Informationen zum Buch

Das Leben will riskiert werden!

Juli hat von ihrer Mutter Ria ein altes Haus geerbt und einen Brief: Ria wirft ihrer Tochter vor, sich vor dem Leben zu verstecken und ihre Träume zu verraten. Juli ist tief verletzt, kannte ihre Mutter sie wirklich so wenig? Schließlich ist sie doch glücklich! Oder etwa nicht? Wütend und voller Trotz begibt sie sich auf Spurensuche. Und entdeckt dabei, dass ihre Mutter ihr viel ähnlicher war, als sie ahnte – und dass ihr verhasster Schulfreund Jan doch gar nicht so schlimm ist, wie sie früher immer glaubte.

Eine einfühlsame Geschichte über die Kraft der Liebe einer Mutter und den Mut, seine Träume zu verwirklichen.

Christina Beuther

Ist das jetzt schon Liebe

Roman

Inhaltsübersicht

Informationen zum Buch

1. August

2. August

3. August

4. August

5. August

6. August

7. August

8. August

9. August

10. August

11. August

12. August

13. August

14. August

15. August

16. August

17. August

18. August

19. August

20. August

21. August

22. August

23. August

24. August

25. August

26. August

27. August

28. August

29. August

30. August

31. August

Epilog

Die leckersten Rezepte aus Julis Zauberbuch

Eine kleine, persönliche Anmerkung

Danksagung

Über Christina Beuther

Impressum

Wem dieses Buch gefallen hat, der liest auch gerne …

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Für meine Schwester,

für meine Mutter

und für meinen Vater

»Mit den Flügeln der Zeit

fliegt die Traurigkeit davon.«

Jean de La Fontaine

Was wir nicht können,

ist irgendwas wiederholen,

kein Augenblick, kein Moment

kann sich je wiederholen.

Was wir nicht können,

ist irgendwas wiederholen,

wir können nicht zurück,

und warum sollten wir auch?

Bosse »Schönste Zeit«

1. August

Das Klingeln des Telefons hatte sie aus dem Schlaf gerissen. Normalerweise wäre sie erst eine Stunde später aufgestanden, hätte ihre Joggingschuhe angezogen und wäre ihre morgendliche Runde gelaufen: durch den Longfellow Park runter zum Memorial Drive, am Ufer des Charles River entlang, der jetzt im Sommer bereits in der Sonne glitzerte, über die Massachusetts Ave zurück nach Hause. An diesem Morgen war Juli nicht laufen gegangen, sie hatte sich auf dem Rückweg keinen Kaffee in ihrem Lieblingscafé Hi Rise am Harvard Square gegönnt, ebenso wenig hatte sie ein paar Worte mit Toni hinter dem Tresen gewechselt. Sie hatte nicht lange geduscht, ihr Müsli gegessen, um sich dann an ihren Schreibtisch zu setzen, durch die geöffneten Fenster den Sommer in ihr Zimmer zu lassen und anzufangen zu zeichnen. Am Nachmittag hatte sie weder die Red Line vom Harvard Square zur Park Street genommen, um sich mit Abby im Cafe Vanille in Beacon Hill zu treffen, noch später alte Studienfreunde zum Abendessen im Dali am Central Square getroffen. So wie es eigentlich geplant war.

Der Anruf hatte alles verändert.

»Juli«, hatte die vertraute Stimme ihres Onkels am anderen Ende der Leitung gesagt. Sie hatte sich gesetzt und sofort gewusst, dass etwas geschehen sein musste. »Ria ist tot.« In ihr war es leer geworden und dunkel. Ein Gefühl der Enge hatte sich breitgemacht, das die Leere zusammendrückte, so sehr, dass es weh tat. »Es tut mir leid, Juli, heute Nacht ist deine Mutter gestorben.«

2. August

Dreißig Stunden später saß Juli in der Regionalbahn von Köln nach Minden. So kurzfristig hatte sie nur eine Flugverbindung von Boston über Paris nach Köln bekommen. Erschöpft blickte Juli aus dem Fenster. Weite Felder, Bäume, kleine Ortschaften zogen vorbei, verloren sich am weiten Horizont und verschwammen zu unscharfen Punkten, die sich zu einem Mosaik zusammensetzten, zu einem vertrauten Bild, das sie, obwohl es nun ein vages und zerbrechliches Gefühl von Heimat in ihr auslöste, gehofft hatte, weit hinter sich gelassen zu haben. Bielefeld. Herford. Löhne. Porta Westfalica. Das Kaiser-Wilhelm-Denkmal. Die Weser. Gleich würde der Zug in Minden einfahren. Willkommen zurück, dachte sie. Ostwestfalen hatte sie wieder. Vor zwölf Jahren war sie weggezogen. Weit weg. Dann noch weiter weg. Zwei Jahre war es her, dass sie das letzte Mal zurückgekehrt war. Zu der Beerdigung ihrer Großmutter.

Als der Zug einfuhr, erkannte Juli sofort die vertraute Gestalt ihres Onkels Georg auf dem Bahnsteig. Er war gealtert, wirkte in der Menge der Reisenden, die in verschiedene Richtungen über den Bahnhof stoben, jedoch noch immer wie ein Fels in der Brandung, ein sicherer Hafen.

»Juli.« Mehr sagte er nicht, sondern er nahm sie einfach in seine Arme und hielt sie ganz fest. Zum ersten Mal konnte Juli ein bisschen von der Anspannung fallenlassen, die sie seit Stunden gefangen hielt.

»Komm«, sagte er, nahm ihren Koffer, und gemeinsam gingen sie zum Auto. Unterwegs sprachen sie nicht viel. Nur das, was richtig war.

»Und du bist sicher, dass du nicht doch bei uns wohnen willst?« Onkel Georg parkte das Auto vor dem Juli so vertrauten Haus und sah sie besorgt an.

»Nein, ist schon gut. Danke für das Angebot. Ihr müsst euch keine Sorgen machen, aber ich möchte hier sein. Ich brauche ein bisschen Zeit für mich. Und ich bin unendlich müde und muss einfach erst einmal schlafen.« Ihr Onkel nickte, stieg aus, holte ihr Gepäck aus dem Kofferraum und trug es zur Eingangstür.

Als er ein paar Minuten später wieder aufbrach, winkte Juli ihm müde nach, kramte aus ihrer Tasche den Haustürschlüssel hervor, drehte ihn im Schloss um und öffnete die Tür. Langsam trat sie über die Schwelle ins Haus und atmete den vertrauten Geruch ein. Erinnerungen brachen über sie herein. Der Duft von Apfelkuchen. Oma Lene, die mit Schürze aus der Küche tritt, die Hände voller Teig, die sie anlächelt und fragt, wie es in der Schule war. Wie sehr sie dieses Lächeln mochte. Die Geräusche des immer ein wenig zu lauten Fernsehers im Wohnzimmer, die sie beim Einschlafen bis hinauf in ihr Zimmer hören konnte. Abgeschnallte Rollschuhe, die vor der Haustür liegen. Rollsplit. Weiße Stofftaschentücher, mit denen ihre Großmutter ihr die Tränen trocknet, während sie Salbe auf das aufgeschürfte Knie streicht. Das Knarzen der Treppe. Das leise »Schlaf gut, Liebes« und ein sanfter Kuss auf die Stirn. Der Duft von Veilchen-Parfüm und Kamille-Handcreme. Das Gefühl, in den Armen gehalten und getröstet zu werden.

