Carsten Regel

HOSEN RUNTER

Roman

Impressum

ISBN 978-3-8412-0386-1

Aufbau Digital,

veröffentlicht im Aufbau Verlag, Berlin, Juli 2012

© Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin

Die Originalausgabe erschien 2012 bei Aufbau Taschenbuch, einer Marke der Aufbau Verlag GmbH & Co. KG

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Konvertierung Koch, Neff & Volckmar GmbH,

KN digital – die digitale Verlagsauslieferung, Stuttgart

www.aufbau-verlag.de

Inhaltsübersicht

KAPITEL 1

KAPITEL 2

KAPITEL 3

KAPITEL 4

KAPITEL 5

KAPITEL 6

KAPITEL 7

KAPITEL 8

KAPITEL 9

KAPITEL 10

KAPITEL 11

KAPITEL 12

KAPITEL 13

KAPITEL 14

KAPITEL 15

KAPITEL 16

KAPITEL 17

KAPITEL 18

KAPITEL 19

KAPITEL 20

KAPITEL 21

KAPITEL 22

KAPITEL 1

»Frauen sind auch Menschen.«

Es war mein fünfzehnter Geburtstag, als mein Vater plötzlich meinte, mir diesen Hinweis geben zu müssen. Von diesem Tag an schien er seinen pubertierenden Sohn nicht mehr für den harmlosen Jungen zu halten, der im Schwimmbad die Eissorten am Kiosk interessanter findet als die Mädchen im Bikini. Mit einem Mal betrachtete er mich misstrauisch, als wäre ich ein grunzender Primat aus der Steinzeit, der potenzielle Sexualpartnerinnen hinterrücks mit einer Keule niederschlug, um sie in eine dunkle Höhle zu verschleppen und dort wer weiß was mit ihnen anzustellen. Zugegeben, seine Befürchtungen kamen den schmutzigsten Fantasien, denen ich mich während meines sexuellen Erwachens hingab, gefährlich nahe. Ich träumte von hemmungslosen Begegnungen mit meinen Mitschülerinnen und hätte meine miesen Zensuren am liebsten damit entschuldigt, dass ich keine Hausaufgaben erledigen konnte, weil mich meine sexbesessenen Klassenkameradinnen ständig forderten – Tom, den Ladykiller, der wusste, was die Frauen brauchten!

Die Realität sah leider deutlich anders aus. Ich war so schüchtern, dass ich es zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal geschafft hatte, einem Mädchen einen Kuss auf die Wange zu geben. Einige meiner Freunde hatten ihre Hände bereits unter so manchen Pulli schieben und dort herumfummeln dürfen. Für mich war Mädchenunterwäsche, geschweige denn, was sie verhüllte, nicht mehr als ein unerreichbarer Wunschtraum.

Ich muss zugeben, dass Mädchen für mich damals tatsächlich keine Menschen waren – sie waren verheißungsvolle Geschöpfe aus fernen Galaxien, Göttinnen aus einer anderen Welt, die mich in Englisch und Geschichte davon abhielten, auf die Tafel zu achten und meinen Blick ausschließlich auf die wachsenden Kurven unter ihren Blusen lenkten. Dass sie zudem bessere Noten als ich bekamen, festigte meine jugendliche Überzeugung, dass es die größte Herausforderung im Leben eines Mannes war, das Herz eines solchen Engels zu gewinnen. Anders als ich mit meinem verklärten Blick waren meine Kumpels schlicht der Ansicht, dass unsere Klassenkameradinnen in erster Linie dazu da wären, sexuelle Erfahrungen zu sammeln. Während ich schwärmerisch von ewiger Liebe träumte, legten sie reihenweise Mädchen flach. Offenkundig bekamen sie zu Hause nützlichere Ratschläge als ich.

Wahrscheinlich hatten ihre Eltern einfach nur die Klappe gehalten und der Natur ihren Lauf gelassen. Mein lieber Vater hingegen verfolgte mit der Erziehung seines Sohnes ein echtes Anliegen: Er wollte zur Gleichberechtigung der Geschlechter beitragen. Statt mir aufmunternd auf die Schultern zu klopfen und mich zu ermutigen, mich ins Getümmel zu stürzen, verwirrte er  mich mit humanistischer Rechthaberei und seiner steten Aufforderung, Frauen respektvoll zu begegnen. Tolle Theorie, wenn man ständig und überall unkontrollierbare Erektionen bekam, bloß weil im Bus ein Hauch von Haarspray an einem vorbeiwehte. Hormonell übersteuert, war es mir unmöglich, meine animalischen Fantasien mit dem zivilisierten Weltbild meines Vaters in Einklang zu bringen. Zumal die Mädchen damals so gnadenlos waren, mich zu jahrelanger Jungfräulichkeit zu verdammen. Nicht eine interessierte sich für meine romantischen Ideen von der Liebe. Dabei wäre ich schon mit siebzehn zum ewigen Bund der Ehe bereit gewesen und war eigentlich ohne Unterlass schwer verliebt in eine Prinzessin aus der Nachbarschaft oder der Schule. Vielleicht war es nicht eben förderlich, dass es mir bei keiner gelang, ihr meine großen Gefühle zu gestehen. Aus Angst, eine Abfuhr zu erhalten und an gebrochenem Herzen zu sterben, hielt ich lieber gleich die Klappe. Vermutlich wäre es einfacher gewesen, das Ganze emotional eine Nummer kleiner anzugehen, aber das hatte ich nicht im Programm.

