Über Ellen Berg

Ellen Berg, geboren 1969, studierte Germanistik und arbeitete als Reiseleiterin und in der Gastronomie. Heute schreibt sie und lebt mit ihrer Tochter auf einem kleinen Bauernhof im Allgäu. Ihr erster Roman »Du mich auch. Ein Rache-Roman« (atb 2746-5) wird verfilmt. Ihr zweiter Roman »Das bisschen Kuchen. (K)ein Diät-Roman« erscheint im Frühjahr 2012.

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Mach dich dünne!

Der Feind trägt Größe 34 und hat es auf Nikis Gatten Wolfgang abgesehen. Nach Jahren der molligen Idylle nimmt Niki den Kampf auf: um ihren Mann, ihre Familie – ihren Körper! Sie geht in eine Fastenklinik, wo sie unter Glaubersalz und Schlemmerphantasien leidet. Bis sie Bekanntschaft mit dem Shiatsu-Masseur macht. Sollte Fasten der neue Sex sein? Aber was war noch mal Sex?

»Herrlich fieser Humor.« Cosmopolitan

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Ellen Berg

Das bisschen Kuchen

(K)ein Diät-Roman

Inhaltsübersicht

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Tag sechzehn

Leseprobe

Impressum

Für alle, die mehr Leichtigkeit in ihrem Leben brauchen.

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»Tut mir leid. Ich fürchte, das Kleid ist einfach zu eng für Sie.«

Die Verkäuferin wirkte nicht so, als ob ihr diese Tatsache größeren Kummer bereitete. Abschätzig musterte sie ihre Kundin, die im gnadenlosen Licht der Umkleidekabine mit einem Stück Stoff kämpfte. Der Kopf war nicht zu sehen, nur zwei stämmige Beine und ein fleischiger Rücken, über dem der offene Reißverschluss auseinanderklaffte. Kein schöner Anblick.

»Aber das ist Größe achtundvierzig!«, japste Niki.

»Eine italienische achtundvierzig«, erwiderte die Verkäuferin schneidend. »Sie bräuchten mindestens eine achtundfünfzig, doch die gibt es nicht bei Dolce und Gabbana. Wir führen hier Designermode

»Verdammt, helfen Sie mir endlich aus dem Ding raus!«

Niki brach der Schweiß aus. Was für eine Schnapsidee, ausgerechnet in diese elegante Boutique zu stolpern. Sie hätte sich denken können, dass eine Frau wie sie hier nichts finden würde. Eine Frau, die seit Jahren ihre Füße nicht mehr sah, wenn sie an sich herabschaute. Hektisch riss sie an dem Kleid herum.

»Vorsicht! Das Teil kostet tausendzweihundert Euro!«

»Ist mir egal. Hauptsache, ich sehe vor heute Nachmittag das Tageslicht wieder«, giftete es aus dem Stoffknäuel.

In Wahrheit stand Niki unter Schock. Tausendzweihundert Euro für so einen winzigen Fetzen? Sie wagte nicht mehr, sich zu bewegen.

Mit spitzen Fingern zerrte die Verkäuferin an dem kostbaren Seidenkleid, bis Niki darunter zum Vorschein kam, hochrot und völlig verschwitzt. Sie trug ein hautfarbenes Mieder, das ihre üppigen Fleischmassen kaum zu bändigen vermochte. Der Körper schien an den Rändern förmlich überzuquellen, wie ein aufgepopptes Soufflé in einer zu kleinen Form.

Niki fuhr sich durch ihre dunklen Locken. Dann betrachtete sie hasserfüllt das elfenhaft schlanke Wesen, das vor ihr stand. »Sie denken wohl, dass Frauen mit ein paar Rundungen kein Recht auf Ihre sturzblöde Designermode haben, was?«, schrie sie. »Das ist diskriminierend! Ich werde mich über Sie beschweren! Und über Dolce und Gabbana!«

Eilig hängte die Verkäuferin das Kleid über einen Bügel und strich es glatt. »Bitte. Wie Sie wünschen.« Sie verzog ihre sorgfältig geschminkten Lippen zu einem schadenfrohen Lächeln. »Kann ich sonst noch etwas für Sie tun?«

»Mir aus den Augen gehen, Sie elender Hungerhaken!«

Mit einem beherzten Ruck zog Niki den Vorhang der Umkleidekabine zu und ihr weiträumiges Mantelkleid in Eintopfbraun an. Wütend knöpfte sie es zu. Sie lebte einfach in der falschen Epoche. Vier Jahrhunderte früher, und man hätte sie als Muse von Rubens gefeiert. Als Vollweib. Als sinnliche Sensation. Aber in Zeiten von Size Zero blieb ihr nur die Rolle des Freaks. Das Leben war ungerecht.

Eine Minute später stürmte sie hocherhobenen Kopfes aus dem Laden. Sie war den Tränen nahe. »Kauf dir was Schönes«, hatte ihr Mann beim Frühstück gesagt und ihr seine Kreditkarte in die Hand gedrückt. Schließlich war es ihr fünfundzwanzigster Hochzeitstag. Doch es gab nichts Schönes. Nicht für Niki.

Mit einem Schluchzer in der Kehle ging sie an den spiegelnden Schaufenstern entlang. Sie war fünfundvierzig, und sie war kein schlechter Mensch, aber sie musste zugeben, dass sie aussah wie Moby Dick im Trockendock. Was war bloß mit ihr passiert? Sie wusste es nicht. Sie wusste nur, dass sie sich wie schon so oft in ein Kaufhaus schleichen würde, in die Abteilung für Umstandskleider. Dort wurde sie zuweilen fündig. Auch wenn sie aufpassen musste, dass sie nicht wieder ein rosa Hängerchen mit Bärchenaufdruck erwischte.

Schniefend rieb sie sich eine Träne aus dem Augenwinkel. Wenigstens Wolfgang hielt zu ihr. Ihr Mann liebte sie, so wie sie war. Mit jedem Kilo. Das nannte man wahre Liebe. So was kannte die Verkäuferin bestimmt nicht, dieses mickrige Häuflein Haut und Knochen, dass sich vermutlich dreimal am Tag erbrach und ihre einsamen Abende mit einem Salatblatt teilte.

