CYRUS DARBANDI

DAS LICHT
DER TOTEN

ROMAN

Aufbau Digital

Impressum

ISBN 978-3-8412-0641-1

Aufbau Digital,

veröffentlicht im Aufbau Verlag, Berlin, September 2013

© Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin

Die Originalausgabe erschien 2013 bei Aufbau, einer Marke der Aufbau Verlag GmbH & Co. KG

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Umschlaggestaltung Sabine Kwauka

unter Verwendung einer Illustration von Timo Kümmel

E-Book Konvertierung: le-tex publishing services GmbH, www.le-tex.de

www.aufbau-verlag.de

JOHANNES, ELF-ZEHN

»Wer aber des Nachts wandelt, der stößt sich; denn es ist kein Licht in ihm.«

SLAYER, SOUTH OF HEAVEN

»Before you see the light / you must die.«

Inhaltsübersicht

Cover

Impressum

PROLOG

KAPITEL EINS

KAPITEL ZWEI

KAPITEL DREI

KAPITEL VIER

KAPITEL FÜNF

KAPITEL SECHS

KAPITEL SIEBEN

KAPITEL ACHT

KAPITEL NEUN

KAPITEL ZEHN

KAPITEL ELF

KAPITEL ZWÖLF

KAPITEL DREIZEHN

KAPITEL VIERZEHN

KAPITEL FÜNFZEHN

KAPITEL SECHZEHN

KAPITEL SIEBZEHN

KAPITEL ACHTZEHN

KAPITEL NEUNZEHN

KAPITEL ZWANZIG

KAPITEL EINUNDZWANZIG

KAPITEL ZWEIUNDZWANZIG

KAPITEL DREIUNDZWANZIG

KAPITEL VIERUNDZWANZIG

KAPITEL FÜNFUNDZWANZIG

KAPITEL SECHSUNDZWANZIG

KAPITEL SIEBENUNDZWANZIG

KAPITEL ACHTUNDZWANZIG

KAPITEL NEUNUNDZWANZIG

KAPITEL DREISSIG

KAPITEL EINUNDDREISSIG

KAPITEL ZWEIUNDDREISSIG

KAPITEL DREIUNDDREISSIG

KAPITEL VIERUNDDREISSIG

KAPITEL FÜNFUNDDREISSIG

KAPITEL SECHSUNDDREISSIG

KAPITEL SIEBENUNDDREISSIG

KAPITEL ACHTUNDDREISSIG

KAPITEL NEUNUNDDREISSIG

KAPITEL VIERZIG

KAPITEL EINUNDVIERZIG.

KAPITEL ZWEIUNDVIERZIG

KAPITEL DREIUNDVIERZIG

KAPITEL VIERUNDVIERZIG

KAPITEL FÜNFUNDVIERZIG

KAPITEL SECHSUNDVIERZIG

KAPITEL SIEBENUNDVIERZIG

KAPITEL ACHTUNDVIERZIG

KAPITEL NEUNUNDVIERZIG

KAPITEL FÜNFZIG

EPILOG

WIDMUNG

DANK

Informationen zum Buch

Informationen zum Autor

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PROLOG

Du warst schon einmal hier in dieser Stadt, in einem anderen Körper, in einem anderen Leben; eingeschlossen wie ein Insekt in Bernstein ist die Zeit für dich jedoch nicht vergangen.

Hier oben auf dem Dach lockt dich der Wind, zerrt und zieht an dir wie ein ungeduldiger Spielkamerad, flüstert dir zu, dass hinter der Kante und über den Rand hinaus Trost, Freiheit, Vergessen warten.

Dein Körper wird sich von dir trennen, unnützer Ballast all die Jahre lang, du wirst ihn über Bord werfen wie einen Seesack, in dem all der Schmerz, die Scham, die Angst verschnürt sind.

Du stellst dich an den Rand, und in den wenigen Schritten von einer Kante zur anderen entledigst du dich deiner Geschichte: zuletzt nicht mehr als ein Haufen abgetragener Klamotten, an denen der üble Geruch deiner Kindheit haftet.

Blickst hinaus in die trostlose Weite und hinunter in den tröstlichen Abgrund, vergewisserst dich, dass dein Ende nicht auch das eines anderen bedeutet.

Du hast keine Angst vor dem Tod – du bist schon einmal gestorben, und dass du gerettet wurdest, war nicht dein Verdienst; all die Jahre, die darauf folgten, erschienen dir immer falsch, so als hättest du dir die unvorhergesehene Lebenszeit erschwindelt, zumindest aber nicht verdient.

Ein schon zu Lebzeiten Verlorener.

Immerhin: Du hast lange durchgehalten, viel länger, als du glaubtest, es zu können; ein Mann voller Verstecke, dunkler Winkel, verbotener Räume, ein immerzu maskierter Mann.

Dieser Mann stand morgens auf, küsste seine Frau, weckte die Kinder, duschte, kochte Kaffee, briet Eier, las Zeitung, brachte die Kinder zur Schule, fuhr zur Arbeit, arbeitete, funktionierte, fuhr nach Hause, redete über den Tag, über dieses und jenes, sammelte, sortierte Worte, achtete auf seinen Zungenschlag, tat interessiert, aufmerksam. Aber niemand wird jemals wissen, wie viel Kraft es ihn kostete, in der Sonne zu stehen, unter einem blauen Himmel, an einem Strand mit den Menschen, die ihn lieben, und dabei die Hände in den Taschen zu Fäusten zu ballen, mit dem dringenden Verlangen, sie sich in den Rachen zu stopfen, um die Schreie des Kindes dort drinnen zu ersticken.

Oder in der Rushhour panisch auszuscheren, in eine Seitenstraße hinein oder unter eine zugemüllte Autobahnbrücke zu fliehen, weil ein plötzlicher Weinkrampf über ihn hereinbrach, seine Sicht verschleierte und seine Seele verschattete.

Ein Mann, der sein Leben lang damit verbrachte, sich selbst zu vergessen, der nachts auf die sich an den Felsen brechenden Wellen sah und seinen Körper dort hineinwünschte, und über ihm zogen Sturmwolken, in denen Blitze wie grelle Schnappschüsse aus der Hölle aufleuchteten über dem Pazifik, und Schatten krochen aus der Dunkelheit, vermischten sich mit dem Schatten, den er selbst auf der Veranda seines Hauses warf, und darin starrten glühende Augen auf das Kind, das sich zitternd und geschunden in ihm verbarg.

Erinnerungen wie deine sind Terroristen der Seele, es ist ihnen egal, wo und wann sie zuschlagen.

Wer wird um dich trauern?

Deine Familie am anderen Ende der Welt. Deine Familie – und sie zu gründen, war deine Entscheidung. Nach Australien zu gehen – deine Entscheidung.

Wie viel von dem, was wir erleben, ist von uns gewählt – und wie viel geschieht uns einfach? Stand das, was dir als Kind geschah, zwischen den Sternen geschrieben, oder war es nur die grauenhafte Laune eines bösen Gottes, ein Zufall, Pech?

Da war ein wenig Glück gewesen – eine vergleichsweise unverschämt mickrige Entschädigung für das Grauen, Brotkrumen auf verbranntem Boden.

