Informationen zum Buch

»Bewältige eine Schwierigkeit, und du hältst hundert von dir fern.« Konfuzius

Für alles gibt es Gebrauchsanleitung – doch auch für ein glückliches Leben? Ja, behauptet der Philosoph und Psychologe Jörg Zittlau, man findet diese Anleitung in der Philosophie. Denn dort hat man sich schon immer damit beschäftigt, worauf wir achten sollten, damit wir nicht ohne Bestimmung wie ein Stück morsches Holz auf dem Ozean herumtreiben, sondern wie ein Dampfschiff kraftvoll durch die Fluten gleiten. Egal, ob Kant, Nietzsche oder Konfuzius – sie alle können uns Wege zeigen, wie man sein Leben erfüllender, erfreulicher und bewegter gestalten kann.

Kleine und große Wahrheiten zum Glücklichsein

Jörg Zittlau

Vertrau auf dein Glück

Eine philosophische Gebrauchsanleitung für den Alltag

Inhaltsübersicht

Informationen zum Buch

Können Philosophen eine Gebrauchsanweisung fürs Leben schreiben?

1. Häng dich tiefer! Warum es guttut, sich selbst zu vergessen

2. Schau dir den an! Die Kunst der Achtsamkeit

3. Mach dich nicht abhängig! Warum gleichgültige Menschen mehr vom Leben haben

4. Die Kraft von Geduld und Stille: Auch Nichtstun kann produktiv sein

5. Einfach glücklich: Fortuna lässt sich nicht zwingen

6. Zwischen Plackerei und Berufung: Wie wichtig ist Arbeit?

7. Wieder aufstehen: So werden Sie Ihr eigener Krisen-Manager

8. Der wahre Weg zur Liebe: Spüre, was der Andere dir gibt

9. Philosophisch gesund: Entspannung statt Fitness-Wahn

10. Lächelnd Abschied nehmen: Was der Tod uns sagen will

Nachwort: Das Fragen geht weiter

Literatur

Über Jörg Zittlau

Impressum

Wem dieses Buch gefallen hat, der liest auch gerne …

Können Philosophen eine Gebrauchsanweisung fürs Leben schreiben?

Eigentlich sollte das Leben leichter geworden sein. Denn der technische Fortschritt hat uns viele Lasten des Alltags abgenommen. Man denke nur ans Geschirrspülen und an den Fahrkartenkauf per Internet. Zum Hören von Musik müssen wir nur noch zur Fernbedienung greifen oder sachte aufs iPad tippen, und wenn wir krank sind, gehen wir einfach zum Arzt und holen uns ein paar Pillen. Das Einzige, was wir noch tun müssen: Gebrauchsanweisungen lesen. Doch so richtig scheint das nicht zu funktionieren. Die Dinge funktionieren zwar mehr oder weniger, doch unser Leben tut es nicht.

Jede zweite Ehe wird geschieden; die Männer- und Frauenrollen wandeln sich; unsere Kinder werden immer dicker; die Gerichte sind wegen unserer Prozesswut rettungslos überlastet; die Pillen der Medizin offenbaren sich als Etikettenschwindel, die Ärzte hören uns nicht mehr zu, und den Weg zur Kirche haben wir vergessen. Stattdessen haben wir Angst vor Alter, Krankheiten, Zukunft, Arbeitslosigkeit, Partnerschaftskrisen und Terror. Die uralten zerstörerischen Gefühle wie Neid, Wut, Furcht, Gier, Lethargie und Ignoranz, sie sind geblieben und haben sich im Zuge des Fortschritts sogar verstärkt. Wir ahnen, dass wir uns mit ihnen ernsthaft beschäftigen müssen, wenn unser Leben wenigstens ansatzweise glücklich werden soll. Doch irgendwie haben wir die Gebrauchsanweisung dazu verlegt.

Doch gibt es überhaupt eine Gebrauchsanweisung, die uns zeigen könnte, wie man richtig lebt?