Als Niki den Duft von frisch gebackenem Kuchen erschnupperte, blieb sie unwillkürlich stehen. Hmm. Es roch buttrig und süß. Wie von einer geheimen Macht gesteuert, betrat sie das Café, dem der Duft entströmte. Mit seinen verstaubten Seidenblumengestecken und den dunklen, schweren Eichenmöbeln schien es eher ein Tortenfriedhof für alte Damen zu sein, doch das war Niki egal. Sie atmete schwer. Die entwürdigende Szene in der Boutique saß ihr noch in den Gliedern. Gut, sie warf inzwischen einen Schatten, der an eine Mondfinsternis grenzte. Aber hatte sie nicht auf den Schreck eine kleine Belohnung verdient? Das bisschen Kuchen.

Am Tresen wählte sie ein Stück Cappuccinotorte und zwei Mandelhörnchen aus. Dazu bestellte sie einen extragroßen Latte Macchiato. Dann verzog sie sich in eine ruhige Ecke. Sobald das herrlich sündige Zeug vor ihr stand, waren alle Bedenken verflogen. Was gab es Besseres als den sahnigen Geschmack von Cappuccinotorte auf der Zunge? Was konnte befriedigender sein als das tiefe Behagen, die letzten Krümel eines Mandelhörnchens mit einem großzügig gesüßten Schluck Latte macchiato runterzuspülen?

Essen ist der neue Sex, sagte Niki immer. Allerdings verschwieg sie lieber, dass es die einzige Variante von Sex war, die ihr geblieben war. Wolfgang hatte sie seit Jahren nicht mehr angerührt. Aber war das nicht normal, nach zweieinhalb Jahrzehnten Ehe und einer erwachsenen Tochter? Es war doch viel wichtiger, dass sie eine wunderbare Freundschaft verband. Wenn sie zusammen im Bett lagen und fernsahen, Niki mit einer Tafel Schokolade und ihr Mann mit seinem Laptop, fehlte ihnen nichts zum Glück. Wirklich nicht.

Sie schob die leeren Teller von sich. Lecker. Doch richtig rund war die Sache noch nicht. Sie dachte kurz nach, dann orderte sie eine Mousse-au-Chocolat-Schnitte. Das Zeug war köstlich. Sogar eindeutig besser als Sex, wenn sie sich an die zwar angenehmen, aber auch schweißtreibenden Leibesübungen am Anfang ihrer Ehe erinnerte. Echte Leidenschaft spürte sie mittlerweile nur, wenn die Geschmacksknospen ihrer Zunge stimuliert wurden. Zum Beispiel von den feinen Aromen einer Käsesahnetorte.

Sie leckte sich die Lippen. O ja. Eigentlich konnte sie noch ein Stückchen Käsesahne vertragen. Kalorien hin oder her, darauf kam es jetzt auch nicht mehr an. Eilig winkte sie die Kellnerin heran und bestellte Nachschub.

Die Käsesahne war eine Offenbarung. Ein Hauch von Creme auf federleichtem Biskuit, abgeschmeckt mit einem Spritzer Zitrone. Der Wahnsinn. Zufrieden lehnte sie sich zurück. Was sich Wolfgang wohl für den Abend ausgedacht hatte? Ob er sie in ihr Lieblingsrestaurant ausführen würde? Ja, ganz bestimmt. Ihr herzensguter Gatte wusste doch, was sie wollte: schlemmen bis zum Pupillenstillstand, eine Flasche Wein und zum Dessert ein, zwei Amaretto. Diese Vorstellung hob ihre Stimmung weiter an. Nur, dass sie immer noch nichts anzuziehen hatte.

Niki zahlte und machte sich auf zum Kaufhaus ihres Vertrauens. Es lag in einer etwas heruntergekommenen Fußgängerzone, jenseits der glamourösen Einkaufsmeile. Das Pflaster war vermüllt, und die Leute, die an ihr vorbeihasteten, sahen nicht so aus, als ob sie Designermode in Übergrößen vermissten.

Sie wollte gerade das Kaufhaus betreten, als sie wie vom Blitz getroffen stehenblieb. Starr vor Entsetzen blinzelte sie in die Morgensonne. Was war das? Es dauerte ein wenig, bis ihr Verstand begriff, was ihre Augen sahen. Dort drüben schlenderte Wolfgang entlang – und er war nicht allein. Nun traf es sie mit der Wucht eines Erdbebens, sie taumelte einen Schritt rückwärts. Wolfgangs Hand lag auf der Schulter einer Frau, die ihn verzückt anlächelte. Sie war jung. Sie war hübsch. Sie war DÜNN!

Nikis Beine knickten ein. Instinktiv klammerte sie sich an den nächstbesten Arm. Er gehörte einem älteren Herrn in einem steingrauen Popelinemantel, dessen spärliches weißes Haar nach allen Seiten abstand.

»So früh am Morgen, und schon betrunken!«, schimpfte er. »Lassen Sie mich gefälligst los!«

Doch Niki musste sich festhalten, sonst wäre sie mit Getöse zu Boden gegangen. Verzweifelt krallte sie ihre Finger in den Mantelstoff und schloss die Augen. Sie hatte genug gesehen. Oder war es nur eine Halluzination gewesen? Als sie die Augen wieder öffnete, schmolz ihre letzte Hoffnung dahin wie ein Nougat-Eclair in der Mikrowelle. Wolfgang war stehengeblieben und küsste die junge Frau. Eng presste sie sich an ihn, während seine Hände zu ihrem kleinen, runden Po wanderten.

Niki dagegen presste sich an einen wildfremden Herrn aus der Abteilung rüstiger Rentner. Vergeblich versuchte er, die schwergewichtige Frau abzuschütteln, die an ihm hing wie ein Koala am Eukalyptusbaum.

»Haben Sie eigentlich noch einen letzten Rest Selbstachtung?«, blaffte er.