So gab es in der Oberstufe neben mir nur noch einen ohne sexuelle Erfahrungen: Ralph Schornagel, einen dünnen Jungen mit fettigen Haaren, was schon alles über seine Chancen bei den Mädchen aussagte. Wir wurden trotzdem Freunde und jammerten gemeinsam über die Ungerechtigkeit, dass es selbst für die pummelige Lisa bei der letzten Klassenfete zum Petting mit einem Typen gereicht hatte, während wir beide wieder mal unberührt in der Ecke stehen geblieben waren.

Ich war schon völlig verzweifelt. Doch dann kam der Wendepunkt: Ich lag mit Fieber im Bett, versäumte eine Klausur in Mathe und wurde von meiner Mutter mit allem, was ich brauchte, in meinem Zimmer versorgt, weil ich zu schlapp war, um in die Küche zu gehen. In diesem Dämmerzustand verbrachte ich mehrere Tage vor dem Fernseher, bis mich ein schockierender Dokumentarfilm der BBC aus meiner Lethargie riss und mir die Augen über das Wesen des Mannseins öffnete. Es ging um einen Mäuserich, einen gnadenlosen Dauerrammler, dessen einziges Ziel im Leben es war, möglichst viele Artgenossinnen flachzulegen. Die Weibchen flohen vor ihm in Erdlöcher, aber dieser kleine Teufelskerl buddelte sie einfach wieder aus. Getrieben von seiner unzähmbaren Libido, wühlte er sich wie ein Tunnelbohrer im Bergwerk in tiefere Schichten und zerrte seine Sexualpartnerinnen einfach ans Tageslicht. Ohne eine Geste des Werbens, ohne jede Verführungskunst, ohne alles rammelte er sie einfach durch. Eine nach der anderen. Der Mäuserich gab erst Ruhe, nachdem er die gesamte Lichtung durchgenagelt hatte. Der Respekt vor dem weiblichen Geschlecht war ihm offensichtlich schnuppe. Unbelastet von ideologischen Verunsicherungen oder politischen Korrektheiten, schritt er zur Tat und stand ohne Wenn und Aber seinen Mann. Selten hatte ein Lebewesen einen solchen Eindruck bei mir hinterlassen. Auf einen Schlag wurde mir klar, dass es die Bestimmung des Mannes sein musste, so viele Frauen wie möglich zu haben. Dass ich es ewig bedauern würde, wenn ich meine potentesten Jahre nicht dazu nutzte, mich auszutoben. Diese Erkenntnis bedeutete leider nicht, dass aus einem linkischen Siebzehnjährigen, der mittlerweile ein echter Profi beim Onanieren war, über Nacht ein gnadenloser Sexgott wie der Mäuserich wurde.

Es dauerte noch ein ganzes Jahr, bis es mir endlich gelang, ein erstes Rendezvous zu ergattern. Ich hatte sie in einer Disco getroffen, und sie hieß wie ein Urlaubsflirt: Silvana. Sie wollte sich mit mir in einer der illegalen Underground-Bars im Osten treffen. Ich kannte mich in Mitte damals nicht aus, aber ich wäre mit der U-Bahn nach Peking gefahren, um ihre Brüste anfassen zu dürfen. Angespannt betrat ich die coole Hinterzimmer-Bar, die von einer Türsteherin bewacht wurde. Silvana saß am Tresen und hatte zwei Longdrinks Vorsprung. Sie sah toll aus. Ihre braunen Haare schimmerten verheißungsvoll im warmen Licht, so dass ich all meinen Mut zusammennahm und sie tapfer ansprach. Doch gleich zur Begrüßung bekam ich eine klare Ansage: »Deine Drinks bezahlst du selber!«

Offenkundig hatte sie schlechte Erfahrungen mit Männern gemacht.

»Natürlich«, stammelte ich.

Sie sah mich streng an. »Hab keinen Bock auf Typen, die rumschnorren. Bist du Musiker?« Ich schüttelte den Kopf. »Dann ist okay«, sagte sie und brachte sogar so etwas wie ein Lächeln zustande.

Ich bestellte mir einen Gin Tonic, den ich sofort zahlte. Erst wunderte ich mich noch, warum sie ausgerechnet mit mir ausging, doch nach dem dritten Getränk interessierte mich nicht mehr, warum sie darüber nachdachte, mich ranzulassen. Es zählte nur noch, dass sie es wohl vorhatte.

