Informationen zum Buch

Das bessere Leben, anderswo?

Negroni trinkend sitzt der Dichter Ilja Leonard vor den Cafés und genießt sein Exil. Als neue, südliche Heimat hat er sich Genua auserkoren, einst stolze Metropole, von wo aus Kreuzfahrer und Entdecker in See stachen, heute Anlaufpunkt für Glückssucher jeder Couleur. Das schönste Mädchen von Genua, das er von Ferne anhimmelt, ist seine flüchtige Ariadne im Labyrinth der Altstadtgassen. Doch genau wie Raschid, der Rosenverkäufer, der eigentlich Kühltechniker ist, und Ornella, die Prostituierte, die eigentlich ein Mann ist, verliert Ilja sich bald hoffnungslos darin – ebenso wie in seiner Phantasie vom besseren Leben an einem anderen Ort.

»Ein großer Roman von universeller Bedeutung, der die Aufmerksamkeit zahlreicher Leser in und außerhalb Hollands verdient.« Jury des Libris Literatuur Prijs

»Ein pures Lesevergnügen.« Het Parool

»Das schönste Mädchen von Genua lesen zu dürfen ist ein Privileg.« De Limburger / Limburgs dagblad

Ilja Leonard Pfeijffer

Das schönste Mädchen von Genua

Roman

Aus dem Niederländischen von Rainer Kersten

Inhaltsübersicht

Informationen zum Buch

Erster Teil – Das schönste Mädchen von Genua

Erstes Intermezzo – We all live in a yellow submarine

Zweiter Teil – Das Theater anderswo

Zweites Intermezzo – Fatou yo

Dritter Teil – Das schönste Mädchen von Genua (Reprise)

Über Ilja Leonard Pfeijffer

Impressum

Wem dieses Buch gefallen hat, der liest auch gerne …

A Zena a prende ma a non rende.

Erster Teil

Das schönste Mädchen von Genua

1

Das schönste Mädchen von Genua arbeitet in der Bar mit den Spiegeln. Sie trägt die gleiche adrette Kleidung wie alle anderen Mädchen, die dort arbeiten. Sie hat auch einen Freund, der sie ab und zu an der Arbeit besucht. Er hat gegeltes Haar und trägt ein Muskelshirt mit dem Aufdruck SOHO. Er ist ein Arschloch. Manchmal sehe ich in einem der Spiegel, wie die beiden in dem Kabuff, wo das Mädchen die Häppchen zum Aperitif zubereitet, heimlich knutschen.

Heute Morgen auf der Via della Maddalena habe ich gesehen, wie Diebstähle hier meistens enden. »Al ladro!«, hörte ich jemanden rufen, »Al ladro!«, und ein Junge kam um die Ecke gerannt, ein Mann ihm hinterher. Er trug ein weißes Achselhemd und hatte einen dicken Kopf und einen dicken Bauch. Er wirkte wie ein ehrlicher Familienvater, der von Kindesbeinen an gewohnt ist, für magere Bezahlung zu schuften. Der Junge rannte die Straße hoch, zur Via Garibaldi, vorbei am Palazzo mit der Sonnenuhr und von dort die Stufen der Salita di San Francesco hinauf. Der bestohlene Dicke hatte nicht die geringste Chance.

Später trank ich auf der Piazza delle Erbe. Das ist einer der seltenen Orte, wo der Abend von selbst kommt, ohne dass ich irgendwas dafür tun muss. Die orangefarbenen Tische gehören zur Bar Berto, der ältesten Kneipe am Platz, berühmt für ihren Aperitif; die weißen Tische zur Trattoria ohne Namen, wo man keinen Platz zum Essen bekommt, wenn man nicht reserviert hat. Die roten und gelben Tischchen gehören zum Inventar verschiedener Lokale, und etwas dahinter, weiter unten, liegt noch ein Straßencafé. Ich könnte die Namen heraussuchen, wenn du das möchtest. Ich saß an einem blauen Tisch, im oberen Drittel des Platzes, mit Aussicht auf die Bar Berto. Die blauen Tische stehen vor dem Trigaio, gegründet von drei Homosexuellen, denen nach nächtelangem Brainstormen kein besserer Name eingefallen war. Ich trank einen Vermentino vom Golfo del Tigullio. Auf einem Barhocker, an die Hauswand gelehnt, saß ein imposantes Mannweib mit pechschwarzer Sonnenbrille. Das beruhigte mich, denn dort sitzt sie immer. Straßenmusiker. Rosenverkäufer. Da sprach sie mich an. »Du hast etwas Feminines.« Sie fuhr mir mit den Fingern durchs Haar wie ein Mann, der etwas als seinen Besitz reklamiert. »Wie heißt du?«, fragte sie mit der Stimme eines Hafenarbeiters. »Ich weiß schon. Ich nenne dich Giulia.«

In der Nacht gewitterte es kurz, aber heftig. Ich war gerade auf dem Weg nach Hause, als es losging, und fand gerade noch Zuflucht unter einem Durchgang. Der hat sogar einen Namen, wie ich später herausfand: Archivolto Mongiardino. Die düsteren Wolken leuchteten dunkelgrün auf. Noch nie hatte ich so etwas gesehen. Wie gusseiserne Fallgitter ging der Regen an beiden Seiten des Durchgangs nieder. Nach ein paar Minuten war alles vorbei.

Die Straßenbeleuchtung war aber immer noch ausgefallen. In den Gassen, wo das Licht schon tagsüber kaum hinkommt, herrschte das mittelalterliche Dunkel der Nacht. Meine Wohnung war nicht weit. Ich könnte sie tastend erreichen, da war ich mir sicher. Genau, hier ging es nach oben. Der Vico Vegetti musste das sein. Schon fast meine Gasse. Links und rechts spürte ich kurz darauf Baugerüste. Auch das stimmte. Hier wurde renoviert. Plötzlich wäre ich beinahe über etwas gestürzt. Ein Holzbalken oder so. Gefährlich, dass der so mitten auf dem Weg lag. Ich bückte mich, um ihn beiseitezuschieben. Doch wie ein Balken fühlte es sich nicht an. Dafür war es zu kalt und zu glatt und für einen Balken außerdem zu rund. Es fühlte sich seltsam an und auch ein bisschen eklig. Ich versuchte, mir mit dem Display meines Handys zu leuchten, aber der Schein war zu schwach. Ich war beinahe zu Hause. Ich beschloss, das Ding hinter einem Container mit Bauschutt zu verstecken und es am nächsten Tag näher zu untersuchen. Meine Neugier war geweckt. Ich wollte zu gerne wissen, was es war.