»Ist mir gerade abhandengekommen«, schluchzte Niki.

Dann ließ sie den älteren Herrn los und rannte davon, so schnell sie konnte. Blind vor Tränen erreichte sie ihren Wagen. Es war alles aus.

Wie durch ein Wunder landete Niki unfallfrei im Carport ihres adretten Einfamilienhauses. Sie hatte ein paar rote Ampeln überfahren und nur um Haaresbreite eine antriebsschwache Rentnerin verfehlt, die in Zeitlupe einen Zebrastreifen überquerte. Wie sie alles hasste! Wolfgang. Seine Geliebte. Am meisten aber sich selbst.

Nachdem sie ausgestiegen war, blieb sie einen Moment lang stehen. Voller Bitterkeit betrachtete sie das Haus, das so viele Jahre ihr Daheim gewesen war, ihre Burg, ihr warmes Nest. Der zweistöckige Bau lag auf einer kleinen Anhöhe, umgeben von einem anmutig verwilderten Garten mit blühenden Büschen und alten Obstbäumen. Die grüngestrichenen Fensterläden, die strahlend weiß verputzten Mauern und das weit heruntergezogene Ziegeldach verliehen dem Haus jene Gemütlichkeit, die Niki vom ersten Augenblick an angezogen hatte. Hier hatte sie mit Wolfgang alt werden wollen. Vorbei.

Während ihr Ströme von Tränen über die Wangen liefen, schloss sie die Haustür auf, lief ins Wohnzimmer und warf sich auf die Couch. Hemmungslos weinte sie in ein Sofakissen. Was hatte sie denn erwartet? Dass ein attraktiver Mann wie Wolfgang allen Ernstes eine Vollfettstufe liebte? Ausgerechnet Wolfgang, der regelmäßig ins Fitnessstudio ging und eine Figur besaß, auf die selbst Brad Pitt neidisch gewesen wäre?

Es gibt Situationen im Leben, in denen man eine gute Freundin braucht. Glücklicherweise hatte Niki gleich mehrere gute, na ja, ziemlich gute Freundinnen. Doch was hätte sie schon zu hören bekommen? Vermutlich liebreiche Sätze wie: »Sieh dich doch an – du hast dich gehen lassen. Hast alles in dich reingestopft, was nicht bei drei im Kühlschrank war. Jetzt bekommst du die Quittung!« Nein, diese Art von Trost konnte sie nun wirklich nicht gebrauchen.

Wenn doch wenigstens ihre Tochter Peggy noch da gewesen wäre. Doch die lebte ihr eigenes Leben und ließ sich nur noch selten zu Hause blicken. Besonders herzlich war das Verhältnis schon länger nicht mehr. Ein, zwei Anrufe im Monat, ab und zu ein Pflichtbesuch, zu mehr reichte es nicht. Peggy war vierundzwanzig und als angehende Juristin äußerst zielstrebig. Eine junge Karrierefrau, im Gegensatz zu ihrer Mutter. Niki war allein. So allein, wie man nur sein konnte.

Wieder stieg das Bild der unerträglich jungen, hübschen und grässlich dünnen Frau in ihr hoch. Es tat verflucht weh. Wer konnte schon wissen, wie lange das bereits lief mit den beiden? Tage? Wochen? Monate? Brutal hieb Niki auf das Sofakissen ein. Ha! Überstunden! Dienstreisen! Der alte Trick! Gut, sie war vielleicht nicht die hellste Lampe am Leuchter, obwohl man ihr einst einen ansehnlichen IQ bescheinigt hatte. Aber wie dämlich musste man eigentlich sein, um einem Mann solche lachhaften Ausreden abzukaufen?

Sie war rettungslos dusslig gewesen, soviel stand fest – blind wie ein Maulwurf und naiv wie eine Vierjährige, die noch an den Weihnachtsmann glaubt. Wenn Wolfgang doch wenigstens etwas gesagt hätte. Aber er hatte sich nie beschwert. Warum war ihr nicht aufgefallen, dass er sich immer seltener zu Hause aufhielt? Warum hatte sie keinen Verdacht geschöpft, als er begann, sie sogar an den Wochenenden allein zu lassen? Daheim auf dem Sofa, wo sie sich einen Liebesfilm nach dem anderen reinzog, gut versorgt mit übergroßen Eiscremebechern? Nachdem sie eine ganze Kleenexschachtel durchgeheult hatte, fasste Niki einen Entschluss. So leicht würde sie sich nicht geschlagen geben. Sie würde um Wolfgang kämpfen. Mit allen Mitteln. Selbst wenn sie dafür, tja, abnehmen musste.

Erschöpft schleppte sie sich ins Badezimmer. Die Wände waren rosa gekachelt, eine Farbe, die sie gegen Wolfgangs Widerstand durchgesetzt hatte, so wie die rosa geblümten Gardinen und die verschnörkelten, goldfarbenen Wasserhähne. Nikis Schuhe flogen in eine Ecke. Dann zog sie ihr Kleid und die teuflisch enge, figurformende Wäsche aus, in der sie aussah wie eine geplatzte Fleischwurst. Todesmutig stieg sie auf die Waage. Das hatte sie seit Menschengedenken nicht mehr getan.

Sie brauchte einen Moment, um die Zahl zu verkraften. Achtundneunzig Kilo. Die Schlagkraft eines linken Hakens hätte kaum vernichtender sein können. Achtundneunzig Kilo?

Beklommen stellte sie sich vor den goldgerahmten Spiegel am Fenster, der bis zum Boden reichte. Betrachtete ihre braunen Locken, die grünen Augen, den sinnlich geschwungenen Mund. Eigentlich war sie doch noch ganz ansehnlich. Ihr Blick glitt tiefer. Jetzt nicht mogeln, ermahnte sie sich. Nicht den Bauch einziehen. Und wirklich einmal hinschauen. So genau hatte sie es bisher nämlich gar nicht wissen wollen. Also los. Augen auf und durch.

