Frida Mey

Radieschen
von unten

Ein Bestatter-Krimi

Aufbau Digital

Impressum

ISBN 978-3-8412-0668-8

Aufbau Digital,

veröffentlicht im Aufbau Verlag, Berlin, Oktober 2013

© Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin

Die Originalausgabe erschien 2013 bei Aufbau Taschenbuch, einer Marke der Aufbau Verlag GmbH & Co. KG

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Umschlaggestaltung Mediabureau Di Stefano, Berlin

unter Verwendung eines Motivs von Helge Sauber/plainpicture, von JackJelly/iStockphoto und Meike Bergmann Photography

E-Book Konvertierung: le-tex publishing services GmbH, www.le-tex.de

www.aufbau-verlag.de

Für Helmut

Inhaltsübersicht

Cover

Impressum

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Informationen zum Buch

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1.

Das fing ja gut an. Elfriede Ruhland wischte sich verstohlen den Schweiß von der Stirn. Warum nur musste es bei Beerdigungen immer drückend heiß sein oder aus allen Kübeln regnen? Früher hatte ihr das nichts ausgemacht. Doch seit ihrem 60. Geburtstag litt sie an Wetterfühligkeit. Als sie die Trauerhalle betrat, liefen ihr bereits Schweißbäche den Rücken hinunter. Die schwarze Bluse klebte an ihrer Haut. Doch das vermochte Elfies Freude nicht zu schmälern. Sie liebte Beerdigungen. Diese gehörten zu ihrem Leben wie …, nun, wie der Tod.

In der Aussegnungshalle bezog Elfie ihren Posten gleich neben dem Eingang. Von hier aus hatte sie einen wunderbaren Überblick. Die kahlen Wände waren mit Tüchern in verschiedenen Erdtönen dezent und geschmackvoll dekoriert. Die darunter platzierten Blumengestecke erregten dagegen Elfies Missfallen. Die Rosen sahen schon halb verwelkt aus, die Lilien ließen traurig die Köpfe hängen – wie unpassend für eine Beerdigung. So etwas durfte einfach nicht passieren, auch wenn sicher die für September extreme Hitze daran schuld war.

Der Sarg wiederum gefiel Elfie. Er sah schlicht und schön aus und war von großen, massiven Kerzenleuchtern stilvoll umrahmt – vier auf jeder Seite. Aber warum brannten die Kerzen nicht? Hatte man vergessen, sie anzuzünden? Elfie schüttelte missbilligend den Kopf. Die Trauergäste erhoben sich. Ein alter Mann, offenbar der Witwer, umklammerte mit beiden Händen einen glänzenden Gegenstand. Als er an Elfie vorbeiging, sah sie, dass es sich um eine Totenmaske aus Bronze handelte. So etwas war früher hochgestellten Persönlichkeiten vorbehalten gewesen. Automatisch griff Elfie nach ihrem Medaillon mit dem Foto von Ludwig, dachte an die Wärme in seinen Augen, an sein Lachen, auch an die gewisse Melancholie in seinen Gesichtszügen. Ob eine Totenmaske ebensolche Erinnerungen wecken konnte?

Elfie folgte dem Trauerzug bis zum Grab. Während der Sarg hinabgelassen wurde, studierte sie die Inschriften auf den Kränzen. Sie musste schmunzeln, als sie auf einer Schleife das Foto eines drolligen Hundes sah, unter dem stand: Auch Fifi vergisst Dich nicht. Elfie schaute sich um, doch konnte sie Fifi in natura nirgendwo entdecken. Anscheinend musste er während Frauchens Beerdigung zu Hause bleiben.

Wie üblich trat Elfie als Letzte an das Grab und hob die Hand, um ihre schwarze Rose zu werfen. Sie zuckte vor Schreck zusammen, als sie auf ihre leere Hand sah. Sie hatte die Rose vergessen! Als ihr Blick auf das Sterbebild und den Namen der Toten fiel, beruhigte sich Elfie wieder. Für einen Moment war ihr tatsächlich entfallen, dass sie die Frau überhaupt nicht kannte und diese Beerdigung gar nicht auf ihr Konto ging. Erleichtert nahm sie die Schaufel, warf etwas Erde auf den Sarg und besann sich darauf, warum sie hier war.

Elfie stand neben dem schwarz glänzenden Leichenwagen der Firma Pietas auf dem Parkplatz vor der Trauerhalle. Sie sah zu, wie die Bestatterin sich von den Angehörigen verabschiedete, die Hand des sichtlich mitgenommenen trauernden Witwers, den sie um Haupteslänge überragte, mit beiden Händen umfasste und ihm wohl ein paar tröstende Worte zukommen ließ.

Dann kam Juliane Knörringer auf Elfie zu. Sie setzte die Füße ein wenig nach außen, was ihrem Gang zwar etwas Anmutiges, aber auch sehr Gestelztes verlieh. Sie trug einen tiefschwarzen Hosenanzug, der in scharfem Kontrast zu ihren zu blond gefärbten Haaren stand. Wie alt mochte sie sein? Vielleicht Anfang fünfzig, auf jeden Fall deutlich älter als Carlos Knörringer, mit dem Elfie bisher ausschließlich zu tun gehabt hatte. Für Elfies Geschmack war sie entschieden zu stark geschminkt. Ein wenig übertrieben diese falschen kohlschwarzen Wimpern, vor allem wenn man dagegen die verweinten Augen vieler Angehöriger betrachtete.

»Besten Dank noch einmal, dass Sie eingesprungen sind und uns so spontan aus der Klemme geholfen haben, Frau Ruhberg.« Die Bestatterin nahm Elfie das Kondolenzbuch ab und öffnete ihr die Beifahrertür.

»Mein Name ist Ruhland, Elfie Ruhland«, verbesserte Elfie freundlich, und Juliane Knörringer lächelte entschuldigend.

Ein etwas falsches Lächeln, dachte Elfie, lächelte aber ebenfalls, um dann fortzufahren: »Die Betreuung des Kondolenzbuches habe ich gern übernommen. Ich liebe Beerdigungen, auch wenn die Witterungsbedingungen mitunter recht anstrengend sind.«

Zum Glück hatte der Wagen im Schatten gestanden, so dass die Innentemperatur einigermaßen erträglich war. Dank der Klimaanlage war es nach wenigen Minuten sogar so kühl, dass Elfie in ihrer durchgeschwitzten Bluse zu frösteln anfing. In einem Leichenwagen war sie noch nie gefahren, und sie sah sich neugierig um. Die Scheiben waren dunkel getönt, und die Heckscheiben hatten kleine Gardinen.

