Über Sarit Yishai-Levi

Sarit Yishai-Levi, geboren 1947 in Jerusalem in eine seit Generationen dort ansässige sephardische Familie, war als Schauspielerin, Journalistin, Korrespondentin und Moderatorin tätig. Nach vier Sachbüchern eroberte sie mit ihrem ersten Roman »Die Schönheitskönigin von Jerusalem« die israelischen Bestsellerlisten.

Ruth Achlama, geboren 1945, lebt seit 1974 in Israel und übersetzt seit Anfang der 1980er Jahre hebräische Literatur, darunter Werke von Amos Oz, Meir Shalev, Yoram Kaniuk und Ayelet Gundar-Goshen. Für ihre Arbeit wurde sie unter anderem mit dem deutsch-israelischen Übersetzerpreis (2015) ausgezeichnet.

Informationen zum Buch

»Die sephardische Version von Amos Oz’ ›Geschichte von Liebe und Finsternis‹. Überragend.« Nana 10

Strahlend, lebenslustig und wunderschön ist Luna Ermoza mit den grünen Augen. Doch ihre Ehe ist ein Desaster hinter perfekter Fassade, und für ihre Tochter Gabriela kann sie keinerlei Zärtlichkeit empfinden – wie einst ihre Mutter Rosa für sie. Denn während das Delikatessengeschäft Rafael Ermoza & Söhne im Jerusalemer Machane-Jehuda-Markt floriert, scheint auf den Frauen der Familie ein Fluch zu liegen, der ihnen das Glück in der Liebe verwehrt und sie verbittern lässt. Meisterlich verwebt Sarit Yishai-Levi das Schicksal vierer Generationen der sephardischen Familie mit den bewegtesten Jahrzehnten israelischer Geschichte.

»Wunderschön und umwerfend! Ein bezauberndes, bewegendes Buch, dessen Figuren mich weiter begleitet haben, als lebten sie noch heute in Jerusalem.« Haaretz

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Sarit Yishai-Levi

Die Schönheitskönigin von Jerusalem

Roman

Aus dem Hebräischen
von Ruth Achlama

Inhaltsübersicht

Über Sarit Yishai-Levi

Informationen zum Buch

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Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Danksagung

Impressum

Für meine Eltern

1

Kurz vor meinem 18. Geburtstag starb meine Mutter Luna. Ein Jahr zuvor, als wir, die ganze Familie, wie gewohnt am Mittagstisch saßen und sie ihr berühmtes sofrito und dazu Erbsen und weißen Reis aufgetragen hatte, sagte sie unvermittelt: »Dio santo, ich spüre das Bein nicht mehr.«

Vater ignorierte ihre Worte, las weiter seine Yedioth Ahronot und aß. Mein kleiner Bruder Ronny fand es lustig. Er schlenkerte Mutters Bein unterm Tisch und sagte: »Mamas Bein ist wie ein Puppenbein.«

»Es ist nicht zum Lachen«, schimpfte meine Mutter, »ich kann mit dem Fuß nicht auftreten.«

Vater aß weiter und ich auch.

»Por Dio, David, ich kann den Fuß nicht aufsetzen«, sagte sie erneut. »Er gehorcht mir nicht.«

Jetzt war sie schon beinah hysterisch. Vater hörte endlich auf zu essen und hob die Augen von der Zeitung.

»Versuch aufzustehen«, sagte er. Mutter konnte sich nicht aufrecht halten und packte die Tischecke.

»Wir müssen mit dir zum Arzt, und zwar sofort«, sagte Vater.

Aber kaum waren sie aus der Tür, gehorchte Mutters Bein ihr wieder, sie spürte es und trat damit auf, als wäre nichts geschehen.

»Siehst du, es ist nichts weiter«, sagte Vater, »du bist wieder mal hysterisch.«

»Klar, hysterisch«, konterte Mutter. »Wäre dir das passiert, hätte man den Krankenwagen von hier bis Katamon heulen hören.«

Diese Episode ging vorüber wie nie gewesen, aber Mutter erzählte sie Rachelika und Bekki und allen, die es hören wollten, bis Vater genervt sagte: »Genug damit! Wie oft willst du die Geschichte von deinem Marionettenbein denn noch wiederholen?«

Und dann passierte es zum zweiten Mal. Auf dem Rückweg vom Lebensmittelladen, kurz vor der Haustür, fiel Mutter hin und verlor das Bewusstsein. Nun alarmierte man schon den Roten Davidstern, und sie kam ins Bikkur-Cholim-Krankenhaus. Mutter war an Krebs erkrankt, konnte weder stehen noch gehen und musste im Rollstuhl sitzen. Damals begann sie zu schweigen. Vor allem schwieg sie Vater gegenüber. Er redete mit ihr, und sie gab keine Antwort. Ihre Schwestern, Rachelika und Bekki, vernachlässigten ihre Männer und Kinder, um fast rund um die Uhr bei ihr zu sein. Trotz aller Bitten weigerte sie sich, das Haus zu verlassen, sie wollte nicht, dass man sie so sah, sie, Luna, die die schönsten Beine von Jerusalem hatte, im Rollstuhl.

So hartherzig ich seinerzeit auch reagierte, war es doch mitleiderregend anzusehen, wie Rachelika eine Orange für Mutter schälte und sie anflehte, etwas von ihrer Lieblingsfrucht zu essen, und wie Bekki ihr behutsam die Nägel rot lackierte, weil Mutter, auch als sie krank und schwach war, auf Maniküre und Pediküre Wert legte. Beide, Rachelika und Bekki, verhielten sich möglichst normal, als wäre nichts Schlimmes geschehen, und gackerten »dale dale dale wie zwei Hennen«, hätte Oma Rosa gesagt, doch gerade Luna, das größte Plappermaul unter den dreien, schwieg.

Nachts blieb abwechselnd eine von ihnen bei Mutter, die jetzt auf der Bettcouch im Wohnzimmer schlief, umstellt mit Stühlen vom Esstisch, damit sie nicht rausfiel.

Alle Bitten meines Vaters, doch im Schlafzimmer zu schlafen und ihn aufs Sofa umziehen zu lassen, halfen nichts.

»Sie behauptet, sie bekäme keine Luft im Schlafzimmer«, sagte Rachelika zu Vater. »Schlaf wenigstens du richtig, damit du Kraft hast, auf die Kinder aufzupassen.«

Aber Ronny und ich brauchten keine väterliche Aufsicht. Wir nutzten den Umstand, dass alle mit Mutter beschäftigt waren, und stromerten frei durch die Straßen. Ronny war gern mit seinen Altersgenossen zusammen, verbrachte ganze Tage und auch viele Nächte bei ihnen. Und ich war oft bei meinem Freund Amnon. Seine Eltern hatten eine Buchhandlung im Stadtzentrum, seine Schwester war schon verheiratet, und die große Wohnung in der Hama’alot-Straße stand uns zur freien Verfügung. Hätte mein Vater gewusst, was wir taten, wenn er sich nicht darum kümmerte, wo ich mich nach der Schule herumtrieb, hätte er Amnon verprügelt und mich in einen Kibbuz gesteckt.

