Informationen zum Buch

Eine Razzia
Eine Entführung
Eine gefährliche Rettung

Elli Rathke, Ermittlerin bei der Polizei in Oslo, lernt bei einer Drogenrazzia einen jungen Afrikaner kennen, der aus Uganda stammt und eine unglaubliche Geschichte zu erzählen hat. Er habe zu einer Rebellengruppe gehört und sei geflohen. Diese Truppe habe auch einen Norweger entführt. Wenig später geht bei der norwegischen Botschaft in Kampala eine Nachricht ein: »Die gierigen Norweger sollen endlich bezahlen.« Die Geschichte der Entführung scheint zu stimmen – und die Behörden bitten ausgerechnet Elli zu ermitteln.

Ein neuer packender Roman mit der ungewöhnlichsten Ermittlerin Norwegens.

Eystein Hanssen

BLUTGELD

THRILLER

Aus dem Norwegischen
von Gabriele Haefs
und Andreas Brunstermann

Inhaltsübersicht

Informationen zum Buch

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Kapitel 47

Kapitel 48

Kapitel 49

Kapitel 50

Kapitel 51

Kapitel 52

Kapitel 53

Kapitel 54

Kapitel 55

Kapitel 56

Kapitel 57

Kapitel 58

Kapitel 59

Kapitel 60

Kapitel 61

Kapitel 62

Kapitel 63

Kapitel 64

Kapitel 65

Kapitel 66

Kapitel 67

Kapitel 68

Kapitel 69

Kapitel 70

Kapitel 71

Kapitel 72

Kapitel 73

Kapitel 74

Kapitel 75

Kapitel 76

Kapitel 77

Kapitel 78

Kapitel 79

Kapitel 80

Kapitel 81

Kapitel 82

Nachwort des Autors

Über den Autor und die Übersetzer

Impressum

Wem dieses Buch gefallen hat, der liest auch gerne …

Kapitel 1

Otto Kamperud wusste nicht mehr, wie oft er den Mann, der ihm auf dem roten staubigen Weg entgegenkam, bereits getroffen hatte. Wie eine Schlange wand sich der Pfad durch die fruchtbare südsudanesische Landschaft. Disciple kam immer zu Fuß. Otto hatte ihn nie ein Fahrzeug benutzen sehen, nicht einmal ein Fahrrad, und nie trug er eine Schusswaffe bei sich.

Nur die Machete.

Jetzt war es September 2011. Seit ihrer ersten Begegnung waren fast zwei Jahre vergangen. Zu Beginn waren beide übernervös gewesen, doch das hatte sich als unbegründet erwiesen, und im Laufe der Verhandlungen hatte sich eine Art Vertrauensverhältnis entwickelt.

Otto sah in den rötlichen Himmel. Dieser Tag würde genau so warm werden wie der Tag zuvor. Nach all den Jahren in Afrika hatte er sich an das heiße Klima gewöhnt, aber dennoch war er auf große Mengen Sonnencreme angewiesen und suchte ständig nach Schatten oder einer Klimaanlage.

Sie befanden sich an der Grenze zwischen dem Südsudan und dem Kongo, und Otto hatte seine ruandische, von belgischen Offizieren ausgebildete Schutztruppe dabei. Der Anführer der Einheit war Sergeant Mertens. Die Ruander führten alle möglichen Akkreditierungsunterlagen von den lokalen und zentralen sudanesischen Behörden mit sich, mit Sicherheit auch Papiere der UN, doch in Wirklichkeit waren sie nichts anderes als Söldner.

Der Guerillaführer kam immer mit fünf Männern seiner Truppe zum Treffpunkt. Otto wurde von ebenso vielen Sicherheitsleuten begleitet sowie von seiner Assistentin Charlotte Gabon.

Otto Kamperud musterte seinen Verhandlungspartner. Guerillaführer Simon Peter Disciple hatte gesagt, sein Name unterstreiche seine Verbundenheit mit Gott, und er verlangte, ausschließlich mit Disciple angesprochen zu werden. Alles, was er tat, beruhte nach eigener Aussage auf dem Willen des Herrn. Während ihrer zahlreichen gewalttätigen Überfälle im Dreieck zwischen Uganda, dem Kongo und dem Südsudan hatten Disciple und seine Guerilla, die God’s Freedom Fighters (GFF), mehr als zwanzig Jahre lang die Zivilbevölkerung vergewaltigt, gefoltert und getötet. Die sporadischen Angriffe der Guerillatruppe im Grenzgebiet der drei Länder waren bisher nicht sehr weit oben auf der Dringlichkeitsliste der UN gelandet. Daher finanzierte Norwegen die Initiativen der Organisation Human Light, für die Otto Kamperud arbeitete.

Disciple war neunundvierzig Jahre alt, dünn, nicht besonders groß und hatte eine außerordentlich ruhige Wesensart. Seine Stimme klang nasal und beherrscht. Wie immer trug er Militärkluft: eine amerikanische jungle fatigues-Jacke, die entsprechende Hose schien chinesischen Ursprungs zu sein. Noch immer verstand Otto nicht, wie dieser Mann für all die begangenen Grausamkeiten verantwortlich sein und dabei gleichzeitig als frommer Verkünder der Lehre Gottes auftreten konnte.

Sie begrüßten einander, und Otto führte Disciple in das am frühen Morgen aufgeschlagene Zelt. Einer von Disciples Kommandanten gesellte sich dazu, ebenso Charlotte.

Disciple setzte sich neben Otto und lächelte ihn an. »You have air time for me, man?«

Wie immer. Der Umschlag mit der GSM-SIM-Karte für den Guerillaführer. Otto Kamperud war vorbereitet.

»I have, commander. Lots of air time«, erwiderte Otto und deutete auf seine Aktentasche.

Disciple warf einen Blick darauf. »Sie enttäuschen mich nie, Otto.«

»Wir kennen uns ja inzwischen ganz gut«, sagte Otto freundlich.

Beide Männer lächelten. Otto zeigte auf das Essen, das auf dem Tisch bereitstand. »Bedienen Sie sich endlich«, sagte er und nickte Disciple und seinem Stellvertreter General Okemba zu, einem fast zwei Meter großen, beleibten Ugander.

Die Männer ließen sich Tandoorihühnchen, Reis und Bier schmecken. Otto warf einen schnellen Blick auf die Uhr. Es war 8.30 Uhr; sie hatten eineinhalb Stunden Zeit, ehe Disciple darauf beharren würde, wieder zurück in den Dschungel zu gehen. Schon jetzt spürte Otto die drückende Hitze im Zelt – die Temperatur musste bei weit über dreißig Grad liegen. Otto nahm den strengen Geruch von Schweiß wahr. Wenn sie Glück hätten, würden sie sich heute in drei oder vier Punkten einigen können.

»Carlsberg …«, sagte Disciple mit Kennermiene und nahm ein paar große Schlucke des kalten Bieres.

