Stephanie Gleißner

Einen solchen Himmel im Kopf

Roman

Impressum

Die Autorin bedankt sich bei der Kunststiftung Baden-Württemberg für die Unterstützung ihrer Arbeit.

ISBN 978-3-8412-0071-6

Aufbau Digital,

veröffentlicht im Aufbau Verlag, Berlin, Juli 2012

© Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin

Die Erstausgabe erschien 2012 bei Aufbau, einer Marke der Aufbau Verlag GmbH & Co. KG

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Umschlaggestaltung hißmann, heilmann, hamburg /

Gundula Hißmann

unter Verwendung eines Motivs von plainpicture / Johner /

Ulf Huett Nilsson

Konvertierung Koch, Neff & Volckmar GmbH,

KN digital – die digitale Verlagsauslieferung, Stuttgart

www.aufbau-verlag.de

Inhaltsübersicht

1.

2.

3.

4.

5.

6.

7.

8.

9.

10.

11.

12.

13.

14.

15.

16.

17.

18.

19.

20.

21.

23.

24.

25.

26.

Für Margret

I’d risen
this morning
determined to break
the spell of my longing,
and not to think.

PJ Harvey

1.

Ich werde zurückkehren. Natürlich nur zu Besuch, ein paar Tage, aber auch das erst nach einigen Jahren, in denen ich mich so verändert haben werde, dass sie mich nicht sofort wiedererkennen. Ich werde es nicht zulassen, dass sie mich nicht wiedererkennen. Ich werde stehenbleiben vor ihren Gartenzäunen, und auch vor den Bänken der Alten vor der Kirche werde ich stehen und ihnen ins Gesicht schauen und den Blick nicht abwenden. Ich werde zuschauen, wie es in ihren Köpfen zu rattern beginnt, wie sie denken: Das Gesicht kenne ich doch irgendwoher, und in dem Moment, wo ich sehe, dass sie das denken, werde ich glasklar mit einer Stimme und Miene, die ich jetzt noch nicht zustande bringe, die ich mir aber bis dahin angeeignet haben werde, sagen: »Guten Tag«, und dahinter ein Herr oder Frau und die jeweiligen Namen setzen, die richtigen Nachnamen, nicht die Hausnamen, denn die werde ich bis dahin vergessen haben, aber ihre offiziellen Namen werde ich ablesen von den Schildchen an den Gartentoren. Es ist wichtig, dass ich »Guten Tag« sage, Hochdeutsch, kein Dialekt, nicht die Spur eines Dialekts. Alle Wörter werden ganz sauber klingen. Und dann gehe ich weiter und wiederhole das Ganze am nächsten Haus, am nächsten Gartenzaun.

Ich werde an einem Sonntag im Frühling zurückkehren, am späten Vormittag, wenn die Männer sich nach der Kirche im Biergarten besaufen. Ich werde an ihnen vorbeigehen und meinen Schritt nicht beschleunigen, nicht so wie jetzt, Johanna, ich werde ihnen direkt ins Gesicht schauen. Sie werden sagen: Das sind doch alles dieselben Banditen, sie werden sagen, dass sie da die Hand nicht umdrehen, und sich dabei über ihre Gläser beugen, Bierschaum in Bärten und Mundwinkeln. Doch wenn ich zurückkehre und an ihnen vorübergehe und ihnen direkt ins Gesicht schaue, werden sie verstummen mitten im Satz. Schweigen. Keine widerliche Bemerkung, kein Hinterherpfeifen. Wenn ich jetzt an ihnen vorübergehe, reden sie über mich. Sie senken noch nicht einmal ihre Stimme, aber dann, wenn ich zurückkehre und an ihnen vorübergehe, werden sie schweigen.

Johanna hatte, wie es ihre Art war, den Kopf zur Seite geneigt, den Blick, um durch nichts Äußeres abgelenkt zu werden, schräg auf den Boden gerichtet wie eine alte Person, die schlecht hört und sich deshalb so auf die Akustik konzentrieren muss, dass sie über die Bedeutung der Laute erst später nachdenken kann. Johanna verlangsamte dann auch noch ihren Schritt, während ich das Bedürfnis hatte, schneller zu gehen, um mit meinen Worten und Sätzen mithalten zu können. Als ich ausgesprochen hatte, blieb sie stehen: »Ich glaube nicht, dass es so sein wird«, sagte sie, »ich glaube, dass hier immer alles gleich bleiben wird.« Mehr sagte sie nicht.