Nach einigen Minuten waren sie beim Beerdigungsinstitut angekommen. Der zweistöckige Altbau mit der steinernen Vorhalle auf vier dicken Säulen hatte sie bereits bei ihrem Vorstellungsgespräch vergangene Woche beeindruckt. Durch den leuchtend weißen Anstrich wirkte das Gebäude licht und hell, was eigentlich nicht recht zu einem Bestattungsunternehmen passte. Über der schweren bronzenen Eingangstür prangte in mattgoldenen Lettern der Schriftzug Pietas.

Elfie folgte Juliane Knörringer ein paar Stufen hinauf ins Beerdigungsinstitut und in den riesigen Empfangsraum, der durch seinen Marmorboden kühl wirkte. Auch die in Blauund Grüntönen gehaltenen Jugendstilfenster unterstrichen diesen Eindruck. Leise Musik, eine Instrumentalversion von Schuberts »Ave Maria«, erklang von irgendwoher. In der Halle waren mehrere Särge repräsentativ angeordnet. Ausstellungsstücke aus edlen Hölzern oder mit besonders dekorativer Innenausstattung, dazwischen als Raumteiler üppige Grünpflanzen und schlichte Regale, in denen Urnen in den verschiedensten Formen, Farben und Materialien standen. An den weißen Wänden hingen Kreuze in allen Variationen, aus Holz, aus Metall, aus Gips, mit und ohne Corpus.

Mitten in diesem Empfangsraum stand ein junges Mädchen – sicher die Auszubildende – im Gespräch mit einer Kundin. Das Mädchen, in einem langen schwarzen Rock und mit einer Fransenstola um die mageren Schultern, redete intensiv auf die andere Frau ein. Um den Hals baumelte ein Paar Kopfhörer, aus denen Heavy-Metal-Klänge gegen das »Ave Maria« anquäkten. Bei näherem Hinsehen bemerkte Elfie, dass das Mädchen einige Piercings hatte: Augenbrauen, Nasenflügel und Lippen waren mit kleinen silbernen Ringen versehen, und im linken Ohr steckte ein dreieckiges Tunnel-Piercing. Elfie hatte erst kürzlich eine Fernsehsendung über die Gletschermumie Ötzi und ihre gedehnten Ohrlöcher gesehen. 3000 Jahre vor Christus war das schon einmal modern gewesen. Elfie sah sich die Verzierungen interessiert an. Ob so etwas wohl wehtat, wenn man sprach oder lachte?

»Ich übernehme das Gespräch, Frau Weiss«, erklärte Juliane Knörringer ihrer Angestellten.

Schwarz würde besser passen, dachte Elfie.

Während das junge Mädchen am anderen Ende der Halle hinter einer Tür verschwand, wandte sich die Bestatterin Elfie zu: »Bitte, Frau Ruhland, setzen Sie sich doch so lange in mein Büro, bis ich mit dem Gespräch fertig bin.«

Sie ging in den Flur, öffnete die Milchglastür zum gegenüberliegenden Raum, in dem auch das Vorstellungsgespräch mit Herrn Knörringer stattgefunden hatte und der von zwei großen gläsernen Schreibtischen dominiert wurde. Die Stuckdecke, ein achtarmiger Kristallleuchter und ein paar zierliche Biedermeiermöbel wirkten elegant, aber unaufdringlich.

Schön, diese Geräumigkeit. Elfie freute sich auf ein luftiges Büro mit reichlich Ablagemöglichkeiten für die Vorbereitung der Unterlagen bei der Steuerprüfung. Sie verharrte ein wenig unschlüssig an der Tür, die einen Spalt offen stand. Zum einen hatte Juliane Knörringer ihr keinen Platz angeboten. Zum anderen konnte Elfie von hier aus dem Verkaufsgespräch gut folgen.

»Sie haben also Ihre Mutter verloren. Mein aufrichtiges Beileid.« Die Bestatterin flötete zwar in den höchsten Tönen, aber echte Anteilnahme klang anders. »Haben Sie schon Vorstellungen, wie Sie Ihre Mutter bestattet haben möchten? Sicher soll es doch ein würdiger Rahmen sein. Dazu gehören natürlich ausgesuchte Produkte in Bezug auf den Sarg und das Zubehör.«

Bei dem Wort Sarg begann die Frau zu weinen.

»Nun, nun«, meinte Juliane Knörringer, »ich verstehe schon, dass das alles nicht einfach für Sie ist.«

Statt Verständnis meinte Elfie jedoch eher Ungeduld herauszuhören.

»Erst gestern wurde ein besonders schönes Stück geliefert, aus Kirschbaumholz.« Juliane Knörringer drehte sich um und wies auf einen Sarg hinter sich. »Nicht ganz billig, aber für eine Mutter kann einem ja nichts zu teuer sein. Gerade unsere Mütter haben ja immer alles für uns getan.«

Die Frau strich über das rötliche Holz, ihre Stimme wurde plötzlich etwas lebhafter. »Meine Mutter liebte Kirschbaumholz. Sie hatte einen kleinen Sekretär aus Kirschbaum.«

»Sehen Sie, da sind wir uns ja ganz schnell einig geworden. Zu Kirschbaumholz würde ich Ihnen unbedingt das Bronzekreuz drüben neben der Tür empfehlen. Das hebt sich besonders gut ab, passt sich aber in Wärme und Art auch wiederum hervorragend an.«

»Ihre Angestellte hat mir gesagt, dass man auch ein eigenes Kreuz nehmen …«

»Natürlich könnten Sie ein eigenes Kreuz mitbringen, aber brauchen Sie das nicht als Andenken an Ihre Mutter? Ich würde es an zentraler Stelle in meinem Schlafzimmer aufhängen. So hat man es täglich vor Augen.«

Die Frau schwieg. Offenbar war sie unentschlossen. »Ich habe vorhin auch erfahren, dass man heutzutage nicht mehr im Totenhemd begraben wird, sondern seine eigene Garderobe angezogen bekommt. Das ist doch möglich – oder?«

»Sicher ist das möglich, aber wollen Sie sich wirklich von dem Gedanken an das weiße Totenhemd verabschieden? Sie wissen doch: Das letzte Hemd hat keine Taschen. Das ist eine ganz alte Weisheit, und in dieser Tradition liegt eine tiefe Würde.« Julianes Stimme vibrierte jetzt geradezu.