Gegen Mitternacht war es Gewissheit: »Du kommst jetzt mit zu mir!« Ihr stierer Blick und ihr Lallen verrieten mir, dass jeder Widerstand, den ich ohnehin nicht geleistet hätte, zwecklos war. In ihrem Zustand hätte sie mir notfalls eine Flasche über den Kopf geschlagen und mich in ihre Höhle gezerrt, um mich dort zu vernaschen. Vielleicht hatte ihr Vater versäumt, ihr mitzuteilen, dass Männer auch Menschen waren.

Ich hakte meine Beute unter und kaschierte es als gutes Benehmen. Auf der Straße löste sie sich aus meinem Arm, um ein Taxi heranzuwinken, wobei sie der Länge nach hinfiel. Der Taxifahrer sah sie auf dem Boden liegen und startete durch. Ungläubig blickte ich erst dem Wagen nach, dann auf Silvana zu meinen Füßen. Es sah so aus, als würde ich meinen ersten Sex vom Bürgersteig aufheben müssen. Ich half ihr hoch, woraufhin sie mir ihre Zunge in den Mund schob. Sie schmeckte wie ein Eimer voll Benzin. Ich hielt sie an ihrem Hintern fest und wunderte mich über ihre verdrehten Beine. Während sie an meinem Hals knabberte, sah ich mich in fünfzig Jahren stolz meinen Enkeln auf die Frage danach, wie ich Oma kennengelernt hatte, von diesem historischen Moment erzählen. In meiner jugendlichen Verirrung träumte ich selbst in diesem Augenblick von echter Liebe und fasste spontan den Entschluss, Silvanas komatösen Zustand nicht auszunutzen. Das würde mich bei ihr auf Weltranglistenplatz eins katapultieren.

Also winkte ich die nächste Droschke heran und wuchtete eine sexwillige und höllisch attraktive Frau auf die Rückbank – ohne selbst einzusteigen. Ich nannte dem Fahrer ihre Adresse und sagte ihr, dass meine Nummer im Telefonbuch stand. Unter dem Namen meines Vaters. Zum Abschied küsste ich sie artig auf die Wange.

Ich hatte maximalen Anstand bewiesen, ich hatte sie respektiert und ihr gezeigt, dass ich es ernst mit uns meinte. Dass ich der helle Stern in ihrem Universum sein wollte.

Zu Hause angekommen, schmiedete ich kitschige Zukunftspläne und schlief darüber ein. Ich wachte früh auf und begrüßte meine Eltern in bester Laune. Dann kontrollierte ich ungefähr zwanzigmal das Telefon, ob es auch laut genug gestellt war, damit ich ihren Anruf in meinem Zimmer hören konnte. Ich vermutete, dass sie sich nicht vor Mittag melden würde. Immer wieder ging ich in die Küche, um möglichst schnell am Apparat sein zu können. Meine Eltern guckten im Wohnzimmer einen Peter-Alexander-Film aus den Sechzigern. In diesen alten Schinken ging es zwischen Männern und Frauen immer gut aus. Ich war sicher, dass es mit Silvana und mir ein ähnliches Happy End geben würde.

Ich war gerade auf der Toilette, als ich endlich das Klingeln hörte. Eilig spülte ich und rannte zum Telefon. Doch mein Vater hatte bereits abgenommen.

»Hallo? Wer ist denn da?«, fragte er in die Sprechmuschel. Er kniff die Augen zusammen. Dann verzog er das Gesicht und legte auf.

Ich stand direkt vor ihm und bekam kein Wort heraus. Er sah mich an wie ein Lehrer einen Schüler, der die schlechteste Arbeit der Klasse geschrieben hatte.

»Wer war denn dran?«, fragte ich vorsichtig.

Mein Vater stemmte die Hände in die Hüften. »Eine junge Frau. Eine sehr schlecht gelaunte junge Frau.«

»Und? Was hat sie gesagt?«, versuchte ich, die lebenswichtigen Informationen aus ihm herauszuquetschen.

Er senkte die Stimme, so dass meine Mutter nichts mitbekam. »Die junge Frau hat mir empfohlen, mir mein Ding selber reinzustecken.«

Ich wurde rot. »Du hast dich bestimmt nicht verhört?«, fragte ich.

»Nein. Sie hat es nämlich zwei Mal sehr laut und deutlich in den Hörer gekreischt.« Mein Vater erhob drohend den Zeigefinger. »Mein Sohn! Das hätte ich nicht von dir gedacht. Habe ich dir nicht immer wieder gesagt, dass man Frauen respektieren muss? Sie sind Menschen, keine Sexualobjekte!«

