Informationen zum Buch

Verbannt ans Ende der Welt

London, Anfang des 19. Jahrhunderts. Als eine Abtreibung, mit denen Mary MacFadden ihr Geld verdient, bei einer jungen Adeligen misslingt, wird sie erst in den Kerker geworfen und dann nach Australien verbannt. Ihre Tochter Penelope geht mir ihr in die Verbannung. Doch während Mary sich auf der Überfahrt den Respekt der Aufseher erwirbt und unbehelligt bleibt, wird die sechzehnjährige Penelope von einem irischen Sträfling schwanger. Insgeheim ist sie von Liam fasziniert, doch ob sie ihn liebt, weiß sie nicht.

Noch auf dem Schiff bringt Penelope ihr Kind zur Welt. Am Kai von Sydney, während eine Katastrophe die Neuankömmlinge heimsucht, wird sie von ihrer Mutter und ihrem Kind getrennt. Plötzlich steht Penelope allein da. Ihre einzige Hilfe ist Bernhard Kreuz, ein deutscher Arzt. Bald spürt sie, dass er mehr für sie empfindet als bloße Sympathie. Dann jedoch trifft sie Liam wieder.

Eine große Australien-Saga über das Schicksal zweier Frauen und einem verschollen geglaubtes Kind.

Ein anrührendes Epos über zwei Frauen, die dem Unrecht trotzen und versuchen, in einer fremden Welt ihr Glück zu finden.

»Dagmar Trodler schreibt mit einer derart ausschweifenden Lust am Fabulieren und einer so mitreißenden Sprachgewalt, als habe sie nie etwas Anderes getan – intelligent, authentisch und unterhaltsam.« Kölner Stadtanzeiger

Dagmar Trodler

Der Duft der Pfirsichblüte

Eine Australien-Saga

Inhaltsübersicht

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Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Nachwort und Dank

Über Dagmar Trodler

Impressum

Fyrir Jens

Prolog

Alles hatte mit einem dürren roten Ast begonnen.

Jemand hatte ihn in ein Glas Wasser gestellt und, nachdem er Wurzeln geschlagen hatte, in einen irdenen Topf mit Erde gepflanzt. Der Topf war nicht hübsch, und der Ast wirkte armselig. Die Frühlingssonne schaffte es nämlich nicht, ihm Blätter zu entlocken, sosehr sie den Ast auch streichelte. Stattdessen bildeten sich, dicht nebeneinandersitzend, kleine, feste Knospen rund um den Ast. Sie lechzten nach südlicher Wärme, um sich zu entfalten, und die Sonne gab ihr Bestes, ihnen dabei zu helfen.

Und dann wurde der braune Knospenmantel zu eng. Die Blüten streiften ihn ab und reckten sich der Sonne entgegen. Sie öffneten ihre rosafarbenen Kelche, um das Sonnenlicht aufzunehmen, und verdeckten mit den Blütenblättern den Ast und auch die grünen Blätter, die ihnen schüchtern hinterherwuchsen.

Mit sanften Fingern strich die Frau über den Pfirsich. Obwohl ihre Augen fast blind waren, hatte sie sein Wachsen begleitet, von dem Moment an, da sich die Knospen aus dem Ast hoben, über die Zeit der zart duftenden Blüten hinweg bis zum Heranreifen der saftigen Frucht. Ihre Hände hatten erfasst, was die Augen nicht mehr sahen.

Und sie wusste, wie es war, den unscheinbaren, braunen Mantel abzustreifen und sich langsam nach der Sonne zu strecken und zu wachsen. Wohl keine Frucht der Welt fühlte sich so an wie die Haut eines Menschen.

1. Kapitel

There she weaves by night and day

A magic web with colours gay.

She has heard a whisper say,

A curse is on her if she stay …

(Alfred Lord Tennyson, The Lady of Shalott)

Wie ein blitzender kleiner Fisch tauchte die silberne Nadel in die Garnwellen.

In atemloser Flinkheit fasste sie mit ihrem zierlichen Haken nach dem Faden und nahm ihn in Besitz. Sie zögerte ganz kurz, dann spannte sie ihn, bereitete ihn vor auf das Eintauchen. Der Faden ließ sich bereitwillig von ihr über den mageren Jungmädchenfinger ziehen und folgte ihr durch das Maschenloch, um dahinter einen Luftsprung zu vollziehen, wie es schon unzählige Male geschehen war. Die Häkelnadel führte ihn, sie lockte und verführte ihn, und eine Masche später lag er gefangen in den schäumenden Wellen der blütenweißen Häkelarbeit … Die Nadel lockte den Faden. Immer wieder. War die Wellenreihe zu Ende, wendete die Nadel und tauchte zurück. Immer wieder.