Kam ich später als normal nach Hause, nannte meine Mutter mich nicht mehr »Straßenmädchen« und drohte mir nicht mehr: »Warte, warte, bis Vater kommt und ich ihm erzähle, um welche Uhrzeit du heimgekehrt bist.« Sie blickte nicht mal in meine Richtung, saß nur in ihrem Rollstuhl, starrte in die Luft oder tuschelte mit einer ihrer Schwestern, die ihr als Einzige ein paar Worte entlocken konnten. Vater machte Abendessen, und auch er fragte mich kaum etwas, interessierte sich nicht groß für mein Tun und Lassen. Anscheinend waren alle froh, wenn ich möglichst wenig im Haus war und nicht etwa meine Mutter ärgerte, der ich auch im Rollstuhl nichts nachgab.

Eines Nachmittags, als ich gerade zu Amnon gehen wollte, hielt Rachelika mich auf.

»Ich muss schnell zu Hause vorbeischauen«, sagte sie. »Bleib bei Mama, bis Bekki kommt.«

»Aber ich hab einen Test! Ich muss zu einer Freundin gehen, zum Lernen.«

»Lad deine Freundin ein und lernt hier.«

»Nein!« Die Stimme meiner Mutter, die damals sonst kaum zu hören war, ließ uns beide zusammenzucken. »Du lädst hier niemanden ein. Wenn du gehen willst, dann geh, ich brauch dich nicht zum Aufpassen.«

»Luna«, sagte Rachelika, »du kannst nicht allein bleiben.«

»Sie muss mir nicht die Hand halten. Ich brauche weder Gabriela noch dich oder Bekki oder den Teufel als Aufpasser, ich brauche gar nichts, lasst mich in Ruhe!«

»Luna, reg dich nicht auf, schon zwei Tage habe ich Moise und die Kinder nicht mehr gesehen, ich muss auf einen Sprung nach Hause.«

»Spring hin, wo du willst«, sagte meine Mutter und verstummte wieder.

»Kaparavonó, mögen uns unsere Sünden vergeben werden«, sagte Rachelika händeringend. Noch nie hatte ich meine Tante so verzweifelt gesehen, aber sie fing sich sofort wieder und befahl mir: »Du bleibst hier bei deiner Mutter und rührst dich nicht vom Fleck! Ich schau für ein paar Minuten zu Hause vorbei und bin gleich wieder da, und wag bloß nicht, Mama eine Sekunde allein zu lassen.«

Damit wandte sie sich ab und ging, und ich blieb zu meinem großen Unbehagen mit meiner Mutter allein. Man hätte die Luft schneiden können. Meine Mutter saß säuerlich und verärgert im Rollstuhl, und ich stand mitten im Wohnzimmer wie eine Idiotin. In jenem Augenblick wäre ich zu allem bereit gewesen, nur nicht dazu, mit ihr allein zu bleiben.

»Ich geh in mein Zimmer zum Lernen«, sagte ich. »Ich lass die Tür auf. Ruf mich, wenn du was brauchst.«

»Setz dich«, sagte meine Mutter.

Was? Meine Mutter fordert mich auf, bei ihr zu sitzen, wenn wir beide allein im Zimmer sind?

»Ich möchte dich um etwas bitten.«

Ich erstarrte. Meine Mutter hatte mich nie um etwas gebeten, mir immer nur Anweisungen erteilt.

»Ich bitte dich, keine Freunde und Freundinnen hierherzubringen. Bis ich sterbe, möchte ich keine fremden Menschen im Haus haben.«

»Wieso denn sterben?« Vor lauter Schreck konnte ich ihre Worte nur mit Phrasen abwehren, von denen ich selbst kaum glaubte, dass sie mir über die Lippen kamen: »Du wirst uns alle noch begraben.«

»Sei unbesorgt, Gabriela, du wirst mich begraben«, sagte sie ruhig.

Das Zimmer war zu eng für uns beide.

»Mama, du solltest Gott danken. Manche Leute kriegen Krebs und sterben gleich auf der Stelle. Dich liebt Gott, du sprichst, du siehst, du lebst.«

»Das nennst du leben?«, lachte meine Mutter hämisch. »Sollen meine Feinde so leben! Das hier ist sterben bei lebendigem Leib.«

»Es ist deine Wahl, so zu leben«, erwiderte ich. »Wenn du wolltest, könntest du dich anziehen und schminken und aus dem Haus gehen.«

»Ja sicher«, zischte sie, »aus dem Haus gehen im Rollstuhl.«

»Dein Freund, der Rotschopf, der im Krieg als Versehrter neben dir im Hadassa-Krankenhaus gelegen hat, saß auch im Rollstuhl, und ich kann mich nicht erinnern, dass er nicht das Haus verlassen hätte, erinnere mich aber sehr wohl, dass er immer gelächelt hat.«

Meine Mutter blickte mich ungläubig an.

»Du erinnerst dich an ihn?«, fragte sie leise.

»Klar erinnere ich mich an ihn, er hat mich auf den Schoß genommen und ist mit mir im Rollstuhl rumgekurvt wie mit dem Autoskooter im Lunapark.«

»Lunapark«, murmelte Mutter, »Geisterbahn.« Und plötzlich brach sie in Tränen aus und bedeutete mir, aus dem Zimmer zu gehen.

Natürlich flüchtete ich. Mir fiel es ohnehin schwer, das beinah intime Gespräch zu verkraften, das einzige Gespräch zwischen uns, das je einem Gespräch zwischen Mutter und Tochter nahekam, und auch das endete in Tränen.

Sie weinte an- und abschwellend wie ein Klageweib, und ich hielt mir in meinem Zimmer die Ohren zu. Ich konnte ihr verzweifeltes Schluchzen, ihr lautes Klagen nicht ertragen, hatte nicht die Herzensgröße, aufzustehen und sie in die Arme zu schließen, zu trösten.

Viele Jahre später bedauerte ich diesen Moment. Statt mein Herz zu öffnen, verschloss ich es damals mehr und mehr. Ich lag auf dem kalten Boden in meinem Zimmer, hielt mir die Ohren zu und schrie tonlos zu Gott: Bring sie zum Schweigen, bitte, Gott, bring sie zum Schweigen.

Und Gott, in seiner Torheit, hörte auf mich und brachte sie zum Schweigen. Noch in derselben Nacht hörte man die Sirene des Krankenwagens heulen, der mit knirschenden Reifen vor unserem Haus anhielt. Vier kräftige Männer stiegen die vierundfünfzig Stufen zum Dachgeschoss hinauf, legten meine Mutter auf eine Trage und brachten sie ins Krankenhaus. Auf dem Operationstisch entdeckten die Ärzte zu ihrem Entsetzen, dass der Körper meiner Mutter innen völlig zerfressen war.

»Das war’s«, sagte mir mein Vater, »die Ärzte können nichts mehr tun, deine Mutter geht holen.« Mit diesem Ausdruck umschrieb man bei uns damals das Sterben.

Viele Jahre nach ihrem Tod, als ich Platz in meinem Herzen fand, um meine Mutter kennenzulernen, sie anzunehmen, verriet mir meine Tante Rachelika das Geheimnis ihrer Leiden, den Schmerz, der niemals versiegte, aber da war es zu spät, um das zu kitten, was zwischen mir und meiner Mutter zerbrochen war.

