Joe Schreiber

Wiedersehen

in Harry’s

Bar Thriller

Aus dem amerikanischen Englisch
übersetzt von Gerald Jung

Aufbau Digital

Impressum

Die Originalausgabe erschien 2012 unter dem Titel

Perry’s Killer Playlist

Bei Houghton Mifflin Harcourt Publishing Company, Boston

ISBN 978-3-8412-0682-4

Aufbau Digital,

veröffentlicht im Aufbau Verlag, Berlin, November 2013

© Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin

Die deutsche Erstausgabe erschien 2013 bei Aufbau Taschenbuch, einer Marke der Aufbau Verlag GmbH & Co. KG

© 2012 by Joe Schreiber

Published by special arrangement with Houghton Mifflin Harcourt Publishing Company

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jegliche Vervielfältigung und Verwertung ist nur mit Zustimmung des Verlages zulässig. Das gilt insbesondere für Übersetzungen, die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen sowie für das öffentliche Zugänglichmachen z.B. über das Internet.

Umschlaggestaltung und Illustration Nele Schütz Design

E-Book Konvertierung: le-tex publishing services GmbH, www.le-tex.de

www.aufbau-verlag.de

Für den erstaunlichen Ed –

Ich kann es kaum erwarten, bis du alt genug bist,

um das hier zu lesen.

Inhaltsübersicht

Cover

Impressum

Prolog: »American Idiot« – Green Day

1. »All These Things That I’ve Done« – The Killers

2. »Ever Fallen in Love« – Buzzcocks

3. »Is There Something I Should Know?« – Duran Duran

4. »The Loved Ones« – Elvis Costello and the Attractions

5. »You Are a Tourist« – Death Cab for Cutie

6. »Another Girl, Another Planet« – The Replacements

7. »Waiting for Somebody« – Paul Westerberg

8. »Never Let Me Down Again« – Depeche Mode

9. »Run (I’m a Natural Disaster)« – Gnarls Barkley

10. »Police and Thieves« – The Clash

11. »Jump« – Van Halen

12. »Here I Go Again« – Whitesnake

13. »Church of the Poison Mind« – Culture Club

14. »The World Has Turned and Left Me Here« – Weezer

15. »Happiness Is a Warm Gun« – The Beatles

16. »Know Your Enemy« – Green Day

17. »There Are Some Remedies Worse Than the Disease« – This Will Destroy You

18. »Panic Switch« – Silversun Pickups

19. »Busy Child« – The Crystal Method

20. »Darklands« – The Jesus and Mary Chain

21. »Sweetest Kill« – Broken Social Scene

22. »Love Removal Machine« – The Cult

23. »If There’s a Rocket Tie Me to It« – Snow Patrol

24. »Hold Your Colour« – Pendulum

25. »Everybody Daylight« – Brightblack Morning Light

26. »Hurt« – Nine Inch Nails

27. »99 Problems« – Jay-Z

28. »King of Pain« – The Police

29. »Family Man« – Hall & Oates

30. »Timebomb« – Beck

31. »Blow Up the Outside World« – Soundgarden

32. »Wake Up« – Rage Against the Machine

33. »Cold Hard Bitch« – Jet

34. »I Will Buy You a New Life« – Everclear

35. »This Is Not America« – David Bowie

36. »Bullet with Butterfly Wings« – The Smashing Pumpkins

37. »Don’t Let Me Explode« – The Hold Steady

38. »Needle Hits E« – Sugar

39. »I Am the Highway« – Audioslave

40. »The Metro« – Berlin

41. »Teenagers« – My Chemical Romance

42. »Baby Goes to 11« – Superdrag

43. »Icky Thump« – The White Stripes

44. »Walking Far From Home« – Iron & Wine

45. »Stand Up« – The Prodigy

46. »Brand New Friend« – Lloyd Cole and the Commotions

47. »We Own the Sky« – M83

Informationen zum Buch

Informationen zum Autor

Leseprobe aus: Joe Schreiber – Bye Bye, Crazy Chick!

Wem dieses Buch gefallen hat, der liest auch gerne …

Prolog

»American Idiot«

– Green Day

»Erschieß mich nicht.«

Dreihundert Meter über dem Erdboden im pfeifenden Novemberwind ist es nicht ganz einfach, sich klar und deutlich auszudrücken, schon gar nicht, wenn man den Lauf einer 9-Millimeter-Glock im Mund stecken hat. So was steht in keinem Reiseführer.

Gobi zieht die Automatik wieder zwischen meinen Lippen hervor. Ihre Augen glitzern und glänzen. Ich denke daran, was sie mir in Venedig gesagt hat, was sie letzte Nacht im Hotel gesagt hat. Es kommt mir alles schon ewig lange her vor.