Sie blickte sich um. Hier war sie aufgewachsen. Und trotzdem war da das Gefühl, hier nicht mehr hinzugehören. Dennoch war dieses Haus ihr Zuhause. Ein Ort voller Geschichten. Der von Oma Lene, von Ria und ihrer eigenen. Hier lief alles zusammen.

Ihre Großmutter war ihr Zuhause gewesen. So sehr sie auch nachdachte, Juli hatte kaum Erinnerungen an eine gemeinsame Zeit mit Ria in diesem Haus. Allenfalls an ihre kurzen Besuche. Unausgesprochenes, das sich in der Stille des Schweigens zu einem Summen verdichtete, durch das Haus drang und sich zwischen den vertrauten Wänden breitmachte. Die unbeholfenen Annäherungsversuche ihrer Mutter nach langen Zeiten der Abwesenheit. Das Gefühl konturloser Nähe, sich fremd und dennoch miteinander verbunden zu sein.

Kurz vor Julis drittem Geburtstag war Ria vor der Weite des Horizonts und dem Gefühl, in dieser Weite in Wünschen, Hoffnungen und Träumen eingeengt zu sein, nach Berlin geflohen. Das war die schöne, die poetische Version. Denn zwischen Dauerwelle, Traktoren, Kaffeeklatsch und dem Dorfladen als kulturellem Zentrum war kein Platz gewesen für Rias Liebe zur Kunst und für all ihre Wünsche und Pläne. Ihre Mutter war Schauspielerin gewesen, unruhig von Ort zu Ort und Engagement zu Engagement ziehend. Juli wusste inzwischen, dass Ria sie geliebt hatte. Sie empfand ihrer Mutter gegenüber keinen Groll mehr, und trotzdem spürte sie leise noch immer das schwere Gefühl, alleingelassen worden zu sein, selbst wenn sie Ria inzwischen verstand, denn auch sie hatte diese Weite des Horizonts irgendwann nicht mehr als Freiheit empfunden, sondern als trügerisches Versprechen, als Leinwand einer Zukunft, die sie beklommen zurückließ. Auch Juli war gegangen, als sie die Möglichkeit dazu gehabt hatte.

Als ihre Großmutter vor vier Jahren erkrankte, war ihre Mutter zur Überraschung aller zurück nach Beekelsen gezogen. Sie kam von allein, kümmerte sich um ihre Mutter, pflegte sie und war nach ihrem Tod einfach geblieben. Sie hatte ein kleines Engagement am Mindener Stadttheater angenommen. Juli konnte sich noch gut erinnern, wie sehr sie sich über ihre Mutter gewundert hatte.

Das letzte Mal gesehen hatten sie sich vor einem halben Jahr, als Ria sie in Cambridge besucht hatte. Erst als Juli aus Beekelsen fortgezogen war, hatten sich beide angenähert. Die Entfernung hatte sie näher zusammengebracht. Nicht vertraut miteinander gemacht, sie waren sich nach wie vor immer auch ein wenig fremd, aber doch verbunden, durch etwas, das sich schwer in Worte fassen ließ.

Und nun war Ria nicht mehr da. »Wie ist es passiert?«, hatte sie ihren Onkel am Telefon gefragt.

»Sie hatte ein Aneurysma, das während der Probe im Theater geplatzt ist. Ria war sofort tot.« Ihr Onkel hatte geschwiegen, um dann, etwas leiser, fortzufahren: »Juli, sie wusste davon und kannte die Risiken, wollte sich aber nicht operieren lassen.«

Das passte zu Ria. Sie traf ihre Entscheidungen ohne Rücksicht auf andere. Unbewusst hatte Juli lächeln müssen. Wahrscheinlich hatte Ria es sich genau so gewünscht: während der Probe, auf den Brettern, die ihre Welt bedeuteten und ihr Leben bestimmt hatten. Ein tröstlicher Gedanke.

Juli ging durch das Haus, öffnete die Fenster und ließ die Abendluft hinein. Nach Oma Lenes Tod hatte Ria im Haus einiges verändert. Die bunten großgemusterten Tapeten waren einem hellen Anstrich gewichen, ebenso gab es die Deckenvertäfelung in Eiche rustikal und den großen, sperrigen Eichenschrank im Wohnzimmer nicht mehr. Das alte Sofa hatte sie behalten, es war neu bezogen, aber Juli erkannte die vielen blumenbestickten Kissen wieder, die ihre Großmutter schon immer auf dem Sofa liegen hatte. Auch die Gardinen, Ado Goldkante, hingen nicht mehr, der Blick durch die Fenster war wieder frei. Ria hatte ein paar der alten Möbel, die Oma Lene von ihren Eltern geerbt hatte, aufarbeiten lassen. Den alten Sekretär, die große Truhe, die Standuhr. Sie hatte die Wand zwischen Wohn- und Esszimmer einreißen lassen. Auf dem alten Esstisch war eine Vase mit frischen Blumen aus dem Garten platziert worden, um den Tisch standen verschiedene alte Stühle. Alles wirkte hell und klar. An einer Wand im Esszimmer hingen Fotos in weißen Rahmen. Julis Blick blieb an einem Bild haften. Oma Lene mit ihrem Mann, Ernst, den weder Juli noch ihre Mutter kennengelernt hatten. Er war in den letzten Kriegswochen in Frankreich gefallen. Ihre Großmutter hatte Georg und Ria alleine großgezogen.

Juli kannte das Bild. Es hatte auf Oma Lenes Nachttisch gestanden, sie hatte es allerdings noch nie genauer betrachtet. Ihre Großmutter blickte ihren Großvater verliebt an, der stolz in die Kamera lachte, Onkel Georg strahlend auf seinen Schultern. Oma Lene hatte eine Hand auf ihren Bauch gelegt. Sie war mit Ria schwanger. Julis Großvater war ein großer Mann gewesen. Onkel Georg hatte die Statur seines Vaters geerbt, das weiche und freundliche Gesicht, die blauen Augen, die helle sommersprossige Haut und die rotblonden Haare hatte er von seiner Mutter. Ria dagegen war ihrem Vater wie aus dem Gesicht geschnitten. Seine dunklen, dichten glatten Haare, fast schwarz, die dunklen großen Augen und hohen Wangenknochen, der etwas zu große Mund, der ein wenig aus der perfekten Symmetrie zu fallen schien, das Gesicht durch diesen kleinen Makel aber noch schöner machte. Juli selbst war nichts Halbes und nichts Ganzes. Von ihrer Mutter hatte sie nur die dunklen Haare geerbt, die sich bei ihr jedoch leicht wellten und schwer zu bändigen waren. Ihre Augenfarbe changierte irgendwo zwischen Blau-Grau-Braun und ließ sich nie genau benennen, ihre Nase war bei weitem nicht so vornehm wie Rias, und ihr Mund glich zwar dem ihres Großvaters und ihrer Mutter, bei Juli wirkte er jedoch leicht schief. Sie hatte aufgehört zu hinterfragen, was an ihr vielleicht an ihren Vater erinnerte. Juli kannte ihn nicht. Die Beziehung zwischen Ria und ihm war intensiv gewesen – und vorbei, bevor Ria überhaupt wusste, dass sie mit Juli schwanger war. Sie hatte zu der Zeit in Hamburg gewohnt. Juli wusste nur, dass ihr Vater ein britischer Seemann war. John Moore, das war sein Name. Ria hatte weder ein Foto noch sonstige Informationen, die ihr bei der Suche nach ihm hätten weiterhelfen können. Nicht, dass sie ihn wirklich gesucht hätte. Nur einmal, mit vierzehn, hatte sie nach einem fürchterlichen Streit mit Oma Lene bei der Auslandstelefonauskunft angerufen und nachgefragt, ob sie die Nummer von John Moore aus England haben könnte. Mehr als ein Lachen und ein »Schätzchen, weißt du eigentlich, wie viele John Moores es in England gibt?« war nicht zurückgekommen. Danach hatte sie es nie wieder versucht. Vielleicht auch weil sie nichts vermisst hatte. Bei Oma Lene hatte sie ein liebevolles Zuhause, Onkel Georg füllte die Lücke, die John Moore unwissend hinterlassen hatte, und Mo, ihre Cousine, war wie eine Schwester für sie.