Ja, es gibt sie: in der Philosophie. Was zunächst erstaunlich wirkt, insofern Philosophen sich oft in Sphären bewegen, die nicht gerade nach Alltag klingen. Sokrates nervte seine griechischen Landsleute mit solchen Fragen wie »Was ist Tapferkeit?« und »Was ist Frömmigkeit?«. Immanuel Kant beschäftigte sich mit dem »Ding an sich« und propagierte den »kategorischen Imperativ«. Georg Wilhelm Friedrich Hegel schwärmte vom Geist als das »absolut Erste« der Natur, in dem die Idee »zu ihrem Fürsichsein« gelangt. Friedrich Nietzsche schickte den »Über-Menschen« mit seiner Lehre von der »ewigen Wiederkehr des Gleichen« in die Welt, und Sören Kierkegaard lässt uns schaudern ob der Verzweiflung, die den Menschen in Anbetracht des Nichts seiner Existenz überfällt. Da fallen Begriffe wie »Ontologie«, »Metaphysik« und »Erkenntnistheorie«, und Philosophen wie Spinoza und Wittgenstein wählten für ihre Traktate die Ausdrucksform der Mathematik, damit gar nicht erst jemand auf die Idee kommt, ihnen zu widersprechen. Das klingt alles klug und originell, doch nicht unbedingt nach dem, was im Alltag passiert. Unser Ärger mit missgünstigen Kollegen, unsere Probleme, die Kinder morgens pünktlich zur Schule zu kriegen, unsere Ängste, wenn der Magen schmerzt oder sich ein merkwürdiger brauner Fleck auf unserer Haut zeigt, oder wieder ein Flugzeug abgestürzt und ein Zwischenfall im AKW passiert ist – wird das überhaupt irgendwo in der Philosophie thematisiert? Und wenn, wird es dann auch so thematisiert, dass es mir helfen kann und nicht bloß ein abstraktes und kluges Dozieren ist, das mir in keiner Weise weiterhilft?

Runter vom Elfenbeinturm!

Die Antwort ist auch hier wieder: ein klares Ja! Sicherlich, einige Denkerköpfe verloren sich in hirnakrobatischen Spielereien, die bloß noch für Eingeweihte nachvollziehbar sind. Man denke nur an Heideggers »Das Nichts nichtet«. In dem Moment, als die Philosophie akademisch und von Professoren gelehrt wurde, erstarb zweifelsohne viel von ihrer Originalität und Nachvollziehbarkeit. Denn an Universitäten findet man nicht nur zahlreiche Labors, sondern oft auch ein Leben, das unter Laborbedingungen stattfindet: klinisch sauber und streng kontrolliert. Die Unabwägbarkeiten des natürlichen Chaos müssen draußen bleiben, und die Insassen des Elfenbeinturms kennen die Welt gerade noch vom Hörensagen oder Smartphone. Doch glücklicherweise gab es zu allen Zeiten genug unabhängige Denker, die jenseits der akademischen Pfade philosophierten. Und bei ihnen finden wir teilweise eine beachtliche Nähe zum Alltag. Sei es dergestalt, dass sie diffizile Probleme der Philosophie für den Alltag nutzbar machten. Oder aber, weil sie sich sogar ausdrücklich mit alltäglichen Problemen beschäftigen.

So ging Arthur Schopenhauer nicht nur mit seinem Hauptwerk »Die Welt als Wille und Vorstellung« in die Geschichte ein, sondern auch mit seinen »Aphorismen zur Lebensweisheit«. Ein Werk, dessen Überschriften schon für seine Alltagsnähe sprechen: Kapitel II ist überschrieben mit »Von Dem, was Einer ist«, der nachfolgende Abschnitt mit »Von dem, was Einer hat«, und danach kommt »Von dem, was Einer vorstellt«. Bei solchen Wortsequenzen spürt sofort jeder, dass er gemeint ist, dass es einerseits um die unzähligen Rollen geht, die wir im Alltag auszufüllen haben, andererseits aber auch darum, was wir sind, wenn wir diese Rollen nicht ausfüllen.

Viel mehr gibt es eigentlich in unserem alltäglichen Leben nicht, oder?

