Informationen zum Buch

Manchmal tut die Wahrheit nicht nur weh – sie brennt

Shan, der ehemalige Ermittler, und der Mönch Lokesh leben vogelfrei in Tibet. Als man sie verhaftet, rechnen sie mit einer Anklage wegen Widerstands gegen die chinesischen Besatzer. Dann jedoch stellt Shan fest, dass er ausgewählt worden ist, um die Selbstverbrennungen von Tibetern zu untersuchen. Eine riskante Aufgabe – sein Vorgänger ist ermordet worden. Als Shan erkennt, dass eine Selbstverbrennung in Wahrheit ein Mord war, erwächst ihm ein mächtiger Feind: Pao, der Chinese, der Tibet beherrscht, spielt sein ganz eigenes tödliches Spiel.

Ein Spannungsroman, der Türen in eine besondere Welt öffnet: Shan ist weise wie ein Mönch und ermittelt wie ein Meisterdetektiv.

Eliot Pattison

Tibetisches Feuer

Shan ermittelt

Roman

Aus dem Amerikanischen von Thomas Haufschild

Inhaltsübersicht

Informationen zum Buch

Kapitel Eins

Kapitel Zwei

Kapitel Drei

Kapitel Vier

Kapitel Fünf

Kapitel Sechs

Kapitel Sieben

Kapitel Acht

Kapitel Neun

Kapitel Zehn

Kapitel Elf

Kapitel Zwölf

Kapitel Dreizehn

Kapitel Vierzehn

Kapitel Fünfzehn

Kapitel Sechzehn

Kapitel Siebzehn

Kapitel Achtzehn

Epilog

Anmerkung des Verfassers

Glossar der fremdsprachigen Begriffe

Über Eliot Pattison

Impressum

Wem dieses Buch gefallen hat, der liest auch gerne …

Für Zoe

Kapitel Eins

Die Träne tropfte von der Wange der jungen Nonne auf ihre Gebetskette. Als sie ihr tapferes, offenes Gesicht Shan Tao Yun zuwandte, drang ein Sonnenstrahl durch die Öffnung in der Seite des Gefangenentransporters, in dem sie kauerten, und ließ die Träne wie einen Diamanten funkeln. Früher hatte man in diesem Land Edelsteine gehabt und mit ihnen Altäre und Reliquienschreine verziert. Während Shan nun die Gebetskette anstarrte, wurde ihm klar, dass solche Tränen die neuen Juwelen Tibets waren.

»Drapchi, Longtou, Chushur, Gutsa«, zählte der alte Tibeter neben Shan ganz sachlich auf.

Shan kannte die Namen der Strafanstalten, die sein Freund Lokesh hier nannte – nicht etwa aus seiner Zeit als hochrangiger Ermittler in Peking, sondern dank seiner eigenen Jahre als Häftling in Tibet. Man brachte sie gerade aus dem Bezirk Lhadrung, der Heimat von Tibets berüchtigtsten Arbeitslagern, zu den rund um Lhasa gelegenen Zuchthäusern, die mittelalterlichen Kerkern ähnelten.

»Es wird doch für uns eine Anhörung, einen Prozess oder so was geben, nicht wahr?«, fragte Yosen, die junge Nonne, und fing dann an, der zweiten, älteren Gefangenen neben ihr den Rücken zu streicheln. Pema, die grauhaarige Frau in dem zerlumpten Filzkleid einer Bäuerin, hatte die letzten zwei Stunden mit geschlossenen Augen dagesessen und hektisch ihre Gebetsperlen durch die Finger gleiten lassen.

»Es ist zumindest vorgesehen, dass Beschuldigte sich äußern können«, bestätigte Shan und bemühte sich, möglichst aufmunternd zu klingen. Yosen war arglos, denn sie hatte die Unbarmherzigkeit des Büros für Öffentliche Sicherheit noch nie am eigenen Leib erfahren.

»Falls sie von mehreren Jahren Haft ausgehen, werden die Anklagepunkte auf blauem Papier stehen«, erklärte Lokesh im Tonfall eines Experten. »Bei administrativem Gewahrsam ist das Papier gelb. Gelb bedeutet höchstens ein Jahr«, fügte er etwas ermutigender hinzu, schaute aber beunruhigt zu Shan. Die beiden Freunde konnten sich ein Dutzend möglicher Vorwürfe ausrechnen, von der Beherbergung politischer Dissidenten über die Zerstörung öffentlichen Eigentums bis hin zur Entwendung buddhistischer Artefakte, die laut Pekings Ansicht dem Staat gehörten. Und jeder einzelne dieser Punkte würde sie für Jahre zurück in den Gulag schicken.

»Dann also Gelb«, sagte Yosen mutig und drückte die Schulter ihrer Begleiterin. »Die Götter werden uns Gelb bringen, Pema. Wir haben nichts getan, außer über eine tote Freundin zu sprechen.«

Shan beugte sich zu ihr vor. Yosen hatte erzählt, die beiden Frauen würden sich nicht gut kennen und dass man sie aus einer Kapelle ihres Klosters gezerrt habe, nachdem Pema auf einem nahen Pilgerpfad aufgegriffen worden sei. Die Soldaten der Öffentlichen Sicherheit, die Kriecher, hätten die Frauen ohne jede Erklärung verhaftet. »Eine tote Freundin?«

Yosen nickte und blickte auf, während die ältere Frau sich tiefer über ihre Perlen neigte. »Bevor ihr hinzugekommen seid, haben Pema und ich uns unterhalten. Ich habe sie gefragt, ob sie weiß, was das hier bedeuten soll.« Sie wies auf die verrostete Zelle auf Rädern, in der sie hockten. »Wie sich herausstellte, haben die Soldaten uns vor der Festnahme beide gefragt, ob wir eine Frau namens Sonam Gyari kennen würden.«

»Hat diese Sonam ein Verbrechen begangen?«, fragte Shan.

»Kein Verbrechen. Selbstmord«, erwiderte Yosen.

Lokesh legte ihr tröstend eine Hand auf die Schulter. »Die können dich nicht wegen einer toten Freundin einsperren.«

»Sie war im Kloster meine engste Vertraute«, erklärte Yosen. »Letzte Woche sind sie gekommen, um unsere Unterlagen zu prüfen, und wollten wissen, ob sie ihren Treueid unterschrieben hat, ob sie in letzter Zeit bei ihrer Familie gewesen ist oder Besuch von Fremden bekommen hat. Es waren dieselben Kriecher, die mich heute aus meinen Gebeten gerissen haben.« Es rannen wieder Tränen über ihre Wangen. »Ich sollte die Butterlampen auf dem Altar nachfüllen. Was ist, wenn die Lampen jetzt erlöschen?«

Lokesh zog sanft ihren Kopf auf seine Schulter.

Shan stand auf und stützte sich an der stählernen Wand ab, um einen Blick durch die kleine Öffnung zu werfen. Seit man ihn und Lokesh vor ein paar Stunden aus dem Graben geholt hatte, in dem sie arbeiteten, war der Transporter stetig nach Westen gefahren, auf die tibetische Hauptstadt zu. Außer an den Kontrollpunkten hatten sie nur einmal kurz an einer Raststätte gehalten, wo die Tür in der Rückseite sich einen Spaltbreit geöffnet hatte, damit jemand ein paar Flaschen Wasser und eine Tüte kalter Teigtaschen hineinwerfen konnte.

