Informationen zum Buch

Es wird ja immer hochdeutscher

Mache sagen, Sächsisch sei der schönste deutsche Dialekt, andere behaupten das Gegenteil. Zweifelsfrei hat das Sächsisch den meisten Witz. Seit Jahrzehnten pflegt Bernd-Lutz Lange das sächsische Humorerbe als Sammler, Chronist und Kabarettist. Im vorliegenden Buch legt er seine sächsischen Lieblingswitze vor. Zugleich hat er einen Beitrag über den sächsischen Humor geschrieben, in dem er auf äußerst launige Weise die unverwechselbaren Besonderheiten seiner umtriebigen Landsleute untersucht. Früher wie heute gilt: Dialekt und Witz begehren gegen die herrschende Hochsprache, ja, gegen die herrschende Macht auf.

Bernd-Lutz Lange

Teekessel und Othello

Meine sächsischen Lieblingswitze

Mit Zeichnungen von Lothar Otto

Inhaltsübersicht

Informationen zum Buch

Der Witz der Sachsen

Der Sachse im Alltag

Von Liebe und Ehe

Der Sachse liebt die Kunst

Im Kaffeehaus und im Lokal

Unterwegs

Der brave Soldat Pietzsch

Teekessel und Othello

Der Sachse in der DDR

Sächsische Miniaturen

Schlußbemerkung

Über Bernd-Lutz Lange

Impressum

Wem dieses Buch gefallen hat, der liest auch gerne …

Der Witz der Sachsen

Also eins sei erst einmal vorsichtshalber gesagt (damit sich niemand auf seinen regionalen Witzschlips getreten fühlt …): Natürlich weiß ich, daß es überall in Deutschland humorvolle Menschen gibt. Aber der sächsische Witz besitzt tatsächlich einige Besonderheiten. Das hat mitunter historische Gründe. Lesen wir, was Professor Lutz Röhrich (der Mann stammt aus den alten Bundesländern!) über unsere Eigenschaften schreibt:

»… Sachsen war ein Hauptort der Aufklärung … So hat der Sachse eine Neigung, verstandesmäßig an die Erscheinungen des Lebens heranzukommen. Er fragt immer nach den Gründen für die Erscheinungen. Über alles sucht er sich ein Urteil zu bilden. Dabei gibt es für ihn nichts Absolutes; alles hat nur einen relativen Wert.«

Diese Aussage erinnert mich an einen jüdischen Witz. Was die Juden der Welt gaben: Moses – das Gesetz, Jesus – das Gewissen, Marx – das Bewußtsein, Freud – das Unterbewußtsein, und Einstein sagte:

»Alles ist relativ.«

Sächsischer Witz verfügt neben einem Humor, der etwas »um die Ecke geht«, weiterhin über eine große Portion Selbstironie, und diese beiden Eigenschaften sind auch die beste Voraussetzung dafür, daß wir Sachsen tatsächlich viele gemeinsame Witze mit den Juden haben. Ich habe über die Jahre viele Sammlungen sächsischen und jüdischen Humors zusammengetragen, und irgendwann entdeckte ich, daß einige Erlebnisse im Alltag sowohl Herrn Kretzschmar als auch Herrn Mandelbaum widerfahren waren. Diese zufällige Entdeckung fand ich in dem Buch »Der Witz« von Professor Lutz Röhrich bestätigt: »… viele sächsische Witze sind ursprünglich tatsächlich jüdische Witze.«

Nun will ich Sie aber erst einmal über den Titel dieses kleinen Buches aufklären. Als Nichtkenner eines unserer Witz-Klassiker werden Sie sich gefragt haben, was denn ein »Teekessel« mit »Othello« gemeinsam haben soll …?

Was ist der Unterschied zwischen beiden?

Ganz einfach: Beim Deegässl, da sieded dähr Dee. Und beim Odhello, da deeded dähr sie.

Als Nichtsachse müssen Sie das unbedingt laut lesen, damit sich Ihnen sowohl der Unsinn als auch der Wohlklang der sächsischen Sprache völlig erschließt.

Sächsischer Humor verfügt bis heute über eine absurde Komponente. Der Redakteur Matthias Bartl überschrieb die Besprechung des Programms »ZWEIFEL LOS« des Kabarett-Duos Böhnke/Lange mit »Saggsn zwischen Dada, Dialekt und Dialektik«.

Diese Formulierung hat Gunter Böhnke und mich hoch erfreut, denn wir empfanden sie als höchstes Lob.

Die Witze und sächsischen Miniaturen, die Sie in diesem Band finden, stammen aus den letzten hundert Jahren. Gott sei Dank, ist dem Volk der Witz nie ausgegangen. Jeder weiß, daß Humor nicht nur lebens-, sondern sogar überlebenswichtig ist. Zu allen Zeiten!

Nun ein grundsätzliches Wort zu unserem mitunter geschmähten Dialekt. Was oft doch ziemlich unbekannt ist (nicht nur in den alten Bundesländern) und was sich heute kaum noch ein Mensch vorstellen kann: Sächsisch war zeitweise quasi die Hochsprache!

Ja! Nun lachen Sie nicht!