In seinen Augen stand meine Schuld bereits fest. Er brauchte keine weiteren Beweise. Die Verteidigung konnte ihr Plädoyer in den Müll schmeißen, ich war verurteilt. Ohne Chance auf Bewährung wurde ich von ihm in meine bedrückende Einzelzelle verbannt. Doch es war mir egal. Mein Kopf war leer. Gedemütigt schlich ich in mein Zimmer. Dort kehrte ich die nächsten Wochen den Schutt meiner zerbombten Traumschlösser zusammen. Allmählich leuchtete mir ein, was ich angerichtet hatte. Es mochte zwar anständig von mir gewesen sein, Silvana brav in ein Taxi zu setzen, das sie sicher nach Hause kutschierte. Selbst wenn sie es mir beim Aufwachen im dichten Nebel des Restalkohols noch angerechnet hatte, dass ich kein Mäuserich war, der ihren hilflosen Zustand rücksichtslos ausgenutzt hatte, bewertete sie umso düsterer, was geschehen war, je klarer ihre Sicht wurde. Ihr wurde bewusst, dass ihre Reize nicht ausgereicht hatten, mich den Verstand verlieren zu lassen, obwohl sie sich mir hemmungslos hingeben wollte. Spätestens gegen Nachmittag dürfte sich dieses Gefühl bei ihr in blanke Verachtung gesteigert haben, bis zu jenem Moment, in dem sie zum Telefon griff und mein Vater unfreiwillig in die Schusslinie geriet.

So schien zwischen mir und den Frauen früh alles verloren. Ich war bereit, vor dem feindlichen Geschlecht zu kapitulieren, bevor das Gefecht zwischen uns überhaupt angefangen hatte. Sex und die Freude des weiblichen Körpers schienen nur einer Handvoll Glückspilzen vorbehalten, und die wurden mit Offerten überhäuft. Es war wie mit den oberen Zehntausend, denen achtzig Prozent des Geldes gehörten. Der Rest der Bevölkerung musste sich die übrigen zwanzig Prozent teilen. Ich war schon fast so weit, mich mit meinem Schicksal abzufinden, als ich mich an den Mäuserich erinnerte. Was würde er an meiner Stelle nach einer Niederlage wie dieser tun? Würde er resignieren und das Schlachtfeld den anderen überlassen? Nein! Er würde sich in seinen Bau zurückziehen, seine Schnute abputzen und wild entschlossen sein Comeback vorbereiten. Also tat ich es ihm gleich, bunkerte mich in meinem Zimmer ein und versank in selbstmitleidigen Betrachtungen, bis mich eine Erkenntnis dazu brachte, mein Martyrium zu beenden: Egal, wie sehr man sich auch bemühte – als Mann warst du am Ende immer der Arsch.

Für Silvana war ich vor zwanzig Jahren der Arsch, weil ich sie nicht gevögelt hatte. Für Vera Hubert war ich es vor einigen Tagen, eben weil ich es getan hatte. Sie war eine reizvolle Blondine, die regelmäßig in meiner Dessousboutique einkaufte. Vera hatte nicht viel ausgelassen, was man ihr ansah, was sie aber sehr sympathisch machte: Sie trank gern, hatte schon eine Ehe hinter sich und vögelte nach Lust und Laune. Als sie an diesem Nachmittag vor mir stand, wollte sie ganz offensichtlich keine Unterwäsche kaufen, sondern vor allem etwas vom Sekt haben, den ich für meine treuen Kundinnen stets griffbereit im Kühlschrank aufbewahrte. Nach einer halben Flasche begann sie, mich abzuknutschen, nach einer Flasche knöpfte sie mein Hemd auf, und kurz nach dem Öffnen der zweiten schloss ich die Ladentür hinter uns zu und wir verbrachten einen super Nachmittag in ihrem Schlafzimmer. Danach wickelte sie sich kommentarlos in die einzige Bettdecke, verzog sich wortlos ans andere Ende der Matratze und ließ mich nackt neben sich auf dem Laken liegen. Nach einer Weile war ich mir sicher, dass sie eingeschlafen war. Nun gut, sagte ich mir, die wusste auf jeden Fall, was sie wollte, und das hatte sie offensichtlich bekommen. Mir wurde langsam kalt. Vera hatte sich in ihre Federn eingerollt, als stünde der atomare Erstschlag einer feindlichen Supermacht unmittelbar bevor, was ich als unmissverständliche Aufforderung verstand, mich anzuziehen und abzuzischen. Beim Ankleiden achtete ich darauf, sie nicht zu wecken, und schlich mich aus ihrer Bude. Zu Fuß wäre ich in einer guten halben Stunde bei mir.

Ich war keine hundert Meter weit gekommen, als mein Handy klingelte. Die Nummer war unterdrückt. Vielleicht eine Kundin, die vor meinem verschlossenen Laden stand?

»Hast du deinen Spaß gehabt, du Arschloch?«, schrie Vera in mein rechtes Ohr, um gleich darauf aufzulegen. Fassungslos blieb ich im einsetzenden Nieselregen stehen. Was war denn nun los? Was hatte ich falsch gemacht? Es war doch Vera gewesen, die mich nach dem Sex kaltgestellt hatte. Wäre ich bei ihr geblieben, hätte sie mir vorgeworfen, dass ich immer noch in ihrer Wohnung rumhing. Aber indem ich ging, wurde ich zum hundsgemeinen Schwein, das nur seinen Spaß haben wollte. Da war nichts zu machen: Für Frauen warst du als Mann am Ende immer der Arsch.