»Sechs Kontrollpunkte«, sagte Lokesh, als sie von einer weiteren der polizeilichen Straßensperren losfuhren. »Beim letzten Mal auf dieser Straße waren es nur drei.«

Diese Neuigkeit schien Pemas böse Vorahnungen noch zu verstärken. Die Polizei wurde immer nervöser wegen der purbas, der tibetischen Widerstandsbewegung, und reagierte mit zunehmender Häufigkeit gewaltsam auf jedes Anzeichen von politischem Protest. Nach zwei Generationen chinesischer Besatzung weigerten die Tibeter sich immer noch, klein beizugeben.

»Letzten Herbst sind sie gekommen und haben verlangt, dass wir schriftlich unsere Loyalität zu Peking bekennen«, sagte die junge Nonne nun mit angespannter Stimme. »Ich war zu der Zeit nicht da, sondern in Klausur und habe meinen Treueid mit zwei Wochen Verspätung eingeschickt. Der für unser Kloster zuständige Parteifunktionär hat mich getadelt und gesagt, ein solches Zögern könne als unpatriotisch aufgefasst werden. Und ich habe zwei Vorträge des Büros für Religiöse Angelegenheiten über die Bürgerpflichten verpasst. Wie ich gehört habe, müssen die mittlerweile Verhaftungsquoten für illoyale Mönche und Nonnen erfüllen. Falls sie beschließen, mich eine Verräterin zu nennen, könnte das zehn oder fünfzehn Jahre Haft bedeuten.« Auch sie listete ihre möglichen Vergehen gegen den Staat auf. Das ist sinnlos, hätte Shan am liebsten zu ihr gesagt, denn Peking dachte sich für Leute wie sie immerzu neue Straftaten aus. Das Regime hasste jeden, der auch nur im Entferntesten andeutete, Tibeter seien keine Chinesen, vor allem aber verachtete es all jene, die ein kastanienbraunes Gewand trugen, denn es waren die Mönche und Nonnen, die dafür sorgten, dass das Volk in den tibetischen Traditionen verwurzelt blieb.

»Ich habe dein Kloster einmal besucht«, gab Lokesh launig zum Besten. »Das war 1956, und ich bin mit dem Dalai Lama gereist, der damals noch ein Junge war. Er ist ziemlich begeistert von der Herde weißer Ziegen gewesen, die die Äbtissin gehalten hat.«

Beide Frauen blickten mit großen erstaunten Augen auf, und für die nächste Stunde lenkte der alte Tibeter sie von ihrer Verzweiflung ab, indem er Geschichten über die fröhliche Oase erzählte, die das Kloster vor dem Einmarsch der Chinesen gewesen war.

Shan wunderte sich über die tröstenden Worte seines Freundes, denn Lokesh war die Angst, die sie doch beide empfanden, in keiner Silbe anzuhören. Sie waren mit den Methoden der Öffentlichen Sicherheit nur zu gut vertraut und hatten ihren Zorn oft zu spüren bekommen, aber bisher war es ihnen stets gelungen, einer neuen Haftstrafe zu entgehen. Heute war der Tag, an dem ihr Glück geendet hatte, denn heute fuhr man sie weg aus dem Bezirk Lhadrung und dem Schutz des dortigen Militärkommandanten Oberst Tan. Bis Einbruch der Nacht würde Shan seine Anklage verlesen bekommen und dann um die Erlaubnis bitten, eine Nachricht an seinen Sohn Ko schicken zu dürfen, der selbst in Lhadrung in Haft saß. Er legte sich bereits die Worte zurecht. Ich werde Dich finden, Ko. Ganz egal, wohin man mich schickt, ich werde eine Möglichkeit zur Rückkehr finden. Höre auf die Lamas. Ko würde wissen, dass er meinte: Höre auf die Lamas anstatt auf die Wärter. So hatte Shan seine fünf Jahre im Gulag überlebt.

Seine Begleiter schliefen, als der Transporter an einem weiteren Kontrollpunkt hielt und dann anscheinend in einen Tunnel einbog. Plötzlich blieb er stehen, fuhr ein Stück zurück, und der Motor erstarb. Die hintere Tür wurde entriegelt und geöffnet. Auf einer Laderampe standen sechs Kriecher und hatten ihre automatischen Gewehre auf die Gefangenen gerichtet. Ein Offizier trat vor und winkte Shan zu sich. Shan ignorierte den Mann, rüttelte seine Begleiter an den Schultern wach und beruhigte die Frauen, als diese die Waffen sahen.

»Ihr werdet als Erste abgefertigt«, flüsterte er warnend. »Sträubt euch nicht, widersprecht nicht, aber gesteht auch nichts und unterschreibt nichts.« Er brachte es nicht über sich, ihnen zu sagen, dass man ihnen zuerst die Gebetsketten und dann die traditionelle Kleidung entreißen würde, um sie aus einem Schlauch mit eiskaltem Wasser abzuspritzen und danach mit beißendem Desinfektionsmittel zu überschütten, bevor man sie trennen und irgendwelchen Arbeitstrupps zuteilen würde. Pema beugte sich hastig einen Moment lang über ihre Perlen, dann nahm Yosen sie bei der Hand und führte die alte Frau in den Gang, den die Wärter bildeten und der zu einem anderen Gefangenentransporter führte. Lokesh schien die Kriecher gar nicht zu bemerken. Er blickte verwirrt auf die Stelle, an der die Frauen gekauert hatten. Pema hatte nicht etwa ein letztes verzweifeltes Mantra rezitiert, sondern mit Wasser etwas auf den Boden der Ladefläche gezeichnet.

Keine Religion der Welt benutzte mehr Zeichen und Symbole als der tibetische Buddhismus, und Shan hatte viele davon gelernt, aber nicht dieses. Es handelte sich um ein Oval, dessen oberes rechtes Stück halbmondförmig abgeteilt und nach vorn geneigt war. Shan starrte so angestrengt auf das verblassende Zeichen, dass er die beiden Kriecher erst registrierte, als sie Lokesh wegführten.

Ohne nachzudenken, packte er einen der Wärter am Arm. Dann begriff er, was er getan hatte, und bückte sich instinktiv, um den Hieb zu empfangen, der mit Sicherheit folgen würde. Der Soldat schüttelte Shan ab und lachte.

Entsetzt, aber auch konsterniert beobachtete Shan, wie die Kriecher Lokesh in den anderen Lastwagen eskortierten, dann sprang er vor und schaffte es fast bis zu seinem alten Freund, bevor die Männer ihn zurückhielten. »Loooo-kesh!«, rief er.

Sein Freund sah Shan mit unglaublichem Gleichmut an. »Lha gyal lo«, rief der alte Mann zurück, als die Wärter ihn in den Transporter stießen. Es war das Mantra aller geplagten Tibeter. Mögen die Götter siegreich sein.