Diskret wurde ein Dokument vor Otto auf den Tisch gelegt. Charlotte hatte einen Ausdruck der letzten aktualisierten Informationen und Stichpunkte vorbereitet. Sie stammte aus dem nördlichen Teil Ugandas und war eine der wenigen Acholi, die in Kampala ein Studium absolviert hatten.

»Oprah ist wie immer effizient«, bemerkte Disciple.

Charlotte erinnerte nicht wirklich an Oprah Winfrey, aber Disciple hatte ihr diesen Spitznamen gegeben, weil sie eben, wie er sagte, eine Ausbildung hatte. Und wenn die GFF in Uganda erst an die Macht kam, sollte sie ihre eigene TV-Show bekommen. Disciples Blick musterte sie abschätzend. »Überlassen Sie mir Oprah, dann legen wir die Waffen für immer und ewig nieder«, sagte er und sah Otto mit ernstem Ausdruck an. Der erwiderte seinen Blick mit gleicher Miene. Dann brachen beide Männer in lautes Lachen aus.

»Frauen mit Universitätsausbildung passen nicht zu den GFF. Sie weigern sich, den Abwasch zu machen«, sagte Otto.

Wieder erscholl lautes Gelächter.

»Also, haben Sie den Umschlag für mich?«, fragte Disciple unvermittelt. »Air time?«

Normalerweise drängte Disciple erst gegen Ende eines Gesprächs darauf, wenn sie noch einmal zusammenfassten, worauf sie sich geeinigt hatten. Otto blickte schnell zu Charlotte hinüber. Sie tippte zweimal kurz mit dem kleinen Finger auf den Tisch. Für jeden, der das Zeichen nicht kannte, wäre die Geste unbemerkt geblieben, Otto aber verstand, dass sie ebenfalls nicht wusste, warum es Disciple so eilig hatte.

»Heute so schnell?«, fragte Otto.

»Wollen Sie nicht, dass wir weiterkommen?«, entgegnete Disciple.

»Selbstverständlich. Aber sollten wir nicht noch einmal die Punkte durchgehen, die wir beim letzten Treffen diskutiert haben? Wir hatten die Bedingungen für eine Waffenruhe fast schon geklärt, und einen Großteil des Entwurfs für den International Criminal Court. Darin drängen wir darauf, dass man auf die Vorladung verzichtet und Sie zu einem freien Mann gemacht werden. Aber es gibt noch einige Formulierungen und Punkte, über die wir uns einigen müssen.«

Disciple musterte Otto mit einer Selbstsicherheit, die dem Norweger von früheren Begegnungen nicht bekannt war.

»Diese Treffen folgen doch immer demselben Muster«, sagte Disciple. »Erst ein paar Höflichkeitsphrasen, dann ein wenig Hin und Her mit dem Entwicklungshilfe-mumbo jumbo«, fügte er hinzu und sah Otto mit schräg gelegtem Kopf fragend an, »und noch bevor sich die Diskussion um einzelne Details dreht, kommt der Umschlag auf den Tisch, so wie es immer der Fall ist. Und am Ende einigen wir uns auf ein paar weitere Punkte.«

Otto gefiel es nicht, wie sich die Unterhaltung entwickelte. Disciple wirkte aggressiv. Für gewöhnlich war er es nicht.

»Zeigen Sie mir den beschissenen Umschlag, Otto«, fauchte Disciple. »Deshalb sind wir doch hier. Ich bekomme die SIM-Karte, und Sie und Oprah erhalten zwei neue Tagesordnungspunkte für Ihr tolles Dokument.«

Disciple lächelte. Wie üblich wusste Otto nicht, ob das Lächeln spöttisch oder echt war. Er kochte innerlich, hielt seine Wut aber im Zaum. Seine Gedanken drifteten zurück zu dem Treffen in der norwegischen Botschaft vor zwei Jahren; er hätte begreifen müssen, dass nichts Gutes aus diesem Verhandlungsprojekt herauskommen würde, und hätte den Job als Vermittler ablehnen sollen.

»Glauben Sie, wir sind eine Service-Organisation?«, fragte er entnervt.

Disciple antwortete mit einem lauten Lachen. »Ich weiß, dass Human Light eine Service-Organisation ist. Für das Land, aus dem Sie kommen. Für all die reichen Leute, die dort leben und durch das Erdöl dick und fett werden.«

Otto ließ Disciples Worte nachklingen und begriff, dass sie keine Wahl mehr hatten. In Charlottes Gesichtsausdruck fand er Bestätigung. Sie mussten dem Ganzen ein Ende machen.

Mit demonstrativer Miene sammelten Otto und Charlotte die Papiere ein und erhoben sich. Disciple blieb sitzen und bedachte sie mit einem höhnischen Lächeln.

»Unsere Entwicklungshelfer ziehen sich also zurück? Und wohin? Nach Norwegen?«

»Sie lassen uns keine andere Wahl«, erwiderte Otto resigniert.

Disciple hob eine Hand. Dann legte er sie ans Ohr und krümmte sie, als ob er versuchte, irgendeinem Geräusch zu lauschen. »Hören Sie dasselbe wie ich?«, fragte er aufgesetzt dramatisch.

Otto lauschte. Er hörte nichts anderes als die Geräusche aus dem Busch und schüttelte unsicher den Kopf. »Nein … was denn?«

Disciple legte den Kopf schräg. »Das Schicksal. Ich höre das Geräusch des Schicksals. Wenn Sie nichts hören, liegt das vielleicht daran, dass Sie gar kein Schicksal haben?«

Die Luft im Zelt schien sich zu verdichten. Mit einem Mal begriff Otto, dass all die Arbeit, die er geleistet hatte, um ein Vertrauensverhältnis zu diesem Kriegsherrn aufzubauen – die medizinische Hilfe, der sporadische und provisorische Schulunterricht für die gerade nicht im Kampf befindlichen Kindersoldaten, ja alle auf eine Änderung von Disciples Strategie gerichteten Verhandlungen –, irrelevant geworden war. »Ich verstehe nicht, worauf Sie hinauswollen«, versuchte er es.

Wie um Entschuldigung bemüht, hob Disciple die Hände. »Mein kluger Verhandlungspartner versteht nichts?« Mit einer plötzlichen Handbewegung riss er Ottos Aktentasche an sich. Langsam und akribisch durchforstete er deren Inhalt und zog schließlich den Umschlag hervor. »Da ist er ja!«, sagte Disciple mit einem steifen Lächeln. »Jetzt gehen wir zu mir nach Hause.«

Otto blickte ihn verdutzt an. »Wo…wovon reden Sie? Sie haben doch gar kein Zuhause?!«

Disciple beugte sich zu Otto vor. »Vielleicht nicht nach Ihrem Verständnis. Aber mein Zuhause ist da, wo meine Machete und meine jüngsten Frauen sind.«

Otto war ratlos. Was hatte Disciple eigentlich vor? Sie mussten weg, das wurde ihm deutlich klar. »Lassen Sie uns den Faden wiederaufnehmen, wenn Sie bereit dazu sind«, sagte er freundlich.

»Wer sagt, dass ich nicht bereit bin?«, fragte Disciple.