2

Huren gehören zum Lunch. Ab ungefähr elf, halb zwölf kommen sie hervor. Im Gewimmel der Gassen des abschüssigen Dreiecks zwischen Via Garibaldi, Via San Luca und Via Luccoli zu beiden Seiten der Via della Maddalena lungern sie herum, in engen, finsteren Durchgängen mit poetischen Namen wie Vico della Rosa, Vico Angeli und Via ai Quattro Canti di San Francesco. Das sind Orte, wo selbst zur Mittagszeit die Sonne nicht hinkommt. Dort lehnen sie lässig an Türpfosten oder sitzen in Gruppen auf der Straße herum. Sie rufen mir Dinge zu wie »Amore!«. Sie sagen, dass sie mich lieben und wollen, dass ich zu ihnen komme. Sie sagen, sie wollen mir mit den Fingern durchs Haar wühlen. Sie sind schwarz, schwärzer als die anthrazitfarbenen Schatten in den Eingeweiden der Stadt. Sie atmen den Duft der Nacht mitten am Tag. So stehen sie hochbeinig da, ein arrogantes Flackern in den Augen. Sie schlagen ihre weißen Zähne ins weiße, weiche Fleisch der Männer. Ich wüsste nicht, wie ich eine von ihnen überleben sollte. Beamte mit ledernen Aktentaschen machen sich verlegen davon.

Später sah ich sie wieder, in der Galleria Mazzini, die hohen Amtsträger der Stadt, in Hemdsärmeln, das dunkelblaue Jackett leger um die Schultern gelegt, die kalbsledernen Taschen gefüllt mit den wenigen, wirklich wichtigen Akten, die nur sie in die Hände bekommen. Sie schlendern gern über den Marmor, an den ausgestellten Antiquitäten vorbei, weil ihre Schritte unter dem kristallenen Dach hell widerhallen. Greifvögel mit dem Wappen von Genua auf der Brust halten in hochmütig krummen Schnäbeln die Kronleuchter. Geht man von der Piazza Corvetto durch die Galleria Mazzini, landet man vor der Oper. Wo sonst?

Ich ging Richtung Hafen. Weit entfernt strich ein gelbes Flugzeug über die Wellen. Es schöpfte Wasser. In den Bergen wüteten Waldbrände. Ich kenne Leute, die das schöne Wetter von morgen am Flug der Schwalben ablesen. Der Tiefflug des Löschflugzeuges jedoch ist das sicherste Zeichen für einen weiter voranflirrenden Sommer.

Ich habe mir neue Garderobe gekauft, um mich in dieser neuen Welt der Eleganz geschmeidig als neuer Mensch zu bewegen. Italienische Sommeranzüge, maßgeschneiderte Hemden, ein raffiniertes Paar Schuhe, weich wie Butter, scharf wie ein Dolch, und einen echten Panamahut. Es kostete mich ein Vermögen, aber ich sah es als notwendige Investition, um meine Assimilierung hier zu beschleunigen.

Am Abend sprach ich mit Raschid. Er verkauft Rosen. Jeden Abend begegne ich ihm. Ich hatte ihn auf ein Getränk eingeladen. Er setzte sich für einen Moment zu mir. Er stamme aus Casablanca, erzählte er. Sei Ingenieur, spezialisiert auf Klimaanlagen und Kühltechnik. In Casablanca hat er ein großes Haus, aber kein Geld. Darum ist er nach Genua gekommen, aber hier findet er keine Arbeit, weil er die Landessprache nicht spricht. Tagsüber versucht er, mit Hilfe von Filmen auf YouTube Italienisch zu lernen, abends verkauft er Rosen. Jede Nacht klappert er die Straßenbars und -cafés ab bis nach Nervi. Hin und wieder zurück. Das sind vierundzwanzig Kilometer. Mit elf anderen Marokkanern wohnt er in einer Zweizimmerwohnung. »Natürlich gibt es da Ratten. Aber zum Glück sind die nicht groß. In Marokko denkt jeder, dass man in Europa von allein reich wird. Und natürlich gehen sie erst zurück, wenn sie genug Geld verdient haben, um für ein paar Wochen einen Mercedes zu mieten und die Komödie des erfolgreichen, wohlhabenden Cousins aus Europa zu spielen – ein Märchen, das mit jedem Erzählen schöner wird. Aber ich habe die Wahrheit gesehen, Ilja. Ich habe die Wahrheit gesehen.«

Als ich nach Hause ging, wehte auf dem Turm des Palazzo Ducale die Flagge. Nicht die Flagge Europas. Nicht mal die von Italien. Nein – ein rotes Kreuz auf weißem Grund: die Flagge Genuas. La Superba. Über dem Hafen und in der Ferne, über den schwarzen Bergen Liguriens, hörte ich die Greifvögel kreischen.

Und da fiel es mir wieder ein: Das Ding, über das ich am Abend zuvor im Vico Vegetti gestolpert war. Ich hatte es im Dunkeln hinter einem Container versteckt. Jetzt funktionierte die Straßenbeleuchtung wieder, und ich war irgendwie neugierig.

Doch das Ding war nicht mehr da. Bei den Müllcontainern an der Ecke Piazza/Via di San Bernardo lag alles Mögliche, aber nichts, worüber man hätte stolpern können. Nun ja, vielleicht war es auch nicht so wichtig. Außerdem schoss mir durch den Kopf, dass es auf die wenigen Passanten vielleicht einen etwas befremdlichen Eindruck machen würde, mich solch großes Interesse für Müllcontainer zur Schau tragen zu sehen, jedenfalls war das nicht das Image, das ich mir als stolzer Neubürger dieser Stadt zulegen wollte. So ging ich nach Hause.

Ein Stück weiter jedoch, bei den Baugerüsten, stand ein Container mit Bauschutt. Mir fiel wieder ein, wie ich während des Stromausfalls im Stockdusteren an einem Gerüst Halt gesucht hatte. Spaßeshalber schaute ich nach, ob das Ding vielleicht dort lag. Zuerst sah ich es nicht, dann aber doch. Ich drehte mich um, ob mich auch niemand beobachtete, und zog es hervor. Ich bekam den Schreck meines Lebens.

Es war ein Bein. Ein Frauenbein. Unverkennbar. Im ursprünglichen Kontext musste es einmal sehr schön gewesen sein, schlank und rank, tadellos proportioniert. Der Schuh war nicht mehr dran, dafür ein Strumpf, lang und altmodisch, von der Sorte, wie nur Mädels im Internet sie noch tragen. Mitten in der Nacht, an meinem neuen Wohnort im Ausland, stand ich also da mit einem amputierten Frauenbein in der Hand, und das schien mir in mehrerlei Hinsicht kein guter Start für meine neue Existenz. Vielleicht sollte ich die Polizei rufen. Vielleicht aber auch besser nicht. Ich legte das Bein hinter den Container zurück und ging nach Hause ins Bett.

Schweißgebadet wachte ich auf. Wie konnte ich nur so dumm sein! Zwar hatte ich natürlich jedes Recht zu entscheiden, aus verschiedenen, mir persönlich hinreichenden Gründen, die übrigens auch manch anderen überzeugen würden, nichts mit einem abgehackten Frauenbein zu tun haben zu wollen, das ich zufällig im öffentlichen Raum aufgefunden hatte, aber ich Hornochse hatte es angefasst! Was sage ich: Zweimal hatte ich es begrabscht. Mit meinen naiven, sommerlich verschwitzten dummen Pfoten. Hatte ich noch nie was von Fingerabdrücken gehört? Oder von DNA-Spuren? Und wenn das Bein erst mal ins Blickfeld der Carabinieri geriete, was über kurz oder lang höchstwahrscheinlich der Fall wäre, würden sie es dann gähnend als das x-te abgesägte, in den Gassen gefundene Frauenbein verbuchen oder nicht vielmehr doch etwas neugierig werden? Neugierig darauf, wem es wohl gehörte, wer die Amputation durchgeführt hatte und ob die auch mit Zustimmung der rechtmäßigen Besitzerin erfolgt war. Und würden sie, wäre die Neugier einmal erregt, es nicht zumindest oberflächlich auf Spuren untersuchen? Und lägen Ermittlungen in unmittelbarer Umgebung des Fundorts dann nicht sehr auf der Hand? Wach auf, Trottel, wach auf!