Auf einmal war Shan mit den Kriechern allein. Sie legten ihm nicht die erwarteten Handschellen an und zückten auch nicht die üblichen Schlagstöcke, sondern bedeuteten ihm nur mit gelangweilten Mienen, er möge sie zu einer Metalltür begleiten. Dahinter stiegen sie ein nasskaltes Treppenhaus aus Betonziegeln empor und gelangten in einen hell erleuchteten Büroflur neben einem Waschraum. Der Offizier öffnete dessen Tür und zeigte auf eine Reihe Kleiderhaken an der Wand. »Fünf Minuten«, verkündete er und trat dann wieder hinaus auf den Gang. Sie hatten für Shan eine andere Bestrafung vorgesehen.

Shan sah die zufallende Tür an, dann das weiße Hemd und die graue Stoffhose an den Haken. Er wusste aus qualvoller Erfahrung, dass die Öffentliche Sicherheit am tückischsten war, wenn sie etwas Unerwartetes tat. Hier ging etwas sehr Beunruhigendes vor sich, etwas, das auf eine dauerhafte Veränderung in seinem Leben hindeutete, die er auf keinen Fall wollte. Die wenigen hartgesottenen Verbrecher unter all den alternden politischen Gefangenen in Shans Arbeitslager hatten ihm erzählt, dass es stets einen letzten Zufluchtsort gab, an den ein Häftling sich flüchten konnte, bevor der eiserne Griff des Staates sich um ihn schloss. Shan konnte immer noch weglaufen und sich in diesem merkwürdigen Bürogebäude verstecken. Aber durch Widerstand oder Flucht würde er niemals in der Lage sein, Lokesh zu helfen. Er zwang sich, zum Waschbecken zu gehen, um sich den Gestank des Transports abzuwaschen, und knöpfte sein Hemd auf.

Im Korridor erwartete ihn ein neuer Begleiter in Anzug und Krawatte, ein klein gewachsener schlanker Mann Mitte dreißig mit langem, sorgfältig gepflegtem Haar. »Ich heiße Tuan Yangdong und bin hier, um Ihnen behilflich zu sein, Genosse Shan«, erklärte er ernsthaft und wies den Flur entlang.

Shan nickte nur.

»Sie müssen begeistert sein, diese Gelegenheit zu erhalten«, sagte Tuan unterwegs.

»Ich wäre begeistert, wenn ich nach Lhadrung in meinen Graben zurückkehren könnte«, erwiderte Shan.

Tuan sah ihn verwirrt an, zuckte die Achseln und blieb stumm, derweil er Shan zu einem Eckzimmer führte, einem Konferenzraum. Es war mitten am Nachmittag, und sie befanden sich hoch genug über dem Boden, dass sich ihnen ein ungehinderter Ausblick auf die Umgebung bot. Shan begab sich sogleich zu der Fensterreihe und entdeckte unterhalb ein großes Areal mit nahezu identischen grauen Gebäuden. Während sein Begleiter ihnen Tee aus einer großen Thermoskanne einschenkte, schaute Shan zurück zur Tür. Sie hatte kein Schloss.

»Sie haben mich mit jemandem verwechselt«, sagte Tuan und reichte Shan eine dampfende Tasse.

»Sprechen Sie von einem anderen Büro für Öffentliche Sicherheit?«, fragte Shan. »Wenn Sie mir behilflich sein wollen, dann verraten Sie mir, wohin mein Freund gebracht wird.«

Tuan zuckte erneut die Achseln. »Ich gehöre lediglich dem Büro für Religiöse Angelegenheiten an«, erklärte er.

Shan zögerte. Das Büro für Religiöse Angelegenheiten war die Behörde, die strikt und oftmals rücksichtslos regelte, wie der Buddhismus in Tibet praktiziert werden durfte. »Die Hälfte Ihrer Kollegen wurde von der Öffentlichen Sicherheit abkommandiert. Schließt das auch Sie ein, Genosse Tuan?«

Die Frage erwischte ihn auf dem falschen Fuß. »Eigentlich nicht«, sagte er verlegen. »Nicht mehr. Die Partei sagt, wir sollen die Öffentliche Sicherheit als eine Art Hochschule betrachten«, fügte er mit überraschender Offenheit hinzu. »Den Beamten des Büros für Religiöse Angelegenheiten wird nahegelegt, zwei oder drei Jahre bei der Öffentlichen Sicherheit zu verbringen, um ein besseres Verständnis für die Herausforderungen zu entwickeln, mit denen das Mutterland sich in Tibet konfrontiert sieht.« Er lächelte verhalten. »Für jemanden, der von einem so entlegenen Bezirk wie Lhadrung hergebracht wurde, scheinen Sie sich mit den Gepflogenheiten der Regierung ja ziemlich gut auszukennen.«

Als Shan nicht darauf reagierte, seufzte Tuan und beschäftigte sich damit, auf einem Beistelltisch einen Stapel Notizblöcke zurechtzurücken. Shan drehte sich wieder zu den Fenstern um. Sie befanden sich in einer Stadt, die von einem Dutzend viergeschossiger Bauten aus Glas und Beton beherrscht und von einer hohen Mauer aus bemalten Betonziegeln umgeben wurde. Es war eine der abgeschlossenen Enklaven für Regierungsmitarbeiter, wie man sie überall in Tibet errichtete, als Eckpfeiler für Pekings zunehmende Ausbreitung in der Region. Im Innern der Mauern gab es Kommandozentralen, Büros, Wohnungen und sogar Geschäfte und Cafés für die Bürokraten, die aus dem Osten herangekarrt wurden.

»Willkommen in Zhongje«, sagte Tuan über seine Schulter. »Eine Modellstadt, eine Ansiedlung des neuen Zeitalters, die gezielt entworfen wurde, um alle Bedürfnisse ihrer Bewohner zu erfüllen. Vor drei Jahren gab es hier nur Felsen und weidende Schafe, und nun sehen Sie selbst. Ein Vorzeigeprojekt des Mutterlandes!« Er hob besonders das kleine Quadrat mit den dürren Bäumen hervor, das den Stadtpark darstellte, darüber hinaus ein elektrisches Umspannwerk, einen Polizeiposten am Tor, einen Garagenhof mit aller notwendigen Ausrüstung für die Straßeninstandhaltung und sogar eine Müllverbrennungsanlage. »Ein Vorgeschmack auf das, was alle loyalen Tibeter erwartet.«

Shan ging zu den Fenstern, die nach Norden wiesen, zog die Vorhänge auf, die sie bislang verhüllt hatten, und erstarrte. Auf dem gegenüberliegenden Hang, allenfalls anderthalb Kilometer entfernt, gab es ein weiteres, viel größeres ummauertes Gelände.