Später dann, als Juli merkte, dass ihr Horizont weiter wurde als der Horizont, den sie sah, wenn sie aus dem Fenster blickte, und als das Gefühl, zwar zu Oma Lene und ihrer Familie, nicht aber nach Beekelsen zu gehören, bestimmender wurde, hatte der Gedanke, einen Vater zu haben, der über die Weltmeere fuhr, etwas Tröstliches. Er erklärte die Weite in ihrem Herzen, ihr unbestimmtes Fernweh, das sie zwischen Volkstanzgruppe, Jugendfeuerwehr, Mofa-Tuning, Herforder Pils und Bacardi Cola immer stärker spürte.

Julis Blick glitt zu den anderen Fotos: Ria mit ihr als Baby, stolz in die Kamera lächelnd. Ihre Einschulung. Mo und sie fröhlich lachend zusammen auf der Schaukel im Garten. Oma Lene, Ria und Juli vor dem Tannenbaum.

Julis Verhältnis zu Ria war lange nicht unbeschwert gewesen. Als Ria fortging und sie bei Oma Lene ließ, hatte sie ihre Mutter oft vermisst – und sich dann an ihr Fehlen gewöhnt. Oma Lene war zu ihrer wichtigsten Bezugsperson geworden. Nachdenklich betrachtete sie das nächste Bild. Ein Porträt Oma Lenes, das kurz bevor sie erkrankt war aufgenommen worden sein musste und auf dem sie wundervoll getroffen war. Ihre warmen Augen, die runzelige, weiche Haut, Juli konnte fast spüren, wie es sich angefühlt hatte, ihr einen Kuss auf die Wange zu geben.

Das letzte Bild in der Reihe zeigte Ria und Juli auf Cape Cod. Juli nahm das Foto von der Wand. Es war kurz nach Oma Lenes Tod, während Rias Aufenthalt in den USA, entstanden. Sie hatten eine lange Wanderung am Nauset Beach unternommen, und Juli konnte sich noch gut erinnern, dass Ria eine Ruhe und tiefe Zufriedenheit ausgestrahlt hatte, die Juli eigentlich nur von ihrer Großmutter kannte. Ihre sonst so rast- und ruhelose Mutter schien in ihrem Leben angekommen zu sein. »Um klar zu sehen, genügt oft ein Wechsel der Blickrichtung, Antoine de Saint-Exupéry«, hatte Ria ihr bei dem Ausflug gesagt. »Ich bin an dem Punkt, wo ich diese Klarheit habe und alles, was passiert ist, Sinn macht und zu dem geführt hat, was richtig ist. Sollte ich morgen sterben, ist alles gut. Wenn es so weit ist, möchte ich im Wind verstreut werden und einfach dorthin wehen, wohin er mich trägt.« Juli strich sacht über Rias Gesicht und hängte das Bild wieder an seinen Platz. Ihre Augen füllten sich mit Tränen, gleichzeitig öffnete sich ihr Herz, und Juli wusste, dass sie eigentlich nicht traurig sein musste. Denn alles war gut.

Das Schlagen der alten Uhr im Wohnzimmer riss sie aus ihren Gedanken. Es war neun. In Neuengland war es gerade erst drei. Sie war seit über dreißig Stunden auf den Beinen. Plötzlich hörte sie ein zartes Maunzen zu ihren Füßen.

»Petermann, alter Miezekater!« Juli kniete sich hin, nahm den alten roten Kater auf den Arm und strich über sein getigertes Fell. Petermann begann wohlig zu schnurren. »Mit mir hast du nicht gerechnet, was, du Streuner?« Den Kater auf dem Arm, ging sie in den Garten. Das Gras kitzelte unter ihren nackten Füßen. Es war noch immer angenehm warm. Sie ging vorbei am alten Kirschbaum, an dem früher ihre Schaukel gehangen hatte, durch den Rosenbogen und das kleine schmiedeeiserne Tor in Richtung Feld. Juli atmete tief den Duft ihrer Kindheit ein. Es roch nach Hochsommer, nach den Rosen ihrer Großmutter, frisch gemähten Weizenfeldern, die sich vorher noch sanft im Wind gewiegt hatten, trockenem Gras, reifen Tomaten, dem Mirabellenbaum hinterm Haus. Petermann sprang von ihrem Arm und strich um ihre Beine. Alles fühlte sich vertraut und zugleich doch weit entfernt an. Ihre Mutter war zurückgekommen und geblieben. Sie aber würde nicht bleiben. Eine Weile stand Juli ruhig da, horchte in die Stille. Dann drehte sie sich langsam um. »Komm, Miezekater. Lass uns reingehen. Morgen wird wieder ein langer Tag.« Der alte Kater folgte ihr ins Haus. Juli schloss die Fenster, löschte die Lichter und ging die Treppe hinauf ins Dachgeschoss in ihr ehemaliges Zimmer. Das weiße Messingbett, der alte Schrank, der große Schreibtisch, auf dem sie zu zeichnen begonnen hatte. In der Ecke der dunkelgrüne Ohrensessel. An den Wänden hingen, mittlerweile ein wenig vergilbt, ihre alten Skizzen, im kleinen Regal neben dem Bett standen die Hanni und Nanni- und Anne auf Green Gables-Gesamtausgaben, Duftkerzen, die nicht mehr dufteten, ein kleiner Eiffelturm von ihrem ersten Ausflug nach Paris, Muscheln aus der Bretagne und ihr alter Kuschelhase. Genau wie Oma Lene hatte Ria nichts verändert. Welcome back, dachte sie, dann räumte sie ihre Sachen in den leeren Schrank, zog sich ihr Nachthemd über, nahm ihren Kulturbeutel, ging über den Flur ins Badezimmer und machte sich bettfein. Zurück im Zimmer, öffnete Juli das Fenster der kleinen Gaube, kuschelte sich ins Bett, löschte die Nachttischlampe und fiel, Petermann an ihren Füßen, unmittelbar in einen tiefen Schlaf.