Johanna sagte selten mehr als drei Sätze am Stück. Sie war nicht schüchtern. Sie war hochmütig. Sämtliche Bekundungen von Individualität, wie sie für Pubertierende üblich sind, widerten sie an. Sie belächelte die Mädchen auf dem Pausenhof, die in Gruppen zusammenstanden, dümmlich und so selbstverständlich wie grasende Tiere. Sie nestelten einander in den Haaren herum und kultivierten eine aufdringliche Art der Innerlichkeit. Sie sprachen lautstark über IHRE Gefühle und IHRE Gedanken, sie deuteten ihre oftmals auch nur erfundenen Träume mit einer Ernsthaftigkeit, die mich rührt und erschüttert, wenn ich sie heute im Supermarkt an der Kasse sitzen sehe oder im Sonntagsstaat einer Provinzmutter den Kinderwagen schiebend, der Mann beim Frühschoppen oder fünf Schritte voraus, aber nie neben ihnen, diese Mädchen, die einmal von ihren nächtlichen Träumen gesprochen hatten, als seien sie Goldklumpen, die, versehentlich zutage gefördert, kurzzeitig die Hoffnung auf eine ganze Goldader, ein Innenleben geschürt hatten. Sie hatten tatsächlich geglaubt, der Eintönigkeit ihres Schülerdaseins zu entkommen, wenn sie ihre Federmäppchen und Schultaschen mit Edding beschmierten, ihre Füße in Doc Martens einschnürten und sich die Haare mit immer neuen Farben ruinierten. Die Eltern zeigten Verständnis, fühlten sich an ihre eigene Schulzeit erinnert. Sie sagten, dass das die schönste Zeit gewesen sei.

Johanna begann ihre Sätze mit »Es« und »Man«. Sie sagte nicht »Ich«. Wenn sie gezwungen war, im Deutschunterricht einen Beitrag zu den leidigen Pro-und-contra-Diskussionen zu liefern, die uns gegen Ende der Mittelstufe zu kritisch denkenden Menschen erziehen sollten, sprach sie sehr langsam. Sie bastelte dann bedächtig an umständlichen Passivkonstruktionen, um die so beliebt gewordenen Satzanfänge »Ich denke«, »Ich glaube«, »Ich meine« zu umgehen. Ihr zuzuhören war anstrengend, selbst die Lehrer waren versucht, ihr das Wort abzuschneiden oder einen Satz für sie zu Ende zu bringen. Es wurde laut im Klassenzimmer, sie blieb ruhig, setzte sogar neu an, wenn ihr während des Sprechens eine bessere Formulierung einfiel. Sie sprach wie unter einem Glassturz, isoliert, nur für sich selbst. Unverhohlen demonstrierte sie Überlegenheit. Die anderen ließen sie in Ruhe. Sie drangsalierten sie nicht. Sie spürten, dass Johanna völlig unabhängig von den Erwartungen der erlesenen Gruppe ihrer Sympathisanten einen Plan hatte, dass ihr Verhalten, ihr Handeln und Reden sich an etwas orientierten, von dem nur sie wusste und das alle anderen ausschloss.

Mir gefiel ihre Verschlossenheit. Ich beobachtete sie, studierte ihr Repertoire an Blicken, ihr Stirnrunzeln und Augenbrauenhochziehen. Wir freundeten uns an. Wir waren ein komisches Paar; ich immer fünf Schritte voraus mit großen, fahrigen Bewegungen und redend, ständig redend. Und sie? Gelassen, schweigend, manchmal ein Grinsen, öfter ein höhnisches Lachen und sehr selten ein Lächeln, mit dem sie Züge anhielt, ein Lächeln, bei dessen Anblick den Schaffnern die Pfeife von den Lippen rutschte.