Eine Frau des Herbstes bin ich, eine Frau vom Gelb des fallenden Laubes. Ich wurde an seinem hinteren Tor geboren, zwei Schritte vorm Winter.

Als Kind wartete ich auf den ersten Regen im Herbst und auf das Erblühen der Meerzwiebeln. Ich rannte aufs freie Feld hinaus, kugelte mich im feuchten Gras, schmiegte das Gesicht an die Erde und atmete den Duft des Regens. Ich hob Schildkröten auf und strich mit meinen dünnen Fingern über ihren harten Panzer, barg Bachstelzennester, die aus dem Baum gefallen waren, pflückte Herbstzeitlose und Astern und beobachtete die Schnecken, die nun in Scharen die Felder bevölkerten.

Ich verschwand für Stunden, und meine Mutter, die mich bei den Großeltern wähnte, suchte mich nie. Kam ich dann mit Lehm an den Kleidern und einer verdatterten Schildkröte in der Hand heim, musterte sie mich mit ihren grünen Augen und zischte in einem Flüsterton, der wie eine Ohrfeige klang: »Merkwürdigste aller Kreaturen. Wie nur? Wie konnte ich so ein Mädchen wie dich bekommen?«

Auch ich wusste nicht, wie sie ein Mädchen wie mich bekommen hatte. Sie war so zart und zerbrechlich, trug immer gutgeschnittene Kleider oder Kostüme, die ihre schmale Taille betonten, und spitze Absatzschuhe wie in den bunten Zeitschriften der Schneiderin Sara, die ihr alles so nähte, wie es die Hollywood-Schauspielerinnen trugen.

Eine Zeitlang ließ Mutter für sich und für mich genau dieselben Kleider nähen, aus demselben Stoff und nach demselben Schnitt. Sie zog mir das Kleid an, ermahnte mich immer wieder, es nicht schmutzig zu machen, band mir eine Schleife aus dem Kleiderstoff in die roten Locken, wischte mir mit Spucke die Lackschuhe ab und nahm mich mit ins Café Atara neben unserem Haus in der Ben-Jehuda-Straße. Aber da ich die Kleider immer wieder schmutzig machte und sie nicht genügend würdigte, ließ sie es bald bleiben. Auch weiße Lackschuhe und feine Söckchen kaufte sie mir nicht mehr.

»Was für ein Mädchen? Eine Hinterwäldlerin! Aus dir wird nie eine Lady. Manchmal meine ich, du wärst im Kurdenviertel geboren!«, erklärte sie, und Schlimmeres hätte sie mir gar nicht sagen können, denn die Kurden waren die Volksgruppe, die ihr am verhasstesten war.

Ich verstand nicht, warum Mutter die Kurden hasste. Nicht mal Oma Rosa hasste sie. Gewiss nicht so, wie sie die Engländer hasste. Ich habe sie nie sagen hören: »Ausgelöscht sei ihr Name, diese Kurden!« Aber wenn man die Engländer erwähnte, die im Land waren, bevor ich geboren wurde, fügte sie unweigerlich hinzu: »Ausgelöscht sei ihr Name, diese Ingländer!« So sagte sie immer, mit I statt mit E am Anfang.

Es war bekannt, dass Oma Rosa die Engländer noch aus der Mandatszeit hasste, seit der Zeit, als ihr kleiner Bruder Efraim jahrelang verschwunden war und sich der Untergrundorganisation Lechi angeschlossen hatte.

Meine Mutter hingegen hatte nichts gegen die Engländer. Im Gegenteil, oft hörte ich sie sagen, es sei schade, dass sie das Land verlassen hatten. »Wären die Engländer dageblieben, wären die Kurden vielleicht gar nicht gekommen.«

Ich liebte die Kurden nun gerade, besonders die Barazanis, die neben Opa und Oma in der zweiten Hälfte des Hauses wohnten. Nur ein schmaler Zaun trennte die beiden Höfe, und einmal in der Woche befeuerte Frau Barazani den Lehmofen draußen und buk wunderbare Käsetaschen mit brodelnder Füllung, und ich wartete auf den Moment, in dem »die Kurdia«, wie Oma sie nannte, mich einlud, mit ihnen auf dem Boden am Ofen zu sitzen und die paradiesisch schmeckenden Käsetaschen zu essen. Das war, bevor meine Mutter mir Schläge androhte für den Fall, dass ich mich noch einmal der Seite der Barazanis nähern sollte.

Herr Barazani trug ein weites Kleid – »wie die Araber in der Altstadt«, sagte meine Mutter – und schlang sich ein aufgerolltes Tuch um den Kopf, lachte mit zahnlosem Mund, nahm mich auf den Schoß und sagte mir Worte, die ich nicht verstand.

»Papukata, Mädchen, wo hat deine Mama dich gekauft, auf dem Machane-Jehuda-Markt?«, pflegte Frau Barazani lachend zu sagen. »Kann nämlich nicht sein, dass du zur selben Familie gehörst wie sie.«

Erst Jahre später erzählte mir meine Tante Bekki, dass unsere Familie seit langem eine offene Rechnung mit den Kurden hatte.

Tante Bekki war die jüngste Tochter von Opa und Oma Ermoza, und mich liebte sie, als wäre ich ihre kleine Schwester. Sie passte auf mich auf und verbrachte weit mehr Stunden mit mir als meine Mutter. Ich war auch ihr Alibi, wenn sie sich draußen mit ihrem Freund Eli Cohen treffen wollte, der so schön war wie Alain Delon. Jeden Nachmittag kam der schöne Eli Cohen mit seinem funkelnden schwarzen Motorrad an die Treppe und pfiff »Auf dem Hügel steht eine Blume«. Dann ging Tante Bekki raus auf den Hof, machte ihm ein Zeichen, zog mich mit und rief Oma Rosa zu: »Ich geh mit Gabriela auf den Spielplatz.« Ehe Oma noch antworten konnte, waren wir schon an der Treppe, wo Eli Cohen der Schöne wartete. Bekki setzte mich zwischen ihn und sich, und wir fuhren die Agrippas-Straße entlang bis zur King-George. Sobald wir das bescheidene Gebäude gegenüber der Parfümerie Zilla passierten, wo meine Mutter Eau de Cologne und Lippenstifte kaufte, sagte Bekki: »Da ist unsere Knesset.« Einmal sahen wir sogar Ben Gurion aus unserer Knesset kommen und Richtung Hillel-Straße gehen. Eli Cohen der Schöne fuhr mit dem Motorrad hinter ihm her, und wir sahen ihn im Eden-Hotel verschwinden. Dort, erzählte mir Bekki, geht er schlafen, wenn er in unserer Knesset ist, in unserem Jerusalem.