Mit einem Mal wusste Shan, wo er war. Das Kloster Sungpa war früher eine der größten buddhistischen Lehranstalten von Tibet gewesen, wo zahllose Lamas Tausende von Novizen für ein spirituelles Leben ausgebildet hatten. Doch in den ersten Jahren der chinesischen Besatzung war es in eines der landesweit größten Gefängnisse verwandelt und in Longtou umbenannt worden, chinesisch für Kopf des Drachen. Man hatte die Meditationskammern bis auf den nackten Stein ausgeräumt und nutzte sie für die Isolationshaft, und aus den einstigen Kapellen wurden verwahrloste Zellenblöcke. Shan hatte dort selbst einige Tage hinter Gittern gesessen, bevor er in das Todeslager im Bezirk Lhadrung geschickt worden war. Sein Blick fiel auf die langen flachen Erdwälle, die sich in Reihen über den Abhang unterhalb der Strafanstalt erstreckten. Auf den ersten Blick könnte man sie als alte Bunker oder Terrassen abtun, aber Shan hatte damals einem Arbeitstrupp angehört, der dort den Pfad für eine neue Straße mitten durch die Wälle freimachen musste. Als Peking beschloss, die buddhistische Führungsstruktur Tibets zu vernichten, gehörte Sungpa zu einem der ersten Exempel, die statuiert wurden. Shan hatte mit einem Pferdekarren Gebeine aus einem der aufgerissenen Wälle aufsammeln müssen, die dann in eine Düngemittelfabrik transportiert wurden. Die Mönche des Klosters waren am Rand der offenen Gruben aufgestellt und mit Maschinengewehren niedergemäht worden. Shan rief sich nun die damalige Anordnung der Wälle ins Gedächtnis und erkannte schaudernd, dass die im unteren Teil des Hanges gelegenen Massengräber für die Errichtung der chinesischen Stadt eingeebnet worden waren. Zhongje lautete ihr Name. Das hieß Frieden und Gerechtigkeit.

Die Stille wurde vom Geräusch eines Löffels unterbrochen, der auf den Rand einer Porzellantasse klopfte. Shan drehte sich um und sah einen Tibeter und zwei Chinesinnen am Tisch sitzen und ihn anstarren. Tuan hatte an der Wand neben einem sehnigen Mann mit Halbglatze Platz genommen, der eine Offiziersuniform der Kriecher trug und sich gerade eine Zigarette anzündete. Eine Reihe von Deckenlampen war eingeschaltet worden und warf nun Kreise aus grellem Licht auf die Tischplatte. Hier war also endlich sein Verhörteam.

Vor dem Stuhl, bei dem Shan stand, lag ein Aktendeckel auf dem Tisch. Er setzte sich gehorsam und wusste allmählich Bescheid. In der Mappe würden sich eine Liste seiner Verbrechen sowie ein unterschriftsreifes Geständnis befinden.

»Ich bin Kommissarin Choi«, verkündete die ältere der beiden Frauen mit fester Stimme. »Sie sind Genosse Shan Tao Yun aus Peking und dem Bezirk Lhadrung.«

»Nur aus dem Bezirk Lhadrung«, entgegnete er tonlos und musterte sein Gegenüber. »Peking war in einem anderen Leben.«

Die Sprecherin war Ende vierzig und hatte ihr Haar straff im Nacken zusammengebunden. Sie wirkte wie eine strenge Professorin und die jüngere Frau an ihrer Seite wie eine aufmerksame Studentin. Der Tibeter in seinem schlecht sitzenden Anzug behielt ängstlich die zwei Männer vor der Wand im Blick.

Choi stellte die Anwesenden kurz vor. »Fräulein Zhu«, sagte sie und wies erst auf die junge Frau, dann auf den Tibeter. »Genosse Kolsang.« Danach nickte sie den anderen beiden Männern zu. »Und wir haben das Glück, von Major Sung und Genosse Tuan unterstützt zu werden. Sowie von Fräulein Lin.« Damit war die attraktive junge Chinesin im Geschäftskostüm gemeint, die soeben den Raum betrat. »Sie kümmert sich um unsere tagtäglichen Bedürfnisse.« Lin, deren hohe, durch Rouge betonte Wangenknochen ihr das Aussehen einer Kurtisane verliehen, nickte Shan kühl zu.

»Uns wurde gesagt, dass Sie Tibetisch sprechen und mit den Gebräuchen der Buddhisten vertraut sind«, fuhr Madame Choi fort.

Shan nahm die Fremden am Tisch teilnahmslos in Augenschein. Nicht nur die Tibeter leiteten mit bestimmten Worten und Tönen den Beginn eines ihrer vielen Rituale ein, sondern auch die hochrangigen Parteifunktionäre. »Genossin, falls dies ein tamzing werden soll«, sagte Shan und meinte damit die Agitationssitzungen, in deren Verlauf das Individuum seine Versündigung am Sozialismus gestand, »müsste man mir einen Block und Stift zur Verfügung stellen. Oder besser noch eine Tafel und Kreide. Bei einer früheren Gelegenheit habe ich in dreißig Minuten fünfhundertmal ›Die Partei ist mir Mutter und Vater‹ geschrieben.«

Kolsang, der Tibeter, grinste. Fräulein Zhu senkte nervös den Blick, als müsste sie plötzlich unbedingt die Akte studieren, die vor ihr lag. Major Sungs Kopf ruckte hoch.

»Nein, Genosse Shan«, erwiderte die Frau geduldig. »Dies ist kein tamzing. Und die heißen bei uns heutzutage Selbstkritikkurse.«

Dann feuerten die beiden Chinesinnen eine schnelle Folge von Fragen auf ihn ab. Hatte er tatsächlich eine Haftstrafe im Bezirk Lhadrung verbüßt? War er früher in Peking ein leitender Ermittler im Dienst des Ministerrats gewesen? Wie viele Jahre hatte er im Zwangsarbeitslager verbracht? Stimmte es, dass er ausreichend rehabilitiert worden war, um mit einer Funktion in der Bezirksverwaltung betraut zu werden?

»Ja, ich bin der Aufsichtsbeamte für die Gräben des nördlichen Abschnitts«, stellte er klar.

Choi nickte befriedigt. »Demnach sind Sie ein Mann des Volkes.« Sie verschränkte die Hände auf den Papieren vor sich und schaute zu Kolsang, dessen langes Gesicht auf Shan gerichtet war.

Der Tibeter stellte seine Teetasse ab. »Können Sie mir vielleicht die tashi targyel nennen, Genosse?«

Shan sah den Mann überrascht an. Dies musste eine Falle sein, aber er verstand sie nicht. »Die acht Glück verheißenden Symbole sind das Siegesbanner, der Knoten der Ewigkeit, die Lotusblume, die weiße Muschel, die goldenen Fische, der kostbare Sonnenschirm, die Schatzvase und das Rad des Dharma«, zählte er langsam auf.

Kolsang neigte den Kopf. »Und wie viele Perlen hat eine Gebetskette?«

»Einhundertacht.«

Der Tibeter schien eine eigene Liste vorbereitet zu haben. »Warum hat das heilige Rad acht Speichen?«, fragte er. Dann wollte er wissen, in welcher Richtung man einen Pilgerpfad beschreitet.

»Wenn man den alten Bräuchen folgt, dann gegen den Uhrzeigersinn«, antwortete Shan, »aber die meisten Gläubigen werden …«

»Genug!«, fiel der Kriecher-Offizier ihm ins Wort. Sung nahm einen letzten Zug von seiner Zigarette, warf sie in einen Abfalleimer und stand auf. Die anderen verstummten sofort. Der Major schritt am Tisch entlang und musterte Shan mit hungrigem Blick. Er hatte ein Raubvogelgesicht.

»Wer, Genosse Shan, sind die New York Yankees?«, fragte er plötzlich auf Englisch.

