Elli H. Radinger

MINNESOTA
WINTER

Eine Liebe in der Wildnis

Aufbau Digital

Impressum

ISBN 978-3-8412-0676-3

Aufbau Digital,

veröffentlicht im Aufbau Verlag, Berlin, September 2013

© Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin

Die Originalausgabe erschien 2013 bei Rütten & Loening, einer Marke der Aufbau Verlag GmbH & Co. KG

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unter Verwendung ines Motivs von © Roberto A. Sanchez/getty images

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»Unsere Liebe zur Wildnis ist mehr als ein Hunger nach dem, was außerhalb unseres Einflussbereiches liegt; sie ist ein Ausdruck der Loyalität zur Erde – der Erde, die uns hervorbringt und ernährt, die einzige Heimat, die wir kennen sollten, das einzige Paradies, das wir benötigen.«

(Edward Abbey)

Inhaltsübersicht

Cover

Impressum

Prolog

Aufbruch

Ankunft

Eingewöhnung

Heimweh

Eisleben

Lernen

Zweifel

Hoffnung

Wölfe

Veränderungen

Angst

Flucht

Epilog

Reisetipps zum Buch

Danke

Informationen zum Buch

Informationen zur Autorin

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Prolog

Ich rannte durch den Wald. Zweige schlugen mir ins Gesicht. Die Gurte des schweren Rucksacks schnitten mir schmerzhaft in die Schultern. Immer wieder stolperte ich über Wurzeln auf dem schmalen Trail. Ich fiel hin und lag wie eine Schildkröte auf dem Rücken, das Gepäck zog mich zu Boden. Mühsam rollte ich mich auf die Knie und rappelte mich auf. Weiter, immer weiter. Im Laufen schaute ich auf die Uhr. Noch eine halbe Stunde, bis das Auto kam. Wenn ich es verpasste, würde ich auf mich allein gestellt sein. Noch eine Biegung bis zur Straße. Erleichtert verlangsamte ich den Schritt und versuchte, meine rasselnden Lungen zu beruhigen. Der Wald lichtete sich, und ich konnte die Straße sehen. Geschafft!

Da … eine Bewegung im Unterholz. Ich hielt abrupt an und sah aus den Augenwinkeln einen Mann auf den Trail vor mir treten. Er hatte meine Flucht bemerkt. Er war gekommen, um mich aufzuhalten.

AUFBRUCH

Wie zieht man sich sexy an bei minus dreißig Grad? Diese Frage ging mir seit Tagen nicht mehr aus dem Kopf. Die Verkäuferinnen, die ich in den einschlägigen Geschäften nach warmer Spitzenunterwäsche gefragt hatte, konnten nur die Schultern zucken.

»Was denn? Warm oder sexy?«

Beides gab es wohl nicht. Ich hatte schließlich aufgegeben und »warm« in den Koffer gepackt. Jetzt drückte ich mir die Nase am Flugzeugfenster platt und schaute auf die Schneelandschaft unter mir. Vielleicht hätte ich doch besser »sehr warm« einpacken sollen.

»Haben Sie noch einen Wunsch?«, fragte die Stewardess und goss mit einem professionellen Lächeln dünnen Kaffee in meine Tasse. Diesmal nahm ich auch ein paar der angebotenen Häppchen an und sah, wie sie erleichtert aufatmete. Vermutlich war ich ihr unheimlich, denn ich hatte, seit das Flugzeug vor fünf Stunden in Frankfurt gestartet war, keinen Bissen angerührt. Aber das Essen interessierte mich nicht. Ich flog in das Abenteuer meines Lebens.

Unter mir lag die unendliche Weite Kanadas. Labrador zog tiefverschneit vorüber. Wie so oft, wenn ich diese Strecke flog, wünschte ich mir, ich könnte hinausspringen und in die samtweiche Schneelandschaft eintauchen, die aussah wie Zuckerwatte auf dem Weihnachtsmarkt. Ich fragte mich, ob wohl Menschen in diesen abgelegenen Seengebieten lebten und wie dieses Leben aussah. Ich liebte die Einsamkeit und den Winter. Erst wenn es richtig kalt wurde, blühte ich auf. Vermutlich lag es daran, dass ich im Februar geboren bin – ein Winterkind. Fällt der erste Schnee, atme ich auf. Endlich! Wenn ich in den Urlaub fahre, zieht es mich nicht in den Süden, sondern in nordische Länder. Alaska, Kanada, Weite, Einsamkeit, Kälte, das ist meine Welt. Ich las jedes Buch über Aussteiger und Abenteurer, das ich finden konnte, und beneidete alle, die so lebten. Und nun würde sich dieser Traum erfüllen.

Vor wenigen Stunden hatte ich mich schweren Herzens von meiner Labradorhündin Lady verabschiedet. Fragend schauten mich ihre braunen Augen an, als ich ihren Kopf in die Hände nahm und sie auf die Stirn küsste.

»Sei brav, bald bin ich wieder da.« Ein paar Tränen tropften auf ihr goldgelbes Fell. Schniefend drückte ich meiner Mutter die Leine in die Hand und stieg in den Zug zum Flughafen. »Wir passen gut auf sie auf !«, versprach sie.

Ich wusste, dass es ihr bei meinen Eltern gutging und sie sich dort wohl fühlte. Trotzdem kam ich mir wie eine Verräterin vor. Nach der Scheidung von meinem Mann hatte ich Lady in einem amerikanischen Tierheim gefunden. Es war Liebe auf den ersten Blick. Das Schicksal hatte seine volle Partitur gespielt, um uns zusammenzubringen. »Zufällig« war ich in dieses Tierheim gekommen, um gemeinsam mit meiner Freundin Melinda eine Spende abzugeben. »Zufällig« ging ich noch einmal in den Raum mit den Käfigen, in denen die Tiere saßen, die für die Tötungsstation vorgesehen waren. In den meisten amerikanischen Tierheimen werden Tiere, die nicht abgeholt werden, nach einer bestimmten Zeit eingeschläfert. Und es war »Zufall«, dass man Lady noch eine Woche länger leben ließ, weil sie »so süß« war, wie die Leiterin des Tierheims sagte. Ich sah den acht Monate alten Labradorwelpen in seinem Käfig sitzen, und es war um mich geschehen.

Die Tierheimleitung brach alle Regeln, damit ich den Hund mitnehmen durfte.