Zwei Töchter, jetzt erwachsen, jetzt außer Haus, und deine dich liebende Frau, die sich nie über deine depressive Distanziertheit, die sie irrtümlich anfangs als eine Art linkische Schüchternheit missverstand, beschwerte.

Sie werden um dich weinen, zumindest eine Zeitlang.

Aber du machst dir keine Illusionen.

Der Winter wird gehen, der Sommer kommen, und mit ihm der von ihrer Seite aus gehegte Wunsch, weiterleben zu dürfen. Was von dir bleiben wird, ist am Ende nicht mehr als dein Gesicht hinter dem dünnen Glas eines Bilderrahmens.

Und Fragen.

Manchmal endet es mit Fragen, die unbeantwortet bleiben.

Wer bleibt zurück?

Du denkst an Lydia. An eure letzte Begegnung, gestern.

Als sie die Entscheidung in deinen Augen las.

In deinen Augen lag die Wahrheit in einem scharfen, schrecklich grellen Licht, während du gleichzeitig schamlos logst. Wie gut es dir ging, wie stark du seist und bereit, ja bereit, für die letzte Konfrontation mit deiner Mutter, eurer Nemesis.

Stark aber warst du nie, bereit schon gar nicht.

Nur entsetzlich müde.

»Tu’s nicht«, sagte Lydia, als sie dir die Adresse gab. »Was auch immer du vorhast, tu’s nicht.«

Aber sie sprach bereits zu einem toten Mann.

Der letzte Mensch auf Erden. Der letzte Mensch in Berlin. Du klopfst Sturm in der Gegenwart, und ein Orkan aus der Vergangenheit öffnet dir. Du gibst ihr eine Minute, dann noch eine, bis die Erkenntnis, dass du es bist, wahrhaftig und leibhaftig wie ein Gift in sie einsickert.

»Du also … dass du noch lebst … deine Schwester war mal hier … ist lange her … hat mir nichts von dir erzählt. Wo zum Teufel bist du so lange abgeblieben? Ich hielt dich für tot, aber selbst das hast du nicht hingekriegt.«

Sie fragt nicht, was du machst. Wie du lebst. Deine Gegenwart ist unwichtig. Für sie zählt nur die Vergangenheit. Als deine Schwester nach Jahren bei ihr auftauchte, war sie bitter enttäuscht. Du warst es, den sie sehen wollte. Sie löcherte Lydia mit Fragen nach deinem Aufenthaltsort. Als Lydia dich ihr verweigerte, wurde sie so handgreiflich wie eh und je. Dabei habt ihr beide euch doch nie wirklich verloren, nicht wahr?

Und du fragst dich, ob du in ihren Träumen so weiterexistiert hast wie sie in deinen …

Und du kennst die Antwort: natürlich.

Ihr sitzt euch gegenüber, und sie lässt die Schnapsflasche kreisen. Je mehr sie in sich hineinschüttet, ungeniert, hemmungslos, außer Kontrolle, desto mehr verwandelt sie sich zurück in die Frau mit den kalten Augen. Die Erinnerung setzt mit einer effizienten Gnadenlosigkeit ein, die Hände der Zeit rücken ihr zerstörtes Gesicht zurecht, glätten die Falten, und auch du stürzt zurück in deine Kindheit. Du wirst kleiner und kleiner in ihrer Gegenwart, während sie größer und stärker wird. Und dann ist es wie gestern, als sie dich mit ihren langen spinnenartigen Fingern berührt und an sich zieht. An ihren Busen, deine Hand in ihren Schoß legt, während sie dich so küsst, wie eine Mutter ihr Kind nicht zu küssen hat. Aber dir geschah es, und es geschieht wieder. Und sie sagt die gleichen Worte, dieselben Aufforderungen, mit ihr etwas zu machen, was ihr gut tut … weil ein Junge seine Mama lieben muss … Doch je länger du ihr zuhörst, desto mehr spürst du die Dämonen in dir anwachsen wie die gerechte Wut aller misshandelten Menschen. Wie kleine, verborgene Tiere flitzen sie in dir umher. Ja, du hast ihr Gesicht noch einmal sehen wollen, die falschen Worte hören aus einem verwüsteten Mund voll fauliger Zähne. Ihr Wein- und Wodka-Atem. Ihre trüben, gelblichen Augen. Sie stinkt wie etwas, das schon vor langer Zeit gestorben ist und sich dieser Erkenntnis hartnäckig verweigert.

Eine Aussätzige, die sich wie in einem Albtraum durch die toten Zonen des Lebens bewegt.

Regungslos, rettungslos lässt du ihre Tiraden über dich ergehen. Eigentlich bist du derjenige, der abrechnen sollte, stattdessen ist es, als befreie sie sich von einer jahrelangen Last des Schweigens. Ihre Worte sind wie perfekt geformte Giftpfeile, die dich an ihre Gegenwart nageln. Sie ist Hass, sie war nie etwas anderes, und jetzt, wo sie, vom Alkohol, von der Armut gezeichnet und verwüstet, vor dir hockt und sich regelrecht erbricht, weißt du, dass du ihr niemals wirklich entkommen bist. Nicht mal am Ende der Welt. Du vergräbst das Gesicht in deine Hände. Dein Herz flattert wie ein Kolibri in deinem Brustkorb, stößt sich, schlägt an, blutet, schreit, du zitterst am ganzen Leib, zerfällst unter ihrem Blick, unter diesen Hexenaugen, die nie Liebe und Vernunft kannten, nur Desinteresse, Kälte, Wahnsinn. Alles, was du dir am Ende der Welt, in einer anderen Zeit aufgebaut hast, löst sich auf, wird nichtig, bedeutungslos, du warst ja nie weg, du warst immer hier, dein Leben war nur ein Taumeln, ein Kreiseln um den Ort des Schreckens, den du Kindheit nennst. Du tauchst wieder ein in das tiefe Schwarz.

Das Nächste, was du wahrnimmst, sind deine Hände um ihren Hals, deine Finger, die sich so stark und tief in ihre trockene, kalte Haut graben, dass sie diese beinahe wie Messerklingen durchbohren.

Und du denkst, dass du deiner Mutter niemals so nahe warst wie jetzt, nicht mal in den Stunden, in denen sie dich missbrauchte, ihren Körper über deinen wälzte, dein Schreien und deine Tränen zu Stein erstarren ließ, als wäre sie eine Gorgone, die Medusa selbst, mit einem wimmelnden Nest von Schlangen als Haar und ihr Blick ein Abgrund, der dich wie früher zu Stein erstarren lässt.

Aber du tötest sie nicht. Du bist nicht deswegen zurückgekommen. Sie röchelt, krächzt, ruft nach dir, bring es zu Ende, mach Schluss, sie liegt wie eine Tote auf dem Boden zwischen der schimmeligen Couch und dem gesprungenen Glastisch, ihre Hände zucken wie die offenen Enden eines Stromkabels, so als kratze sie magische Zeichen in die Luft, als verfluche sie dich. Du taumelst zurück, während unsichtbare Krallen an dir reißen.

