JESSICA & DIANA
ITTERHEIM

Fluch
der
Engel

Roman

Bild

Impressum

ISBN 978-3-8412-0656-5

Aufbau Digital,

veröffentlicht im Aufbau Verlag, Berlin, August 2013

© Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin

Die Originalausgabe erschien 2013 bei Aufbau Taschenbuch, einer Marke der Aufbau Verlag GmbH & Co. KG

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unter Verwendung zweier Bilder von © Yolande de Kort/trevillion images und Hans Doddema/iStockphoto

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www.aufbau-verlag.de

Inhaltsübersicht

Cover

Impressum

Kapitel 1 - Geburtsstunde einer Lüge

Kapitel 2 - Auf Abwegen

Kapitel 3 - Schlupflöcher

Kapitel 4 - Lichtmeerfest

Kapitel 5 - Sprachlos

Kapitel 6 - Traumdämonen

Kapitel 7 - Rapunzelturm

Kapitel 8 - Aussichtslos

Kapitel 9 - Flügelblitzen

Kapitel 10 - Strafpredigt

Kapitel 11 - Susan

Kapitel 12 - Grabesstille

Kapitel 13 - Reifeprüfung

Kapitel 14 - Geküsst

Kapitel 15 - Ein wohlgehütetes Geheimnis

Kapitel 16 - Justitia

Kapitel 17 - Bei klarem Verstand?

Kapitel 18 - Marionettenspieler

Kapitel 19 - Prinzessin

Kapitel 20 - Überreste

Kapitel 21 - Galgenparty

Kapitel 22 - Verloren

Kapitel 23 - Du!

Kapitel 24 - Sicher verwahrt

Kapitel 25 - Dogenpalast

Kapitel 26 - Gewitterhauch

Kapitel 27 - Widerstand

Kapitel 28 - Misstrauen

Kapitel 29 - Es beginnt

Kapitel 30 - Dunkle Schatten

Kapitel 31 - Sanctifers Armee

Kapitel 32 - Engelstränen

Kapitel 33 - Feuersbrunst

Kapitel 34 - Für immer

Danksagung

Engel & Dämonen - Stammbaum

Informationen zum Buch

Informationen zu den Autorinnen

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Euer Hass ist intensiv,
eure Art zu töten grausam und unerbittlich,
doch die Liebe, die ihr empfindet,
ist vollkommen.

Für Raffael
und alle, die uns am Herzen liegen.

Kapitel 1
Geburtsstunde einer Lüge

Bestimmt schon zum zwanzigsten Mal warf ich einen Blick zurück, nur um sicherzugehen, dass ich auch wirklich nicht verfolgt wurde. Aron, mein Tutor, wäre wieder in seinen Bodyguard-Modus verfallen, wenn er gewusst hätte, wohin ich unterwegs war. Und Christopher? Er wäre ausgerastet, hätte sich in seine zumindest für mich so wunderschöne Racheengelgestalt verwandelt und mir mit seinen leuchtenden Engelschwingen den Weg versperrt – vielleicht auch mit seinem Schwert, was ich dann vermutlich weniger schön gefunden hätte. Aber ihn einweihen und von dem Brief erzählen ging nicht – zumindest vorerst nicht.

Ein Schatten huschte an der gegenüber dem Kanal liegenden Hauswand vorbei. Schnell verdrückte ich mich in der nächstbesten Nische. Eigentlich völliger Quatsch. Mit dem schwarzen Casanova-Umhang und der weißen Pestmaske würde mich sowieso niemand erkennen. Und meine langen, dunklen Haare hatte ich vorsorglich unter den dreieckigen Hut gestopft, der sozusagen zur Standardausrüstung gehörte. Auch hier, im verborgenen Venedig, der Metropole der Engel, war Karneval.

Lautlos glitt die schwarze Gondel an meinem Versteck vorüber. Nur das Eintauchen des Ruders war zu hören und das sanfte Plätschern der Wellen, die gegen die Kaimauer schlugen, während das Boot hinter der nächsten Kanalbiegung verschwand. Der Engel, der die Gondel steuerte, hatte mich nicht entdeckt – und offenbar auch nicht nach mir gesucht. Sonst wäre er langsamer gefahren. Obwohl es an sich schon eigenartig war, dass ein Engel das oberirdische Kanalsystem benutzte – schließlich konnten Engel fliegen – die meisten zumindest. Ich schaffte bislang nur einen Gleitflug inklusive Bruchlandung. Aber ich war ja auch kein normaler Engel, dem das Fliegen im Blut lag. Ich war dabei, ein Racheengel zu werden – zumindest versuchte ich das. Immerhin hatte ich vor ein paar Tagen die erste Bewährungsprobe bestanden. Trotz Fallstricken und Hinterhalten. Dass ich ausgerechnet zu einem Treffen mit demjenigen unterwegs war, der meine Prüfung sabotiert hatte, schien irgendwie zu einer unliebsamen Gewohnheit zu werden. Aber hatte ich eine andere Wahl? Nein. Nicht, wenn es um meinen ältesten und treuesten Freund ging: Philippe.

Um sicherzugehen, dass ich den richtigen Weg eingeschlagen hatte – mein Orientierungssinn war nicht der allerbeste –, kramte ich noch einmal den Brief hervor, den Lucia, Philippes Scheinfreundin, mir gestern bei meinem Bummel auf dem Canal-Grande-Boulevard zugesteckt hatte. Natürlich war sie verkleidet gewesen. Ich hatte sie dennoch erkannt: an der Art, wie sie lief, an ihren gepflegten Händen, aber vor allem an ihren Augen. Anders als bei mir war das Braun bei ihr nicht dunkel, sondern honigfarben und trotz der hellen Färbung eisig kalt, sobald sie mich ansah.

Wie jedes Mal, wenn ich den Brief auffaltete, begannen meine Hände zu zittern. Ich riss mich zusammen. Racheengel sollten taff und keine Weicheier sein. Trotzdem zitterten sie weiter, während ich las.

Teuerste Lynn,

meinen Glückwunsch. Du hast die Prüfungen besser gemeistert, als ich das von dir erwartet hätte. Und auch wenn der Rat der Engel zu meinem Bedauern beschlossen hat, dich weiterhin in Arons Obhut zu belassen, ist es an der Zeit, dass du deinen Teil des Pakts einlöst, da ich meinen bereits erfüllt habe. Schließlich war ich derjenige, der dir den Weg ins Schloss der Engel ermöglicht hat.

Deine beiden Bewacher werden vor Beginn des Lichtmeerfestes beschäftigt sein. Eine Gondel wird dich, eine Stunde nachdem sie das Haus verlassen haben, abholen. Wo, findest du auf der Karte. Und sei pünktlich.

Obwohl ein weiterer Flüsterer mir immer willkommen ist, scheint Philippe der Benebelungstrank nicht besonders gut zu bekommen.

Und komm allein, sonst kann ich nicht für deine Sicherheit garantieren.

Sanctifer, Mitglied des Rats der Engel

PS: Falls du Zweifel hegst, ich kann dich auch holen lassen!