Sie lächelt. In ihrem Gesicht sind Blut und Lippenstift verschmiert. Tief unter uns bricht sich blaues Blinklicht vom Champ de Mars am Stahlgerüst des Eiffelturms, das im Regen wie verzogen aussieht. Hinter Gobi sehe ich die Gendarmen auf der anderen Seite der Aussichtsplattform mit ihren automatischen Waffen stehen und in der Sprache der Liebe irgendwas zu uns herüberbrüllen. Von den zwei Jahren in Mrs Garveys Französischkurs ist immerhin so viel hängengeblieben, dass ich »Polizei« und »ergebt euch« verstehe.

»As tave myliu«, sagt Gobi. Mit ihrer freien Hand streicht sie mir das nasse Haar aus dem Gesicht. Ihre Finger sind eiskalt. »Deine Haare werden langsam zottelig, mielasis.« Dann richtet sie die Pistole wieder auf meinen Kopf.

»Sag mir nur, was du mit meiner Familie gemacht hast.« Ich flehe sie jetzt an, winsele fast, aber es ist mir egal. »Sag mir einfach nur, wo sie sind.«

»Tut mir echt leid, Perry.« Mit fast unhörbarem Klicken entsichert sie die Waffe. »Au revoir.«

1

»All These Things That I’ve Done«

– The Killers

»Hab ich dir gefehlt?«, fragte sie.

Ich beugte mich vor, um ihr den Rest Ahorn-Toffee-mit Schokostücken von der Oberlippe zu küssen, unbestreitbar der beste Eisgeschmack im ganzen Universum. Außer uns beiden war niemand mehr am Strand, und wir standen barfuß neben den Picknick-Tischen des Twin Star an der Route 26 und sahen zu, wie die grauen Oktoberwellen heranrauschten und sich am Strand brachen.

Ich und Paula.

Es war Herbst, die beste Zeit im ganzen Jahr für diesen windumtosten Küstenabschnitt, den sich Connecticut mit dem Meer teilte. Der Strand links und rechts von uns war verlassen, eine sanfte, langgezogene Sandbucht mit Seegras und schiefen Zaunlatten, denen das raue Atlantikwetter schon jahrzehntelang übel zusetzte. Im Sommer war hier alles voller Familien mit kleinen Kindern, Teenagern, Fahrradfahrern, Liebespärchen – sogar meine Eltern hatten sich einmal hier verabredet, jedenfalls wird es in unserer Familie immer wieder erzählt. Aber jetzt war alles hier angenehm verlassen. Der Parkplatz war fast leer, die Toiletten waren alle abgeschlossen, die Saison war vorbei. Nur noch wir zwei waren übrig und der Typ von der Eisbude, der lieber jetzt als später sein handgemaltes Schild mit der Aufschrift BIS ZUM NÄCHSTEN SOMMER! ins Fenster gehängt hätte.

Hoch über uns kreischten und kurvten die Möwen durch den metallgrauen Himmel. Sie hörten sich verloren und weit weg an, und wir standen barfuß im kalten nassen Sand.

Paula schlang die Arme um sich und schüttelte sich. »Es ist frisch.«

»Warte.« Ich zog mein Columbia-Sweatshirt aus und legte es ihr um die Schultern. »Besser so?«

»Was für ein Gentleman.« Sie lächelte und ließ den Blick über den Strand schweifen. In der Hand hielt sie noch das Handy, weil sie gerade ein Gespräch beendet hatte. »Und, willst du die große Neuigkeit erfahren?«

»Ich dachte schon, du rückst überhaupt nicht mehr damit heraus.«

»Ich dachte schon, du fragst nie danach.«

»Dann frage ich hiermit offiziell.«

»Ich habe gerade mit Armitage gesprochen … Er will Inchworm buchen …« Sie machte eine kleine Pause und ließ mich noch einen Sekundenbruchteil länger warten. »Und zwar für die ganze Tour.«

»Europa?«

»Zwölf Städte in achtzehn Tagen.«

»Das gibt’s doch nicht!« Ich musste laut lachen. Sie packte mich, und ich drückte sie fest an mich, hob sie hoch und wirbelte sie im Kreis herum. »Das ist einfach unglaublich, Paula!«

»Ich weiß!« Ihr Lächeln verwandelte sich in ein breites Grinsen, und ich sah alle elf Sommersprossen auf ihrem Nasenrücken. Ich hatte sie mal gezählt, als wir letzten Monat im Vergnügungspark in der Schlange für eine der Fahrten gestanden hatten.