Ottos Magen zog sich zusammen. Er wusste nicht, was er entgegnen sollte.

»Vielleicht möchte ich ja auch gar nicht mehr verhandeln?«, sagte Disciple.

Alles passierte sehr schnell. Erst der Schlag mit dem Kolben von Okembas Kalaschnikow auf Ottos Schulter, dann das verzerrte Bild von Charlotte, die schreiend durch das Zelt geschleift wurde. Auf dem Boden liegend hörte Otto jemanden »Stopp« rufen. Gleichzeitig spürte er zwei starke Hände, die versuchten, ihn wieder auf die Beine zu ziehen.

Eine kurze Salve wurde abgefeuert. Dann noch eine. Und eine weitere. Immer zwei Schüsse. Sie waren kontrolliert und zielgerichtet und ließen vermuten, dass Mertens und seine Männer eingegriffen hatten. Die GFF hatten keine disziplinierten Schützen, was einen Sekundenbruchteil später durch das typische Rattern der Kalaschnikow bestätigt wurde, das alle anderen Geräusche übertönte.

»We need immediate back-up!«, brüllte Mertens irgendwo draußen vor dem Zelt in sein Funkgerät. Seine Leute mussten hinter dem Erdwall in der Nähe des Zelts in Deckung gegangen sein.

»Code red! Code red!«, rief Mertens.

Abermals hörte Otto drei oder vier schnelle Salven aus den Gewehren der Sicherheitsmannschaft.

Neben Otto schrie plötzlich jemand auf. Er drehte sich um und sah einen von Disciples Leibwächtern auf die Knie fallen. Mit enormem Druck spritzte Blut aus einer Schusswunde an seinem Hals. Der Mann stieß einen hässlichen, gurgelnden Laut aus, fiel wie ein Sack nach vorn und blieb liegen, während das Blut weiter aus seiner Vene sprudelte.

»Charlotte!«, rief Otto aus Leibeskräften, bekam aber keine Antwort.

Er hörte, wie ein paar GFF-Soldaten und Disciple einander auf Acholi etwas zuriefen, dann verschwanden sie aus dem Blickfeld der Zeltöffnung.

Irgendwo hinter Otto wurde eine weitere Kalaschnikowsalve abgefeuert. Otto rollte sich schnell nach rechts, bekam aber unmittelbar einen Stiefel ins Gesicht. Der Schmerz in der Nase war unerträglich, sie musste gebrochen sein.

Draußen waren weitere Salven zu hören, die in alle Richtungen abgegeben wurden. Otto wollte gern hinaussehen, folgte aber den Instruktionen, die vorsahen, dass er in solchen Fällen liegen blieb, bis er von Mertens’ Team evakuiert wurde.

Der scharfe Pulvergeruch drang Otto in die zerschmetterte Nase. Dann wurde es plötzlich still.

Totenstill.

Hatte Mertens den Weg freigeschossen? Otto hob den Kopf und blickte auf eine Wand aus Qualm.

Der Schusswechsel hatte plötzlich aufgehört. Otto registrierte, dass, abgesehen von Disciples Leibwächter, alle überlebt hatten. Charlotte schien unverletzt zu sein, doch Disciple hielt sie dicht an sich gepresst. Draußen vor dem Zelt verhinderte der dichte Qualm die Sicht. Mertens und sein Team hatten Rauchgranaten hochgehen lassen und die GFF so zu einer Unterbrechung der Schießerei gezwungen.

Disciple und Okemba erörterten irgendetwas auf Acholi. An ihren Gesten erkannte Otto, dass sich das Gespräch um ihn und Charlotte drehte. Für einen Augenblick erwog er loszustürmen, Charlotte mit sich zu zerren und mit ihr aus dem Zelt und in das Chaos aus Staub und Qualm zu flüchten, verwarf den Gedanken aber wieder. Denn falls sie nicht unmittelbar von Disciples oder Okembas Schüssen getroffen würden, liefen sie Gefahr, versehentlich von Mertens’ Team erschossen zu werden.

Aus einer Wunde an Charlottes Kopf tropfte Blut. Disciple hielt die Machete, die er immer bei sich hatte, an ihren Hals gedrückt. Nach eigener Aussage säuberte er die Waffe nie, denn jedes Mal verging viel zu wenig Zeit, ehe sie wieder erneut mit Blut besudelt wurde.

»Charlotte«, sagte Otto und versuchte, entschlossen zu klingen. »Wir finden einen Ausweg.« Mit ruhigen Bewegungen setzte er sich auf. Seine linke Hand stützte sich auf etwas Feuchtem ab. Er drehte den Kopf und sah, dass es das Blut des getöteten Guerillasoldaten war.

»Disciple …«, begann er behutsam, »… was passiert hier gerade?«

Disciple schnitt eine Grimasse. »Das hier …«, sagte er schweratmig und fuchtelte ziellos mit seiner Machete herum, »… ist das Produkt eurer europäischen Doppelmoral.«

Disciples dunkle Augen funkelten.

»Ihr Europäer wart immer gierig. Aber Gier verursacht nur noch mehr Gier. Ich schlage vor, wir beenden diese Verhandlungen und beginnen mit neuen. Solchen, die einträglicher sind.«

Otto schüttelte den Kopf. »Sie können doch nicht einfach … Was ist mit den Kindern in Ihrem Heer, die medizinische Versorgung brauchen, Schulunterricht … Was ist mit unseren Verhandlungen über Waffenruhe … Wir sind doch schon so weit gekommen, Disciple.«

»Wie rührend. Soll ich applaudieren? Aber jetzt halten Sie die Klappe, oder ich spieße Ihre Freundin hier direkt auf!«

Disciple fuhr mit der Machetenspitze an Charlottes Hals entlang. Otto hörte sie schluchzen und sah ein paar Blutstropfen aus einer kleinen Wunde treten.

»Das ist ein neues Spiel. Und ich bestimme die Regeln.«

Wo war Mertens?, dachte Otto verzweifelt.

Draußen konnte er einen der ruandischen Soldaten erkennen, der in einer unnatürlichen Stellung vor der Zeltöffnung lag. Seine Uniformjacke war am Rücken blutdurchtränkt.

»Von jetzt an tun Sie, was ich sage!«, rief Disciple entschieden. Mit der Machete stach er in die Zeltwand hinter sich und schnitt ein Loch hinein, das gerade groß genug war, um hindurchzuschlüpfen. »Wir werden diesen Ausgang nehmen, im Schutz des Qualms. Bis zu den Bäumen sind es etwa dreißig Meter. Ich gehe mit Oprah voran, ihr anderen folgt mir dichtauf. Verstanden?«

Charlotte kniff die Augen zusammen. Otto blickte Disciple verständnislos an. »Aber dann werden Sie erschossen!«

»Mag sein«, erwiderte Disciple knapp. »Aber ein paar Risiken muss man schon eingehen.«

Disciple stellte sich mit Charlotte an der Zeltwand auf. Der übriggebliebene GFF-Soldat tat es ihm nach, dann folgten Otto und schließlich General Okemba. Gerade als sich alle in Bewegung setzen wollten, spürte Otto, wie ihm eine warme Flüssigkeit in den Nacken spritzte.