Aber das brauchte ich mir nicht mehr zu sagen. Ich war schon hellwach. Mehr noch: war schon im Begriff, in meine Kleidung zu springen. Es war noch Nacht. Es war dunkel. Niemand war auf der Straße. Ich musste schnell handeln. Das Bein lag noch da. Ich hatte keinen detaillierten Schlachtplan, aber als Erstes schien es mir schon mal vernünftig, das Corpus Delicti aus dem öffentlichen Raum zu entfernen. Ich nahm es mit nach Hause und stellte es in den IKEA-Schrank in meinem Schlafzimmer.

3

Ich möchte dazugehören. Als ich erwachte, hörte ich, wie die Stadt schon begonnen hatte, den Tag zwischen ihren jahrhundertealten, fauligen Zähnen zu zerkauen. An verschiedenen Stellen im Viertel wurde schon an ihnen gebohrt. Nachbarn beschimpften sich durch offene Fenster. Auf die Wand des Mietshauses meinem Schlafzimmer gegenüber hatte jemand geschrieben: »Kein Lächeln gibt seine Geheimnisse preis.« Jemand anders hatte geschrieben, er finde CFC Genua besser als UC Sampdoria, in viel unflätigeren Worten, als ich das jetzt wiedergebe. Jemand anders hatte geschrieben, er liebe Diana, sie sei für ihn ein Traum, der Wirklichkeit wurde. Später hatte er – oder jemand anders – diesen Herzenserguss wieder durchgestrichen. Auf der Straße lag Müll. Tauben scharrten in ihrem eigenen Kot.

Heute sollten Schiffe anlegen, mit niederländischen, deutschen und dänischen Touristen auf der Rückreise von Sardinien oder von Korsika. Dutzende Schiffe legen jeden Tag an, und die Touristen irren ängstlich und misstrauisch einen Nachmittag lang durchs Labyrinth. Viel weiter als in die Gassen ein paar Meter von der Via San Lorenzo entfernt trauen sie sich selten. Andere ziehen über die Via Garibaldi zum Palazzo Rosso und zum Palazzo Bianco, nichts ahnend vom dämmrigen Dschungel zu ihren Füßen.

Ich mag die Touristen. Stundenlang kann ich sie beobachten und ihr Treiben verfolgen. Rührend in ihren angestrengten Versuchen, aus dem Tag etwas zu machen. Früher, als Kind, bekam ich vor Klassenfahrten jedes Mal eine Liste mit Dingen, die ich auf keinen Fall vergessen durfte. Der letzte Punkt war immer: »gute Laune«. Das ist, was die Touristen in ihren kleinen Rücksäcken mit sich spazieren führen, während sie durch die Straßen zuckeln und an jeder Ecke ihren Stadtplan hervorsuchen, wo um Himmels willen sie jetzt wieder sind. Und warum bloß. Als ginge es um ihr Leben, finden sie jedes Gebäude phantastisch, jeden Platz lauschig und jedes kleine Geschäft unheimlich süß!. Der Schweiß topft ihnen von der Stirn. Sie denken, dass sie etwas begreifen, sind aber im falschen Moment misstrauisch, während sie die echten Gefahren nicht fürchten. In Genua sind sie noch hilfloser als anderswo. Nicht-Verstehen und Unsicherheit stehen auf ihren Gesichtern geschrieben, während sie zögernd ins Labyrinth tapern. Ich mag sie. Sie sind meine Brüder. Ich fühle mich tief mit ihnen verbunden.

Aber ich will dazugehören. Als glückliches Ungeheuer im Labyrinth dieser Stadt wohnen, mit Tausenden anderen glücklichen Ungeheuern. Mich in ihre Eingeweide wühlen, das Zähneknirschen ihrer alten Gemäuer hören und begreifen. Ich verließ meine Wohnung und ging über den Vico Vegetti und die Via di San Bernardo an den überquellenden Müllcontainern der Piazza Veneroso vorbei hinunter zur Via di Canneto Il Lungo, um im Di per Di einzukaufen. Ich besorgte Waschmittel, Grissini und eine Flasche Wein. Dann lief ich denselben Weg wieder zurück, jetzt die Plastiktüte aus dem Supermarkt in der Hand. Ganz selbstverständlich. Die Tüte war meine Greencard, mein Affidavit, meine Aufenthaltsgenehmigung. Damit sah jeder mir an, dass ich ein Ortsansässiger bin, dass ich hier wohne. Zwar hatte ich kaum mehr Italienisch gesprochen als prego und grazie, doch auf Vorweisen meiner Di-per-Di-Tüte konnte niemand mich mehr als Fremden betrachten. An einem Kiosk holte ich mir Il Secolo XIX, die Lokalzeitung. Ich hatte mir vorgenommen, sie jeden Tag zu lesen. Stolz klemmte ich sie mir unter den Arm, darauf achtend, dass jeder die großen Lettern mit dem Namen der Zeitung genau lesen konnte.

Vor meiner Wohnung betrachtete ich die Außenwand des Gebäudes. Ich wohne im Erdgeschoss eines hohen Mietshauses in einer steil ansteigenden, engen Gasse. »Erdgeschoss« ist ein relativer Begriff in einer Gegend mit so großen Höhenunterschieden. Rechts vom Eingang unter meinem Schlafzimmer muss sich ein großer Lagerraum befinden, vermutlich für das Restaurant nebenan, in Nummer eins, das seit meinem ersten Tag hier geschlossen ist. Die Wände des Gebäudes bestehen aus grob behauenem, grauem Felsstein, abbröckelndem Mörtel und hier und da Resten einer alten Putzschicht. Genaugenommen ist alles verrottet, verfallen und kaputt. Doch das ist es schon seit Jahrhunderten. Und es ist stolz darauf. Als dieses Viertel erbaut wurde, gab es noch kein Gas, keinen elektrischen Strom, kein fließendes Wasser, weder Fernsehen noch Internet. All diese Dinge wurden erst nachträglich angelegt. Kabel laufen vom Dach die Fassade entlang in die verschiedenen Wohnungen. Auch Zu- und Abwasserleitungen liegen außen, ein chaotisches System bleierner Röhren. Neben meiner Eingangstür führt ein dickes Rohr in mein Haus. Darauf ein Klebezettel mit dem mysteriösen Text:

derattizzazione in corso

non toccare le esche

Auch hier also, auf meiner Wasserleitung, war der Zettel angebracht, der mir seit Tagen überall in der Stadt auffiel. Ich lächelte zufrieden. Ich wohnte nicht in einem Hotel, sondern in einem richtigen genuesischen Haus, mit der gleichen Bekanntmachung wie an allen anderen Häusern. Ich musste spaßeshalber einmal nachschlagen, was der Text bedeutete.