Was sie sah, ließ sie erschauern. Okay, das Ding war gelaufen. Sie war eine Naturkatastrophe in XXL. Das Ensemble aus Fettpolstern, Speckschürzen und gedellter Haut, das sie sich all die Jahre als Rubensfigur schöngeredet hatte, verursachte ihr nur noch Übelkeit. Sie war eine Karikatur ihrer selbst.

Niki ertrug den niederschmetternden Anblick nicht länger. Sie warf einen Bademantel über und tappte auf nackten Füßen in Wolfgangs Arbeitszimmer. Die Wände waren bedeckt mit Bücherregalen, auf dem Schreibtisch türmten sich Akten und ungeöffnete Briefumschläge. Von wegen Überstunden. Mit eiskalten Fingern klappte sie seinen Laptop auf.

Als Erstes gab sie »Diät« ein. Das meiste kannte sie schon. »Schlank im Schlaf« hatte sich als dreiste Lüge erwiesen – vielleicht auch deshalb, weil sie nie ohne eine Tafel Schokolade ins Bett ging. Die Low-Carb-Diät war an ihrer Vorliebe für Croissants gescheitert, die Veggie-Diät an ihrem Hang zu Schweinshaxen und Königsberger Klopsen.

Nun versuchte sie es mit dem Stichwort »Fettabsaugung«. Kaum zu glauben, wie viele Kliniken es gab, die diese Verzweiflungstat anpriesen. Aber Niki hatte Angst vor Spritzen und Kanülen. Am Ende saugte man ihr noch sämtliches Gedärm aus dem Bauch. Und dann? Sogar Magenverkleinerungen wurden angeboten. Schauderhaft, einfach schauderhaft.

Zur Abwechslung entschloss sie sich für den schlichten Begriff »abnehmen«. Mit einem sanften Glockenton baute sich die Website eines Hotels auf. An einem malerischen See gelegen, bot es alle erdenklichen Annehmlichkeiten: Luxussuiten mit Whirlpool, eine holzgetäfelte Bibliothek, Wellness bis zum Abwinken. Das Beauty Resort Vitalis am Zürcher See schien das Paradies auf Erden zu sein. Mit einem Schönheitsfehler: das Essen. Darüber schwieg sich die Website nämlich aus. Es war nur von »Ernährungsumstellung«, »entgiften« und »entschlacken« die Rede.

Als Niki die Preisliste anklickte, wurde ihr flau. Ein einziger Tag in diesem Luxusschuppen kostete in etwa so viel wie eine Woche Pauschalurlaub für eine vierköpfige Familie. Sechshundert Euro. Das war Wahnsinn. Wer verbrannte denn so viel Kohle, nur um unter Aufsicht zu hungern?

Sie klappte den Laptop zu und wankte ins Wohnzimmer. Ihr tränengetrübter Blick wanderte über die gemütliche schokoladenbraune Polstergruppe, die Bilder mit gebratenem Federvieh an den Wänden, den Couchtisch, auf dem eine Schale voller Pralinen stand. Keine Frage, sie hatte sich in einen Riesenschlamassel reingefuttert.

Niki horchte in sich hinein. Es war einer der seltenen Momente in ihrem Leben, in denen es ihr den Appetit verschlagen hatte. Ein ganz, ganz schlechtes Zeichen. Normalerweise hätte sie sich jetzt ein üppiges Mittagessen gegönnt. Eine deftige Nudelsuppe, auf der münzgroße Fettaugen schwammen, ein saftiges Eisbein samt buttrigem Kartoffelbrei und zum Nachtisch Götterspeise mit Vanillesauce, gekrönt von einem Cappuccino und einer Handvoll Pralinen. Zum Teufel mit dem ganzen Zeug!

Mit einem gezielten Fußtritt kickte sie die Schale vom Tisch, und die Pralinen kullerten über den Teppich. In diesem Augenblick piepste ihr Handy. Die SMS kam von Wolfgang.

Bestell schon mal einen Tisch im Vittorio.

Und das Zehn-Gänge-Menü für zwei. Wird

leider etwas später. Komme nicht vor neun.

Freu mich ganz doll auf dich!

Nicht vor neun? Selbst heute, an ihrem Hochzeitstag, gab er dieser halbverhungerten Schlampe den Vorzug? Niki schleuderte das Handy in den Kamin, wo es in einem Haufen kalter Asche versank.

»Der Teilnehmer ist leider nicht erreichbar«, flüsterte sie.

Dann begann sie zu packen.

Am Flughafen war die Hölle los. Jetzt, am frühen Abend, strömten lauter gutaussehende Menschen in Businesskleidung aus den Fliegern und strebten dem trauten Heim zu. Das Niki nicht mehr hatte. Und vielleicht nie wieder haben würde. Sie schluckte. Neiderfüllt betrachtete sie die vielen schlanken Frauen mit Attachéköfferchen, die figurbetonte Kostüme trugen und auf hohen Hacken durch die Menge stöckelten.

Irgendetwas hatte sie falsch gemacht. Gründlich falsch. Warum war sie nicht eine dieser rasend attraktiven Frauen? Warum saß sie hier in einem sackartigen rosa Gebilde mit Bärchenaufdruck, die geschwollenen Füße in klobigen Gesundheitsschuhen?

Der Wartebereich vor ihrem Gate war angefüllt mit ernst dreinschauenden Herren, die auf ihren Laptops herumhackten oder lauthals telefonierten. Niemand würdigte sie eines Blickes. Sie war unsichtbar, eine tranige Matrone, der niemand Beachtung schenkte. Unruhig rutschte sie auf dem unbequemen grauen Schalensitz hin und her.

»Der Flug drei-zwei-neun-acht nach Zürich ist nun zum Einsteigen bereit«, ertönte eine Stimme aus den Lautsprechern.

Niki zuckte zusammen. Das war ihr Flug. Sie war noch nie in Zürich gewesen und hatte keinen blassen Schimmer, was sie dort erwartete – abgesehen von Whirlpools, Wellness und einer holzgetäfelten Bibliothek. Sie zögerte. Sollte sie wirklich losfliegen?