»Wie kommt das denn?«

»Ich hab dir doch gesagt, dass die neuen Songs toll sind, Perry. Armitage hat euer Demo gehört und ist ausgeflippt.« Sie hielt mich jetzt fest an den Händen und hüpfte vor Aufregung auf und ab. Ihre Zehennägel waren pflaumenfarben bemalt, ziemlich dunkel, fast schwarz, und sahen im Kontrast zum Sand phantastisch aus, zehn kleine schwarze Tasten wie die, auf denen man Ragtime spielt. »Er bucht euch für eine Tour durch zwölf Städte, am neunundzwanzigsten geht’s in London los, dann Venedig, Paris, Madrid …« Paula holte ihr Handy hervor und drückte aufs Display. »Hier stehen alle Termine.«

»Das ist ja nicht zu fassen«, sagte ich. »Ich kann es kaum erwarten, mit dir durch Europa zu ziehen.«

Sie seufzte leise und ließ die Schultern sacken. »Schön wär’s.«

»Was denn … Kommst du nicht mit?«

»Armitage braucht mich hier in New York. Ich muss Anfang Dezember wieder im Studio sein. Moby nimmt ein neues Album in L. A. auf, und …« Sie sah meinen Gesichtsausdruck. »He, vielleicht schaffe ich es ja übers Wochenende nach Paris.«

»Das wäre schön.«

»Perry, das ist die Gelegenheit für eure Band. Wenn es hinhaut …«

Ich lächelte. »Das hätte ich ohne dich nie geschafft.«

»Ach, hör schon auf!«

»Nein, ehrlich«, sagte ich. »Du hast das alles möglich gemacht.« Ihre blauen Augen blitzten, verschwanden und tauchten immer wieder auf, während ihr der Wind die Haare vor dem Gesicht hin- und herwehte. Sie hatte den Großteil des Sommers bei ihrer Mutter in L. A. verbracht und sich die Bräune irgendwie bis in den Herbst bewahren können, weshalb ihr blondes Haar sogar noch blonder aussah. »Aber wir wissen alle, wer die Lorbeeren eigentlich verdient.«

»Hör schon auf.«

»Du hast die ganzen neuen Songs geschrieben, Perry.«

»Norrie und ich haben sie gemeinsam geschrieben.«

»Dann sind Norrie und du die nächsten Lennon und McCartney«, sagte sie. »Und das kann ganz Europa schon bald selbst hören.«

»Das ist wirklich unglaublich.«

»Ich weiß.« Als sie den Anflug von Sorge in meinen Augen sah, verdüsterte sich ihr Gesicht ein wenig. »Was hast du?«

»Nichts … Tolle Neuigkeiten, ehrlich.«

»Stormaire …«

Ich lächelte. »Ich würde mich nur noch viel mehr freuen, wenn du mitkommen würdest.«

»Du bist süß.« Sie küsste mich wieder, und diesmal dauerte der Kuss länger, ihre Lippen ruhten warm und weich auf meinen, ihre Haare kitzelten mich an den Ohren.

»Ich weiß.«

Sie sah mich an. Wir waren seit nicht mal drei Monaten zusammen, aber ich hatte ihr alles gesagt, und sie las in mir wie in einem Buch.

»Europa ist ein großer Kontinent, Perry.«

»Ich weiß.«

»Du weißt nicht mal, ob sie dort ist.«

»Stimmt.«

»Du läufst ihr bestimmt nicht über den Weg.«

»Ich habe doch nicht gesagt –«

»Das brauchst du nicht.«

»Ich habe es nicht mal gedacht.«

»Ich weiß schon, warum ich dich nicht nach Litauen schicke«, sagte Paula und drückte meine Hand. »Jetzt komm, mir ist kalt. Wir gehen ein Stück.«

2

»Ever Fallen in Love«

– Buzzcocks

Paula und ich hatten uns Anfang August kennengelernt, bei einer Party in Park Slope, ziemlich bald nachdem ich Gobi zum letzten Mal auf den Stufen der Columbia-Uni gesehen hatte. Wie sich herausstellte, kannte ich nicht viele Leute auf dieser Party, es war so ein Freund-eines-Freundes-der-eigentlich-gar-kein-richtiger-Freund-ist-Ding. Irgendjemand spielte ständig alte Elton-John-Stücke auf der iPod-Dockingstation, und ich wollte mich schon wieder verabschieden, als eine Stimme, die ich noch nie gehört hatte, »Hey« sagte.

So fing es an, als Stimme hinter meiner Schulter, eine Stimme, die ein wenig heiser und unbekannt und amüsiert klang. »Du bist dieser Typ«, sagte die Stimme.

Ich drehte mich um und sah sie an. In meinem Kopf ratterten die Zahnräder. Auf einer Wandtafel hätte die Gleichung ungefähr so ausgesehen:

(blondes Haar) + (blaue Augen) x (mega Body) = Finger weg

Trotzdem war da diese Frau, ein bisschen älter als ich und deutlich heißer, und sie sah mich nicht nur an, sondern schien tatsächlich interessiert zu sein.

»Wie bitte?«

»Ich habe dein Foto in der Post gesehen«, sagte sie. »Du bist Perry Stormaire, stimmt’s?«

»Ja.«

»Du bist der Typ, dessen Elternhaus in die Luft geflogen ist.«

»Mhm.«

»Das war der Wahnsinn.«

»Stimmt«, erwiderte ich, weil ich nie weiß, was ich in solchen Situationen sagen soll. Sie bezog sich auf das, was vor drei Monaten in der Nacht von meinem Highschool-Abschiedsball passiert war. Die Nacht, in der sich herausstellte, dass die Austauschschülerin aus Litauen – ein Mädchen namens Gobija Zaksauskas – in Wirklichkeit eine Auftragskillerin mit einer Liste voller Namen war. Ich hatte die Nacht mit Gobis Pistole an der Schläfe verbracht, und gemeinsam waren wir im Jaguar meines Vaters durch New York City gerast, während sie ihre Auftragsliste komplett abarbeitete, einen nach dem anderen killte, und am Schluss auch noch mein Elternhaus in die Luft flog. Diese Nacht als »Wahnsinn« zu bezeichnen, war höchstwahrscheinlich eine krasse Beleidigung gegenüber allen Geistesgestörten.