Penelope seufzte heimlich. Sie ließ ihren Blick von rechts nach links huschen und legte den Spitzenkragen, als niemand hinschaute, vor sich auf den Tisch, in die gefährliche Nähe der Kerze, die alles verderben konnte, weil sie von schlechter Qualität war und rußte und umkippen konnte. Immer zwei Spitzenhäklerinnen teilten sich eine Kerze, deren Lichtkegel durch den wassergefüllten Glaskolben davor etwas vergrößert wurde. Gestern hatte die dicke Prudy durch eine hastige Bewegung den Glaskolben umgerissen und den Tisch unter Wasser gesetzt. Madam Harcottes Geschrei hing immer noch in den Vorhängen der Werkstatt und Prudys Geschrei ebenfalls, nach den Schlägen, die Madam Harcotte mit dem Rohrstock auf ihren Kopf und ihren Rücken verteilt hatte …

Penelope fror. Der Heißwasserbottich stand unter Gwyneths Stuhl. Es gab nur einen, den sie sich teilen mussten. Jeden Tag bekam ein anderes Mädchen ihn unter den Rock geschoben, um sich aufzuwärmen. Penelope war am Morgen an der Reihe gewesen. Sie genoss die warmen Beine, aber sie wusste auch, wie schnell man sich an dem heißen Metallbottich verbrühen konnte. Die Kälte war längst zurückgekehrt. Penelope drückte ihre Hände verstohlen zwischen die Rockfalten und rieb sie aneinander, bis die Steifigkeit aus den Gelenken wich. Mit steifen Fingern häkelte man unregelmäßig, was den Preis der Spitze minderte.

Irgendwelche Fehler in der Ware sah Madam Harcotte überhaupt nicht gerne. Sie trug den hugenottischen Namen ihres verblichenen Großvaters mit Stolz und runzelte indigniert die Stirn darüber, wie diese Briten den Namen verhunzten, und selbstverständlich kannte sich niemand mit Spitze und Seide so gut aus wie sie, eine echte Lyoneserin. Dass sie kein Wort Französisch sprach und nicht einmal einen französischen Akzent hatte, war möglicherweise nur Penelope aufgefallen, die von Serge, dem jakobinischen Schneider an der Ecke, ein paar Sätze aufgeschnappt hatte. Aber Madam Harcottes Geschmack für Leinen und Spitze war gewiss französisch. Das fanden jedenfalls ihre Kunden.

Madam Harcotte schwirrte mit ihrer Petroleumlampe wie ein aufgeregter Falter durch den Raum, sammelte heruntergefallene Garnrollen auf, schimpfte über Unordnung und trieb die Mädchen zur Eile an. Wo es ihr nötig erschien, tat sie das auch mit Kopfnüssen, und dann wippten die Mädchen wie Fadenpuppen vor und zurück und verkniffen sich jeden Laut, weil der nur eine noch schmerzhaftere Kopfnuss nach sich ziehen würde.

»Faule Gören seid ihr«, schimpfte Madam Harcotte, »nie zuvor hatte ich solch faules Volk in meiner Werkstatt sitzen, ihr ruiniert mich, ihr verdammten Gören, nie werde ich diesen Mist verkaufen können, den ihr hier herstellt, nie.«

Penelope ärgerte sich über solchen Unfug. Madam Harcotte verkaufte die filigranen Spitzenkrägen, die von den sechs Mädchen in ihrer Obhut angefertigt wurden, an Damen des Adels und stellte überall ihren Stolz darüber zur Schau, dass man die Qualität in der ganzen Stadt lobte. Es hatte eine Weile gedauert, bis Penelope klargeworden war, dass das Geschimpfe offenbar zu einer Häkelwerkstatt gehörte. Andere Aufseherinnen schimpften ebenfalls, wie ihr zu Ohren gekommen war, und benutzten den Rohrstock noch ausgiebiger. Es gab in Londons Werkstätten unzählige Spitzenhäklerinnen, und keine von ihnen würde es wagen, sich über ihr Los zu beklagen und darüber die Arbeit zu verlieren. Lag man einmal in der Gosse, war es schwer, einen neuen Arbeitsplatz zu finden.