Mein einziger Trost war, dass Veras Wutanfall meinem Sexleben nicht schaden würde, weil ich seit über fünf Jahren täglich von halb nackten Frauen umzingelt war. Das Eröffnen dieses Dessousladens bedeutete die taktische Meisterleistung meines Lebens, zumindest in sexueller Hinsicht. Jeden Morgen betrat ich eine dreidimensionale Highend-Männerphantasie. Mit dem Aufschließen der Ladentür begann für mich stets eine neue Episode einer Real-Life-Doku, in der der glückliche Hauptdarsteller, ein siebenunddreißigjähriger Mann, zumindest einen Teil dessen, wovon er als Teenager immer geträumt hatte, Wirklichkeit werden ließ.

Das unterschied mich von meinem alten Schulfreund Ralph Schornagel, dessen Liebesleben eine Chronik des Scheiterns war: nahezu kein Sex seit 1975 – und das war das Jahr, in dem er geboren wurde. Ralph war der dufte Kumpel, aber nicht nur für seine besten Freunde, sondern tragischerweise auch für sämtliche Frauen, die er kennenlernte.

Heute stand er wieder mal wie ein schüchterner Teenager vor mir im Laden, hatte die Hände in den Hosentaschen und sah mich durch seine blonden Haarsträhnen an. Seit Monaten trug er diese völlig überholte Britpop-Frisur, mit der er erst recht wirkte wie ein verschlafener Zwölfjähriger. Aber wenigstens belagerte er mich nicht täglich mehrere Stunden lang, um Beziehungsanalyse zu betreiben, wie unser Kumpel Markus. Der war vor sechs Wochen von seiner Braut verlassen worden und terrorisierte mich seitdem mit dem leidigen Thema.

Das Heikle an Markus’ Trennung war, dass ihn seine Verlobte Tanja nicht einfach verlassen hatte. Sie hatte ihn mit dem gemeinsamen Kind sitzen lassen – einem acht Monate alten Sohn.

Es war wohl eine Art Kurzschlussreaktion, nachdem sie erfahren hatte, dass Markus sie während ihrer Schwangerschaft betrogen hatte. Trotz seiner Beteuerungen, dass es nicht mehr als ein betrunkener Absturz und ganz furchtbar gewesen sei und nie wieder passieren würde, hatte sie ihre Sachen gepackt und ihm die Babygläschen vor die Nase geknallt. »Das reicht. Sieh zu, wie du mit dem Kleinen klarkommst. Wirst schon sehen, wie sich das anfühlt, alles allein machen zu müssen«, hatte sie ihm zum Abschied quer durch den Hausflur entgegengeschrien.

Seitdem war Markus mehr als trostbedürftig. Zwar hatte ich natürlich grundsätzlich Verständnis dafür und hätte ihm gern geholfen, doch er rief ohne Rücksicht auf meine Ladenöffnungszeiten an und scherte sich wenig darum, ob ich Kundschaft hatte oder nicht. Damit hatte er meine Geduld und meine Bereitschaft, als Seelsorger zur Verfügung zu stehen, überstrapaziert.

Ich wollte Ralph gerade fragen, was ihn zu mir trieb, als der Festnetzapparat erneut läutete. Ich sah aufs Display. »Markus. Zum dritten Mal heute«, stellte ich entnervt fest und ließ es klingeln.

Ralph sah mich erstaunt an. »Gehst du nicht ran?«

Ging ich ran, würde Markus mir meine Mittagspause mit seinem Liebesleid zuschütten.

»Ich habe jetzt keinen Kopf für seine Probleme«, erklärte ich Ralph und stellte die Musik lauter, damit sie das Bimmeln übertönte.

»Ich dachte, du wärst ein echter Freund, zu dem man immer kommen kann, wenn es einem schlecht geht«, warf er mir vor.

»Aber nicht wochenlang fünf Stunden am Tag«, sagte ich.

Ralph steckte die Hände wieder in seine Hosentaschen. »Ich bräuchte nämlich auch deine Hilfe. Allerdings nur für ein Stündchen.« Es hörte sich an, als käme die schlechte Nachricht erst noch.

»Um was geht es denn?«, fragte ich in der Hoffnung, dass er, der in Frauenfragen seit einer Ewigkeit auf dem Trockenen saß, zur Abwechslung eine gute Dating-Webseite wissen wollte oder Hilfe beim Formulieren einer Kontaktanzeige brauchte.

»Ich weiß nicht mehr weiter mit den Frauen. Ich bin echt verzweifelt.«

Das klang, als wären die nächsten Minuten nur mit Alkohol auszuhalten. Ich ging zum kleinen Kühlschrank hinter dem Kassentresen und goss mir einen kalten Wodka mit Orangensaft ein. Ralph blickte zu Boden und seufzte.