Der Gedanke daran, wie skrupellos sie Wolfgangs Kreditkarte gequält hatte, machte ihr ein schlechtes Gewissen. Ein billiger Flug war so kurzfristig nicht zu haben gewesen. Das Erste-Klasse-Ticket und die Anzahlung für vier Wochen Hotelaufenthalt hatten ein Vermögen verschlungen.

Sie gab sich einen Ruck. Nicht sie, Wolfgang war es, der gefälligst ein schlechtes Gewissen haben sollte. Ciao, du Mistkerl, dachte sie grimmig. Verschlucken sollst du dich an deiner halben Portion. Wenn ich in vier Wochen wiederkomme, schlank wie eine Tanne, wirst du mich um Gnade anbetteln. Diese wundervolle Vorstellung verlieh ihr die nötige Energie, um aufzustehen und sich in die Schlange der einsteigenden Passagiere einzureihen.

Das Innere des Flugzeugs erwies sich als Herausforderung. Peinlich berührt, betrachtete Niki ihren Sitz, der offensichtlich für Kleinstkinder gedacht war. Wie um Himmels willen sollte sie da hineinpassen? Die Herren rechts und links von ihr sahen sie vorwurfsvoll an, als sie sich auf den Mittelplatz quetschte. Keiner von ihnen sagte ein Wort, kein »Hallo«, kein »Guten Abend«. Der smarte Typ im dunkelblauen Anzug zur Rechten zog lediglich eine Augenbraue hoch.

Sie hüstelte nervös. Das ging ja gut los. Die Armlehnen schnitten tief in ihren Rippenspeck, und sie musste ihre umfangreichen Schenkel fest zusammenpressen, um nicht die Hosenbeine ihrer Sitznachbarn zu berühren. Niki rechnete fest damit, dass eine der überirdisch dünnen Stewardessen sie in der nächsten Sekunde rauswerfen würde. Schon meinte sie die Ansage zu hören: »Aufgrund des enormen Übergewichts einer Passagierin kann das Flugzeug leider nicht abheben. Wir bitten daher Frau Annika Michels, umgehend auszusteigen.«

Doch nichts geschah, außer dass die beiden Herren demonstrativ von ihr abrückten. Waren sie etwa angewidert? Sahen sie ein Monster in ihr? Niki versuchte, sich klein zu machen. Ein Ding der Unmöglichkeit. Eng legte sie die Arme an den Körper und zog die Schultern hoch.

Wann war sie eigentlich das letzte Mal geflogen? Schwach erinnerte sie sich an eine Reise nach Spanien. Es war Lichtjahre her. Auf jeden Fall hatte der allgemeine Schlankheitswahn dazu geführt, dass die Sitze mittlerweile auf Bonsaiformat geschrumpft waren. Ein klarer Fall für die Menschenrechtskommission der UNO.

Das Brummen der Turbinen wirkte wohltuend einschläfernd. Sie war fast eingenickt, als eine Stewardess ihr ein heißes Tuch reichte. Dankbar rieb sie sich die Hände damit ab, dann den Nacken. Sie schwitzte. Sie schwitzte eigentlich immer. Lag das etwa am Übergewicht? Darüber hatte sie noch nie nachgedacht. Verstohlen spähte sie zu den beiden Herren, die sich in ihre Zeitungen vertieft hatten. Bemerkten sie überhaupt, dass Niki eine Frau war? Eine Frau aus Fleisch und Blut, die so gern einen einzigen freundlichen Blick bekommen hätte?

Noch nie war sie allein verreist. Wie sehr sie Wolfgang vermisste! Säße er doch jetzt neben ihr, dann wäre alles gut. Er würde ihr die Hand auf den Arm legen, und sie würde seine Wange streicheln, wie er es gern hatte. Stattdessen saß sie mutterseelenallein im Flieger, ohne männlichen Beistand, während Wolfgang – nicht mal dran denken!

Dabei hatte alles so romantisch angefangen, damals, als sie ihn kennengelernt hatte. Es war im Supermarkt gewesen, an der Käsetheke. Eigentlich kein romantischer Ort, doch als Wolfgang sich neben sie stellte, mit dem hungrigen Blick eines kulinarisch unterforderten Junggesellen, war es um Niki geschehen. Sie hatte ihm einen aromatischen Bergkäse empfohlen, dazu Feigensenf und ein Früchtebrot. Als sie mit ihren Tüten den Supermarkt verließen, hatte er sie zu sich nach Hause eingeladen. Dort hatten sie zuerst den Käse verspeist und dann einander. Von der ersten Minute an war klar gewesen, dass sie zusammengehörten und immer zusammenbleiben würden. Liebe auf den ersten Blick, ja, so etwas gab es wirklich.

»Etwas zu trinken, die Dame?« Die Stewardess hielt Niki ein Tablett mit Champagnergläsern hin.

Niki griff zu. »Und, äh, bekommt man hier auch was zu essen?«

Die Köpfe ihrer Sitznachbarn wandten sich ihr ruckartig zu. Niki versank vor Scham. Man musste kein Hellseher sein, um die Gedanken ihrer Mitreisenden zu lesen: Fett wie ein Krapfen, und denkt nur ans Essen.

Sie räusperte sich. »Ich meine, nicht, dass ich Hunger habe, ich frag nur so.«

Dabei hatte sie seit ihrer Kuchenorgie keinen Bissen zu sich genommen. Ihr Magen war ein riesiges schwarzes Loch im unendlichen Universum ihres Körpers.

Die Stewardess verzog keine Miene. »Selbstverständlich servieren wir in der Ersten Klasse ein Dinner, sobald die Anschnallzeichen erloschen sind. Sie haben die Wahl zwischen Zanderfilet an Lachsschaum, Hühnchen in Weißweinsauce und Bœuf Bourguignon.«

Die Herren feixten. Niki sah es genau. Sie straffte ihre Schultern. Denen würde sie es zeigen. Sie war rund, na und? Sie konnte eben genießen, im Gegensatz zu den hohlwangigen Elendsgestalten mit Streichholzärmchen, die diesen Typen gefielen.