»Ausländer dürfen keine Hunde mitnehmen. Wir können nicht kontrollieren, wie es ihnen im neuen Heim geht.«

Melinda, die bereits mehrere Hunde aus dem Tierheim besaß, bürgte für mich. Kurz vor Weihnachten durfte ich Lady abholen. Wir verbrachten die Feiertage bei meiner Freundin. Anschließend ging ich mit dem Hund auf große Tour. Mit einem kleinen Camper fuhren wir beide zehn Wochen kreuz und quer durch die USA und bauten eine intensive Bindung zueinander auf. Schließlich flog ich mit ihr nach Hause. Sie war mein rettender Engel und half mir, meine unglückliche Ehe zu verarbeiten und die Vergangenheit hinter mir zu lassen. Da ich keine eigenen Kinder hatte, nahm sie deren Stellung ein. Ich konnte mir nicht vorstellen, ohne meine Hündin zu sein. Und dennoch ließ ich sie nun zurück – wegen eines Abenteuers.

Es war das zweite Mal, dass ich sie in der Obhut meiner Eltern ließ. Beim ersten Mal war ich für wenige Tage zu einem Kongress in die USA geflogen – und dort dem Mann begegnet, der der Grund für den erneuten Abschied von meiner Hündin war.

Der Zug, der mich an diesem Heiligabend zum Flughafen brachte, war kaum besetzt. Wie in Trance verging die Stunde Fahrt nach Frankfurt. Ich schaute aus dem Fenster auf braune Stoppelfelder und matschige Wiesen. Vor wenigen Tagen war es noch einmal warm geworden, und die Hoffnung auf weiße Weihnachten schwand. Für mich jedoch würde es weiße Feiertage geben, denn ich war auf dem Weg in den tiefsten, kältesten Winter und hatte mit meinen Einkäufen entsprechend vorgesorgt.

Der Frankfurter Flughafen erstrahlte im Lichterglanz. Überall buntgeschmückte Tannenbäume, es gab sogar einen kleinen Weihnachtsmarkt. Die junge Angestellte von Northwest Airlines fertigte mich routiniert ab, während sie ihrer Kollegin am Nebenschalter noch Tipps für letzte Weihnachtsgeschenke gab. Sie schaute auf ihren Monitor, stutzte kurz, sah mich fragend an:

»Sind Sie eine Kollegin?«

»Ehemalige Kollegin«, antwortete ich. »Ich bin in den letzten Sommern als On-Board-Dolmetscherin für Northwest Airlines geflogen.«

»Linda«, stand auf ihrem goldenen Namensschild, über dem eine kleine Anstecknadel mit einer blinkenden Christbaumkugel das Metall rot aufleuchten ließ. Sie zerriss meine Bordkarte und druckte eine neue aus.

»Na, dann frohe Weihnachten!« Mit einem breiten Lächeln drückte sie mir eine Bordkarte für die Businessklasse in die Hand. Das fing ja gut an.

»Danke, Linda!«, strahlte ich zurück. »Ihnen auch frohe Weihnachten.«

An der Passkontrolle war niemand zu sehen, und die wenigen Sicherheitsbeamten winkten mich nach nur halbherziger Kontrolle weiter. Es herrschte entspannte Festtagsstimmung.

Die Flugbegleiter an Bord von NW 47 waren aufgekratzt und bester Laune. Mit einem »Merry Christmas« begrüßten sie jeden Gast. Die ebenfalls blinkende Janet brachte mich zu meinem Platz in der Businessklasse, verstaute den dicken Anorak im Schrank und versorgte mich mit Orangensaft und Zeitschriften. Doch ich war viel zu aufgeregt, um den Service genießen zu können.

Es war Weihnachten, und ich befand mich auf dem Weg in eines der unwirtlichsten und wildesten Gebiete der Vereinigten Staaten, um dort einen Mann zu treffen, den ich kaum kannte und mit dem ich in der Wildnis leben wollte. Bei dem Gedanken an die Ungeheuerlichkeit meines Plans erfasste mich plötzlich eine Heidenangst. Auf was hatte ich mich da eingelassen?

Ich kauerte mich in den breiten Flugzeugsitz, zog die Decke unters Kinn, schloss die Augen und dachte zurück an den Herbst und die Begegnung, die mein Leben verändert hatte.

Auf Einladung des International Wolf Center war ich im Oktober zu einem einwöchigen Kongress nach Ely, in die nördlichste Ecke von Minnesota geflogen. Seit mich bei einem Praktikum in einem Wolfsforschungsgehege im US-Bundesstaat Indiana der »Wolfsvirus« gepackt hatte, war ich überall in Nordamerika auf den Spuren der beeindruckenden Raubtiere unterwegs. Die Tiere hatten mich schon immer fasziniert, und ich suchte nach Möglichkeiten, sie in Freiheit zu beobachten. Die mit über zweitausend Tieren große Wolfspopulation in Minnesota sollte ein Anfang sein. Um meine Leidenschaft zu finanzieren, schrieb ich als freie Journalistin Artikel für Naturzeitschriften und Reisemagazine. Ich hatte dem America Journal eine Story über »Winter in Minnesota« angeboten und die Zusage erhalten. Außerdem gab ich seit einigen Jahren eine Fachzeitschrift über Wölfe heraus, das »Wolf Magazin«. Ein Bericht über den Kongress sollte dort ebenfalls erscheinen. Zwar warf das Wolf Magazin noch nicht genügend ab, um mich zu ernähren, aber wenn ich meinen Minnesota-Aufenthalt geschickt vermarkten würde, könnte ich wenigstens einen Teil der Reisekosten wieder hereinholen. Dass diese Reise der Beginn eines Liebesabenteuers werden sollte, konnte ich nicht ahnen.

Ely ist ein kleines Outdoor-Städtchen an der Grenze zu Kanada. Es gilt als einer der kältesten Orte in den USA (mit Ausnahme von Alaska). Aber bei meiner Ankunft Ende Oktober verwöhnte es die Kongressteilnehmer mit einem warmen, goldenen Herbst. Die Veranstaltung fand im International Wolf Center statt, einem Ausstellungs- und Forschungszentrum, zu dem auch ein kleines Rudel Wölfe gehörte.

Die Kongressteilnehmer waren in der Timber Wolf Lodge untergebracht, deren gemütliche Blockhütten sich um den Burntside Lake gruppierten. Als ich die kleine Cabin aus dunklen Rundhölzern betrat, schien sich die Zeit zu verlangsamen. Das war die Blockhütte, von der ich schon immer geträumt hatte. Aufgewachsen in einer Kleinstadt, war ich jahrelang als Flugbegleiterin durch die Welt gejettet und so weit entfernt von einem Leben in der Wildnis, wie man nur sein konnte.

Und dennoch gab es tief in mir verborgen diesen Traum vom autarken Leben in einer Cabin im Wald, der mich niemals losließ. Woher er kam, weiß ich nicht – vielleicht aus einem früheren Leben oder aus einem Buch, das ich einmal gelesen hatte. Ich glaube, dass wir alle in uns einen Traum haben, der unsere Bestimmung ist, und dass wir im Leben immer wieder vor Entscheidungen gestellt werden, die uns helfen können, diesen Traum zu verwirklichen.