Bevor Madam Harcotte an ihrem Stuhl angekommen war, hatte Penelope ihre Arbeit wieder zwischen den Fingern und stichelte sich mit der feinen Häkelnadel durch die Maschen. Sie achtete darauf, dass sich der Kragen in seiner ganzen Pracht über ihren Rock breitete, um der Kritik vorzubeugen, dass sie getrödelt hatte. Eine Luftmasche, eine ganze Masche, eine halbe zurück, eine ganze vor … Ihr war immer noch kalt. Heißen Tee gab es erst zum Abschluss des Tages und auch nur, weil Madam Harcotte es genoss, von Reverend Arnold in der Predigt als gottesfürchtige und gutherzige Arbeitgeberin gelobt zu werden – eine, an der man sich ein Beispiel nehmen müsse. War er mit seiner Predigt fertig, senkte sie den Kopf, damit man unter ihrem Hut nicht sah, wie sie selbstgefällig lächelte. Hin und wieder kochte sie an Samstagen eine dünne Hafersuppe, wenn sie fand, dass die Mädchen zu blass aussahen und zu langsam arbeiteten. Der Suppe fehlte jedes Salz, weil das zu teuer war, und nur an Weihnachten zierte mit Zimt vermischter Zucker den Topfinhalt. Trotzdem schaufelten die Häklerinnen ihn schweigend und hastig herunter. Es galt, Mahlzeiten mitzunehmen, wo auch immer sie geboten wurden.

Penelope mochte dennoch lieber zu Hause essen. In ihren fünfzehn Lebensjahren hatte sie nur wenige Abendmahlzeiten ohne die Gesellschaft ihrer Mutter eingenommen, und sie wusste, dass das bei manchen Freundinnen anders war. Vieles war anders geworden, seit die Welt da draußen nur noch aus dem französischen Kaiser Napoleon und seiner Kontinentalblockade zu bestehen schien, die Großbritannien von der restlichen Welt abtrennte. Die Blockade verteuerte das tägliche Leben und ließ die gefürchtete Armut immer näher rücken. Der französische Kaiser hatte es bis zu diesem Tag im Jahr 1809 beinahe geschafft, ihre Heimat an den Abgrund zu führen. Auf dem Kontinent hatte er eine Schlacht nach der anderen gewonnen, und nun versuchte er, England in die Knie zu zwingen. Er verbot allen Ländern, Handel mit dem britischen Empire zu treiben. Zunächst hatte man sich auf den Straßen Londons noch darüber lustig gemacht. Was wollte so ein kleiner Wichtigtuer denn da verbieten? Doch dann lehrte der kleine Wichtigtuer England Mores, denn seine Zöllner schafften es tatsächlich, den europäischen Handel lahmzulegen.

In der Folge blühte der Handel im Verborgenen. Der Schmuggel war ein ebenso spannendes wie lebensgefährliches Unterfangen, für das Madam Harcotte umso weniger Verständnis aufbrachte, als sie genau die Waren herstellen ließ, die ursprünglich aus französischer Fertigung stammten und in der vornehmen Welt der Damen heißbegehrt waren: Spitzen für Krägen und Tüchlein – Spitzen so fein wie ein Windhauch.

Ein ganzes Heer von geschickten Häklerinnen bevölkerte Londons Hinterhofstuben, um die unersättliche Adelswelt mit Waren zu beliefern. Von Tüchern über Schleier bis hin zu ganzen Kleidern und Gardinen reichte das Angebot, doch mancher Edle war der Meinung, nur in Brügge oder Gent gebe es die beste Spitze, und suchte nach Wegen, sie ins Land zu schmuggeln.

»Und stellt euch vor, da haben sie gestern wieder so einen Schmuggler erwischt«, drang Madam Harcottes Stimme an ihr Ohr. Penelope horchte auf. »Einen von diesen Dreckskerlen, die mir das Geschäft kaputtmachen. Feine Damen sollte er beliefern. Seide führte er in seinen Kisten mit – ein Mann! Und sein Bruder, der angeblich in Jena gefallen war und dessen sterbliche Überreste er ins englische Grab tragen sollte – ha!« Empört stocherte Madam Harcotte mit der Petroleumlampe in der Dunkelheit herum. »Dieser Bruder bestand aus Brügger Klöppelspitze! Der ganze Sarg war mit Spitze vollgestopft, vom toten Bruder keine Spur! Hat man so was je gehört!«

Keines der Mädchen wagte ein Wort. Man wusste hier nie, ob es willkommen war oder nicht und für welche Reaktion es einen Streich mit dem Rohrstock setzte. Aber sie hörten alle gespannt zu, wie die Geschichte weiterging, während die Madam den Tisch mit ihrer Lampe umrundete.

»Verhaftet haben sie ihn und seinen gottverdammten Schmugglersarg an Ort und Stelle konfisziert. Hängen soll er, hängen, wie alle anderen Schmuggler und Diebe auch! Aber vielleicht …« Ihre Stimme senkte sich gefährlich, Madam Harcotte war eine eloquente Geschichtenerzählerin. »… vielleicht ergeht es ihm ja auch noch besser. Und sie schicken ihn … sie schicken ihn aufs Schiff! Ha! Dann kann er seine geschmiedeten Fußketten in die Kolonien schmuggeln, wenn ihn nicht die Fische vorher auffressen!« Die Spitzenhändlerin lachte böse über ihren Einfall.