Nietzsche, Lichtenberg, La Rochefoucauld, Gracián, Machiavelli, Pascal und Vauvenargues waren auch solche Denker, die sich ums Alltägliche kümmerten und dabei nicht unter dem Gefühl litten, sich dafür herablassen zu müssen aus ihrem Philosophenhimmel. Und erst recht die antike Philosophie mit ihrem riesigen Schatz an alltagstauglichen Weisheiten. Wie etwa Diogenes, den man wegen seiner Niedertracht und Frechheit nur den »Hund« nannte; oder Thales, der seiner Mutter erzählte, dass es zum Heiraten immer zu spät oder aber zu früh sei; oder Epikur, der ganz erdverbunden feststellte: »Der Anfang und die Wurzel alles Guten ist die Lust des Bauches.«

Und ein paar tausend Kilometer östlich waren es die Buddhisten, die mit ihrer Nähe zum Alltäglichen beeindruckten.

So sagte der Zen-Meister Lin Tsi: »Das wahre Wunder besteht nicht darin, in der Luft zu schweben oder auf dem Wasser zu wandeln, sondern darin, auf der Erde zu gehen.«

Nutzen wir also die Weisheiten der Philosophen, um besser auf der Erde gehen zu können, anstatt uns von ihr in luftige Höhen zu verabschieden.

Ende offen

Was aber nicht heißen soll, dass es dabei homogen zugeht. Im Gegenteil. Denn die Philosophiegeschichte hat die unterschiedlichsten Figuren hervorgebracht. Den Prototyp des Philosophen gibt es nicht, und deswegen kann es auch das Philosophieren an sich nicht geben. Parmenides formulierte seine Lehren in Versform, Platon bevorzugte den Dialog, Kierkegaard schrieb überwiegend unter Pseudonymen, Nietzsche in Aphorismen, und Heraklits Verse waren so dunkel, dass sie selbst der Kollege Sokrates kaum verstand. Bei Immanuel Kant strecken sich die Sätze mitunter ins Unendliche, während Ludwig Wittgenstein nach dem Credo »Alles, was sich aussprechen lässt, lässt sich klar aussprechen« die kurzen und knackigen Formulierungen bevorzugte. Und der Wiener Philosoph wird in seiner würzigen Kürze sogar noch von einigen Zen-Meistern übertroffen, die mitunter ganz aufs Sprechen und Schreiben verzichten und zur Erläuterung ihrer Thesen ihre Anhänger ohrfeigen oder gleich ganze Mauern eintreten.

Es gibt also keinen einheitlichen Sprachduktus des Philosophierens und erst recht keinen einheitlichen Inhalt. Schopenhauers Schimpftiraden über Hegel sind Legende, während Nietzsche sich vom Schopenhauerianer zum erklärten Widersacher des Hegelwidersachers wandelte. Platon wollte die Schriften seiner anders denkenden Kollegen sogar verbrennen lassen. Kant rieb sich an Hume, Spinoza haderte mit Descartes, Heraklit verachtete alles und jeden, und die Zen-Meister schlugen schon mal mit dem Bambusstock zu, wenn ihnen etwas missfiel. Kaum jemand diskutiert, insistiert, polemisiert und ironisiert heftiger und hartnäckiger als die Meister des Denkens, und es gibt ungefähr so viele Philosophien, wie es Philosophen auf der Erde gibt.

Und doch ist es gerade diese Uneinheitlichkeit, die die Philosophie so aktuell macht. Echte Denker sind Selbst-Denker, sie folgen keinen modischen Trends, sie gehen immer über ihre Zeit hinaus. Nietzsche nannte eines seiner Hauptwerke sogar »Unzeitgemäße Betrachtungen«. Aber er schrieb auch ein Buch mit dem Titel »Menschliches, Allzumenschliches«. Damit gab er gleichsam zu verstehen, dass er, der Philosoph, zwar über der Zeit steht und damit etwas zu sagen hat, was für alle Zeiten gültig ist, dass er aber trotzdem ein Mensch ist wie alle anderen – und manchmal sogar etwas menschlicher. Was eigentlich für alle Vertreter seiner Zunft gilt. Sie sind Menschen wie du und ich, nur dass sie eben einen anderen, eben philosophischen, nach unzeitgemäßer und allgemeiner Gültigkeit suchenden Blick auf dich und mich werfen.