Meine Cabin in der Timber Wolf Lodge entsprach aufs Haar dieser Vorstellung.

Als ich auf die überdachte Terrasse trat und durch die Tür in das Wohnzimmer ging, empfing mich eine vertraute Wärme, die nicht nur vom knisternden Feuer im Holzofen stammte. Es war eine Art inneres Wiedererkennen. Die rustikale handgezimmerte Einrichtung mit einer dick gepolsterten Couch und dem großen Ohrensessel war eine charmante Mischung aus exklusivem Countrydesign, Künstlersalon und Studentenbude. Beim Anblick der offenen Küche mit dem in Amerika üblichen riesigen Gasherd und dem runden Esstisch mit einfachen, aber bequemen Holzstühlen stieg sofort ein Bild in mir auf: eine angeregte Diskussion mit Freunden bei einer Schüssel dampfender Spaghetti.

Ich riss mich los und schleppte meinen Koffer ins Schlafzimmer, das neben dem breiten Bett aus Rundhölzern nur noch wenig Raum ließ, sich zu bewegen. Glücklich warf ich mich rückwärts auf das weiche, mit einem bunten Quilt bedeckte Bett und sank tief in die Kissen. Übermütig zwickte ich mich selbst in die Seite.

Autsch! Es war also kein Traum, sondern wunderbare Realität.

Während ich in der Küche die Kaffeemaschine einschaltete, packte ich den Koffer aus, verstaute Jeans und Wanderschuhe im eingebauten Wandschrank und die Toilettenartikel im winzigen Duschbad. Mit einer Tasse Kaffee setzte ich mich auf die Veranda in den hölzernen Schaukelstuhl und schrieb in der Nachmittagssonne als erste Eintragung des Tages in mein Tagebuch: Ich bin zu Hause.

Am nächsten Tag begann der Kongress mit Vorträgen und Seminaren zu Themen wie Ökologie, Wolfsverhalten und Forschung. Jeden Abend gab es für die Teilnehmer ein abwechslungsreiches Unterhaltungsprogramm: Eine Märchenerzählerin trug Sagen der Indianer vor, es gab historische Präsentationen und Lesungen.

Am letzten Abend war ein Vortrag über die Voyageure angekündigt, Pelzhändler, die im 18. Jahrhundert in Minnesota gelebt hatten.

Eigentlich hatte ich mich in meine Cabin zurückziehen wollen. Wir waren den ganzen Tag an der frischen Luft gewesen, um Wolfsspuren zu suchen und Wolfskot zu sammeln. Ich war zu müde für weitere Vorträge und wollte den letzten Abend in der Cabin genießen; schon jetzt empfand ich Wehmut, dass ich den Ort am nächsten Tag verlassen musste. Hätte ich mich nicht kurzfristig entschieden, doch am Vortrag teilzunehmen, wäre mein Leben vermutlich anders verlaufen, und ich würde nicht in diesem Flugzeug sitzen und in ein ungewisses Abenteuer aufbrechen. »Wir servieren jetzt einen Snack, darf ich Ihren Tisch decken?«, unterbrach Janet meine Gedanken. Sie klappte den Tisch in der Armlehne aus, legte eine Stoffserviette darüber und strich sie glatt.

»Wir haben Caesar Salad mit gegrillter Hühnerbrust oder Salade Niçoise mit Langustenschwänzen und Balsamicodressing. Was darf ich Ihnen bringen?«

Endlich kam der Hunger zurück. Der Caesar Salad duftete verlockend nach Knoblauch. Sicherheitshalber entschied mich daher für den Salade Niçoise – eine Knoblauchfahne war das Letzte, was ich für die Begegnung mit meinem Traummann gebrauchen konnte.

Beim Nachtisch mit Kaffee und weihnachtlich dekorierten Brownies schaute ich wieder aus dem Flugzeugfenster.

Als ich die hellerleuchtete Lobby der Lodge erreichte, hatte der Vortrag bereits begonnen. Ich ließ mich in einen der weichen Sessel vor dem steinernen Kamin fallen, in dem ein warmes Feuer brannte. Ein Mann in der Tracht der Voyageure versetzte die Zuhörer in ein anderes Zeitalter. Ein wenig unbeholfen schilderte er das mühsame und arbeitsreiche Leben des Pelzhändlers Pierre Lacrosse im 18. Jahrhundert und verglich es mit seinem jetzigen Leben, dem des Kanubauers Greg Howard. Man merkte, dass er es nicht gewohnt war, Vorträge zu halten, und sah ihm an, dass er sich nicht wohl fühlte. Unbewusst glitt sein Blick immer wieder zur Tür, als ob er gleich flüchten müsse.

Der Redner überragte meine 1,60  Meter Körpergröße nur um etwa eine Handbreit. Sein drahtiger Körperbau ließ auf ein hartes Leben in der Wildnis schließen, und sein muskulöser Oberkörper mit den schmalen Hüften und Beinen war ein äußeres Zeichen für seine Leidenschaft, das Paddeln.

Der Voyageur stand ihm gut, er sah aus, als sei er direkt diesem Zeitalter entstiegen: Das weite, helle Baumwollhemd war in die schmale Hose gestopft, als Gürtel diente eine farbige Schärpe, über der Hüfte zum Knoten geschlungen. Die Beine steckten in weichen, kniehohen Mokassins aus Leder, aus dem er auch seine einfache Umhängetasche selbst genäht hatte, wie er später stolz erzählte. Um die Stirn hatte er ein buntes Band geknotet, das dezent den beginnenden lichten Haaransatz verdeckte. Grüne Augen blitzten freundlich hinter einer großen altmodischen Brille mit Metallrand. Das strahlende Lächeln mit den perfekten Zähnen und seine warmherzige Ausstrahlung verzauberten mich.

Hatte ich zunächst befürchtet, nach dem langen Tag seinem Vortrag nicht folgen zu können, war ich nun auf die Sesselkante vorgerutscht und lauschte gebannt der Schilderung. Als er begann, von seinem heutigen Leben als Wildnisguide und Kanubauer zu erzählen, war es um mich geschehen.

Greg Howard lebte in einer Cabin in den Wäldern hoch oben an der kanadischen Grenze, vollkommen einsam und ohne elektrischen Strom und fließendes Wasser, dafür aber mitten im Wolfs- und Bärengebiet. Die Alltagsschilderungen des Wildnismannes faszinierten mich vom ersten Augenblick an.

