Informationen zum Buch

Schicksalhafte Jahre zwischen Sydney und Hamburg.

Drei Schwestern, zwei Kontinente: Jede der drei ist ihren Weg gegangen. Elsa arbeitet in Sydney, Mina hat nach Jahren endlich ihren heimlichen Verlobten William geheiratet, und Carola lebt glücklich mit Werner in Hamburg. Doch dann ist ihr aller Glück in Gefahr: Nicht nur ein Todesfall erschüttert die Familie in ihren Grundfesten, sondern es bricht auch der Erste Weltkrieg aus. Plötzlich leben Carola, Elsa und Mina in verfeindeten Ländern. Wird das Band, das die drei Schwestern zusammenhält, stärker sein als die Schatten des Krieges?

Das bewegende Leben der australischen Schwestern zwischen Krieg und Frieden.

Ulrike Renk

Das Versprechen der australischen Schwestern

Roman

Inhaltsübersicht

Informationen zum Buch

Stammbaum

Teil 1 – Die drei Schwestern

Die Legende der drei Schwestern

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Teil 2 – Die Familien

Die Legende des Mallagongans

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Teil 3

Die Prophezeiung der Ahnen

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Nachwort

Danksagung

Über Ulrike Renk

Impressum

Für Robyn und Deirdre

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Teil 1
Die drei Schwestern

Die Legende der drei Schwestern

Katoomba, Blue Mountains, 1905

Am Anfang der Zeit und lange danach lebten hier drei Stämme«, sagte Darri in ihrer Singsang-Stimme zu Mina. »Die Darug, die Gundungurra und die Wiradjuri. Sie alle haben in diesen Bergen heilige Orte, an denen ihre Ahnen leben und an denen sie sich immer wieder versammeln. Jeder Stamm hat natürlich seine eigenen heiligen Stätten. Die Darug, denen ich angehöre, wanderten im Winter nach Osten, bis zum Meer, und im Sommer zurück in die Berge. Die Gundungurra dagegen wanderten zum See Burragoran und weiter in den Süden. Und die Wiradjuri zogen meist nordwärts. So kam es dazu, dass sich die Stämme nur selten trafen. Wenn dies doch einmal der Fall war, kam es meist zu Auseinandersetzungen und Kämpfen, auch deshalb versuchten sie sich aus dem Weg zu gehen. Doch einmal waren die Darug und die Wiradjuri zur gleichen Zeit hier.«

Mina lauschte gebannt. Sie spürte, dass Darri ihr etwas Wichtiges mitteilen wollte.

»Bei den Darug gab es drei sehr schöne Schwestern. Meehni, Wimlah und Gunnedoo. Ihr Vater war ein mächtiger Zauberer. Eines Tages, als die drei an einer Quelle Wasser holen wollten, trafen sie auf drei Brüder aus dem Stamm der Wiradjuri, und verliebten sich ineinander. Doch das Stammesrecht erlaubte keine Heirat zwischen den beiden Clanen. Jedoch wollten die Brüder die drei unbedingt heiraten. Daher entschlossen sie sich, die Darug zu überfallen und die Mädchen zu rauben. Als sie zum Lager der Darug kamen und die Herausgabe der Mädchen forderten, weigerten sich die Darug und es kam zu einem Kampf. Der Stammesführer und Vater der drei Mädchen hatte so große Angst um seine Töchter, dass er sie in Stein verwandelte, um sie zu schützen.

Der Stammesführer und Vater der drei Mädchen hatte so große Angst um seine Töchter, dass er sie in Stein verwandelte, um sie zu schützen. Die drei Brüder waren entsetzt und versuchten um jeden Preis den großen Zauberer dazu zu bringen, Meehni, Wimlah und Gunnedoo wieder zurückzuverwandeln. Er stimmte unter der Bedingung zu, dass sich die Wiradjuri zurückziehen würden und versprächen, die drei Schwestern nicht mehr ›zu behelligen‹.«

Darri drehte sich um und zeigte zu dem Berg jenseits der Schlucht. Das Mondlicht fiel auf drei riesige Sandsteinsäulen, die eng beieinanderstanden.

»Die Brüder waren natürlich nicht mit dieser Forderung einverstanden und es kam erneut zu einem Kampf, bei dem der Vater der Mädchen, der große Zauberer, getötet wurde. Er war der Einzige, der die Macht hatte, die Schwestern zurückzuverwandeln. Dort stehen sie nun seit vielen Jahren und warten.

Die Legende sagt, dass es seitdem keine Kämpfe mehr zwischen den drei Stämmen gab, da Meehni, Wimlah und Gunnedoo über den heiligen Stätten der Darug, Wiradjuri und Gundungurra wachen.«

Nachdenklich starrte Mina auf die Felsformation auf der anderen Seite der Schlucht. Der Mond beschien die drei Gipfel, und je länger sie dorthin blickte, umso genauer meinte sie, die Umrisse der drei Schwestern erkennen zu können.

»Drei Schwestern. So wie Tutt, Elsa und ich«, murmelte sie.

Kapitel 1

Sydney, 1910

Elsa stand am Küchenfenster des alten Hauses in Glebe, einem Stadtteil von Sydney. Das Gewitter am Mittag hatte endlich die Luft gereinigt und die stickige, rauchige Wolke über der Stadt vertrieben. Fast schon konnte sie den würzigen Duft des Herbstes riechen. Dennoch spürte Elsa eine ungewohnte, beunruhigende Spannung in sich.

»Willst du nicht ins Bett gehen, Prinzessin?«, fragte Emilia. »Du solltest schlafen.«

»Und du?« Elsa blickte zu ihrer Großmutter.

»Ich schau noch mal nach Großvater«, sagte Emilia leise.

Elsa nickte. Der Sommer war ungewöhnlich heiß gewesen. In den Schlafzimmern im oberen Stockwerk des Hauses hatte die Luft gestanden, so dick und feucht, dass sie einem wie ein Vorhang vorkam, nur dass man sie nicht zur Seite hatte schieben können. Der achtzigjährige Großvater hatte zunehmend Schwierigkeiten gehabt, Luft zu bekommen, so dass er in den kleinen, luftigen Raum im Anbau neben dem Wohnzimmer gezogen war. Früher war dort unser Kinderzimmer gewesen, erinnerte sich Elsa. Lange war das her. Nach dem Tod der Mutter waren die Geschwister von den Großeltern liebevoll aufgenommen worden.

»Brauchst du Hilfe? Soll ich noch etwas tun?«, fragte Elsa.

»Nein.« Großmutter lächelte, aber das Lächeln erreichte nicht ihre Augen. »Geh ruhig zu Bett.« Sie schaute zur Tür, die zum Hof führte, als erwartete sie jemanden, dann schüttelte sie den Kopf, nahm den Krug mit Wasser und drehte sich um.