»Wie geht es deiner Familie?«

»Soweit alles in Ordnung.«

»Und die Leiche dieser Frau ist nie gefunden worden?«

»Sie ist verbrannt«, sagte ich. »Jedenfalls glauben das alle.«

»Wow.« Sie überlegte einen Moment, dann fiel ihr wohl ein, dass sie sich noch nicht vorgestellt hatte. »Ich heiße Paula Daniels.«

Sie reichte mir die Hand, und ich schüttelte sie lächelnd und irgendwie verunsichert, so wie sich Leute die Hände schütteln, wenn sie flirten, und da fiel mir auf, dass mit uns genau das passierte. Als ein paar Leute sich an uns vorbei durch die Tür schoben, rückte Paula ein Stück näher an mich, ihre nackte Schulter streifte meinen Arm, und der Partylärm ringsum wurde zu einem diffusen Hintergrundrauschen, als würden nur wir zwei dort stehen und uns unterhalten. In diesem Moment geschah etwas. Es war wie dieser schwerelose Augenblick, in dem man plötzlich nicht mehr ängstlich ans Fahrradfahren denkt, sondern einfach Fahrrad fährt.

»Darf ich dich was Persönliches fragen?«, sagte sie.

»Klar.«

»Stimmt das alles?«

»Machst du Witze?«, sagte ich. »So was hätte ich mir nie ausdenken können.«

»Es ist mir gleich so vorgekommen.« Der Hauch eines Lächelns huschte über ihre Mundwinkel und war auch in ihren Augen zu erahnen, wo er ein sanftes inneres Leuchten hervorrief, das ich fast hören konnte wie das leise Klingeln einer gerade eingetroffenen SMS. »Ich bilde mir einiges darauf ein, dass ich die Wahrheit von Schwachsinn unterscheiden kann.«

»Ein seltenes Talent«, sagte ich.

»Nicht mehr so erstaunlich, wie es früher mal war.«

»Vielleicht hättest du Detektivin werden sollen.«

Sie lachte fröhlich und ungekünstelt. »Das fragen dich die Leute bestimmt sehr oft.«

»Was?«

»Na – wahr oder ausgedacht?«

»Eigentlich nicht«, antwortete ich. »Schon komisch, aber den meisten Leuten scheint es egal zu sein.«

Genau so war es. Sie hatten gelesen oder im Fernsehen gesehen, was mir und Gobi an jenem Abend in New York passiert war, hatten darüber in ihren Blogs geschrieben, alles weitergeschickt und auf Facebook »geliked« und darüber getwittert. Was die amerikanische Öffentlichkeit anging, war das, was uns in dieser Nacht passiert war, die Wahrheit, einer dieser unwahrscheinlichen Fetzen »Realität«, der sich in unserer Nach-MTV-Welt wie ein Virus verbreitete, von jedem mehr oder weniger akzeptiert wurde, und dann mit der nächsten Neuigkeit wieder ins Vergessen geriet.

»Dann bist du also nicht von der Polizei«, sagte ich.

»Nein.«

»Was machst du sonst so, außer die Post zu lesen und in Brooklyn auf Partys zu gehen?«

Sie lächelte und hob eine Augenbraue. »Hat das Leben denn noch mehr zu bieten?«

»Kommt wahrscheinlich drauf an, wen du fragst.«

»Allerdings. Ich arbeite jedenfalls in der Musikbranche.«

Ich spürte, wie mein Herz einen kleinen Satz machte, denn diese Unterhaltung bewegte sich jetzt eindeutig in die Richtung Zu-schön-um-wahr-zu-sein. »Ach. Im Ernst?«

»Ja.«

»Das ist ja witzig«, sagte ich. »Ich spiele nämlich in einer Band.«

»Inchworm.« Paula nickte. »Das weiß ich aus dem Artikel.«

»Genau.« Ich dachte mir, dass ich mich echt in dieses Mädchen verlieben könnte. »Na ja, also … äh … wir haben uns abgesprochen, dass wir vor dem College alle ein Jahr Pause machen, einfach um mal zu sehen, ob wir was reißen können. Wenn nicht …« Ich zuckte die Achseln.