Er drehte sich um und sah Mertens’ Hand, die sich auf einen Mund legte. Dann nahm Mertens die Hand wieder weg und ließ Okembas Leiche lautlos zu Boden gleiten. Otto registrierte, dass Mertens Okemba die Kehle durchgeschnitten hatte – erst ein seitlicher Stich in den Hals und dann ein gerader Schnitt, so dass die Luftröhre durchtrennt wurde.

Das Ganze hatte nur ein paar Sekunden gedauert. Dennoch hatte der Guerillasoldat vor Otto gemerkt, dass etwas nicht stimmte. Von der provisorischen Zeltöffnung aus griff er nach Otto, der aber geistesgegenwärtig zurückwich.

»Hey!«, rief der GFF-Soldat, hob die Kalaschnikow an und legte den Finger um den Abzug.

Otto nahm zwei laute Schüsse wahr. Gleich danach sah er das Blut, das sich wie eine rote Rose auf der Brust des Soldaten ausbreitete. Der Mann fiel zu Boden.

»Kommen Sie«, sagte Mertens. Sie stürzten ein paar Meter voran, glitten durch die Zeltöffnung und landeten in dem Chaos aus Qualm und Staub. Im selben Moment nahm Otto einen Lichtblitz wahr und spürte einen massiven Luftdruck. Dann folgte ein ohrenbetäubender Knall. Otto wurde von irgendeinem Gegenstand im Rücken getroffen und ging zu Boden. Verwirrt blieb er zwei Sekunden liegen und wusste plötzlich nicht mehr, ob er auf dem Bauch oder dem Rücken lag. In seinen Ohren dröhnte es infernalisch. Eine dichte Staubwolke war aufgewirbelt worden, die nun wie ein klebriger Belag in seinen Mund drang.

»Mertens!«, rief Otto hustend. Seine Stimme klang heiser und rau, das anhaltende Dröhnen in seinen Ohren übertönte sie fast vollständig. Sein Hals brannte. Er blieb noch ein paar Sekunden liegen und versuchte, sich zu orientieren. Schockgranaten. Noch immer kein Schusswechsel. Eine Hand fasste plötzlich nach ihm. Otto erschrak. Es war Mertens. »Wo sind Charlotte und Disciple?«, schrie Otto und würgte einen zähen Speichelklumpen hervor. Staub, Schleim und Blut.

»Suchen Sie uns?«

Die Stimme war unverkennbar.

Otto und Mertens drehten sich um und erkannten Disciples Silhouette. Er hatte seinen Arm fest um Charlottes Taille gelegt. Auf den staubigen Wangen der Frau zeichneten sich Tränenspuren ab.

Acht Guerillasoldaten scharten sich um Disciple und zeigten mit ihren Gewehren auf Otto und Mertens. Die GFF hatte also dieses Mal noch weitere Kämpfer in der Hinterhand, dachte Otto. Die Aktion war gut geplant. Warum schoss niemand auf sie? Dann wurde Otto klar, dass Mertens vermutlich der einzige Überlebende aus dem Sicherheitsteam war.

»Geben Sie mir Ihre Pistole«, sagte Disciple und zeigte auf Mertens, der die Waffe mit routinierten Bewegungen übergab.

»Sie haben drei meiner Männer getötet«, sagte Disciple und bohrte seinen Blick in Mertens.

Sechs der GFF-Soldaten liefen mit Otto und Charlotte im Laufschritt den Weg hinunter. Die beiden übrigen packten Mertens und blieben mit ihm neben Disciple stehen. »Wir holen euch später ein«, rief der Guerillaführer Otto nach.

Mehr als zwei Stunden waren sie gelaufen, über kleine Pfade und Wege durch das dichte Buschland, und hatten mindestens drei Flüsse durchwatet. Ottos Hals war rau wie Sandpapier, an Charlottes Räuspern hörte er, dass sie ebenfalls dringend Wasser brauchte. Endlich legten die GFF-Soldaten einen Halt ein und bedeuteten Charlotte und Otto, sich hinzusetzen. Sie bekamen eine Flasche Wasser, die sie sich teilen mussten.

»Alles wird gut!«, sagte Otto leise.

»Ich bin Acholi«, entgegnete Charlotte kaum hörbar. Beide wussten, dass ihre Chancen in der derzeitigen Lage somit nicht die besten waren. Zwar war auch Disciple Acholi, hatte aber die Strategie gewählt, sein eigenes Volk zu terrorisieren. Auf seine Widersacher in Kampala wirkte das äußerst beeindruckend. Dass er bereit war, sein eigenes Volk zu quälen, schuf das Bild eines furchtlosen Guerillaführers. Und den GFF wurde Respekt gezollt.

»Ruhe!«, unterbrach sie einer der Soldaten.

Otto atmete kräftig aus. Charlotte hatte recht, wie ihm klar wurde. Mit Frauen tat die Guerilla, was sie wollte, insbesondere mit solchen, die in der feindlichen Bastion Kampala einen Universitätsabschluss gemacht hatten.

Ein schwaches Geräusch aus der Richtung, aus der sie gekommen waren, ließ Otto aufblicken. Etwas weiter entfernt erkannte er Disciple mit den beiden GFF-Soldaten. Disciple schleppte einen dunklen, blutigen Kadaver hinter sich her.

»Mertens lässt grüßen«, sagte Disciple und grinste breit, als er näher kam.

Erst dann sah Otto, dass es sich nicht um einen Tierkadaver handelte.

Kapitel 2

Fünf junge Männer afrikanischer Herkunft hatten in der Zweizimmerwohnung nahe des Carl Berners plass in Oslo Zuflucht gefunden. Die Wohnung wurde seit sechsunddreißig Stunden beobachtet, und die Beschattung hatte gezeigt, dass die Männer zu allen erdenklichen Tageszeiten kamen und gingen.

Elisabeth Sunee Rathke und Jan Nereng saßen in einem geparkten Wagen auf der gegenüberliegenden Straßenseite, etwa fünfzig Meter vom Eingang des Hauses entfernt, wo sich die Afrikaner aufhielten. Drei weitere Teams waren in der Nähe stationiert. Sie kamen von der Polizeistation Lillestrøm, da der Fall seinen Anfang im Polizeidistrikt Romerike genommen hatte. Die Wohnung war eine mutmaßliche Distributionszentrale für Drogenhändler.

Elisabeth, die für gewöhnlich nur Elli genannt wurde, hatte sich bei der Osloer Polizei einen Ruf als eine der tatkräftigsten Ermittlungsleiterinnen erarbeitet. Darüber hinaus hatte sie ein abgeschlossenes Jurastudium, machte Karatesport und war halb Norwegerin und halb Thailänderin. Letzteres war dem Umstand zu verdanken, dass ihr verstorbener Vater vor über dreißig Jahren mit Ellis Mutter aus Bangkok heimgekehrt war.