Vielleicht sind Sie nach dem Studieren dieses Buches nicht wirklich klüger. Vermutlich werden Sie danach auch nicht wirklich besser wissen, wie Philosophieren funktioniert. Aber Sie werden es spüren. Ja, spüren, denn Philosophie geht nicht nur über den Kopf, sie ist auch eine Bauch- und Herzensangelegenheit. Möglich, dass Sie sich danach besser fühlen, denn nicht umsonst sagte Cicero: »Die wahre Medizin des Geistes ist die Philosophie.«

Möglich wäre aber auch, dass es Ihnen nicht besser geht und Sie sagen: »Das hat mir jetzt aber gar nicht gutgetan.« Oder sogar: »Was war das denn? So viel Unfug können ja wohl nur Philosophen reden!«

Doch das macht nichts. Denn wie sagte es der französische Philosoph Blaise Pascal so schön: »Der Philosophie spotten, das ist wahrhaft philosophieren.«

1. Häng dich tiefer!
Warum es guttut, sich selbst zu vergessen

»Heirate dich selbst!«, »Nichts ist an dir verkehrt«, »Das Stark-Mach-Buch« – Bücher zur Stärkung des Selbstbewusstseins stehen mehr denn je auf den Bestsellerlisten, und entsprechende Trainingskurse erfreuen sich an Volkshochschulen großer Beliebtheit. Die Zeitschrift Psychologie heute hatte in ihrer März-Ausgabe 2016 eine Aufmacher-Geschichte mit dem Titel: »Eigensinn. Die Strategie für ein selbstbestimmtes Leben«. In den USA gibt es sogar eine staatliche Institution, die »National Association for Self-Esteem«, wo man sich die Stärkung des Selbstbewusstseins im Volk zur Aufgabe gemacht hat. Mit der Begründung, dass »viele, wenn nicht sogar die meisten gesellschaftlichen Probleme im niedrigen Selbstbewusstsein der Menschen begründbar« seien. Doch ist das wirklich so? Ist Selbstbewusstsein so wichtig für die Bewältigung unseres Alltags?

Ein Psychologenteam von der Universität Vancouver fand in einer Sichtung der wissenschaftlichen Datenlage andere Hinweise. So deuten Studien an Schülern darauf hin, so Studienleiter Roy Baumeister, »dass ein ausgeprägtes Selbstbewusstsein die Leistungen eher schmälert«. Die mögliche Erklärung: Wer selbstsicher ist, neigt dazu, wenig an sich und seinen Fähigkeiten zu arbeiten. Oder plakativ ausgedrückt: Selbstbewusstsein macht faul, und das hat sich noch nie positiv auf Leistungen ausgewirkt.

Eine andere Studie ergab außerdem, dass Menschen mit einem ausgeprägten Selbstwertgefühl weniger bereit sind, Beziehungsprobleme zu lösen, und stattdessen lieber den Partner wechseln. Und die geläufige These, wonach aggressive Menschen meistens wenig Selbstbewusstsein haben, ist keinesfalls belegt. Als man Gewaltverbrecher befragte, offenbarten sie eher eine hohe und bisweilen sogar überzogene Meinung von sich. Was möglicherweise aber auch daran liegt, dass sie ihrer Umwelt den Selbstbewussten vorspielen, in Wirklichkeit aber wenig Vertrauen in ihre eigenen Stärken haben.

Immerhin schälte sich in der kanadischen Untersuchung auch ein positiver Effekt von Selbstbewusstsein heraus. »Menschen mit hohem Selbstbewusstsein«, so Baumeister, »sind ganz eindeutig glücklicher als andere.« Sie sind zufrieden mit sich und ihrem Leben, fallen seltener in depressive Löcher und kommen meistens auch mit ihren Mitmenschen besser zurecht. Sie brauchen nicht unbedingt Erfolge für ihr Glück, denn sie haben ja an sich selbst genug.