Dein Gegenzauber bis zur rettenden Wohnungstür ist Lydias Gesicht. Sie sieht deiner Mutter so ähnlich, aber während das rasende, tobende Ding hinter dir aus der tiefschwarzen absoluten Essenz der Nacht besteht, ist Lydia ein warmes, helles Licht, in das du dich hineinwirfst wie in ein Rettungsboot.

Nicht, dass es reichen würde, dich von deinem Entschluss abzuhalten.

Frieden findest du erst nach dem letzten Schritt, dem Tritt ins Leere.

Dir fallen deine letzten Worte an Lydia ein.

»Niemand von denen da draußen weiß, wie es wirklich war, niemand. Was wir erlebt haben.«

Lydias flehende Stimme: »Du irrst dich. Wir haben es überwunden. Wir sind noch da.«

Und sie legte deine Hand auf ihren Körper, auf die Höhe ihres Herzens, dessen Schlag dich schon damals beruhigte und in den Schlaf leitete. Und wie damals lagt ihr nebeneinander, so eng, dass es aussah, als krieche der eine in den Körper des anderen, in ein gegenseitiges Nest gefallener Tage.

»Erzähl es ihnen, erzähl es meiner Familie, wenn sie fragen«, flüsterst du. »Wer soll sich an uns erinnern, wenn wir nicht mehr da sind?«

»Bleib«, sagte Lydia, »bleib bei mir.«

Öffne deine Augen. Es ist so weit.

Dein langer Mantel bauscht sich auf wie ein Cape, als du dich in den Himmel wirfst. Wir sind aus Staub und Tränen gemacht, wir sind Zöglinge, Pilger, die mit dem Wind gehen; wir fallen, weil das Leben manche von uns zu Stein erstarren lässt.

Du fällst, und alle Angst, jeder Zweifel fällt von dir ab.

Solange du fällst, ist noch nichts geschehen.

Es ist erst der Aufprall, der dich tötet.

Er schlug inmitten von Müllsäcken, zerbrochenem Glas, Bauschutt, Dreck und Unkraut auf. Beim Aufprall gab es ein Geräusch, dass einer der Jugendlichen, die vor dem Gebäude herumlungerten, Abraham später wie folgt beschrieb: als hätte der Teufel einen Furz gelassen, Mann. Ein zweiter dieser Komiker bemühte sich um eine konträre Sichtweise: als hätte der liebe Gott in eine Papiertüte geblasen und dann draufgeschlagen.

Das Ergebnis war allerdings in beiden Fällen dasselbe.

Es war Winter, und Menschen fielen aus dem Himmel über Berlin.

KAPITEL
EINS

Frank Abraham war Polizist in Berlin, ein großer, stiller Mann mit schweren, traurigen Augen, in denen sich ein ganzes Berufsleben widerspiegelte.

Polizist in Berlin, Mordermittler, fünfzehn lange Jahre, und jedes einzelne hatte sich in seinen Körper und in seine Seele gegraben; fünfzehn Jahre, das macht müde, es ist diese Art von Müdigkeit, die an das Ächzen alter sterbender Männer erinnert, an ihren verzweifelten Versuch, noch einmal genug Luft für einen letzten Atemzug zusammenzubekommen.

Hinter der Müdigkeit aber lauert, unerbittlich wartend, die Erschöpfung. Sie nimmt die Gestalt eines grauen, hohlen Mannes mit leeren ausgelöschten Gesichtszügen an, der einen zerschlissenen schäbigen Anzug trägt.

Dieser Typ weicht dir nicht mehr von der Seite, und irgendwann kommt der Tag, an dem du in den Spiegel blickst und ihn nicht mehr an deiner Seite siehst – weil du selbst an seine Stelle getreten bist.

Abraham war jetzt Anfang vierzig, zehn Jahre von seinen Glanzzeiten entfernt und zehn Jahre davon, das letzte Drittel zu beginnen. Die Bedeutung dieser Zahl kreiste unaufhörlich in seinem Kopf herum und beschäftigte ihn mehr und mehr – denn er war jetzt genauso alt wie sein Vater vor beinahe dreißig Jahren, als dieser in einem mörderischen Sommer drei Frauen tötete.

Das war der längste Sommer seines Lebens gewesen.

Nach der Aufdeckung der Morde und der anschließenden Verhaftung seines Vaters blieb seine Kindheit irgendwo zwischen der Hitze der Tage und der Erschöpfung durchwachter Nächte auf der Strecke.

Sein Vater, sein Ein und Alles hatte sich auf eine für ihn unerklärliche Weise in ein Monster verwandelt.

Abraham wünschte sich manchmal, er könne sagen: Das ist eine alte Geschichte, ich habe mit ihr abgeschlossen, die Dämonen meines Lebens in den Wandschrank gesperrt. Aber damit belog er sich nur selbst. Es heißt, wir selbst schreiben die Geschichte unseres Lebens, aber er hatte nach all den Jahren darauf begriffen, dass wir es sind, die von der Geschichte unseres Lebens beschrieben werden wie ein leeres Blatt Papier, das nur darauf wartet, mit Worten gefüllt zu werden.

Denn eine der Nachwirkungen der Morde, ihrer Entdeckung, der Überführung seines Vaters und des anschließenden Selbstmords seiner Mutter war, dass Abraham Polizist wurde.

Das Messer seines Vaters hatte diesen blutigen Pfad für ihn geschlagen, und nachdem Abraham den ersten Schock, das erste Zögern überwunden hatte, folgte er ihm auf dem mitternachtsdunklen Weg, folgte ihm selbst in seinen Träumen in eine unermesslich groteske Welt, die nichts anderes war als die Essenz seiner Arbeit und seiner Zeugenschaft als Mordermittler; und nur dort, an diesem geheimen, verborgenen Ort fühlte er sich ihm nah.

Das mit dem Verbrechen und ihm war also naturgemäß etwas sehr Persönliches. Deswegen war Abraham in seiner Ermittlungsarbeit so rigoros. Das Wort »diplomatisch« hatte er schon lange aus seinem Wortschatz gestrichen. Er hatte den Gestus der Straße nie abgelegt – denn dort fand das Verbrechen statt. Der Schreibtisch war nichts für ihn.

Er hatte noch nie von einem Mord gehört, der dort aufgeklärt worden wäre. Abraham konnte durchaus umgänglich sein, mitfühlend, hellwach, aber er verabscheute es zu klüngeln. Er interessierte sich nicht für aufwändige Verwaltungsakte, und er besaß keinen Sinn für die hochkomplexe, nach oben buckelnde und nach unten austretende Hausflurpolitik. Sein Umgangston, wenn er sich in der heißen Phase einer Ermittlung befand, war barsch und rau, selbst gegenüber seinen Vorgesetzten.

Ein Teil des latenten Misstrauens gegen ihn rührte auch daher, dass er der Protegé eines inzwischen verstorbenen Mordermittlers namens Martin Lohmann war, der einen zweifelhaften Ruf genossen hatte. Abraham galt als sein Bastard, weil er sich dessen einzelgängerische Vorstellungen von Polizeiarbeit zu eigen gemacht hatte, sehr zum Ärger einiger Leute, die sich in einer höheren Besoldungsstufe als er befanden und für die Polizeiarbeit in erster Linie aus Pressemitteilungen und Öffentlichkeitsarbeit bestand.