Na ja, dachte Elfie, ein schönes Nachthemd oder ein hübsches Lieblingskleid haben auch keine Taschen.

Juliane bohrte weiter: »Oder können Sie sich vorstellen, dass Ihre Mutter in einem blauen Kleid oder einem roten Pullover vor ihren Schöpfer tritt?«

Das vielleicht gerade nicht, dachte Elfie etwas beklommen und sah sich selbst in ihrem burgunderroten Pullover an die Himmelspforte klopfen.

»Wir wollen doch nicht schuldig vor unserem Herrn stehen. Ich sehe gerade, dass Sie ein wunderschönes Kreuz um den Hals tragen. Ihre Mutter hat doch sicher die kirchlichen Sterbesakramente empfangen. Dann ist sie im Stande der Unschuld. Wir haben außerdem Totenhemden in den allerbesten Stoffqualitäten, die auch noch biologisch … Aber das führt jetzt zu weit.«

Das führte wirklich zu weit, dachte Elfie empört darüber, wie Juliane Knörringer ihre Sachen an den Mann, in diesem Fall an die Frau brachte.

»Alle weiteren Details sollten wir auch noch besprechen – Blumenschmuck, Todesanzeigen, die Angelegenheiten mit dem Friedhofsamt. Das machen wir aber nicht hier im Stehen, sondern wir gehen dazu in mein Büro.«

Juliane führte die Frau zu Elfie herein und bat sie, in der Sitzecke Platz zu nehmen.

»Frau Weiss wird uns gleich einen Kaffee bringen – oder möchten Sie lieber ein Glas Wasser?«

Ohne die Antwort abzuwarten, war sie auch schon zur Tür hinaus, nahm rasch noch einen Aktenordner vom Schreibtisch und bedeutete Elfie, ihr zu folgen.

»Ich bringe Sie jetzt zu Ihrem Arbeitsplatz.« Sie ging den Flur entlang. »Es gibt noch einen anderen Eingang zu diesem Büro. Von außen, damit nicht alle immer durch die Halle laufen. Das Büro liegt in einem Anbau, der früheren Remise.«

Aha, also so etwas wie ein Dienstboteneingang, dachte Elfie. Das hörte sich schon gar nicht mehr so luftig und großzügig an, wie sie sich das vorgestellt hatte. Gegenüber der Tür, durch die sie gerade gegangen waren und hinter der ein kleiner Tisch mit einer Kaffeemaschine eingeklemmt war, betraten sie durch eine eiserne Feuerschutztür den Raum für die Angestellten.

Elfie hatte in ihrem Arbeitsleben schon viele Büros gesehen, aber das hier übertraf alles bisher Dagewesene. Was war das denn für ein – Schuppen! Sie schnappte nach Luft.

Juliane Knörringer warf ihr einen raschen Blick zu und legte den Kopf in den Nacken.

Frau Weiss war gerade im Begriff, einen Schnellhefter aus dem Regal zu zerren, riss sich beim Anblick von Juliane Knörringer hastig die Kopfhörer aus den Ohren und warf sie in eine Schreibtischschublade. Vermutlich lagen auch die Piercings darin, denn sie war jetzt sozusagen metalllos. Ihr Gesicht wirkte dadurch noch jünger und verletzlicher.

»Frau Weiss, zwei Tassen Kaffee und ein Glas Wasser in mein Büro. Und zwar rasch! Wir sprechen uns später noch!«

Das klang so drohend, dass Elfie unwillkürlich den Kopf einzog.

Die Bestatterin legte den Aktenordner auf einen Schreibtisch. »Frau Ruhland, hier sind schon einmal die Lohnabrechnungen des laufenden Jahres. Alles Weitere bereden wir, wenn ich das Gespräch mit der Angehörigen geführt habe.«

Elfie traute ihren Ohren nicht. Jetzt war die Stimme von Juliane Knörringer so liebenswürdig, dass man kaum glauben konnte, dieselbe Person vor sich zu haben. »In der Zwischenzeit kann Frau Weiss Ihnen Ihren Arbeitsplatz zeigen.«

Während das junge Mädchen sich im Vorraum an der Kaffeemaschine zu schaffen machte und Juliane zurück zu ihrer Besprechung ging, hatte Elfie Zeit, sich umzusehen. Nach den großzügig gestalteten Räumen im Eingangsbereich des Beerdigungsinstituts fand man sich hier wie in einem Verlies wieder. Fensterlos, grelles Neonlicht, abgestandene Luft und ein muffiger Geruch nach Staub und altem Papier. Die Schreibtische standen dicht an dicht. Metallregale an den Wänden quollen über von Ordnern und Aktenstapeln.

»Ganz schöner Mief hier drin«, kommentierte Frau Weiss Elfies Sprachlosigkeit. »Was meinen Sie, wie eng es erst mal wird, wenn wir zu viert sind.«

»Wieso zu viert?«, fragte Elfie.

»Morgen wird Herr Bornekamp wohl wieder da sein, und dann hat Herr Knörringer noch jemanden eingestellt, der eine Homepage für das Unternehmen einrichten und ins Internet stellen soll.

»Und wo ist dann mein Platz, Frau Weiss?«

»Sagen Sie einfach Saskia.«

Elfie nickte. »Ich bin Elfie Ruhland.«

Sie streckte Saskia die Hand entgegen, die diese nach leichtem Zögern ergriff, den Druck allerdings nicht erwiderte.

»Das da ist Ihr Platz.« Saskia wies auf einen weißen Gartentisch aus Plastik, der so mit Papieren, Heftern und Zetteln übersät war, dass die Tischbeine sich unter dem Gewicht der Stapel nach außen bogen.

Elfie ließ sich auf den davor stehenden Stuhl fallen, einen weißen Gartenstuhl, der ein erschrecktes Quietschen von sich gab.