4

Meine Kellnerin ist gestürzt. Oder es ist etwas anderes passiert. In der Bar mit den Spiegeln hatte ich sie seit ein paar Tagen vermisst. Dann sah ich sie wieder, in der Salita Pollaiuoli, in Alltagskleidung. Sie sagte kurz: »Ciao«, ihren linken Ellbogen in einem Verband, ihr linkes Handgelenk rosa vom Jod. Auch auf ihrem linken Bein und Fuß rosa Stellen. Zu meiner Erleichterung sah ich sie später in ihrer adretten Kellnerinnenuniform wieder. Ihre weiße Bluse hatte kurze Ärmel, der Verband und die rosa Stellen auf dem Arm waren für jeden zu sehen, die Flecken auf ihrem Bein dagegen blieben unter der schwarzen Hose verborgen. Ein Hosenbein hatte sie umgeschlagen bis zum Knöchel, wahrscheinlich weil der Saum auf der Wunde am Fuß, die durch ihre offenen Schuhe gut zu erkennen war, sonst zu sehr scheuerte. Geschlossene Schuhe hätten bestimmt noch mehr weh getan. Ein Getränk nach dem anderen bestellte ich, und jedes Mal wollte ich sie fragen, was ihr passiert war und ob es ihr gutging. Aber ich wagte es nicht, aus Angst, sie würde die Frage falsch verstehen, an ihren baumlangen Freund mit dem gegelten Haar denken, das Arschloch, obwohl ich ihn den ganzen Abend lang nicht gesehen habe.

Sehr wohl habe ich dagegen gesehen, wie gute Freunde einander begrüßen. Stell dir vor, du bist der dicke Mann da im dunkelblauen Polo mit seiner Sonnenbrille in den Haaren. Schnaufend und stöhnend schleppst du dich auf die Terrasse. Sichtbar widerwillig setzt du dich an einen freien Tisch, während du im gleichen Moment dein Handy zückst. Die Kellnerin kommt und fragt, was du trinken möchtest. Die Frage war zu erwarten, trotzdem ärgert sie dich. Du schaust nachdenklich zu Boden und lässt alle Getränke der Welt an deinem inneren Auge vorbeiziehen, eins widert dich mehr an als das andere. Zu guter Letzt bestellst du mit einer wegwerfenden Geste einen Campari Soda, so dass jeder auf der Terrasse erkennt, dass du weißt, dass man auf einer Terrasse nun mal was bestellen muss, und darum in Gottes Namen einen Campari Soda nimmst. Und gleich fummelst du weiter mit deinem Handy herum, wieder schnaufend und stöhnend, soll heißen: Ich bin ein wichtiger Mann, und darum geht jeder mir auf die Nerven, aber ich find das ein Scheißding, so ein Handy, wenn ich das entworfen hätte, hätte ich es viel besser gemacht, aber dieses Design-Geschwuchtel interessiert mich nicht, und außerdem läuft das in diesem Land immer so, kein Wunder, dass es der Wirtschaft so schlecht geht und es so unerträglich heiß ist. Soll heißen: Grad hab ich eine Nachricht vom Ministerpräsidenten bekommen, aber ich weiß nicht, wie dieses Ding funktioniert, und ich wünschte, er würde mich ein Mal in Ruhe lassen und sich selbst überlegen, ob er nun in Afghanistan einmarschieren soll oder nicht, aber nein, ohne mich kann er sich nicht mal die Hose zumachen. Dann wird der Campari Soda gebracht. Du würdigst ihn keines Blickes, ebenso wenig wie die Kellnerin, die ihn dir bringt. Du bist viel zu beschäftigt mit Schnaufen und Stöhnen und Nichtverstehen, wie dein Kack-Handy funktioniert und wie man so ein Ding nur erfinden kann, von dem keiner versteht, wie es geht. Die Kellnerin fragt, ob du etwas essen möchtest. Du brummst etwas unverständlich Exotisches wie: ein Schälchen entsteinter grüner Oliven, aber den Tabasco getrennt! Oder: Gnocchi mit Pfeffer, ohne Pesto und die Zitronenstückchen an einem Spieß. Oder einfach nur: Erdnüsse. Dann kommt dein Freund. Er ist froh, dich zu sehen, und vor allem, dass er heute mal nicht der Erste ist und du schon dasitzt. Er ruft »Ciao!«, schon von weitem, noch bevor er die Terrasse betritt, und dann noch mal und schließlich zum dritten, wenn er sich zu dir an den Tisch setzt. All die Zeit schaust du ihn nicht an. Du bist viel zu beschäftigt. Auch zu ihm kommt eine Kellnerin, und auch er bestellt was zu trinken. Du bist gerade dabei, deine SMS an den Ministerpräsidenten abzuschicken, und verstehst nicht, warum dieses Scheißteil das nicht tut. Dein Freund prostet dir zu, du aber probierst erst noch die andere Nummer des Premiers. Funktioniert auch nicht. Du schnaufst und stöhnst. So geht das immer in Italien! Frustriert knallst du das Handy auf den Tisch. Dann erst schaust du deinen Freund an und sagst so was wie: »AC Milano kann Ronaldinho kaufen, aber ich hätte dir gleich sagen können, dass Abramowitsch dann 150 Millionen für Kaká hinblättert. Unbegreiflich, dass sie diese Saison nicht in einen guten Innenverteidiger investieren. Unbegreiflich!«

Das Innere der Bar mit den Spiegeln ist eine Höhle aus Porzellan. Draußen gehen Leute die Straße hoch und runter. Nach oben führt sie zur Piazza Matteotti mit dem Palazzo Ducale. Man könnte auch sagen, zur Via San Lorenzo und Piazza de Ferrari. Nach unten kann man auch gehen. Aber das wagen die meisten nicht. Dann kommt man zur Via San Donato, das ist touristische Zone, das ist noch okay, aber von da geht es wieder bergauf. Der Stradone di Sant’Agostino ist noch am wenigsten abenteuerlich: Er führt zum Kloster und zur Architektonischen Fakultät und von da zur Piazza di Sarzano. Von dort aus kommt man zurück zum Hafen, zum Meer. Wenn man unbedingt will. Doch das ist nicht zu empfehlen. Die Mura del Barbarossa, der Schutzwall, den die Stadt im Mittelalter gegen den deutsch-römischen Kaiser erbaute, versperrt dir den Weg. Und die dorthin führenden Gässchen und Gassen sind auf keiner Karte zu finden. »Gassen« ist eigentlich zu viel gesagt: Eher sind es Treppen oder improvisierte Wege über bröckelnde Steine.

Die Straße, die sich da draußen so hoch- und wieder hinunterschlängelt, heißt Salita Pollaiuoli. Wer sich an der Ecke zur Via San Donato nach rechts wagt, kommt auf die Via di San Bernardo. Von dort sind es Luftlinie nur noch ungefähr fünfzig Meter zur Torre degli Embriaci, wo es eine gute Bar gibt. Aber probier die mal zu finden. Probier’s nur. Ich bin gespannt, ob ich dich je wiedersehe.