Die Drohung war eindeutig. Wenn ich nicht aufkreuzte, würde Sanctifer mich entführen oder zu sich befehlen und meinen Freund zu einem ihm hörigen Lakaien machen.

Ich hatte mich also doch nicht getäuscht, als ich glaubte, Philippe beim Maskenball der Engel begegnet zu sein. Das mit dem Pakt sah ich allerdings anders als Sanctifer. Aber das würde ich später klären – nachdem Philippe wieder in seiner Welt und in Sicherheit war.

Argwöhnisch spähte ich aus meinem Versteck. Die Gasse neben dem Kanal war leer. Natürlich blieb das Frösteln, das mich durchzog, sobald ich nach Sanctifer Ausschau hielt, auch dieses Mal nicht aus. Ich war nicht besonders scharf auf ein Treffen mit ihm. Obwohl er nur ein Wächterengel war und ihm – im Gegensatz zu mir – kein ausgeprägtes Dämonenerbe anhaftete, besaß er einen Vorsprung an Erfahrung und Wissen von knapp dreitausend Jahren. Dennoch, meine Entscheidung, Philippe sicher zurückbringen zu wollen, stand fest!

Entschlossen drückte ich mich von der Hauswand ab. Das Klackern der Absätze meiner schwarzen Lederstiefel durchbrach die gespenstische Stille. Eine Straße und zwei Brücken weiter hallte neben meinen ein weiteres Paar Schuhe zwischen den eng zusammenstehenden Häuserzeilen wider. Noch konnte ich meinen Verfolger – falls es überhaupt einer war – nur hören. Und obwohl ich mich am liebsten versteckt und herausgefunden hätte, wer sich außer mir noch durch düstere Gassen schlich, hielt ich weiter auf mein Ziel zu. Engel fürchteten sich vor Racheengeln wie mir, und im Moment lag mir nur wenig daran, ihnen diese Furcht zu nehmen.

Schneller als erwartet, erreichte ich den vereinbarten Treffpunkt: das Ende einer Gasse, an der ein schmaler Kanal vorbeiführte. Eine Gondel wartete hier allerdings nicht, und zurück konnte ich auch nicht ohne weiteres. Also zählte ich bis drei, versuchte gelassen zu wirken und drehte mich zu meinem Verfolger um – aus Versehen hatte der sich bestimmt nicht in die Sackgasse verirrt.

Das Lächeln gefror mir auf den Lippen – gut, dass es unter der Maske verborgen blieb. Groß, dunkelhaarig, gutgebaut. Ein Leckerbissen für Augen, die nur seine Oberfläche sehen konnten. Raffael, Sanctifers Ziehsohn, Flüsterer, menschlich und seit fast einem Jahr Schüler im selben Internat wie ich, stand vor mir. Er hatte sich nicht die Mühe gemacht, sich zu verkleiden. Seine Maske trug er ständig. Nachdem er als Kind beinahe im Feuer verbrannt wäre, hatte Sanctifer ihn aufgenommen und ihm mit Hilfe von Engelsmagie sein glänzendes Aussehen geschenkt.

»Kaum wiederzuerkennen unter der weißen Pestmaske«, begrüßte er mich. »Bewachen deine Engel dich so streng, dass du vermummt spazieren gehen musst?«

»Wie du sicher weißt, bin ich nicht freiwillig unterwegs. Außerdem scheint mir meine Aufmachung im Moment passender zu sein als deine« – und zudem ging es ihn überhaupt nichts an, dass weder Aron noch Christopher wusste, wer mich erwartete. »Hat Sanctifer seine Pläne geändert, oder hast du das Boot vergessen, das mich zu ihm bringen soll?«

Ein Grinsen huschte über Raffaels Gesicht. »Streitlustig wie immer, aber sonst wärst du ja auch kaum dazu geeignet, ein Racheengel zu sein. Sanctifer wollte sichergehen, dass du allein zum Treffpunkt kommst. Wenn du mir bitte folgen würdest.«

Formvollendet verbeugte sich Raffael vor mir und bot mir seinen Arm an. Ich schlug ihn aus, was ihm ein amüsiertes Schulterzucken entlockte.

»Wie du willst, dann eben Begleitung ohne einander zu nahe zu kommen

Raffael führte mich tiefer in das verwirrende Labyrinth aus Gassen, Kanälen und Brücken des oberirdischen Teils der Stadt der Engel, das dem Menschenvenedig ziemlich ähnlich sah. Allein zurückzufinden würde Stunden dauern. Ich würde zu spät zum Lichtmeerfest kommen, Aron mich zur Schnecke machen und Christopher, anstatt mich in die Arme zu nehmen, so lange ausquetschen, bis ich ihm verriet, wo ich gewesen war. Da ich hoffte, dass nicht nur ich, sondern auch Sanctifer das vermeiden wollte, folgte ich Raffael brav wie ein Schoßhündchen seinem Herrn.

»So schweigsam heute?«, bemühte sich mein Begleiter, ein Gespräch in Gang zu bringen.

»Und du, so mutig?«, konterte ich.

Raffael zuckte ein klein wenig zusammen. Er hatte mich in meiner Gestalt als Racheengel gesehen und wusste, was das bedeutete. Vermutlich hätte er Reißaus genommen, wenn er meine Schattenseite kennenlernen würde.

Wir schwiegen beide, und ich bedauerte schnell, so abweisend gewesen zu sein. Ein wenig Ablenkung hätte meine Nervosität nicht ansteigen, sondern abflauen lassen. Als wir die Gondel erreichten, verpasste ich vor lauter Anspannung die unterste Stufe der Kaimauer. Wenn Raffael mich nicht aufgefangen hätte, wäre ich kopfüber im Wasser gelandet.

»So in Eile?«, zog er mich auf.

»Ja. Schließlich hab ich heute noch was Besseres vor, als mich mit deinem Herrn und Meister zu treffen.«

Raffael ließ mich augenblicklich los. Bei dem Sturz war meine Maske heruntergerutscht – und offensichtlich stand mir meine Abneigung gegen Sanctifer ins Gesicht geschrieben. Mit versteinerter Miene öffnete Raffael die Tür zu der kleinen, mit Silber ausgeschlagenen Kabine und bat mich, einzutreten.

Ich folgte ihm und ignorierte das Gefühl, Raffael verletzt zu haben. Das Ausmaß seiner Abhängigkeit von seinem Ziehvater kannte ich – schließlich wusste ich, wie abstoßend er mit seinen Verbrennungen ohne Sanctifers Zauber aussah. Allerdings wurde mir erst jetzt so richtig klar, dass seine Gefühle für Sanctifer weit über Dankbarkeit hinausgingen: Raffael liebte ihn wie ein Sohn seinen Vater. Dennoch durfte er ruhig wissen, was ich von seinem Ziehvater hielt. Vielleicht würde auch ihm irgendwann klarwerden, wie sehr Sanctifer sich seine Anhänglichkeit zunutze machte. Obwohl er das, nachdem Sanctifer ihn als Lockvogel tödlichem Dämonenstaub ausgesetzt hatte, eigentlich schon bemerkt haben müsste.