Johanna kam morgens bei uns vorbei und holte mich ab. Sie stand im dunklen Flur, ihr Körper war nur in Umrissen zu erkennen, doch ihr Gesicht erhellt. Sie musterte meine müde Gestalt, ich richtete mich auf unter ihrem Blick, wollte gefallen. Sie grinste: die Absätze, die aufwendig geschminkten Augen, der schmale Mantel, in dem ich nur kleine Bewegungen machen konnte – so viel Eitelkeit! Sie packte meine Hand, stieß die Tür auf und zog mich hinaus in den Morgen, in die Föhnwinde, über das Kopfsteinpflaster vor der Kirche. Wir rannten. Nach einigen Minuten der Rausch, wenn das Blut in den Kopf schießt, kurz und überwältigend. Dann ließ Johanna meine Hand los und beschleunigte. Sie sprintete, ich konnte nicht mehr mithalten, fiel zurück, sie verschwand im Durchgang zu den Gleisen. Der Pfiff des Schaffners, das Piepsen, bevor die Türen schließen, Johanna hing an einer dieser Türen, verhinderte, dass sie sich schloss, der Schaffner kam angelaufen, sie grinste auch ihn an, und ehe er sie erreichte, war ich schon bei ihr, verschwitzt, sie packte meine Hand und zog mich die drei Stufen hoch ins Innere.

Bevor ich mich mit Johanna angefreundet hatte, war mir von ein paar Mädchen aus der Parallelklasse immer ein Sitzplatz freigehalten worden. Johanna war damals allein durch die vollen Gänge gestakst, doch sie wurde nicht wie die anderen Schüler, die keinen Platz mehr gefunden hatten und deswegen im rechtsfreien Raum der Gänge und Zwischenabteile standen, mit Pausenbrot beworfen oder durch gezielte Attacken in die Kniekehlen zu Fall gebracht. Man ließ sie auch hier in Ruhe. Nur einmal hatte ein Zehntklässler ihr Mandarinenschalen hinterhergeworfen, die sie allerdings verfehlten und vor ihr auf dem Boden landeten. Johanna hatte sich langsam umgedreht, war auf den Jungen zugegangen, hatte ihn einige Sekunden lang ruhig angeblickt, die Freunde des Jungen johlten, dann hatte sie die Hand gehoben und sie ihm flach ins Gesicht geklatscht. Danach war sie ohne Hast weitergegangen, in sich gekehrt, beinahe verträumt, als würde sie im Frühling unter blühenden Bäumen spazieren. Wenige Wochen später war ich ihre Freundin geworden. Ich kämpfte mich mit ihr durch die Gänge auf der Suche nach einem Zwischenabteil, in dem wir, die Hefte gegen die vibrierende Wand gedrückt, stehend unsere Hausaufgaben machten.

Es kam nie heraus, wer Karl Rieder so zugerichtet hatte. Er hatte sich geweigert, Auskunft zu geben, und man hatte ihn dann auch nicht weiter bedrängt, denn im Grunde wollte man es auch nicht wissen, und der stotternde Karl Rieder, redete man sich heraus, war auch so schon gestraft genug, man musste ihn nicht auch noch mit Reden plagen. Mich hatte diese Gleichgültigkeit aufgeregt. »Das geht doch nicht«, hatte ich zu Johanna gesagt, »dem muss nachgegangen werden, auch wenn er das vielleicht nicht will, was ich nicht glaube. Und auch wenn, das geht doch nicht nur ihn was an, wenn einer so zugerichtet wird.«

»Ja, und genau deswegen will man es auch nicht so genau wissen«, sagte Johanna.