In welches Deutsch hat denn Luther die Bibel übersetzt? Na? Und jetzt kommt ein Zitat von ihm, daß Sie in den Sessel drückt:

»Ich rede nach der Sechsischen cantzley, quam imitantur omnes duces et reges Germaniae; alle reichstette, fürstenhöfe schreiben nach der Sechsischen cantzeleien unser Churfürsten. Ideo est communissima lingua Germaniae.«

Der letzte Satz bedeutet nicht etwa, daß Deutsch die Sprache des Kommunismus ist, sondern – wie ich mir habe sagen lassen – deswegen ist quasi dieses »sechsisch« die allgemeine Sprache Deutschlands.

Was sagen Sie nun?

Schließlich hat Goethe ja vor allem in Leipzig studiert, um die Hochsprache kennenzulernen! Wenn es in der folgenden Zeit andersrum gekommen wäre, würden heute im Bundestag die Reden auf Sächsisch gehalten. Auf den Inhalt würde sich dies aber auch nicht auswirken … Vor hundert Jahren wurde in unserem Dialekt auch fleißig Heiteres gedichtet. Zum Beispiel von einem Mann namens Georg Boetticher. Sein Sohn hat ihn als Schriftsteller meilenweit überrundet. Er brillierte als großer Poet mit besonders hintergründigem Witz und heißt Joachim Ringelnatz.

Ein Dresdner Schriftsteller warnte jene Leute, die sich über unseren Dialekt lustig machten:

»Ich habbs nich gerne, wennse driewer lachn.

Da bin ich komisch, weil ichs gar nich bin.

Sie denkn bloß, mit uns, da kennses machn.

Kommse nur hin.«

Und da ein Sachse bekanntlich nicht nur »helle und heeflich«, sondern auch »heemdigsch« sein kann, artet sein Gedicht sogar in einer unverhohlenen Drohung aus:

»… Wir sinn nich so gemiedlich, wie wir schbrechn.

Wir hamm, wenns sein muß, Dinnamit im Bluhd.

Da kennse Gifd droff nähm, daß wir uns rächn!

Na, Ihr Gesichde merkd sich ja ganz guhd …«

Erich Kästner schrieb jene Zeilen ins Stammbuch der Sachsen-Spötter.

Die sächsischen Klassiker und die Balladen der Leipziger Mundartdichterin Lene Voigt waren in den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts in allen deutschen Landen beliebt. Und das ist bis heute so geblieben. Hans Reimann, ebenfalls Messestädter, schrieb unter anderem die klassischen Anekdoten vom »Geenich« und glänzte auch in seinen anderen Werken mit hintergründigem, manchmal auch boshaftem Humor.

All diese Leute haben jenen besonderen Witz weitergegeben. Und wenn man sich überlegt, daß selbst Heinrich Zille und Karl Valentin eine sächsische Mutter hatten … so bezogen also die größten Vertreter des Berliner und des bayrischen Humors ihren »Mutterwitz« auch aus unserer Region.

In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gab es in Deutschland eine ganze Reihe mehr oder weniger bekannter Humoristen aus Sachsen, die auf Kleinkunstbühnen auftraten. Der bekannteste war wohl seinerzeit der Komiker Paule Beckers mit seinem beliebten Solo über das »Blääädbrääd«.

Was mag das sein? Ganz einfach, in Sachsen nennt man das Bügeleisen auch die »Blädde«, und dort, wo das Hemd während des Bügelns liegt, das ist eben das »Blääädbräääd.«

Beckers spielte in sechzig UFA-Filmen mit. Sein Enkel hat die Gene des Großvaters geerbt. Meigl Hoffmann arbeitet in Leipzig als Kabarettist. Er pflegt – neben seinem aktuellen politisch-satirischen Programm – auch entsprechendes Kulturerbe. »Laß dir bloß die Nase ändern« heißt ein Programm mit Liedern des unvergeßlichen und immer aktuellen Otto Reutter. Mit dem trat seinerzeit sein Großvater im Berliner Wintergarten auf. So schließt sich der Kreis – wenn das der Opa wüßte …!

So manche deutschlandweite Humoristen-Karriere begann übrigens damals im Leipziger Krystallpalast. Auch ein Auftritt der »comedian harmonists« in ihrer Frühzeit stellte hier wichtige Weichen für die Zukunft.

Der letzte sächsische Komiker in der alten Tradition war zweifellos Eberhard Cohrs, der in den fünfziger und sechziger Jahren wahre Triumphe feierte. Zu DDR-Zeiten waren der Dresdner und die ebenfalls von dort stammenden »Vier Brummer« ein Renner.

Der Leipziger Manfred Uhlig, einst auch »Pfeffermüller«, war DDRweit als einer der drei »Dialektiker« in der Fernsehsendung »Ein Kessel Buntes« und wegen seiner Radiosendung »Alte Liebe rostet nicht« sehr beliebt und bekannt. Und ist immer noch humoristisch aktiv!

Die frechen Soloconferenzen des in Elbflorenz lebenden O.F. Weidling liebten die Ostdeutschen besonders. Der Mann segelte immer hart am politischen Wind, bis ihm dann eines Tages Genosse Mittag und Konsorten den Stöpsel aus dem Boot zogen.