Mit erzwungener Gelassenheit setzte ich mich am anderen Ende der Kajüte auf die Bank und beobachtete, wie die schmucken Häuserzeilen an uns vorbeizogen. Mein angeödeter Blick verbarg hoffentlich, dass ich von Minute zu Minute nervöser wurde.

Wir verließen die Lagunenstadt und steuerten auf eine der vorgelagerten Inseln zu. Je näher die Gondel dem Eiland kam, umso sonderbarer erschien mir der Treffpunkt. Ich hatte etwas Pompöses erwartet und nicht ein verwildertes Stück Land mit den Resten einer verfallenen Ruine. Dass die Gondel dann nur durch einen ungepflegten Kanal mit einem efeubewachsenen Torbogen fuhr und danach wieder Richtung Venedig steuerte, half nicht gerade, mein inzwischen mühsam aufrechterhaltenes Selbstbewusstsein zu stärken.

Raffael ließ mich nicht aus den Augen, als er meine Unsicherheit bemerkte – was ich natürlich nicht so stehenlassen konnte.

»Hat sich der Gondoliere verfahren? Oder versuchst du nur ein wenig länger meine Gegenwart zu genießen und hast ihn deshalb gebeten, eine Extrarunde zu drehen?«

»Weder das eine noch das andere«, antwortete Raffael, während er mich ein wenig zu intensiv musterte.

Schließlich schien ihm wieder einzufallen, warum er neben mir durch die Lagune schipperte – seine Miene wurde ernst. »Sanctifer hat mir genaue Anweisungen gegeben. Wenn du wissen willst, warum er den Umweg über die Insel gewählt hat, frag ihn – oder komm selbst dahinter.« Da war er wieder, der zwischen Ergebenheit und Unzufriedenheit schwankende Tonfall, der sich bei Raffael einschlich, sobald er versuchte, das Verhalten seines Ziehvaters zu erklären.

Ich schwieg. Irgendwie tat er mir leid. Aber vermutlich war nicht nur Sanctifer in der Lage, Raffael zu helfen, damit er nicht als Frankenstein junior durch die Gegend laufen musste. Vielleicht konnte ich Christopher bitten, sich um Raffaels Brandnarben zu kümmern – oder lieber Aron, der hatte mit Sanctifers Objekten sicher weniger Probleme.

Als wir Venedig erreichten, wurde mir schnell klar, warum Sanctifer den Umweg gewählt hatte und weshalb die Kabine von Silber durchzogene Wände besaß. Irgendwann mussten wir ein Engelsportal passiert haben, das uns in die Menschenwelt gebracht hatte – vermutlich der Torbogen. Blöd, dass ich Weltenportale nicht spüren konnte – bei mit Engelsmagie errichteten Durchgängen, die dämonische Wesen abwehrten, gelang mir das leider viel zu gut.

Anders als im Venedig der Engel wimmelte es hier auf den Kanälen vor Betriebsamkeit. Linienboote, Wassertaxis und die typischen schwarzen Gondeln beförderten Massen von Passagieren. Die Stimmung war ausgelassen, nicht nur in den Booten. Überall feierten maskierte, in farbenfrohe Gewänder gehüllte Touristen den letzten Tag des Karnevals. Manche Gassen waren so überfüllt, dass Raffael sich geradezu durchkämpfen musste. Dank seiner stattlichen Größe gelang ihm das mühelos. Schließlich zog er mich zu einem prachtvollen Palazzo. Nach einem kurzen Blick über die Schulter öffnete er die Tür und ließ mich mit einem formvollendeten »Nach dir« vorangehen. Er bat mich, Hut und Maske abzulegen, und befestigte ein silbernes Wächterband an meinem Arm, das mich zurück in die Engelswelt bringen würde.

Ich zwang mich zu einem Lächeln, um ihm zu beweisen, wie wenig ich mich vor der Begegnung mit Sanctifer fürchtete – gut, dass Raffael nicht hören konnte, wie aufgeregt mein Herz schon jetzt flatterte. Sanctifers verwirrendes Weltenwechselspiel beunruhigte mich. Er wollte sicher sein, dass ich allein kam.

Anstatt in eines der Zimmer führte Raffael mich nach unten in einen spärlich beleuchteten Kellerraum, wo er mir das Wächterband wieder abnahm. Ich ahnte, was mir bevorstand, und biss die Zähne zusammen, als Raffael die Tür öffnete. Auf keinen Fall wollte ich ihm zeigen, welche Probleme ich beim Durchschreiten eines mit Engelsmagie gesicherten Gebäudes hatte. Offenbar verhinderte meine nicht ganz so reine Seele, dass ich das unterirdische, mit Engelszauber errichtete Labyrinth der Stadt ungestraft betreten konnte.

Wie befürchtet, riss es mich, trotz Luftanhalten und Zähneknirschen, mal wieder von den Beinen. Gerade noch rechtzeitig, bevor ich auf dem harten Steinboden aufschlug, fing Raffael mich auf.

»Du schwächelst schon jetzt? Ich dachte, das kommt erst, wenn du Sanctifer gegenüberstehst.«

»Überschätzt du die Fähigkeiten deines Gebieters da nicht ein bisschen?«, fragte ich genervt, während ich mich aus seiner Umarmung befreite.

»Du wärst nicht der erste Engel, der vor ihm in die Knie geht«, antwortete Raffael mit einem undefinierbaren Unterton.

Bilder, wie Sanctifer Christopher quälte, tauchten vor meinem inneren Auge auf und schnürten mir das Herz zusammen. Keine Sekunde später lag meine Hand an Raffaels Kehle. Wusste er, wie viel Angst mir seine Worte einjagten? War auch er schon so weit, dass es ihm Freude bereitete, andere leiden zu sehen? Ein Blick in sein Gesicht ließ mich diesen hässlichen Gedanken bereuen. Die geweiteten Pupillen und das Zucken an seinem Augenlid, als Teile der Maske sich auflösten, die ihm sein makelloses Aussehen schenkte, zeigten mir, dass Raffaels Angst echt war. Er spielte nicht, weder mit meinen noch mit seinen Gefühlen.

»Denk in Zukunft lieber noch mal darüber nach, was du zu einem Racheengel sagst. Meine Gutmütigkeit könnte überstrapaziert werden.« Um meine Warnung zu unterstreichen – und mir selbst ein wenig Mut zu machen –, warf ich ihm einen finsteren Blick zu, bevor ich ihn losließ. Dass Raffael dann tatsächlich auf Abstand ging und jeden meiner Schritte argwöhnisch beobachtete, war mir dann doch etwas zu viel. Vielleicht sollte ich in Zukunft vorsichtiger sein mit dem, was ich tat und sagte – an meine Wirkung als Racheengel musste ich mich wohl erst noch gewöhnen.

Christophers Bild, das bei diesem Gedanken in meinem Kopf erschienen war, wieder aus dem Gedächtnis zu streichen gelang mir natürlich nicht mehr. Allerdings drängte nicht der Engel, sondern seine Schattengestalt aus meiner Erinnerung hervor. Die dunkle Seite seines Wesens. Der Teil, der Christopher lange glauben ließ, niemals lieben zu können – oder geliebt zu werden. Auch in mir schlummerte so ein Schatten. Dass er weit weniger gefährlich war als Christophers Schatten, spielte keine Rolle.