»Wenn ihr es nicht versucht, werdet ihr euch ewig darüber ärgern.«

Ich nickte. »Stimmt.«

»Schick mir doch mal ein Demo vorbei.«

»Im Ernst?«

»Klar. Ich arbeite für diesen Veranstalter aus Europa, George Armitage –«

»Warte mal«, sagte ich. »Meinst du den George Armitage?«

»Ja. Genau.«

»Du machst wohl Witze? Armitage ist zurzeit der heißeste Veranstalter auf der ganzen Welt. Seit dem Enigma-Festival letzten Sommer in England jedenfalls, außerdem gehört ihm eine eigene Fluggesellschaft … Und du arbeitest für diesen Typen?«

Paula lächelte. »Ja, ich bin sozusagen die Verbindung zwischen ihm und den Plattenfirmen. Ich stehe auf seiner Gehaltsliste, aber die Hälfte meiner Zeit verbringe ich in L. A. und arbeite mit neuen Bands im Studio. Sozusagen eine Stelle, die ich mir selbst geschaffen habe.«

»Das hört sich genial an.«

»Ich bin im Laurel Canyon aufgewachsen.« Paula schob sich eine Haarsträhne hinters Ohr. »Mein Vater ist in den Siebzigern in der Musikbranche A&R-Manager gewesen, hat damals mit den ganzen Legenden gearbeitet – Fleetwood Mac, Steely Dan, den Eagles. Madonna und Sean Penn haben sich praktisch in unserem Pool scheiden lassen. Das Musikgeschäft liegt mir sozusagen im Blut.«

Und so fing die Sache an. Man hört so viel von Schicksal und Glück und blindem Zufall, und nicht einmal jetzt weiß ich, wo ich in dieser Hinsicht stehe, aber eins kann ich mit Sicherheit sagen: In diesen Wochen und Monaten, in denen Paula und ich uns nähergekommen sind, stellte sie sich als genauso vertrauenswürdig, ehrgeizig, phantasievoll und witzig wie an jenem ersten Abend heraus, und als ich sie noch besser kennenlernte, gingen mir irgendwann die Adjektive aus. Sie war eine von diesen umwerfend temperamentvollen Leuten, die sich unterwegs auf einem Bauernmarkt inmitten einer Unterhaltung über das sowjetische Kino der 1940er Jahre plötzlich zwei Bananen an die Stirn hält und so tut, als wären es ihre Augenbrauen.

Und sie war unbegreiflich schön, eindeutig mehrere Nummern zu groß für mich. Sie war so ein Mädchen, über das man Lieder schreibt. Sie war zweiundzwanzig und ich war achtzehn.

Aber wie meine bisherige Geschichte zeigt, neige ich schon seit jeher eher zu älteren Frauen.

3

»Is There Something I Should Know?«

– Duran Duran

Und wies mit sex????

Ich schaute auf das Display meines iPhones und wusste sofort, dass die Nachricht von Norrie war. Er war der Einzige, der mir regelmäßig SMS schrieb, obwohl wir uns praktisch jeden Tag im Übungsraum sahen. Alle anderen – sogar Sasha, unser Lead-Sänger, und Caleb, unser Gitarrist – riefen einfach an.



Einfach genial, tippte ich.

wie gnial?

Tantrisch.



Eine lange Pause, dann:



Du biss immr noch nict soweit, ws?



»Wem schreibst du da?«, fragte Paula vom Fahrersitz rüber.

Ich stellte das Handy aus und schob es in die Tasche. »Norrie.«

»Hast du es ihm schon gesagt?«

»Ich habe ihm gesagt, dass sich die Band in einer Stunde bei mir zu Hause trifft. Ich will ihn überraschen. Es sei denn, Linus hat schon mit ihnen gequatscht.« Linus Feldman war unser Manager, ein neunzig Kilo schwerer, einssechzig großer jüdischer Tsunami, der irgendwann letzten Sommer aus der Wildnis von Staten Island zu uns herübergeweht kam. Er war noch ein Manager der alten Schule, ein vernarbter Veteran mindestens eines Dutzends legendärer Manager-Teams aus den Go-Go-Achtzigern, als der Rock’n’Roll allem Anschein nach jede Woche neue Millionäre hervorbrachte. Sobald er aus dem Quasi-Altenteil zurückgekehrt war, um sich für Inchworm einzusetzen, wartete er förmlich auf jemanden, der versuchte, uns auszunutzen, damit er ihm auf der Stelle den Kopf abreißen konnte. Zu seiner großen Enttäuschung waren wir bis jetzt mit nie dagewesener Fairness und außerordentlichem Respekt behandelt worden.

»Ich weiß nicht, ob Linus von dieser Idee sehr begeistert ist.«

»Eine Europa-Tour? Warum sollte er davon nicht begeistert sein?«

»Er hat seine eigenen Pläne mit der Band«, erwiderte Paula. »Aber wir werden ja sehen.«

Sie blinkte links und bog vom Strand in die zweispurige Landstraße ein. Während jeder von uns in seine eigenen Gedanken versunken war, sah ich das Meer im Rückspiegel immer kleiner werden.