Lohmann war man inzwischen los, aber sein aufrührerischer Geist waberte in Gestalt Abrahams immer noch aufdringlich durch die Flure.

Zunehmend fühlte sich Abraham vom Verbrechen regelrecht terrorisiert. Die Zeit weigerte sich hartnäckig, ihm einen Panzer wachsen zu lassen, seine Haut war immer noch so dünn und verletzlich wie zu Anfang. Jeder Mord ging ihm nahe, und es gelang ihm immer noch nicht – und in letzter Zeit sogar immer weniger –, sich dem Grauen, das in Wohnungen, Hinterhöfen, in Seitenstraßen und Waldstücken auf ihn wartete, zu entziehen. Er hielt nur selten Distanz zu den Dingen, und das bekam weder ihm noch seiner Umgebung gut, andererseits: Waren denn nicht auch Täter und Opfer bei ihrer Begegnung weniger als einen Atemhauch voneinander entfernt? Und heißt es nicht, dass ein jeder von uns nur einen Atemzug von einer Höllenexistenz entfernt ist?

Sein letzter Fall lag gerade einmal zwei Wochen zurück, aber die Verwerfungen, die das Verbrechen in ihm aufgeworfen hatte, ließen ihn nur schwer zur Ruhe kommen.

Martin Krawczyk, ein 58-jähriger arbeitsloser Lagerist, hatte seine siebzehnjährige Tochter, die er seit ihrer Kindheit regelmäßig und ausdauernd missbraucht hatte, umgebracht, weil das Mädchen nach Jahren des Schweigens so weit war, ihn endlich anzuzeigen. Zu einer letzten Aussprache kehrte sie, die in einer Pflegeeinrichtung der Stadt lebte, in die elterliche Wohnung zurück. In der darauffolgenden Konfrontation schwang Nina ihre anklagenden Sätze wie einen gerechten Hammer und brachte mit jedem weiteren Treffer die Mauer aus Lügen und Heuchelei zum Einsturz. Zuletzt verkündete das völlig erschöpfte, aber befreite Mädchen triumphierend, dass sie von hier aus nun direkt zur nächsten Polizeiwache fahren würde.

Aber dazu kam es nicht.

Als Ninas Freund vergeblich auf ihre Rückkehr wartete und sie auch nicht ans Handy ging, fuhr er zur Wohnung ihrer Eltern, und als dort niemand auf sein energisches Klingeln hin öffnete, rief er die Polizei. Daraufhin schickte man eine Streife los. Die erfahrenen Beamten sahen Gefahr im Verzug und verschafften sich gewaltsam Zugang zu der Wohnung. Was sie dort vorfanden, veranlasste sie dazu, dem Freund den Zutritt zu verweigern und die Mordkommission zu verständigen. Denn das Erste, was sie sahen, als sie die Tür aufbrachen und den Blutspuren ins Schlafzimmer folgten, war die Gestalt eines Mannes, der nur mit Unterhose und Unterhemd bekleidet in einer Blutlache kniete und dabei war, seiner eigenen Tochter den Kopf abzutrennen, während seine Ehefrau gerade in der Absicht, jede Spur zu beseitigen, Wasser und Spülmittel in einen Eimer ließ.

Beide leisteten keinen Widerstand, als die Polizisten ihnen Handschellen anlegten.

»Die Wohnung ist völlig verwahrlost«, sagte einer der Beamten zu Abraham, als dieser zusammen mit Kleber den Tatort betrat. Er erzählte Abraham damit nichts grundlegend Neues; im Laufe seiner Dienstzeit hatte Abraham mehr als genügend Drecklöcher gesehen, ihre verkommene Unordnung, ihre chaotische Struktur entsprachen fast immer dem Geisteszustand ihrer Bewohner. Aber der Beamte verspürte einfach nur den Wunsch, irgendetwas zu sagen und sich für einen Augenblick nicht wie ein Mann in Uniform zu fühlen, sondern wie ein Familienvater, dessen Tochter nur sechs Jahre jünger als das Mordopfer war. Er war zwar erfahren, aber wie viel Erfahrung schützt einen schon vor dem massiven, komprimierten Pfeil reinsten Grauens, der irgendwann, irgendwo auf einen abgefeuert wird? Dieser Pfeil, in Herzhöhe platziert, findet immer sein Ziel, und er durchbohrt mit Leichtigkeit jede von unzähligen Dienstjahren vermeintlich gestählte Rüstung.

Alle Polizisten fürchten sich vor diesem Tag, und heute war eben er dran.

»Sie wird sicher nicht viel schöner durch die Tote«, sagte Abraham. Aber der Anblick des verstümmelten, gedemütigten Körpers des Mädchens, der im Schlafzimmer auf ihn wartete, passte in diese Szenerie; später dachte er, dass er sich ihn nicht hätte irgendwo anders vorstellen können als zwischen dem Bett und der Heizung unterm Fenster, so als wäre dieser winzige Spalt schon immer seine Bestimmung gewesen.

»Ich wünschte wirklich, jemand würde das Fenster öffnen«, sagte der Beamte, der Abraham und Kleber ins Schlafzimmer führte.

Er hatte das zweifelhafte Vergnügen, innerhalb von noch nicht einmal einer halben Stunde schon zum zweiten Mal das verstümmelte Mordopfer zu sehen, an seinem Gesicht war förmlich abzulesen, dass er sich bereits am Rand seiner Aufnahmefähigkeit befand. Gleich nachdem er die Wohnung verlassen durfte, um der Spurensicherung Platz zu machen, floh er in eine Gasse und kotzte in den Rinnstein. Im Gegensatz zu seinem Kopf war wenigstens sein Magen in der Lage, das Gesehene zu verarbeiten.

»Nein, lassen Sie das Fenster geschlossen«, sagte Abraham, weil er alles in sich aufnehmen wollte: die Bilder, die Geräusche, den Geruch; das, was der Tod hinterlassen hatte, die ganze deprimierende Angelegenheit.

Abraham ging in die Knie und betrachtete Nina Krawczyk. Die Leiche schien noch im Nachhall des Todes vor Einsamkeit und Verzweiflung zu beben.

Nina lag wie zusammengefaltet auf dem Boden. Ihr rechter Unterschenkel war unter dem Knie auf stümperhafte Weise abgetrennt, er lag verloren neben ihrem ausgestreckten rechten Arm, der tiefe Einschnitte aufwies. Das Küchenmesser hatte sich bereits durch Haut- und Muskelgewebe und Nervengeflecht geschnitten, war aber am Knochen gescheitert. Ihr Bauch war aufgeschlitzt, ihre Innereien glänzten wie die Auslage einer Metzgerei. Ihr Oberkörper war von dutzenden Messerstichen zerfetzt, eine Brust beinahe zerteilt, aber all das war nichts gegen die Verletzungen in ihrem Gesicht, es waren die schlimmsten, die Abraham und Kleber in den letzten Jahren gesehen hatten. Ein Auge war ausgestochen und hing, nur an einem dünnen Nervenstrang gehalten, wie eine surrealistische Träne auf ihrer Wange, ihr Gesicht war vom Stirnansatz bis zu den Lippen regelrecht gespalten durch einen besonders heftigen Hieb. Was Abraham noch befremdlicher, verstörender fand als die Raserei, die man ihrem Körper angetan hatte, war, dass ihre langen schwarzen Haare abgeschnitten um ihren Kopf herum lagen; verteilt wie ein makabrer Heiligenschein.