Ob es wohl diese Gemeinsamkeit war, die mich angezogen hatte? Das intuitive Wissen, ein dämonisches Erbe zu teilen? Konnte ich ihn als Racheengel deshalb noch lieben, weil ich ihn schon als Mensch geliebt hatte? Gut möglich. Doch genau konnte das niemand sagen, da Christopher und ich die ersten Racheengel waren, die sich nicht an die Gurgel sprangen, sobald sie aufeinandertrafen – und niemand wusste, ob und wie lange das so bleiben würde.

»Doch ein wenig Muffensausen?«, unterbrach Raffael meine Gedanken – ich musste dringend an einem Pokerface arbeiten.

Um selbstsicher zu wirken, schenkte ich ihm mein bestes Engelslächeln. Es gefror zu einem gequälten Grinsen, als ich die beiden Gestalten am Ende des verwinkelten Flurs entdeckte. Zwei geflügelte, mit Lanzen bewaffnete Wachen standen neben einer eisernen Tür und beäugten mich misstrauisch. Raffael zuckte nicht mit der Wimper. Engel mit Waffen waren für ihn wohl nichts Neues – mich beunruhigten sie umso mehr. Mein Plan B – der Fluchtversuch – schied damit wohl aus.

Als gehöre das zu seiner täglichen Routine, steuerte Raffael auf den in die Wand gemeißelten Löwenkopf zu und steckte einen Arm in das geöffnete Maul. Während er gelassen blieb, liefen mir eisige Schauder über den Rücken. Ihm jetzt die Hand abzutrennen wäre ein Kinderspiel. Natürlich bemerkte Raffael mein Zittern. Doch als ich an der Reihe war, meinen rechten Arm in den dunklen Schlund zu stecken, packte er keine zynische Bemerkung aus, sondern drückte mir aufmunternd die Schulter.

»Es ist nur ein Scanner in einer antiken Verpackung. Außerdem ist der Kampfarm eines Racheengels viel zu wertvoll, um ihn zu verstümmeln«, versuchte er mich zu beruhigen.

Trotz Raffaels mutspendender Worte durchzog mich ein weiteres Frösteln. Racheengel töteten – und von mir wurde erwartet, das eines Tages auch zu tun. Ein gequältes Kratzen jagte gleich noch mal einen eisigen Schauder über mich hinweg. Ich riss mich zusammen. Auf der anderen Seite wurde nur ein Riegel beiseitegeschoben. Dass auch die Tür jämmerlich in ihren Angeln quietschte, war schon beinahe komisch. Zu einem befreienden Lachen reichte es bei mir allerdings nicht. Obwohl ich niemals zuvor hier gewesen war, wusste ich dank Engelsgeschichte schon beim ersten Blick, was mich erwartete: der am strengsten bewachte Bereich des Dogenpalastes. Raffael hatte mich in das Gefängnis für entartete Kreaturen und Engel gebracht.

Mein Racheengelstolz verbot mir, ihn zu fragen, warum Sanctifer ausgerechnet hier mit mir reden wollte. Abgesehen davon gab es sowieso kein Zurück mehr. Die Wachen hielten ihre Lanzen nicht umsonst auf mich gerichtet. Also verbarg ich meine Furcht und spielte wieder die Gelangweilte. Immerhin war ich nicht die einzig Ängstliche. Das Aufblitzen von Panik in den Augen der Wachen, sobald ihr Blick auf meine Hände fiel, verriet sie. Racheengel besaßen tödliche Monsterkrallen. Dass meine noch immer mit kompliziert befestigten Spangen und Silberringen an Daumen und Mittelfinger zurückgehalten wurden, konnten die beiden ja nicht sehen. Ich trug schwarze Pulswärmer, um die Ringe zu verbergen, damit ich auf meinem Weg durch das Engelvenedig nicht erkannt wurde.

Ein paar schmale, von grauen Steinmauern und Gewölbedecken umrahmte Flure und viele Eisengitter später weiteten sich die Gänge, und wir erreichten den großzügig gebauten Teil – den für Wesen mit ausladenden Flügeln. Erneut verdrängte ich Christophers Bild. Mir vorzustellen, wie er in seiner Schattengestalt hier entlanggetrieben wurde, verkraftete mein verliebtes Herz nicht besonders gut. Gequälte Schreie und das Rasseln von Ketten hinter den massiven Kerkertüren spukten dennoch durch meinen Kopf. Alles nur Einbildung, redete ich mir ein – aber vielleicht diente mein Weghören auch nur zum Selbstschutz. Dass Raffael seine Schritte beschleunigte und versuchte, wieder mit mir ins Gespräch zu kommen, war mir eine willkommene Ablenkung.

»Philippe muss ein wahrhaft guter Freund von dir sein, wenn du bereit bist, für ihn zu lügen.«

»Wie kommst du darauf, dass ich für ihn gelogen habe?«

Raffael blieb stehen. In seinem Gesicht stand helles Entsetzen. »Du hast Christopher erzählt, mit wem du dich triffst?!«

Ein Brüllen – das auch ich nicht überhören konnte – ließ ihn zusammenzucken. Hektisch streifte sein Blick den Flur entlang. Selbst mir wurde mulmig, auch wenn dieser Schrei verglichen mit dem eines Schattenengels geradezu harmlos klang. Natürlich spielte ich weiterhin die Taffe, stemmte meine Hände in die Hüften und betrachtete Raffael mit einem spöttischen Blick.

»Du solltest nicht durch Gänge mit Wesen laufen, vor denen du dich fürchtest.« Die Doppeldeutigkeit hatte ich bewusst gewählt. Doch Raffael reagierte gelassen.

»Wenn du scharf darauf wärst, mich zu töten, hättest du mich nicht mit deinen Flügeln vor dem Dämonenstaub geschützt.«

»Was offenbar ein Fehler war.« Kaum ausgesprochen, bereute ich schon, das gesagt zu haben. Raffael das Leben zu retten war richtig. »Es … Raffael, es tut mir leid. Ich … so habe ich das nicht gemeint«, lenkte ich ein.

»Nur zu. Ehrlichkeit ist wertvoll, auch wenn sie nicht immer leicht zu ertragen ist.« Raffaels Miene zeigte keine Regung. Die Bitterkeit in seiner Stimme hörte ich dennoch.

Ich verkniff mir den Kommentar, dass er als Flüsterer im Grunde ein Meister der Lüge und Täuschung war. Vermutlich hätte ich an seiner Stelle auch Sanctifers Angebot akzeptiert. Genauer betrachtet log oder verheimlichte selbst ich eine ganze Menge. Niemand wusste, dass ich mich hier mit Raffael im dunkelsten Teil des Dogenpalastes herumtrieb, anstatt, wie Aron und Christopher glaubten, ein paar Stunden vorzuschlafen, damit ich heute Nacht mit meinem unermüdlichen Engel besser mithalten konnte.