Die Philosophie hat seit jeher ein gespaltenes Verhältnis zum Selbstbewusstsein. Im engeren Sinn des Begriffs als Bewusstsein von sich selbst wird es hoch geschätzt. Schon Thales von Milet forderte: »Erkenne dich selbst!« Der Satz stand als Inschrift über dem Eingang des Apollotempels in Delphi. Die Erkenntnis, nur ein Mensch zu sein, sollte die Ehrfurcht vor der Gottheit steigern.

Und damit sind wir schon beim zweiten Aspekt, den Philosophen in der Selbsterkenntnis sehen: dass sie nämlich unser Selbstbild ins rechte – sprich: demütige Verhältnis zu dem rückt, was wirklich wichtig ist. Sich selbst nicht so wichtig nehmen, um dafür das Andere in seiner Wichtigkeit zu erkennen – das ist Philosophie. Weswegen es in ihrer Geschichte nur selten Wichtigtuer und große Sprücheklopfer gab.

Doch taugt diese Maxime auch als Gebrauchsanleitung für unser tägliches Leben? Auf den ersten Blick muss man das wohl energisch verneinen, denn die Erfahrung zeigt, dass sich in menschlichen Gesellschaften eher selten diejenigen durchsetzen, die sich selbst realistisch einschätzen, während die vor Selbstbewusstsein (im Sinne des Selbstwertgefühls) strotzenden Laut-Sprecher und Egozentriker oft die Spitzenpositionen einer Gesellschaft ergattern. Ein zweiter Blick jedoch zeigt, dass es in vielerlei Hinsicht nützlich sein kann, wenn man sich selbst zurücknimmt, sich selbst überwindet und möglicherweise sogar selbst vergisst. Man muss es ja nicht immer tun – aber man sollte wenigstens wissen, wie es geht.

Sei, was du scheinen willst.

Sokrates (469–399 v. Chr.)

Eigentlich ein erstaunlicher Spruch, kennen wir doch die Philosophen  und gerade auch Sokrates – als Wahrheitssucher, die das Wesen der Welt hinter dem Schein suchen. Wie kann uns dann der griechische Denker nur den Ratschlag geben, unser Sein nach dem Schein auszurichten? Die Antwort: weil das, was wir scheinen wollen, unser Ideal ist, und es nur erstrebenswert sein kann, sich einem Ideal so weit wie möglich anzunähern.

Wir wollen nach außen zielstrebig und willensstark erscheinen? Also, so fordert es Sokrates, müssen wir uns auch so verhalten. Wir wollen nach außen wie ein perfekter Ehemann oder eine perfekte Ehefrau wirken? Also, so fordert es Sokrates, müssen wir uns auch dementsprechend verhalten. Unser Leben konsequent und ehrlich nach unseren Idealen auszurichten, anstatt immer nur davon zu reden, das ist die Forderung, die hinter dem Satz des griechischen Denkers steckt.

Und dahinter steckt wiederum die Forderung, dass wir einen Teil von uns selbst vergessen sollen. Nämlich den, in dem wir es uns bequem gemacht haben und der uns suggeriert, dass es doch eigentlich gar nicht notwendig wäre, unserem Selbst-Ideal hinterherzujagen. Nach dem Muster: »Es reicht doch, wie ich bin. Wozu nach einem besseren Selbst streben?« Wer zum perfekten Ehegatten werden will, muss den alten Ehegatten hinter sich lassen. Wer zum ausgleichenden Friedens- und Ruhestifter werden will, muss die aggressive Nervensäge in sich überwinden. Wer finanziell vorsorgen will, muss den Zocker in sich zum Schweigen bringen. Ein neues Selbst gibt es nur, wenn man das alte überwunden hat.

Die Selbstsucht legt es darauf an, um sich herum absolute Uniformität zu schaffen. Die Selbstlosigkeit anerkennt die unendliche Mannigfaltigkeit als etwas Wunderbares, akzeptiert sie, fördert sie und erfreut sich an ihr.