Als er seine Cabin beschrieb, stieg erneut das Bild von meinem Wildnistraum vor mir auf. Meine Hütte in der Timber Wolf Lodge kam diesem Traum schon recht nahe. Aber erst durch Gregs Schilderungen wurde er lebendig und greifbar. Ich war verwirrt und irritiert. Was geschah hier? Da stand ein Fremder und erzählte mein Leben, so wie ich es mir immer gewünscht hatte. Unsere Blicke kreuzten sich … und hielten sich fest. Jetzt schien er nur noch mir von seinem – meinem – Leben zu erzählen. Seinen Begegnungen mit Bären, dem See, an dem die Cabin lag, dem Ruf des Eistauchers in der Dämmerung, dem Heulen des Wolfsrudels, das in der Nähe sein Revier hatte. Viel zu schnell war der Vortrag vorbei, und noch lange hatte ich nicht alles erfahren.

Als die Gäste der Lodge zum Abendessen gebeten wurden, fragte mich Greg direkt und mit einem ansteckenden Lächeln: »Wollen wir zusammensitzen?«

Ich war froh, dass es in der Lobby so dunkel war. So konnte er nicht sehen, wie ich errötete. Schmetterlinge tanzten in meinem Bauch, stiegen auf und berührten mein Herz.

Es war unser Abschiedsessen, und Jim, der Besitzer der Lodge, hatte noch einmal alles aufgefahren, was die lokale Küche an Leckereien bot: Kürbissuppe, Eisbergsalat und als Hauptgang ein köstliches Elchsteak mit Folienkartoffeln. Vor lauter Herzklopfen konnte ich mich kaum auf das Essen konzentrieren.

Reiß dich zusammen!, schalt ich mich. Du benimmst dich wie ein verliebter Teenager. Ich versuchte mich in Konversation.

»Wie lange wohnst du schon in der Wildnis?«

»Vierzehn Jahre – die meisten davon allein«, fügte er hinzu und sah mich intensiv an.

Lass dir was einfallen!, schubste mich meine innere Stimme an. Sonst bist du doch nicht so auf den Kopf gefallen.

»Und … was hast du vorher gemacht?«

»Ich habe Ökologie und Biologie studiert. Nach meinem Abschluss habe ich mich als Ranger beim Nationalpark-Service beworben.«

»Du warst Parkranger?«

Man sagt, dass alle Berufe mit Uniformen eine besondere Anziehungskraft auf Frauen haben sollen.

»Ja, ich hab in verschiedenen Nationalparks des Südwestens gearbeitet und mich schließlich nach Alaska in den Denali-Nationalpark versetzen lassen, um meiner großen Liebe zu folgen, die dort einen Job hatte.« Mein Herz sank.

Er wurde still und nachdenklich und fuhr dann fort: »Nach drei Jahren hat sie mich wegen eines anderen Mannes verlassen. Da wollte ich nicht mehr in Alaska bleiben.«

»Das tut mir leid«, log ich, und mein Herz hüpfte ein Stück aufwärts.

Er machte sich auf die Suche nach einem Grundstück, das einsam lag und dennoch bezahlbar war. Durch einen Zufall kam er in den Norden von Minnesota, wo er das Stück Land fand, auf dem er jetzt lebte. Es lag am Rande der Boundary Waters Area, einem staatlich geschützten Wildnisgebiet von etwa vierhundert Quadratkilometern Fläche. Auf der kanadischen Seite grenzte es an das Gebiet des ebenfalls streng geschützten Quetico Provincial Parks.

»Meine nächsten Nachbarn wohnen im Osten zehn und im Westen fünfzehn Kilometer entfernt«, erzählte Greg lächelnd, während ich ihm fasziniert zuhörte. »Aber die bewohnen ihre Grundstücke nicht ganzjährig, sondern nur an wenigen Wochenenden.«

Die zwanzigtausend Dollar Kaufpreis verschlangen seine gesamten Ersparnisse. Mit eigenen Händen baute er sich eine erste eigene Cabin. Seit vierzehn Jahren hatte er sie nur noch verlassen, wenn er als Guide Kanutrips führte.

»Hier bleibe ich, bis ich tot umfalle«, sagte Greg mit Bestimmtheit. »Aber es wäre schön, irgendwann einmal jemanden zu haben, der die Einsamkeit mit mir teilt.« Seine Stimme bekam einen traurigen Klang.

Oh Mann, hier saß ich: Seit drei Jahren geschieden und allein, mein Leben lang auf der Suche nach einer einsamen Blockhütte in der Wildnis, und da war dieser Mann, der in einer solchen Hütte lebte – allein – und sich nach einer Frau sehnte, die das Leben mit ihm teilte. Wenn das nicht Kismet war – Zufall, Karma.

Ich fühlte die Wärme des fremden Mannes an meiner Seite und konnte mich auf nichts mehr konzentrieren. Vergeblich versuchte ich, ein intelligentes Gespräch zu führen. Was ich noch alles stammelte, weiß ich nicht mehr, nur, dass ich sehr verwirrt war.

Als der Konferenzleiter zum Abschlussmeeting rief, mussten wir uns trennen. Mit einem kleinen, wehmütigen Lächeln sagte Greg: »Ich muss auch los, hab noch einen langen Weg vor mir. Schade, dass heute dein letzter Tag ist. Gibst du mir deine Adresse? Vielleicht können wir uns ja mal schreiben.«

Mit fahrigen Händen kramte ich meine Visitenkarte aus dem Geldbeutel. Als ich sie ihm entgegenstreckte, berührten sich unsere Hände; darüber vergaß ich völlig, ihn auch um seine Adresse zu bitten.

Ein letzter langer Blick, und er war fort.

Nie hätte ich gedacht, dass ich nur zehn Wochen später in die unbekannte Wildnis fliegen würde, um mit dem »Voyageur« zu leben.

An Bord von Northwest Airlines Flug 47 begann das Filmprogramm. Die Jalousien wurden vor den Fenstern heruntergezogen und die Kabine abgedunkelt. Janet hatte meinen Tisch abgeräumt und wieder eingeklappt. Sie stellte einen Kaffee und eine kleine Schachtel mit Weihnachtspralinen auf die breite Armlehne, zwinkerte mir noch einmal zu und verschwand in der Bordküche, deren Vorhang sie zuzog.

Ich lehnte meinen Sitz zurück, klappte die Fußstütze hoch und zog die Decke unters Kinn. Dann schloss ich die Augen. Was Lady jetzt wohl tat? Wahrscheinlich lag sie mit meiner Mutter auf der Couch. Da ich keine eigenen Kinder hatte, nahm meine Hündin bei meinen Eltern die Stellung eines »Enkels« ein, mit der entsprechenden Narrenfreiheit, versteht sich. Ich war froh, dass ich sie so gut aufgehoben wusste, und dankbar, dass ich meine Eltern hatte, die so kurzfristig zugesagt hatten, sich um sie zu kümmern. Denn dieser Weihnachtsflug war alles andere als geplant.