Nachdem wir Ben Gurion gesehen hatten, wendete Eli Cohen und fuhr zurück zur King-George. »Eli! Du fährst wie ein Irrer!«, rief Bekki, aber er achtete nicht darauf und sauste weiter, vorbei an der Hama’alot-Straße, und hielt am Stadtpark. Dort lief die Sache immer gleich ab: Sie schickten mich los, um auf der Schaukel zu schaukeln oder die Rutsche runterzurutschen, und knutschten, bis es Abend und fast dunkel wurde. Dann erst, wenn Mütter und Kinder den Park verließen und ich als Einzige im Sandkasten zurückblieb, brachte Eli Cohen der Schöne uns auf seinem Motorrad nach Hause, ich zwischen ihm und Bekki eingequetscht. Und Mutter, die mich abholen gekommen war, schrie Tante Bekki an »Wo zum Teufel warst du mit dem Kind? Ich hab euch in ganz Jerusalem gesucht!« Worauf Bekki zurückgab: »Wenn du selbst mit ihr auf den Spielplatz gegangen wärst, statt den ganzen Tag im Café Atara zu sitzen, hätte ich vielleicht für die Klausur lernen können, die ich morgen im Seminar habe, also sag lieber danke!«

Meine Mutter zog ihren gutgeschnittenen Rock glatt, fuhr sich mit der Hand über die tadellose Frisur, musterte ihre rot lackierten Fingernägel und murmelte: »Geh nach Gaza und nach Aschkelon!« Dann nahm sie mich an der Hand und ging mit mir nach Hause.

Tante Bekki feierte im Café Armon Verlobung mit Eli Cohen dem Schönen. Es war ein tolles Fest mit reich beladenen Tischen, und ein Sänger sang Lieder von Israel Itzhaki. Tante Bekki war schön wie Gina Lollobrigida, Eli Cohen war schön wie Alain Delon, und als wir uns mit dem Verlobungspaar fürs Familienfoto ablichten ließen, saß Opa Gabriel in der Mitte, umgeben von der ganzen Familie, während ich, auf den Schultern meines Vaters, alle von oben sah. Das war das letzte Bild von Opa Gabriel, denn fünf Tage später starb er.

Erst als er tot war, in der Schiva, der Trauerwoche, in der meine Mutter vor lauter Weinen dauernd in Ohnmacht fiel und man sie mit Wasser begießen musste, damit sie wieder zu sich kam, während Oma Rosa immer wieder sagte: »Basta, Luna! Fass dich, damit nicht noch ein Unheil über uns kommt!«, und tia Allegra, Opa Gabriels Schwester, konterte: »Er ruhe in Frieden, Gabriel, nicht genug, dass sie nicht um ihn weint, lässt sie auch ihre Tochter seinetwegen nicht in Ohnmacht fallen«, gerade da fand Bekki es an der Zeit, allen mitzuteilen, wann sie und Eli Cohen der Schöne heiraten würden. Alle sagten: »Herzlichen Glückwunsch, aber man muss warten, bis ein Jahr vorüber ist, um Gabriels Andenken zu ehren«, worauf Bekki erwiderte, das käme überhaupt nicht in Frage, denn dann wäre sie zu alt, um Kinder zu kriegen, und Tia Allegra klagte: »Kaparavonó, Gabriel, was hast du für Töchter großgezogen, die dir nicht mal ein Jahr lang Ehre erweisen.«

Doch meine Mutter, aus ihrer Ohnmacht erwacht, flüsterte: »Gott sei Dank, dass sie endlich heiratet, ich dachte schon, sie würde als alte Jungfer sterben.« Da brach ein Tumult aus. Tante Bekki rannte meiner Mutter mit den sapatos, den Pantoffeln, hinterher und drohte ihr, sie zu ermorden, falls sie es noch einmal wagen sollte, sie als alte Jungfer zu betiteln, worauf meine Mutter zurückgab: »Was kann man machen, kerida, meine Liebe, es ist eine Tatsache, in deinem Alter war ich schon Mutter.« Tante Bekki floh aus dem Haus, und ich rannte ihr nach die Stufen zur Agrippas-Straße hinunter, bis wir an den Friedhof des Wallach-Krankenhauses kamen. Dort setzte sie sich auf die Friedhofsmauer und ließ mich neben ihr sitzen, und auf einmal weinte sie bitterlich.

»Oj papú, papú, wie konntest du gehen, wie konntest du uns allein lassen, Papa? Was machen wir bloß ohne dich?« Plötzlich hörte sie auf zu weinen, wandte sich mir zu, drückte mich fest an sich und sagte: »Weißt du, Gabriela, alle sagen, Opa Gabriel habe deine Mutter Luna am liebsten gehabt, aber ich hatte nie das Gefühl, dass er mich weniger liebt. Opa Gabriel hatte ein goldenes Herz, und deshalb haben ihn alle ausgenutzt. Du, meine Hübsche, lass dich nie von jemand ausnutzen, hörst du! Du suchst dir einen Jungen wie meinen Eli und heiratest ihn und wirst glücklich, nicht wahr, mein gutes Mädchen? Such nicht rechts oder links. Sobald du einen wie Eli gefunden hast, spürst du die Liebe hier im Herzen.«

Sie nahm meine Hand und legte sie sich oberhalb des Bauchs mitten zwischen ihre schönen Brüste. »Genau hier, Gabriela, wirst du die Liebe spüren, und wenn du sie spürst, dann weißt du, du hast deinen Eli gefunden, und heiratest ihn. Und jetzt komm zurück nach Hause, bevor Opa Gabriel ärgerlich wird, weil ich ihm aus der Schiva weggelaufen bin.«

Letzten Endes wartete Tante Bekki bis zum Ablauf des Trauerjahrs, ehe sie Eli Cohen den Schönen heiratete, im Café Armon, wo sie auch ihre Verlobung gefeiert hatten. Mir zogen sie ein weißes Kleid an und ließen mich Bonbons vor der Braut ausstreuen, zusammen mit meinem Cousin Boas, Tante Rachelikas Erstgeborenem, der ein paar Monate älter war als ich und in Anzug mit Fliege steckte wie ein Bräutigam.

Mutter und ihre mittlere Schwester Rachelika taten alles gemeinsam. Sogar mein Kleid und Boas’ Anzug hatten sie gemeinsam ausgesucht. Wenn Rachelika nicht daheim in der Ussischkin-Straße war, hielt sie sich bei meiner Mutter auf, und wenn meine Mutter nicht bei uns zu Hause in der Ben-Jehuda-Straße war, war sie bei meiner Tante.

Nach Opas Tod blieb meine Großmutter Rosa allein in dem großen Haus, das sie vorher gemeinsam bewohnt hatten. Gelegentlich kam sie uns besuchen oder ging zu ihren anderen Töchtern. Sie brachte jedes Mal Schokolade und Lakritze mit und hatte immer spannende Geschichten über die Zeit, als sie bei den »Ingländern« gearbeitet hatte, auf Lager.