Wir hatten Karl Rieder gefunden, weit hinten auf den wackligen Anschlussblechen zwischen zwei Waggons. Er kauerte vornübergebeugt auf den eingelassenen Stufen. Wir erkannten ihn an seinem khakifarbenen Bundeswehrparka, der bis zur Kapuze hinauf mit Schneematsch vollgesogen war. Er wippte leicht vor und zurück. Johanna fiel, ohne zu zögern, ohne ihn vorher angesprochen zu haben, neben ihm auf die Knie. Sie drückte ihre Knie in den zentimeterdicken Schneematsch, umfasste mit einem Arm seine Schultern, mit der anderen Hand strich sie ihm über das Haar. Es war unangenehm, die beiden zu betrachten, die Intimität von Johannas Gesten beschämte mich. Sie zog seinen Kopf zurück. Er wandte ihr das Gesicht zu – von der Augenbraue quer über die Stirn eine Wunde. Blut lief ihm über die rechte Schläfe und Wange, seine Oberlippe war geplatzt. Johanna hielt seinen Oberkörper im Arm, sein Kopf lag jetzt auf ihrer Brust, sie redete auf ihn ein, leise und beschwörend – »Wo hast du Schmerzen? Wer war das?« –, und als er dann den Mund öffnete und hinter den quellenden Blutblasen die angebrochenen Zähne zu erkennen waren, murmelte sie: »Sch. Sch. Ist ja gut, ist ja gut.« Sie zog ihre Lederjacke aus, breitete sie über dem Schneematsch aus und legte dann Karls Oberkörper und sein blutendes Gesicht auf das Lammfellfutter. Dabei rutschten ihm das offene Schulheft und der Zirkel, mit dem er gerade noch eine Mittelsenkrechte konstruiert hatte, von den Oberschenkeln. Johanna hatte meine Anwesenheit vergessen. Sie erschrak, als sie mich an die Wand gelehnt stehen sah, und befahl dann: »Hol den Zugführer, der soll einen Krankenwagen zum Bahnhof kommen lassen.«

Johanna hatte nichts mit Karl Rieder zu schaffen, niemand hatte etwas mit ihm zu schaffen, niemand wollte ihn kennenlernen, er interessierte nicht. Er saß bei den Alten auf den Bänken vor der Kirche, und auch sie interessierten sich nicht für ihn, ihnen genügten die Kenndaten einer äußeren Existenz: Vater Kfz-Mechaniker, spezialisiert auf Landwirtschaftsnutzgeräte, Mutter geborene Schwaiger, trägt das Kirchenblatt aus, keine weiteren Kinder. Warum? – Wird halt nicht geklappt haben, wer kann das schon sagen? Verschämtheit, die sofort in Unverschämtheit und Derbheit wechselte. Sie ließen ihn bei sich sitzen, das Reden übernahmen sie, und bald schon bemerkten sie seine Anwesenheit nicht mehr. Das war die Art des Rieder Karl, dass man ihn so schnell nicht mehr bemerkte. Und eine andere Art des Rieder Karl war es, dass, hatte man ihn einmal bemerkt, man sich fragte, was mit ihm gewesen war all die Jahre, in denen man ihn nicht bemerkt hatte. Er hatte etwas Verschlagenes, schaute einem nicht ins Gesicht, sondern seitlich vorbei oder auf den Boden. Und geredet hat er auch nicht, dafür hatte man ja Verständnis, aber er hätte doch auch anders grüßen können, mit einem Blick, einem Nicken. Und wenn er einen dann doch einmal anschaute, dann durchdringend und verachtungsvoll. Ein Blick, wie ich ihn haben würde, wenn ich zurückkehrte ins Hinterland. Es fehlte nur noch, dass er ausspuckte, aber das tat er nie. Meist stierte er gleich wieder zu Boden. Ich mochte Karl Rieder nicht.

Ich war erleichtert, dass Johanna sich damit begnügte, ihn im Arm gehalten, sein ramponiertes Gesicht an ihre Brust gedrückt und sein Blut auf dem Futter ihrer Lederjacke zu haben. Jedenfalls zeigte sie kein Interesse mehr an ihm, nachdem er am Bahnhof auf einer Trage abtransportiert worden war. Wenn sich unsere Wege mit dem von Karl Rieder kreuzten, dann sagte sie: »Hallo, Karl«, und das war tatsächlich eine Besonderheit, denn Johanna grüßte immer nur förmlich, und sie nannte dabei nie den Namen des Gegrüßten. Karl Rieder nickte ihr dann zu, was genauso ungewöhnlich war. Es blieb bei diesen kleinen Ungewöhnlichkeiten, darüber hinaus kam es zu keiner weiteren Annäherung zwischen den beiden.

2.