Shan starrte ihn an, erschrockener als je zuvor. »Eine amerikanische Baseball-Mannschaft«, entgegnete er, ebenfalls auf Englisch.

»Beschreiben Sie ein amerikanisches Frühstück«, verlangte der Major.

»Eier mit Speck, Kaffee, nicht Tee.«

»Nennen Sie mir fünf amerikanische Präsidenten.«

»Washington, Jefferson, Adams, Lincoln.« Shan hielt inne und erwiderte den ruhigen Blick des Mannes. »Theodore Roosevelt. Er hat wilde Tiere im Haus des Präsidenten gehalten.«

Einen winzigen Moment lang flackerte in den Augen des Offiziers so etwas wie Verunsicherung auf. Er begutachtete Shan mit dem Interesse eines Raubtiers an seiner Beute. »Fürchten Sie den Tod, Genosse?«

»Ich habe mehr Freunde unter den Toten als unter den Lebenden.«

Sungs Lächeln war kalt wie Eis. Er griff in die Tasche und warf Shan ein rotes Stück Stoff hin. »Der Posten des umerzogenen Kriminellen ist hiermit besetzt«, ordnete er an und zeigte auf die Akte vor Shan, bevor er zur Tür marschierte. »Fünf Minuten«, verkündete er und trat hinaus auf den Flur.

Als Shan das Stück Stoff berührte, schienen die anderen das als Signal aufzufassen. Sie alle zogen identische Exemplare aus den Taschen und streiften sie sich über die Handgelenke. Armbinden. Shan zog den Stoff glatt und sah das aufgestickte Abbild des Potala in Lhasa. Darüber stand in westlichen Buchstaben PICPO und darunter die chinesischen Worte Frieden und Ordnung. Zögernd legte er die Armbinde an und klappte die Akte auf.

Auf der linken Seite war eine drei Monate alte Pressemitteilung befestigt, die auf Chinesisch und Englisch die Gründung der People’s International Commission for Peace and Order bekannt gab. Diese Kommission, bestehend aus vier Bürgern aus China und drei aus dem Westen, war »der Verhinderung strafbarer autoaggressiver Handlungen gewidmet, von denen die harmonische Koexistenz in den ethnischen Geografien untergraben wird«. Die westlichen Angehörigen der Kommission, die unter der Schirmherrschaft der Vereinten Nationen operierten, waren sechs Wochen zuvor in Lhasa eingetroffen. Ein größeres Foto zeigte die lächelnden Kommissionsmitglieder, die auf den Stufen des Potala Aufstellung genommen hatten, dem traditionellen Amtssitz des Dalai Lama.

Auf der anderen Seite der Mappe fanden sich zwei interne Bekanntgaben, ausschließlich auf Chinesisch. Die erste, datiert auf den Vortag, vermeldete, dass Deng Bao, der Verwalter, dem die reibungslose Funktion der Kommission oblag, wegen einer plötzlichen Erkrankung im Familienkreis habe abreisen müssen. Shan sah auf dem Foto nach, unter dem die Namen verzeichnet waren. Deng war ein stämmiger Mann mit schwarz gerahmter Brille. Seine Aufgaben als Verwalter würden vorläufig von Major Sung Xidan von der Öffentlichen Sicherheit wahrgenommen, stand in der Meldung. Der zweite Bericht war drei Tage alt und behandelte den tragischen Verlust von Kommissar Xie, der unerwartet eines natürlichen Todes gestorben sei. Die so entstandene Lücke werde jedoch sogleich neu besetzt werden, hieß es, damit die notwendige und ehrenwerte Arbeit der Kommission ungestört fortgeführt werden könne.

Shan las die ursprüngliche Presseverlautbarung ein zweites Mal. Angesichts der Wortwahl zog sich sein Magen zusammen. Die Aufgabe der Kommission war es, die Autoaggression zu verhindern, die angeblich die harmonische Koexistenz in den ethnischen Geografien untergrabe. Das war genau die Art von Code, mit dem Peking eine neue politische Kampagne starten würde. Mit »ethnischen Geografien« waren die alten tibetischen Provinzen gemeint. Aber was die »autoaggressiven Handlungen« sein sollten, erschloss sich ihm nicht.

Er hob die Pressemitteilung an und fand darunter ein gefaltetes Stück Papier vor, in dem drei Schwarz-Weiß-Fotos lagen. Die Aufnahmen stammten aus einem Konferenzraum, größer als der, in dem Shan gerade saß, und dominiert von einem Tisch, in dessen Mitte eine Reihe kleiner internationaler Flaggen stand. Er schaute zu den Belüftungsöffnungen in den Ecken des Raumes empor. Die körnigen Fotos waren von einer Kamera in Deckennähe aufgenommen worden und trugen Datums- und Zeitstempel, laut denen sie drei Tage alt waren. Die Öffentliche Sicherheit hatte den Raum überwacht. Shan sah sich nervös um. Ihm wurde klar, dass jemand ihm ein überaus inoffizielles Geheimnis in seine offizielle Akte geschmuggelt hatte. Das erste Bild zeigte die Kommissare, wie sie an dem großen Tisch saßen und ihre roten Armbinden trugen. Auf dem zweiten Foto erhoben sich alle bis auf einen von ihren Plätzen, und zwar so schnell, dass ihre Bewegungen verschwommen waren. Die letzte Gestalt, ein schlanker Mann mit langem schütterem Haar, dessen Gesichtszüge halb tibetischen, halb chinesischen Ursprungs zu sein schienen, blieb sitzen, das Kinn auf die erhobene Hand gestützt, den leeren Blick auf den Tisch gerichtet. Auf dem dritten Bild drängten alle zur Tür hinaus, nur Verwalter Deng versuchte, in den Raum zu gelangen. Der Kopf des Sitzenden war auf den Tisch gefallen, die Augen standen weiterhin offen.

Shan überflog noch einmal das interne Memo. Kommissar Xie war nicht einfach tot, er war während einer Sitzung der Kommission gestorben. Shan betastete seine Armbinde, Xies Armbinde, mit dunkler Vorahnung. Eine anonyme Hand hatte ihn gepackt und an die Stelle des Toten befördert.

Major Sung schien sich plötzlich dafür zu interessieren, wie Shan seine Akte betrachtete. Er war in den Konferenzraum zurückgekehrt und machte einen Schritt auf Shan zu, als Fräulein Lin jemandem draußen auf dem Flur zunickte und dann etwas in Chois Ohr flüsterte. Die Vorsitzende erhob sich sofort von ihrem Platz, und auch die anderen Kommissionsmitglieder standen pflichtgetreu auf und folgten ihr hinaus. Der Kriecher-Offizier bedeutete Shan mit warnend funkelndem Blick, er möge sich anschließen.