Oscar Wilde (1854–1900)

Der englische Schriftsteller bringt mit diesem Zitat einen Aspekt zur Geltung, der bei der Beurteilung der beiden gegensätzlichen Eigenschaften Selbstlosigkeit und Selbstgefälligkeit leicht vergessen wird: dass sie nämlich in unterschiedlichem Maße Erkenntnisgewinn fördern. Der Selbstherrliche will die Welt um sich herum nach seinem Gutdünken gestalten, was zwangsläufig, weil er sich ja nur aus einer Quelle speist, zur Eintönigkeit führen muss. Der Selbstlose hingegen akzeptiert die Welt in ihrer Uneinheitlichkeit, und er hat seinen Spaß daran.

Dementsprechend unterscheiden sich auch die Gespräche, die man mit selbstsüchtigen und mit selbstlosen Menschen führt. Die Erstgenannten wirken zunächst faszinierend, weil sie sich darauf verstehen, sich selbst darzustellen und glänzen zu lassen. Nach einer gewissen Zeit verströmen sie jedoch Langeweile. Bei den selbstlosen Menschen ist dies genau andersherum: Sie wirken auf den ersten Blick, aufgrund ihrer abwartenden und defensiven Lebenshaltung, eher unscheinbar, später jedoch gewinnen sie immer mehr hinzu, weil ihre Erlebnisse farbenreicher und spannender sind. Selbstlose Menschen sind daher eigentlich für eine Party die größere Bereicherung – allerdings trifft man sie dort eher selten an.

Auch Seiteneinsteiger können philosophieren

Puristen mögen es eigentümlich finden, wenn man in einem philosophischen Buch den englischen Schriftsteller Oscar Wilde aufgelistet sieht. Und tatsächlich wirkt er unter Philosophen zunächst wie eine Fehlbesetzung. Nicht nur, weil er in erster Linie Erzählungen, Märchen, Komödien und Gedichte schrieb. Sondern auch wegen seines schrillen und exzentrischen Aussehens und Verhaltens, das den alten Diogenes vermutlich dazu gebracht hätte, seine Tonne nach dem eitlen Dandy zu werfen.

Tatsächlich war Wilde ethisch und politisch sehr aktiv, kämpfte für die Rechte Homosexueller und für den Sozialismus und forderte die Abschaffung des Privateigentums. In einer französischen Zeitschrift bezeichnete er sich selbst als »Künstler und Anarchist«. Ihm lag sehr viel daran, die denkerische und moralische Begrenztheit des Bürgertums humorvoll aufzuspießen und ad absurdum zu führen, was auch Diogenes schon machte. Außerdem findet man in der Philosophiegeschichte sehr viele Seiteneinsteiger. Man denke nur an den Sprach- und Literaturwissenschaftler Friedrich Nietzsche und den Flugzeugingenieur Ludwig Wittgenstein. Sokrates war eigentlich Steinmetz von Beruf, Spinoza arbeitete als Glasschleifer für Mikroskope und Ferngläser, und Gottfried Wilhelm Leibniz war ein promovierter Jurist. Gerade für die Philosophie kann es nur von Vorteil sein, wenn man über den Tellerrand geschaut hat.

Man sieht sich selbst immer einige Schritte zu nah und den Nächsten immer einige Schritte zu fern. So kommt es, dass man ihn zu sehr in Bausch und Bogen beurteilt und sich selber zu sehr nach einzelnen gelegentlichen unbeträchtlichen Zügen und Vorkommnissen.

Friedrich Nietzsche (1844–1900)

Es gehört zu den menschlich-allzumenschlichen Eigenschaften, sich selbst nach irgendwelchen unwesentlichen Details zu beurteilen. Man sieht, dass man sich auf Mathematik versteht und weniger auf Sprachen, gesteht sich kleine Laster zu wie etwa das Verlangen nach Naschereien und umgekehrt den mangelnden Antrieb zu Bewegung und Sport. Wirklich essenzielle Charaktermerkmale wie Starrsinn, Geiz und Herrschsucht werden ignoriert. Beim Mitmenschen verfahren wir hingegen anders: Wir beurteilen ihn nach einem Merkmal, das schon aus der Ferne heraussticht. Beispielsweise nach seiner Hautfarbe, seiner politischen Einstellung oder seiner Religion. Im ersten Fall ignoriere ich die wirklich bedeutsamen Merkmale, und im anderen überbetone ich die unwesentlichen Details. Beides läuft darauf hinaus, dass ich weder über meine Mitmenschen noch über mich selbst brauchbare Erkenntnisse gewinne.