Wir waren auf das Hinterland eingeschworen. Wir kannten jede Hausfassade, kannten die darauf abgebildeten Heiligenlegenden, und die Menschen, die diese Häuser bewohnten, kannten die Verzweigungen ihres Clans, wussten, dass sie eigentlich keinen Sinn für die pastellfarbene Heiligkeit auf ihren Häusern haben, und trotzdem halten sie sie instand seit Jahrhunderten und gehen in die Messe und können auch damit die meiste Zeit nichts anfangen. Sie beten gern und viel, am liebsten immer dasselbe und sehr schnell. Über die Worte, aus denen ihre Gebete zusammengesetzt sind, möchten sie nicht nachdenken. Sie mögen den Rosenkranz ganz besonders und daher auch die Feiertage, an denen sie sich verkleiden und ihn fortwährend skandieren dürfen. Sie mögen den neuen Pfarrer nicht, der sie immerzu ausbremst beim Beten, der nicht richtig singen kann, der zu viel redet.

Wir trafen die Hinterlandbewohner täglich auf ihren Wegen zum Friedhof und Metzger, wir wussten, in welchen Hollywoodschaukeln sie im Hinterland träumten, auf welchen Eckbänken, an welchen Stammtischen sie einschliefen und sich beim Erwachen benommen die Speichelfäden aus den Mundwinkeln wischten. Wir wussten, wenn am Fenster eine Kerze angezündet wurde, wer gestorben war, dass es nicht viel bedeutete, dass man hier kein großes Aufheben um den Tod macht, nur um die Gräber. Wir wussten, wie wir sie zu grüßen hatten, manche schon von weitem, laut und ausführlich mit Fragen nach dem Befinden der übrigen Familienmitglieder, anderen genügte ein leichtes Nicken, auch Johanna wusste das, aber sie hielt sich nicht daran. Sie sorgte mit ihrem »Guten Tag« oft für Verstimmungen. Ob sie denn nicht wisse, wo sie herkomme, fuhren sie die Hinterlandbewohner dann an. Doch Johanna ließ sich davon nicht beeindrucken, sie wusste, wohin sie gehen würde, sie war bereits auf dem Weg dorthin, und dieser Ort lag sicher nicht im Hinterland.

Als Johanna mir ihre Hefte – das Hinterland- und das Heiligenheft – zum ersten Mal zeigte, zierte sie sich. Ich glaube, sie hatte Angst, dass ich sie nicht verstehen und dann dumme Fragen stellen würde. Johanna mochte keine Fragen, und bei Dingen, die etwas mit ihr persönlich zu tun hatten, verlangte sie, dass man intuitiv verstand. Fragen hätte bedeutet, nicht auf einer Wellenlänge mit ihr zu sein, und dann war man der Teilhabe an ihrer so spärlich sich offenbarenden Persönlichkeit sowieso nicht wert. Ich übte mich also darin, Fragen zu vermeiden und eine Aura des Eingeweihtseins und der Seelenverwandtschaft zu beschwören. Als sie das Hinterlandheft öffnete, mir Klebstoffgeruch entgegenschlug und ich die Bilder sah, musste ich nichts vortäuschen, ich verstand sofort. Es waren verwackelte, unscharfe, schlecht ausgeleuchtete Fotos. Fotos ohne Zentrum, Fotos wie die Schnappschüsse eines Kindes mit Einwegkamera. Schau mal! Hier, die schöne Rokokokirche, willst du die nicht fotografieren, sagt der Vater zu dem Kind, und es macht klick, und tatsächlich, am Rande ist etwas Rokoko, aber nur ein Ausschnitt rechts oben im Bild, gerade genug, um die lange Reihe geparkter Autos – Mercedes, BMW und panzerartige Landrover –, die zwei Drittel des Bildes bedeckt, verorten zu können: Sonntag im Hinterland, Kirchgang der Einheimischen, Familien, die gemeinsam ein über Generationen vererbtes Haus mit An- und Aufbau und einem großen Fuhrpark bewohnen, fahren im Auto vor, jedes fahrtüchtige Familienmitglied mit seinem eigenen. Ein anderes Bild zeigte einen Ausschnitt der Mariä-Himmelfahrt-Prozession, den Frauentag, ein beliebtes Ereignis bei Touristen und der Lokalpresse, ein Feiertag, an dem man »die tief verwurzelte, ursprüngliche Volksfrömmigkeit hautnah miterleben« kann. Auf Johannas Foto waren die brachialen Frauengestalten mit ihren Otterhauben, Kropfketten und Kräuterbuschen als Masse nur verschwommen erkennbar, scharf gestellt war ein winziges Detail: die kräftige, mit Altersflecken und hervortretenden Adern überzogene Hand einer Frau, vor dem lieblichen Blümchenmuster ihres Trachtenrocks zur Faust geballt. Auf einem anderen Bild kniete eine junge Frau auf allen vieren auf dem Pflaster in der Garageneinfahrt und pulte das Unkraut aus den Ritzen zwischen den Steinen. Das letzte Bild, das sie mir an jenem Nachmittag zeigte, war auf dem örtlichen Friedhof an einem der Tage vor Allerheiligen aufgenommen. An den Gräbern herrschte reger Betrieb. Sie waren umgeben von Zwergenwerkzeug, Gartenscheren und kleinen Rechen, mit denen die Graberde zu gleichmäßigen Striemen gepflügt wurde. Grabsteine wurden poliert und die Spuren der Witterung an den Grabeinfassungen mit Hochdruckreinigungsgeräten getilgt. Vorne im Bild war ein gebrechlich aussehender alter Mann zu sehen, ein Einheimischer in Lodenhosen und Strickjanker. Er stand schräg neben dem Grabstein und hielt eine Spraydose vor die eingravierten Namen seiner Angehörigen. »Gegen Ungeziefer und Insekten«, ergänzte Johanna.