Aber natürlich sehe ich dich wieder. Den ganzen Tag über begegne ich hier denselben Leuten, obwohl das Labyrinth sich von Darsena bis Foce erstreckt, vom Meer bis in die Berge, vom Hafen zur Schnellstraße, von Principe bis Brignole. Ich habe mir zu erklären versucht, woran das wohl liegt. Man sollte doch eigentlich erwarten, ein Irrgarten sei dazu da, dass man sich aus den Augen verliert, statt einander ständig zu begegnen, und dass ein Labyrinth dieser Größe die Wahrscheinlichkeit, jemanden zweimal zu sehen, auf null reduziert. Doch nach und nach ist mir aufgegangen, dass es genau umgekehrt ist. Ausweichen können Leute einander in rasterförmigen Städten mit klar ausgerichteten Straßen und Alleen zwischen Wohnung und Büro, Büro und Sportstudio, Sportstudio und Supermarkt, Supermarkt und Wohnung, Start und Ziel. Wer weiß, auf welchem Weg er entlanghastet, schaut nicht mehr auf und wird auch selbst nicht mehr gesehen. In einer rasterförmigen Stadt sind Menschen wie Elektronen in einer Kupferleitung: schnell, austausch- und unsichtbar. Der Strom lässt sich messen, der Beitrag des individuellen Elektrons nicht. Der Einzelne ist mit bloßem Auge nicht mehr wahrzunehmen. Gerade in einem Labyrinth aber begegnet man sich. Kein Ort lässt sich leicht wiederfinden. Doch weil das für alle gilt, irren auch alle den ganzen Tag über herum, durch stets dieselben Gassen. Manche ein ganzes Leben. Oder noch länger. Bestimmt sehen wir uns also wieder, mein Freund. Unmöglich läufst du zweimal über dieselbe Piazza oder durch dieselbe Gasse, außer du wolltest das gerade vermeiden.

5

Heute habe ich über die verschiedenen Arten von Mädchen nachgedacht.

Manche bewegen sich außerhalb jeder Kategorie, das stimmt. Wie das Mädchen aus der Bar mit den Spiegeln. Sie ist aus anderem Stoff als andere Mädchen: der gleiche Stoff, aus dem Lächeln gemacht sind, Herzgespinste und strahlende Tage. Ihre blanke Existenz schon allein macht mich glücklich und lässt mich in Gedanken an ihrer sanften Schulter leise weinen wie ein Kind. Sie lassen wir hier denn auch außen vor. Wir reden von Mädchen, nicht der seltenen Epiphanie einer Göttin.

Früher dachte ich immer, es gebe zwei Arten: schöne und hässliche Mädchen. Im Licht meiner jüngsten Forschungsergebnisse lässt sich diese Dichotomie jedoch nicht länger aufrechterhalten – obwohl die Schlichtheit jenes Modells für die meisten ihren Charme wohl immer behalten wird, fürchte ich.

Dabei: Natürlich gibt es schöne Mädchen, das ist nicht der Punkt. Man möchte sie vorsichtig mit dem Bleistift abpausen, mit sensibelsten Fingerspitzen über ihre sanften Erhebungen und Abhänge gleiten. Mit der Zunge des Feinschmeckers für einen Moment nur das perfekte Gleichmaß von Rundungen, Linien, Form und Volumen erkunden. Aber noch schöner wär es, sie würden sich einfach ausziehen, und damit wär’s gut. Sie sollen sein wie ein Foto, komplett suggestiv oder schamlos ausgeleuchtet, und mit Vergnügen wirst du sie downloaden.

Mädchen, wie Milo Manara sie zeichnet: Hieroglyphen reiner Verheißung. Nie stehen sie, ohne zu posieren, und zu posieren brauchen sie nicht, weil sie auch so schon allen Anforderungen genügen. Nie könnte man einen wirklichen Geruch an ihnen wahrnehmen, nie mit einem winzigen Fettpölsterchen spielen, um sie zu ärgern, oder den sauren Schweiß aus ihren Achseln lecken, schon allein darum, weil sie eben erdacht sind und als Ikonen gezeichnet. Ihre Unschuld hat stets etwas Gespieltes, Verruchtes. Natürlich landen sie ohne Slip in Kasernen, aber das geschieht nur, weil sie von der Miliz entführt wurden, als sie sich zufällig gerade umzogen. Wirst du jedes Mal sehen, mein Freund. Nie aber werden sie ohne Slip bei dir klingeln und fragen, ob sie dir, weil sie das noch nie gemacht haben, im Regen einen runterholen dürfen. Oder einfach so über deinem silbernen Kerzenleuchter in die Knie gehen, um danach den Tisch sauberzulecken, bevor sie sich wortlos nach Haus trollen.

Neulich bekam ich als Dreingabe zu Il Secolo XIX ein Klatschblatt, voll Fotos leibhaftiger Manara-Mädchen, bekleidet mit je kaum mehr als einem Bikini. In den begleitenden Interviews sagten sie Sachen wie: »Ich mag ehrliche Männer«, »Meine Tochter ist das Wichtigste in meinem Leben«, »Ohne wahre Liebe – keinen Sex!« und »Einen Winkel in meinem Herzen bewahre ich immer für Gott.« Ich will damit sagen: Dann lieber die hässlichen Mädchen! Die wissen zumindest, dass sie sich ein bisschen anstrengen müssen. Oder doch die schönen, aber dann ohne Interview. In drei Teufels Namen. Und nur ohne Bikini, am liebsten auf einem Foto.

Vor der Kathedrale habe ich heute ein Touristenpärchen gesehen. Der Touristenjunge hatte die Kamera, sein Touristenmädchen rosa Pumps, eine gelbe Handtasche und einen skandalträchtigen Jeansrock. Es waren Russen, eindeutig, mein Freund. Sicherheitshalber hab ich es dir zuliebe noch mal überprüft: Sie sprachen in der Tat Russisch. Er wollte ein Foto von ihr, vor der Kirche. Sie protestierte. Sie sehe schrecklich aus heute. Doch als er die Kamera zückte, legte sie den Mittelfinger auf die Unterlippe und die andere Hand in ihren Schritt. So machten sie Dutzende Fotos, erst bei dem einen, dann bei dem anderen Löwen, vor dem großen Portal, auf den Stufen am Eingang zum Turm und immer so weiter. Für jedes Foto hatte sie eine Pornopose parat wie aus dem Magazin. Sie war nicht auffällig schön, eher schamlos als raffiniert. Auch gelangweilt, aber allzeit bereit, sich für ein sexy Ergebnis ins Zeug zu legen. Atemlos folgte ich jeder ihrer Bewegungen. Kein Funken Humor oder Freude war in ihren Posen, keine Lust brannte in ihren Augen. Wie eine Puppe beugte sie ihren Körper nach den vorhersehbaren Wünschen des Fotografen und aller künftigen Betrachter, die im Internet das Vorschaubild anklicken würden, zu einem Klischee der Verführung. Und genau das war unwiderstehlich.