Trotz meiner Entschuldigung wandte Raffael sich von mir ab. Ich hielt ihn zurück und legte meine Hand auf seine Schulter, was er überrascht, aber nicht widerwillig zuließ.

»Wenn du die Wahrheit schätzt, solltest du mal darüber nachdenken, warum dein Ziehvater zugelassen hat, dass der Dämonenstaub dich hätte töten können.«

»Mein Leben war niemals in Gefahr.« Raffaels Erwiderung kam zu schnell.

Ich schwieg. Dem für Menschen tödlichen Dämonenstaub wäre Raffael ohne meine Hilfe niemals entkommen. Selbst er musste das bemerkt haben. Aber offenbar war sein Vertrauen in Sanctifer viel zu groß, um die Wahrheit zu akzeptieren.

»Dann hoffe ich, dass das auch für mich gilt, wenn du mich gleich zu ihm bringst.«

»Wenn Sanctifer deinen Tod wollte, hätten das die Wachen für ihn erledigt, solange deine Hand im Löwenmaul gefangen war.« Ein leichtes Zucken blitzte um Raffaels Mundwinkel. Ob vor Entsetzen oder unterdrücktem Spott konnte ich nicht erkennen. »Aber wenn du zurück sein möchtest, bevor dein Freund etwas bemerkt, sollten wir uns besser beeilen.«

Ich nickte und versuchte, mit Raffael Schritt zu halten. Sein zufriedener Gesichtsausdruck verriet mir, dass ich einen Fehler gemacht hatte und er jetzt sicher sein konnte, dass ich Christopher nichts von meinem Ausflug zu Sanctifer verraten hatte.

Kapitel 2
Auf Abwegen

Royalblaue Augen musterten mich kaltherzig. Sanctifer registrierte selbst die kleinste Regung. Obwohl ich mich bemühte, mir mein Widerstreben nicht anmerken zu lassen, wusste er, was in mir vorging.

Verborgen hinter zwei kunstvoll aus Silber und Gold geschmiedeten Türen lag der faszinierendste und zugleich abstoßendste Raum, den ich je gesehen hatte. Wie im Dogenpalast offenbar üblich, strotzte es auch hier unten vor edlem Stuckwerk und natürlich Massen von Gold. Nur der Boden von Sanctifers Einschüchterungshalle unterschied sich von dem üblichen blank polierten Belag: Hier herrschte roter Basalt.

Meine Nackenhärchen richteten sich auf. Die Wahl der Farbe war nicht zufällig. Blut würde darauf keine unschönen Flecken hinterlassen. Ich zwang mich, Raffael zu folgen und weiter auf den wuchtigen Schreibtisch zuzugehen. Den Entschluss, Philippe aus Sanctifers Obhut zu befreien, hatte ich nicht aus einer Laune heraus gefasst. Mir war klar, mit wem ich mich einließ. Dass ich inzwischen ein offiziell anerkannter Racheengelnovize war, schenkte mir das nötige Selbstvertrauen, das irgendwie hinzubekommen.

Obwohl ich wusste, dass ich Sanctifer nicht aus den Augen lassen sollte, wanderte mein Blick unwillkürlich durch den so perfekt gestalteten Raum. Die Gemälde in den wuchtigen Goldrahmen raubten mir den Atem – nicht, weil sie besonders schön waren, sondern aufgrund der perfiden Darstellungen. Engel, kniend, in Ketten mit gebeugten Häuptern, warteten vor einem mit pechschwarzen Masken und ebenso dunklen Mänteln verhüllten Gremium auf ihr Urteil. Die Augen matt und gebrochen, ihre Körper ausgezehrt wie nach tagelanger Folter.

Gewaltsam riss ich mich von dem verstörenden Anblick los, dessen Details ich noch gar nicht richtig erfasst hatte. Dieser Raum war dafür geschaffen, Angst einzujagen. Sanctifer hatte mich nicht umsonst hierherbestellt. Offenbar war es ihm wichtig, mir zu zeigen, über welche Macht er als Mitglied des Rats der Engel verfügte. Auf sein Spiel einzugehen und Furcht vorzutäuschen war sicher nicht verkehrt.

Wie um meine Unterlippe am Zittern zu hindern, kaute ich darauf herum und mimte die Verängstigte. Ein Leuchten huschte über Sanctifers jugendliches, von schwarzen Haaren umrahmtes Gesicht, während er mich mit seinen unglaublich blauen Augen unentwegt musterte. Als wäre ich verunsichert – was vielleicht auch so war –, wich ich seinem allzu intensiven Blick aus und erstarrte, als ich begriff, was die Wand hinter seinem Rücken schmückte. Ausgestellt wie eine antike Waffensammlung reihten sich goldblitzende Folterwerkzeuge aneinander. Die monströs gebogenen Haken und unterarmlangen Klingen mit den nadelspitzen Auswüchsen waren noch die harmlosesten Instrumente unter ihnen.

Mein Magen krampfte sich zusammen, während mein Blut sich Richtung Beine bewegte. Eisige Kälte umschloss mein Herz. Mit diesen geradezu liebevoll angeordneten Folterwerkzeugen hatte er Christopher gequält. Wie Trophäen hingen sie hinter ihm. Wahrscheinlich polierte er sie eigenhändig.

Um nicht doch vor Sanctifer in die Knie zu gehen, biss ich mir auf die Lippe, bis ich Blut schmeckte. Der Schmerz half meinem Körper, aufrecht stehen zu bleiben.

Sanctifers triumphierendes Lächeln drang zu mir durch. Mir wurde endgültig schlecht. Dieses Mal musste ich meine Angst nicht vortäuschen, als ich seinem Blick auswich.

»Willkommen in meinem Refugium, Lynn«, begrüßte mich Sanctifer, wobei er jedes Wort betonte, als würde er mich in einem Palast empfangen. »Deinem überraschten Gesichtsausdruck nach zu urteilen, hast du noch nicht besonders viel über die Zähmung widerspenstiger Kreaturen gelernt.«

Mein verkrampfter Magen rollte sich mit quälender Langsamkeit auf und trieb mir Säure ins Blut. Verborgen hinter meinem Rücken ballte ich meine Hände zu Fäusten. Dass Raffael meine Wut bemerkte, war mir egal. Hauptsache, es gelang mir, unter den Augen des Foltermeisters der Engel meine Beherrschung zu bewahren.

Ein belustigter Funke erhellte das Königsblau in Sanctifers Augen. Meine Fassung geriet ins Wanken. Wie konnte ein dermaßen abscheuliches Wesen eine so wundervolle Augenfarbe besitzen?! Ich suchte Schutz im Angriff.

»Find jemand anderen zum Einschüchtern, Sanctifer. Deine Spielchen langweilen mich.«

Sanctifers Körper spannte sich an, als wollte er aufstehen, um mich anzugreifen. Doch er überlegte es sich anders und blieb sitzen. Ich jubelte lautlos: Es war mir gelungen, ihn zu verärgern. Sanctifer mochte es nicht, wenn ich ihn duzte. Dass mich sein Blick zum Frösteln brachte, war mir egal.