Ins Heiligenheft klebte Johanna Fotos von Heiligengemälden aus verschiedenen Epochen und Stilen, darunter auch Ikonen, und Schwarzweißfotografien von Therese Neumann von Konnersreuth. Das Heiligenheft war aufwendig gestaltet. Johanna hatte aus der Bücherei Kunstgeschichtsbände entliehen und auch einige Bücher aus der Abteilung Religion, Mythen, Spirituelles und Esoterik, doch ihr mit Abstand wichtigstes Buch, Das Leben der Heiligen, besaß sie selbst. Ganze Passagen schrieb sie daraus unter die Bilder der jeweiligen Heiligen in ihr Heft. Sie hatte es immer bei sich, gab es nicht aus der Hand, so dass ich einmal selbst darin hätte herumblättern können, sondern las, wenn es ihr angebracht schien, und das war oft in Situationen, wenn es mir überhaupt nicht angebracht schien oder es mich schlicht langweilte, daraus vor. Natürlich zeigte ich ihr nicht, dass ich ihre Begeisterung für die Heiligen nicht teilte. Anfangs gestand ich es mir selbst kaum ein, denn es trieb doch einen Keil zwischen uns, wenn sie sich etwas hingab, für das ich mich nicht begeistern konnte, und in diesen Spalt konnte alles Mögliche eindringen und ihn weiter auseinandertreiben, und am besten ließ man es erst gar nicht so weit kommen. Ich glaube nicht, dass Johanna bestimmte Heilige bevorzugte, sie waren sich ohnehin alle sehr ähnlich, fand ich, was Johanna allerdings nicht störte. Die Geschichten der Heiligen, belehrte sie mich, seien immer Geschichten der Um- und Abkehr von einem mehr oder weniger gottlosen Leben. »In dem Moment, wo sie erkennen, dass sie auserwählt sind, gibt es keine Fragen mehr für sie, sie sind dann Vehikel, Medien, sie haben das Persönliche, das Eigene überwunden, und dann sind sie tatsächlich gleich. Sie wissen dann genau, wohin sie müssen, was ihr Weg ist, und haben auch keine Angst mehr. Vor nichts mehr. Die Heiligen kennen ihren Platz.«

Wenn Leute in unserem Alter über ihren Glauben oder Religion sprachen, war es mir immer peinlich, und ich konnte das nie lange mitanhören, ohne mich zu schämen. Wenn Johanna von den Heiligen sprach, war es unangenehm, aber nie peinlich. Damals glaubte ich, dass ich Johannas Beschäftigung mit den Heiligen und ihr Reden davon deshalb nicht peinlich fand, weil sie die Heiligen eigentlich nicht nötig hatte. Sie war stolz und schön, ging aufrecht, hatte weder Sprachfehler noch Pickel und war auch ansonsten nicht gehemmt. Ihr einziger Makel war, dass sie all diese Vorzüge vielleicht etwas zu selbstverständlich hinnahm. Wenn ich jetzt über diese Gespräche nachdenke, erkenne ich, dass es nicht ihr Mangel an Bedürftigkeit war, der sie über alle Peinlichkeit und Scham erhob, sondern die Haltung, mit der sie sich den Heiligen annäherte. Sie stand nicht als Gläubige vor ihnen, sie suchte nicht Trost oder Stärkung oder Orientierung, nein, sie begegnete ihnen auf Augenhöhe. Sie war eine von ihnen.