Die Delegation stieg eine breite Treppe hinauf und gelangte in eine reichhaltig geschmückte Vorhalle mit Wänden aus falschem Marmor. Die Banner von China und den Vereinten Nationen flankierten eine gläserne Flügeltür, die zu einem wesentlich größeren Konferenzraum mit der Reihe Miniaturflaggen führte, die Shan von den Fotos kannte. Er hielt seine Mappe fest umklammert, trat hinter seinen Begleitern ein und setzte sich auf den Stuhl, den Sung ihm zuwies. Fräulein Lin gab mehreren jungen Frauen in blauen Uniformen und weißen Handschuhen ein Zeichen, woraufhin diese Tee servierten. Während sie noch damit beschäftigt waren, rief Shan sich den Kamerawinkel der Fotos ins Gedächtnis und erkannte schaudernd, dass er auf dem Platz saß, auf dem Kommissar Xie gestorben war.

Der Major beugte sich über ihn. »Außer der förmlichen Begrüßung gibt es für Sie nichts zu sagen. Es war nicht möglich, die Sitzung zu verschieben. Man wird Sie später noch angemessen einweisen.«

»Ich bin verwirrt, Major«, sagte Shan leise auf Englisch. »Soll ich hier dem Frieden Vorschub leisten oder der Ordnung?«

Die Lippen des Offiziers verzogen sich zu einem höhnischen Grinsen, und einen Moment lang glaubte Shan, Sung würde ihn schlagen. Dann wandte der Kriecher sich den anderen Kommissaren zu, die ihn allesamt anstarrten, und die Wut wich aus seinem Gesicht.

Der Major beugte sich dicht an Shans Ohr. »Ich habe ja gleich gesagt, der alte Dinosaurier ist verrückt. Du kannst heute Nacht in dem weichen Bett in der Gästeunterkunft schlafen, die für dich reserviert ist, oder auf einer Metallpritsche neben einem Pisseimer. Du hast die Wahl.« Dann öffnete sich die Tür, und er zog sich zurück. Die westlichen Teilnehmer waren eingetroffen.

Ein hochgewachsener, langgliedriger Mann mit Drahtgestellbrille, dessen zottiges blondes Haar erste Anzeichen von Grau aufwies, führte die Gruppe an. Ihm folgten eine dünne Frau mit langem dunkelbraunem Haar und ein dicker, fast quadratischer Mann, der den anderen Kommissaren energisch die Hände schüttelte und dabei wie ein emsiger Geschäftsmann wirkte. Shan warf einen Blick auf das Gruppenfoto. Die sechs noch lebenden Kommissare waren alle versammelt. Er ordnete die Namen zu. Der breitschultrige Mann war Heinrich Vogel, der deutsche Co-Vorsitzende der Kommission. Der andere Mann, Benjamin Judson, und die Frau, Hannah Oglesby, waren beide Amerikaner.

Vogel nahm auf einem der beiden Stühle am Kopf des Tisches Platz und lächelte Fräulein Lin an, die ihm eine Tasse Tee hinstellte. Als Sung sich eine Zigarette anzündete, warf die Amerikanerin ihm einen mürrischen Blick zu und stand auf, um ein Fenster zu öffnen. An ihrem Handgelenk sah Shan ein Armband aus dzi-Perlen, einen tibetischen Talisman gegen Dämonen.

»Hiermit eröffnen wir die achtzehnte offizielle Sitzung der Friedenskommission«, verkündete Vogel formell. Fräulein Zhu, die zwischen Choi und Vogel saß, übersetzte fachgerecht auf Chinesisch.

Der Blick des Deutschen richtete sich auf Shan. »Wir begrüßen unser neues Mitglied, Mr. Shan Tao Yun aus Lhadrung.« Er nickte Shan zu. »Herzlich willkommen bei der historischen und hoffnungsvollen Arbeit der Volkskommission.«

Shan nickte zurück. »Es wäre mir eine Ehre, dem Volk zu Hoffnung zu verhelfen.«

Die beiden Amerikaner grinsten. Madame Choi bekam große Augen. Kolsang, der Tibeter, blickte überrascht auf. Tuan, der an der Wand saß, schien zusammenzuzucken. Shan hatte Tibetisch gesprochen. Major Sung stand auf und ging auf Shan zu, während dieser die Worte auf Englisch wiederholte.

»Hervorragend! Da ist jemand mit Überzeugung bei der Sache!«, entgegnete Vogel hastig.

Der Deutsche blätterte in seinen Unterlagen, als suche er nach dem Manuskript, aus dem Shan vorlas. Major Sung setzte sich neben Shan, legte ein Mobiltelefon auf den Tisch und schob es wortlos hinüber. Das Display zeigte ein Foto von Lokesh. Es war keine neunzig Minuten her, dass Shan seinen Freund zuletzt gesehen hatte, aber die Kriecher hatten sich beeilt. Der alte Tibeter saß in einer Zelle aus nacktem Stein und trug die Kluft eines Zwangsarbeitssträflings. Eines seiner Augen war zugeschwollen. Ein Finger war geschient und bandagiert.

Shans Welt verfinsterte sich schlagartig. Die Verzweiflung stieg sofort wieder in ihm empor. Er hatte Lokesh schon oft leiden sehen, und es war ihm jedes Mal mehr zu Herzen gegangen. Diesmal musste sein Freund seinetwegen leiden, wusste Shan nun. Man hatte ihn verprügelt und eingesperrt und ihm den Finger gebrochen, nur damit Sung demonstrieren konnte, wer hier das Sagen hatte.

Shan umschloss seine Teetasse mit beiden Händen und kämpfte gegen den Drang an, sich umzudrehen und zu dem Gefängnis auf dem Hügel hinter ihnen zu schauen.

»Dossier siebenundfünfzig. Dorje Chugta«, verkündete Vogel und tat sich dabei schwer mit dem tibetischen Namen. Lin reichte unterdessen jedem der Kommissare ein einzelnes Blatt mit dem Bericht. »Alter dreiundzwanzig. Eine Novizin im Kloster Wokar.«

Madame Choi übernahm die Einzelheiten. »Ein tragischer Fall. Sie hatte gestanden, unpatriotische Gedanken zu hegen. Ein Spezialist des Büros für Religiöse Angelegenheiten war eilig dorthin beordert worden, um zu intervenieren. Doch leider kam er nicht rechtzeitig. Die Psychose der jungen Frau überwältigte sie. Erfahrene forensische Ermittler haben ferner halluzinogene Drogen in ihrem Blut festgestellt.«

Shan musterte die anderen Kommissare. Alle außer den Amerikanern machten sich eifrig Notizen. Judson und Oglesby saßen einfach mit verschränkten Händen da. Hatten sie begriffen, wie aberwitzig die Behauptung war, eine Nonne habe Drogen genommen?

Als hätte er Shans Gedanken gelesen, räusperte Judson sich. »Der Laborbericht scheint wieder mal verlegt worden zu sein. Wir sind doch sicher berechtigt, die konkreten Fakten zu begutachten, nicht bloß eine Zusammenfassung der Ergebnisse.« Dabei richtete sein Blick sich auf Shan, dem die Aufforderung nicht entging. Er beugte sich ein Stück vor. Sung wies wortlos auf das Telefon. Shans Schultern sackten herab, und er sah zu Boden.

Judson war sichtlich enttäuscht und wandte sich an Choi. »Und erneut bin ich verwirrt, Frau Vorsitzende. War es nun eine Psychose, oder waren es Drogen?«

Choi rang sich ein nachsichtiges Lächeln ab, als sei sie von dem Amerikaner alberne Fragen gewohnt.