Die Gebrauchsanweisung zur Lösung dieses Problems: Ich muss meine Ignoranz anders, nämlich philosophischer ausrichten. Indem ich gleichermaßen meinen eigenen unwichtigen Details (damit ernte ich ohnehin nur gelangweiltes Gähnen) und die auffälligen »Ins-Auge-Springer« meiner Mitmenschen (die in der Regel nur dem entsprechen, was ich in ihnen sehen will) weniger Bedeutung beimesse. Was letzten Endes bedeutet, sich selbst nicht so wichtig zu nehmen und sich stattdessen auf fremde Menschen einzulassen. Was nicht nur im großen Kontext, sondern auch im alltäglichen Miteinander hilfreich ist und  wie eine Studie der Universität von Chicago ermittelt hat – glücklich machen kann.

Die amerikanischen Forscher teilten 118 Berufspendler in drei Gruppen ein. Die einen sollten während der morgendlichen Bahnfahrt im Berufsverkehr mit einem Fremden ins Gespräch kommen. Die anderen sollten während der Fahrt mit niemandem reden. Die dritte Gruppe konnte tun und lassen, was sie wollte, konnte sich also verhalten wie immer. Hinterher sollten alle Freiwilligen einen Fragebogen ausfüllen und berichten, wie gut ihre Laune nach der Fahrt war und wie produktiv sie währenddessen gewesen waren.

Es zeigte sich: Wer mit Fremden geredet hatte, fand die Fahrt am angenehmsten und war hinterher am glücklichsten, und er hatte auch nicht das Gefühl, durch die Unterhaltung unproduktiv gewesen zu sein oder etwas verpasst zu haben.

Ohne die Mitmenschen und ihre Angelegenheiten zu verstehen, kann man sich selbst nicht erkennen.

Miyamoto Musashi (1584–1645)

Im delphischen »Erkenne dich selbst!« steckt die Aufforderung, über die Selbsterkenntnis zu einer Erkenntnis der Welt zu gelangen. Eigentlich eine korrekte Aufforderung, vor allem wenn man sie in der Hinsicht versteht, dass man seine Vorurteile, Oberflächlichkeiten, Denkirrtümer und Selbstbetrügereien durchleuchtet, damit man sich von ihnen befreien kann, um einen objektiveren Blick auf die Welt werfen zu können. Denn wie soll ich etwa ein Kind verstehen können, wenn ich Kinder – wie es der französische Philosoph Descartes seinerzeit tat – als unberechenbare Wesen betrachte, die man vom irrationalen Denken wie von einer Krankheit befreien muss? Und wie soll ich ein Land wie China oder Island verstehen, wenn ich generell ausländerfeindlich bin?

Der Zen-Buddhist Musashi überrascht nun demgegenüber mit der Aussage, dass wahre Selbsterkenntnis erst möglich ist, wenn wir den anderen verstanden haben. Wie jetzt? Erst sich selbst erkennen, um den Anderen zu verstehen? Oder doch andersherum, also erst den Anderen verstehen, um sich selbst zu verstehen? Haben wir es hier vielleicht mit einem typischen Unterschied zwischen dem abendländischen und dem asiatischen Denken zu tun?

Die Antwort: Da ist gar kein Unterschied. Hinter Musashis Satz steckt nämlich die Forderung des Zen, dass wahre Selbsterkenntnis nur möglich ist, wenn wir uns selbst »sterben« lassen. Was konkret bedeutet, dass wir unsere individuellen Eigenheiten hinter uns lassen, um im Weltganzen und damit auch im Mitmenschen aufzugehen. Das widerspricht keineswegs dem Satz aus dem delphischen Orakel. Denn wie für alle Erkenntnis gilt auch für die Selbsterkenntnis, dass wir uns, wenn sie objektiv sein soll, von den Fallstricken unserer typischen Denkmuster befreien müssen. Dafür gibt es laut Zen zwei Wege: einmal die Meditation, die uns in interesseloser Achtsamkeit schult. Und andererseits das Mitgefühl mit unseren Mitmenschen: Indem wir uns dem Anderen zuwenden, überwinden wir unsere Ich-Bezogenheit, um dadurch objektiv uns selbst betrachten und schließlich erkennen zu können.