Als Saskia sich setzen wollte, stieß sie sich die Hüfte an der Schreibtischecke. »Fuck!«, murmelte sie und rieb sich die schmerzende Stelle.

Du meine Güte, vier Personen in diesem engen Schuppen – da ging es wohl nicht ohne blaue Flecken ab.

Elfie sah auf den Gartentisch und betrachtete den Papierberg, der auf ihre ordnenden Hände wartete.

»Wie soll ich denn da ein System reinbringen? Ich habe ja nicht einmal ein barmherziges Plätzchen, um irgendetwas abzulegen, ganz zu schweigen von einer Schublade.« Sie sah zu Saskias Schreibtisch, der relativ leer wirkte.

»Ob wir vielleicht die Plätze tauschen könnten«, wagte sie einen Vorstoß in Saskias Richtung.

Keine Antwort. Das junge Mädchen hatte bereits die Kopfhörer wieder eingestöpselt und summte irgendeine Melodie vor sich hin.

Elfie wiederholte ihre Frage, dieses Mal etwas lauter.

Saskia nickte unwirsch und brummelte: »Wenn’s sein muss. Aber meinen Drehstuhl nehme ich mit.«

Mit beiden Händen schaufelte Elfie die Berge von Zetteln vom Gartentisch auf die Schreibtischfläche, sorgsam darauf bedacht, dass nichts zu Boden fiel. Saskia rollte ihren Bürostuhl vor den Gartentisch, schraubte ein wenig daran herum, weil die Höhe nun nicht mehr passte. Elfies Gartenstuhl stellte sie vor den Schreibtisch. Immerhin!

»Irgendwo muss noch eine Auflage dafür herumliegen«, meinte sie, steckte sich wieder die Stöpsel in die Ohren und kümmerte sich nicht weiter um Elfie.

Diese sah sich suchend um. Tatsächlich, in einem der oberen Regale klemmte etwas Kissenähnliches. Knallbunte Blumen auf grünem Untergrund. Der einzige Farbfleck in diesem Büro, der allerdings auch nicht zur Verschönerung des Ganzen beitrug. Elfie schüttelte die Auflage aus, Staubmäuse wirbelten durch die Luft, segelten dann auf die Papiere. Sie nieste.

»Gesundheit«, murmelte Saskia, ohne aufzublicken.

Elfie räumte ihre Schreibtischschublade ein, reichte vorher eine kleine Schachtel mit den Piercings und anderen Kleinigkeiten zu Saskia hinüber, die sich ratlos umsah und die Schachtel dann etwas unwillig zu ihren Füßen abstellte. Elfie griff nach dem Beutel, in dem sie immer ihre eigenen Utensilien von einem Arbeitsplatz zum nächsten beförderte. Stifte in allen Farben, Lineal, Anspitzer. In die Mitte des Fachs legte sie wie immer den Füllfederhalter mit der Goldfeder. Ein Geschenk von Ludwig.

In diesem Augenblick öffnete sich die Feuerschutztür, und Juliane Knörringer baute sich vor Saskia auf.

»Ich sage Ihnen jetzt zum letzten Mal, was ich von Ihnen bei der Arbeit erwarte: keine Kopfhörer, keine Piercings und eine dezente Garderobe. Wir sind schließlich ein Bestattungsunternehmen, da ist ein würdiges und geschmackvolles Auftreten wichtig.«

Na, dezent waren diese falschen Wimpern auch nicht gerade, dachte Elfie und hoffte, dass die Bestatterin mit ihrer Tirade am Ende wäre.

Doch die stieß einen theatralischen Seufzer aus und holte nur einmal tief Luft, um mit unvermittelter Lautstärke fortzufahren: »Und in diesem Aufzug haben Sie auch noch ein Beratungsgespräch mit einer Angehörigen geführt und ihr alle möglichen Flöhe ins Ohr gesetzt …«

»Aber der Theo, ich meine Herr Bornekamp, war doch nicht da, und ich dachte …«

»Der ist nie da, wenn man ihn braucht. Magen-Darm-Infekt – ha! Dass ich nicht lache. Wahrscheinlich hat er mal wieder zu viele Gummibärchen in sich reingestopft. Das wäre ja nicht das erste Mal.«

Elfie war entsetzt über den gehässigen Ausdruck in Juliane Knörringers Gesicht.

Die Chefin war noch nicht fertig. »Wie lange sind Sie jetzt hier, Frau Weiss? Fünf Monate? Ich warne Sie, Ihre Probezeit ist noch nicht zu Ende. Ihre wievielte Lehrstelle ist das hier bei uns eigentlich? Ich fürchte, ich muss mal wieder mit Ihren Eltern sprechen, wenn meine Worte auf Sie keinen Eindruck machen.«

Saskia zuckte zusammen, wurde immer kleiner auf ihrem Drehstuhl und hätte sich wohl am liebsten unter dem Tisch verkrochen.

»Nun aber zu Ihnen, Frau Ruhland.« Die Stimme der Bestatterin hatte wieder kristallklare Höhen erklommen, und Elfie war aufs Neue erstaunt, wie schnell diese Frau ihre Tonlage wechseln konnte.

»Ich hoffe, dass Sie mit der Vorbereitung der Unterlagen für die Steuerprüfung so schnell wie möglich fertig sind. Bei Ihrem hohen Stundensatz kann man das ja wohl erwarten.«

Elfie sah auf die Menge an Papieren auf dem Schreibtisch, legte den Kopf schief und meinte: »Ein bisschen wird es schon dauern, bis hier Ordnung herrscht.«

Die Bestatterin drückte Elfie zwei weitere Aktendeckel in die Hand, die sie mitgebracht hatte. »Am besten Sie fangen erst mal an. Wenn Fragen auftauchen, wenden Sie sich an mich.« Dann rauschte die Chefin aus dem Zimmer, allerdings nicht, ohne Saskia noch mit einem bitterbösen Blick zu bedenken.

Elfie betrachtete Saskia voller Mitgefühl, die wie ein Häufchen Elend dasaß. Unwillkürlich griff sie in ihre Handtasche, um ihr bordeauxrotes Notizbuch hervorzuholen. Aber das lag zu Hause im Schrank, wohin sie es nach ihrem letzten missglückten Projekt verbannt hatte.