In diesem Moment öffnete sich die Tür mit dem leisen, vertrauten Quietschen und Allunga trat ein. Sie trug, wie so oft, keine Schuhe, ihre Schritte waren deshalb kaum zu hören. Großmutter drehte sich um, schaute in das dunkelhäutige Gesicht, aus dem das Weiß der Augen und die hellen Zähne hervorblitzten wie die Gischt auf den Wellen nach Sonnenuntergang. Ihre inzwischen grauen Haare hatte sie zu einem festen Zopf geflochten. Die Freude in Emilias Gesicht erlosch.

»Ich habe gerade gedacht, es wäre Darri«, sagte sie leise und fast schon entschuldigend. »Irgendwie habe ich heute den ganzen Tag über das Gefühl gehabt, Darri würde kommen.«

Bei diesen Worten lief Elsa ein Schauer über den Rücken. Darri war eine der vielen Aborigines-Mädchen gewesen, die Großmutter die ganzen Jahre über immer bei sich aufgenommen und beschäftigt hatte. Meistens blieben sie nicht sehr lange, denn Sesshaftigkeit war ihrem Wesen fremd. Nur Allunga lebte schon seit zwanzig Jahren bei den Lessings. Darri war der Familie lange Zeit verbunden geblieben – sie ging zwar fort, kehrte jedoch immer wieder zu ihnen zurück, nur um einige Wochen später wieder zu verschwinden. Doch seit zehn Jahren hatte sie keiner der Familie mehr gesehen und Elsa war sich sicher, dass die alte Aborigine nicht mehr lebte.

Allunga setzte sich zu Elsa an den Küchentisch und sie blickten Großmutter hinterher, die leise die Tür zu der kleinen Kammer geöffnet hatte. Die Petroleumlampe und ihr Strickzeug hatte sie mitgenommen.

»Wie sie nur auf Darri kommt?«, sagte Elsa und schüttelte den Kopf. »Nach all den Jahren.«

»Vielleicht spürt sie Darri.«

Elsa runzelte die Stirn. »Darri ist tot.«

»Was heißt das schon?« Allunga zuckte mit den Schultern.

»Das heißt, dass sie nicht mehr lebt.«

Allunga grinste. »Und was heißt das? Es bedeutet doch nur, dass ihr Herz nicht mehr schlägt, sie nicht mehr atmet. Ihre Hülle hat sich vermutlich aufgelöst, irgendwo werden ihre Knochen liegen – aber es sind nur Knochen und nicht Darri. Sie selbst, ihr Wesen, das war schon immer da und wird auch immer da sein.«

»Du meinst ihre Seele? Ist das wieder eine eurer Traumzeitgeschichten?«

Elsa hatte sich nie wirklich mit der Kultur der Aborigines auseinandergesetzt, und im Gegensatz zu ihrer Schwester Mina hatten sie die Legenden weder eingenommen noch besonders berührt, obwohl sie den Glauben der Aborigines an ihre Traumzeit respektierte, den nötigen Respekt hatte Großmutter ihr beigebracht.

Allunga nickte und rieb ihre rauen Hände. »Ja, ich weiß, du lächelst über unsere Ahnen, du verstehst nicht, wie wir denken.«

»Na, manchmal denke ich, dass ihr es auch nicht versteht. So wirklich erklären kannst du ja nicht, was die Traumzeit ist.«

»Richtig, Prinzessin.« Allunga war zu den Lessings gekommen, als Elsa noch fast ein Baby gewesen war. Sie war eine der wenigen außerhalb der Familie, die Elsas Kosenamen benutzen durften. »Es lässt sich nicht erklären und vieles aus unseren Geschichten ist im Laufe der Jahre verloren gegangen.«

Elsa biss sich auf die Lippen. Sie wusste, dass die Aborigines recht hatten, und dass die Weißen daran Schuld waren. Es gab kaum noch Stämme, und wenn dann nur im tiefen Outback, wo kaum jemand jemals hinkam. Viele Aborigines waren getötet worden – ob durch Waffen, durch Krankheiten, die die Weißen in das Land gebracht hatten, oder dadurch, dass sich ihr Land durch die Besiedlung so radikal verändert hatte, dass sie keinen Platz mehr zum Leben fanden.

Die ersten Siedler, meist Männer, hatten sich Aborigines-Frauen genommen und deshalb gab es viele Mischlinge. Doch sie fanden keine Heimat – sie gehörten nirgendwo wirklich dazu. Auch Allunga war so ein Mischling. Sie und ihre Schwester hatten einige Jahre in einer Mission gelebt, dort hatte Großmutter sie gefunden und mitgenommen. Von ihrer Mutter hatten Allunga und ihre Schwester nur wenig über die Traditionen und Geschichten gelernt, dennoch hatte ihre Schwester Allinga es nicht lange im Haushalt der Lessings ausgehalten – es hatte sie hinausgezogen, ohne zu wissen, wohin und weshalb.

»Hast du noch Kontakt zu deiner Schwester?«, fragte Elsa nun leise und schaute auf den Brief, der geöffnet vor ihr lag. Er war von ihrer eigenen Schwester Carola aus Deutschland. Allunga folgte dem Blick, wieder lächelte sie.

»Nicht so wie du zu Tutt«, sagte sie leise. »Aber ja, wir stehen in Verbindung.«

»Ihr schreibt euch?«

Nun lachte Allunga. »Natürlich nicht. Allinga kann noch weniger schreiben als ich. Aber wir … wir spüren uns. Über unsere Ahnen stehen wir in Verbindung. Und«, sie legte ihre Hand auf Elsas Arm, »bevor du glaubst, dass ich völlig übergeschnappt bin – manchmal sehen wir uns auch. Von Auge zu Auge.«

»Dann bin ich ja beruhigt.«

»Aber auch wenn du es nicht glaubst …«

»Ja, Allunga, ich weiß, ihr habt eure eigene Welt.« Nachdenklich kaute Elsa an ihrer Unterlippe. »Großmutter glaubt ja auch daran.« Sie hob den Kopf und schaute Allunga an. »Meinst du, deshalb hat sie sich heute an Darri erinnert?«

»Das kann gut sein. Vielleicht möchte Darri ihr etwas sagen. Oder vielleicht sucht sie auch nur die Nähe deiner Großmutter. Darri hatte eine enge Bindung zu ihr und auch zu deiner Mutter …«

»Ich weiß. Sie war hier, als Mama starb.« Elsa seufzte.

Allunga stand auf, füllte Elsas Becher mit Tee, nahm sich dann selbst einen der Emaillebecher, die an Haken über der Spüle hingen, schaufelte sich drei große Löffel Zucker hinein und goss Tee hinzu.

»Was schreibt Tutt?«, fragte sie und rührte nachdenklich in ihrem Becher.

Tutt war Carolas Kosename. Elsa konnte sich nicht an ihre Schwester erinnern, dafür war sie zu jung gewesen, als diese Australien verließ, dennoch hatten die beiden im Laufe der Jahre eine innige Beziehung über die Briefe, die sie regelmäßig austauschten, aufgebaut. Sogar ein Bild von Carolas Hochzeit stand auf Elsas Kommode und manchmal erwischte sich Elsa dabei, wie sie mit dem Bild sprach, so als könne ihre Schwester sie hören.