Inzwischen war sie fünfunddreißig Jahre alt, die Mutter achtundfünfzig und Zenith, Ellis Hund, bald sechs. Ellis kleine Familie.

»Müsste da nicht bald mal was passieren?«, fragte Nereng.

»Die ticken nach afrikanischer Zeit«, sagte Elli.

»Aha – gehen die Uhren da langsamer?«

Elli lächelte. »Aus einer afrikanischen Perspektive betrachtet, ist Zeit etwas, das zu dir kommt. Sie geht nicht.«

Jan Nereng war seit einem guten Jahr bei der Osloer Polizei und hatte während der ganzen Zeit als Ellis direkter Kollege gearbeitet. Er war eins neunzig groß und durchtrainiert. Seine grünen Augen wurden von zahlreichen Sommersprossen umkränzt. Der Übergang vom Büro des Lensmanns in Dokka war plötzlich erfolgt, doch der besonnene Mann aus Oppland hatte sich schnell angepasst. Mit seiner leicht ironischen und distanzierten Art war er in Ellis Augen schon jetzt viel mehr street smart als viele ihrer Kollegen. Sie ergänzten sich hervorragend: Ellis kurze Lunte und Nerengs ruhiges Wesen balancierten einander aus.

Nereng war noch mit Ellis Antwort beschäftigt. »Okay – da bekommt man dann also plötzlich mehr Zeit«, sagte er nüchtern.

»Außerdem ist es so, dass man in vielen afrikanischen Kulturen gar keine Zeit verbraucht, ehe nicht alle, die an einen Ort kommen sollen, auch tatsächlich anwesend sind. Damit verschwindet auch das Problem, dass die Zeit läuft, ohne dass man ein Treffen durchführt.«

Nereng sah Elli skeptisch an. »Noch surrealistischer als in den Monty-Python-Filmen. Woher weißt du das?«

»Das Gute an diesem Job ist, dass man mitunter das eine oder andere aufschnappt«, neckte sie ihn. »Safaritour nach Südafrika vor ein paar Jahren«, erklärte sie.

»Tja, vielleicht wäre es ja eine gute Idee, die afrikanische Zeit bei uns auf der Polizeiwache einzuführen«, erwiderte Nereng lächelnd und dachte dabei an all diejenigen, die nicht pünktlich zu Besprechungen auftauchten.

Elli stellte die Schärfe des Fernglases ein und richtete es auf ein Fenster in der zweiten Etage. Durch die graue Gardine erspähte sie die Silhouette eines Kopfes vor einer Lampe. »Immer noch ruhig da drinnen«, sagte sie. »Bevor wir reingehen, sollten alle fünf da sein. Vorläufig sind es nur drei.«

Nereng stieß einen kleinen Seufzer aus und änderte seine Sitzposition. »So ’n Mercedes ist ja ganz nett, aber beim Beschatten ziehe ich Volvo vor.«

Elli kicherte. »War ja nicht anders zu erwarten. Unser Provinzknirps aus Dokka steht mehr auf Gangsterautos.«

Elli war schon auf einen verbalen Gegenangriff vorbereitet, aber Nereng starrte auf etwas, das sich in einiger Entfernung befand.

»Ich schätze, wir werden jetzt vollzählig«, sagte er und zeigte auf zwei Gestalten in Kapuzenpullis, die sich auf den Hauseingang zubewegten. Ellis Blick folgte ihnen über die letzten dreißig Meter. Einer der beiden zog eine Schlüsselkarte hervor, dann schlüpften die beiden Männer ins Haus.

»Jetzt geht endlich auch die afrikanische Uhr«, sagte Nereng.

Eine Minute später sah Elli zwei neue Köpfe hinter der Gardine auftauchen und drückte auf den Sendeknopf der digitalen Funksprechanlage. »Alle fünf Objekte vor Ort – ich wiederhole – alle fünf Objekte vor Ort.«

Einsatzleiter Jostein Åbrekke musste nicht lange überlegen. »Team A, B, C und D: Wir gehen rein! Ich wiederhole – wir gehen rein!«

Die Wohnungstür wurde von Team A kurzerhand mit einem Rammbock aufgebrochen. Sie gingen kein Risiko ein. »Polizei! Police!«, rief Elli, während sie und Nereng in den Flur stürmten, ihn durchquerten und das Wohnzimmer betraten. Gemäß der Routine bei der Durchführung einer Drogenrazzia hielten sie ihre Waffen bereit.

Im Wohnzimmer entdeckte Elli vier Männer, deren Gesichtsausdruck zwischen Verwirrung und Furcht schwankte. Zwei der Männer saßen in ihren Straßenjacken auf dem Sofa, im Fernsehen lief ein Fußballspiel aus der Champions League, die anderen beiden waren damit beschäftigt, braune Plastiktüten auf dem Wohnzimmertisch zu sortieren, der fünfte Mann war nirgends zu sehen.

»Runter auf den Boden! Down!«, kommandierte Elli.

Hinter Elli und Nereng kam Team B, bestehend aus Åbrekke und Nedrehaug vom Polizeidistrikt Romerike, in das Zimmer. Resolut traten sie auf die beiden Fußballenthusiasten zu und fesselten ihnen mit Plastikstreifen die Hände hinter dem Rücken. Elli und Nereng konzentrierten sich auf die Plastiktüten auf dem Tisch.

»Okay – wo ist Nummer fünf?«, fragte Elli.

Åbrekke sprach über Funk mit Team A im Treppenhaus, danach mit Team D, das vor dem Haus Stellung bezogen hatte, aber niemand hatte den fünften Mann gesehen.

Die kleine Ablenkung nutzte einer der beiden noch ungefesselten Festgenommenen aus und versuchte, sich unter der Tischplatte wegzuducken. Allerdings war Nereng schneller und trat gegen den Stuhl, auf dem der Mann saß, so dass der Afrikaner das Gleichgewicht verlor und auf den Rücken fiel. Sein Kumpel sah seine Chance und stürzte sich auf Elli. Die hatte den Angriff jedoch vorausgeahnt, rammte dem Mann das Knie in den Magen und drückte ihn mit der Hand im Nacken nach unten. Keuchend landete er auf dem Fußboden.

Außer Atem geraten sah Elli zu Åbrekke hinüber. »Waren wir schon in allen Zimmern?«

»Team A hat zwei Schlafzimmer, Küche und Bad inspiziert«, erwiderte Åbrekke.

Elli nickte, drehte sich um und ging mit Nereng zurück in den Flur und dann in das erste Schlafzimmer. Es enthielt ein ungemachtes Doppelbett mit einem Rahmen und Beinen aus verblasstem Kiefernholz, in der Ecke einen Haufen Kleidung und einen doppelten, eingebauten Kleiderschrank an der einen Längswand. Schnell überprüften sie, ob sich jemand unter dem Bett oder im Schrank versteckt hatte. Das Zimmer hatte nur eine Tür.