»Es klappt einfach nicht: Keine will mich. Deswegen habe ich mich nach einer Therapiegruppe erkundigt. Die treffen sich einmal die Woche und diskutieren ihre Probleme mit Frauen.«

»Okay«, sagte ich und trank einen Schluck. »Das ist ein mutiger Schritt, und er wird dir weiterhelfen. Und als dein Kumpel verspreche ich dir, dass ich mich mit Witzchen darüber zurückhalten werde.«

Ralph biss sich auf die Unterlippe. Ich nahm an, dass er gerührt von dem Verständnis war, das ich ihm entgegenbrachte.

»Tom, ich schaff das nicht allein. Ich wollte dich bitten, mich zu dieser Gruppe zu begleiten.«

Darum ging es also! Ich war entsetzt, als hätte ich gerade die Rente meiner Eltern bei einem riskanten Aktiendeal verjubelt. Ralph musste meinem schockierten Gesichtsausdruck angesehen haben, was ich von seinem Vorschlag hielt, und versuchte, mich zu beschwichtigen, dass es ihm reichen würde, wenn ich beim ersten Treffen mitkäme.

»Hast du dafür nicht deine beste Freundin, Marianne? Kann sie dich nicht dahin begleiten?«, fragte ich und betete, dass er diese Option einfach vergessen hatte. Vergeblich.

»Nein. Da sind nur Männer erlaubt«, erwiderte Ralph. Ich zog ernsthaft in Erwägung, mein Konto zu plündern und noch heute Abend auszuwandern. Ich räusperte mich.

»Ralph, wenn du knapp bei Kasse bist, dann leih ich  dir alles, was ich hab. Wenn du mal eine Affäre hast und ein Alibi brauchst, weil du sie betrogen hast, kannst du immer zu mir kommen. Ich tue fast alles für dich. Aus alter Freundschaft. Weil wir Kumpels sind. Aber ich setze mich nicht mit dir zu irgendwelchen sexuell frustrierten Typen, um mit denen Beziehungsgespräche zu führen. Das ist zu viel verlangt!«

Ralph sah mich so enttäuscht an, als hätte ich ihm gerade seine Traumfrau ausgespannt.

»Wen soll ich denn fragen, wenn nicht dich? Etwa Markus?«

Der Herrgott hatte mich doch erhört! Das war meine Rettung. Wenn jemand dringend therapeutischen Rat benötigte, dann Markus. »An deiner Stelle würde ich auf jeden Fall Markus fragen. Der kann professionelle Hilfe gebrauchen.«

»Wie soll das gehen? Der muss sich doch jede freie Minute, die er nicht im Restaurant steht, um das Baby kümmern.«

»Er wird ja wohl für eine Stunde einen Babysitter finden. Wir sind doch nachher bei ihm im Restaurant zum Essen verabredet. Dann rede ich mal mit ihm.«

Mein Angebot war nicht ganz uneigennützig: Erstens müsste nicht ich Ralph zu dieser Therapie begleiten. Zweitens wollte ich Markus nicht mehr Tag und Nacht am Telefon haben.

Euphorisiert von meiner Idee, betrat ich am Abend das »Kronach«, in dem Markus den Empfangschef gab. Er stand an seinem Pult und begrüßte mich in dezenter Lautstärke. »Na, du Arschgeige!« Wir schüttelten uns die Hände. »Nett, dass du dein Handy seit Stunden aus hast.«

Er war angefressen, weil ich mal Ruhe vor seinem Telefonterror haben wollte. Genervt brachte er mich an unseren Tisch. Mein Freund und Anwalt Hermann erwartete mich bereits mit einer Karaffe Pinot Grigio. Er goss mir ein, als Markus uns die Speisekarten hinlegte.

»Ralph will zu einer Therapiegruppe für Männer mit Frauenproblemen gehen«, informierte ich meine beiden Freunde.

»Klingt doch sinnvoll«, sagte Hermann. »In dieser Beziehung hat er Hilfe auch bitter nötig.«

»Leider meint er, das allein nicht zu schaffen. Und hat mich gefragt, ob ich mitkomme.« Markus sagte nichts. Ich sah ihm ins Gesicht. »Warum begleitest du Ralph nicht dorthin?«

»Klar. Wenn du in der Zeit auf meinen Kleinen aufpasst.«

»Ich? Bist du high?«

»Das frage ich mich auch gerade.«

»Ich hab doch keinen blassen Schimmer, was man machen muss, wenn so ein winziges Ding anfängt zu schreien und nicht mehr aufhört!« Aus Markus’ Erzählungen wusste ich, dass er es auch nicht genau wusste, allerdings hatte er in den letzten Wochen genug Gelegenheit gehabt, verschiedene Varianten auszuprobieren.

»Ertränk dich vor seinen Augen im Klo. So was findet der Kleine witzig.«

Markus marschierte zurück zum Eingang. Er war seit der Trennung etwas dünnhäutig. Markus wollte Tanja zurück. Um jeden Preis. Und wenn man sah, wie sein Leben als alleinerziehender Vater ablief, verstand man schnell, warum. Gestresst rauschte er an Ralph vorbei, ohne ihn eines Blickes zu würdigen. Irritiert trat Ralph zu uns an den Tisch, und noch bevor er sich gesetzt hatte, wollte Hermann von ihm wissen, was er sich eigentlich von der Therapie versprach.