Vielleicht, dachte sie plötzlich, ist das ja so eine Verbindung, wie Allunga sie meint. Wenn man jemand in sein Herz geschlossen hat und ihm auf diese Weise immer nahe ist, hat man auch gedanklich eine enge Verbindung.

»Tutt ist ganz zerrissen«, sagte sie leise. »Sie hatte sich so auf uns gefreut, auf ihren ersten Besuch in Australien nach fast zwanzig Jahren. Aber sie kann einfach nicht kommen. Sie hasst Rud zu sehr.«

»Du sollst ihn doch nicht so nennen«, sagte Allunga und warf einen Blick über ihre Schulter zum Wohnzimmer. Doch die Tür zu der kleinen Kammer, in der Großvater schlief, blieb verschlossen. »Rudolph ist euer Vater.«

Elsa verzog das Gesicht. »Ja, aber er verhält sich nicht so. Tutt hat er damals zu seiner Schwester nach Deutschland geschickt, weil er hoffte, somit vorzeitig an sein Erbe zu kommen. Und auch jetzt, als sie uns endlich, endlich besuchen kommen wollte, ging es ihm nur um’s Geld. Jetzt, wo sie sich, wie er meint, reich verheiratet, versucht er an das Vermögen seiner Schwiegerfamilie zu kommen. Ich kann verstehen, dass sie sehr enttäuscht von ihm ist und es nicht über sich bringt, wieder nach Australien zurückzukehren. Das ist wirklich widerwärtig.« Bei den letzten Worten bebte ihre Stimme vor Zorn.

»Na, na, Prinzessin. So darfst du nicht reden und auch nicht denken. Rudolph ist ein armer Mann – und damit meine ich nicht das Geld, das er nicht hat. Er hat seine geliebte Frau verloren, nur zwei Tage nach der Geburt seines fünften Kindes. Er hat seine Farm verloren, er hat schließlich alles verloren. Er ist sehr einsam und hadert sicherlich mit dem Schicksal.«

»Sein Schicksal hat man auch selbst in der Hand.« Elsa streckte das Kinn vor. »Aber bei Rud sind immer die anderen Schuld. Wie er geschimpft hat, als Tutts Kabel kam und er begriff, dass er sie und ihren Mann nicht würde ausnehmen können …«

»Vielleicht hat er es gar nicht so gemeint, Prinzessin. Ich glaube, er leidet sehr darunter, dass ihr ihn so ablehnt. Nur dein Bruder Arthur hält noch zu ihm.«

»Das hat Rud sich doch selbst zuzuschreiben. All die Jahre hat er sich nicht um uns gekümmert. Was wäre wohl aus uns geworden, wenn es die Großeltern nicht gegeben hätte? Wahrscheinlich hätte er uns alle nach Deutschland verfrachtet.«

»Deiner Schwester geht es nicht schlecht dort.« Allunga lächelte und trank einen Schluck Tee. »Sie hat einen Mann gefunden und auf den Bildern, die sie schickt, sieht sie sehr glücklich aus.«

Elsa seufzte. »Ich wünsche es ihr so. Aber aus ihren Zeilen klingt das Heimweh. Hätte Rud sich nicht so unmöglich verhalten, wäre sie zu uns gekommen, und ich hätte sie endlich in die Arme schließen können.«

»Vielleicht kommt sie ja noch.« Ächzend stand Allunga auf, ging zur Kammer und holte von dort den Sauerteigansatz.

»Heute ist doch erst Dienstag«, sagte Elsa erstaunt, normalerweise wurde nur montags und samstags Brot gebacken.

»Ja, ich weiß. Aber ich habe das Gefühl, ich müsste mehr Brot backen, deshalb will ich den Teig noch füttern und schon eine Portion ansetzen. Dann geht es morgen früh ganz schnell.«

»Was ist denn morgen früh?«

»Das weiß ich nicht, Prinzessin, aber vielleicht bekommen wir überraschend Besuch. Irgendwie spüre ich so etwas.«

»Traumzeitintuition«, sagte Elsa spöttisch, aber dann stand sie auf und ging zu Allunga, die mit geübten Griffen den Teig teilte. Die eine Portion Vorteig tat sie in eine Schüssel, gab Mehl und etwas Salz hinzu. Den halben Vorteig füllte sie mit lauwarmem Wasser auf und bestäubte dieses mit Mehl, bevor sie das Leinentuch wieder über die Schüssel stülpte und diese vorsichtig zurück in die Vorratskammer trug.

»Kann ich dir helfen?«, fragte Elsa, hatte aber schon die Hände in den Teig getaucht und knetete ihn durch.

»Eigentlich solltest du längst im Bett sein.«

Allunga schaute aus dem Fenster. Die kleine Mondsichel stand hoch am Himmel. »Zunehmender Mond«, flüsterte sie. »Und schon so spät.«

Irgendwo heulte ein Hund auf, dann erklang lautes, böses Kläffen. Das waren Straßenhunde, die sich bestimmt um Abfälle stritten. Elsa legte den Kopf schief und lauschte – doch die Hühner im Stall blieben ruhig. Der alte Hahn und der Ganter, den Großvater eigentlich zu einem Weihnachtsfest gekauft hatte, es aber dann nicht über sich bringen konnte, ihm den Hals umzudrehen, waren besser als jeder Wachhund. Ihnen drohte keine Gefahr, dachte Elsa beruhigt. Langsam und gleichmäßig, so wie Großmutter es ihr beigebracht hatte, knetete sie den Teig.

»Du solltest wirklich ins Bett gehen, Prinzessin. Morgen musst du früh aufstehen.« Allunga drängte Elsa sachte zur Seite.

»Du musst doch auch ins Bett.« Elsa wischte sich die Hände ab, streckte den Rücken.

»Mach dir keine Gedanken um mich.« Allunga lächelte ihr zu.

»Gute Nacht, Allunga.« Elsa schaute durch das Wohnzimmer zu Großvaters Kammer. Sollte sie nachsehen, ob die Großmutter noch etwas brauchte? Würde sie wieder die ganze Nacht an seinem Bett wachen?

Doch Elsa wollte nicht stören, denn die Großmutter schlief oft des Abends ein, wenn sie bei ihm saß, nähte, strickte oder flickte und dabei in Erinnerungen schwelgte.

Langsam ging die junge Frau die Treppe nach oben. Die dritte und die neunte Stufe knarrten schon immer entsetzlich, automatisch machte sie einen großen Schritt darüber hinweg. Früher, als sie noch jünger gewesen war und sich manchmal abends heimlich hinausgeschlichen hatte, war das Wissen um die knarrenden Stufen sehr wichtig gewesen. Gelernt hatte Elsa es von ihren Tanten, die zum Teil noch hier gelebt hatten, als die verwaisten Enkel einzogen.