Natürlich gibt es auch Frauen, bei denen das Sperma schon aus den Augen spritzt. Sozusagen natürlich. Meist sind sie zu jung für ihr Alter. Ein Hauch Spitze umfließt ihre sonnenbankgestählten Sportstudiomuskeln. Sie sind trocken und zäh, kleiden sich wie ausgewickelte Mumien, so wie die Frau unbestimmten Alters, irgendwo Ende vierzig, mit schwarzer Igelfrisur und jeden Tag kürzeren Röcken, die ein paarmal am Tag mysteriös lächelnd im Schmuckgeschäft von Laura Sciunnach in der Salita Pollaiuoli auf ein Nachbarschaftspläuschchen vorbeikommt, gegenüber der Bar mit den Spiegeln, weil in dem Geschäft Bibi mit den vielen Tätowierungen arbeitet, der vollkommene Don Juan, der alle Frauen dahinschmelzen lässt, indem er sie verachtet. Sie ist hässlich, aber sie läuft die Straße entlang, als habe sie zwei Vibratoren gleichzeitig eingeführt, bevor sie eben ihre Wohnung verließ. Nie würde sie abschließen, wenn sie nachts betrunken aus der Kneipe heimkommt. Wie ein hungriges Schlüsselloch, durch das sie beobachtet werden will. Wenn sie doch endlich wer vergewaltigen wollte! Tropfend vor Glibber würde sie Anzeige erstatten bei den ungläubigen Carabinieri, kaum halb so alt wie sie, mit ihren glänzenden Stiefeln, den glänzenden, glänzenden Stiefeln. Und so hässlich ist sie nun auch wieder nicht. Ich suchte Blickkontakt zu ihr. Ein paarmal am Tag tue ich das, auf der Terrasse vor der Bar mit den Spiegeln.

Vor dem Doge Café auf der Piazza Matteotti sah ich ein Mädchen, das sich eine andere Frau ins Gesicht gemalt hatte. Cleopatra hinter der eigenen Totenmaske. Oder vielleicht war sie dahinter auch jemand ganz anders, das weiß nur der, der am nächsten Morgen neben ihr wach wird, sich ungläubig die Augen reibt und beginnt, die vergangene Nacht mühsam zu rekonstruieren, um herauszufinden, wer das bleiche, unbekannte Wesen bloß sein könnte, das jetzt so unübersehbar in seine Laken gekuschelt daliegt. Und erst wenn sie nach Stunden im Bad ihre Fassade rekonstruiert hat, erkennt er sie wieder. Solche Frauen kosten Geld. Sie brauchen nicht nur Tuben und Tiegel, auch Markenkleidung für jede Stunde des Tages, der letzten Mode entsprechend, und Schuhe, vor allem: viele Schuhe. All diese Kleider und Schuhe werden nur zu einem Zweck angeschafft: wieder ausgezogen zu werden. Doch um dieses Ziel zu erreichen, müssen sie was gekostet haben, das versteht jedes Kind. Jeden Morgen verwandelt sie sich in ihr Idealbild von einer Frau. Mein Idealbild. Ob sie mein Ideal kennt, ist egal. Wichtig ist, dass sie sich anstrengt: ihrer Idee von meinem Bild von ihr zu entsprechen.

Am schlimmsten sind dicke Amerikanerinnen, die dem Irrglauben anhängen, Intelligenz sei wichtiger als äußerer Schein. Da ist so ein dummes Konzept! Eine von ihnen redete in langsamem, klar artikuliertem Englisch über Einwanderungspolitik. Auch sie saß auf der Terrasse vor dem Palazzo Ducale, aber sie war eine Verirrung. Mit ihren Titten wie geplatzte Ballons, ihrem bequemen Sommerkleid wie ein altertümliches Zelt hatte sie kein Recht, über was auch immer zu sprechen. Sie sollte sich in ein dunkles Zimmer in Ohio zurückziehen, an ihren Computer, um mit bebenden Fingern unter dem Pseudonym FaTgirl Beiträge in Internetforen für Frauen mit Selbstmordgedanken zu posten. Auf der Warteliste für postnatale Abtreibung stand sie ganz oben. Dass es sie gab, war schon schlimm genug – dass sie sich dafür nicht schämte und stattdessen die Eleganz der Piazza Matteotti, die Liguriens, ja, ganz Italiens mit ihrer gargantuesken Anwesenheit schändete und beleidigte und dabei auch noch glaubte, das Recht zu haben, als Mensch statt als hässliche Frau behandelt zu werden, war abstoßend.

Dabei: Dicke Frauen als solche sind nicht das Problem, vor allem wenn sie blond sind – versteh mich nicht falsch: Scharen von ihnen hab ich in meinem Leben schon das Frühstück bereitet. Fickmonster sind es, mein Freund, ich schwör’s: Den besten Sex hat man mit dicken Mädchen. Wenn sie nur wollen. Wenn sie nicht wollen, sind sie nutzlos und jämmerlich. Aber meist wollen sie. Sie dominieren dein Bett wie sechs Pornodiven zugleich. Liegen nicht fotogen auf dem Rücken herum und warten, was du mit deiner natürlichen Libido anfangen wirst, nein: Sie reiten dich blutig im vollen Bewusstsein, dass sie was gutzumachen haben, um als Frau gelten zu dürfen.

Nur zwei Sorten Mädchen gibt es: solche, die es kapiert haben, und solche, die reden. Die das Spiel spielen und begreifen, dass sie erst mal was Frauähnliches aus sich machen müssen, um zum Spiel zugelassen zu werden, und die, die sich wissentlich disqualifizieren, aus der Wahnvorstellung heraus, dass es um was anderes ginge als um das Spiel. Das ist die Wahrheit, mein Freund, die bittere Wahrheit. Und ich hab sie entdeckt. Und das Spiel ist schon kompliziert genug, also komm mir jetzt nicht mit Differenzierungen und Subtilitäten. Du weißt, dass ich recht habe. Und ich bin kein Sexist oder Rassist oder so. Für Negerinnen gilt, was mich angeht, genau dasselbe.

Die idealen Frauen sind Männer. In ihren Versuchen, verführerische Frauen zu mimen, müssen sie übertreiben. Sie transformieren sich in Aufblaspuppen aus Titten und Schwellkörpern, die Parodie eines Vamps – und genau das ist sexy: Sie kennen ihre Bestimmung genau. Doch solche Frauen gibt es nicht. Obwohl ich sie ab und zu schon gesehen habe, nachts in der Nähe des Hafens, am Straßenrand bei der Auffahrt zur Sopraelevata. Und später noch einmal zwei in der Nähe des Bahnhofs Principe. Wo genau, habe ich vergessen, und ich konnte sie nicht mehr finden, auch nicht am Hafen. Vielleicht war ich aber auch immer zur falschen Zeit dort.

6

Aber inzwischen hatte ich also, mal ganz hart gesagt, ein amputiertes Frauenbein im Haus. Wenn man’s genau nahm. Obwohl ich natürlich so schnell wie möglich eine Lösung finden musste, bevor es komisch zu riechen begänne, war das auf merkwürdige Art auch erregend. Früher als sonst ging ich jetzt immer nach Hause. Und holte das Bein nicht aus dem Schrank. Stundenlang konnte ich mich damit beschäftigen.