Selbsterkenntnis hat also weniger mit beharrlichem In-sich-Gehen zu tun, sondern vor allem mit Menschenliebe. Dies sollten sich vor allem jene Egozentriker vergegenwärtigen, die selbstverliebt auf sich schauen und dies mit Selbstreflexion verwechseln.

Sich selbst ergründen heißt sich selbst vergessen.

Zenji Dōgen (1200–1253)

Ein Satz, der auf den ersten Blick paradox klingt, wie so vieles, was im Zen gelehrt wird. Bei näherer Betrachtung offenbart er jedoch seine Wahrheit. Denn wer über sich nachdenkt und versucht, sich zu ergründen, teilt sich selbst in zwei Parteien: nämlich einmal in das Subjekt der Erkenntnis und einmal in das Objekt der Erkenntnis. Laut Zen hat er damit keine Chance, seinem Wesen und auch dem Wesen der Welt auch nur ein Stück näher zu kommen, denn das ist durch Einheit und nicht durch Vielheit bestimmt.

Es gibt aber noch einen anderen Grund, weswegen es sinnlos ist, am eigenen Ich zu haften. Denn alles Sein ist, wie neben Buddha auch der griechische Philosoph Heraklit betonte, ohne Beständigkeit: »Alles fließt.« In dem Moment, wo ich den Fuß in das Wasser eines Flusses tauche, ist dieses Wasser auch schon nicht mehr identisch mit dem, was vorher gewesen ist; und ebenso verhält es sich mit der Welt im Ganzen.

Ein Gesetz vom ewigen Wandel, das erst recht für unser Ich Gültigkeit hat. Denn bei näherer Betrachtung dieses Ichs fällt auf, dass sich auch hier ständig die Empfindungen und Gedanken miteinander abwechseln, wobei das eine die Ursache des Nächsten und dieses wiederum die Ursache eines weiteren Nächsten ist. Da ist nichts, was über einen winzigen Augenblick hinaus gleich bliebe, kein beständiger Kern, an dem man sich klammern könnte. Es gibt daher auch nichts, was man als »Ich« bezeichnen könnte. Dieses Ich ist in Wahrheit nichts anderes als ein Scheingebilde ständig sich wandelnder Prozesse.

Laut Zen-Lehre werden wir der Nicht-Existenz des Ichs am besten in der Meditation bewusst. Denn hier folgt unserer Aufmerksamkeit ganz unserer Atmung. Atmen wir ein, gelangt die Luft in die innere Welt. Atmen wir aus, gelangt sie in die äußere Welt. So glauben wir es jedenfalls zu Beginn unserer Atembetrachtung. Doch schon bald, wenn wir uns wirklich gedankenfrei und ohne Ablenkung mit unserem Atem beschäftigt haben, entpuppen sich innere und äußere Welt als Chimären, die sich nur scheinbar voneinander abgrenzen. In Wirklichkeit gibt es nämlich nur eine Welt. Und damit ist auch, wie im nächsten Zen-Zitat erklärt wird, der Untergang des Ichs besiegelt.

Wenn ihr denkt: Ich atme, so ist das Ich etwas Hinzugefügtes. Es gibt kein Du, das Ich sagen könnte. Was wir Ich nennen, ist nichts als eine Schwingtür, die sich bewegt, wenn wir ein- und ausatmen. Sie bewegt sich – das ist alles. Wenn euer Geist rein und ruhig genug ist, dieser Bewegung zu folgen, ist da nichts: kein Ich, keine Welt, weder Geist noch Körper, nur eine Schwingtür.

Suzuki Shunryū (1905–1971)

Der Atem zeigt uns: Es gibt kein Ich. Also ergibt es keinen Sinn, sich ans Ich zu klammern. Im dass