Damals hatten Mina und Elsa ein Zimmer mit Lina, ihrer nur zwölf Jahre älteren Tante, geteilt. Dann waren nach und nach alle ausgezogen, und andere wieder zurückgekommen. Die Familie war groß, neun Kinder hatte Emilia Lessing zur Welt gebracht, zwei inzwischen beerdigt. Und nun waren sie, die ersten Enkel, auch fast alle schon erwachsen. Der Jüngste, Billy, würde im September zwanzig werden. Er kam nur noch am Wochenende nach Hause. Arthur lebte und arbeitete schon einige Zeit in Brisbane, sie sahen ihn noch seltener. Mina war vor wenigen Wochen aus Wentworth Falls, einer kleinen Stadt in den Blue Mountains, zurückgekehrt. Lange hatte sie dort Tante Till im Haushalt geholfen.

Elsa grinste, als sie daran dachte, wie Mina unschlüssig im Flur gestanden und von einer Zimmertür zur nächsten geschaut hatte.

»Wo schläfst du?«, hatte sie Elsa gefragt.

»Immer noch in unserem alten Zimmer.«

»Wirklich?« Mina hatte die Tür zu dem Raum geöffnet und hineingespäht. »Es sieht alles noch so aus wie früher.« Ein leises Seufzen lag in ihrer Stimme. Es klang sehnsuchtsvoll.

»Dein Bett ist auch noch da.« Elsa hatte gegrinst.

»Ich sehe es.« Mina hatte sich umgedreht, Elsa fragend angeschaut. Und Elsa hatte zustimmend genickt. Obwohl einige der anderen kleinen Kammern inzwischen leer standen und nur noch als Gästezimmer dienten, teilten sich die beiden nun wieder das Zimmer.

»Es ist irgendwie der schönste Raum hier oben«, hatte Mina gemeint, sich auf den Fenstersitz gesetzt, die Beine angezogen und nach draußen geschaut. An klaren Tagen konnte man meinen, den Hafen zu sehen.

Leise öffnete Elsa nun die Tür, sie wollte ihre Schwester nicht wecken. Doch Mina saß am Schreibtisch, das Kinn in die Hand gestützt und starrte an die Wand.

»Du bist noch wach?« Elsa knöpfte ihre Bluse auf und kratzte sich ausgiebig am Hals. Großmutter bestand darauf, dass alle Kinder und Enkel, die bei ihr wohnten, von ihr gestrickte Unterhemden aus Schafwolle trugen, zumindest an kühlen Tagen.

Mina drehte sich um und kicherte. »Zieh es aus, schnell.«

»Es ist so schwer, sich nach dem Sommer wieder daran zu gewöhnen, aber Großmutter macht mir die Hölle heiß, wenn ich die Dinger nicht trage.« Elsa seufzte, schlüpfte aus ihren Sachen und zog sich das Nachthemd über den Kopf.

»Till hat mir gezeigt, wie man einen Seidenrand an den Halsausschnitt der Unterhemden heftet, ohne dass es großartig auffällt, dann juckt es nicht mehr so. Schau mal.« Sie warf ihrer Schwester ihr Unterhemd zu. »Ich kann dir das auch machen.«

Elsa bestaunte die feine Arbeit. »O ja, bitte. Das sieht so aus, als wäre es viel angenehmer zu tragen.« Sie legte das Wäschestück zusammen und gab es Mina zurück. »Warum bist du noch wach?«

»Ich habe versucht, einen Brief an Will zu schreiben.« Mina kniff die Augen zusammen. »Aber es will mir nicht gelingen.«

Elsa ließ sich auf ihr Bett fallen und streckte die Arme aus. »Warum das denn nicht? Vier Jahre lang habt ihr euch nur über Briefe austauschen können. Die ganze Zeit, die er in England studiert hat. Und jetzt, wo er quasi nur einen Katzensprung entfernt lebt, kannst du es nicht mehr?«

»Das ist es ja«, jammerte Mina. »Bis vor ein paar Monaten war er weit, weit weg. Für eine lange Zeit. Ich wusste nicht, ob ich ihn jemals wiedersehen würde. Irgendwie konnte ich ihm deshalb so viel mehr anvertrauen als jetzt, wo wir uns alle paar Tage sehen können. Zumindest theoretisch.«

»Ich dachte immer, du liebst ihn.« Elsa konnte den leicht spöttischen Klang in ihrer Stimme nicht verbergen. »Oh, mein liebster Will, ein Traum von einem Mann, ich liebe ihn so sehr«, säuselte sie. »Hast du das nicht immer gesagt?«

Mina kniff wütend die Augen zusammen. »Mach dich nicht lustig über mich«, zischte sie. »Du verstehst das nicht.«

»Nein«, sagte Elsa, nun wieder ernst, und setzte sich auf. »Ich verstehe es wirklich nicht. Erkläre es mir.«

»Wenn ich nur wüsste, wie ich es erklären soll … es ist, als hätte mir die Distanz mehr Offenheit gegeben. Er war so weit weg, fast schon nicht mehr real – nur in meinen Gedanken. Ich konnte ihm alles anvertrauen, es war nicht peinlich, weil ich ihn ja nicht am nächsten Sonntag in der Kirche sehen würde.«

Elsa runzelte die Stirn. »Ich glaube, jetzt verstehe ich dich doch. Er war so weit weg, dass es fast schon so war, als würdest du Tagebuch schreiben, nur dass das Tagebuch auch geantwortet hat.«

»Genau.« Mina nickte heftig. »Und die Antworten kamen ja auch nicht prompt, sie kamen manchmal erst Wochen später, da unsere Korrespondenz ja über Carola, über Deutschland, ging. Es war kein wirklicher Dialog.«

Jetzt kicherte Elsa. »Herrlich, wie ihr das Verbot, euch zu schreiben, umgangen habt. Er schrieb Tutt und sie schickte dir seine Briefe. Nur gut, dass Großvater das nicht weiß. Er hätte sich furchtbar darüber aufgeregt.«

Mina lachte. »Großvater hat nicht daran geglaubt, dass unsere Liebe die Zeit und die Entfernung übersteht.«

»Nein, ich glaube, er wollte euch auf die Probe stellen. Wenn ihr es schafft, trotz des Verbotes in Kontakt zu bleiben, und wenn eure Liebe diese Zeit übersteht, dann ist es wahre Liebe. So hat er gedacht. Großmutter hat mir erzählt, dass ihre Familie ihm und ihr ja auch verboten hatte, Kontakt zu haben und sie dennoch Wege gefunden haben, das zu umgehen.«

»Ja, ich weiß.« Nachdenklich kaute Mina auf ihrem Federhalter. »Und so habe ich es auch empfunden – als Probe. Auch für Will und mich.« Sie stockte.

»Liebt er dich nicht mehr?«, fragte Elsa erschrocken und stand auf, ging zu ihr und nahm sie in den Arm.

»Doch, ich glaube schon. Ich hoffe es zumindest. Aber … aber es ist so seltsam, es fühlt sich anders an als vor einem halben Jahr, als er noch nicht wieder da war. Es ist so, als könnten wir uns schreiben, aber nicht miteinander reden. Das heißt – jetzt kann ich ihm nicht einmal mehr schreiben.« Sie schluchzte auf. »Ich habe so Angst.«

»Wovor?« Elsa hockte sich hin.