3. August

»Juliane, es tut mir so leid. Erst deine liebe Großmutter, nun auch noch deine Mutter. Du musst schrecklich allein sein!« Das nannte man mit der Tür ins Haus fallen. Friedekings Helga gab sich Mühe, überzeugend zu wirken, und drückte Juli nun schon eine ganze Weile. Als Juli versucht hatte, ihr zu verdeutlichen, dass sie sich gern aus der Umarmung lösen würde, drückte Friedekings Helga einfach noch fester zu. »Es ist so traurig! Ach Gott, und noch so jung …« Juli roch billiges Parfüm und Haarspray. Friedekings Helga hatte sich für den Trauerbesuch schick gemacht, die feinste Bluse aus dem Schrank genommen, die obligatorische ostwestfälische alte Damen-Dauerwelle auftoupiert. Sie war anscheinend so entschlossen, Juli das Ausmaß ihres Beileids zu bekunden, dass sie nicht länger hatte warten können und um kurz nach acht einfach hatte klingeln müssen. Nach dem dritten Klingeln hatte Juli vorsichtig aus dem Fenster gesehen und kurz darüber nachgedacht, einfach nicht zu öffnen. Doch rasch hatte sich die Gewissheit eingestellt, Friedekings Helga ohnehin nicht loszuwerden. Natürlich wusste ganz Beekelsen schon, dass Juli da war. Die Buschtrommeln trommelten noch immer zuverlässig. So würde also ihr heutiger Tag aussehen: Das Unheil würde sie heimsuchen. Die Trauerbesuche: die Apokalypse.

Sie war aus dem Bett gekrochen, hatte sich die wilden Haare schnell zu einem Zopf zusammengebunden, sich das erstbeste Kleidungsstück übergeworfen, das sie zu greifen bekommen hatte, und stand dann Friedekings Helga beim fünften Klingeln in einem buntgepunkteten Sommerkleid recht verknittert gegenüber. Seit einer gefühlten halben Stunde war die nun schon da. Seitdem wurde sie mitfühlend umarmt. Friedekings Helga atmete schwer, dann löste sie die Umarmung und sah Juli erwartungsvoll an. »Auf die Trauer brauche ich erst einmal einen Schnaps. Juliane?« Juli war in Gedanken und kämpfte mit dem Drang, Friedekings Helga nicht einfach vor die Tür zu schieben und ihr die Tür vor der Nase zuzuschlagen. »Hat deine Mutter vielleicht irgendwo noch das leckere Birnenschnäpsgen deiner Oma?« Schon war Friedekings Helga an ihr vorbei ins Wohnzimmer spaziert. »Juliane?« Juli schüttelte sich und drehte sich um. Friedekings Helga saß schon auf dem Sofa und schaute sie hoffnungsvoll an. Der Birnenschnaps ihrer Oma. Morgens um halb neun. Nun denn.

Kurz darauf die Apokalypse 2.0. »Macht man das in Amerika so, dass man gar kein Schwarz trägt, wenn jemand gestorben ist?« Reilings Renate und Friedekings Helga hatten sich die Türklinke in die Hand gegeben, und nun saß ihr Alptraum Nummer zwei in einem schwarzen Kittelkleid gegenüber, die Hände andächtig im Schoß gefaltet und ein Glas Birnenschnaps vor sich auf dem Tisch. Juli saß im Sessel, die Hände ebenfalls gefaltet und das Gläschen Birnenschnaps schon getrunken. Sie sah an sich hinunter und schaute auf die bunten, fröhlich strahlenden Punkte ihres Kleides. Der Birnenschnaps wärmte wohlig ihren Bauch. »Nein, was deine Oma wohl dazu gesagt hätte …« Einatmen. Ausatmen. »Wann ist denn die Beerdigung? War die Pastorin schon da? Als Reiners Heinrich vor ein paar Wochen gestorben ist, da hat sie sich erst einen Tag später gemeldet. Ich finde, das ist eine Frechheit! Reiners Irene hat kurz überlegt, Heinrich von Pastor Wilkens aus der Nachbargemeinde beerdigen zu lassen. Bei Wilkens zu Hause herrschen wenigstens geordnete Verhältnisse. Vier Kinder hat der. Aber die Pastorin, die hat keine. Und ihr Mann kümmert sich um den Haushalt und den Garten. Das muss man sich mal vorstellen. Da kann man doch sofort kommen, wenn jemand gestorben ist. Die hat doch sonst nichts zu tun.« Julis Gedanken drifteten ab. Wie viel Flaschen Vorrat an Birnenschnaps hatte sie im Keller gesehen? Pastorin Heinemann würde heute auch noch kommen. Juli hoffte, dass Reilings Renate dann nicht mehr da sein würde. »Ich hab schon immer durch die Fenster gesehen, dass deine Mutter viel verändert hat. Die Wand hätte ich ja nicht weggerissen. So kann man ja von der Straße fast durch das ganze Erdgeschoss gucken. Aber deine Mutter hatte schon immer einen ganz eigenen Geschmack.« Reilings Renate blickte wieder auf die bunten Punkte ihres Kleides. »Den hast du wohl geerbt. Aber zur Beerdigung ziehst du was Schwarzes an. Bitte, Juliane, ja? Ich meine, wir sind hier in Beekelsen und nicht in Amerika. Hast du übrigens schon gehört, dass Vollmers Bianca gerade das dritte Kind bekommen hat? Und Schulzes Dörte hat vor einem halben Jahr Weihmeiers Jörg-Uwe geheiratet. Dörte und du, ihr wart doch in der Schule so gut befreundet. Was ist eigentlich mit dir? Ich sehe keinen Ring am Finger. Mensch, Juliane, irgendwann solltest du dir auch mal ’nen Mann suchen. Du wirst nicht jünger. Bist du so wählerisch? Jedenfalls haben Dörte und Jörg-Uwe die Wohnung von Jörg-Uwes Oma umgebaut, mit zwei Kinderzimmern. Wehmeiers Annegret ist ganz glücklich. Ne, ist schon was anderes, wenn die Kinder zu Hause wohnen, als wenn sie wegziehen und nur alle paar Jahre zu Besuch kommen. Hast du vielleicht noch ein Gläschen von dem Schnäpsgen?« Birnenschnaps? Birnenschnaps! Juli schenkte nach. »Danke. Dann gucken wir mal, wie viele zur Beerdigung kommen. Aber du brauchst bestimmt den Saal von Lübkemanns für das Kaffeetrinken. Beerdigung ist Beerdigung.«

Frömrichs Heidrun, Wiegmanns Elfriede und Redekers Irene später hatte Juli es noch immer nicht geschafft, sich zu duschen. Dafür hatte sie Kaffee gekocht, zum Birnenschnaps auch noch den Sherry aus dem Schrank geholt, sich angehört, wie wichtig es war, nach der Beerdigung beim Kaffeetrinken auch ja den richtigen Kuchen von Pranges zu servieren: gedeckten Apfelkuchen, Zimtkuchen und den Butterstreuselkuchen. Reilings Renate sollte besser nicht beim Ausschank helfen. Die hätte ihre Ohren immer überall. Und beim alten Lübkemann müsste sie aufpassen, dass er sie später bei der Abrechnung nicht über den Tisch zog. Blumenschmuck würde immer bei Wehners bestellt. Die machten das einfach am besten. Nicht so neumodisch schlichtes Zeug, sondern richtig schöne Gestecke und Kränze. Und natürlich müsste das gesamte Dorf eingeladen werden. Das wäre einfach so und würde sich auch gehören. Die Zugezogenen könne sie ruhig weglassen.