Elli sah Nereng an. »Wo, verdammt, ist der Typ?«

Nereng blickte hinaus in den Flur und zeigte auf die Badezimmertür. Mit zwei schnellen Schritten hatte er den Flur durchquert und öffnete die Tür. Sie gab den Blick auf ein winziges Bad frei, mit Waschmaschine, Klosett und einer Duschkabine, wo sich unmöglich jemand versteckt halten konnte.

Elli riss die Tür des anderen Schlafzimmers auf, wo sich ein weiteres verschlissenes Doppelbett befand, außerdem noch ein Einzelbett. Alle drei schienen in Gebrauch zu sein, auf dem Boden lag ein noch größerer Haufen Schmutzwäsche. Nereng schaute unter die Betten, ohne Ergebnis.

»Das schwarze Phantom«, sagte er.

Elli blickte auf die Wand, die die beiden Schlafzimmer trennte. Dort gab es einen ebensolchen Einbauschrank wie im Nebenzimmer. Sie öffnete die beiden Doppeltüren. Der Schrank war mit Kleidung vollgestopft. Elli signalisierte Nereng, dass sie genauer nachsehen wollte, und kletterte in den Schrank hinein. Ein paar der Kleidungsstücke rochen nach Zigarettenrauch und Rasierwasser. Mit einer Taschenlampe leuchtete Elli in die tieferen Ecken des Schranks. Leer.

»Waren wir in der Küche?«, fragte Nereng.

»Hat jemand in der Küche nachgesehen?«, gab Elli die Frage über Funk weiter.

Ein paar Sekunden vergingen. »Nicht in den Schränken«, informierte Team D.

Wieso nicht?, dachte Elli und lief mit Nereng in die Küche, die ebenfalls sehr klein war, ungefähr acht Quadratmeter. Systematisch öffneten sie alle Türen der Unterschränke, doch es war für einen Menschen nicht möglich, sich darin zu verstecken.

»Irgendwie muss er hier rausgekommen sein«, sagte Elli und trat wieder in den Flur. Auf dem Weg zurück ins Wohnzimmer blieb sie plötzlich zwischen den beiden Schlafzimmertüren stehen. Dann legte sie das Ohr an die Wand und bedeutete Nereng, leise zu sein. Nach zwei oder drei Sekunden stürzte sie vor und riss die Tür des ersten Schlafzimmers auf, das sie bereits überprüft hatten.

Inmitten des Zimmers stand ein blutjunger schwarzhäutiger Mann. Er fasste hinter seinem Rücken an den Hosenbund, aber Elli war schneller.

»Runter auf den Boden!«, rief sie und richtete ihre Waffe auf den Jungen. »Sofort!«

Der Junge tat, was von ihm verlangt wurde.

Als er flach auf dem Bauch lag, zog Elli sein Hemd aus der Hose. Eine Pistole kam zum Vorschein.

»SIG Sauer«, konstatierte sie und nahm die Waffe an sich.

Nereng, der Elli ins Zimmer gefolgt war, sah aus wie ein Fragezeichen. Elli deutete mit dem Kopf auf den Wandschrank. Eine Tür stand offen, zwischen den Kleidungsstücken schimmerte Licht aus dem anderen Schlafzimmer.

»Flucht durch den Wandschrank. So was sieht man auch nicht alle Tage«, sagte Nereng.

Die Hände des Mannes wurden gefesselt. Dann wurde er Team D übergeben, das ihn über die Treppenstufen hinunterführte.

Elli und Nereng gingen wieder ins Wohnzimmer, um Åbrekke und Nedrehaug mit dem Abtransport der anderen vier Männer zu helfen. Åbrekke hielt eine Maschinenpistole in den Händen.

»Eine Uzi, verdammt«, sagte Elli und drehte sich zu den Festgenommenen auf dem Fußboden. Es lief ihr kalt den Rücken herunter. Mit der israelischen Maschinenpistole hätte es im Laufe weniger Sekunden ein Massaker geben können. Als sie die Waffe genauer betrachtete, sah sie, dass es sich um eine Micro Uzi handelte. 1250 Schuss pro Minute.

»Geladen«, sagte Åbrekke und hielt das Magazin hoch. »War unter dem Tisch festgeklebt.«

Elli konnte deutlich die Patronen ganz oben im Magazin erkennen. Plötzlich überkam sie der Drang, den Mann, den Nereng zu Boden manövriert hatte, in Stücke zu reißen, zwang sich jedoch, die Gedanken in eine konstruktive Richtung zu lenken. Rechtes Denken. Rechtes Handeln.

»Gut reagiert«, lobte Åbrekke Nereng. Er trat einen Schritt vor und beugte sich zu dem Festgenommenen hinunter, der sein Glück versucht hatte. »Mein Freund«, sagte er ruhig, »mit dieser Uzi, den Päckchen auf dem Tisch und all den Beweisen, die wir gegen euch haben, sieht es ziemlich schlecht für euch aus. Tu dir selbst einen Gefallen und mach nicht noch mehr Unsinn, okay?«

Der Mann blickte schnaubend zu Åbrekke auf.

»Ist die Minna bereit?«, fragte Elli.

Åbrekke bestätigte und gab über Funk die Anweisung durch, dass der Wagen vor den Eingang gefahren werden sollte.

»Und die sollen zur Polizeistation in Lillestrøm, oder?«, fuhr Elli fort.

»Ja«, antwortete Åbrekke. Er und sein Polizeidistrikt waren für den Fall zuständig.

Die anderen vier Festgenommenen wurden in den Flur und dann die Treppe hinuntergeführt.

In der Wohnung waren drei Kilo Heroin und zwei Kilo Kokain beschlagnahmt worden. Für norwegische Verhältnisse eine beträchtliche Ausbeute und wohl eine der größten für Åbrekke und seinen Distrikt. Wie so oft hatte sich der ganze Fall durch puren Zufall ergeben. Bei der Überprüfung der Besitztümer eines Bewohners im Asylbewerberheim Skedsmo waren zwei Beamte aus Lillestrøm auf eine Distributionsliste für Drogen gestoßen. Der Asylbewerber hatte die Aufmerksamkeit auf sich gezogen, weil er sich im Zusammenhang mit seinem Antrag auf Aufenthaltsgenehmigung mit einem gefälschten Pass identifizieren wollte. Die Ausländereinheit der Polizei hatte daher unter den Sachen des Mannes nach Informationen gesucht, die seine Identität klären könnten.

Elli, Nereng und Åbrekke saßen im Vernehmungsraum. Formal gesehen oblag die Vernehmung dem Polizeidistrikt Romerike, doch Elli und Nereng waren eingeladen, der Vernehmung beizuwohnen. Eine äußerst freundliche Geste, dachte Elli, vor allem, weil sie Åbrekke zum ersten Mal vor einem Jahr begegnet war, als er in einem Mordfall als Verdächtiger gegolten hatte. Zwar hatte man ihn schnell als Tatverdächtigen ausgeschlossen, aber trotz allem hätte er durchaus einen Grund gehabt, Hass gegenüber Elli zu verspüren.

»Nun …«, sagte Åbrekke und sah den Mann an, der versucht hatte, Elli anzugreifen. »Haben Sie einen Namen?«

Der Mann, der um die zwanzig zu sein schien, blieb stumm.