»Mich mit Gleichgesinnten über Frauen unterhalten. Herausfinden, warum es bei mir nicht läuft«, erklärte Ralph.

»Hört sich doch ganz schlüssig an. Tom, warum gehst du nicht mit ihm hin?« Ich musste mich doch sehr über Hermann wundern. Warum fiel er mir in den Rücken? Als würde er bei Eheproblemen etwas anderes machen, als sich mit teurem Wein zu betrinken.

»Ich werde so oft von sexhungrigen Kundinnen abgeschleppt, dass ich einfach keine Zeit für verquaste Beziehungsgespräche habe«, redete ich mich raus.

»Diese oberflächlichen Abenteuer sind dir wohl wichtiger als deine Freunde«, warf Ralph mir vor.

»Ich kann dir auch so sagen, warum es bei dir nicht läuft, Ralph. Du scheiterst an der Oberflächlichkeit der Frauen. Die wollen Männer, die an sich selbst glauben. Scharfe Kerle und keine sensiblen Frauenversteher. So. Jetzt weißt du es und kannst dir den Besuch beim Psycho-Onkel sparen.«

Ralph fühlte sich unverstanden. »Das sind doch nur Äußerlichkeiten, darum geht es nicht. Frauen haben viel mehr Tiefe, als ihr Ignoranten merkt«, sagte er. »Und wie du dich anstellst, mich bei dieser Gesprächsgruppe zu unterstützen, zeigt doch nur, wie oberflächlich du bist.«

Das konnte ich so nicht stehen lassen. »Also, mir quatschen Frauen einfach zu viel über Tiefsinnigkeit«, sagte ich. »Ist ja geradezu ihr neues Lieblingswort.«

Hermann nickte mir zu. »Komisch, dass es immer die gut aussehenden Jungs sind, von denen Frauen behaupten, sie seien tiefsinnig. Bei Übergewichtigen oder Brillenträgern erkennen sie solche tollen Charaktereigenschaften viel seltener.«

»Und genau diese armen Schweine sitzen irgendwann in Gruppen zusammen und heulen sich gegenseitig die Ohren voll, wie oberflächlich die Frauen geworden sind«, sagte ich.

»Du warst doch noch nie bei einer Gesprächstherapie.« Ralph blieb hartnäckig. »Vielleicht wäre ein bisschen Reflexion auch für dich mal ganz angebracht? Du hast in den letzten Jahren doch nicht mehr als flüchtige Abenteuer gehabt. Dass du eine feste Beziehung geführt hast, ist schon Jahre her«, warf er mir ernsthaft vor.

Hermann erhob mahnend seinen Zeigefinger in meine Richtung. »Da hat er nicht ganz unrecht.«

»Bloß, weil du eine junge Tussi geheiratet hast, musst du nicht überheblich werden! Du hast früher auch nichts ausgelassen.«

»Stimmt. Bis ich gemerkt habe, dass ich meine Frauengeschichten nicht mehr auseinanderhalten konnte. Da ist mir klar geworden, dass in meinem Leben was schiefläuft.«

»Aber ich leide nicht darunter.« Ich wurde langsam nervös und nahm einen Schluck Pinot. Was ging hier vor? Plötzlich war nicht Ralph der Gestörte, sondern ich.

»Kein Wunder: Bei dir marschieren die Frauen automatisch ins Geschäft. Unter diesen Voraussetzungen wären wir alle Sexweltmeister«, redete Hermann jetzt auch noch meine Erfolge klein.

»Und in puncto Freundschaft möchte ich dich nur daran erinnern, dass ich dir bei deinem letzten Umzug geholfen habe«, meinte Ralph. »Obwohl es saukalt war und ich mir extra einen Urlaubstag nehmen musste.«

Das war korrekt. Und über fünf Jahre her. Ralph würde mich noch im Altersheim daran erinnern. Und er würde bis dahin immer noch keinen Sex gehabt haben. Das schien er zu ahnen und bohrte unnachgiebig weiter. »Du stehst in meiner Schuld! Und es geht nur um eine Stunde. Das kann doch nicht so schwer sein.«

Ich hätte ihm auch zwei oder zwanzig Stunden zur Verfügung gestanden – wenn es darum gegangen wäre, seinen Keller auszuräumen, sein Auto abzuschleppen, ihn zu einem anständigen Friseur zu begleiten oder für ihn bessere Klamotten einzukaufen. Der Gedanke hingegen, in einem Raum eingesperrt zu sein mit einem traurigen Haufen Männer, die sich gegenseitig vorjammerten, wie schrecklich ihre Kindheit oder dass ihre Mutter an allem Schuld war, machte mich fertig. Und über all das würde vermutlich noch ein Oberneurotiker wachen.