»Weißt du, vielleicht war ich ja für ihn auch so etwas wie ein Tagebuch, jemand, dem er seine Gedanken, Hoffnungen und Wünsche anvertrauen konnte. Wir haben uns viel geschrieben und es schien ihm immer wichtig zu sein, jemanden aus der Heimat zu haben, jemand, der verstehen würde, wie seltsam er manche Dinge in England fand, wie fremd er sich dort fühlte. Ja, wir haben uns viel anvertraut, haben vielleicht auch mehr in dem anderen gesehen, als wirklich da ist …« Sie wischte sich über die Wangen. »Was, wenn er jetzt feststellt, dass er mich gar nicht wirklich liebt? Dass er sich in ein Traumbild von mir verliebt hat? Zwar ist er jetzt hier und ich bin hier und … es geht doch nicht? Was, wenn er gar keine Gefühle für mich hat?«

»Wieso glaubst du das?«, wisperte Elsa erschrocken.

»Ach, Elsa! Er hat in England studiert. Er sieht so gut aus, hat Manieren … er ist in jeder Hinsicht perfekt. Und ich? Ich habe die Schule beendet und dann als Kindermädchen gearbeitet. Was kann ich denn? Was stelle ich dar? Du wirst jetzt Sekretärin, Tante Molly ist Lehrerin, Tante Till war Krankenschwester, Tante Lily hat eine Schaffarm geleitet. Und ich? Ich bin ein Nichts. Wie soll er mich da lieben?« Nun liefen ihr die Tränen über die Wangen.

Elsa richtete sich auf, nahm ihre Schwester wieder in die Arme und lachte leise. »Und ich dachte, es wäre etwas Schlimmes. Nun sei doch nicht so unsicher. Natürlich liebt er dich. Das kann man jeden Sonntag in der Kirche beobachten – selbst wenn er predigt, lässt er dich kaum aus den Augen. Und sein Blick … der ist so zärtlich und leidenschaftlich zugleich. Wenn er dich nicht liebt, esse ich einen Wombat – mit Fell.«

»Ehrlich?«

»Ja, ganz sicher. Und nun wisch dir die Tränen ab. Den Brief kannst du morgen immer noch schreiben, dir wird schon etwas einfallen.« Elsa grinste, trat an die Waschkommode und putzte sich die Zähne, dann wusch sie sich das Gesicht ab und schlüpfte endlich unter ihre Decke. »Ich mache mir Sorgen um Großvater«, sagte sie leise. »Und um Großmutter. Sie sitzt immer noch bei ihm.«

»Ja, er sah heute schlecht aus, dabei ist es viel kühler und die Luft klarer geworden.« Auch Mina stieg in ihr Bett, löschte die Lampe. »Aber Großmutter hat doch ihren Sessel jetzt in dem Zimmer stehen. Manchmal glaube ich, sie schläft dort besser als im Bett.« Mina kicherte leise.

Im Dunkeln flüsterten die beiden – das konnten sie sich nicht abgewöhnen. Früher hatte der Großvater das Licht gelöscht und geschimpft, wenn er noch etwas aus den Zimmern hörte.

»Ja, du hast recht, aber vorher hat sie gesagt, dass sie Darri erwartet. Darri ist doch schon längst tot. Wird Großmutter jetzt tüddelig?«

»Darri …« Minas Stimme klang seltsam verklärt. »Das letzte Mal habe ich sie gesehen … lass mich überlegen … zehn Jahre muss das her sein. Damals habe ich Till in den Blue Mountains besucht.«

»Du wolltest nicht mitkommen nach Gleelong, das weiß ich noch.«

»Was du nicht weißt, ist, dass ich damals unbedingt zu Till und Joseph ziehen wollte.«

»Das bist du später doch auch.«

»Ja, aber nicht so. Ich wollte damals ganz dahin. Ich habe mir gewünscht, dass sie mich adoptieren, aufnehmen an Kindesstatt.«

»Weg von uns? Von Großmutter und Großvater?« Elsa setzte sich auf. »Das kann ich gar nicht glauben.«

»Doch! Ich hatte dort mein eigenes Zimmer, es gab ein Bad mit einer Badewanne und einem Ofen. Es war herrlich. Aber ich wollte das schon, bevor ich es auch nur gesehen hatte.«

»Warum?«

»Ich weiß nicht. Vermutlich, weil ich einmal nicht nur eine von vielen sein wollte. Ich wollte jemanden haben, der nur mich lieb hat. Und das war ja so dumm!«

»Wie seltsam.«

»Ja, das habe ich dann auch festgestellt. Weil Großmutter ja jeden von uns auf ganz eigene Weise liebt. Und ich hier viel mehr Privatheit hatte, als in Wentworth Falls. Dennoch war es gut, dass ich da gewesen bin, um genau das zu erkennen.«

»Und damals hast du Darri getroffen.« Elsa zog sich die Decke zum Kinn.

»Ja. Wie auch immer sie herausbekommen hat, dass ich zu Besuch kam. Keiner wusste es. Sie hat mich mitgenommen zu den »Drei Schwestern« und mir die Legende ihres Volkes erzählt.«

»Hm«, machte Elsa. »Allunga hat auch gerade wieder von den Traumpfaden gesprochen. Ich halte das für Humbug.«

»Weil du es nicht verstehst.«

»Verstehst du es denn?«

»Nein«, sagte Mina zögerlich. »Vom Kopf her nicht, aber in meinem Herzen, da fühle ich, dass es so etwas geben muss.«

»Bist du dir sicher, dass du einen Pastor heiraten willst?«

»Noch hat er mich ja nicht gefragt«, seufzte Mina.

Kapitel 2

Sydney, 1910

Ach, Carl, mein lieber Carl«, sagte Großmutter Emilia leise und beugte sich zu ihm vor. Sein Atem ging schwer. Er hatte die Augen nur kurz geöffnet, als sie das Zimmer betrat, doch Emilia war sich sicher, dass er wusste, dass sie da war und sie hören konnte.

»Ich weiß, es ist eine lange und manchmal auch schwere Lebenszeit gewesen. Was haben wir nicht alles zusammen durchgestanden – durchstehen müssen. Ich weiß, du bist erschöpft und müde, aber bitte geh noch nicht.« Sie seufzte, nahm das Strickzeug auf. Leise klapperten die Nadeln in der Stille der Nacht. Die Petroleumlampe auf dem Tischchen neben ihrem Stuhl flackerte und Emilia justierte den Docht.

»Ach, weißt du noch«, murmelte sie, »wie das auf der Lessing war? Manchmal mussten wir das Licht löschen, weil die Lampe zu heftig schaukelte. Das war so schön, damals mit dir über die Weltmeere zu segeln. Manchmal war es auch langweilig und hin und wieder schrecklich und gefährlich, aber ich habe die Zeit doch sehr genossen.« Sie dachte zurück an die ersten Jahre ihrer Ehe. Carl war Hochseekapitän gewesen, die C. G. Lessing war seine Brigg, die er in der Werft ihrer Familie hatte bauen lassen. Gegen den Willen der Familie hatten sie geheiratet und Emilia war mit ihm davongesegelt. Vier Kinder hatte sie auf den Reisen zur Welt gebracht, fünf weitere, nachdem sie sich in Sydney niedergelassen hatten.