Nach dem Kongress kehrte ich nach Deutschland zurück in meinen Alltag. Lady ließ mich die ersten Tage nicht mehr aus den Augen und folgte mir überallhin. Froh, wieder bei ihr zu sein, stürzte ich mich in die Arbeit und versuchte, den letzten Abend und die Begegnung mit Greg zu verdrängen. Ich schrieb den Reiseartikel für das America Journal und einen weiteren Bericht über die Wölfe von Minnesota für die nächste Ausgabe des Wolf Magazins.

Meine Freundinnen, mit denen ich mich zum Kaffeeklatsch in unserem Café in der Stadt traf, bemerkten es zuerst: »Was ist denn mit dir los? Du strahlst ja so. Bist du vielleicht verliebt?«

»Ach was, es ist gar nichts«, versuchte ich abzuwehren – vergebens, denn meine Freundinnen hatten Lunte gerochen.

»Nun sag schon!«, drängten sie so lange, bis ich von meiner Begegnung mit Greg erzählte. Sie hörten mit großen Augen zu und fingen an, sich kichernd verschiedene Szenarien auszumalen.

»Jetzt hört schon auf ! Das wird eh nichts, weil wir uns sowieso nicht wiedersehen.« Verlegen wechselte ich das Thema.

Die Erinnerung an die Begegnung mit Greg verblasste. Ich schob sie in meine geheime Traumkiste, in der sich auch schon die Cabin in der Wildnis befand.

Als der November zu Ende ging, holte ich die Weihnachtsdekoration vom Speicher und schmückte liebevoll mein Haus. November und Dezember waren schon immer meine liebsten Monate. Jetzt konnte ich es mir so richtig gemütlich machen. Lange Waldspaziergänge mit Lady, nachmittags Kerzen, Plätzchen und Tee, all das bedeutete Heimat für mich.

Als ich eines Nachmittags von einem Hundespaziergang zurückkam, lag ein Brief im Postkasten. Die blaue Luftpostmarke ließ mein Herz schneller schlagen. Ich schaute auf den handschriftlichen Absender: Greg Howard, 2378 Pine Tree Trail, Ely, Minnesota. Ein Brief von Greg. Ich stand in der Einfahrt und starrte auf den Umschlag, der einen leicht rauchigen Geruch verströmte, den Duft von offenem Holzfeuer. Vor meinen Augen entstand das Bild einer Cabin im Schnee. Wie einen Schatz trug ich den Brief ins Haus und legte ihn ungeöffnet auf den Tisch. Langsam ging ich in die Küche und schaltete den Wasserkocher ein. Mit eiskalten, zitternden Händen hängte ich einen Teebeutel in die Tasse und goss Wasser ein. Dabei schlich ich um den Tisch herum, auf dem der Brief lag, wie die Katze um die Maus. Dann nahm ich den Umschlag behutsam in die Hand. Er war klein, auf der Rückseite standen zwei deutsche Wörter: »fühlen« und »lächeln«. Ich zog den Beutel aus dem Tee und entsorgte ihn sorgfältig im Mülleimer. Schließlich trug ich die Tasse zu meinem Sessel ins Wohnzimmer, wo ich sie auf dem kleinen Couchtisch abstellte. Weil es dämmrig geworden war, schaltete ich die Stehlampe ein und zog sie zum Sessel.

Mit einem Küchenmesser schlitzte ich vorsichtig den Umschlag auf, als ob bei unsachgerechter Behandlung sein wichtiger Inhalt herausfließen und verschwinden könnte. Ich wollte diesen Augenblick so lange wie möglich hinauszögern. Ahnte ich damals schon, dass sich mit dem Lesen des Briefes mein Leben verändern würde?

Das weiße Blatt Papier war zweimal zusammengefaltet und beidseitig mit einem Kugelschreiber in kleinen Druckbuchstaben beschrieben. Auf der Vorderseite schrieb Greg von unserem Treffen in der Timber Wolf Lodge und wie inspirierend es für ihn gewesen sei. Er erzählte von seinem Alltag und vom ersten Schnee. Auf der Rückseite stand ein Gedicht. Greg hatte mir ein Gedicht geschrieben! Es handelte vom Blau meiner Augen, vom Glück, mich kennengelernt zu haben, und von der Sehnsucht, mich wiederzusehen.

Ich schluckte die aufsteigenden Tränen hinunter. Noch nie hatte mir ein Mann ein Gedicht geschenkt. Bisher war ich nur kühlen, distanzierten Männern begegnet.

Ich erinnerte mich an den Händedruck, den Greg mir zum Abschied gegeben hatte und der nicht enden wollte. Die Wärme seiner Haut, der Druck seiner Fingerspitzen, der tiefe Blick in meine Augen.

Meine Hand zitterte leicht, als ich wieder und wieder die Zeilen las, die er mit einem Smiley gekennzeichnet und einem einfachen »Greg« unterschrieben hatte.

Noch einmal drückte ich das Papier an die Nase und sog gierig den Geruch von verbranntem Holz ein. Als ich dabei die Augen schloss, sah ich eine Szene wie im Film mit Greg und mir als den Akteuren: Wir saßen in einer gemütlichen Blockhütte auf der Couch vor dem Kamin und schauten engumschlungen in die Flammen, während draußen der Schneesturm tobte.

In der Realität trank ich den lauwarmen Tee zu Ende, las noch einmal den Brief und das Gedicht und setzte mich dann an meinen Schreibtisch, um zu antworten. Aus der untersten Schublade kramte ich altmodisches Briefpapier hervor und holte meinen alten Füllfederhalter aus der Versenkung. Ich schrieb kaum noch mit der Hand, sondern nur noch mit dem Computer. Irgendwo musste doch auch Tinte sein. Ich fand sie, zog den Füller auf und wischte die blauen Kleckse von den Fingern. Dann begann ich, Greg zu schreiben.

Fast täglich schickten wir nun Briefe über den Atlantik, später kamen besprochene Tonbänder hinzu, die wir austauschten. Greg hatte keinen Computer, und wie schwierig es war, aus der Wildnis nach Deutschland zu telefonieren, sollte ich später noch erfahren. Auf diese Weise lernten wir uns intensiv kennen.

Wenn Greg beschrieb, wie er im Sonnenuntergang beim Paddeln auf dem See einen Wolf beobachtet hatte, sah ich die Szene vor mir, als wäre ich dabei. Wenn er schilderte, was er sich zum Abendessen gekocht hatte – Forelle aus dem See, Gemüse aus eigenem Anbau mit wildem Reis –, lief mir in Deutschland das Wasser im Mund zusammen. Unsere Gespräche und Briefe wurden immer vertrauter. Schon nach kurzer Zeit erzählte ich ihm vom Alptraum meiner letzten Ehe. Der Mann im fernen Minnesota war mir nah genug, um mich ihm zu öffnen und ihm meine verletzliche Seite zu zeigen.