»Ralph, ich lasse mir nicht von einem schwabbligen Oberlehrer mit dreckigen Fingernägeln und Schweißflecken unter den Achseln erzählen, wie man Frauen klarmacht. Diese Gestalten haben in den Siebzigern das letzte Mal Sex gehabt und sind deswegen Analytiker geworden, weil sie selbst das größte Problem sind!« Damit war das Thema für mich erledigt.

Doch aus irgendeinem Grunde änderte Ralph unerwartet seine Strategie und setzte aufs Schleimen. »Tom, was Erfolg bei Frauen anbetrifft, macht dir doch keiner was vor. In der Gruppe werden sie dich bewundern. Jemand wie du ist doch die letzte Hoffnung für einen wie mich. Vielleicht sogar die letzte Hoffnung aller verzweifelten Männer.«

Langsam begann Ralph mir wirklich leidzutun. Es schien ihm irre wichtig zu sein. Als ob dort die Erlösung von all seinen Problemen auf ihn wartete.

»Komm, Alter, lass mich nicht hängen. Gib dir einen Ruck! Ich bin echt am Ende.«

Es war zum Kotzen. Was ihm mit Frauen seit Jahrzehnten gründlich misslang, hatte er mit mir nach zwei Drinks geschafft: Er hatte mich so weit, mich ficken zu lassen. Das war nur mit noch mehr Alkohol zu ertragen. Ich winkte dem Kellner an der Bar, bedeutete ihm, reichlich Nachschub an unseren Tisch zu bringen, und stürzte den Rest aus meinem Glas in einem Zug herunter. Dies war definitiv der richtige Moment, um sich mit Alkohol zu trösten. Als Mann warst du am Ende zwar immer der Arsch, aber ich wollte es wenigstens als Freund nicht sein.

»Okay. Ich bin dabei«, brachte ich irgendwie über die Lippen. »Aber ich komme nur, wenn dieser Quatsch nicht während meiner Geschäftszeiten stattfindet.«

»Nein. Es geht abends um acht los«, sagte Ralph.

Das klang schon besser: nach Einbruch der Dunkelheit. Da sah mich wenigstens keiner, wenn ich den Männerknast betrat. »Muss ich sonst noch was wissen?«

Er zögerte. »Nun ja, entgegen deinen Befürchtungen wird die Gruppe nicht von einem schwer neurotischen Analytiker geleitet.«

»Aha. Von wem sonst? Von einer Transe? Oder von einem Marsmenschen?«

»Nein«, sagte Ralph. »Von einer Frau.«

KAPITEL 2

Wie Frauen über Männer reden, wusste ich von meinen Kundinnen. Aus den Umkleidekabinen drang vieles bis zu mir an den Kassentresen. Frauen in Dessous plapperten gern und laut. Ich konnte sie dabei belauschen wie ein Geheimagent auf der Spur der weiblichen Weltverschwörung. Was ich dabei über das andere Geschlecht herausfand, war jedoch alles andere als schön und machte mir bisweilen Angst: Frauen, die sich über Sex, über Liebe oder über ihre Beziehungen unterhielten, neigten dazu, ihre Männer mit unerbittlicher Grausamkeit in alle Einzelteile zu zerlegen. Wie Pathologen in der Gerichtsmedizin, die sich, mit Skalpellen bewaffnet, daran machten, einem Mordopfer seine letzten Geheimnisse zu entreißen, weideten die Frauen mitten in meinem Laden ihre Männer aus. Dabei brachten sie erbarmungslos all deren Unzulänglichkeiten und Schwächen ans Licht. Und nun verlangte Ralph von mir, dass ich vor einer professionellen Pathologin die Hosen runterlassen sollte! Die Therapeutin würde mein Innenleben ebenso eiskalt sezieren wie meine Kundinnen ihre Partner. Während ich nie auf die Idee gekommen wäre, mit meinen Freunden darüber zu sprechen, welche Sexualpraktiken sie bevorzugten, fanden Frauen es völlig normal, sich über uns Männer bis ins intimste Detail auszutauschen wie bei einer Autopsie: Schwanzlänge, Körpergeruch, Muskelbeschaffenheit, Hauttyp, Haarfülle, Spermienqualität. Mit eben dieser klinischen Präzision würde die Psychotante aus meinem ausgeglichenen Gemüt Geschnetzeltes machen.

Schon von außen wirkte das Seminargebäude wie eine Besserungsanstalt. Ralph und ich standen wie zwergwüchsige Kinder vor einem monströsen Plattenbau aus der DDR, den man nach der Wiedervereinigung vergessen hatte, wegen unzumutbarer Tristesse abzureißen. Wenn die trostlose Architektur des Häuserblocks ein Vorgeschmack auf die Stimmung in der Therapiegruppe war, erwartete mich drinnen ein sozialistischer Schauprozess. Die nackten Flure und flachen Decken hatten den Charme eines ausrangierten Leichenschauhauses. Ich spürte meinen Magen. Als hätte ich nach drei fettigen Hähnchen noch eine Tafel Schokolade zum Dessert gehabt.

»Gegen die Bude ist Tschernobyl ja eine Wellnessfarm«, beklagte ich mich bei Ralph.