»Jetzt reicht’s aber mal mit diesen Geschichten!«, fauchte meine Mutter. »Es ist keine so große Ehre, die Toiletten von Engländern zu putzen.«

Doch Oma blieb nichts schuldig und fauchte zurück: »Es ist auch keine so große Schande! Ich bin nicht wie du als Prinzessin mit einem goldenen Löffel im Mund geboren, ich musste meinen Bruder Efraim durchbringen, und außerdem habe ich von den Ingländern viel gelernt.«

»Was, was hast du von den Iiing-läään-deeern gelernt?«, gab meine Mutter abfällig zurück, wobei sie das Wort Ingländer möglichst lange dehnte. »Und außerdem, wie oft muss man dir denn noch sagen: Engländer, es heißt Engländer.«

Oma überhörte Mutters Geringschätzung und erwiderte ruhig: »Ich habe gelernt, einen Tisch zu decken, habe Inglisch gelernt. Ich spreche besser Inglisch als du, die es in der Schule der Ingländer gelernt hat, und bis heute ist dein Inglisch wie meine Plagen.«

»Ich? Ich soll kein Englisch können?!«, brauste meine Mutter dann auf. »Ich lese englische Journale, und im Kino brauche ich nicht mal die hebräischen Untertitel, ich verstehe alles!«

»Gut, gut, haben wir gehört, alles verstehst du, abgesehen von einem, dem Wichtigsten: Respekt und Höflichkeit, davon verstehst du nichts, du Schönheitskönigin von Jerusalem.«

Darauf rauschte Mutter aus der Küche, und Oma Rosa nahm mich auf den Schoß und sagte: »Merk dir, Gabriela, es gibt keine Arbeit, die den Menschen nicht ehrt. Falls du, Gott behüte, mal in die Lage kommen solltest, dass dir nichts anderes übrigbleibt, dann ist es auch keine Schande, Toiletten von Ingländern zu putzen.«

Ich war gern mit Oma Rosa zusammen. Sie war eine hervorragende Geschichtenerzählerin, und ich war eine gute Zuhörerin.

»Bevor du geboren wurdest, lange, lange vor deiner Geburt, Gabriela kerida, war unser Jerusalem wie Ausland. Im Café Europa am Zion-Platz spielte ein Orchester, und die Gäste tanzten Tango, und auf der Terrasse des King David gab es Five o’ Clock-Tea mit einem Klavierspieler, und man trank Kaffee aus feinen Porzellantassen, und die arabischen Kellner, soll was über sie kommen, trugen Frack mit Fliege. Und was für Torten wurden dort serviert, mit Schokolade und Sahne und Erdbeeren, und die Herren kamen in weißen Anzügen und Strohhüten und die Damen mit Hüten und Kleidern wie bei ihren Pferderennen in Ingland.«

Doch meine Großmutter war, wie ich Jahre später erfuhr, damals noch nie im Café Europa gewesen und auch nicht im King David. Sie erzählte mir, was sie in den Häusern, in denen sie einst putzte, aufgeschnappt hatte. Sie erzählte mir ihre Träume, Träume, die zum Teil Jahre später wahr wurden, als ihr reicher Bruder Nick, den Oma Nissim nannte, aus Amerika zu Besuch nach Jerusalem kam und die ganze Familie auf die Terrasse des King-David-Hotels, wo er wohnte, zu Kaffee und Kuchen einlud. Als der Pianist spielte, blickte ich verstohlen zu Oma hinüber, die ihre besten Kleider trug, und sah einen Funken Freude in ihren Augen und einen zufriedenen Ausdruck, der nur selten auf ihr Gesicht trat.

Oma Rosa hatte Schweres im Leben erfahren. Sie lebte mit einem Mann, der ihr Respekt zollte, sie aber nicht so liebte, wie ein Mann seine Frau lieben sollte. Ihr ganzes Leben lang kannte sie keine wahre Liebe, doch nie klagte oder weinte sie – selbst als meine Mutter und ihre Schwestern bei Opa Gabriels Schiva wahre Tränenströme vergossen, die ganz Jerusalem zu überschwemmen drohten, weinte sie keine einzige Träne –, und nur mit mir lächelte sie oder lachte gar. Oma Rosa suchte keinen Körperkontakt. Sie mochte nicht gern berühren oder berührt werden. Aber ich setzte mich auf ihren Schoß, schlang ihr meine Ärmchen um den Hals und drückte ihr Küsse auf die welken Wangen.

»Genug, genug jetzt, Gabriela, basta, du nervst mich«, schimpfte sie dann und versuchte mich abzuschütteln, doch ich achtete nicht darauf, nahm ihre derben Hände und legte sie mir um den Leib, zwang sie, mich zu umarmen.

Nach Opas Tod lud Oma die Familie an Schabbat- und Feiertagen nicht mehr zum Essen ein, und das traditionelle Makkaroni-Chamin wurde nun bei uns eingenommen. Nach dem üppigen Schabbatmittagessen, dem Chamin, das die Aschkenasen Tscholent nennen, begleitete ich meine Großmutter meist nach Hause und blieb bei ihr, bis Mutter oder Vater mich abholten. Ich liebte die schweren Holzkommoden, die Vitrinenschränke, in denen in mustergültiger Ordnung Porzellan- und Kristallsachen standen, und die Hochzeitsfotos von Mutter, Rachelika und Bekki in silbernen Rahmen. Ich liebte das große Foto von Opa und Oma an der Wand: Opa als gutaussehender junger Mann im schwarzen Anzug mit weißem Hemd, passender Krawatte und weißem Einstecktuch sitzt aufrecht auf einem Holzstuhl am Tisch, in der Hand eine aufgerollte Zeitung. Oma steht neben ihm, im hochgeschlossenen schwarzen Kleid, ein goldenes Medaillon um den Hals. Das Kleid ist fast knöchellang, dazu trägt sie schwarze Strümpfe und blankgeputzte Schuhe. Sie berührt meinen Großvater nicht, hält nur die Stuhllehne. Opas Gesichtszüge sind fein geschnitten, Nase, Augen, Lippen nahezu perfekt. Oma hat ein breites Gesicht, ihr schwarzes Haar scheint am Schädel zu kleben, und die Augen sind weit aufgerissen. Die beiden lächeln nicht, blicken vielmehr mit abgrundtiefem Ernst in die Kamera. Wie alt sind sie? Opa vielleicht einundzwanzig? Oma sechzehn?

An der Wand gegenüber hing ein großes Ölgemälde, das einen Flusslauf zwischen Bergen mit schneebedeckten Gipfeln zeigte. Auf dem Fluss fuhren Segelboote, und steinerne Häuser schienen dem Wasser zuzustreben. Eine Brücke verband die beiden Ufer, und über allem wölbte sich ein klarer blauer Himmel mit leichten Federwölkchen.

Ich liebte den schweren Esstisch mit der Spitzendecke und der großen, stets vollen Obstschale in der Mitte, die Polsterstühle um den Tisch, das breite, dunkelrote Sofa mit den ordentlich aufgereihten Gobelinkissen, die Oma bestickt hatte, und die Bilderteppiche an den Wänden, die jeweils ein Märchen erzählten. Besonders aber liebte ich den Kleiderschrank aus Holz mit den in Metall getriebenen Löwen oben. Der Schrank mit seinen Spiegeltüren stand im Schlafzimmer von Oma, die nicht in einem Zimmer mit Opa schlief. Stundenlang konnte ich vorm Spiegel stehen und mir vorstellen, ich sei Sandra Dee und küsste Troy Donahue, mit dem ich glücklich und zufrieden lebte. Ich liebte auch den Hof, der zum Teil von einem Ziegeldach überdeckt war, das im Sommer Schatten spendete. Am eisernen Zaun ringsum rankte lila Bougainvillea, und Geranien wuchsen in weiß gestrichenen Kanistern. Im Hof standen Schemel und der mit Kissen gepolsterte Korbstuhl, auf dem Opa Gabriel abends gern gesessen hatte, und ein Holztisch, auf dem Oma das Abendbrot servierte. Nach Opas Tod wurde sein Stuhl zum Gedenkobjekt, und lange setzte sich kein Mensch mehr darauf.