»Zander, Hühnchen, Bœuf Bourguignon – ich nehme an, das sind die Vorspeisen«, flötete sie. »Ich hätte sie gern alle drei. Und was ist der Hauptgang?«

Es war schon dunkel, als die Maschine hart aufsetzte. Niki rieb sich die Augen. Sie hatte fest geschlafen, nachdem sie die lachhaft winzigen Portionen des Menüs eingeatmet hatte. Stöhnend befreite sie sich aus der Zumutung, die diese Airline Sitz nannte.

»Einen schönen Abend noch«, sagte sie zuckersüß zu ihren Sitznachbarn. »Hoffentlich bekommen Sie daheim was Anständiges zu essen.«

Während sie am Gepäckband auf ihren Koffer wartete, fischte sie einen Zettel aus ihrer Handtasche und las die darauf gekritzelte Adresse. Beauty Resort Vitalis, Seestraße 33. Was erwartete sie dort? Ein Einlauf zur Begrüßung und Sit-ups bis zum Morgengrauen? Worauf hatte sie sich bloß eingelassen?

Als sie wenig später am Taxistand auf einen freien Wagen wartete, fiel ihr eine Frau auf, die es an Leibesfülle locker mit ihr aufnehmen konnte. Sie war massig wie ein Sumoringer und trug einen weinroten Jogginganzug, der jeden einzelnen Wulst ihrer unförmigen Gestalt betonte. Darüber hatte sie eine viel zu kleine schwarze Lederjacke gezogen. Das pechschwarz gefärbte Haar und der lila geschminkte Mund vervollständigten den Eindruck, dass hier ein weiblicher Vollproll unterwegs war.

Die Frau stand etwas entfernt in der Warteschlange, doch plötzlich hob sie ihre prall gefüllte Plastiktüte an und drängelte sich zu Niki durch.

»Sagen Sie nichts, Sie rosa Nilpferd«, legte sie los. »Sie wollen ins Vitalis, so wie Sie aussehen. Stimmt’s?«

Sprachlos stand Niki da. Was war denn das für eine Unverschämtheit? Und woher wusste diese unmögliche Person, was sie vorhatte?

»Nun klapp mal deinen Kiefer zu«, sagte die Frau. »Ich bin Walburga. Wir können uns gleich duzen, das machen am Ende sowieso alle. Ich fahr schon zum dritten Mal in die Folterkammer. Und du? Zum ersten Mal hier? Egal, wir können uns das Taxi teilen.«

Kalte Wut kroch in Niki hoch. »Ich mache einen – Wanderurlaub in der Schweiz«, sagte sie abweisend. »Und ich wüsste nicht, wieso …«

»Lass mal stecken«, wiegelte die Frau ab, die ungefähr in Nikis Alter sein mochte. »Geschätzte hundert Kilo Lebendgewicht wandern nicht. Sie rollen höchstens die Berge runter. Komm schon, Notfälle wie wir müssen zusammenhalten!«

In diesem Moment hielt ein freies Taxi neben Niki. Walburga stieß einen gellenden Pfiff aus, hob ungefragt Nikis Koffer an und wuchtete ihn zusammen mit ihrer Plastiktüte in den Kofferraum. Dann zwängte sie sich auf den Rücksitz.

»Hallo, fertig zum Schwertransport!«, rief sie Niki zu. »Oder willst du warten, bis dich morgen früh der Putztrupp aufwischt?«

Widerstrebend setzte sich Niki neben sie. Walburga nannte dem Fahrer die Adresse, und schon schoss das Taxi davon. Niki sah schweigend aus dem Fenster. Sie hatte beschlossen, das Grauen in Menschengestalt neben sich abgrundtief zu hassen. Woher hatte diese Person überhaupt so viel Geld, dass sie sich das Vitalis leisten konnte? Banküberfall? Mafia? Drogen? Alles schien möglich.

Aus dem Augenwinkel beobachtete sie, wie Walburga eine Tafel Schokolade aus ihrer Lederjacke holte und ihre Zähne hineingrub.

»Henkersmahlzeit«, sagte sie kauend. »Willst du auch was?«

Entrüstet wehrte Niki ab. »Auf keinen Fall. Schon mal was von Ernährungsumstellung gehört?«

Dabei lief ihr das Wasser im Mund zusammen. Es war genau die Sorte Schokolade, der sie nicht widerstehen konnte. Vollmilch mit ganzen Haselnüssen. Ein Brüller.

»Ich hab einen ganzen Vorrat dabei«, verkündete Walburga. Das letzte Stückchen Schokolade verschwand zwischen ihren lila bemalten Lippen wie eine Maus im Rachen eines Löwen. »Kannst jederzeit drauf zurückkommen, Dummerchen.«

Dummerchen? Jetzt wurde es Niki zu viel. »Nur fürs Protokoll: Ich habe einen ziemlich hohen IQ.«

Walburga zuckte die Schultern. »Davon wird die Küche auch nicht sauber.«

Eine feindselige Stille trat ein, während Niki sich vornahm, Walburga in den kommenden vier Wochen konsequent zu schneiden. Die jedoch schien völlig resistent gegen Nikis unnahbare Haltung zu sein.

»Schätzchen, sei froh, dass du mich getroffen hast. Sonst wärst du komplett ahnungslos beim Erstkontakt. Nimm dich in Acht vor Doktor Mannheimer. Der ist Hardcore. Er hat beim Mossad trainiert. Wenn er dich beim heimlichen Essen erwischt, erledigt er dich notfalls auch mit einem Knopf seines Arztkittels. Geh lieber zu Frau Doktor König, die ist ein Cremeschnittchen und drückt auch mal ein Auge zu.«

Niki fixierte einen unsichtbaren Punkt an der Frontscheibe.