Ich schaute nach, ob ich eine neue SMS bekommen hatte, aber die letzte war die von Norrie, in der er mir vorwarf, immer noch nicht mit Paula geschlafen zu haben. Leider hatte er recht damit. Paula und ich hatten Stunden auf der Couch verbracht und uns geküsst, bis die Lippen taub wurden, und wir hatten auch jede Menge anderer Sachen gemacht, eigentlich so ziemlich alles, was man so machen konnte – nur die Tat selbst blieb bis jetzt ungetan.

Es war eindeutig nicht Paulas Schuld. Sie hatte von Anfang an deutlich gemacht, dass sie bereit dafür sei, sobald ich so weit war. Damit hatte ich wohl die dümmste Abmachung aller Zeiten getroffen. Die ganze Highschool-Zeit hindurch hatte ich an kaum etwas anderes gedacht als den Tag, an dem ich das Problem mit der Jungfräulichkeit endlich loswerden würde. Und jetzt hatte ich Paula mit ihrem unglaublich tollen Gesicht, dem heißen Körper – eine erfahrene Frau, keine Frage –, die geduldig darauf wartete, mir alles beizubringen, damit ich nicht die üblichen Verrenkungen des Ententanzes zur sexuellen Initiation anstellen musste, wie sie noch in der Generation meiner Eltern üblich war, inklusive der Decodierung der Texte schlechter Hair-Metal-Power-Balladen als unser Kamasutra. Was genau sagte man einem Mädchen, das einen die ganze Nacht gerockt hatte? Und war das »jemanden mit Zucker übergießen« wirklich so klebrig, wie es sich anhörte?

Wir waren eine aufgeklärte Generation. Mein koreanischer Freund Chow hatte es schon in der zehnten Klasse mit seiner Freundin gemacht, Sasha und Caleb hatten noch nie Probleme gehabt, zum Ziel zu kommen (»Alter«, hatte Sasha mir einmal mit absoluter Offenheit gesagt, »was glaubst du, warum wir in einer Band spielen?«), und sogar Norrie hörte sich an, als könne er sich in dieser Hinsicht bei seiner derzeitigen Freundin nicht beklagen. Nur ich stand wie gelähmt an der Startlinie und wartete. Worauf eigentlich? Auf die wahre Liebe? Ein Zeichen Gottes? Ein langes Wochenende in Paris?

Ich brauchte dringend eine Therapie, am besten gleich zwei oder drei. Inzwischen fragte ich mich, ob es vielleicht Gruppentreffen für Anonyme Jungfrauen in irgendwelchen Kirchenkellerräumen gab oder zumindest einen Kult im südlichen Connecticut, der dringend nach einem unberührten Opferlamm suchte.

Dabei verhielt sich Paula die ganze Zeit absolut supercool. Sie kannte die Wahrheit und sagte immer nur, dass sie warten würde, bis ich so weit sei. Aber wie lange würde es noch dauern, bis ihre Erwartung sich in Enttäuschung verwandelte?

Meistens versuchte ich einfach, nicht daran zu denken.

Ein echt toller Plan, und manchmal funktionierte er auch fast.

4

»The Loved Ones«

– Elvis Costello and the Attractions

Als wir bei mir zu Hause ankamen, saß Mom mit ihrem Laptop und einem Glas Wein in der Küche. Wir waren erst Ende Sommer dort eingezogen, die Arbeiter hatten immer noch an dem Anbau über der Garage zu tun. Außerdem lagen überall bunte Fliesen herum, ungefähr zweitausend Sorten Weiß. Auf unserem Küchentisch sah es aus wie bei einem Konzert von Michael Bolton.

»Hallo, Perry. Ach, hallo, Paula. Wie war’s am Strand?«

»Toll.«

»Mir hat dieser Strandabschnitt schon immer sehr gefallen, besonders im Herbst.« Sie ließ den Blick über das Meer fast identischer Rechtecke gleiten, die auf dem Tisch ausgebreitet lagen. »Welche Farbe würdest du für das Bad im ersten Stock nehmen, mein Liebling? Isabelline oder Cosmic Latte?«

»Mom«, sagte ich, »Paula und ich müssen dir was Tolles sagen.«

Mom blickte auf. Ihre Gesichtszüge rutschten ihr vor Erstaunen nach unten. »Ihr wollt doch wohl nicht etwa heiraten?«

»Was? Quatsch!«

»Gott sei Dank!« Mom nahm sich ihr Weinglas. »Das soll nicht heißen, dass ich dich nicht haben möchte, Paula, aber –«

»Schon gut, Mrs Stormaire«, sagte Paula und sah wieder mich an. Sie war immer noch nicht so weit, dass sie meine Mutter »Julie« nannte. »Als Perry das eben gesagt hat, hätte ich fast selbst einen Herzschlag bekommen.«

»Dann nehme ich doch an, dass es auch nicht bedeutet, dass du …« Mom fuchtelte undeutlich vor ihrem Bauch herum.