Mord, dachte Abraham, war hier nur der Weg zum eigentlichen Ziel der völligen Auslöschung des Opfers.

Der Hass und der Wahnsinn, den dieser Mord begleitet hatte, hingen wie eine Horde fetter schwarzer Vogelspinnen in jedem Winkel der Wohnung. Er spürte, wie diese Spinnen sich jetzt in Bewegung setzten, wie sich ihre Punktaugen auf ihn richteten, ihre haarigen Beine über seine Haut strichen. Abraham strauchelte innerlich, spürte, wie etwas in ihm wegsackte und sich in tieferen Schichten von Dunkelheit verlor. Etwas Heftigeres, Ursprünglicheres als Schmerz verschlang ihn, so als würde er seinem eigenen Sein entrissen. Die Erschütterung kam einem Erdbeben gleich und spaltete ihn regelrecht. Er sah sich selbst davontreiben, den Mund zu einem stummen Schrei geöffnet; ein tonloser Abgrund.

Er war nicht der Einzige.

Hinter sich hörte er Kleber beim Anblick der Toten keuchen. Fluchtartig verließ sein Kollege das Zimmer.

Abraham ging ihm nach.

Kleber war aus der Wohnung gegangen und stand im Treppenhaus, presste sich gegen die Wand, als wolle er in ihr verschwinden. Er versuchte, die Kontrolle über sein Entsetzen zurückzugewinnen, seine Hände krampften heftig und sein Blick war glasig. Er schaute kurz auf, als Abraham ihn an der Schulter berührte.

»Ich bin okay«, sagte er viel zu hastig, um ehrlich zu sein.

»Der Ausdruck in deinem Gesicht erzählt aber etwas ganz anderes.«

»Mein Gott, das tut mir leid, Boss … als sähe ich so etwas zum ersten Mal. Vielleicht bin ich zu früh zurückgekommen … vielleicht hättest du mich da draußen einfach versauern lassen sollen …«

»Du willst dich doch hoffentlich nicht dafür entschuldigen, betroffen zu sein«, sagte Abraham.

Kleber schüttelte den Kopf, atmete tief durch.

»Vielleicht habe ich nur vergessen, zu was einige von uns fähig sind. Hab’s vielleicht vergessen wollen.«

»Dann bist du in der falschen Abteilung, denn hier wirst du immer wieder daran erinnert.«

»Ja.« Ein verstohlenes, trauriges Lächeln huschte über Klebers Züge. »Du wirkst aber auch nicht gerade wie das blühende Leben«, sagte er.

»Siehst du, da geht’s uns wie den Ermordeten, also scheinen wir beide ja bestens hierher zu passen. Und jetzt lass uns zurückgehen.«

Bei der ersten Vernehmung versuchte das mörderische Ehepaar Abraham davon zu überzeugen, dass Nina im Zuge der Aussprache aggressiv geworden sei und ihren Vater mit eben dem Küchenmesser, mit dem sie dann getötet wurde, angegriffen habe. Es kam zum Kampf, bei dem Nina sich das Messer quasi selbst in den Leib rammte.

(»Ja«, sagte Abraham zu Kleber, »und das ungefähr zwei Dutzend Mal. Und danach hat sie sich noch verstümmelt.«)

Abraham hätte am liebsten ihre Fratzen in das Blut ihres Kindes gedrückt. Für ihn war alles klar – er sah Nina, die sich zur Wehr setzte, während ihre Mutter sie festhielt und ihr Vater mit sadistischer Lust auf sie einstach, bis sie so viel Blut verlor, dass auch ihr Flehen mit ihr starb.

»Was hatten Sie denn mit dem Kopf vor?«, fragte Kleber, doch die Mörder schwiegen. Sie saßen am Küchentisch, der Mann noch mit dem Blut seines Kindes am Körper wie ein archaisches Wesen aus einem antiken Drama, die Frau mit pervers zusammengefalteten Händen – die Fingerspitzen nach oben gen Himmel gerichtet, was eindeutig in die falsche Richtung wies, dachte Abraham.

»Zerstückeln und vergraben«, gab Kleber selbst die Antwort, weil ihn das Schweigen ankotzte. Ein halbes Dutzend Abfallsäcke lagen dafür nämlich auch schon bereit.

»Ob ich lebenslang bekomme?«, fragte der Mörder, es war erst sein zweiter Satz, seit ihm die Streifenbeamten Handschellen angelegt hatten. Davor hatte er sich bei Abraham darüber beschwert, dass die Fesseln ihm in die Haut schnitten. Außerdem hatte er sich an der Hand verletzt, als er mit dem Messer beim Versuch, Ninas Halswirbelsäule zu zerteilen, abgerutscht war. Bei dieser Frage jedenfalls blinzelte er unaufhörlich, so als hätte er den zukünftigen Staub des geschändeten Körpers seines toten Kindes im Auge und wollte ihn loswerden. Der Mann atmete schwer und war schweißgebadet, das Töten hatte sich als unerwartet anstrengend erwiesen, und nachdem er sein Kind niedergemetzelt hatte, wartete immer noch ihre Entsorgung auf ihn; ein Haufen Probleme für einen banalen Dienstagnachmittag.

Er hatte mit unzureichendem Werkzeug hantiert, das Fleischermesser reichte zwar aus, um Ninas Körper wie einen Sack voller Blut aufzuschlitzen, versagte aber bei Knochen, Knorpeln und Sehnen.

»Tja, wo ist die Säge im Haus, wenn man sie mal braucht«, höhnte Kleber. Er nahm kein Blatt vor den Mund – warum auch, schließlich waren sie alle ja eine exklusive, eingeweihte Gesellschaft – das Opfer, seine Mörder und die Mordermittler – und gerade so nett beisammen.

Die offiziellen Förmlichkeiten waren ausgetauscht, jetzt konnte man auf moderate Töne verzichten. Nur keine Zurückhaltung, dachte Abraham, schließlich war er noch nie einem Killer begegnet, der die Bedeutung dieses Wortes verstanden hätte.

»Nun, was die Haftstrafe angeht«, sagte Abraham, »ich bin kein Staatsanwalt, aber ich habe schon einige wie dich hochgenommen und spreche deswegen aus Erfahrung und glaub mir, es wird auf lebenslänglich hinauslaufen. Heimtücke, niedere Beweggründe, du bist ja wirklich in die Vollen gegangen. Das ganze miese Programm. Und ich hoffe, dass noch eine nette kleine Sicherheitsverwahrung extra dabei herausspringt.«

Daraufhin jammerte der Mörder: »Ich weiß schon jetzt, dass ich den Knast nicht ertragen werde. Das ist, wie lebendig begraben zu sein.«

»Ich sehe da ehrlich gesagt keinen Unterschied zu deinem jetzigen Zustand«, sagte Abraham.