Da fiel mir etwas ein. Irrte ich mich auch nicht? Nein, ich irrte mich nicht. War ich mir sicher? Ganz sicher. Ich hatte nur den Strumpf angefasst. Das geile Stück nackten Oberschenkels über dem Strumpfband hatte ich nicht berührt. An das Gefühl hätte ich mich erinnert. Sofort überkam mich ein fast unüberwindliches Sehnen, das nachzuholen – doch das war jetzt nicht das Thema. Mir ging auf, dass ich alle Fingerabdrücke und DNA-Spuren komplett tilgen könnte, wenn ich den Strumpf nur vom Bein zöge.

Das war ein genialer Plan. Nein, nicht erregend, in erster Linie vernünftig. Und dann noch erregend. Das sind die besten Pläne. Erregend und vernünftig. In umgekehrter Reihenfolge, aber darum ging es jetzt nicht. Darum geht’s nie, außer dass die Frage, ob etwas erregend ist, ohnehin fast immer Priorität hat, und die, ob es gleichzeitig vernünftig ist, in den Hintergrund drängt, um höchstens nachträglich mit einigen Tricks und Finten als Rechtfertigung positiv beantwortet zu werden, was nicht einmal wirklich zu bedauern ist, da dieser nur allzu menschliche Mechanismus in hohem Maße zur Aufrechterhaltung der menschlichen Art beiträgt.

Ich fasele vor mich hin, ich weiß. Ich war nervös. Ich öffnete den Schlafzimmerschrank. Als holte ich, weiß behandschuht, ein zerbrechliches elfenbeinernes Artefakt aus dem Schließfach, um es einem von fern angereisten Wissenschaftler zur Verfügung zu stellen, oder als schöpfte ich zartes, empfindliches Seegras von der Oberfläche eines vergessenen, spiegelglatten Teichs mit unergründlichen Tiefen, so holte ich das Bein aus dem Schrank und legte es auf den Tisch. Kurz gesagt: langsam und vorsichtig. Die pompösen Vergleiche dienen nur zum Aufrechterhalten der Spannung. Okay, nicht nur. Mit einigem guten Willen können sie auch meine vor Ehrfurcht bebenden Hände symbolisieren.

Ich streichelte die Rundungen ihres Fußes: die Ferse, den Spann und den Knöchel. Sanft drückte ich jeden Zeh. »Was für kleine Zehen du hast«, sagte ich. Sie begann zu kichern. Es kitzelte. Mit dem Handrücken fuhr ich ihr übers Schienbein. Ein eingerissener Fingernagel blieb an ihrem Strumpf hängen. »Entschuldigung.« Mein Zeigefinger folgte dem zarten Relief ihres Knies. Meine Hand fuhr hinab zur sanften, verletzlichen Haut der Kniekehle, wo ich einen Moment lang verweilte, um den Mut zu finden, mit der ganzen Hand ihre Wade zu greifen. Der schwellende Muskel füllte meine ehrfürchtige Pratze wie eine Brust. Schelmisch und schüchtern, fest und geschmeidig, stämmig und süß, lag sie leicht in meiner Hand, in die sie genau passte. Wir waren füreinander geschaffen. »Das sagst du bestimmt jeder Frau.« Ich antwortete nicht. Quälend langsam kroch meine Hand die Innenseite ihres Schenkels empor. Sie begann zu stöhnen. »Was machst du mit mir?«, wisperte sie leise. Doch ich machte nichts. Mit kleinen, zerstreuten Bewegungen friemelte ich an ihrem Strumpfband herum. Dann bestieg ich den wogenden Hügel ihres Schenkels, Fingerspitzen und Daumen in den untiefen, kaum wahrnehmbaren Grübchen zu beiden Seiten. Sanft und vorsichtig begann ich zu kneten. Das mochte sie. Sie machte Geräusche wie ein schnurrendes Kätzchen. Und während meine Hand wie ein hungriges Tier höher und höher kroch, begann sie immer lauter zu stöhnen.

Wo der Strumpf endete, hielt ich abrupt inne. Mit der Präzision eines Chirurgen nahm ich das Band zwischen Daumen und Zeigefinger, und ohne die Haut zu berühren, pellte ich den Strumpf nach und nach von dem immer nackteren Bein. Ich entblößte die bronzefarbenen Schenkel, ihr rundes, goldiges Knie, ihr spiegelglattes Schienbein, ihre vorwitzig schwellende Wade, ihren Knöchel, wie von einem Bildhauer geschaffen, wo ich einen Moment innehielt, um die Richtung zu ändern und mit einem eleganten Manöver mein Werk zu vollenden, so dass ihre Ferse schließlich befreit dalag, ihr sich wölbender Spann und die kichernden Zehen. Ich legte den Strumpf neben sie auf den Tisch. Sie zitterte, doch nicht vor Kälte. Die winzigen, kaum sichtbaren blonden Härchen standen steil aufrecht. Sie seufzte tief und drehte das Bein zur Seite, um es mir leichter zu machen. »Bitte«, flehte sie flüsternd. »Ja«, antwortete ich. Ich küsste sie auf den Mund und kam.

7

Und so hatte ich alles vermasselt. Verdammt, was für ein Idiot ich doch war! Ein dicker Kodder Sperma auf einem amputierten Frauenbein, genau die Art Spuren, nach der Forensiker sich die Finger lecken! Mit der Erkenntnis, dass ein Mann in diese unappetitliche Affäre verstrickt war, bekam man auch gleich einen deutlichen Hinweis auf das Motiv. Und versuch angesichts solch schlagender Beweise mal mit der Erklärung zu kommen, du hättest das Bein nur zufällig auf der Straße gefunden, während eines Blackouts bei einem Gewitter, und der Kodder stamme nur daher, dass sie, nachdem du ihr den Strumpf vorsichtig ausgezogen hättest, seufzend ihr Bein gespreizt und dir ihre Zustimmung in Ohr gehaucht hätte. »Sie müssen mir glauben, Euer Ehren, ich schwör’s, so ist es gewesen!«

Ich lebe zu viel in meiner Phantasie. Jetzt siehst du, was einem das einbringt. Probleme. Sperma auf einer abgerissenen und verfaulenden Gliedmaße. Was für eine Situation! Eine Demütigung. Wie konnte ich mich nur so gehenlassen! Nun gehört es zwar zu meinem Beruf, mir möglichst lebendige Vorstellungen von den Gedanken und Beweggründen anderer Menschen zu machen, um notfalls aus dem Nichts nach meinem Bild Figuren zu schaffen und von ihnen auf Papier ein glaubwürdiges Porträt wie aus Fleisch und Blut entstehen zu lassen, das heißt aber nicht, dass ich auch jenseits des Schreibens an meine Hirngespinste glauben und ein Bein mir genügen müsste, mir das andere gespreizt daneben zu denken und eine willige Geliebte zusammenzuseufzen, mit der ich mich stöhnend vereinige. Das bringt mich noch mal in Schwierigkeiten. Mehr noch, es war bereits geschehen.