Elfie schüttelte den Kopf. Sie hatte sich geschworen, keine unliebsamen Chefs mehr aus dem Weg zu räumen, und würde ihren guten Vorsätzen nicht gleich wieder untreu werden. Obwohl diese schreckliche Juliane Knörringer schon mehrere dicke Minusstriche in ihrem Notizbuch verdient hätte.

2.

Alex von Lichtenstein lümmelte auf der Couch und konnte sich gar nicht sattsehen. Das Fotobuch war noch viel schöner geworden, als sie es sich vorgestellt hatte. Immer wieder blätterte sie zu der Seite mit den Aufnahmen der Dschungeloper in Manaus und verglich sie mit denen der letzten Reise ihrer Eltern. Hubert und sie hatten sich genauso vor dem Theater postiert wie ihre Eltern zwanzig Jahre zuvor.

Die Ähnlichkeit zwischen Alex und ihrer Mutter war nicht zu übersehen. Sogar die widerspenstigen Locken hatte sie von ihr geerbt. Nur hatte ihre Mutter die Haare viel länger getragen. Alex fuhr mit einer Hand durch ihren mühsam glatt gefönten Pagenkopf. Spontan beschloss sie, ihre Haare ab jetzt wachsen zu lassen.

Alex klappte das Fotobuch zu und drückte es an sich. Der Urlaub in Südamerika war erst der Anfang gewesen. Sie fühlte sich Hubert jetzt noch enger verbunden. Nachdem seine Tante Lydia Hals über Kopf wieder ausgezogen war, hatte ihre Zweisamkeit eine neue Qualität gewonnen. Und das lag nicht nur am Sex, den sie nun – so oft und wo immer sie wollten – genießen konnten. Alex musste grinsen, als sie an heute früh in der Küche dachte. Ob Hubert es wohl noch rechtzeitig zu seiner Vorlesung geschafft hatte?

Die Haustür klappte.

»Sandra, Liebling, ich bin da«, hörte sie Hubert rufen.

Wieder dachte sie an ihre Mutter, die sie stets Sandra genannt hatte. Heute war Hubert der Einzige, der sie mit diesem Namen anredete. Alle anderen kürzten Alexandra zum sportlichen »Alex« ab.

Schon war er bei ihr und schloss sie in die Arme. Als seine Hände unter ihr T-Shirt wanderten, löste sie sich lachend von ihm.

»Hey, wir wollten doch ins Kino. Ich hab Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt, um Karten für die Premiere vom neuen Bond-Film zu bekommen. Die können wir jetzt nicht verfallen lassen.«

Hubert küsste sie zärtlich in den Nacken und murmelte: »Auch keine Zeit für einen kleinen Quickie?«

Alex schüttelte den Kopf. »Leider nein. Wir müssen gleich los. Aber aufgeschoben ist ja nicht aufgehoben.«

Sie waren schon an der Tür, als das Telefon klingelte.

»Das ignorieren wir jetzt einfach.« Hubert legte einen Arm um Alex’ Schultern und schob sie sanft weiter.

»Aber es könnte etwas Wichtiges sein«, protestierte Alex. »Lass mich schnell rangehen.«

»Du und dein Pflichtgefühl.« Hubert schüttelte lachend den Kopf.

»Lichtenstein. Ja, bitte«, meldete sich Alex.

Am anderen Ende herrschte zunächst Schweigen. Dann ein Räuspern. »Hier Schmid-Reichenwald. Ist Hubertus zu sprechen?«

Natürlich Lydia – immer zum falschen Zeitpunkt. Wortlos reichte Alex Hubert den Hörer und ging ins Wohnzimmer zurück.

Ein paar Minuten später folgte ihr Hubert. An seiner schuldbewussten Miene konnte Alex bereits ablesen, dass James Bond seine Premiere heute ohne sie feiern musste. Hubert setzte sich neben sie aufs Sofa und nahm ihre Hand.

»Sandra, es tut mir wirklich leid. Aber ich konnte Lydia einfach nicht abwimmeln. Sie war total aufgeregt und hat gesagt, es gehe um Leben und Tod. Sie kommt gleich vorbei.«

»So, so, um Leben und Tod.« Alex versuchte, ihre Enttäuschung im Keim zu ersticken. »Wahrscheinlich will sie wieder bei uns wohnen.«

Alex dachte mit Schrecken an das Frühjahr zurück, als Huberts tyrannische Tante von ihrem Wohnrecht Gebrauch gemacht hatte und ungefragt bei ihnen eingezogen war. Monatelang hatte sie Alex das Leben zur Hölle gemacht – bis diese zu einem Befreiungsschlag ausgeholt hatte.

»Das kommt nicht in Frage. Damit sind wir ein für alle Mal durch«, sagte Hubert so entschieden, dass sich Alex’ Stimmung wieder aufhellte. »Aber Lydia ist nun mal meine einzige Verwandte und nicht mehr die Jüngste. Ich fühle mich für sie verantwortlich.«

»Und das ist auch völlig in Ordnung so.« Alex küsste Hubert auf die Wange. »Vielleicht kannst du Lydias Problem ja aus der Welt schaffen. Solange ich nicht mir ihr unter einem Dach leben muss, ist mir das recht. Und ins Kino können wir an jedem anderen Abend gehen.«

»Aber nicht zu einer Premiere«, entgegnete Hubert. »Und auf den Film hatte ich mich schon so gefreut.«

Da läutete es bereits an der Tür. Hubert sprang auf, Alex folgte ihm und wappnete sich innerlich für die Begegnung mit Lydia. Diese stand schon in der Diele und drückte Hubert fest an sich.

»Ach, mein lieber Junge, wie ich dich vermisst habe«, sagte sie mit theatralischer Stimme und würdigte Alex keines Blickes.

»Nun mach aber mal halblang«, erwiderte Hubert lachend und löste sich aus den Fängen seiner Tante. »Wir haben uns doch erst vor ein paar Wochen gesehen.«

»Aber nur kurz im Café.« Lydia gab ihrer Stimme einen vorwurfsvollen Unterton. »In meinem geliebten Elternhaus war ich schon seit Ewigkeiten nicht mehr.«

»Erstens sind gerade mal drei Monate vergangen, seitdem du ausgezogen bist. Zweitens hast du vorher fast fünfzig Jahre woanders gelebt«, entgegnete Hubert trocken. »Also übertreib nicht so.«

Alex hätte ihn für diese Antwort küssen können. Es war wunderbar, dass er zu ihr hielt und sie gegen Lydia verteidigte. Deswegen konnte sie jetzt auch großzügig sein. Sie ging auf Lydia zu, reichte ihr die Hand und brachte sogar ein Lächeln zustande.