Und Kleber sagte: »Die Frage ist doch, ob der Knast dich aushält.«

Der Mörder sagte: »Was werden meine Kumpels denken, wenn ich nicht mehr zum Stammtisch erscheine?«

Kleber schüttelte angewidert den Kopf. »Manche Leute haben vielleicht Sorgen.«

»Glaub mir, Freundchen, deine Kumpels werden dich gar nicht vermissen. Wer klopft schon gerne Skat mit einem Kinderschänder und Mörder. Ich kenne jedenfalls niemand Anständigen«, sagte Abraham und zu Kleber gewandt:

»Du etwa?«

»Höchstens Charles Manson. Oder Ed Kemper. Ted Bundy. Also alles Kerle mit erheblichen Problemen, was den vernünftigen Umgang mit ihren Mitmenschen angeht.«

»Das ist aber mein ganzes Leben«, schrie der Killer.

»Auch das wird aufhören«, sagte Abraham. Es war fast so, als spräche er mit einem sehr ungezogenen Kind, das wirklich rein gar nichts von dem Bösen, das es getan hatte, verstand. Davon abgesehen interessierte Krawczyk das, was er Nina angetan hatte, überhaupt nicht. Im Gegenteil; für ihn gab es sie schon nicht mehr. Er war nur über seine eigene Zukunft entsetzt; nun, im Gegensatz zu seinem Kind hatte er noch eine – wenn auch auf einem sehr beengten Raum.

»Mein Rudi ist ein feiner Mann«, schrie daraufhin seine Ehefrau. »Nina war immer schon ein Flittchen, eine Hure, ich weiß gar nicht, was mit ihr los war, ich hab sie doch gut erzogen.«

Sie glaubte sich tatsächlich jede dieser Lügen und wiegte sich wie eine Schwachsinnige vor und zurück.

(Ja, dachte Abraham später, als sie in der Rechtsmedizin an Nina die Narben alter Misshandlungen entdeckten, es ist ihr auf die Haut eingeschrieben, wie gut sie es bei euch hatte.)

»Sie hat mit Rudi rumgemacht. Sie hat ihn sich geschnappt, als er betrunken war. Dann war er schwach, wie wir alle schwach sind, wenn uns das Leben übel mitspielt. Sie hat’s auch mit anderen getrieben. Ihr letzter Freund war sogar ein Neger.«

»Das ist wirklich schlimm«, sagte Kleber zu Abraham, »wäre sie mal besser in Papas Bettchen geblieben, statt King Kong zu ficken.« Dann beugte er sich zur Ehefrau runter, die immer heftiger auf ihrem Sitz wackelte, und schob sein Gesicht so nahe wie möglich an ihres heran. Sie schien unter seinem zornigen, empörten Blick regelrecht zu schrumpfen.

»Leute wie du machen mich krank. Ich verbringe den größten Teil meines Lebens damit, eure nutzlosen mörderischen Ärsche hinter Gitter zu bringen. Aber das ist nichts im Vergleich zu den armen Seelen, die mit euch leben müssen.«

Etwas in diesem Satz, eine unverhohlene Abscheu und Verachtung, Wut, Verzweiflung, löste daraufhin eine Veränderung in dem Mörder aus. Seine weinerliche Miene löste sich auf, und ein anderes Gesicht, hässlich-verzerrt, lüstern und erbarmungslos, schob sich an dessen Stelle. Abraham sah einen Moment lang in die Fratze, in die Nina ihr ganzes kurzes Leben und ihr ganzes langes Sterben hatte blicken müssen.

»Mein Kind«, flüsterte Krawczyk, »meine Entscheidung, ich hab sie ins Leben gebracht, und ich hab sie wieder daraus entfernt. Weil ich es so wollte.«

»Ja«, sagte Abraham. »Und dabei bist du dir bestimmt wie Gott vorgekommen, nicht wahr?«

»Vielleicht. Darüber habe ich noch gar nicht nachgedacht. Aber jetzt, wo Sie es erwähnen, gefällt mir dieser Gedanke.«

»Nun, ich kenne ein paar tüchtige Psychiater, die sich schon richtig auf einen solchen Sonnenschein wie dich freuen, ganz abgesehen von dem Staatsanwalt, solche Worte aus einem solchen Mund wärmen sein kaltes Herz richtig auf.«

Einer der Streifenbeamten sagte beim Verlassen des Tatortes zu Abraham:

»Mein Gott, wie halten Sie solche Typen nur aus?«

»Gar nicht. Deswegen habe ich auch immer ein so nettes und sonniges Gemüt.«

Draußen wartete Ninas Freund auf Abraham, ein intelligenter, sanfter Junge aus dem Kongo, der seit drei Jahren an der FU Medizin studierte. Er war am Boden zerstört und wollte unbedingt den Leichnam sehen.

»Tun Sie sich das nicht an. Behalten Sie sie nicht so in Erinnerung«, sagte Abraham, »glauben Sie mir, in Ihren Träumen wollen Sie sie nicht in diesem Zustand sehen.«

»Ich hätte sie nicht alleine gehen lassen dürfen«, sagte er unter Tränen. »Ich wusste nicht, wie verrückt ihr Vater ist.«

»Sie musste das alleine hinter sich bringen«, sagte Abraham, weil er den Jungen beruhigen wollte und ihm nichts Besseres einfiel.

»Ich kann gar nicht glauben, dass ihr Körper so zugerichtet ist«, sagte Ninas Freund. Unglücklicherweise hatte er von einem der Beamten erfahren, was Nina geschehen war.

»Gestern noch haben wir miteinander geschlafen und uns versprochen, aufeinander aufzupassen«.

Jetzt machte er sich die schlimmsten Vorwürfe – er hatte das Versprechen seiner Meinung nach gebrochen.

»Wissen Sie, was das Allerschrecklichste an der ganzen Sache ist?«, fragte er Abraham und gab sich gleich selbst die Antwort darauf. »Das Schrecklichste ist, dass sie so mutig war, meine Nina. Sie war die tapferste Person, der ich jemals begegnet bin – und sehen Sie nur, wie feige, ruchlos und mörderisch ihre Erzeuger sind.«

Darauf gab es nun wirklich nichts mehr zu sagen.

Dieser Fall hatte Abraham wirklich zugesetzt. Auf dem Weg ins Büro hielt er mit seinem Toyota am Straßenrand und machte eine Zigarette nieder. Dabei dachte er an Nina, er dachte so stark und intensiv an sie, dass er sie vor seinem inneren Auge förmlich reanimierte. Ihr Körper war in dieser Vision intakt, frei von den grausamen Wunden, die man ihr zugefügt hatte. Selbst ihr Kopf befand sich an seinem Platz. Sie hatte ein hübsches Gesicht, aber ihre Augen waren trübe und traurig, weil sie den längsten Teil ihrer Wegstrecke nur Verzweiflung und Gewalt erlebt hatten.

Abraham hatte mit einem Mal schreckliche Kopfschmerzen, als er die Augen schloss und sich gleichzeitig in ihm ein Raum öffnete, in dem sich Nina Krawczyk befand. Er sah sie alleine im Zimmer ihres Wohnheimes stehen, sie hatte gebadet und betrachtete sich nackt wie sie war im Spiegel. Ihre Kleidung, es war die, die sie am Leib trug, als sie starb, und die damit zu ihrem Totengewand wurde, lag auf einem Stuhl für sie bereit. Abraham sah sie wie in einem Film, in dem er selbst nur am Rande auftauchte, eine unsichtbare Präsenz außerhalb des Bildes.