3.

Ich komme an einem der ersten Frühlingstage zurück, einem Sonntag, einem späten Vormittag. Meine Eltern sind nicht auf den Besuch vorbereitet. Ich habe ihnen absichtlich nicht Bescheid gegeben, um zu verhindern, dass meine Mutter ein besonderes Essen kocht oder andere Dinge tut, die sie gewöhnlich nicht macht. Ich hatte genaue Vorstellungen, wie dieser Frühlingstag, an dem ich zurückkehren würde, aussehen sollte. Die Knospen der Ahornbäume hätten ihre Spitzen schon einen Spaltbreit geöffnet, im Föhnwind lägen noch die Feuchtigkeit und der Geruch des Schnees, den er über Nacht weggetaut hatte, und die Hinterlandbewohner würden, wenn sie bei ihren Sonntagsgängen aufeinandertrafen, stehenbleiben und die für den ersten Frühlingstag vorgesehenen Gespräche führen. Eine Frau würde beispielsweise sagen, wie schön es doch sei, wieder etwas Grün zu sehen, und sie würde noch andere Sachen aufzählen, die sie erfreuten, doch sie würde nicht weit kommen, denn einer der Männer würde diesen ersten Frühlingstag sofort für ein Strohfeuer erklären, über das man sich nicht zu früh freuen sollte, denn da komme sicher noch eine ganze Ladung Schnee, und überhaupt, vor den Eisheiligen brauche man sich noch gar nicht zu freuen und auch noch gar nicht ans Bauen denken, da müsse man noch jede Nacht mit Bodenfrost rechnen. Im Frühling denken die Hinterlandmänner verstärkt ans Bauen, Umbauen, Ausbauen. Sie haben Häuser und Zweithäuser und Häuser, die sie für ihre Kinder kaufen, und Schuppen – es gibt also immer etwas zu bauen. Und deshalb haben auch sie Sehnsucht nach dem Frühling, aber sie sind nicht so unbedacht und voreilig, gleich am ersten wärmeren Tag den noch kahlen Apfelbaum mit Osterdekoration schmücken zu wollen. Sie wissen, dass da immer noch was kommen kann.

Im Schlafwagen erinnerte ich mich an meine Rückkehrphantasien. Ich verstehe sie nicht mehr. Ich hatte mir vorgestellt zurückzukehren, vollkommen verwandelt, eine andere, und diese andere, zu der ich dann geworden sein würde, hatte mich euphorisiert, ganze Nachmittage hatte ich auf dem Bett gelegen und an diese andere gedacht. Jetzt bin ich eine andere und zurückgekehrt und müde und hadere, ob ich nicht doch meine Mutter anrufen und bitten soll, mich vom Bahnhof abzuholen.

Auf dem Bahnhofsvorplatz stehen drei Bänke, zwei davon von Touristen in Beschlag genommen, auf die dritte setze ich mich. Einige Male, wenn wir den Zug verpasst hatten, hatte ich auch mit Johanna auf dieser Bank gesessen. Initialen und Herzen und Bandnamen und Aussagen wie »Andreas G. liebt Inge K.« oder »Marion ist ein Hure« waren beständig, und auch die zwei Schriftzüge in silberner Farbe, die mir in der sechsten Klasse das erste Mal aufgefallen waren und die mich nachhaltig beschäftigt hatten, waren zwar verblichen, aber immer noch lesbar.