Der Hof war mein Reich. Ich saß gern auf einem Schemel, guckte in den Himmel und wartete auf einen Regenbogen, denn einmal hatte ich Oma Rosa gefragt, was Gott sei, und sie hatte mir geantwortet, Gott sei der Regenbogen. Guckte ich nicht in den Himmel, stellte ich mir vor, eine jener Hollywood-Diven zu sein, für die meine Mutter so schwärmte. In unserem Jerusalem wurde der Film »Exodus« gedreht, und Paul Newman, der Hauptdarsteller, von dem Mutter behauptete, er sei sogar noch schöner als Eli Cohen der Schöne, wohnte im King David. Jeden Nachmittag nahm meine Mutter mich an die Hand und ging mit mir zum Hoteleingang, um womöglich einen Blick auf Paul Newman zu ergattern. Nachdem sie ihn mehrere Tage nicht hatte erspähen können, überquerten wir die Straße zum YMCA-Gebäude, Mutter kaufte für fünf Grusch Karten, und wir fuhren mit dem Fahrstuhl auf den Turm, der der höchste in Jerusalem war. »Dort«, sagte sie, »kann keiner mir Paul Newman verdecken.«

Aber auch von dort konnten wir ihn nicht sehen, denn wann immer er ins King David kam, fuhr die schwarze Limousine ihn bis vor die gläserne Drehtür des Hotels, und er schlüpfte hinein, ohne die Menschen, die eigens gekommen waren, um ihn zu sehen, eines Blickes zu würdigen.

Letzten Endes bekam Mutter Paul Newman doch noch zu sehen, als sie als Statistin in der Massenszene mitwirkte, die den Moment der Staatsgründung verewigte und auf dem Russenplatz gedreht wurde. An dem Morgen nahm sie eigens das Fernglas mit, das Vater gekauft hatte, um auf unseren Ausflügen in die Jerusalemer Berge Vögel beobachten zu können. Doch auch als meine Mutter Paul Newman endlich durchs Fernglas gesehen hatte, war sie nicht zufrieden.

»Ich habe ihn gesehen, aber er, nada, hat mich nicht gesehen. Gut, wie soll er das auch auf einen Kilometer Entfernung?«

Meine Mutter glaubte felsenfest, wenn Paul Newman sie nur aus der Nähe sähe, könnte er ihr nicht widerstehen. Keiner konnte meiner Mutter widerstehen. Es hätte nur jemand Paul Newman mitteilen müssen, dass meine Mutter die Schönheitskönigin von Jerusalem war, aber keiner sagte es ihm, und Mutter begnügte sich damit, dass wir den Film »Exodus« tagtäglich im Orion-Kino sahen, weil der Saalordner Alberto, der im Krieg verwundet neben ihr im Krankenhaus gelegen hatte, uns gratis einließ.

Mutter schwärmte mächtig für Filmstars, vor allem für Paul Newman und Joanne Woodward, Doris Day und Rock Hudson, und ich träumte davon, eines Tages nach Hollywood zu fahren, obwohl ich nicht wusste, wo dieses Hollywood lag, und als berühmte Filmschauspielerin heimzukehren. Dann würde meine Mutter mich nämlich nicht mehr »Hinterwäldlerin« nennen und sagen, ich sei die merkwürdigste aller Kreaturen. Und ehe ich nach Hollywood fuhr, übte ich.

Wann immer der großelterliche Hof leer war, spielte ich, in einem Film zu leben. Im Film hieß ich Natalie, wie Natalie Wood, und tanzte stundenlang in den Armen von James Dean. Wenn James und ich aufhörten zu tanzen, verbeugte ich mich leicht vor einem imaginären Publikum. Als ich einmal fertig getanzt hatte, hörte ich stürmischen Applaus und Bravo-Rufe. Ich hielt erschrocken inne und sah, dass das ganze Viertel vom Zaun aus meiner Vorstellung zugesehen hatte. Tief beschämt rannte ich ins Haus, geradewegs in Opas Zimmer, warf mich auf sein Bett, barg das Gesicht im Kissen und brach in Tränen aus. Oma Rosa, die Zeugin der ganzen Szene gewesen war, folgte mir nicht. Erst als ich nach geraumer Zeit wieder ins Wohnzimmer kam, wo sie auf ihrem Sessel saß, sah sie mich an und sagte: »Gabriela kerida, warum schämst du dich? Du tanzt so schön, du musst Mama und Papa sagen, sie sollen dich für Ballettstunden bei Rina Nikowa anmelden.«

Von allen Familienmitgliedern stand ich Oma Rosa am nächsten. Solange Opa Gabriel lebte, war das großelterliche Haus das Zentrum der Familie. Dort traf man sich am Freitagabend zum Kiddusch und zum Abendessen und am Schabbatmorgen zu huevos haminados, die Oma aus dem Topf mit Chamin nahm. Wir aßen diese harten Eier zu mit Käse gefüllten borekitas und zu sütlaç, einem süßen Grießbrei, auf den Oma mit Zimt einen Davidstern malte.

Nach dem Schabbatfrühstück spielten wir Kinder auf dem Hof. Mutter, Rachelika und Bekki plauderten, und Vater, Rachelikas Moise und Bekkis schöner Eli Cohen unterhielten sich über Fußball, was lautstark ablief, weil Vater Hapoel Jerusalem favorisierte, während Eli und Moise Fans von Betar Jerusalem waren. So verging die Zeit bis zum mittäglichen Makkaroni-Chamin. Nach dem Chamin legte Opa sich zum Mittagsschlaf hin, und damit wir ihn nicht störten, wurden auch wir Kinder schlafen geschickt. Mutter, Rachelika und Bekki plauderten weiter, Vater, Moise und Eli gingen zu Tante Klara und ihrem Mann Jakob, genannt Jakotel, denn sie wohnten in der Lincoln-Straße genau gegenüber dem YMCA-Sportplatz, auf dem jeden Schabbatnachmittag Betar Jerusalem spielte. »Fußball gucken von Klaras und Jakobs Balkon ist besser, als auf der Ehrentribüne sitzen«, pflegte Onkel Moise zu schwärmen.