»Wenn Sie nicht mit uns reden wollen, dann bleiben Sie hier so lange hocken, bis wir Ihre Identität geklärt haben. Das kann dauern, und außerdem würde es negative Konsequenzen für Sie haben, wenn Sie nicht mit uns zusammenarbeiten.«

Der Mann verzog keine Miene.

Nach vier oder fünf weiteren Fragen gab Åbrekke auf.

Ein Festgenommener nach dem anderen wurde hereingeführt. Alle schienen ungefähr im gleichen Alter zu sein und reagierten auf Åbrekkes Fragen genauso wie der erste: mit Schweigen.

Der etwas schwächere Bartwuchs und der flackernde Blick ließen den fünften jünger erscheinen. Aber ebenfalls um die zwanzig, dachte Elli. Er hatte eine etwas hellere Hautfarbe als die anderen vier. Seine Hände zitterten leicht. Die anderen Männer hatten kein Zeichen von Unsicherheit erkennen lassen. Konzentriert starrte er auf einen Punkt vor sich auf dem Tisch.

Åbrekke tippte Elli auf die Schulter. »Willst du es mal versuchen?«

»Okay«, sagte Elli und sah den Jungen auf der anderen Tischseite an.

»Habt ihr den Durchgang zwischen den Schränken selbst eingebaut?«, fragte sie auf Englisch.

Schweigen.

»Hast du Angst vor den anderen?«, fragte sie. Der Junge blickte kurz auf, konzentrierte sich dann aber wieder auf die Tischplatte.

»Woher hast du die Waffe?«, fragte Elli weiter.

Er blieb stumm.

»Woher kommst du?«, probierte sie es.

Eine ganze Weile starrte der Junge weiter auf den Tisch. Schließlich murmelte er etwas kaum Hörbares.

Elli warf Åbrekke einen Blick zu und beugte sich dann zu dem Jungen vor. »Tut mir leid, das habe ich nicht verstanden.«

Nach einer weiteren langen Pause gab er dieselbe unverständliche Antwort.

»Afrika? Eine sowohl offensichtliche als auch wenig präzise Antwort«, sagte sie ironisch. »Du hilfst dir auf diese Weise ganz bestimmt nicht weiter.«

Der Junge ballte seine Hände zu Fäusten, bis die Knöchel weiß wurden. Dann atmete er ruhig aus und lockerte gleichzeitig die Hände. Die Bewegung zog Ellis Blick auf sich. An der Innenseite des rechten Handgelenks hatte er eine auffällige Narbe. Ein Brandmal? Woher hatte er das?

Er musste ihr Interesse an der Narbe bemerkt haben und zog den Arm zu sich hin.

Elli sah auf und stellte fest, dass seine Augen glänzten – als bäten sie um Hilfe.

»Uganda«, sagte er.

Kapitel 3

Die Morgensonne warf einen verführerischen goldenen Lichtschein auf die riesige Wasserfläche des Lake Albert. Der See war einer der größten in Afrika und wurde aus dem Weißen Nil mit Wasser versorgt. Wie fast überall in Uganda war die umgebende Landschaft leuchtend grün und fruchtbar. Steckte man in diesem Land irgendetwas in den Boden, so wurde gesagt, musste man nur etwas Wasser hinzugeben, und schon wuchs es.

Die Grenze zwischen Uganda und dem Kongo, zwei Ländern mit einer konfliktreichen Geschichte, verlief mitten durch den See. Zur Zeit war es ruhig, doch erst vor knapp zwei Jahren hatte es bewaffnete Auseinandersetzungen zwischen den Armeen der beiden Nationen gegeben – genau hier am Lake Albert.

Joseph Mukabi betrachtete das atemberaubende Panorama von einem Aussichtspunkt, wo der Mercedes-Geländewagen der Regierung ihn und seine Sekretärin abgesetzt hatte. Die Aussicht war schlichtweg großartig, und deswegen wurde dort auch stets angehalten, damit Mukabi eine kleine Teepause mit seiner hübschen Mitarbeiterin einlegen konnte. Sie war siebenundzwanzig und arbeitete schnell und effizient.

Die Sonne verschwand langsam hinterm Horizont, doch noch immer hielt sich der goldene Schimmer über dem See. Ein passender Anblick. Der Lake Albert lag in Uganda im Albertine Rift Valley, und unter dem Seegrund gab es auf der kongolesischen Seite Gold und andere wertvolle Mineralien. Im Laufe der letzten Jahre hatten australische, irische und norwegische Gesellschaften allerdings auch auf der ugandischen Seite des Sees interessante Funde gemacht, die Mukabi und seinem Land eine glänzende Zukunft versprachen.

Hier gab es Erdöl – das schwarze Gold, von dem die ganze Welt abhängig war. Teils unter der Erde, teils unter dem Seegrund lag ein ganzer Strang ausbeutungsfähiger Felder auf der ugandischen Seite der Grenze.

Joseph Mukabi, der verantwortliche ugandische Behördenvertreter für eine enorme Anzahl von Bohrprojekten, kostete seine Besuchszeit aus. Seine Position bedeutete Macht. Ethnische Kommission nannte er die Bestechungen, die er für die Zuteilung von Explorationsflächen, für Investitionsmöglichkeiten oder verkürzte Bearbeitungszeit der Lizenzanträge verlangte.

»Zum Teufel mit Transparency International und dieser europäischen Doppelmoral«, sagte er, blickte dabei über die reiche Landschaft vor ihm und umfasste die Taille seiner Sekretärin. »Die Europäer haben diesen Kontinent über hundert Jahre lang ausgesaugt und eine kapitalistische Weltordnung geschaffen«, fuhr er fort. »Zusammen mit ihren Freunden in den USA. Also dann – schönen Tag noch!« Seine Stimme erhob sich leicht. »Wir wenden bloß dieselben Mechanismen an, die ihr erfunden habt. Und wenn sich jemand beschwert: Niemand wird gezwungen hierzubleiben. In Bejing finden wir neue Freunde in Hülle und Fülle!« Er brach in lautes Gelächter aus und verstärkte seinen Griff um die Taille der Sekretärin, die, aus Erfahrung klug, jetzt den Atem anhielt.

Auf der Ladefläche des alten Tata-Lastwagens war ein Gerät montiert, das an eine gigantische Black & Decker-Bohrmaschine erinnerte. Gleich hinter dem Lastwagen arbeitete ein Dutzend Arbeiter aus der Umgebung in orangen Overalls und mit weißen Schutzhelmen. Die Apparatur bohrte sich rhythmisch in den Erdboden. Nach und nach wurde das Bohrloch tiefer, während die Männer mit routinierten Bewegungen Rohrteile zusammenfügten.

Nils Oscar Kristoffersen, operativer Leiter von Bifrost Oil Services, einer Firma, die für die Bohrprojekte der Potentia Oil die Suche nach Öl in Uganda durchführte, betrachtete den Fortgang der Arbeiten vom Fahrersitz seines Land Cruiser.