»Was?«, fragte ich. »Zu viel gegessen hast?«

»Du weißt genau, was ich meine.«

»Also ehrlich, Mom!«

»Tut mir leid, Schatz, aber solche Gedanken gehen einer Mutter nun mal im Kopf herum.« Und noch ehe ich sie fragen konnte, warum diese Gedanken auch immer gleich aus ihrem Mund heraussprudeln mussten, beugte sie sich schon wieder über den Laptop, klickte ein paarmal und redete und tippte gleichzeitig. »Wisst ihr, ich hab mir gedacht, wo es doch jetzt unser erstes Thanksgiving im neuen Haus ist und ich weiß, dass deine Mutter, Paula, in Kalifornien wohnt … hättet ihr nicht Lust, Thanksgiving mit uns zu verbringen?«

Ich holte tief Luft. »Kann sein, dass ich zu Thanksgiving überhaupt nicht hier bin.«

Mom hörte auf zu tippen. Ich sah, dass sie ihre Facebook-Seite aktualisierte, und ich spürte, wie sich ihre Laune in der Stille veränderte. »Ach?«

»Ich wollte euch sagen, dass –«

»Was wolltest du uns sagen?« Das war Dad, der gerade mit seinem iPhone in der Hand und der Times unter dem Arm von der Treppe her um die Ecke kam. Er merkte sofort, dass mit der emotionalen Wetterlage in der Küche etwas nicht stimmte, und wandte sich meiner Mutter zu. »Ist was?«

»Ich weiß nicht.« Mom runzelte die Stirn und zwei rote Flecken tauchten auf ihren Wangen auf. »Dein Sohn hat es mir noch nicht mitgeteilt.«

»Perry?«, fragte mein Vater mit seiner strengen Anwaltsstimme. »Worum geht’s?«

»Also«, fing ich an, was wahrscheinlich kein schlechter Anfang war, aber genau in diesem Augenblick hielt der verrostete Ecoline-Kleinbus mit quietschenden Reifen in unserer Einfahrt. Ich sah Norrie und Caleb herausspringen und ihre Gitarrenkoffer und das Schlagzeug mit der unbeirrbaren Zielstrebigkeit derjenigen, die ohne 250 Kilo Ausrüstung nirgendwo hinkönnen, in die Garage schleppen. In den vergangenen paar Wochen hatten wir immer bei uns geprobt, weshalb sie meine Nachricht hinsichtlich eines Treffens heute Abend für einen ganz normalen Probetermin gehalten hatten.

»Ich muss kurz raus und mit den Jungs reden.«

»Vielleicht wartest du damit lieber noch«, sagte Paula.

»Warum?«

Sie zeigte aus dem Fenster, aber das war nicht mehr nötig. Das tuberkulöse Röcheln des Wagens, der die Straße entlanggeschossen kam und direkt hinter dem Bus und Paulas Auto abbremste, war nicht zu überhören. Linus Feldman fuhr einen burgunderroten 1996er Olds 88, mit verrostetem Rahmen und abblätterndem Lack, dessen verbliebene Farbe wie ein alter Bluterguss aussah. Die Karre diente Linus auch als Büro, was bedeutete, dass der Beifahrersitz normalerweise voll mit unbeantworteten Briefen, angefochtenen Verträgen sowie Flyern für unsere Auftritte – zukünftige und bereits absolvierte – lag. Er stieg aus einer Lawine aus Dokumenten und Starbucks-Bechern aus.

»Stormaire?«, blökte er vor der Tür, ohne sich die Mühe zu machen anzuklopfen. »Ist Paula bei dir? Die doppelzüngige Tusse soll sofort rauskommen!«

Paula seufzte. »Hallo, Linus.«

»Linus?«, fragte mein Vater verdutzt. »Was will der denn hier?«

Nachdem er keinen Hehl aus seinem Eintreffen gemacht hatte, stand Linus mit verschränkten Armen auf unserer Veranda und wirkte wie jemand, der zur Not bis in alle Ewigkeit dort wartete. Er ertrank fast in seiner Cordanzugjacke mit Ellbogenflicken aus Wildleder und khakifarbenen Hosen, und seine flusigen Popcorn-Haare sahen aus, als würden sie vor Entrüstung in doppelter oder gar dreifacher Fülle um seinen Schädel wallen.

Ich machte die Fliegentür auf. »Hallo, Linus.«

»Hast du einen Vertrag unterschrieben?«

»Nein, ich –«

»Aber du hast ihn gesehen.«

»Was denn für einen Vertrag?«, wollte Dad wissen und sah abwechselnd mich und Linus an. Er wusste, dass Linus Anwalt war, so wie er, eine Verbindung, die ihnen idealerweise erlauben würde, eine professionelle Abkürzung zu benutzen, doch bei den wenigen Gelegenheiten, bei denen sie sich begegnet waren, hatte es eher umgekehrt gewirkt: Die Signale hatten sich gekreuzt und die Frequenzen des jeweils anderen gestört. »Was geht da vor sich, Perry?«