Es folgte eine kurze Diskussion, bei der Zhu und Choi sich eines vertrauten Codes bedienten. Zhu berichtete, die Frau entstamme einer reaktionären Familie mit bekannten Verbindungen zu mehreren alten gompas, was bedeutete, dass die Familie der jungen Frau schon seit Generationen Nonnen und Mönche hervorgebracht hatte. Choi verlas einen Bericht, die Tote sei als junge Schülerin einem Assimilierungsprogramm zugewiesen worden, was hieß, man hatte ihr einen neuen chinesischen Namen verpasst und sie in ein chinesisches Internat gesteckt. Doch sie war weggelaufen, zurück zu ihrer Familie. Vogel reichte die Akte an Choi weiter, die sie in der Hand hielt, als überlege sie, was damit zu tun sei. Shan registrierte jetzt erst, dass vor ihr zwei Aktenstapel lagen. »Eine knappe Entscheidung. Geisteskrankheit, würde ich sagen.« Die Akte landete auf dem größeren Stapel.

Shan lehnte sich mit seiner eigenen Mappe zurück, so dass Sung ihm nicht über die Schulter sehen konnte, und tat so, als würde er den Fallbericht studieren. Stattdessen öffnete er das gefaltete Blatt mit den Fotos. Ihm fiel auf, dass hinter den Bildern etwas auf dem Papier geschrieben stand, anscheinend zwei getrennte Verse. Du wirst das Juwel meines Glaubens nicht sehen, nur die Edelsteine, die meine schimmernden Knochen sind, lautete der erste.

Der zweite besagte schlicht:

Ich habe so lange gebraucht, um zu lernen, wie sehr sie Flammen fürchten.

»Fall achtundfünfzig«, fuhr Vogel fort. Shan klappte den Aktendeckel zu und richtete sich auf seinem Stuhl auf. »Kyal Gyari, ursprünglich aus einer Hirtenfamilie. Die Ermittler haben bestätigt, dass er kein registrierter Mönch war und keine gültige Aufenthaltsgenehmigung besaß. Es wurden blaue und rote Stofffetzen gefunden.« Er reichte die Akte an Madame Choi weiter, die sie über den kleineren Stapel hielt.

»Nomaden ziehen für gewöhnlich umher«, merkte Hannah Oglesby an. »Ihnen leuchtet vielleicht nicht ein, wieso man ein Zelt registrieren sollte.«

»Die Fakten sprechen für sich«, verkündete Choi in dem besonderen zuckersüßen Tonfall, der für die Amerikaner reserviert zu sein schien. »Er hat seine Bürgerrechte aufgegeben. Daher war er ein ausländischer Agitator, der Terrorismus am Staat begangen hat.«

»Haben Sie Beweise dafür, dass er das Land verlassen hat?«, fragte Judson.

»Seine Staatsbürgerschaft ist erloschen. Damit war er ein Ausländer.« Choi ließ die Akte auf den kleineren Stapel fallen.

Bei der Durchsicht der nächsten beiden Fälle wurde das Muster klar. Eine Lehrerin hatte sich geweigert, die Kinder dafür zu bestrafen, dass sie in ihrem Klassenzimmer Tibetisch sprachen, und ein alter Bauer hatte Treibstoff aus seinem Traktor abgezapft und auf dem Marktplatz seiner Stadt für Unruhe gesorgt, nachdem man seinen Sohn verhaftet hatte. Shan sah Choi verwirrt an. Ihm lagen zahlreiche Fragen auf der Zunge. Wieso brauchte der Bauer Treibstoff, um für Unruhe zu sorgen? Warum waren irgendwelche Stofffetzen von Bedeutung? Was hatte die Lehrerin mit einer psychotischen Nonne gemeinsam? Was hatten all diese Vorfälle mit den autoaggressiven Handlungen zu tun, von denen in der Pressemitteilung die Rede war? Er wollte sich gerade zu Wort melden, als draußen ein Schrei ertönte.

Shan sprang auf und lief zum Fenster. Der Schrei erklang erneut, von irgendwo hinter einem großen Lastwagen, der auf der Straße außerhalb der Stadtmauer stand und die Sicht versperrte. Dann erklangen die Rufe von Passanten, die an dem Laster vorbeirannten. Fußgänger blieben stehen und wandten sich dem Gefängnis zu. Major Sung stieß einen Fluch aus und versuchte, die Vorhänge zuzuziehen, aber Judson trat vor und drückte seine Hand gegen die Scheibe, um ihn davon abzuhalten. Eine Sirene begann zu heulen, und Polizisten rannten aus dem Posten am Tor. Regierungsangestellte strömten aus den Gebäuden und zeigten den Hang hinauf.

Dann fuhr der Lastwagen weg, und Shan bekam seine Antworten. Auf einem der Grabhügel saß ein Mönch in kastanienbraunem Gewand, einen Arm flehentlich zum Himmel ausgestreckt. Er brannte lichterloh.

Kapitel Zwei

Shan war so erschöpft, dass er den Besucher nicht bemerkte, bis der Mann gegen den Toiletteneimer trat. Benommen setzte er sich auf der kalten Metallplatte auf, die von Ketten gehalten wurde und als Bett diente. Die dunkle Gestalt ragte drohend über ihm empor und zeichnete sich als Silhouette vor dem beleuchteten Korridor ab. Dann wurde plötzlich die nackte Glühbirne eingeschaltet, die von der Decke hing.

»Wir hatten nicht ausreichend Gelegenheit, uns miteinander bekannt zu machen, Genosse Shan«, sagte Tuan. »Gestern ging alles viel zu schnell. Ihr Lastwagen hatte Verspätung. Major Sung hat darauf bestanden, die Sitzung stattfinden zu lassen, um den Terminrückstand aufzuholen. Wenn Sie unsere Erwartungen umfangreicher begriffen hätten, wäre diese« – er suchte nach einem Wort – »Unannehmlichkeit sicher vermeidbar gewesen. Ein schlechter Start. Wir werden heute noch mal von vorn beginnen.«

Shan schwang die Beine über den Rand der Pritsche und schüttelte sich die Müdigkeit aus dem Kopf. Bevor er endlich eingeschlafen war, hatte er stundenlang wach gelegen und den Tag vor seinem geistigen Auge Revue passieren lassen. Das Bild des brennenden Mönchs ließ ihn nicht los. Noch mit geschlossenen Augen hatten die seltsamen Verse in seinem Kopf widergehallt. »Ich konnte nicht verstehen, warum die Kommission diese Akten durchging. Ich dachte, es müsse sich wohl um eine weitere Kampagne handeln, die Straftaten in einen politischen Zusammenhang stellt. Doch es geht um die Selbstmorde«, sagte er. Ich habe so lange gebraucht, um zu lernen, wie sehr sie Flammen fürchten, lautete einer der Verse. »Genauer gesagt um Selbstverbrennungen.« Shan war nicht beschämt oder verängstigt. Er war wütend. »Tibeter sterben, und Sie wollen daraus eine politische Farce machen.«

Tuan zuckte die Achseln. »Der Vizegeneralsekretär hat beim Bankett zur Gründung der Kommission eine Rede gehalten. Wir müssen sicherstellen, dass unsere Verfahrensweisen auf internationale Zustimmung treffen.«

Shan folgte Tuans Blick zu dem kleinen Regal neben der Zellentür, auf dem eine Flasche Wasser und ein umgedrehter Pappbecher standen. Der Chinese fragte sich wohl, ob Shan die Kapseln aus dem Becher geschluckt hatte.