Den Spitznamen Jakotel hatte man Jakob angehängt, als mein kleiner Bruder Ronny und ich den Film »Jack der Riesentöter« – »Jack kotel ha’anakim« auf Hebräisch – vielleicht hundertmal gesehen hatten, denn auch Jizchak, der Saalordner vom Orna-Kino, hatte als Kriegsversehrter mit Mutter im Krankenhaus gelegen. »Was für ein Glück, dass Mutter im Unabhängigkeitskrieg beinah gestorben wäre«, sagte Ronny immer, »wie sollten wir sonst gratis ins Kino kommen?«

Als Opa tot war und Oma nicht mehr groß kochte, das schabbatmittägliche Makkaroni-Chamin daher bei uns eingenommen wurde, begaben wir uns danach, ohne Nickerchen, alle zum Spiel des Betar. Schon von unten sah ich, dass der Balkon von Tante Klara und Jakotel gleich abstürzen würde, mit all den Menschen drauf, die sämtlich zur Familie gehörten, und ging vorsichtshalber nicht darunter, sondern gegenüber an der Mauer des YMCA-Platzes entlang.

Notgedrungen musste Vater nun jeden Schabbat den verhassten Betar Jerusalem spielen sehen. Solange das von Klaras und Jakobs Balkon aus gratis ging, kam er mit, obwohl er die »Hundesöhne« immer verfluchte und ihnen eine Niederlage wünschte, weshalb alle ihn anschrien: »Zum Teufel, David, dafür kommst du her? Um einem die Freude zu vermiesen?«

Oma Rosa ging nach dem Makkaroni-Chamin nie mit zum Fußballgucken, sondern nach Hause. Oft begleitete ich sie. Während sie dann Mittagsschlaf hielt, durchstöberte ich ihre Schubladen auf der Suche nach Schätzen, und wenn sie aufwachte, schimpfte sie mich aus: »Wie oft habe ich dir schon gesagt, du sollst deine Finger nicht in was reinstecken, was dir nicht gehört? Weißt du, was der Katze passiert ist, die ihre Pfote in eine Schublade gesteckt hat, die ihr nicht gehörte? Die Pfote wurde eingeklemmt und die Krallen abgeschnitten. Willst du eine Hand ohne Finger haben?« Ich bohrte vor lauter Schreck die Hände tief, tief in die Taschen und gelobte, sie im Leben nicht mehr in etwas reinzustecken, was mir nicht gehörte, hielt aber nie Wort.

Werktagnachmittags, wenn Mutter ins Café Atara oder sonst wo hinging, kam Oma manchmal, um auf Ronny und mich aufzupassen, und ich setzte mich zu ihr und bestürmte sie, mir Geschichten von früher, vor meiner Geburt, zu erzählen, aus der Zeit der Ingländer, über Opa Gabriels Laden im Machane-Jehuda-Markt, über sein schwarzes Auto, mit dem sie ans Tote Meer und nach Tel Aviv gefahren waren, und von damals, als sie in einem Haus mit Fahrstuhl in der King-George-Straße, gegenüber der Jeschurun-Synagoge wohnten, wo die ganze Familie angelaufen kam, um die Badewanne mit den zwei Wasserhähnen, einen für heißes und einen für kaltes Wasser, zu bestaunen, eine Badestube, wie meine Großmutter sie sonst nur in den Häusern der Engländer gesehen hatte, in denen sie putzte.

Ich stellte eine Menge Fragen, weshalb meine Großmutter oft sagte, ich hätte ein Radio verschluckt und sie bekäme Kopfweh davon, aber man sah ihr an, dass sie mir gern Dinge erzählte, die sie sonst vielleicht noch niemandem erzählt hatte.

Eines Tages setzte Oma sich auf Opas Stuhl, zum ersten Mal seit seinem Tod, und sagte zu mir: »Gabriela kerida, deine Oma ist alt, hat schon viele Dinge im Leben gesehen. Ich habe ein schweres Leben gehabt, mein Papa und meine Mama sind an der Choleraepidemie gestorben, die wir in unserem Jerusalem hatten, und da wurden wir Waisenkinder. Ich war zehn Jahre alt, Gabriela, so wie du heute, und Efraim, er ruhe in Frieden, war fünf und der Einzige, der mir geblieben war: Mein Bruder Nissim war nach Amerika geflüchtet, noch ehe die Türken, ausgelöscht sei ihr Name, unseren Bruder Rachamim am Damaskustor aufgehängt hatten, weil er nicht in ihrer Armee dienen wollte. Wir hatten nichts zu essen und nichts anzuziehen, und jeden Tag bin ich zum Machane-Jehuda-Markt gegangen, wenn dort schon alles geschlossen war, um Reste vom Boden aufzulesen: Tomaten, Gurken, vielleicht einen Kanten Brot. Ich musste für Efraim sorgen und habe angefangen, bei den Ingländern im Haushalt zu arbeiten, dort gab mir die gnädige Frau zu essen, und ich aß die eine Hälfte und brachte Efraim die andere.

Als ich dann sechzehn war, hat mich nona Merkada, sie ruhe in Frieden, mit ihrem Sohn, er ruhe in Frieden, deinem Opa Gabriel verheiratet, und da hatte ich plötzlich ein gutes Leben. Gabriel war sehr reich und sah gut aus, alle Mädchen in Jerusalem wollten ihn, und trotzdem hat Merkada mich erwählt. Warum sie gerade mich arme Waise ausgesucht hat, habe ich erst muchos anyos, viele Jahre später erfahren, aber damals habe ich keine Fragen gestellt. Ich kannte Gabriel von dem Laden im Markt. Jeden Freitag bin ich hingegangen, um Käse und Oliven zu holen, die er und Senyor Rafael, sein Vater, er ruhe in Frieden, an die Armen verteilt haben. Wer hätte sich träumen lassen, dass er mein Mann werden würde? Ich die Mutter seiner Töchter? Welche Chance hatte ich, eine Waise aus dem Viertel Schamma ohne Familie und ohne vornehme Herkunft, den Ermozas auch nur nahe zu kommen? Und dann, einfach so, ohne dass ich begriff, wie mir geschah, wählte sie unter allen Töchtern Jerusalems gerade mich als Braut für ihren Sohn. Dio santo, ich glaubte zu träumen, und obwohl sie mir sagte, ich könne mir Zeit zum Überlegen nehmen, antwortete ich ihr sofort mit ja, und mein Leben änderte sich von Grund auf. Plötzlich hatte ich ein Haus, hatte Kleidung, hatte Essen, hatte Familie. Nicht, dass alles rosarot gewesen wäre, viele Dinge waren leider pechschwarz, aber das war mir nicht wichtig, Hauptsache, ich musste keine Häuser von Ingländern mehr putzen und Efraim wuchs menschlich auf und hatte was anzuziehen und was zu essen. Hauptsache, ich hatte anstelle der verlorenen Familie eine neue: Ehemann, Kinder, eine Schwiegermutter, von der ich hoffte, sie würde mir wie eine Mutter sein, Schwägerinnen und Schwager, von denen ich hoffte, sie wären mir wie Geschwister.