»Guten Abend, Lydia.«

Plötzlich polterte es an der Tür.

»Das ist sicher der Taxifahrer«, sagte Lydia. »Er war so nett …«

Alex öffnete die Tür und wäre beinahe über das Hundesofa gefallen, das direkt davor stand. Darauf eine prallgefüllte Reisetasche, die Wärmedecke und der goldene Fressnapf. Nur von Amadeus selbst keine Spur.

Der Fahrer ging bereits zu seinem Taxi zurück.

»Wenn Sie den fetten Mops suchen«, rief er Alex zu, »der wühlt gerade in Ihrem Rosenbeet.«

Blitzschnell sprang Alex Richtung Garage, packte Amadeus am Halsband und zerrte ihn aus dem Beet. Sie kniete sich vor ihn hin.

»Das machst du mir nie wieder, verstanden?« Sie blickte ihm eindringlich in die Augen.

Amadeus starrte zurück, dann wandte er den Kopf und befreite sich aus ihrem Griff. Alex scheuchte ihn ins Haus. Wenigstens hatte er nicht gegrinst.

Hubert und Lydia saßen inzwischen im Wohnzimmer.

»Aber wieso gibst du Amadeus nicht in eine Hundepension?«, fragte Hubert gerade.

»Das würde mein armer Liebling nicht überleben. Er ist doch so sensibel und braucht besondere Fürsorge. Ich würde ihn niemals einem Fremden anvertrauen. Es war ja auch schon alles mit meiner Putzfrau geregelt. Warum muss sich diese Person ausgerechnet heute ein Bein brechen?« Lydias Stimme klang indigniert.

»Worum geht es denn eigentlich?«, erkundigte sich Alex.

»Lydia macht eine Kreuzfahrt und braucht jemanden, der sich um Amadeus kümmert«, erklärte Hubert.

»Und an wen soll ich mich denn wenden, wenn nicht an mein eigen Fleisch und Blut?« Lydia hatte wieder auf Theatralik umgeschaltet und umklammerte Huberts Hand.

Alex konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. Da sie immer noch großzügig aufgelegt war und es offenbar nur ums Hundesitten ging, sagte sie betont fröhlich: »Für ein oder zwei Wochen können wir Amadeus schon nehmen. Das ist kein Problem.«

Lydia zog die Augenbrauen hoch, sah Alex jedoch nicht an.

»Hubertus, versprich mir, dass du dich persönlich um mein Schatzilein kümmerst. Sonst habe ich keine ruhige Minute«, sagte sie, hievte den Mops auf ihren Schoß und drückte ihn an sich.

»Mach dir nur keine Sorgen, Tantchen. Wir regeln das schon. Zweimal die Woche kommt sowieso Thea zum Saubermachen, an den anderen Tagen nehme ich Amadeus mit in die Uni. Da kann er es sich in meinem Büro gemütlich machen. Und ein Spaziergang zwischendurch schadet mir auch nicht.«

Lydia strahlte ihren Neffen an, dann erhob sie sich.

»Ich wusste ja, dass ich mich auf dich verlassen kann. Ich zeig dir noch schnell die wichtigsten Sachen, dann muss ich los. Meine Koffer werden gleich abgeholt.«

Nachdem Hubert alles hereingeschleppt hatte, öffnete Lydia die Reisetasche und entnahm ihr eine riesige Tüte Pralinen, bei deren Anblick Amadeus sofort zu sabbern begann. Sie holte eine heraus und fütterte den Mops damit.

»Das sind die Schokotrüffel aus der Confisérie Beer. Die mag er am liebsten«, erklärte Lydia.

Dann förderte sie aus der Tasche ein Paar Kopfhörer zutage und setzte sie Amadeus auf. Alex musste an sich halten, um bei dem Anblick nicht laut loszulachen. Hubert sah seine Tante verständnislos an.

»Was soll denn das?«, fragte er entgeistert.

»Ich habe meine Stimme aufgenommen«, erklärte Lydia leicht pikiert und reichte Hubert einen tragbaren CD-Player. »Das spielst du Amadeus vor, wenn er mich vermisst.«

»Du tust ja gerade so, als ob du monatelang weg wärst«, sagte Hubert lachend.

»Nun, Annemarie und ich haben das Durchfahrerpaket Südafrika und Indischer Ozean gebucht. Das dauert immerhin hundertfünfunddreißig Tage. Da wird mich mein Liebling schon vermissen.«

»Aber das sind ja über vier Monate«, protestierte Alex.

Lydia bedachte sie mit einem eisigen Blick.

»Ich habe ja auch Hu-ber-tus gebeten«, sagte sie und betonte dabei jede einzelne Silbe im Namen ihres Neffen.

»Irgendwie komme ich hier nicht weiter«, meinte Elfie ratlos und warf zum wiederholten Mal einen Blick auf die Papiere vor sich.

Saskia brummelte irgendeine unverständliche Antwort.

»Es ist ein so heilloses Durcheinander, dass man verzweifeln könnte.« Elfie seufzte. »Lieferantenrechnungen habe ich noch überhaupt keine gefunden. Ich habe schon alles von unten nach oben gewendet, bisher völlig erfolglos.«

Saskia zuckte die Achseln. »Da kann ich Ihnen nicht helfen. Um die Finanzen kümmert sich Frau Knörringer. Aber die kommt erst morgen wieder ins Büro. Sie ist heute in der Filiale in der Bamberger Straße. – Ein Glück!«

Sie streckte einmal kurz die Zunge heraus in Richtung Bürotür, und Elfie sah, dass sie auch ein Zungenpiercing hatte. Die Tunnel-Piercings zierten heute kleine Kreuze. Die anderen Ringe lagen brav in dem kleinen Kistchen zu Saskias Füßen.

»Ja, ich weiß. Dann muss ich ihr eben morgen meine Fragen stellen. In der Zwischenzeit werde ich den Bestand überprüfen. Ich geh dann mal ins Lager.«

Saskia kommentierte diese Ansage mit einer riesigen rosa Kaugummiblase.