Je mehr Greg mir sein Wildnisleben schilderte, umso schwerer fiel es mir, meine Neugier zu zügeln, und umso stärker wurde die Sehnsucht. Meine Freundinnen nahmen inzwischen regen Anteil an dieser Liebe auf Distanz, wenngleich sie mich für völlig verrückt hielten.

»Du kennst ihn doch gar nicht«, warnten sie. »Sei bloß vorsichtig. Vielleicht ist das ein Serienkiller.« Sie hatten eindeutig zu viele Krimis gesehen.

Es war Evelyn, die den entscheidenden Vorschlag machte. Sie war mit einem Amerikaner verheiratet und lebte in Michigan. Wir kannten uns schon viele Jahre und hatten diverse Partnerschaften erlebt und gemeinsam durchlitten. Evelyn war ebenso wie ich im Herzen eine Abenteurerin. Sie hatte im Segelboot den Atlantik überquert, allein in Frankfurt eine Edel-Pizzeria eröffnet und geleitet und war wie ich mehrere Jahre als Flugbegleiterin bei der Lufthansa und bei Northwest Airlines geflogen, wo wir uns auch kennengelernt hatten. Sie kannte meine Sehnsüchte und Ängste – und sie wusste, wie es ist, mit einem Partner in den USA zu leben. Wir telefonierten oft und tauschten uns aus.

»Warum fliegst du nicht zu ihm und findest heraus, ob es das ist, was du willst?«, fragte sie mich eines Tages, nachdem ich ihr wieder einmal von meiner Sehnsucht nach Greg die Ohren vollgejammert hatte.

»Wie … hinfliegen?«

»Na ja, du setzt dich in ein Flugzeug und fliegst nach Minnesota!« Ich sah vor mir, wie sie am Telefon den Kopf schüttelte vor so viel Begriffstutzigkeit.

»Ich kann doch nicht einfach …«

»Warum denn nicht? Je schneller du es hinter dich bringst, desto eher hast du Gewissheit.« Evelyn war schon immer die Pragmatischere von uns beiden gewesen.

Verwirrt legte ich den Hörer auf. Warum eigentlich nicht? Ich konnte mich noch endlos nach meinem Wildnismann verzehren und träumen, was wäre wenn, oder ich konnte Nägel mit Köpfen machen und zu ihm fliegen.

Wenige Tage vor Weihnachten rief ich Greg in dem Sportgeschäft an, in dem er stundenweise arbeitete. Er war geschickt im Umgang mit Holz und hatte gerade den Auftrag erhalten, die Inneneinrichtung des Ladens auszubauen.

»Greg! Für dich«, rief die Frau, die das Gespräch angenommen hatte. »Eine Frau aus Deutschland.«

»Ja?«, meldete sich Greg erstaunt. Seine Stimme klang erfreut. »Was gibt’s, dass du mich hier anrufst?«

Ich nahm all meinen Mut zusammen und fragte mit einem Kloß im Hals: »Was hältst du davon, wenn ich dich besuche?«

Stille am anderen Ende der Leitung. Der Kloß sank tiefer.

»Du willst hierherkommen?« Greg klang überrascht und aufgeregt. »Bist du sicher?«, fragte er. »Bist du wirklich sicher?«

»Nein, überhaupt nicht, aber ich muss das tun. Ich habe inzwischen solche Sehnsucht nach dir, dass ich dich sehen will.«

»Oh!« Mehr brachte Greg nicht heraus.

»Das ist mein Weihnachtsgeschenk für dich!«, fügte ich unsicher hinzu.

»Dann komm ganz schnell. Ich freue mich so.«

Nachdem wir das Gespräch beendet hatten, stand ich noch eine Weile da und starrte auf den Hörer in meiner Hand. Ich würde in die Wildnis fliegen, um Greg zu treffen. Auf was hatte ich mich da eingelassen?

Nun begann eine Hektik, die im krassen Gegensatz zu meiner heißgeliebten, besinnlichen Weihnachtszeit stand. Für einen Wahnsinnspreis (es war Hochsaison) buchte ich ein Ticket nach Minneapolis, machte mich auf die vergebliche Suche nach der vermeintlich notwendigen sexy Unterwäsche und packte noch drei Paar extrawarme Socken in meinen kleinen Koffer. Das sollte für die geplanten drei Wochen ausreichen, Zeit genug, um herauszufinden, wie weit Realität und Traum voneinander entfernt waren.

Ich fragte meine Eltern, ob sie für diese Zeit Lady nehmen könnten. Sie wussten schon von meiner Begegnung mit Greg. Dass ich jetzt so überstürzt ins Unbekannte aufbrechen wollte, gefiel ihnen nicht. Aber sie wussten auch, dass sie mich nicht aufhalten konnten, wenn ich mir etwas in den Kopf gesetzt hatte.

»Melde dich, wenn du kannst, damit wir wissen, dass es dir gutgeht«, nahm meine Mutter mir das Versprechen ab, bevor sie mich mit Lady zum Zug brachte. Und so saß ich wenige Tage später im Flugzeug nach Minnesota.

Wie zieht man sich sexy an bei minus dreißig Grad? Während der Pilot in den Landeanflug auf Boston ging, musste ich schmunzeln. Die Antwort war leicht: gar nicht! Bei diesen Temperaturen gab es nur noch warme Kleidung. Der Sex blieb auf der Strecke!

Meine Güte! Wie kam ich eigentlich auf die Idee, dass wir im Bett landen würden? Ich kannte ihn doch gar nicht. Gut, ich hatte ihn beim ersten Treffen äußerst anziehend gefunden. Aber mit fast vierzig stürzt man sich nicht mehr Hals über Kopf in ein romantisches Abenteuer. Was also tat ich hier?

Ich flog zu Greg. Und mit jeder Minute, die ich mich der Landung näherte, kam mir der Gedanke unwirklicher vor. Meine Geschwister hatten mich für verrückt erklärt.

»Wo sollen wir nach dir suchen, wenn wir nichts von dir hören?«, wollte mein Bruder wissen. Ich konnte es ihm nicht sagen. Ich kannte zwar Gregs Adresse, hatte jedoch keine Ahnung, wo das war.

Er selbst beschrieb seinen Wohnort so: »Am Timber Lake, dreißig Kilometer nördlich von Ely.« Nun, der Beiname von Minnesota steht auch auf den Nummernschildern der Autos: »Land der 10 000 Seen«. Hier einen »Timber Lake« zu finden, könnte schwierig werden.