Ich kam zu dem Schluss, dass ich mich des Beins so schnell wie möglich entledigen müsse. Zuerst jedoch hatte ich es natürlich gründlich zu reinigen. Nackte Haut ließ sich gut waschen, besser als Haut, die in Nylon gehüllt ist. Das sagte ich mir, um meinen Handlungen eine gewisse Logik abzugewinnen und den Striptease des Stumpfs wenigstens nachträglich mit einer rationalen Rechtfertigung zu versehen. Ich stellte das Bein unter die Dusche. Ein seltsamer Automatismus, wenn ich das Wort hier benutzen darf für etwas, was ich noch nie getan hatte und mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auch nie wieder tun würde. Genaugenommen war es ein Ding, und Dinge wäscht man über dem Waschbecken, aber offenbar fand ich, dass ein Bein unter die Dusche gehörte, als sei es noch immer Teil einer Frau.

Da merkte ich, dass ich sie vermissen würde. Ich zog mich aus und stellte mich zu ihr – als zärtliche Geste, wie gemeinsames Duschen nach dem Sex. Ich wusch sie sanft, sorgfältig und konzentriert. Es war unser Abschied. Danach nahm ich einen Müllbeutel und zog ihn über das Bein, ohne die frisch gewaschene Haut zu berühren. Ich knotete den Sack fest zu, zog mich an, ging aus dem Haus und warf ihn in den Container mit Bauschutt. Ich war in der Tat etwas schwermütig.

8

Come si deve. Wenn ein Konzept Italien als Ganzes, soweit es das gibt, charakterisiert und zur übergreifenden Einheit zusammenschweißt, dann jenes, dass alles so sein muss, wie es sich gehört. Natürlich hat jeder seine eigenen Vorstellungen davon, doch einig sind sich alle in diesem Prinzip: Alles muss so sein wie seit jeher, und zwar nicht notwendigerweise, weil es so gut ist, sondern weil es sich nun mal so gehört. Das beste Beispiel hierfür ist die Küche. Jede Region, jede Provinz, jede Stadt, ja, jede Straße hat ihre eigene Vorstellung davon, wie etwa Spaghetti al ragù schmecken müssen. Sogar verschiedene Namen hat man dafür. Einer Meinung jedoch sind sich alle darüber, dass es so schmecken muss, wie es immer geschmeckt hat. Kreativität bei Köchen wird nicht geschätzt. Der Koch hat ein Fachmann zu sein, wie der Schuster, kein Künstler. Der beste Koch – wie auch Schuster – ist der, der einen nicht mit Überraschungen konfrontiert. Darum isst man in Italien auch immer so gut. Und darum haben sie dort so gute Schuhe.

Diesem Konzept folgt in Italien das ganze Leben, von der Wiege bis ins Grab. Du wirst geboren, wächst auf, heiratest und gründest eine Familie, bekommst Kinder, die ebenfalls aus dem Haus gehen, sobald sie verheiratet sind, und dann stirbst du. Weihnachten isst du Panettone und zu Ostern gebratenes Lamm. Im August fährst du ans Meer. Alle großen Städte Italiens sind im August wie ausgestorben. Kein Geschäft hat mehr offen. Einen Monat lang kann man in Genua kaum die grundlegendsten Lebensbedürfnisse stillen. Im gesamten Zentrum haben nur noch zwei Tabakläden geöffnet, ein Zeitungskiosk und ein Spirituosengeschäft – wenn man Glück hat. Und die muss man erst mal finden. Touristen irren verstört zwischen heruntergelassenen Rollläden herum. Die Bürgermeisterin dringt auf gesetzliche Maßnahmen, ganz zu Recht, aber versuch mal, was daran zu ändern, denn alle fahren im August ans Meer, und nicht im Juni oder Juli, was viel vernünftiger wäre, weil dann am Strand wenigstens Platz ist und Hotels und andere Einrichtungen nur die Hälfte von dem kosten, was man im August dafür hinlegen muss. Das aber wäre nicht come si deve.

Es ist ein Leben nach dem liturgischen Kalender jährlich wiederkehrender Familienfeste, Familienausflüge, Geburtstage, Namenstage, Auswärts- und Heimspiele, Vorrunden und ersehnter Finale. Eine Spirale, die nach siebzig oder achtzig Umdrehungen endet, mit einer Traueranzeige auf der grauen Wand der Kirche, formuliert und gestaltet wie alle anderen Anzeigen. Stolz und dankbar blickt man auf ein reiches, erfülltes Leben zurück, das genauso verlief wie alle anderen Leben, in denselben Straßen, auf denselben Plätzen, in denselben Häusern und an denselben Stränden, mit Frühstück um halb acht, pranzo um halb eins und cena um neun, gesegnet mit Kindern und Enkeln, die alles genauso tun werden. Stanno tutti bene. Tutto a posto. Come si deve.

Neulich habe ich eine Dame gesehen, die dieser Vorstellung bis aufs i-Tüpfelchen folgt. Ich sehe sie überall, denn sie ist immer im richtigen Moment am richtigen Ort. Sie frühstückt im Caffè del Duomo auf der Via San Lorenzo. Sie luncht im Capitan Baliano auf der Piazza Matteotti. Pünktlich um sechs kommt sie zur Bar mit den Spiegeln und trinkt ihren Aperitif. Sie nimmt ein Glas Prosecco und dann noch eins. So sagt sie das auch immer, wenn sie bestellt: »Dann mal noch einen Prosecco!« Als würde das irgendwen überraschen. Nie jedoch würde sie einen dritten bestellen. Auch das sagt sie immer: »Nie drei Prosecco zum Aperitif. Zwei sind genug.« Eine Modell-Italienerin in jeder Hinsicht. In keinem anderen Land der Welt könnte ich sie mir vorstellen. Sie ist so come si deve, dass sie außerhalb ihrer Heimat verwelken würde, absterben wie ein Baum, den man aus seiner natürlichen Umgebung verpflanzt hat. Samstags verabredet sie sich mit einer Freundin, um genau im richtigen Moment am richtigen Tag im richtigen Etablissement Pizza zu essen. Sie kommt genau eine Viertelstunde zu spät und ihre Freundin exakt noch eine Viertelstunde später. Dann folgt das Ritual von Entschuldigungen der spät Eingetroffenen, Entschuldigungen, die von der weniger zu spät Gekommenen stets resolut für unnötig erklärt werden. Ein eisernes Muster, das sich auf die Sekunde genau wiederholt, jedes Mal, Woche für Woche, Jahr für Jahr, Generation für Generation.

Zwei Tage die Woche kümmert sie sich um ihre Enkelin, eine gefeierte dreijährige Diva. Sie ist rothaarig und heißt Viola. Das weiß ich, weil alle sie andauernd rufen. Auch ihre Großmutter. Egal, was das Mädchen tut, ihr auf den Schoß klettern, vom Schoß wieder herunter, um den Sonnenschirm herumlaufen, mit dem Finger in ihrem Prosecco rühren, jedes Mal ruft sie: »Nicht, Viola!« Als Aperitif bekommt das Mädchen acqua frizzante mit einem Strohhalm und ein Schälchen patatine – wie heißt das gleich wieder bei uns? – ach ja: Chips. Dann sagt sie: »Guck mal, Viola: da ist der Viola-Aperitif!«