Juli schloss die Tür hinter Redekers Irene. Draußen schwirrte die Luft. August. The dog days of summer. Drinnen schwirrte Julis Kopf. Ihr war heiß. Sie lehnte die Stirn an die Tür. Eine Fliege flog dreist um sie herum, setzte sich hartnäckig immer wieder auf ihren Unterarm und ließ sich schwer abschütteln. Schmeißfliege. Juli schlug zu, erwischte die Fliege und fühlte Genugtuung. »Alles Schmeißfliegen«, sagte sie laut in die Stille des Hauses. Die Uhr im Wohnzimmer schlug ein Uhr. Das hieß, dass sie nun bis halb drei Ruhe haben würde. Eineinhalb Stunden Mittagsruhe. Kein Rasenmähen, keine Gartenarbeit, der Dorfladen hatte geschlossen, keine Trecker, die durch den Ort fuhren. Schmeißfliegenruhe. Friedekings Helga, Reilings Renate, Frömrichs Heidrun, Wiegmanns Elfriede, Redekers Irene und wie sie alle hießen, lagen jetzt auf dem Sofa und machten ein Mittagsschläfchen, so wie es sich in Beekelsen gehörte. Pastorin Heinemann würde gegen halb vier kommen, das hatte Onkel Georg ihr gestern gesagt, Buhrmesters Klaus, der Beerdigungsunternehmer, gegen 17 Uhr. Einen besseren Moment, zu duschen, würde es heute wahrscheinlich nicht mehr geben. Doch vorher musste Juli ihren knurrenden Magen beruhigen. Sie ging in die kleine blau-weiß gekachelte Küche und fand Brot, Butter, etwas Aufschnitt und Tomaten aus dem Garten. Es war ein merkwürdiges Gefühl, am Tisch in der Küche zu sitzen. Allein. An diesem Platz hatte sie ihre Hausaufgaben gemacht, gemalt oder einfach nur zufrieden zugesehen, während Oma Lene Gemüse geputzt, Kartoffeln geschält, gebacken und gekocht hatte. Ihre Großmutter war eine leidenschaftliche Bäckerin und Köchin gewesen. Diese Leidenschaft hatte sie an Juli weitergegeben. Nun saß sie wieder hier, in Oma Lenes, in Rias Küche, aß Brot, das Ria vor ein paar Tagen bei Pranges gekauft hatte, nicht wissend, dass nicht mehr sie es essen würde, sondern Juli. Der Teller, das Brot, die Butter, der Aufschnitt und die Tomaten verschwammen plötzlich vor Julis Augen. Ihre Tränen tropften auf das karierte Wachstischtuch. Sie war allein. Da war niemand mehr, der hier auf sie wartete. Juli spürte ein tiefes Vermissen in sich. Es verwirrte sie, war sie hier schon lange nicht mehr zu Hause. Aber doch war es die Heimat. Die Gedanken überschlugen sich. Der Verlust ihrer Großmutter hatte bereits eine große Leere in ihr hinterlassen. Dass der Tod ihrer Mutter nun ein Gefühl des Alleinseins hervorrufen würde, darauf war Juli nicht vorbereitet gewesen. Kannte sie dieses Gefühl nicht bereits aus ihrer Kindheit? Als Ria alle Zelte in Beekelsen abgebrochen und sie zurückgelassen hatte. Als sie versuchte, mit den wenigen Besuchen das aufzuholen, worauf sie in der Zeit ihrer Abwesenheit verzichtete?

Juli wischte sich die Tränen von den Wangen und schüttelte den Kopf. Sie musste unter die Dusche. Dringend. Das kühle Wasser würde ihr helfen, wieder klarer zu denken. Und heute Nachmittag würde sie kein Birnenschnäpsgen mehr trinken.

Als Juli frisch geduscht und innerlich aufgeräumt die Treppe hinabkam, klingelte es an der Tür. Sie hatte das Kleid mit den bunten Punkten in den Schrank gehängt und sich für ein schwarzes leichtes Sommerkleid mit Spaghettiträgern entschieden.

»Tach, Juliane.« Vor der Tür standen Bultemeiers Willi und sein Sohn Ingo. Beide lächelten sie breit an. Die Heimsuchung der Ausgeburten der Hölle ging weiter. Julis erster Impuls war es, die Tür zuzuschlagen. Wieso hatte sie den Trecker nicht gehört? Sie blickte auf den Hof. Die beiden waren tatsächlich weder mit dem Deutz-Traktor noch mit dem Mähdrescher gekommen, sondern mit dem Benz. Klar, als Bauer aus Beekelsen fuhr man Deutz-Traktor oder eben Mercedes Benz.

Bultemeiers Willi nahm ihre Hand. »Mein Beileid.«

»Danke.«

Juli war verwirrt und wusste nicht, was dieser Aufmarsch der Beekelsener Prominenz, des Ortsvorstehers und Obermeisters der freiwilligen Feuerwehr a. D. und des aktuellen Obermeisters der freiwilligen Feuerwehr, zu bedeuten hatte.

Juli wollte auch Ingo die Hand geben, doch der zog sie an sich. Seine fleischigen Arme umschlangen sie. Ingo war schon immer korpulent gewesen, aber jetzt war er wirklich feist. Ganz der Vater. Endlich ließ er sie los, guckte sie dämlich an und sagte: »Mein Beileid, Juli.«

»Danke.« Sie würde wohl noch mal unter die Dusche springen müssen.

»Können wir vielleicht kurz reinkommen?« Bultemeiers Willi hatte wieder das Wort ergriffen.

Widerspruch war zwecklos, denn Vater und Sohn Bultemeier hatten jeweils schon einen Fuß in der Tür. Juli blieb nichts anderes übrig, als zu nicken und die beiden ins Wohnzimmer zu begleiten.

Bultemeiers Willi ließ seinen massigen Körper auf das Sofa fallen. Ingo saß breitbeinig auf dem Sessel. Sein Gesicht glänzte rot, und ihm stand Schweiß auf der Stirn. Sein blondes Haar, das sich merklich lichtete, hatte er versucht zu stylen. In ein paar Jahren würde er es wahrscheinlich wie sein Vater angelegt um den Kopf tragen. Der Gürtel seiner Hose schnitt ihm ins Fleisch. Juli nahm den Hocker. Bauern!, schoss es ihr durch den Kopf. Es folgte ein langes Schweigen. Juli setzte sich auf den Drehhocker, schob die Hände unter ihre Oberschenkel und drehte den Hocker leicht von einer zur anderen Seite. Was wollten die zwei? Bultemeiers Willi zog ein Stofftaschentuch aus der Tasche und tupfte sich die Stirn, dabei sah er sich um. Ingo musterte Juli von oben bis unten. Sie zupfte den Saum ihres Kleides über die Knie. Petermann strich um ihre Beine. Danke, Miezekater, auf dich ist Verlass!, dachte Juli und streichelte sein Fell. Ingo streckte die fleischige Hand nach Petermann aus. Doch der Kater wehrte sich und kratzte ihn. Juli musste grinsen und kraulte Petermann am Ohr. Schnurrend schmiegte er sich an sie.

»Und? Wie hast du dir das jetzt gedacht? Verkaufst du das Haus und die Ländereien?« Das war es also. Juli hätte es sich gleich denken können. Bultemeiers Willi versuchte vertrauensselig zu gucken. Sein Gesicht war noch röter geworden. Die Hitze setzte im zu. Er atmete schwer.