Dennoch weigerte ich mich, gutgemeinten freundschaftlichen und verwandtschaftlichen Warnungen zu folgen. Ich habe die Angewohnheit, mir jedes Jahr ein bestimmtes Motto zu geben, das ich dann versuche umzusetzen. Im Jahr der »Einfachheit« habe ich beispielsweise darauf verzichtet, unnötige Dinge zu kaufen. Als ich beschloss: »Lebe deinen Traum«, stieg ich aus meinem unbefriedigenden Anwaltsberuf aus und begann, als Autorin und freie Journalistin zu arbeiten. Und als »Entschleunigung« auf dem Jahresprogramm stand, konzentrierte ich mich auf das Wesentliche und verzichtete auf Multitasking. Ich suche mir das Motto nicht selbst aus, sondern es scheint umgekehrt auf geheimnisvolle Weise mich zu finden: Ein Buch fällt mir vor die Füße, ich sehe einen Film, oder jemand erzählt mir etwas dazu. Ich glaube, dass das Leben für jeden von uns besondere Lektionen bereithält. Mir zeigt mein jeweiliges Jahresmotto die Richtung vor, in die ich gehen soll, um mich weiterzuentwickeln.

Mein Motto für das kommende Jahr hatte mich schon gefunden, bevor ich Greg traf. Es lautete: »Lebe gefährlich!« Hatte ich da noch eine andere Wahl, als mich mutig ins Abenteuer zu stürzen?

Northwest Airlines Flug 47 landete in Boston. Janet ließ ihre Christbaumkugeln am Namensschild zum Abschied noch einmal fröhlich blinken und half mir in den dicken Anorak. Mit einem »Merry Christmas« verließ ich die Maschine und lief über die eiskalte Gangway zum Terminal.

Der Passbeamte war in Weihnachtsstimmung, stellte keine Fragen und knallte den Einreisestempel für drei Monate in meinen Ausweis. Bei der Zollabfertigung kontrollierte ein Beagle des Landwirtschaftsministeriums, ob jemand unerlaubte Lebensmittel einführte. Bei einer jungen Familie setzte er sich neben die Koffer und schaute zu seinem Frauchen hoch. Die belohnte ihn sofort mit seinem Lieblingsspielzeug, einem Ball, und bat die Familie, die Koffer zu öffnen. Enttäuscht mussten sie die Salami, die sie ihren Freunden mitbringen wollten, auspacken. Die Wurst verschwand in der Zollmülltonne, und die Familie durfte nach einer Ermahnung die Koffer wieder zum Weiterflug aufgeben, während der Beagle nun bei einem anderen ankommenden Flug an die Arbeit ging.

Bei den wenigen Reisenden im Terminal würde der Hund – der für seine Rasse erstaunlich schlank war – kaum Arbeit haben.

Ich gab meinen Koffer für den Weiterflug nach Minneapolis auf und machte mich mit immer weicher werdenden Knien auf den Weg zum Flugsteig.

Noch kannst du umkehren!, warnte mich eine innere Stimme. So mussten sich die Frauen gefühlt haben, die vor über hundert Jahren in den Wilden Westen aufbrachen, um Männer zu heiraten, die sie nicht kannten. Sie zogen monatelang mit dem Planwagen durch menschenleeres Land, ertrugen Hitze, Hunger und Indianerangriffe, um mit jemandem zusammenzuleben, der sie per Heiratsannonce »bestellt« hatte und der alles sein konnte: zärtlicher Ehemann oder prügelnder Trunkenbold. Aus dem zivilisierten Osten kommend, muss die Reise und das, was sie erlebten, ein Schock für sie gewesen sein. So gesehen hast du noch Glück gehabt, beruhigte mich meine innere Stimme. Du kennst Greg schon – wenn auch nur kurz –, und die Wildnis macht dir keine Angst.

Meine Maschine nach Minneapolis wurde aufgerufen. Es war Zeit, ins Abenteuer aufzubrechen. Bevor ich einstieg, zog ich einen dicken Wollpullover über, denn ich wusste, was mich bei der Landung erwartete: gnadenlose Kälte! Sehnsüchtig rief ich noch einmal meine Eltern an, um ein paar vertraute Stimmen zu hören.

»Lady geht es gut, sie vermisst dich gar nicht. Mach dir keine Sorgen. Und melde dich, wenn du kannst.« Meine Mutter klang besorgt. Ich versprach, so bald wie möglich anzurufen. Als ich auflegte, wollte ich nur noch auf dem schnellsten Weg wieder heim und den nächsten Flug nach Deutschland nehmen. Dann saß ich im Flugzeug nach Minnesota, und es gab keinen Weg mehr zurück.

Als wir im tiefverschneiten Minneapolis landeten, verließ mich gänzlich der Mut. Meine Nerven lagen blank, die Hände waren eiskalt, und ganze Schwärme von Schmetterlingen schwirrten in meinem Bauch. Ich blieb sitzen, bis alle Passagiere ausgestiegen waren und mich die Stewardess – diesmal ohne blinkendes Namensschild – mit leicht erhobener Augenbraue zum Ausgang dirigierte.

Und da stand er und wartete auf mich.

Meine Anspannung löste sich schlagartig. Ich fiel Greg um den Hals, als hätte er mich von der sinkenden Titanic gerettet, und klammerte mich an ihn, als könnte ich damit alle Zweifel beseitigen, die erneut in mir aufstiegen. Er drückte mich fest an sich, hielt mich dann mit beiden Händen an den Schultern auf Abstand und strahlte mich an:

»Fast hätte ich vergessen, wie schön du bist.«

Wie wenige Worte es doch braucht, um eine aufgeregte Frau zu beruhigen.

Hand in Hand gingen wir, ohne zu sprechen, zur Gepäckausgabe. Ich hatte keine Erfahrung, wie man einen solchen Augenblick überbrückt. Verlegen versuchten wir beide es mit Small Talk:

»Wie war dein Flug?«

»Super. Ich durfte Business fliegen, hat Spaß gemacht. Kalt ist es hier.«

»Das geht doch noch. Warte mal ab, in ein paar Tagen soll eine große Kaltfront kommen. Hast du viel Gepäck?«

»Dort ist es!« Ich deutete auf das Gepäckkarussell, auf dem mein Koffer einsam Runde um Runde drehte.

»Mein Auto steht in der Tiefgarage. Komm!« Greg packte mit der einen Hand den Koffer am Rollgriff und schob die andere unter meine Achsel. So umschlungen gingen wir zur Tiefgarage. Er sah verändert aus. Nachdem ich ihm einmal in einem meiner Briefe verraten hatte, dass ich den Holzfäller-Typ attraktiv finde, hatte er sich einen Bart wachsen lassen. »Dein Weihnachtsgeschenk!« Er grinste verlegen.

Seine Kleidung beantwortete die Wetterfrage: Jeans, mehrere Schichten von Sweatshirts, ein kariertes Wollhemd, dicke Eskimostiefel und eine Wollmütze. Die Augen blitzten fröhlich hinter der Brille hervor.