Fasziniert starrte Elfie auf Saskias Mund. Wie konnte man Kaugummi so kauen, dass niemand etwas davon mitbekam?

»Alles Übung«, beantwortete Saskia ihre unausgesprochene Frage.

»Bleibt der Kaugummi nicht am Piercing kleben?«, erkundigte Elfie sich neugierig.

»Nö, sehen Sie doch.« Saskia produzierte eine weitere rosa Blase, dieses Mal nicht ganz so gelungen. Sie zersprang mit einem dumpfen Plopp und hinterließ ein interessantes Muster auf Saskias bleichem Gesicht. Elfie schüttelte lächelnd den Kopf und verließ das Büro.

Als sie an der Eingangshalle vorbeiging, kam gerade Herr Knörringer gemessenen Schrittes und freundlich lächelnd auf sie zu. Elfie musterte ihn eingehend, seinen gutsitzenden dunkelgrauen Anzug, die Krawatte im gleichen Ton. Überhaupt wirkte der ganze Mann dunkelgrau. Nein, Elfie verbesserte sich in Gedanken, seine Schuhe waren schwarz und sein Hemd blütenweiß. Wie alt mochte er nun sein? Vielleicht Anfang dreißig? Seine Garderobe und sein Auftreten ließen ihn allerdings älter aussehen. Aber als Ehemann von Frau Knörringer war er trotzdem viel zu jung. Vielleicht war er ihr jüngerer Bruder.

»Guten Morgen, Frau Ruhland. Haben Sie sich schon ein wenig eingelebt? Ich hoffe, Sie fühlen sich bei uns wohl.«

Ihm ihre Meinung über die katastrophalen Arbeitsbedingungen und die Unordnung zu sagen erschien Elfie nach der überaus freundlichen Begrüßung unangebracht, und so lächelte sie nur verbindlich und streckte Carlos Knörringer die Hand entgegen.

»Ich bemühe mich, meine Arbeit zu tun«, sagte sie etwas zögerlich. »Ich hätte allerdings ein paar Fragen bezüglich der Unterlagen für die bevorstehende Steuerprüfung …«

»Da wenden Sie sich am besten an die Chefin«, forderte Carlos Knörringer sie mit seiner angenehm warmen Stimme auf und verschwand in seinem Büro.

Bevor Elfie ins Lager ging, sah sie sich in Ruhe in der Empfangshalle um. Dazu war sie bisher noch nicht gekommen.

Besonders die Särge in den Ecken, die zum Teil hinter den Grünpflanzen verborgen waren, erregten ihre Aufmerksamkeit. Bei den Beerdigungen, an denen sie teilgenommen hatte – und das waren nicht wenige –, hatte sie eigentlich immer das übliche mehr oder weniger massive Eichenholz gesehen. Hier gab es Särge in Türkis, in Grün, abgestimmt auf die Farben der dekorativen Buntglasfenster. Ein Sarg war sogar mit verschiedenen Motiven bemalt, der vierte mit den Abdrücken von Kinderhänden versehen.

Elfie stiegen die Tränen in die Augen. Wie anrührend! So konnte man schon bei der Gestaltung des Sargs anfangen, Abschied zu nehmen von einem lieben Verstorbenen, und ein wenig von der Trauer an das Holz abgeben. Wenn das doch schon bei Ludwig möglich gewesen wäre. Das wäre ihr sicher damals eine große Hilfe gewesen, um sich mit der schmerzlichen Tatsache abzufinden, dass sie ihn nie wiedersehen würde.

Während Elfie nach einem Taschentuch griff, hörte sie, wie die schwere Eingangstür ins Schloss fiel. Sie trat hinter einen großen Philodendron und wischte sich über die Augen.

Mit für sein Alter erstaunlich energischen Schritten kam ein Mann hereingestürmt.

Carlos Knörringer, der den Besucher gehört hatte, ging ihm entgegen.

»Was kann ich für Sie tun?«, fragte Carlos liebenswürdig.

»Sie schulden mir so einige Erklärungen«, forderte der Mann aufgebracht.

»Ja, bitte?«

»Wie kann es sein, dass bei der Beerdigung meiner Frau ein Kranz mit der Aufschrift Auch Fifi vergisst Dich nicht liegt. Dazu noch mit dem Foto eines Hundes. Wo wir nie einen Hund hatten! Meine Frau mochte keine Hunde. Wir hatten immer nur Katzen. Rassekatzen und nicht solch einen Straßenköter wie den auf dem Foto.« Die Stimme des Mannes bebte vor Zorn.

»Da handelt es sich sicher um ein Missverständnis«, versuchte Carlos den Mann zu beruhigen. »Vielleicht hat sich die Friedhofsgärtnerei vertan und den Kranz zum falschen Grab gebracht. Es tut mir sehr lei…«

Weiter kam Carlos nicht.

»Oh, Ihnen wird noch viel mehr leidtun! Und damit hat die Gärtnerei sicher nichts zu tun!«

War das nicht der Witwer, bei dem sie das Kondolenzbuch betreut hatte? Ein weißhaariger alter Mann, der bei der Beerdigung so traurig, ja gebrochen gewirkt hatte. Jetzt sah er gar nicht mehr traurig, sondern vor allem wütend aus. Bei all seiner Wut bot er allerdings auch einen etwas grotesken Anblick, trug er doch an seinen Hosenbeinen altmodische Fahrradklammern aus silberfarbenem Metall, die wie ein Paar Henkel zur Seite abstanden und dem ganzen Auftritt einen würdelosen Anstrich verliehen.

Wie hieß er noch? Irgendetwas mit W, grübelte Elfie. Wilberg oder so ähnlich.

»Aber, Herr Wilfert«, begann Carlos Knörringer.

Richtig, Wilfert hieß er. Elfie sah seinen Namen jetzt im Geiste vor sich, in Druckbuchstaben auf Büttenpapier.

Erschrocken sah sie, wie Herr Wilfert nach Carlos’ anthrazitfarbener Krawatte griff und ihn zu sich heranzog. Wie viel Kraft dieser alte Herr plötzlich entwickelte. Knörringers Gesicht lief schon rot an.