Ich hatte damals neben einem Kurgastpaar mittleren Alters auf der Bank gesessen. Sie warteten zusammen mit dem Vermieter, der sie in seinem Auto hergefahren hatte und ihnen wohl mit dem Gepäck behilflich sein wollte, auf den verspäteten Zug. Nachdem der Vermieter gesagt hatte, dass sie doch großes Glück gehabt hätten mit dem Wetter, und die Frau das bestätigte und dann eine kurze Pause entstand, bis dem Vermieter wieder etwas einfiel, das er noch sagen konnte, dass es ja so eine Sache sei mit dem Wetter hier, dass es von einem Tag auf den anderen, ja von einer Stunde auf die andere umschlagen könne, und die Frau dann sagte, ja, wie am Meer, worauf dem Vermieter beim besten Willen nichts mehr einfiel, denn mit dem Meer hatte er nun wirklich nichts am Hut, und überhaupt könnte doch auch der Mann mal was sagen, nachdem also tatsächlich ein Schweigen entstanden war und sie verdruckst in der Gegend herumschauten und angespannt nach einem einfahrenden Zug horchten, fiel nun der Blick der Frau auf den silbernen Schriftzug, der zwischen den gespreizten Schenkeln ihres Mannes auf die Planken der Bank geschrieben war: »SEX« stand da und »Fick mich, Korbinian«. Die Frau lächelte, und ihr Mann lächelte auch, obwohl er nicht verstand, worüber sie lächelte. Der aufmerksame Vermieter aber verstand es, endlich wusste er, worüber er reden sollte. Solche Schmierfinken, sagte er, dass es denen zu gut gehe, deswegen kämen sie auf solche Gedanken, dass die nicht mehr mit anpacken müssten daheim, dass die nur noch herumlungerten und nicht wüssten, was sie mit sich anfangen sollten. Dass sie früher gleich nach der Schule in den Stall gemusst hätten oder aufs Feld und dass man dann froh war, wenn einem abends beim Essen nicht der Löffel aus der Hand fiel vor Müdigkeit, nein, auf solche Ideen wären sie nicht gekommen. Und dann das ganze versaute Zeug, schämen müsse man sich für diese jungen Leute, aber man sei ja auch selbst schuld, man züchte sie ja selbst so heran, stecke ihnen alles vorn und hinten rein, dass das nicht gutgehen würde, hätte man sich ja auch denken können, erklärte er. Und dann, obwohl von einem einfahrenden Zug noch nichts zu hören war, stand die Frau auf, es war zu viel, sie umfasste die Henkel einer kleinen Reisetasche: »Sie müssen nicht mit uns warten, das kann ja noch ewig dauern, bis der Zug kommt, und Sie haben ja so viel Arbeit zu Hause, wirklich, das mit dem Gepäck, das schaffen wir schon zu zweit«, und noch ehe der Vermieter, der gerade angefangen hatte, sich wohl zu fühlen, Einspruch erheben konnte, verabschiedete sie sich schon von ihm. Das Ehepaar schleppte sein Gepäck zu den Gleisen, ich blieb allein auf der Bank zurück und schob eine große Lutscherkugel, die meine Zunge blau färbte, im Mund hin und her.

Es hatte mir gefallen, wie der Vermieter sich aufregte. Ich hatte auch bemerkt, dass er die Wörter, über die er sich aufregte, selbst nicht in den Mund nehmen konnte, das hatte mir besonders gefallen. Ich hatte eine Lust verspürt, ihm diese Wörter um die Ohren zu hauen, immer wieder, doch da war die Lutscherkugel in meinem Mund, und außerdem wusste ich ja auch nicht wirklich, was sie bedeuteten, und ihm Wörter um die Ohren zu hauen, über die ich selbst nur halb Bescheid wusste, das traute ich mich dann doch nicht. Ich vergaß diese Wörter nicht mehr. Zweimal täglich, morgens auf dem Weg zum Zug und mittags auf dem Nachhauseweg, lief ich an der Bank vorbei, und egal, wie eilig ich es hatte, ich schielte nach dem silbernen Schimmer, nach »SEX« und »Fick mich, Korbinian«. Es waren Zauberworte. Sie nutzten sich nicht ab. Sie wurden stärker, je öfter ich an ihnen vorbeilief und sie betrachtete. Dass sie jetzt bei meiner Rückkehr noch da sind, rührt mich. Ich beschließe, meine Mutter doch nicht anzurufen und meine Tasche selbst zu tragen.