatten des Bootskörpers rieben an den aufgerissenen Schweißnähten aneinander und gaben ein bösartiges Brüllen von sich.

Dann herrschte plötzlich eine unheimliche, alles durchdringende Stille. Nichts klirrte mehr. Nichts zitterte.

Das Seewasser war trüb und braun, als sei der Katamaran auf eine Untiefe aufgelaufen.

Das Schiff steckte fest. Es legte sich zur Seite, aber es ging nicht unter. Ein Katamaran ist so konstruiert, dass er nicht sinken kann, eigentlich niemals und unter keinen Umständen.

Da lag er nun, ein gestrandeter Riese auf einer Sandbank.

Stille. Dann Klagen. Dann noch mehr Klagen. Weinen, Schreie. Und Hilferufe.

Ove Spoor ging zu dem Funkgerät.

Es war 8.02 Uhr.

Unter einem strahlend blauen Himmel mit hübschen weißen Wolken schaukelten in Richtung Konstanz bereits einige Boote mit lustig bunten Segeln friedlich auf den Wellen.

»SOS«, sprach Spoor in das Funkgerät, »wir sind auf Grund gelaufen.«

Bei einer Grabung in einem Pfahlbaudorf der Bronzezeit fanden Forscher im Jahr 1872 bei Hagnau eine knapp fünfeinhalb Zentimeter lange Metallfigur aus der Zeit um 1000 v. Chr. Sie zeigt ein Mischwesen. Auf einem Giraffenhals sitzt ein runder Kopf mit einem langen Entenschnabel. Zwei riesige Stierhörner ragen über den Augen empor. Das Tier hat einen länglichen, schlangenartigen Körper. Er läuft in einen waagrechten Schwanz mit zwei Fluken aus. Es ist der Schwanz eines Wals.

Sämtliche Tierdarstellungen, die man in den Pfahlbauten des Bodensees gefunden hat, sind realistisch.

Die Menschen dieser Dörfer bildeten nur die Tiere ab, die es wirklich gab.

»Pass auf!«

Was soll dieser Ausruf? dachte Carl. Ich habe meine erste Schicht, ich bin wach. Er riss sich von dem Anblick des Sees los, der eben noch gebrodelt hatte.

Dann geschah es.

Er eilte zum Bohrturm des Schiffs des Limnologischen Instituts für die Erforschung des Bodensees zurück.

»Achtung!«

Der nächste Bohrstrang wurde langsam nach oben gebracht. Die Maschinen pumpten. Die Techniker klinkten das letzte Segment aus dem knarzenden Turm und legten es auf den Arbeitstisch. Carl hatte das schon Hunderte Male getan – er öffnete die Kartusche, klappte sie auf, um den vom Seegrund geholten Sedimentkern auf eine Plane zu rollen, damit er verpackt und nach Tübingen zur Analyse gebracht werden konnte.

Carl verlor den Boden unter den Füßen. Der Horizont stand schräg, er rutschte zur Seite, Meersburg hob sich schief aus den Wellen. Das Schiff tanzte hoch – und sackte abrupt wieder ab.

Vom Tisch rollten tausend Jahre Geschichte auf den Deckboden, rutschten zur Seite und sanken zurück in den See.

Es war eine lange, niedrige, über die ganze Seebreite sich erstreckende Welle, die das Schiff sanft um einen halben Meter hob und gleich wieder fallen ließ, bevor sie weiter rollte in Richtung Bregenz, wobei sie an Höhe und Kraft verlor. Nach weiteren Minuten erreichte die Welle Friedrichshafen, nur noch halb so hoch, dann Wasserburg, wo sie kaum noch zu sehen war. In Lindau hatte der normale Wellengang sie schon fast zerschlagen – bis sie 20 Minuten später dort, wo der Alpenrhein in den Bodensee einmündet, nur noch als leichtes Gekräusel anschwappte, das niemand mehr bemerkte.