»Bitte«, stammelte er mit erstickter Stimme und versuchte sich zu befreien, ohne grob zu werden.

Auch Herr Wilfert war rot im Gesicht, zornesrot. Kleine Spucketröpfchen flogen Carlos Knörringer ins Gesicht. Der lehnte sich zurück, wodurch sich der Binder jedoch noch enger um seinen Hals zog. Er schnappte nach Luft, wollte offenbar etwas sagen, aber es gelang ihm nicht.

»Was machen Sie denn da, Herr … Herr Wilfert?« Elfie stürzte hinter dem Philodendron hervor auf die beiden Männer zu. Überrascht ließ der Witwer Carlos Knörringers Krawatte los.

»Wollen Sie ihn umbringen? Wegen eines Hundes? Das kann doch wohl nicht wahr sein!«, rief Elfie und stellte sich zwischen die beiden.

»Keineswegs nur wegen dieses Straßenköters. Da gibt es noch die hässliche Totenmaske, die man mir aufgeschwatzt hat. Und wie erklären Sie sich, dass auf der Rechnung die dreitausendzweihundert Euro für den Sarg aufgeführt sind? Das Geld habe ich doch Frau Knörringer schon gleich nach dem Tod meiner Frau in bar gegeben. Sie wollte mir die Quittung nachreichen. Fehlanzeige! Und jetzt soll ich den Sarg noch einmal bezahlen!« Herrn Wilferts Stimme überschlug sich: »Auf dieser Rechnung gibt es noch jede Menge anderer Posten, die mir spanisch vorkommen.«

Der alte Mann kramte in den Taschen seiner Anzugjacke und zerrte einige Papiere hervor. Total zerknüllt.

Warum konnten die Leute bloß nicht ordentlich mit ihren Sachen umgehen?, dachte Elfie bei sich.

»Aber ich habe Ihren Sterbefall gar nicht bearbeitet. Das war Julianes Angelegenheit«, krächzte Carlos.

»Das ist mir doch egal«, schnaubte Wilfert, »Tatsache ist, dass mit dieser Rechnung etwas faul ist.«

Er wollte Carlos Knörringer schon wieder an die Krawatte.

»Schluss jetzt!«, fuhr Elfie ein weiteres Mal dazwischen. »Wenn Herr Knörringer sagt, dass er mit dieser Rechnung nichts zu tun hat, dann ist das auch so!«

»Was mischen Sie sich eigentlich ein, Sie alte Giftnudel? Herr Knörringer ist doch einer der Chefs hier. Folglich gehen ihn die Dinge auch etwas an.«

Elfie war empört. Alte Giftnudel. Das hatte noch niemand zu ihr gesagt.

»Unverschämtheit!«

»Ja, eine Unverschämtheit ist diese Rechnung!« Wilfert ließ erneut die Spucketröpfchen fliegen.

Angeekelt wischte Elfie sich über das Gesicht.

»Zeigen Sie mir die Rechnung doch einmal, dann schaue ich sie mir an.«

»Das könnte Ihnen so passen. Und dann zerreißen Sie sie, und damit gehen meine Beweise flöten. Wahrscheinlich stecken Sie mit dieser sauberen Bande unter einer Decke.«

Wilfert ging jetzt drohend auf Elfie zu.

»Was unterstellen Sie mir da? Was erlauben Sie sich eigentlich?« Elfie spürte, wie auch ihr die Zornesröte ins Gesicht stieg. Was war denn das für ein ekelhafter Zeitgenosse? Nicht nur, dass er sie beleidigt hatte, sondern er war auch Carlos Knörringer gegenüber ausfallend, ja sogar handgreiflich geworden. Sein Verhalten schrie förmlich danach, für ihn ein neues Projekt zu beginnen, auch wenn er kein Chef, sondern ein Kunde war. Vielleicht sollte sie ihr Betätigungsfeld ändern. Damit blieben auf jeden Fall ihre guten Vorsätze unangetastet, denn diese bezogen sich ja nur auf Vorgesetzte.

»Am besten wäre es, wenn Sie mit der Chefin sprechen würden«, riss Carlos sie aus ihren Gedanken. »Die kennt sich doch mit Ihrem Fall aus.«

»Und wo ist die Chefin, damit ich sie mir vorknöpfen kann?«

»Sie ist heute den ganzen Tag über auswärts beschäftigt. Vielleicht erreichen Sie sie am Abend in der Filiale in der Bamberger Straße.« Carlos’ Stimme klang immer noch reichlich mitgenommen.

»O ja, die Dame entkommt mir nicht. Ich versuche es dort. Ansonsten komme ich wieder. Darauf können Sie sich verlassen.«

Herr Wilfert gab Carlos Knörringer einen ordentlichen Schubs, so dass der rückwärts taumelte und mit dem Kopf an eines der Wandregale stieß. Die Urnen darauf gerieten ins Wanken, und zwei der größten fielen mit Mordsgetöse auf den Marmorboden, wo sie in tausend Stücke zersprangen. Ein Gipskreuz polterte direkt auf Carlos Knörringers schwarzes Haupthaar, verlieh ihm einen seriösen Grauschleier, und die Überbleibsel rieselten nur noch als Pulver nach unten.

»Ach, und die hier können Sie auch behalten!« Herr Wilfert griff ein weiteres Mal in seine Jackentasche und knallte die Totenmaske seiner Frau so heftig auf den Boden, dass sie zerbrach und auf dem makellosen Marmor deutliche Kratzer hinterließ.

Dann drehte er sich so abrupt auf dem Absatz um, dass er eine seiner Fahrradklammern verlor. Mit einer Geschwindigkeit, die man dem alten Mann gar nicht zugetraut hätte, verschwand er durch die Tür.

»Meine Güte«, rief Elfie aufgebracht. »Selbst wenn ich einer Totenmaske nichts abgewinnen kann, so sollte man ihr doch Respekt erweisen. Was ist das nur für ein schrecklicher Mensch! Beleidigung, tätlicher Angriff und nun auch noch Sachbeschädigung. Das geht wirklich zu weit.«

Vielleicht sollte sie mit Ludwig über ihn sprechen. Andererseits müsste man solchen Leuten eigentlich sofort Einhalt gebieten – bevor sie noch Schlimmeres anrichten konnten. Wo dieser Wilfert wohl wohnte?

3.