»Wie du willst.« Behutsam legte er seinen dunkelroten Federkiel auf einen der drei Stapel – vermutlich Folter, Geständnis und Hinrichtung. Freispruch gab es bei ihm sicher nicht. »Da du jetzt als offizielle Novizin dem Zirkel der Racheengel angehörst, ist es an der Zeit, dass du deinen Verpflichtungen nachkommst.«

»Ich bin Euch nicht das Geringste schuldig!« Meine Zunge reagierte schneller als mein Verstand.

»Das würde der Rat der Engel anders beurteilen. Aber es überrascht mich nicht, dass dein Tutor wenig Wert auf die Vermittlung von fundiertem Wissen legt und du mit den Gesetzen der Engel nicht besonders vertraut bist. Setz dich!«, wies Sanctifer mich an und deutete auf einen massiven Stuhl auf meiner Seite des Schreibtisches.

Trotzig verschränkte ich meine Arme vor der Brust und blieb stehen, was mir einen nachdenklichen Blick von ihm einbrachte. Die verborgenen Eisenklammern an Arm- und Rückenlehne, die zahlreich und stabil genug waren, um einen Schattenengel zu bändigen, entdeckte ich erst auf den zweiten Blick.

Meine Sicht verschwamm. Der Umriss einer mir allzu vertrauten Gestalt flackerte auf. Ich blinzelte sie beiseite, bevor sich die Augen meines Phantasie-Christophers in meine bohren konnten. Seinen vernichtenden Blick würde ich früh genug zu spüren bekommen – spätestens wenn ich ihm erzählte, wo ich heute Nachmittag war.

»Ganz wie du möchtest«, fuhr Sanctifer fort. »Du kannst gehen.«

Sanctifers Aufforderung galt Raffael. Obwohl ich wusste, auf wessen Seite sein Ziehsohn stand, fühlte ich mich alleingelassen, als Raffael ohne Zögern den Saal verließ.

»Damit du begreifst, dass jede Handlung Konsequenzen nach sich zieht, besonders wenn du dich den Befehlen eines Mitglieds des Rats widersetzt, wirst du ohne Begleitschutz zurückfinden müssen. Hoffentlich ist dein Orientierungssinn besser geschult als der Rest.«

Ich presste meine Lippen aufeinander und schluckte das Schmor in der Hölle, Sanct Lucifer hinunter. Philippes Sicherheit war wichtiger als verbale Genugtuung.

Sanctifers flüchtiges Lächeln verriet, wie sehr er den Weg zu seinem bevorstehenden Sieg genoss. Langsam, Schritt für Schritt, versuchte er, mich mürbe zu machen. Nur warum? Was bezweckte er mit seiner Provokation? Warum sagte er nicht einfach, was er von mir wollte?

Suchend glitt mein Blick über Sanctifers ebenmäßiges Gesicht, seine Hände und weiter über die dunkle Tischplatte mit den penibel sortierten Dokumenten. Schließlich blieb ich wieder an den grausamen Folterwerkzeugen an der Wand hinter ihm hängen. Vermutlich war es das: Sanctifer wollte, dass ich ausrastete, damit er einen Grund hatte, mich hierzubehalten. Aber darauf konnte er lange warten. Christopher hatte mir seine Schattengestalt offenbart, um mir zu zeigen, wozu ich wurde, sobald ich mich meiner Wut hingab – eine äußerst wirksame Methode, meinen Zorn zu zügeln.

»Im Alter lässt wohl auch bei Engeln das Gedächtnis ein wenig nach. Offenbar hast du vergessen, dass ich, trotz deines erfolglosen Versuchs mich in die Irre zu führen, problemlos in die Basilika zurückgefunden habe.«

Meine spitze Bemerkung zeigte Wirkung: Sanctifers Meerblick gefror zu Gletschereis. Er hatte mich während meiner Engelsprüfung in eine Falle gelockt – ich bestand trotzdem.

»Dann wird es dir sicher nicht schwerfallen, diese Meisterleistung zu wiederholen.« Sanctifers verächtlicher Tonfall unterstrich seine Zweifel. »Aber lass uns zum Grund unseres eigentlichen Treffens kommen: unserer Vereinbarung.«

Ich spürte schon die nächste patzige Antwort auf der Zunge, doch dieses Mal schaltete mein Verstand schneller, und ich formulierte meine Antwort rechtzeitig zu einer Frage um.

»Vereinbarung? Ich bin wegen Philippe gekommen.«

Bedächtig begann Sanctifer seine Hände zu reiben. Meine Sorge um Philippe gefiel ihm viel zu gut. Vielleicht hätte ich ihn doch lieber als scheinheiligen Lügner betiteln sollen.

»Philippe«, genüsslich ließ Sanctifer sich den Namen meines ältesten und treuesten Freundes im Mund zergehen, was mir eine Gänsehaut über den Rücken jagte. »Dein allzu leichtgläubiger Menschenfreund ist wesentlich sensibler, als du es warst.«

»Wie meint … st du das?« Schon wieder ging meine Zunge mit mir durch – wenigstens konnte ich das Ihr zu einem Du retten. Sanctifer grinste dennoch.

»Besser, du wechselst zum Ihr, wenn du vor einem Ratsmitglied stehst – ganz besonders, wenn du etwas von ihm haben möchtest.«

Sanctifer genoss es, mir seine Überlegenheit zu demonstrieren, um mich herauszufordern. Ich wartete geduldig, bis er fortfuhr – auch er wollte etwas haben.

»Deinem Freund schien mein Tee nicht besonders zu munden, weshalb ich mich entschieden habe, ihn nicht länger dazu zu zwingen, die Mischung zu trinken.« Bis zum Anschlag dehnte Sanctifer seine Finger, lehnte sich in seinem protzig verzierten Lederstuhl zurück und warf mir einen mitleidsvollen Blick zu.

In mir brodelte es. Engelstee war selten nur Tee. Und welche Wirkung Sanctifers Gebräu hatte, sollte ich mir lieber nicht ausmalen, wenn ich ich selbst bleiben wollte. Immerhin gelang mir ein gelangweiltes »Wie großzügig!«. Das von Euch ließ ich weg.

Sanctifers Gelassenheit bekam Risse. »Vielleicht würdest du das anders sehen, wenn du wüsstest, wie empfänglich Philippe für den Hauch der Totenwächter bald sein wird.«

Sosehr ich mich auch bemühte, mein Zittern zu kontrollieren und die aufziehende Kälte zu vertreiben, gelang mir nicht mal ansatzweise. Die Erinnerung an den Todeshauch war viel zu real. Erneut spürte ich eisige Finger, die nach meiner Seele griffen, um sie mir zu entreißen. Doch die Totenwächterin konnte mir nichts mehr anhaben, weil meine Seele nicht mehr menschlich war – Philippes Seele dagegen schon.

Ich wandte mich ab, als der Teil in mir erwachte, den ich vor Sanctifer zu verbergen versuchte. Schattenengel waren mächtig und gefürchtet – und unberechenbar, grausam und seelenlos. Viel zu deutlich sah ich Christophers Schatten an den Stuhl gekettet. Und dennoch verlor Sanctifers Versuch, mich zu provozieren, an Stärke. Christopher hatte mich auf meine Zukunft als Racheengel bestens vorbereitet.