»Vorsicht beim Shiatsutrainer«, setzte Walburga ihre ungebetenen Erläuterungen fort. »Mario hat mehr Sex im kleinen Finger als George Clooney in der Hose.« Sie grinste. »Es sei denn, du stehst auf die schnelle Nummer. Er hat mich mal ins Koma massiert. Als ich aufwachte, lag er auf mir. ›Du denkst doch nicht ernsthaft über einen Quickie nach?‹, fragte ich. Und er: ›Hab ich schon. Das Ergebnis war positiv.‹«

Entgeistert sah Niki Walburga an. Auch der Fahrer schenkte ihr mittlerweile mehr Aufmerksamkeit als dem Straßenverkehr.

»Hey«, lachte Walburga. »So was ist gut fürs Immunsystem. Dicke Frauen haben zu wenig Sex. Das ist bekannt.«

Niki fand es erschreckend, dass Walburga solche Sachen wusste. Sie war nicht prüde, aber Walburgas lose Sprüche gingen ihr gewaltig auf die Nerven.

»Ich will kein Sexabenteuer, nur abnehmen«, sagte sie kalt. »Entschlacken und entgiften. Das ist alles.«

Kopfschüttelnd holte Walburga eine zweite Tafel Schokolade heraus. »Träum weiter. Das Vitalis wird dein Leben verändern. Und zwar komplett.«

Niki kniff die Lippen aufeinander. Sie wollte kein anderes Leben. Sie wollte Wolfgang zurückhaben. Und dann sollte alles wieder so sein wie früher. Tapfer schluckte sie ihre Tränen hinunter.

Die Website hatte nicht zu viel versprochen. Das Beauty Resort Vitalis verströmte schon von weitem den gediegenen Luxus eines klassischen Grandhotels. Der mehrstöckige Bau mit schlanken weißen Säulen lag direkt am Wasser, in einem weitläufigen Park, der mit bunten Glühbirnen illuminiert war. In der Ferne ließen blinkende Lichter das gegenüberliegende Ufer des Sees erahnen.

Im Schritttempo fuhr das Taxi über den knirschenden Kies der Auffahrt, bis es vor dem hellerleuchteten Eingang hielt. Zwei beleibte Frauen in extravaganten Cocktailkleidern standen dort und hielten Wasserflaschen in den Händen, offenbar das angesagteste Accessoire der hiesigen Diätszene. Neugierig musterten sie die Neuankömmlinge, die sich aus dem Taxi schraubten.

Niki hatte alles in ihren Koffer geworfen, was ihr gerade noch passte. Viel war es nicht: farbenfrohe Frotteekittel, die sie vornehm »Hauskleider« nannte, T-Shirts, in denen ganze Großfamilien Platz gefunden hätten, fluffige Umstandshosen mit Gummizug. Eine Garderobe, die diesen Namen verdiente, besaß sie schon lange nicht mehr. Von Cocktailkleidern ganz zu schweigen.

»Die beiden Doppelrahmschnecken da sind Dauerkunden«, flüsterte Walburga und nickte den Frauen zu. »Tamara und Alexis, voll die Diätjunkies. Jojo de luxe. Sobald sie ein paar Gramm abgespeckt haben, geht’s ab in die Fresstempel – um schwuppdiwupp wieder hier zu landen. So wie ich. Willkommen im Club«

Nein, so hatte sich Niki das nicht gedacht. Vier Wochen mussten reichen, um aus ihr jene begehrenswerte Frau zu machen, die sie einmal gewesen war. Für Wiederholungen fehlte es schlicht an Geld. Die Hypothek des Einfamilienhauses war noch nicht abbezahlt, sie sparten auf ein neues Auto. Und sie hatte keine Lust, dereinst mit Wolfgang auf dem Campingplatz zu nächtigen, nur, weil sie sich nicht beherrschen konnte.

»Siebzig Franken, die Damen«, rief der Taxifahrer ungeduldig.

Sie legten zusammen, nahmen ihr Gepäck und stapften in die Lobby. Alles hier war überirdisch elegant. Dicke, dezent gemusterte Teppiche lagen auf dem weißen Marmorboden. Überall standen Palmen in silbernen Kübeln, zartgrüne, weiche Couchen luden zum Verweilen ein. An einem weißen Flügel saß ein Pianist und klimperte Wohlfühlmusik.

Niki fühlte sich völlig fehl am Platz. Diese Welt kannte sie nicht. Wenn sie überhaupt mal mit Wolfgang verreiste, logierten sie in preiswerten Mittelklassehotels, wo sie nicht weiter auffielen. Dies hier war eine glänzende Bühne, auf der Niki nicht mal als Statistin vorgesehen war. Unsicher ging sie hinter Walburga her, die den Empfangstresen ansteuerte. Die jungen Mädchen dahinter trugen bunte Dirndl und waren so gut trainiert, dass sie noch nicht einmal aufhörten zu lächeln, als Walburga ihre Plastiktüte auf den Tresen knallte.

»’n Aaabend. Na, alles frisch in der Bluse?«

»Grüezi miteinand’«, erwiderte eine magere Rothaarige, in deren knochigem Dekolleté eine Edelweißkette baumelte. »Ich hoffe, Sie hatten eine angenehme Anreise.«

»Nee.« Walburga kratzte sich ungeniert am Kopf. »Flieger verspätet, nur ein paar eklige Chips in der Holzklasse, runde Füße vom Druckabfall in der Kabine. Walburga Maletzke. Und? Bekomme ich wieder mein Zimmer mit Seeblick?«

Das Mädchen klickte in ihrem Computer herum. »Wir sind leider ziemlich ausgebucht. Zum See hin ist nur noch ein Doppelzimmer frei. Ich kann Ihnen ein Einzelzimmer zum Hof anbieten.«

»Damit ich eine fette Depression kriege?« Walburga stampfte mit dem Fuß auf. »Einzelzelle zum Hof, ohne Sonne, ohne Spaßfaktor? Kommt nicht in den Sack.« Sie warf einen schnellen Blick auf Niki. »Was ist mit ihr? Kriegt sie auch so eine miese Besenkammer?«

Das Lächeln des Mädchens gefror. »Wir verfügen ausnahmslos über sehr hübsche Zimmer.«

»Hübsch ist was anderes«, schnaubte Walburga. »Pass mal auf, du kleiner Mistkäfer, wir zwei Grazien nehmen das Doppelzimmer, und aus die Maus.«