»Mach mal halblang, Linus«, sagte Paula. »Erst mal tief durchatmen.«

»Nicht so von oben herab, Yoko!« Linus hielt ein Blatt Papier hoch und reckte es uns entgegen als handelte es sich um einen Haftbefehl. »Eine E-Mail von George Armitages Assistentin? Muss ich auf diese Weise herausfinden, dass du Inchworm für eine Europa-Tournee gebucht hast?«

»Das war ein Versehen«, erwiderte Paula. »George sollte warten, bis ich es dir selbst gesagt habe.«

»Absolut unakzeptabel!«

»Warte doch –«

»Europa?«, fragte Mom. »Wann wolltest du uns denn darüber informieren, Perry?«

Dad griff nach der E-Mail in Linus’ Hand. »Dürfte ich bitte mal sehen?«

»Die Bedingungen sind absurd«, sagte Linus und zog das Blatt wieder an sich, ehe einer von uns einen Blick daraufwerfen konnte. »Du kannst George Armitage ausrichten, er kann sich seine Tour schön tief in den –«

»Perry ist noch nie im Ausland gewesen«, sagte Mom.

»Stimmt nicht«, widersprach ich. »Ich bin in der elften Klasse beim Shakespeare-Festival in Toronto gewesen. Und im selben Jahr sind wir alle über Weihnachten nach Paradise Island gefahren. Mein Pass ist noch gültig.«

»Gut.« Paula holte tief Luft. »Nichts für ungut, aber ich glaube, wir konzentrieren uns hier auf die falschen Dinge.«

»Da wären wir einmal einer Meinung.« Linus legte mir den Arm um die Schulter und schob mich ins Haus, wobei er mir leise zuraunte: »Perry, du weißt, dass ich dich sehr schätze. Du weißt, dass ich für die Band nur das Beste will. Ich steige jedes Mal für euch in den Ring.« Er hielt sich den Kopf, als befürchtete er, er würde jeden Augenblick davonfliegen. »Aber diese Bedingungen –«

»Wir könnten ja alle mitkommen«, schlug Mom vor. »Wir stören dich nicht, lassen euch eure Konzerte machen …«

»Moment.« Das war Annie, die in ihrem Schlafzimmer im ersten Stock offensichtlich die ganze Unterhaltung durch die Lüftung mit angehört hatte. »Wir fahren nach Europa?«

In diesem Augenblick explodierte der gesamte Ostflügel des Hauses im brutalen Hämmern eines Schlagzeugs und einer E-Gitarre, was bedeutete, dass Caleb und Norrie alles angeschlossen hatten und sich bei voller Lautstärke warmspielten, bis ich endlich zu ihnen rüberkam und mitspielte. Sasha, unser Sänger, war noch nicht hier – er kam immer als Allerletzter, und seitdem er sich ein uraltes Indian-Motorrad gekauft hatte, das alle zwei Wochen verreckte, kam es auch häufiger vor, dass er mit dem Volvo seiner Mutter oder sogar auf dem Fahrrad kam.

»Familienkonferenz?« Annie rauschte in einer Wolke aus einander bekriegender Parfums und Haarwässerchen an mir vorüber. »Ach, hallo, Linus.« Sie sah meinen Dad an. »Fahren wir nach Europa?«

»Nein«, antwortete Dad.

»Wieso darf Perry dorthin?«

»Keine Angst, mein Schätzchen«, sagte Linus und funkelte Paula über Annies Kopf hinweg an. »Onkel Linus lässt nicht zu, dass die böse Frau irgendjemanden für die paar Kröten mit nach Europa nimmt.«

»Perry geht auf Tournee«, sagte Mom, »mit seiner Band. Ist das nicht aufregend?«

Annie verdrehte die Augen. »Ich bin schon total aus dem Häuschen.« Ironie war ihr neuer Ketchup, den sie über alles und jeden goss.

»Ich sehe mir diesen Vertrag lieber mal an«, sagte Dad und zog seine Brille aus der Brusttasche seines Hemds.

»Nicht nötig«, brummte Linus, dessen Hände von seinem Kopf zu seinem Bauch wanderten. Sein ursprünglicher Zorn war verraucht und einer, wie es aussah, chronischen Verdauungsstörung gewichen. »Ich trete Ihnen einfach in die Eier, dann haben Sie den richtigen Eindruck davon.«

»Linus«, sagte Paula, »ich weiß, dass du am liebsten auf diese Weise verhandelst, aber –«

»Verhandeln?«, heulte Linus auf und starrte sie ungläubig an. »Das nennst du verhandeln? Wie soll ich denn bitte schön über nichts verhandeln?«

»Falls du es noch nicht gemerkt hast«, sagte Paula und legte den Arm um mich. »Ich stehe auf Perrys Seite. Ich bin ziemlich verrückt nach dem Burschen.«

»Das ist ja die Höhe. Du bist echt gut.« Linus fuchtelte mit den Händen. »Sie ist echt gut. Das ist ja schlimmer als die Victory Tour der Jacksons, damals 84, als wir Tito in Vancouver zurücklassen mussten.«