»Vizegeneralsekretär?«, fragte Shan. Er hatte die Kapseln zerbrochen und in dem Eimer versenkt.

»Pao Xilang. Der Generalsekretär ist alt und krank, ein Aushängeschild. Pao leitet die Partei in Tibet. Was bedeutet, er leitet Tibet. Pao ist Ihnen doch sicher ein Begriff.«

»Kaiser Pao«, sagte Shan tonlos. Der junge Liebling der Partei war nicht nur für seine herrische Art bekannt, sondern auch für seinen gnadenlosen Umgang mit Tibetern. »Und was ist mit der Selbstverbrennung, deren Zeugen wir gestern gewesen sind? Hat der Vizegeneralsekretär das schon entschieden? Ein Arbeitsunfall? Wieder Drogen? Ein defektes Feuerzeug vielleicht, nur rauchen Mönche leider nicht. Alles, nur kein Protest.«

Shan rechnete mit einer Ohrfeige, einem Hieb in den Magen, der Androhung von Folter. Stattdessen zuckte Tuan abermals die Achseln und deutete auf die Tür. »Ziehen Sie Ihre Schuhe an«, schlug er vor und verzog dann das Gesicht, als er Shans verschlissene Arbeitsstiefel bemerkte. »Die hatten Sie an?«

»Ein Grabeninspektor arbeitet im Schlamm. Ich bin meinen beruflichen Pflichten nachgegangen, als man mich geholt hat.«

»Das Mutterland stellt unerwartete Forderungen an uns«, sagte Tuan und klang dabei seltsam entschuldigend. Er wartete, bis Shan seine Stiefel geschnürt hatte. Dann kniete er sich wie ein Diener vor ihn hin und zog seine Hosenbeine weiter herunter, damit sie die Stiefel verdeckten. Erst danach führte er ihn aus der Zelle. Der Korridor hatte keine Fenster, und während sie dem trübe beleuchteten Gang folgten, wurde Shan klar, dass er nicht die geringste Ahnung hatte, wie spät es war. Das Gebäude schien leer zu sein. Der frisch gewischte Boden stank nach Reinigungsmittel. Ein tibetischer Hausmeister mit grauen Bartstoppeln hielt in seiner Arbeit inne und starrte aus einem dunklen Durchgang zu ihnen herüber.

»Es hat letzte Nacht geschneit«, sagte Tuan im Plauderton. »Bloß ein paar Flocken. Die Leute glauben, in Tibet würde es jede Menge Schnee geben, aber es ist zu trocken. Nur in größeren Höhen.«

Shan beäugte ihn misstrauisch. Tuans Ungezwungenheit war verdächtig. Es gab in ganz China Spione, deren einzige Aufgabe darin bestand, vorzufühlen und zu testen, ob jemand politisch zuverlässig war. »Unsere Arbeitstrupps mussten im Winter die Hochgebirgsstraßen freiräumen. In manchen Pässen lag sechs Meter Schnee, und die Verwehungen entlang der Klippen waren so breit, dass man nicht sagen konnte, wo der Berg aufhörte. Die Wärter schickten alte Tibeter los, um es herauszufinden. Die Hälfte von ihnen kehrte nicht zurück. Der Schnee gab nach, und sie verschwanden einfach. Niemand machte sich je die Mühe, nach ihren Leichen zu suchen.«

Diese Geschichte brachte Tuan zum Verstummen. Er starrte lediglich den Boden an, bis sie eine Flügeltür kurz vor dem Ende des Flurs erreichten. Shan blieb stehen und drehte sich um. Der alte Hausmeister war nun im Korridor, stützte sich auf seinen Mopp und starrte ihnen immer noch hinterher.

Sie betraten eine höhlenartige Kammer mit Esstischen an einem Ende und quadratisch angeordneten Sofas am anderen. Hinter Schwingtüren jenseits der Tische hörte man das Klappern einer geschäftigen Küche. In der gegenüberliegenden Wand gab es eine Reihe von Fenstern. Graue und violette Finger erstreckten sich über den Nachthimmel, mit einem Hauch Rosa am Horizont. Shan hielt inne und widerstand dem Impuls, zu den Fenstern zu laufen und den dunkleren Schatten auf dem Hügel zu betrachten, der das Gefängnis Longtou war. Irgendwo dort in einer kalten steinernen Zelle lag der zusammengeschlagene Lokesh und litt Schmerzen.

Mit dem Blick eines Häftlings studierte Shan den Saal, während er Tuan folgte. Die Fenster öffneten sich seitwärts auf Metallschienen, und dies war das erste Stockwerk. Er könnte eines aufreißen und wäre binnen weniger Sekunden draußen. Der Gang hinter ihnen war dunkel. Er könnte sich umdrehen, wegrennen und Tuan im Labyrinth der Gänge abhängen. Köche und Küchenhilfen kamen in immer größerer Zahl zu den Schwingtüren heraus. Sie und ihre Karren würden Tuan behindern, falls Shan die Flucht durch die Küche versuchte.

Er schaute zu Tuan, der einen Stuhl für ihn vom Tisch zog, während eine Frau mit Schürze kam und ein Tablett mit zwei Schalen Haferbrei, zwei Tassen und einer Kanne Tee brachte. »Die Kommission ist für einen Mann wie Sie eine wunderbare Gelegenheit«, behauptete Tuan und schenkte ihnen Tee ein.

Shan musterte den jungen Beamten, der an dem dampfenden Getränk nippte, und fragte sich, warum Tuan so nervös klang. »Ich möchte wissen, wo genau mein Freund festgehalten wird. Und ich möchte ihn sehen.«

Tuan runzelte die Stirn. »Ich habe keine Ahnung, wovon Sie da reden.«

»Er ist im Gefängnis. In Longtou.«

»Sie missverstehen gewisse Dinge.«

»Ich missverstehe alles«, erwiderte Shan. »Lassen Sie ihn frei.«

»Ich sagte doch schon, ich bin nicht von der Öffentlichen Sicherheit, sondern bloß vom BRA.«

Shan ließ seine Tasse sinken. »Das Büro für Religiöse Angelegenheiten ist bei den Tibetern verhasster als die Öffentliche Sicherheit. Die Öffentliche Sicherheit will ihnen nur die Freiheit rauben. Sie hingegen wollen ihnen die Götter wegnehmen.«

Tuan verzog übertrieben das Gesicht. »Die Leier kenne ich. Wir verhöhnen die traditionellen Gottheiten. Wir zerrütten die alten Bräuche, die das einfache Volk definieren. Aber in Wahrheit wollen wir sie von dem Joch der Krankheit und Armut befreien, das seit Jahrhunderten auf ihnen lastet. Sie sind Waisen, die lernen müssen, ihr Mutterland zu umarmen.« Der letzte Satz war ein Slogan aus einer neuen Plakatkampagne des Büros für Religiöse Angelegenheiten.