Er rief ihren Namen, und er warnte sie davor, zu ihren Eltern zu gehen, aber weder sah noch hörte sie ihn.

Stattdessen machte sie sich bereit für die letzte Konfrontation mit ihrem Vater – er hörte, wie sie zu sich selbst sprach:

»Es ist gut jetzt, ich weiß, dass ich nicht zerstört bin, auch wenn sie mir das weismachen wollen. Ich bin dabei, ein neuer Mensch zu werden. Ich bekomme einen Anfang – jetzt endlich richtig, so wie es sein sollte, denn ich liebe und werde geliebt, was kann mir da schon geschehen? Sie können mir nicht mehr antun als das, was sie immer schon getan haben.«

Aber sie sollte sich auf entsetzliche Weise täuschen.

Die Vision ließ ihn ratlos und beschädigt zurück. Abraham hatte sie nicht retten können. Er hatte nichts von ihr gewusst, obwohl ihm klar war, dass die Stadt voller Menschen war, die mit dem Rücken zur Wand lebten. Er fand diese Menschen früher oder später – einige von ihnen musste er dann verhaften, weil sie sich für die dunklen Nebenstraßen mit ihren mörderischen, selbstzerstörerischen Konsequenzen entschieden hatten; jede von ihnen war eine Sackgasse, an deren Ende Abraham und das Gesetz, dieser ewig steinerne Richter, warteten. Der größte Teil allerdings war so grau und öde geworden wie die Leben, die sie führten. Ihre Hölle bestand darin, immer weitermachen zu müssen mit einer Existenz, die ihnen inzwischen selbst ein Rätsel war und das zu lösen sie nicht mehr imstande waren. Und wenn es doch einmal gelang, dann mit verheerenden Folgen. Erkannte man erst einmal die bittere Wahrheit – dass es Liebe und Freundschaft nicht mehr gab (aber es hatte sie einmal gegeben und die Erinnerung daran war wie eine Wunde, in die man seinen schmutzigen Daumen reinsteckt), dann war man erledigt.

Was Nina betraf: Sie war nicht fort – auch die Toten haben ihre Straßen, sie streifen umher und versuchen sich zu erinnern, aber was sie einmal ausmachte, ähnelt einem Bandsalat. Verdreht und ein einziges Chaos. Da war nun wirklich nichts mehr zu machen.

Was Abraham anging: Er verstand in letzter Konsequenz weder die Toten noch ihre Mörder. Man bezahlte ihn dafür, den einen Gerechtigkeit zu verschaffen und die anderen zu verhaften. Und mit beiden war es immer dasselbe: Man bohrte sich einen Weg in sie hinein und stellte dann fest, dass sie innen alle hohl waren. Der Kern seiner Arbeit als Polizist bestand vor allem darin, Fragen zu stellen. Im Grunde waren seine Neugier, sein unerbittliches Nachstellen, wenn er das Gefühl hatte, vor einem Mörder zu stehen, seine einzige echte Waffe. Sie war, für sein Gegenüber jedenfalls, gefährlicher als seine Dienstpistole, die er noch nie benutzt hatte.

Wozu auch?

Die meisten Killer, die er festnahm, waren im Grunde erbärmliche, armselige Gestalten – stark, mächtig und grausam nur im Angesicht ihrer Opfer. Sobald sie aber vor dem Gesetz standen, wussten sie früher oder später, dass ihre Spielchen vorbei waren. Ihre mühsam aufrechtgehaltene Fassade brach zusammen – und unter den Ruinen fand sich ihre wahre Natur.

Jeder Beamte in einer Mordkommission erinnerte sich an seinen ersten Fall, an den Anblick der ersten Leiche, an den ersten Mörder, dem er begegnet, den er verhört, überführt und festnimmt. Nun, so sollte es laufen, genau in dieser Reihenfolge. Abraham jedoch konnte mit Fug und Recht behaupten, dass er einen ganz bestimmten Mörder schon sein Leben lang kannte. Über diese Tatsache kam er nicht hinweg; sie war Fluch und Antrieb zugleich. Irgendwann würden ihn diese Fliehkräfte zerreißen. Noch hielt er stand, aber es gab Anlass zur Sorge, denn sein Vater wurde aus dem Gefängnis entlassen. Sein Vater hatte ihn zu dem Mann gemacht, der er war. Da gab es nichts zu leugnen. Also ging er in seinem Schatten, der so kalt und trostlos war wie die Unermesslichkeit des Universums.

KAPITEL
ZWEI

Abraham lebte seit geraumer Zeit in einer spartanisch eingerichteten Zweizimmerwohnung in Charlottenburg. Er lebte alleine, getrennt von Tisch und Bett, wie man so sagt, in seinem Fall hieß das: getrennt von Erin, der einzigen Frau in seinem Leben, die ihm so viel bedeutete, dass er sie geheiratet hatte.

Vor ihr hatte sein Leben aus einem Strom von Gesichtern und Ein-Weg-Gefühlen bestanden, sich verschwendende, verleihende Körper, die nicht mehr als einen warmen und mit jeder weiteren Minute ihrer Abwesenheit rasch abkühlenden Abdruck auf den Laken hinterließen, geschichtslose Verbindungen, die keinen Halt boten.

Als sie sich begegneten, befand er sich immer noch auf der Flucht vor seinem Leben. Ein junger Kerl mit bereits alten Augen, der manchmal zu viel trank und einen unheilvollen Drang zum Schweigen, zum schwermütigen Brüten besaß. Er redete nicht viel, aber was er sagte, hatte Hand und Fuß, und sie hatte zuvor nicht viele Männer wie ihn getroffen. Nur manchmal war es schwer, zu ihm durchzudringen, vor allem, wenn er sich in einen Fall verbiss und alles darüber hinaus beiseiteschob, darunter auch sie. Er war ein Mann, der gerade dabei war, sich an der Hand seines Mentors Lohmann in die ungewisse Dunkelheit der Mordermittlungen vorzutasten. Schroff anmaßend, ja frech – gefangen in der Politik der Angst einer verkorksten Jugend, die er nur dank seines Bruders psychisch angeschlagen, aber noch intakt und nicht zerbrochen überstanden hatte.

Erin hingegen war die älteste Tochter eines Industriellen aus dem mittleren Westen, eine langbeinige, blonde amerikanische Schönheit, die in Europa als Model arbeitete. Sie kam auf Umwegen über Mailand und Paris nach Berlin. An einem regnerischen Montagmorgen lief sie, das Gesicht von Wind und Wetter gerötet und mit einem Regenfilm überzogen, der sie dazu zwang, sich ständig über die Augen zu wischen, in Abraham hinein und fand sich in seinen Armen wieder. Wie bei einem Fotoapparat machte es laut und deutlich »Klick«.

Sie heirateten, schnell kamen nacheinander Judith und Tyler, sie kauften ein Haus in Berlin, sie liebten sich, lachten, sprachen, und alles war gut. Sie hatten wie alle Liebenden einen Pakt miteinander geschlossen, und sie waren wie alle Liebenden von einem Leuchten umgeben.

Und dann nicht mehr.