Gabriela, mi alma, meine Seele, ich bin alt und werde bald sterben, und wenn ich tot bin, wirst du mich als Einzige vermissen. Meine Töchter, sie sollen gesund sein, werden ein bisschen weinen und ihr Leben weiterleben. Das ist die Natur des Menschen, die Zeit tut das Ihre. Aber du, kerida, du vergisst nicht, nicht wie deine Mama, die ein Gedächtnis hat wie ein Spatz, einen Moment etwas sagt und im nächsten Moment nicht mehr weiß, was sie gesagt hat. Mir ist das schon aufgefallen, als du noch ein Baby warst. Du hast keinen Augenblick den Mund gehalten, du avlastina de la Palestina, Plappertante von Palästina, hast dauernd Fragen gestellt, wolltest die ganze Welt verschlingen. Jetzt, kerida mia, werde ich dir von deiner Oma Rosa und von deinem Opa Gabriel und von unserer Familie erzählen, wie wir von wohlhabenden Leuten, die in einem Haus mit Fahrstuhl und Badewanne wohnten und den schönsten Laden im Machane-Jehuda-Markt besaßen, zu armen Schluckern wurden, die kaum genug Geld hatten, um Wein für den Kiddusch am Freitagabend zu kaufen.

Alles, was ich weiß, hat mir dein Opa Gabriel erzählt, der die Familiengeschichte so wiedergab, wie er sie von seinem Vater Rafael, er ruhe in Frieden, gehört hatte. Als Rafael starb, gelobte Gabriel, seinen Kindern und Kindeskindern die Geschichte der Familie weiterzuerzählen, vom Tag ihrer Ankunft aus Toledo, als König Ferdinand und Königin Isabella, mögen ihre Seelen in der Hölle schmoren, die Juden aus Spanien ins Land Israel vertrieben. Und da Gabriel und mir, kaparavonó, keine Söhne, sondern nur Töchter geblieben sind, hat er sie Luna, Rachelika und Bekki immer wieder erzählt, damit sie sie ihren Kindern weitergeben. Aber ich verlasse mich nicht darauf, dass deine Mama sie dir erzählt, denn sie hat den Kopf in den Wolken, und ihr Gedächtnis, wai de mi sola, schweigen wir lieber darüber. Also komm, setz dich deiner alten Oma auf den Schoß und hör dir an, was ich Opa Gabriel habe erzählen hören.«

Und ich tat wie geheißen, kletterte auf ihre Knie, kuschelte mich in ihren Schoß und schloss die Augen, sog ihren warmen, vertrauten Geruch ein, der so süß war wie sütlaç und Rosenwasser. Meine Großmutter spielte mit meinen Locken, wickelte sie um ihren knochigen Zeigefinger, seufzte tief und hielt inne, wie man es tut, ehe man wichtige Dinge ausspricht, und dann setzte sie ihre Geschichte fort, als erzählte sie sie nicht mir, sondern sich selbst.

»Als die Juden aus Toledo vertrieben wurden, fuhr das Familienoberhaupt, Senyor Abraham, mit seinen Eltern und Geschwistern den ganzen Weg von Toledo zum Hafen von Saloniki und ging an Bord eines Schiffes, das ihn geradewegs zum Hafen von Jaffa brachte.«

»Und deine Familie, Oma?«

»Meine Familie, mi alma, kam auch aus Toledo nach Saloniki und ist dort viele Jahre geblieben, bis mein Urgroßvater, er ruhe in Frieden, ins Land Israel eingewandert ist. Aber ich werde dir nicht von meiner Familie erzählen, Gabriela, denn die Familiengeschichte richtet sich nach dem Vater, und an dem Tag, als ich deinen Opa geheiratet habe und bei der Familie Ermoza einzog, wurde auch ich eine Ermoza, und Gabriels Familiengeschichte wurde die Geschichte meiner Familie.

Also hör gut zu und stör mich nicht noch mal, denn wenn du mich störst, erinnere ich mich nicht mehr, wo ich aufgehört habe, und weiß nicht, wo weitermachen.«

Ich nickte und versprach, sie nicht mehr zu unterbrechen.

»Von Jaffa fuhr Senyor Abraham vielleicht drei Tage, vielleicht drei Nächte nach Jerusalem, weil es sein ganzer Traum war, die Steine der Westmauer zu küssen. In Jerusalem traf er noch weitere Spaniolen, die ihn in die Synagoge brachten und ihm einen Platz zum Schlafen gaben. Im jüdischen Viertel der Altstadt wohnten damals Kaufleute, Händler, Handwerker und auch Goldschmiede, die mit den Arabern Geschäfte machten. Vor langen Zeiten herrschten respektvolle und gutnachbarliche Beziehungen zu den Ismaeliten, und die Spaniolen trugen Kleider wie sie, sprachen sogar Arabisch, und manche Araber konnten Spaniolisch.

Es war ein hartes Leben damals hierzulande – Dio santo. Eine Frau gebar acht Kinder, eins nach dem anderen, und alle starben bei der Geburt oder als Baby.

Auch ich habe deinem Opa Gabriel fünf Kinder geboren, und nur, mögen sie lange leben, meine drei Töchter, pishkado i limón, sind am Leben geblieben. Die Söhne waren noch keinen Monat alt, als sie starben, und nach Bekkis Geburt hat sich mein Schoß verschlossen.

Ich habe alles Nötige getan, um Gabriel einen Sohn zu schenken. Zwischen Verlobung und Hochzeit wurden ich und mein zukünftiger Ehemann, dein Opa, zur Beschneidungsfeier eines Verwandten eingeladen. Während der Zeremonie ließ man mich den Säugling halten und ihn an meinen Zukünftigen weiterreichen, der ihn den übrigen Herrschaften übergab. So war es Brauch, um zu garantieren, dass das junge Paar Söhne bekommen würde.

Und tatsächlich, gottlob, wurde ich wenige Tage nach der Hochzeit schwanger. Was war ich gern schwanger. Sogar meine Schwiegermutter Merkada, die mir das Leben nie leichtgemacht hat, war gut zu mir. Sie und all ihre weiblichen Verwandten verwöhnten mich mit Honigbonbons, damit es um Himmels willen kein Mädchen würde, sondern mit Gottes Hilfe ein Junge.

Man redet nicht schlecht von Toten, Gabriela, aber meine Schwiegermutter Merkada, sie ruhe in Frieden, rammte mir, wann immer sie konnte, ein Messer in den Rücken und auch ins Herz, aber während jener ersten Schwangerschaft sorgte sie dafür, dass alle mich mit Liebe umgaben.

Was ich mir nur wünschte, wurde erfüllt, sogar die sonderbarsten Dinge, denn bekanntlich konnte andernfalls, Gott behüte, ein hässliches Baby mit einem Muttermal geboren werden. Und ich wollte, mitten im Winter, Trauben und Kaktusfeigen haben. Gut, woher sollten sie mir Trauben und Kaktusfeigen bringen, wenn es draußen in Strömen goss? Die bittren Etrogim hingegen hat man mir in Hülle und Fülle gebracht. Denn bei uns glaubte man, der Etrog, und vor allem sein Nippel, sei ein erprobtes Mittel, damit es ein Junge würde.

Und als es losging mit der Geburt, eilte Gabriel mit den übrigen Männern der Familie in die Synagoge, um für mein und des Babys Wohlergehen zu beten. Ich blieb im Zimmer mit der Hebamme und den weiblichen Verwandten, angeführt von Merkada, und meine Schreie hörte man jene Nacht von unserem Haus in der Altstadt bis nach Nachlat Schiva in der Neustadt, und ich presste und presste, dale dale dale›bien nasido‹›sano k’esté‹