Niki hatte der Unterhaltung mit wachsender Panik zugehört. »Wir?«, stieß sie hervor. »Es gibt kein Wir. Lieber nehme ich eine Wäschekammer im Keller, als mit der da ein Zimmer zu teilen.«

Walburga zwinkerte der Tresenkraft zu. »Ist ’ne total verpeilte Torte. Na, schön. Sie halten uns das Doppelzimmer noch ein paar Tage frei, ja? Falls Prinzessin es sich anders überlegt.«

Da kannst du lange warten, dachte Niki. Sie reichte dem Mädchen ihre Kreditkarte. »Ich würde den Rest gern sofort bezahlen.«

Weil ich nicht weiß, wann Wolfgang die Kreditkarte sperrt, fügte sie in Gedanken hinzu. Er wird vor Wut in den Schreibtisch beißen, wenn er merkt, dass sein Hochzeitstagsgeschenk den Wert eines funkelnagelneuen Autos erreicht hat.

»Selbstverständlich.« Das Mädchen angelte sich die Kreditkarte und zog sie durch die Maschine. »Ich wünsche Ihnen einen erfolgreichen Aufenthalt, Frau Michels.«

Während Niki die Quittung unterschrieb, schob ihr die Angestellte eine Plastikhülle mit eng bedruckten Zetteln über den Tresen.

»Ihr Anwendungsplan. Bitte melden Sie sich morgen früh um viertel nach sieben bei Herrn Doktor Mannheimer zur Anfangsuntersuchung. Nüchtern.«

Doktor Mannheimer? War das nicht der gefährliche Finsterling? Walburga verzog höhnisch den Mund. Aber Niki hatte zu viel Stolz, um nach der netten Ärztin zu fragen. Sie nahm die Schlüsselkarte in Empfang, schnappte sich ihren Koffer und floh, bevor Walburga ihr einen frechen Spruch hinterherschicken konnte.

Als Niki ihr Zimmer gefunden hatte, sank ihr ohnehin niedriger Wohlfühlpegel unter null. So beeindruckend das Hotel auch von außen wirkte, dieses enge Gelass war eine einzige Frechheit. Ein Bett, ein Sessel, ein Beistelltisch und ein Kleiderschrank verteilten sich auf geschätzte zwölf Quadratmeter. Da halfen auch die hellgrünen Seidentapeten und der kostbare Kronleuchter nichts. Das Badezimmer war eng wie eine Telefonzelle. Selbst lebenslänglich verurteilte Raubmörder hatten mehr Platz als ein Vitalis-Gast, dem das nötige Kleingeld für eine Suite fehlte.

Sie holte zwei gerahmte Fotos aus dem Koffer und stellte sie auf das Tischchen. Auf einem lächelte ihr Wolfgang entgegen, auf dem anderen ihre Tochter Peggy. Dann überlegte sie es sich anders und verbannte Wolfgang zurück in den Koffer. Sein selbstgefälliges Erobererlachen war schwer zu ertragen. Es hatte ihm immerhin ein außereheliches Testosteronhoch verschafft, das Niki soeben die dunkelsten Stunden ihres Lebens bescherte.

Morgen würde sie sich bei ihm melden. Oder übermorgen. Sie würde sich schön Zeit lassen. Es schadete überhaupt nicht, wenn er ein bisschen vor sich hin schmorte. Sollte er doch glauben, sie sei auf offener Straße an einem Hamburger erstickt. Oder man hätte sie in einen orientalischen Harem verschleppt, wo Kingsize-Frauen als ultimativer erotischer Kick galten.

Seufzend dachte sie an den Mann, mit dem sie fünfundzwanzig Jahre ihres Lebens verbracht hatte. Wolfgang bedeutete ihr alles. Ein Leben ohne ihn war schlicht nicht vorstellbar. Sicher, im Bett lief nichts mehr, aber das würde sich ändern. Sie erinnerte sich noch gut daran, wie sehr sie seine Nähe genossen hatte, seine Hände auf ihrem Busen, seine zärtlich gemurmelten Worte an ihrem Ohr. Und wie schön es gewesen war, in seinen Armen einzuschlafen.

Niki stülpte sich das lächerliche rosa Hängerchen über den Kopf und setzte sich aufs Bett. Achtundneunzig Kilo. Um bei einer Größe von einem Meter vierundsechzig auch nur entfernt an eine leichtfüßige Gazelle zu erinnern, musste sie sich halbieren. Diese Erkenntnis war so schockierend, dass sie dringend einen Amaretto brauchte. Sie stand auf und öffnete die Minibar. Doch die war nur randvoll mit Wasserflaschen.

Ärgerlich trat Niki die Tür der Minibar zu. Wenn sie jetzt daheim gewesen wäre, hätte sie sich einen schönen Rotwein eingeschenkt und sich mit einer Schachtel Pralinen aufs Sofa gelegt. Dann hätte sie einen Liebesfilm mit sicherem Happy End eingeworfen und einen gemütlichen Couchabend verbracht. Sehnsuchtsvoll dachte sie an ihr Zuhause. Abgesehen von den unguten Entwicklungen, was Wolfgang betraf, hätte sie sich über nichts den Kopf zerbrechen müssen. Im Kühlschrank warteten stets ausgesuchte Köstlichkeiten auf sie. Der Gedanke daran, dass sie jetzt einen frischgebackenen Apfelkuchen mit Vanilleeis essen könnte, brachte sie fast um den Verstand.

Sie trat ans Fenster, doch die Aussicht auf den trübseligen Innenhof voller Mülltonnen machte alles nur noch schlimmer. Sie hatte Hunger. Sie wollte einen Amaretto. Das Zimmer war eine Katastrophe, ihre Ehe vorläufig am Ende. Ein schreckliches Schicksal hatte beschlossen, sie heimzusuchen. Und sie konnte nicht mal eine Freundin anrufen – ihr Handy lag unter einer dicken Schicht Asche daheim im Kamin.

Tag eins