Keine Liebe scheitert von heute auf morgen.

Abraham erschien immer öfter nur als Gast im eigenen Leben, und das Leuchten um sie herum verlor an Kraft. Wie immer in solchen Dingen waren die Gründe im Nachhinein viel komplexer, als sie während ihres Auseinanderdriftens erschienen. Abraham war ein Mann, der sich selbst wie in einem Safe einschloss. Von seiner Jugend, von ihren Schrecken und Abgründen kannte Erin nur den winzigen Teil, den er sich erlaubt hatte, ihr mitzuteilen. Den weitaus größeren Rest verbarg er rigoros in der Dunkelkammer seines Herzens, zu der er Erin keinen Zugang gewährte. Erin wusste lediglich, dass sein Vater seit Jahrzehnten im Gefängnis saß und dass sich seine Mutter kurz nach der Aufdeckung der Morde umgebracht hatte. Seine Familiengeschichte war wie ein fauler, bröckelnder Zahn, den ganz zu ziehen er nicht bereit war, so dass seine Zunge immer wieder gegen ihn stieß und neue Schmerzenswellen der Erinnerung in ihm auslöste.

Und auch das komplexe Verhältnis zu seinem Bruder hatte sie nie wirklich durchschaut.

Robert Abraham. Der Felsen.

Der seinen kleinen Bruder nach dem Verlust beider Eltern durch die darauffolgenden Jahre brachte, ihn durch Finsternis und Verwirrung half, der die Richtung vorgab. »Ohne ihn hätte ich es vielleicht nicht geschafft«, hatte Frank ihr erzählt. Auch deswegen hatte sie versucht, Robert zu mögen, aber da war etwas an ihm gewesen, das sie nicht zu ihm durchdringen ließ. Es war eine Verschlossenheit anderer Art als bei seinem kleinen Bruder, eine Unverbindlichkeit, die jede tiefer gehende Bindung scheute, eine Einsamkeit, die seiner Arroganz ebenso viel verdankte wie seiner Unfähigkeit, einem Menschen zu vertrauen und sich ihm hinzugeben.

Ein Felsen. Steinblöcke, Spalten, Verwerfungen, autonom, unnahbar. Den Gezeiten ausgesetzt.

Erin dachte: Schiffbrüchige können sich auf einen Felsen retten. Aber ihre Schiffe konnten an eben demselben Felsen auch zerschellen.

Eines Tages verschwand Robert aus Franks Leben. Sie hatten sich seit den Stürmen ihrer Kindheit und Jugend nie ganz aus den Augen verloren. Robert besaß eine Baufirma und war in den 90ern als Subunternehmer an den Arbeiten am Potsdamer Platz involviert – und in, wie sich später herausstellte, kriminelle Machenschaften. Seine Firma ging pleite, er musste Leute entlassen und blieb auf einem horrenden Schuldenberg zurück. Dann ließ er sich mit den falschen Leuten ein.

Und verschwand.

Es war die alte Geschichte von dem Mann, der eines Morgens aus der Tür geht und nicht mehr zurücksieht.

Roberts Verschwinden und Abrahams Weigerung, mit Erin darüber zu reden, waren nur ein Teil der langsamen Entfremdung zwischen ihnen. In den nächsten Jahren rief Robert immer wieder sporadisch an. Er sandte Lebenszeichen von sich, mehr nicht. Die Anrufe kamen nie von einem Festnetzgerät, sondern immer aus Telefonzellen oder von Handys, die danach beseitigt wurden, und sie kamen aus den unterschiedlichsten und unwirtlichsten Winkeln der Welt.

Und die Welt war groß, man ging so leicht in ihr verloren.

Und Abraham litt wie ein Hund unter der Ungewissheit, wo Robert war, was er machte und mit welchen Menschen er verkehrte.

Während ihrer Ehe mit Abraham wurde Erin Zeuge einer ganzen Reihe von Untergängen. Polizistenehen schienen mit einem Mindesthaltbarkeitsdatum versehen zu sein, das, zumindest in ihrer Zeit, nicht über eine Handvoll Jahre hinausreichte.

Der Verfall begann immer schleichend; Überstunden, komplizierte, belastende Ermittlungen – die Anwesenheit von Chaos, Zerstörung, Lüge und Tod als ungebetene Gäste, gegen die kein Protest, kein Gerichtsbeschluss half.

»Es sind die Toten«, sagte Erin einmal nach einem Streit, der mit einer Nichtigkeit begonnen hatte, »all deine Toten. Du misst dem Leben dieser Toten die gleiche Bedeutung zu wie dem der Lebenden. Sie bilden eine regelrechte Mauer zwischen uns, Frank. Und ich kann diese Mauer nicht durchbrechen. Sie nehmen dich mir weg, und dazu haben sie verdammt noch mal kein Recht.«

Natürlich verstand er ihre Wut, ihre Verzweiflung, sie aber verstand ihn nicht, und das war ihr Problem. Wie hätte er ihr auch den Terror erklären können, der ihn beim Anblick eines zerstörten Körper erfasste. Denn er verglich ihn unwillkürlich mit seinem eigenen unversehrten Leib und stellte sich vor, wie es wäre, selbst dort zu liegen … und Todesangst packte ihn, denn er war ebenso verletzlich und zerbrechlich wie alle Menschen angesichts ihres möglichen gewaltsamen Endes. Lohmann, sein Mentor, hatte ihn davor gewarnt: »Du wirst deine Familie und die Menschen, die du liebst, mit anderen Augen sehen, wenn du weißt, was ihnen geschehen kann.«

Abraham kam damit nicht zurecht. Er wusste einfach zu viel, weil er zu viel gesehen hatte. Was ihn plagte, war der mörderische Wissensvorsprung eines jeden Polizisten.

Denn er hatte zu oft gesehen, was einem Mädchen wie seiner Tochter Judith alleine da draußen geschehen konnte. Der falsche Freund. Die falsche Abzweigung. Das falsche Lächeln eines Fremden, der dich in Sicherheit wiegt, während seine Hand hinter dem Rücken verborgen schon den Griff des Messers liebkost.

Die Welt war groß, in ihr pulsierte ein schwarzes Herz, und die Toten riefen nach ihm.

Manchmal, wenn es zu viel wurde, blieb er nächtelang weg, streifte durch die verwahrlosten, räudigen Ecken der Stadt, suchte alte Mordschauplätze auf. Erinnerte sich stellvertretend für die Geister der Ermordeten, die ihm über die Schultern sahen.

Wenn er lieber bei seinen Opfern und Mördern ist als bei mir und den Kindern, dachte Erin, dann verliere ich ihn.

»Du fehlst mir«, sagte sie eines Nachts, als sie im Bett lagen. Er verstand sie schon lange nicht mehr, deshalb brachte er nicht mehr als ein dünnes »Ich bin doch hier« zustande.

»Nein«, sagte sie.

Er gehörte ihr nicht mehr alleine, die Toten beanspruchten ihn ebenso intensiv wie sie selbst.

Manchmal versuchte sie, seine Sicht der Dinge nachzuempfinden. Bemächtigte sich seines Blicks, ging durch seine Träume.

Ja, es gab Zeiten, in denen sie ihm an all die Orte folgte, an denen er sich verlor.