»Willi, ich weiß nicht, wie du auf die Idee kommst, dass ich verkaufen möchte«, entgegnete Juli.

»Kind, wie willst du denn das alles bewirtschaften?«

Juli wurde sauer. Ihre Mutter war vor drei Tagen gestorben, und schon kreisten die Geier über dem Haus. Oder saßen feist und dreist auf dem Sofa. Aasgeier.

»Wir wollen dir nur helfen.« Bevor Juli reagieren konnte, lag Ingos Hand auf ihrem Knie. Sie roch seinen Schweiß.

Abrupt stand Juli auf. »Ich bin gestern Abend erst angekommen. Ria ist noch nicht einmal beerdigt. Ich weiß nicht, was ich mit dem Haus machen werde. Vielleicht behalte ich es auch.«

»Natürlich würden wir uns freuen, wenn du wieder nach Beekelsen ziehst.« Bultemeiers Willi hatte seinen Körper vom Sofa gehievt, auch Ingo war aufgestanden und stand viel zu nah neben ihr. »Aber solltest du verkaufen wollen, würden wir dir helfen, so wie man sich in einem Dorf hilft.« Sich selbst am Elend der anderen bereichern, das war es, worauf der feine Herr Ortsvorsteher aus war. Juli wusste, dass Oma Lenes Ländereien günstig lagen, und sie hatte keinen Plan, nicht den geringsten, was sie mit Haus und Ländereien machen sollte, aber sie wusste, dass sie nie im Leben an Bultemeiers verkaufen würde.

»Danke, dass ihr gekommen seid«, hörte sie sich sagen, »aber die Pastorin kommt gleich, und ich wäre vorher gern noch ein bisschen allein.«

»Das verstehen wir.« Ingo tätschelte ihre Schulter. Juli ging vor und öffnete die Haustür. Bultemeiers Willi und Ingo folgten ihr. »Du weißt, dass du auf uns zählen kannst. Hier in Beekelsen sind wir füreinander da. Selbst für verlorene Schafe.« Juli entschied sich, Letzteres unkommentiert zu lassen. Bultemeiers Willi schüttelte ihre Hand und guckte Juli noch einmal eindringlich an. Dann ging er langsam in Richtung Auto. »Ich bin da, wenn du Hilfe brauchst.« Ingo drückte sie noch einmal fest an sich. Wieder etwas zu lange. Juli hatte genug und wand sich aus seiner Umarmung. »Wir sehen uns«, sagte der und stieg in den Benz. Wir sehen uns. Was war das? Eine Drohung? Aasgeier.

Während Juli stirnrunzelnd der Apokalypse 3.0 nachblickte, wie sie im Benz um die Ecke bog, fuhr das Auto ihres Onkels auf den Hof.

»Na, da hattest du ja schon prominenten Besuch«, sagte er, als er aus dem Wagen stieg.

»Die Beekelsener Prominenz«, ergänzte ihre Tante Karin und umarmte Juli. »Es tut mir so leid.« Tante Karin sah sie an und strich mit der Hand über Julis Wange. »Wir sind für dich da, Liebes.«

»Das weiß ich, und das ist ein wunderbar beruhigendes Gefühl in all dem Chaos.«

Sie gingen ins Haus. In der Küche setzte Tante Karin eine frische Kanne Kaffee auf und verteilte den Kuchen, den sie mitgebracht hatte, auf Teller. Juli und Onkel Georg setzten sich auf die Terrasse hinter dem Haus. Es war heiß. Juli musste heute Abend dringend gießen, sonst würde der Rasen verbrennen und die Pflanzen würden vertrocknen.

»Wie geht es dir?«

»Ich bin durcheinander und frage mich die ganze Zeit, ob ich trauriger sein müsste oder verzweifelt. Aber ich denke, für Ria ist es in Ordnung gewesen. Also ist es das vermutlich auch für mich.«

Ihr Onkel nickte, lehnte sich im Stuhl zurück und blickte in den Garten.

»Ich wollte, dass sie mit dir über ihre Entscheidung redet. Aber sie ist stur geblieben. Es tut mir leid.« Er sah sie an.

Juli lächelte. »Das muss es nicht. Es war ihre Entscheidung, und es ist in Ordnung für mich. So war sie eben. She lived her life to the fullest, sagt man in Amerika.«

»Das hat sie.« Tante Karin stand mit einem Tablett in der Hand in der Gartentür. »Und sie hätte nicht gewollt, dass an ihrem Grab geweint wird. Sie hätte gewollt, dass wir tanzen.« Tante Karin stellte das Tablett auf den Tisch, verteilte Tassen und Teller und schenkte dampfenden Kaffee ein. »Genau das sollten wir im Kopf haben, wenn gleich die Pastorin kommt, und nicht die Vorstellungen dieser ostwestfälischen Sturköpfe.«

Bei den entschiedenen Worten ihrer Tante musste Juli lächeln. Anders als ihre Mutter, hatte ihr Onkel sich in Beekelsen und Umgebung immer sehr wohl gefühlt, so dass er nach dem Medizinstudium in Köln in die Heimat zurückgekehrt war. Tante Karin, die er während seiner Studienzeit getroffen hatte, war mitgekommen. Mit einem Zwinkern erzählte sie gern die Geschichte, wie sie ihm aus Liebe aus der rheinischen Hochkultur ins barbarische Ostwestfalen gefolgt war. Ganz warm geworden war sie mit der neuen Umgebung nie, und noch immer eckte sie hin und wieder an, wenn ihr kölsches Naturell auf ostwestfälische Sturheit traf. Julis Onkel hatte bis vor eineinhalb Jahren seine Landarztpraxis in Beekelsen geführt. Sie wusste, dass er eine ganze Weile nach einem Nachfolger gesucht hatte und dass er die Praxis gern früher übergeben hätte. Die beiden lebten im Nachbarort Harmenhusen.

»Schafft es dein Verlobter zur Beerdigung?« Die Frage ihrer Tante riss Juli aus ihren Gedanken. Sie suchte nach den richtigen Worten und schüttelte dann doch nur mit dem Kopf.

»Konnte er sich nicht freinehmen?« Tante Karin sah sie verständnisvoll an.

»Nein«, antwortete Juli schließlich. Josh hätte sich sofort freigenommen und sie begleitet, nur hatte sie sich vor zwei Wochen von ihm getrennt, und es war endgültig. Sie hatte auf eine unverfängliche Situation gehofft, in der sie ihrer Tante und ihrem Onkel hätte sagen können, dass die Hochzeit abgeblasen war. Jetzt musste sie wohl oder übel zugeben, dass sie wieder einmal eine Beziehung beendet hatte. »Ich bin ausgezogen.«

»Oh!« Nun suchte ihre Tante nach den richtigen Worten. »Das tut mir leid. Für euch. Ich meine, für dich. Wir haben Josh ja nicht gekannt.« Juli war nie zusammen mit Josh nach Deutschland gekommen. Das große Familienkennenlernen war im Dezember zur Hochzeit auf Martha’s Vineyard geplant. Nun würde es weder eine Hochzeit noch ein Kennenlernen geben.

»Ist schon gut. Es muss euch nicht leidtun. Es hat einfach nicht länger gepasst«, unternahm sie den zaghaften Versuch einer Erklärung.