Greg steuerte auf einen fensterlosen, ehemals beigefarbenen und nun völlig verschmutzten Van zu und öffnete eine der beiden Türen im Heck. Mit großen Augen schaute ich auf das Chaos im Inneren: Seesäcke, Taschen, Pappkartons mit Essensresten, Lebensmittel, Bücher und diverse Werkzeuge lagen kreuz und quer verstreut. Mit Schwung warf Greg meinen Koffer zuoberst auf den Berg und zog einen Schlafsack aus einer Kiste, den er mir zuwarf.

»Hier, wickel dich darin ein. Die Heizung funktioniert nicht.« Müde vom langen Flug und kalt bis in die Knochen, drückte ich mich tief in den Beifahrersitz und zog den Schlafsack über mich. In der Thermoskanne, die auf dem Armaturenbrett bei jeder Bewegung des Wagens hin und her rollte, fand ich noch etwas heißen Tee, der mich ein wenig aufwärmte. Wir verließen den Flughafen und fuhren gemeinsam in dichtem Schneetreiben auf der Interstate 35 Richtung Norden.

Die Straßen lagen einsam und tiefverschneit in der Dunkelheit. Offensichtlich bereiteten sich die meisten Bewohner schon auf den ersten Weihnachtsfeiertag vor, der in Amerika der Hauptfeiertag ist. Im eiskalten Auto dachte ich mit Wehmut an mein gemütliches, warmes Heim in lauschiger Weihnachtsdekoration. Ich liebte diese Feiertage und versuchte, wann immer möglich, in dieser Zeit zu Hause zu sein. Weihnachtsbaum, Kerzenschein und Kuschelnachmittage auf der Couch mit meiner Lady waren für mich der Inbegriff von Heimat und Familie. Stattdessen saß ich mehr als 7 000 Kilometer entfernt in einem eiskalten Auto neben einem Fremden und fuhr mit ihm in eine unbekannte Zukunft.

Die vier Stunden dauernde Fahrt ließ uns Zeit genug, uns zu unterhalten. Greg hatte die letzten Tage bei seinen Eltern in Wisconsin verbracht.

»Meine Rückfahrt führt mich sowieso an Minneapolis vorbei, da hat es prima gepasst, dich abzuholen. So hat sich die Fahrt wenigstens gelohnt«, strahlte er mich an. Offensichtlich war ihm nicht bewusst, wie uncharmant der letzte Satz war. Meine Bewunderung über so viel Planungsgeschick hielt sich in Grenzen. Wäre er allein wegen mir vielleicht nicht zum Flughafen gekommen? Ich merkte, wie Kälte und Aufregung meine Gedanken durcheinanderwirbelten wie der Sturm die Schneeflocken. Jetzt bloß keine komplizierten Gedankengänge. Einen Schritt nach dem anderen.

»Wie war’s bei deinen Eltern? Habt ihr Weihnachten vorgefeiert?« Ich wollte mehr über Greg erfahren.

»Nein, wir sind keine Weihnachtsfreaks«, antwortete er. »Ich halte nichts von dem ganzen kommerziellen Geschenkewahn, und meine Eltern werden morgen für drei Monate nach New Orleans fahren.«

»Ach, sie überwintern im Süden? Wie bei uns die Rentner auf Mallorca«, warf ich ein. Aber ganz so unschuldig war die Story nicht. Wie viele ältere Paare im Norden flüchteten auch Gregs Eltern jedes Jahr vor dem Winter nach Louisiana. »Snowbirds« nannten sie sich.

»Sie sind Spieler«, erklärte Greg und verzog dabei das Gesicht zu einer abwertenden Grimasse. »In New Orleans bieten die großen Spielcasinos Rentnern günstige Langzeitunterkünfte in der berechtigten Hoffnung, dass sie einen großen Teil ihres Geldes dort lassen.« Er schien nicht begeistert vom Freizeitvergnügen seiner Eltern zu sein.

»Bevor sie losfahren, trifft sich die ganze Familie noch einmal, um ein paar Tage miteinander zu verbringen.«

»Hast du noch Geschwister?«, fragte ich ihn. Es gab so vieles, das ich noch nicht wusste. Bisher hatten sich unsere Gespräche überwiegend um das Leben in der Wildnis gedreht.

»Ja, Jeanne ist meine zwei Jahre jüngere Schwester. Sie lebt mit ihrem Mann Richard auch in Wisconsin, ebenso wie meine ältere Schwester Kathleen mit ihrem Mann und den beiden Söhnen. Wir sehen uns ein- oder zweimal im Jahr. Nur meinen Bruder Aaron und seine Familie sehe ich kaum. Er ist Priester und wohnt in South Dakota. Ich habe keine Lust, so viel Benzin zu verfahren, nur um sie zu sehen. Das schadet der Umwelt.«

Mein Wildnismann sorgte sich um Umwelt. Das gefiel mir.

»Hast du eigene Kinder?«, wagte ich mich weiter vor.

»Nein, es genügt mir, Onkel zu sein. Ich will keine Kinder.« Völlig unbefangen fügte er hinzu: »Ich hatte schon mit achtzehn eine Vasektomie.«

Ich war verblüfft über so viel Offenheit und fragte: »Aber ist das nicht ein wenig jung? Du weißt doch nie, was einmal ist. Vielleicht möchtest du ja doch noch einmal Kinder haben?«

Das »Nein!« kam sehr bestimmt. »Ich mag Kinder, aber ich will keine eigenen. Ich will keine Verantwortung für Kinder haben.«

Verdutzt schwieg ich.

»Und? Denkst du jetzt schlecht von mir?«, fragte Greg von der Seite, während er geschickt eine Schneewehe umfuhr.

»Nein, warum? Das ist deine Sache«, antwortete ich und wunderte mich dennoch im Stillen darüber, dass Greg Verantwortung für andere so strikt ablehnte.

Kurz nach Mitternacht erreichten wir die Stadtgrenze von Duluth. Bis Ely waren es noch zweihundert Kilometer in Dunkelheit und Schnee.

Zu meiner Erleichterung eröffnete mir Greg, dass wir in dieser Nacht nicht bis nach Ely durchfahren, sondern stattdessen in Duluth übernachten würden.

»Freunde von mir reisen für sechs Monate durch Südamerika. Sie haben mir einen Schlüssel für ihre Wohnung gegeben und mir erlaubt, dort zu übernachten, wenn ich einmal zum Paddeln hier bin.«

Gregs Freunde Joe und Liz waren beide Ingenieure und hatten sich im Anschluss an einen Auftrag in Brasilien eine Auszeit genommen. Sie besaßen ein Apartment in einem modernen Wohnkomplex am Nordufer des Lake Superior. Wir fuhren in die Tiefgarage und luden meinen Koffer, die Schlafsäcke, Decken und ein paar Essensvorräte aus. Der Aufzug brachte uns in den dritten Stock. Als Greg die Tür aufschloss, betraten wir einen stockdunklen Kühlschrank.