»Es war eine gute Entscheidung gewesen, hierherzuziehen«, sagte sie nun und nahm einen neuen Faden auf, legte ihn über die Nadel. »Die Kinder mussten schließlich zur Schule gehen. Wie wichtig dir immer Bildung gewesen ist, wie sehr du immer auf deine Familie, auf den großen Dichter bedacht warst. Und ganz gut ist es geworden mit unseren Kindern, nicht wahr, Carl?«

Nur Susanna war als Kleinkind gestorben, etwas, was Emilia immer noch traurig machte. Sie war so herzig gewesen, so fröhlich, die kleine Susanna. Alle anderen Kinder hatten sie großgezogen. Der Tod von Minnie vor nunmehr fast zwanzig Jahren war ungleich schlimmer gewesen, denn sie hinterließ fünf kleine Kinder – Emilias erste Enkel.

»Du hast Rudolph immer abgelehnt, mein Lieber. Aber Minnie hat ihn geliebt, wirklich geliebt. Vermutlich hattest du mit deiner Ablehnung recht, doch wer weiß, ob er sich nicht zu seinem Guten entwickelt hätte, wenn Minnie noch leben würde?« Emilia seufzte. »Es ist schlimm, dass die Kinder ihn so ablehnen, aber verstehen kann ich sie schon. Gekümmert hat er sich nie, nur Vorhaltungen hat er ihnen und uns gemacht. Vor allem unserer armen Tutt. Ob sie ihre Wut überwindet, und uns doch noch einmal besuchen kommt? Ach, wie gerne würde ich sie wiedersehen, meine kleine Tutt. Jetzt ist sie schon verheiratet und wir kennen ihren Mann nicht, werden ihn vielleicht nie kennenlernen. Das macht mich ganz traurig.«

Carl bewegte seinen Kopf, grunzte leise, doch er öffnete nicht die Augen. Emilia sah ihn an.

»Brauchst du etwas? Soll ich dir zu trinken geben?« Sie lauschte, doch kein weiterer Laut kam über seine Lippen.

»Du schläfst nicht wirklich, das weiß ich«, sagte sie verschmitzt. »Du magst es, wenn ich mit dir spreche, das hast du mir immer wieder gesagt. Doch manchmal hatten wir es schwer miteinander. Wenn du auf großer Fahrt warst und ich mit den Kindern hier zurückblieb, dann war das oft nicht leicht. Ich habe mich immer und immer zurückgesehnt an Bord. Dort konnte man so herrlich schlafen, der Wellengang hat einen in den Schlaf gewiegt. Vermisst du das nicht auch manchmal? Und das beruhigende Klatschen des Wassers in der Bilge, das Flattern der Segel bei Flaute und das Donnern der Wellen bei hohem Seegang. Ach, war das schön.« Sie nickte und rückte die Brille zurecht, die sie seit einiger Zeit tragen musste. »Was habe ich mich gefreut, wenn du wieder da warst nach deinen großen Fahrten, aber dann fiel es uns hin und wieder schwer, uns aneinander zu gewöhnen. Doch wir haben es immer geschafft.«

Sie ließ das Strickzeug in den Schoß sinken und dachte an die vielen Reisen, die sie zusammen unternommen hatten. Später hatte er oft das eine oder andere ihrer Kinder mitgenommen, alle waren gerne an Bord gewesen. Alle außer Minnie. Minnie war das einzige ihrer Kinder, das sie in Deutschland geboren hatte, in Othmarschen auf dem Gut ihrer Eltern. Und Minnie war immer eine Landratte geblieben. Sie liebte es zu pflanzen und zu säen, die Früchte zu ernten. Als ihr Mann Rudolph die Farm in der Nähe von Liverpool kaufte, war Minnie selig gewesen – ihr Traum ging in Erfüllung. Doch leider währte er nicht lange.

»Ich weiß, wirklich begeistert bist du auch von Will Black nicht, Minas Beau. Aber«, jetzt lachte sie leise, »du hast es allen deinen Schwiegersöhnen schwer gemacht. Immer wolltest du nur das Allerbeste für die Mädchen. Ach ja, die Kinder, die lieben Kinder. Aber Will Black ist ein anständiger, ein gottesfürchtiger Mann. Und er liebt Mina von Herzen. Wusstest du, dass sie sich die ganze Zeit über geschrieben haben? Gegen dein und Rudolphs Verbot? Da warst du dir einmal einig mit Rudolph – Mina sollte Will nicht jahrelang hinterherhängen und -trauern. Doch ist er ihr treu geblieben. Ich wusste es. Die vielen Briefe von Tutt – die konnten nicht alle von ihr sein.« Wieder lachte sie leise. »Ich habe Mina das Geheimnis gelassen, denn ich glaube, sie ist furchtbar stolz darauf. Nun wirst du Will aber in dein Herz schließen und den beiden deinen Segen geben, nicht wahr? Morgen früh, wenn es dir besser geht, dann sagst du es ihr, ja? Sie macht sich so Sorgen, dass du die Verbindung missbilligst. Aber das tust du in Wahrheit doch gar nicht, Carl, oder?«

Wieder schwieg sie eine Weile, den Kopf zur Seite geneigt, als würde sie der Antwort ihres Mannes lauschen.

»Jetzt heiraten unsere Enkelinnen schon. Es ist kaum zu glauben, erst Tutt und bald sicher auch Mina. Elsa … nun ja, Elsa wird noch ihren Weg ins Leben finden müssen. Dabei ist sie so strebsam und fleißig. Aber in Herzenssachen scheint sie noch zurück zu sein. Seltsam, nicht wahr? Dabei ist sie bildhübsch, unsere Prinzessin. Und so klug, viel klüger als Mina, will es mir scheinen. Vielleicht ist Elsa ein wenig wie Molly, die hat ja auch nie geheiratet, obwohl sie etwas mit ihrem Professor hatte. Sie glaubt, wir wüssten es nicht.« Emilia lachte leise. »Wie sie sich da täuscht. Glaubst du, dass May und Lina noch heiraten werden? Immerhin ist May schon sechsunddreißig und Lina zweiunddreißig. Du warst gegenüber den wenigen Männern, die die beiden uns vorgestellt haben, immer sehr grantig. Dir ist auch keiner recht, aber sollen sie denn alleine bleiben?« Sie legte das Strickzeug zur Seite, strich über die faltige und altersfleckige Hand ihres Mannes. Die Haut war dünn wie Papier.

»Ich weiß, du meinst es immer nur gut, willst das Beste für sie. Ich bin froh, dass sich Till mit Joseph arrangiert hat. Eine glückliche Ehe, so wie wir beide, werden sie wohl nicht führen, aber manchmal reicht auch eine Zweckgemeinschaft. Mit Joan hat Till das, was sie sich am meisten wünschte – ein eigenes Kind. Und ich glaube, sie ist damit zufrieden.« Nachdenklich schaute sie zum Fenster. Noch war es dunkel, die Nacht schon weit fortgeschritten. Bald würde sich das erste, zarte Licht des Tages über den Himmel breiten.