»Was wollte Bultemeiers Willi eigentlich?« Ihr Onkel baute ihr einen Ausweg, den sie dankbar annahm.

»Das Haus und die Ländereien.«

»Ich fasse es nicht! Deine Mutter ist noch nicht einmal beerdigt, und schon kreuzt der hier mit seinem Sohn auf.« Tante Karin rührte kopfschüttelnd in ihrem Kaffee.

»Ria hat er damals auch ein paar Tage nach Oma Lenes Beerdigung besucht und ihr genau dasselbe Angebot gemacht. Ria hat ihn aus dem Haus geschmissen und ihm sehr deutlich zu verstehen gegeben, dass sie nicht daran denkt zu verkaufen«, begann ihr Onkel. »Er hat es immer wieder versucht, aber Ria ist stur geblieben. So stur, wie auch Oma Lene zu Lebzeiten gewesen war. Auf ihre Ländereien hatten es Bultemeiers schon immer abgesehen. Gerade die Felder auf der Harbünte liegen gut und bringen sehr gute Erträge. Oma Lene hat sie an Krögers Hermann verpachtet, und Ria hat den Pachtvertrag verlängert.«

»Aber was will er mit dem Haus?«

»Irgendwann muss der dicke Prinz doch auch mal von zu Hause ausziehen.« Tante Karin grinste spöttisch.

»Ich verkaufe jedenfalls nicht! Das heißt, eigentlich weiß ich gar nicht, was ich machen werde, aber ich weiß, dass ich definitiv nicht an Bultemeiers verkaufe!«

»Darüber musst du ja auch nicht sofort nachdenken. Du musst dich allerdings um das Überschreiben des Hauses auf deinen Namen kümmern. Ria hat es dir zusammen mit den Ländereien hinterlassen.«

Pachtverträge. Ländereien. Ämter. Erbschaftssteuer. Juli spürte Panik in sich aufkommen. Sie schaffte es gerade so, ihr Leben zu verwalten. »Ich gebe zu, dass ich mich momentan etwas überfordert fühle. An all das habe ich noch gar nicht gedacht.«

»Dafür hast du doch uns. Ich werde dich zu den Terminen begleiten.«

»Genau, dein Onkel hilft dir. Dann hockt er auch nicht die ganze Zeit zu Hause rum und macht mich verrückt, weil er nichts mit sich anzufangen weiß. Der arme Jan, der die Praxis deines Onkel übernommen hat, bekommt schon ständig von Georg Besuch, weil er in der Praxis, die ohne ihn übrigens wunderbar läuft, regelmäßig nach dem Rechten sieht.« Tante Karin knuffte Onkel Georg in die Seite und verdrehte die Augen.

»Jan?«

»Jan Hansing. Du kennst ihn, ihr wart zusammen im Kindergarten und in der Schule. Georg, wann sind Hansings noch mal nach München gezogen? Als Juli und Mo in der achten Klasse waren?«

Ihr Onkel nickte.

»Ein sehr netter junger Mann und ein Segen für die Praxis. Die alten Damen, ach was, auch die jungen lieben ihn«, fuhr ihre Tante fort, und Juli konnte nicht glauben, was sie gerade hörte. Jan Hansing war klein, pummelig, besserwisserisch und arrogant, einfach nur unausstehlich. Sie hatte ihn schon als Kind nicht leiden können und konnte sich nicht vorstellen, dass aus diesem Kotzbrocken ein Mann geworden war, dem die Frauen zu Füßen liegen.

»Vielleicht fahrt ihr mal zusammen in die Praxis. Jan würde sich sicher freuen, dich wiederzusehen.« Wenn ihre Tante nur wüsste …

»Juli.« Onkel Georg nahm ihre Hand. »Kurz bevor wir zu dir gefahren sind, habe ich einen Anruf bekommen. Rias Leiche ist für die Beerdigung freigegeben. Möchtest du sie noch einmal sehen? Wobei ich dich darauf vorbereiten muss, dass sie nach der Obduktion …« Er sprach nicht weiter, und Juli verstand.

Sie atmete tief ein. »Ich möchte sie so in Erinnerung behalten«, antwortete sie dann.

Onkel Georg nickte. »Ich auch.«

Es klingelte. Juli sah auf die Uhr. Halb vier. Sie ging zur Tür und öffnete Pastorin Heinemann.

»Mein Beileid, Juli.« Die Pastorin nahm ihre beiden Hände. »Ria war eine wunderbare Frau, die unsere Gemeinde in den letzten vier Jahren sehr bereichert hat.« Juli wusste, dass sich ihre Mutter in der Gemeinde engagiert, das Weihnachtskrippenspiel einstudiert, Theaterworkshops und Lesungen veranstaltet und Fahrten zu Schauspielhäusern organisiert, auch dass sie sich gut mit Pastorin Heinemann verstanden hatte.

»Hallo, kommen Sie rein. Onkel Georg und Tante Karin sind auch da.«

Pastorin Heinemann folgte Juli auf die Terrasse, wo Tante Karin schon einen weiteren Teller mit Kuchen und eine Tasse Kaffee bereitgestellt hatte.

Um 17 Uhr war die Pastorin wieder gegangen. In drei Tagen würde die Beerdigung stattfinden. Sie hatten über den Verlauf der Trauerfeier gesprochen, Lieder ausgesucht und die Feier geplant, die unkonventionell sein sollte. Juli war es egal, was die Beekelsener von der Trauerfeier halten würden, zu Ria passte sie.

»Ich bin gespannt, wie Buhrmesters Klaus darauf reagiert, aber deine Mutter hätte es genau so gewollt. Gott ist bei dir und steht an deiner Seite«, hatte die Pastorin gesagt, bevor sie auf ihr Fahrrad gestiegen und vom Hof gefahren war.

Buhrmesters Klaus. Juli erinnerte sich daran, wie seine plumpe, joviale und schenkelklopfende Art Ria und sie bei Oma Lenes Beerdigung entsetzt hatte. Kaum dass sie die Tür geschlossen hatte, fuhr sein schwarzer Leichenwagen auch schon auf den Hof. »Bestattungshaus Buhrmester – Bestattungen aus Tradition und Berufung« stand darauf. Trotz der Hitze trug der Bestatter einen schwarzen Anzug. Aus dem Kofferraum holte er einen ebenso schwarzen Aktenkoffer und kam betreten dreinschauend auf sie zu. »Juliane, mein tiefes und aufrichtiges Beileid.« Fest drückte er ihre Hand. »Deine liebe Mutter. Die Besten sterben immer zu jung, nech?« Juli war froh, dass Buhrmesters Klaus ihr dabei nicht auch noch vertrauensvoll auf die Schulter klopfte. Es hätte zu ihm gepasst.

»Guten Abend, Herr Buhrmester«, Onkel Georg kam von der Terrasse auf den Bestatter zu und gab ihm die Hand, »schön, dass Sie es einrichten konnten.« Buhrmesters Klaus zog ein Stofftaschentuch aus seiner Anzughosentasche und tupfte sich die Stirn.

»Guten Abend, Herr Doktor Fiehne. Da sagen Sie was. Momentan ist viel los. Das große Sterben. Aber besser jetzt als im Winter, nech? Bei schönem Wetter wiegt die Trauer nicht so schwer, obwohl dann auch mal jemand in Ohnmacht fällt. Aber wenn Sie dabei sind, muss man sich ja keine Sorgen machen, nech?« Ein kurzes Lachen, das eher an ein Grunzen erinnerte, entfuhr ihm.