Sanctifers Miene blieb nahezu unbewegt, nur ein kurzes Zucken seiner schwarzen Augenbrauen verriet sein Missfallen. Natürlich war mir klar, dass mein kleiner Sieg Philippe nicht im Geringsten helfen würde. Im Gegenteil. Mein Widerstand stachelte Sanctifers Feindseligkeit an. Sein schneidender Tonfall erinnerte mich daran, dass ich mitten in seiner Folterkammer stand.

»Die Seele deines Freundes ist so viel zerbrechlicher als deine. Aber selbst die stärksten Engel sind verletzlich, sobald sie ihre Schwächen offenbaren.«

Mein Herz hörte auf zu schlagen. Sanctifers Warnung galt nicht mir, sondern Christopher. Irgendetwas musste er gegen ihn in der Hand haben. Ich war mir sicher, gleich zu erfahren, was es war.

Sanctifer spürte meine aufkommende Panik und verschränkte voller Genugtuung seine Hände hinter dem Kopf.

»Vor ein paar Monaten hast du den Pakt besiegelt, den ich dir bei unserem ersten Treffen anbot, und damit deine Zustimmung gegeben, meiner Forderung nachzukommen. Deinem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, scheinst du dich nicht mehr allzu gut daran zu erinnern. Oder täusche ich mich in diesem Punkt?«

»Nicht nur darin!«, antwortete ich zickig. »Ich habe mein Blut niemals freiwillig gegeben. Du hast mir die Kehle aufgeschlitzt, um es dir zu holen. Ein Pakt sieht anders aus.« Mutig trat ich näher an Sanctifers Schreibtisch und stützte meine Hände darauf ab, um ihm meine Entschlossenheit zu demonstrieren. »Und jetzt sag mir, wo ich Philippe finde, bevor ich dem Rat erzähle, dass du einen Menschen in die Engelswelt entführt hast!«

Leider ließ Sanctifer sich von meiner Drohgebärde nicht einschüchtern. Im Gegenzug lehnte er sich nach vorn und durchbohrte mich mit seinem Blick.

»Du solltest nicht mit Halbwissen um dich werfen, wenn du einem Ratsmitglied gegenüberstehst. Uns ist es an Karneval erlaubt, potentielle Kandidaten in die Stadt der Engel mitzunehmen.«

»Kandidaten wofür?!« Meine Stimme erstarb. Die Drohung in Sanctifers Brief erhielt neue Nahrung. Er würde aus Philippe einen Flüsterer machen. Der Tisch gab mir Halt, als mein Kreislauf sich verabschieden wollte.

»Es gibt so vieles, was du lernen musst, während du dein Jahr bei mir ableistest«, antwortete Sanctifer mit einem diabolischen Grinsen. »Und was den Pakt betrifft, auch wenn du mir dein Blut nicht vollkommen freiwillig gegeben hast, so kanntest du doch die Bedingungen, die an das Öffnen des Tunnels zum Schloss der Engel geknüpft waren. Du hast den Dolch, der mit deinem Blut gekennzeichnet war, an dich genommen, und du ganz allein hast dich auf den Weg gemacht, um die Welt der Engel zu betreten. Jedes Gericht wird meiner Forderung zustimmen.« In Siegerpose lehnte Sanctifer sich in seinen Stuhl zurück, seine eiskalten Augen starr auf mein Gesicht gerichtet. Philippe zu entführen war nur ein Vorwand, um mich zu sich zu locken. Gleich schnappte die Falle zu, die er mir gestellt hatte.

»Eigentlich wollte ich dir eine Verhandlung ersparen, aber wenn es dir lieber ist, trage ich mein Anliegen gerne dem Rat vor. So, wie ich Christopher kenne, ist er sicher bereit, deine Zeit bei mir auf sich zu nehmen. Schließlich steht es ihm als an dich gebundenem Engel zu, ausstehenden Verpflichtungen an deiner Stelle nachzukommen.«

»Das würde ich niemals zulassen!«

»Du vielleicht nicht. Aber da du noch kein vollwertiger Racheengel bist und ich nichts dagegen hätte, wenn Christopher dein Jahr bei mir ableistet, besitzt seine Stimme vor dem Rat mehr Gewicht als deine.«

Meine Hände umklammerten die Tischplatte. Auch ohne Klauen hinterließen meine Finger Spuren auf dem harten Holz. Als sein ehemaliger Tutor kannte Sanctifer Christopher besser als ich. Aber selbst ich war mir sicher, dass Christopher alles dafür tun würde, um mich vor Sanctifer zu beschützen.

Wie magisch angezogen heftete sich mein Blick wieder auf die Folterinstrumente hinter Sanctifers Rücken. Er würde Christopher quälen und ihn in seine Schattengestalt zwingen, bis nichts mehr von seiner Engelseele übrig war. Schon bei seiner letzten Verwandlung hatte Christopher Mühe, wieder zurückzufinden. Wie sollte ihm das in der Gewalt des Foltermeisters der Engel gelingen?

»Es liegt an dir, eine Entscheidung zu treffen, wer von euch beiden deine Verpflichtung erfüllt. Damit du deine Wahl nicht übereilt fällen musst, lasse ich dir noch ein wenig Zeit, bis … sagen wir, bis der Sommer beginnt.« Sanctifer spürte, dass ich kurz davor stand, mich seiner Forderung zu fügen und ihm meine Zustimmung gleich hier und jetzt zu geben, um Christopher zu schützen. Diabolische Freude funkelte in seinen Augen – und befreite mich aus meiner Angststarre.

Christopher wusste, von wem ich den Dämonendolch bekommen hatte. Doch die Bedingungen des Pakts, den ich angeblich geschlossen hatte, kannte er nicht. Wenn er von Sanctifers Brief gewusst hätte, wäre er jetzt an meiner Stelle hier – und genau deshalb hatte ich ihm auch nichts gesagt. Dennoch, früher oder später würde er dahinterkommen. Schließlich konnte ich ja nicht einfach für ein Jahr verschwinden, ohne dass Christopher das bemerkte. Dieses Problem musste ich später lösen. Aber ich stand ja auch nicht in Sanctifers Folterkammer, um über einen Pakt zu verhandeln, sondern um Philippe zu befreien. Ihn bis zum Sommer in Sanctifers Gewalt zu wissen war undenkbar.

»Und was wird aus Philippe?«, fragte ich angriffslustig.

»Als Zeichen meines Vertrauens überlasse ich ihn dir – vorerst jedenfalls. In seine Welt zurückbringen musst du ihn jedoch allein.«

Wie auf ein Zeichen hin öffnete sich die prunkvolle Doppeltür. Zwei bewaffnete Engel traten ein. Mein Treffen mit Sanctifer war beendet, seine Drohung, Philippe als Druckmittel einzusetzen, ausgesprochen.