»Weißt du, was seltsam ist, Carl? Den ganzen Tag musste ich an Darri denken. Immerzu hatte ich das Gefühl, dass sie heute kommt. Dumm von mir, nicht wahr? Darri ist schon lange nicht mehr unter uns. Aber es fühlt sich so an, als würde sie wieder zu uns kommen – so wie damals. Weißt du noch, wie sie aufgetaucht ist, als Minnie starb? Sie wusste, Minnie brauchte sie in dieser Zeit. Wir brauchten sie alle. Sie hat den Tod unserer Tochter erträglicher gemacht, milder. Verstehst du, was ich meine? Ist es dir auch so gegangen? Wir haben nie darüber gesprochen. Ich habe nun mit einigen Aborigines über ihre Traumzeitwelt gesprochen, darüber, dass alles immer da war und immer da sein wird. Das ist ein erschreckender, aber auch ein tröstlicher Gedanke, fast schon christlich, auch wenn sie nicht an Gott glauben. Aber die Ahnen, das sind ja die Seelen der Menschen – und die Hoffnung, dass sie doch immer noch bei uns sind … ach ja.« Sie drehte sich wieder zu Carl um, sah ihn an. Seine Brust hob und senkte sich nicht mehr, der rasselnde Atem war nicht mehr zu hören.

»Carl?«

Auf einmal öffnete er den Mund und ein Stoß Luft schien aus seinem Körper zu entweichen. Dann war nur noch Stille.

»Carl …«

Emilia griff nach seiner Hand, umfasste sie. Sie fühlte sich kalt an, leblos.

»Mein Carl.« Tränen stiegen ihr in die Augen, sie holte ein paar Mal tief Luft, hatte aber das Gefühl, ihr Hals wäre zugeschnürt. Dann ließ sie die Hand los, ging zum Fenster und öffnete es weit. Sie konnte von hier aus in Richtung Hafen blicken. Die Schwärze der Nacht löste sich gerade auf. Es war diese kurze Zeit zwischen Tag und Nacht, in der alles stillzustehen scheint, sich kein Lüftchen hebt. Die Nachtvögel hatten sich längst ihre letzten Rufe zugerufen, alle anderen schliefen noch. Schon bald würden die Magpies ihren durchdringenden Weckruf anstimmen. Und auch der Hahn im Hof würde den Tag willkommen heißen. Es war der fünfzehnte März 1910, der Tag, an dem Carl Gotthold Lessing starb.

Emilia wusste, dass binnen kurzem hektische Betriebsamkeit im Haus herrschen würde. Aber sie wollte noch eine Weile in Ruhe Abschied nehmen. Tränen standen in ihren Augen und ihr Magen krampfte sich zusammen. Vierundfünfzig Jahre war sie mit Carl verheiratet gewesen. Neun Kinder hatte sie von ihm empfangen und geboren. Er war ihr bester Freund, ihr Geliebter und Vertrauter und nun war er tot.

Sie setzte sich auf den Bettrand, sah Carl an. Sanft strich sie über sein Gesicht, küsste ihn zärtlich auf die Lippen. Ihre Hände fuhren über den so vertrauten Hals, die Brust, in der das Herz nicht mehr schlug und die sich nicht mehr hob und senkte. Sie nahm seine Hände in ihre und drückte sie an ihre Brust.

»Mein Carl. Mein geliebter Carl«, flüsterte sie und legte dann ihren Kopf auf seinen Brustkorb, dort oben in die Kuhle am Hals, so wie sie früher oft gelegen hatte. Doch nun fuhren seine warmen Hände nicht mehr über ihre Schultern und ihren Rücken, streichelten sie nicht mehr und hielten sie nicht fest. Er war gegangen und nur noch seine vergängliche Hülle war hier.

Ihre Tränen ließen sein Nachthemd feucht werden, aber das störte ihn nun nicht mehr.

Erst als sich die Magpies im Garten schon stritten, der Himmel den purpurnen Schimmer zu einem hellen Blau gewechselt hatte, richtete Emilia sich wieder auf. Sie holte tief Luft, strich sich über die Bluse und stand auf, ging zu dem kleinen Waschtisch und wusch sich das verquollene Gesicht. Sie würde die Nachricht der Familie mitteilen müssen. Ihre Tochter Lily, die seit einigen Jahren wieder in ihrem Elternhaus wohnte, und die Enkelinnen Mina und Elsa würden ihr zur Seite stehen, das wusste sie.

Sie mussten den Arzt rufen, den Bestatter, schnell musste es gehen, nur vierundzwanzig Stunden blieben ihnen bis zur Beerdigung.

Ihr Blick richtete sich wieder auf den Leichnam ihres Mannes. Die Seele hatte den Körper längst verlassen, Emilia schloss das Fenster. Dann öffnete sie die Tür, lauschte. Nichts schien sich zu regen in dem alten Haus, das sie so viele Jahre nun schon bewohnten. Doch es duftete nach Brot und frischem Kaffee und sie konnte das Feuer im Herd knistern hören. War Allunga etwa schon aufgestanden? Es war doch noch viel zu früh.

Allunga saß am Tisch. Sie hob langsam den Kopf und sah Emilia wissend an.

Emilia schnappte nach Luft. »Nicht Darri ist hier«, sagte sie dann leise, »aber du bist es.«

»Ich habe es gespürt. Ist er friedlich eingeschlafen?«

Emilia nickte. »Ja. Für ihn ist es eine Erlösung. Aber ich …«

»Du hast einmal gesagt, das Leben geht weiter, egal was auch passiert.« Nur sehr selten und auch nur, wenn sie alleine waren, duzte Allunga Emilia. Jetzt ging sie auf sie zu, drückte sie an sich. Allunga duftete nach grüner Seife, frischem Kaffee und nach Kräutern. Der Duft beruhigte Emilia.

»Das Leben geht für mich weiter, nicht für Carl. Jetzt muss ich es alleine schultern.«

»Du hast viele Dinge alleine getragen.«

»Ja, aber ich hätte mit Carl darüber sprechen können, er war da.«

Für einen Moment standen die beiden Frauen nur da und hielten sich stumm. Dann seufzte Emilia auf, löste sich aus der Umarmung.

»Es gibt so viel zu tun«, murmelte sie. »Ich muss die Kinder informieren, den Pastor sprechen, die Beerdigung …« Sie schluckte. »Ich kann es noch gar nicht glauben«, sagte sie dann leise.

»Carl wird immer bei dir sein, Emilia.« Allunga führte sie in die Küche. »Mach dir keine Sorgen, wir werden alles organisieren. Hier.« Sie füllte Emilias Lieblingsbecher mit Kaffee, gab Zucker hinein und stellte ihn dann vor sie auf den Tisch.