Spätestens in diesem Moment hatte Juli beschlossen, nicht mehr genau zuzuhören.

Buhrmesters Klaus folgte ihrem Onkel auf die Terrasse. Tante Karin hatte Kaffee und Kuchen schon zurück ins Haus gebracht. Sie bot dem Gast ein Glas Wasser an, das er mit einem »Ah, Frau Doktor, auf Sie ist Verlass« dankend annahm. Juli wusste, wie Tante Karin es hasste, als Frau Doktor angesprochen zu werden.

»War denn die Pastörsche schon da?«

»Ja, heute Nachmittag«, antwortete Juli und setzte sich ihm gegenüber.

»Na, da war sie dann ja mal verhältnismäßig schnell. Und? Wann soll die Beerdigung sein?«

»Mittwoch um 11 Uhr.«

»Leichenschmaus bei Lübkemann auf dem Saal?«

»Nein.«

»In Reinkings Weinstube?«

»Nein, es wird im Anschluss keinen Leichenschmaus im großen Kreis geben.« Juli sah, dass sich Buhrmesters Klaus fast an seinem Wasser verschluckte.

Er wandte sich an ihren Onkel: »Herr Doktor Fiehne?«

»Wir haben uns dagegen entschieden und möchten den Tag so gestalten, wie er meiner Schwester, Julis Mutter, gefallen hätte.«

»Aber das geht doch nicht. Das Dorf muss doch eingeladen werden.«

»Gerne zum Trauergottesdienst. Weil meine Mutter sich aber für eine anonyme Luftbestattung entschieden hat, wird es auch keine klassische Beerdigung geben.« Juli fing an, Spaß an dem Gespräch zu haben, und auch Onkel Georg schmunzelte vor sich hin.

»Aber ich habe so viele schöne, repräsentative Särge neu im Sortiment.«

»Dann ist es doch gut, wenn wir Ihr Sortiment der schönen, repräsentativen Särge nicht dezimieren und uns für einen schlichten Sarg entscheiden, nech?«, wusste Tante Karin noch eins draufzusetzen.

Buhrmesters Klaus atmete kurz schnapphaft, dann hatte er seine Fassung wieder: »Also ein schlichter Sarg. So soll es sein. Na, dann schauen Sie doch mal hier.« Juli nahm den Katalog, den Buhrmesters Klaus ihr reichte, entgegen und blätterte durch die Seiten. Sie wusste, dass sich Ria nichts aus einem Sarg gemacht hätte. Schließlich fand sie einen hellen ohne Schnörkel. »Der ist es«, sagte sie. Ihr Onkel und ihre Tante stimmten ihr zu. »Gut, dann haben Sie sich also für das Modell Silent Journey entschieden.« Seilent Jörnej hatte er gesagt. Buhrmesters Klaus blätterte weiter nach hinten. »Dann brauchen Sie jetzt noch eine Urne. Am beliebtesten ist dieses schlichte Modell in Schwarz mit goldenem Kreuz. Aber das Modell Burgund in Dunkelrot wird auch gern genommen. Besonders schön ist der aparte Deckel mit silbernen Ranken oder aber die De-luxe-Version in Gold.«

»Wir nehmen die weiße.« Juli deutete auf die schlichteste Urne, und ihr Onkel und ihre Tante nickten zustimmend.

»Nun gut, zu Silent Journey einmal das Modell Silver Linings.« Silver Linings. Silberstreifen am Horizont. Das gefiel Juli, und das hätte auch Ria gefallen, selbst wenn Buhrmesters Klaus es Silwa Liehnings ausgesprochen hatte.

»Das hätten wir dann. Fehlen noch die Traueranzeigen. Ich habe ein paar zur Ansicht mitgebracht.«

Er holte einen dicken Ordner aus seinem Aktenkoffer.

»Diese hier finde ich persönlich sehr schön.« Buhrmesters Klaus deutete auf eine in Schwarz-Weiß gehaltene Karte, auf der im Hintergrund ein Baum zu erkennen war. Links und rechts vom Baum stand der Anzeigentext: »Mit wehem Herzen nehmen wir Abschied von unserer geliebten Mutter. Ein gutes Herz hat aufgehört zu schlagen und wollte doch so gern noch bei uns sein. Gott helfe uns, den Schmerz zu ertragen, denn ohne dich wird vieles anders sein.«

Das ging ja gar nicht. Gemeinsam mit ihrem Onkel und ihrer Tante blätterte Juli durch den Ordner. Ganz am Ende hatten sie schließlich eine schlichte Karte gefunden, die ihnen gefiel.

»Und der Trauerspruch?«

»Um klar zu sehen, genügt oft ein Wechsel der Blickrichtung«, kam es Juli in den Sinn. »Von Antoine de Saint-Exupéry. Das ist der Trauerspruch.«

Buhrmesters Klaus guckte irritiert. »Aber das ist doch gar kein richtiger Trauerspruch.«

»Das ist das, was auf der Trauerkarte meiner Schwester stehen wird«, sagte Onkel Georg mit Nachdruck.

Zögernd schrieb Buhrmesters Klaus den Spruch auf, und Juli buchstabierte Antoine de Saint-Exupéry.

»Gut, die Karten mache ich heute noch fertig und drucke sie aus. Dann verteile ich sie morgen, dass sie alle auch pünktlich haben, nech? Was den Blumenschmuck betrifft, soll ich bei Wehners schon mal Bescheid sagen, dass ihr morgen vorbeikommt, um alles Weitere zu besprechen? Abrechnen tun wir dann alles über eine Rechnung. Ist am einfachsten, nech?«

»Ich fahre morgen selbst bei Wehners vorbei.« Juli stand auf, um dem Bestatter zu bedeuten, dass sie alles Wichtige besprochen hätten.

»Gut, dann wäre das alles.« Buhrmesters Klaus packte seine Sachen zusammen und stand ebenfalls auf. »Frau Doktor Fiehne. Herr Doktor Fiehne.« Er gab beiden die Hand. Juli brachte ihn zur Haustür. »Auf Wiedersehen, Juliane.« Er sah sie ernst an. Juli vermutete, dass er versuchte, seriös zu wirken. Wieder tupfte er sich mit dem Stofftaschentuch die Stirn. »Wir sehen uns am Mittwoch. Ich kümmere mich um alles. Man nennt mich auch den Bestatter, dem die Lebenden und die Toten vertrauen.« Dann ging er zu seinem Auto, stieg ein und fuhr vom Hof.

»Und? Wie viele Hyänen waren denn schon da?«

»Also, Hyänen noch keine, aber eine ganze Menge Schmeißfliegen und Aasgeier.«

Mo sah sie grinsend an und nahm sie fest in den Arm. »Schön, dich endlich wiederzusehen.«

»Die Frau Tochter …« Onkel Georg und Tante Karin waren gerade dabei zu gehen.

»Herr und Frau Doktor Fiehne … Habt ihr alles so weit gut überstanden?«

»So weit, so gut.« Mit einer Handbewegung bat Juli ihre Cousine ins Haus.

»Na, dann bin ich ja beruhigt. Wann findet die Beerdigung statt?«

»Mittwoch.«