Eskortiert von den nervösen Wachen, deren Lanzen angriffsbereit auf meinen Rücken zielten, verließ ich den Gefängnistrakt des Dogenpalastes durch einen anderen Zugang. Anstatt düsterer Flure mit Folterzellen durchquerten wir ein mit Fresken verziertes Treppengeflecht. Meine Hoffnung, hier auf Philippe zu stoßen, erfüllte sich nicht. Dafür verlor ich in dem dreidimensionalen Gefüge schnell die Orientierung, weil ich mich nicht überwinden konnte, mir die grausamen Abbildungen der gequälten Geschöpfe anzusehen, mit deren Hilfe meine Begleiter den Weg nach oben fanden. Dass sie mir erst am Ende der Treppenhalle die Augen verbanden, war sicher kein Zufall.

Grob schubsten sie mich einen dumpf hallenden Flur entlang, in dem es zunehmend nach Salz roch. Als am Ende ein Boot und nicht Aron, mein nach Meer riechender Tutor, auf mich wartete, fühlte ich einen kurzen Anflug von Erleichterung. Sie verschwand, als Arons Anblick sich vor meinem inneren Auge manifestierte. Eine passende Erklärung, warum ich im Alleingang versuchte, meinen besten Freund aus Sanctifers Händen zu befreien, hatte ich noch keine. Und ob ich das zuerst Aron oder Christopher beichten sollte, wusste ich auch noch nicht. Sauer würden beide werden.

Das weiche Etwas, über das ich stolperte, nachdem die Kajütentür ins Schloss gefallen war und sich die Gondel in Bewegung gesetzt hatte, stöhnte gequält: Philippe! Erleichtert atmete ich auf, da ich inzwischen nicht mehr daran geglaubt hatte, dass Sanctifer sein Versprechen einhalten würde, und riss mir die Augenbinde vom Kopf. In dem fensterlosen Rumpf nützte das nur wenig. Vorsichtig tastete ich mich durch die Dunkelheit. Ein wuscheliger Haarschopf wand sich aus meinem Griff.

»Lass mich … schlafen. Dann … verschwindet … die Kälte.«

Meine Alarmglocken schrillten alle auf einmal. Philippe schlotterte nicht nur, als wäre er auf Eis gebettet, seine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. Ob seine Seele tatsächlich in Gefahr war oder Sanctifer mir nur etwas vorgemacht hatte, spielte keine Rolle. Philippe schien am Ende seiner Kräfte zu sein und ich die Einzige, die ihm helfen konnte. Behutsam wickelte ich ihn in meinen schwarzen Umhang, hievte ihn auf die Sitzbank und setzte mich neben ihn, um ihn zu wärmen.

»Ich bringe dich zurück, in Sicherheit«, versprach ich leise, während ich ihm beruhigend über den Rücken strich.

Ein Rumpeln, und ich kippte von der schmalen Bank. Philippe konnte ich gerade noch abstützen, damit er nicht auch auf dem Boden landete. Entweder war der Gondoliere blind oder etwas hatte uns gerammt. Ein zweiter Schlag katapultierte mich wieder auf Philippe zu. Er stöhnte, als ihn zuerst die Bordwand und danach mein Ellbogen traf – irgendetwas stimmte hier nicht.

Mit einem geflüsterten »Alles wird gut!« fuhr ich kurz durch Philippes Haare, bevor ich im Dunkeln nach der Kajütentür tastete. Gerade als die Gondel ein weiteres Mal gerammt wurde, drückte ich die Klinke und flog förmlich zur Tür hinaus. Dass nur meine Knie und nicht auch mein Kopf auf dem harten Schiffsboden aufschlugen, verdankte ich Arons Gleichgewichtstraining. Philippe hatte weniger Glück, wie mir der dumpfe Aufprall verriet, dem ein Schmerzenslaut folgte.

Ich ließ ihn, wo er war. Tiefer konnte Philippe nicht fallen – zumindest nicht im Moment. Um ihm wirklich zu helfen, musste ich ein anderes Problem lösen und ihn in seine Welt zurückbringen. Allerdings hatte ich keine Ahnung, wie ich das bewerkstelligen sollte. Wir trieben irgendwo in einer führerlosen Gondel in einem stockdunklen Kanaltunnel.

Um nicht erneut von den Beinen gerissen zu werden, robbte ich auf allen vieren zum Heck der Gondel. Dass dort ein Ruder auf mich wartete, überraschte mich. Doch irgendwie passte es zu Sanctifer, mich im Dunkeln stochern zu lassen.

Das Boot verlor an Geschwindigkeit, aber mehr als ein leises Plätschern, sobald die Bugwelle auf die Schachtwände traf, war nicht zu hören – worüber ich eigentlich froh sein sollte. Mulmig wurde mir trotzdem. Dass Sanctifer Irrlichter oder eine andere dämonenhafte Spezies auf mich hetzte, konnte ich mir lebhaft vorstellen.

Als sich das Plätschern plötzlich in der Tiefe verlor, stemmte ich das Ruder so fest wie möglich gegen die Kanalwand, um das Boot zu stoppen – allerdings gab es keine Wand mehr.

Kopfüber plumpste ich in das brackige Wasser. Frostige Kälte umgab mich. Alte Ängste erwachten. Dunkelheit in Kombination mit eisigem Wasser hasste ich. Panisch erstickte ich die Erinnerung an das Totenreich. Meinem sich verabschiedenden Verstand einzutrichtern, dass ich jetzt ein Racheengel war und mich vor Wesen wie der Totenwächterin nicht mehr zu fürchten brauchte, erwies sich dennoch als schwierig. Die Mutmachparolen wirkten nur langsam.

Erst als ich das Anlegeseil der Gondel zu fassen bekam, wieder wusste, wo oben und unten war, das Wasser zwar kalt, aber friedlich um mich herumschwappte und nirgends ein Anzeichen von etwas Lebendigem zu fühlen war, beruhigte ich mich allmählich wieder. Ein schwacher Lichtschimmer half mir, ruhig zu bleiben. Er fiel durch einen Türspalt und tauchte die davorliegende Anlegestelle in schummrig gelbes Licht.

Mit ein paar kräftigen Schwimmzügen zog ich die Gondel zu der Kaimauer, kletterte an Land und befestigte das Boot. Philippe ließ ich sicherheitshalber zurück. Schließlich wusste ich nicht, wo und bei wem ich gelandet war. Mir einen Hoffnungsschimmer zu schicken, der in die Hölle führte, traute ich Sanctifer allemal zu.

Hinter der Tür empfing mich funkelndes Gold. Geblendet schloss ich die Augen, bis mir einfiel, dass es nicht besonders schlau war, blind in die Arme eines Racheengels zu stolpern. Die mit goldenen Mosaiksteinen verzierten Wände und die Wendeltreppe konnten nirgendwo anders hinführen als in die Markuskirche.

Lautlos schlich ich die Stufen nach oben. Dass die Treppe in eine Art Beichtstuhl führte, kam mir äußerst gelegen, weil ich so unbemerkt die Basilika ausspionieren konnte. Am Ende meiner Prüfung war ich hier von sechs Racheengeln empfangen worden. Heute stand der schwarze Altar, auf dem sich das goldgelbe Licht der Wände widerspiegelte, einsam und verlassen unter der zentralen Kuppel.