Verwundert schaute Emilia auf die Tasse. »Ich kann doch jetzt keinen Kaffee trinken, so, als wäre dieser wie alle Tage.«

»Doch, das kannst du und das wirst du. Setz dich, trink deinen Kaffee. Ich habe schon Brot gebacken, neuen Teig angesetzt. Auch Eier und Speck stehen schon bereit, dazu frische Butter. Wir werden uns alle stärken müssen, anstrengende Tage liegen vor uns.« Sie öffnete die Tür zum Hof, dort hingen zwei der Hühner. Allunga hatte ihnen den Kopf abgeschlagen und sie an den Füßen aufgehängt, eine Schüssel druntergestellt, um das Blut aufzufangen. Die Schüssel war voll, Allunga musste dies schon vor einiger Zeit getan haben. Sie setzte sich auf einen Schemel und begann mit flinken Fingern die Vögel zu rupfen.

Emilia ließ sich auf ihren Stuhl am Küchentisch nieder und schaute Allunga wie in Trance zu. »Ich muss die Kinder wecken«, flüsterte sie. »Ich muss es ihnen sagen.«

»Sie werden schon früh genug wach sein. Lass sie noch schlafen, jetzt können sie sowieso nichts ausrichten.«

»Warum hast du die Hühner …?« Emilia schüttelte den Kopf, strich sich mit den flachen Händen über das Gesicht. »Natürlich – du wirst eine Suppe kochen. Wir müssen Essen machen, es wird viel Besuch kommen.«

»Die Nachbarn werden Essen bringen. Außerdem haben wir noch einen ganzen Schinken.«

»Ich werde eh nichts herunterbringen können«, murmelte Emilia. Sie drehte sich um, sah durch das Wohnzimmer zur Tür des Kämmerchens. Dort lag ihr Carl. Am liebsten würde sie zu ihm gehen, sich neben ihn legen und die Augen schließen. Doch das war nicht möglich. Von oben waren Geräusche zu hören. Wer würde als Erstes herunter kommen? Wem würde sie die Nachricht zuerst sagen müssen? Ihrer Tochter Lily, die nun auch schon dreiundfünfzig war und seit einigen Jahren wieder zu Hause lebte? Oder den Enkelinnen? Wer von den Kindern und Enkeln würde zur Beerdigung kommen können? Alleine der Gedanke daran, was noch bevorstand, ließ Emilia schwindelig werden und wieder liefen die Tränen. Wie viele Tränen hatte man? Würden sie nicht irgendwann austrocknen, wie ein Bachlauf in der Sommerhitze?

Leichtfüßig waren die Schritte, die die Treppe herunter kamen. Es war eins der Mädchen. Emilia holte tief Luft, rieb sich über die Augen.

»Großmutter …?« Elsa sah sie erschrocken an, dann blickte sie durch die Tür in den Hof, wo Allunga inzwischen das zweite Huhn rupfte.

Sie sitzt in den weißen Federn, wie in einem Berg Schnee, dachte Emilia verwirrt. Seltsam sieht das aus, denn Schnee gibt es hier doch gar nicht, vor allem nicht so viel.

»Großmutter?«, flüsterte Elsa, setzte sich neben Emilia und legte ihren Kopf auf die Schulter der alten Frau. »Ist es Großvater?«

Emilia nickte, irgendwie wollten keine Worte kommen, ihr Hals war wie zugeschnürt.

»O nein«, schluchzte Elsa.

Allunga stand auf, wischte die Federn von ihrem Rock, schüttelte sich wie ein nasser Hund. Dann trug sie die beiden gerupften Hühner in die Küche, legte sie auf die Arbeitsplatte und seufzte.

»Du brauchst einen Kaffee, Fräulein Elsa. Dann kannst du gehen und dich in Ruhe von Großvater verabschieden. Nimm dir Zeit und weine alle Tränen, die fließen wollen. Und wenn du damit fertig bist, kommst du zurück, denn wir haben mächtig viel zu tun.« Sie stellte Elsa eine Tasse Kaffee hin, nickte ihr zu.

Nun kam auch Mina herunter. Sie streckte sich verschlafen, blieb überrascht an der Küchentür stehen.

»Was ist passiert?«, fragte sie fast tonlos. Dann atmete sie tief ein. »Es ist Großvater?«

Emilia nickte. »Er ist ganz friedlich eingeschlafen.«

»Aber ich konnte mich gar nicht verabschieden.« Mina sah die Großmutter entsetzt an, drehte sich dann um und ging durch das Wohnzimmer zu der Kammer, die einst ihr Kinderzimmer gewesen war. Ihre Schultern zuckten verzweifelt.

Elsa schaute Allunga unsicher an. »Ich möchte auch …«

»Dich verabschieden?« Emilias Stimme klang wieder fester. Es war so, als könnte sie dadurch, dass die Enkelinnen trauerten, ein wenig Luft holen. »Mach das, Prinzessin. Geh ruhig.«

»Aber Mina ist doch nun bei ihm …«

»Ich kann mich erinnern, dass ihr früher immer gemeinsam auf Großvaters Schoß gesessen habt. Die eine auf dem rechten Bein, die andere auf dem linken. Und dann hat er euch Geschichten erzählt. Also könnt ihr euch auch gemeinsam von ihm verabschieden.« Sie lächelte traurig.

»Dein Großvater ist jetzt ein Ahne. Er ist nicht fort, er hat nur seine Hülle verlassen, aber er wird immer bei euch sein und euch begleiten«, meinte Allunga leise.

Elsa senkte den Kopf. »Eigentlich hört sich das ja tröstlich an, auch wenn es nicht sehr christlich ist.«

»Ich finde den Gedanken schön. Allunga, wir müssen den Pastor informieren.«

Das Dienstmädchen nickte. »Ich schicke den Jungen, er sollte sowieso langsam aus den Federn kommen.«

Emilia schüttelte den Kopf. »Tut mir leid«, sagte sie gepresst, hob dann den Kopf und grinste. »Du bist gerade aus den Federn gekommen. Ich weiß gar nicht, warum ich jetzt irgendetwas lustig finden kann? Das sollte doch nicht so sein … ich sollte vor Trauer vergehen.« Sie klang plötzlich verunsichert.

»Ich glaube, das ist in Ordnung, Großmutter. Großvater weiß, wie sehr du um ihn trauerst. Das ist das Eine – aber das Leben geht ja weiter, das hast du immer gesagt, egal, was war.« Elsa stand auf und nahm Emilia in den Arm. »Ich werde mich später von Großvater verabschieden. Mina möchte sicher lieber alleine sein. Ich laufe schnell zum Pastor und gebe ihm Bescheid. Und auch bei der Arbeit gehe ich schnell vorbei und nehme mir frei.«

»Wirklich, Kind?«

Elsa nickte, nahm ihr Schultertuch und verließ das Haus.

Emilia sah ihr nur kurz hinterher, dann nahm sie Papier und einen Bleistift. »Wir müssen den Kindern kabeln. Ach, es gibt so viel zu tun. Wer wird wohl alles kommen können?«

»Es werden genug da sein«, sagte Allunga leise.