Parzelle 7 war eine neue Explorationsfläche, die die norwegische Gesellschaft Potentia Oil am Lake Albert zugeteilt bekommen hatte. Die älteren Parzellen waren an Gesellschaften aus Irland, Kanada, Großbritannien, Bermuda und Singapur gegangen.

Ein paar hundert Meter entfernt verriet eine Staubwolke, dass ein Fahrzeug zu Kristoffersen unterwegs war. Es war halb neun Uhr morgens, und so war es wahrscheinlich Mukabi, der sich zu einer seiner unangemeldeten Inspektionsrunden aufgemacht hatte. Während Kristoffersen aus dem Wagen stieg, hörte er laute Rufe der Männer, die an dem fahrbaren Bohrturm arbeiteten. Ein breites Grinsen trat in sein Gesicht. Mukabi musste sich beeilen, wenn er noch rechtzeitig ankommen wollte.

Die fünfzig Meter bis zum Bohrturm waren in wenigen Sekunden überwunden. Unter den Helmen mit dem Bifrost-Logo erkannte Kristoffersen weiß schimmernde Zahnreihen und lächelnde Gesichter. Das Bohrgeräusch war verschwunden, und aus der Rohrleitung, die die Männer im Boden versenkt hatten, drang eine schwarze zähflüssige Masse.

»Is that what I think it is?«, fragte eine vertraute Stimme hinter ihm.

Kristoffersen drehte sich um und wurde von Mukabis breitem Lächeln begrüßt.

»Indeed, Mr. Mukabi, indeed.«

Kristoffersen ließ ein wenig Erdöl auf seine rechte Hand tropfen. Allein an der Viskosität erkannte er, dass es sich um Öl von hoher Qualität handelte. Geringere Raffinierungskosten. Höherer Ertrag. Win-win.

Mukabi machte ihn auf einen Ölfleck auf seiner hellen Khakihose aufmerksam. Die war gerade mal zwei Wochen alt, von Banana Republic, und auf der letzten Reise nach Houston erstanden worden. Doch nichts hätte Kristoffersen im Augenblick weniger bekümmern können. Testbohrung Nummer sieben, und schon hatten sie ein solides Ölvorkommen gefunden. Noch immer gab es etwa dreißig weitere Stellen, an denen sie Testbohrungen durchführen sollten. Und dort würden sie noch mehr Öl finden, dessen war er sich sicher. Sie standen einem Strom aus schwarzem Gold gegenüber; Geld, das direkt aus dem Boden kam.

Es war an der Zeit, den Plan umzusetzen.

Kristoffersen hielt den weißen Land Cruiser in angemessenem Abstand hinter Mukabis schwarz glänzendem Geländewagen. Der stoppte vor den fünf Holzbaracken, die das Hauptquartier für die Ölsuche auf Parzelle 7 bildeten. Drei davon dienten als Unterkunft für die Angestellten, die anderen beiden enthielten Büro und Kantine. Etwas weiter entfernt, nahe dem vier Meter hohen Zaun, der das Gelände umschloss, lagen die Baracken der Wachgesellschaft Terra Intervention Group. Fünfzehn Männer sorgten für die Sicherung der Umgebung.

Ein Weißer mit kahlrasiertem Schädel ging Mukabi entgegen, als der aus dem Wagen stieg.

Kristoffersen sprang aus dem Land Cruiser und lief schnell zu den beiden Männern hinüber. »Croukamp!«, sagte er wie zu einem alten Freund.

Michael Croukamp begrüßte ihn mit einem freundlichen Lächeln und seinem wie üblich festen Handschlag. »Kristoffersen – the successful Norwegian, I hear?«

Alle drei lachten herzlich.

»Ja, wir haben Öl gefunden. Schon bei Testbohrung Nummer sieben!«, sagte Kristoffersen fröhlich. »Das wird bestimmt großartig.«

Mukabi deutete mit der Hand auf die Baracke hinter ihnen. »Was meint ihr, wollen wir uns ein Nile Special gönnen?«

Croukamp und Kristoffersen ließen sich nicht lange bitten. Der einfache Besprechungsraum war mittels einer Klimaanlage angenehm temperiert. Drei taufrische Nile Special wurden von einem lokalen Bifrost-Mitarbeiter serviert.

»Und …«, Kristoffersen blickte Croukamp an, »keine Vorkommnisse?«

Croukamp schüttelte kurz den Kopf. »Nein, alles ganz ruhig. Keine Spione oder Glücksritter aus dem Kongo, keine Guerilla-Aktivitäten. Eigentlich der ruhigste Monat, an den ich mich überhaupt erinnern kann.«

»Na dann, prost!«, verkündete Mukabi entschieden.

Alle drei nahmen große Schlucke des erfrischenden Bieres. Kristoffersen sah, wie sich Croukamps Adamsapfel bewegte, als er den letzten Schluck aus der Flasche in sich hineingoss. Er war etwa eins achtzig groß, dünn und für sein Alter sehr athletisch. Ein typischer Söldner, den man sich gern suchte, wo die Sicherheit gering und das Risiko hoch war. Und solche Orte waren zahlreich in Afrika.

Croukamp stammte aus Simbabwe, war in Salisbury, dem heutigen Harare, geboren und hatte in den siebziger Jahren als Offizier einer Spezialeinheit am Bürgerkrieg teilgenommen. Sein Heimatland nannte er immer nur the former Rhodesia. Schon früher hatte Kristoffersen ihn von quasi militärischen Schutzaufträgen in Südafrika, Angola, Mosambik, Sambia und dem Irak erzählen hören. Vor einigen Jahren war Croukamp Teilhaber der Wachgesellschaft Terra Intervention Group (TIG) geworden.

Ursprünglich hatte er zwei Kinder gehabt, von denen aber nur noch sein Sohn Bernhard lebte. Croukamps Tochter war vor einigen Jahren bei einem Raubüberfall in Johannesburg getötet worden – nur achtzehn Jahre alt. Sein Sohn stand ihm daher sehr nahe. Auch er arbeitete für TIG und nahm an diesem Auftrag teil. Croukamps Frau lebte weiterhin in Harare. Kristoffersen vermutete, dass er nur selten bei ihr zu Hause war.

»Was glauben Sie – werden die GFF hier unten auftauchen?«

Croukamp faltete die Hände, drückte sie vom Körper weg und ließ die Fingergelenke knacken. Kristoffersen lief es bei dem Geräusch kalt den Rücken herunter.

»Nein«, erwiderte Croukamp. »Solange wir hier sind, bedeutet das zu viel Ärger. Die überfallen lieber ein paar wehrlose Dörfer weiter oben im Norden.«

»Vergessen Sie nicht, dass sowohl für Bifrost, die Potentia Oil als auch die ugandischen Behörden Sicherheit an erster Stelle steht«, sagte Kristoffersen und hoffte, entschieden genug geklungen zu haben.

»Ganz sicher kann man auf diesem Kontinent nie sein«, entgegnete Croukamp mit ruhiger Stimme.