Prudy seufzte. Ihr ältester Bruder war vor einigen Wochen verhaftet worden, nachdem er beim Entwenden eines Hafersackes ertappt worden war. Gleich am nächsten Tag hatte man ihn zum Tod durch den Strang verurteilt. Sein Freund, der den Diebstahl mit ihm zusammen begangen hatte, war begnadigt worden, es hieß, er warte darauf, als Zwangsarbeiter in die Kolonien verschifft zu werden. Wegen der französischen Seeblockade gelang es nur wenigen Schiffen, auf den überwachten Seefahrtsrouten Schlupflöcher zu finden. Napoleons Plan war aufgegangen – der Schiffsverkehr mit dem Rest der Welt war weitgehend zum Erliegen gekommen. Die Schiffe warteten in britischen Häfen, manchmal viele Wochen lang, bis sich herumsprach, dass wieder jemand eine halbwegs sichere Route nach Süden gefunden hatte.

Penelope rieb sich verstohlen die triefende Nase. Die Geschichte von Prudys Bruder beschäftigte sie immer noch. In düsteren Worten hatte Madam Harcotte von den Gefängnisschiffen unten am Kai berichtet – sie lagen gleich neben den Galgen, die man die dreibeinigen Stuten nannte. Neben den drei hölzernen Beinen war der Gehängte das vierte Bein. Beinahe täglich wurden Diebe und Verbrecher aufgehängt, doch noch immer waren die Gefängnisse überfüllt, daher war man auf den Gedanken gekommen, Schiffe in Gefängnisse umzuwandeln. In beinahe allen großen britischen Häfen gab es riesige Schiffe mit schweren Segeln, die den Himmel verdüsterten. In Ketten gelegte Gefangene pferchte man an Bord und schickte sie dann auf die Reise – doch nicht weiter als bis hinter den Horizont. Mit so viel Schlechtigkeit an Bord konnte so ein Schiff ja nur untergehen, davon war Madam Harcotte überzeugt. Und wenn diese Schiffe doch nicht sanken, dann segelten sie dem französischen Wichtigtuer in die Arme, der sie mit Kanonen beschoss und zur Hölle schickte.

Prudy hatte den ganzen Tag geweint, doch niemand hatte sie getröstet. Trost musste man sich leisten können.

»Du kommst spät«, stellte Mary MacFadden fest, ohne sich nach ihrer Tochter umzublicken. Penelope drückte schuldbewusst den Riegel in die Halterung und zog die Schleife ihres Umhangs auf. Der Haken an der Wand sprang hin und her, als sie den Umhang aufhängen wollte. Das Kleidungsstück fiel auf den Boden …

»Pass doch auf, Kind!«, zischte Mary verärgert. »Über deine Ungeschicklichkeit zerreißen sich schon die Leute das Maul!«

Fröstelnd zog Penelope die Schultern zusammen. »Ich hab für die alte Lou Kohlen getragen«, murmelte sie, in der Hoffnung, die Mutter würde das als Entschuldigung akzeptieren. Lou wohnte mit ihrem räudigen Hund in einem Verschlag hinter dem Schweinestall. Penelope wusste, dass sie Essen aus den Schweinetrögen stahl, um sich und den Hund satt zu machen. Der Hund teilte ihr Lager und hielt sie warm, und vermutlich beschützte er sie auch. Sein Maul war so furchteinflößend, dass wohl niemand wagte, die alte Frau ins Armenhaus zu schaffen. Das Essen aus dem Schweinetrog, behauptete Lou, sei viel besser als der Fraß im Armenhaus. Würde man sie beim Diebstahl an den Trögen erwischen, würde man sie aufhängen.

»Der Strang ist ein gnädigerer Nachbar als der Hunger«, pflegte Lou zu murmeln, wenn Penelope sie um Vorsicht bat, und manchmal hatte es den Anschein, dass sie es geradezu darauf anlegte, erwischt zu werden.

»Lou Herriot hat einen Enkel, der ihr Kohlen tragen kann. Sie braucht meine Tochter nicht.« Mary kannte kein Mitleid. In Southwark gab es keinen Platz für Mitleid. Wer aus dem Haus trat und bis zu den Knöcheln in Unrat versank, hatte nur Augen für sich selbst. Southwark schrieb seine heimlichen Gesetze selber – und eines davon lautete: Schau dich nicht um – überlebe!

Der Hunger trieb den Leuten das Mitleid aus. Nicht einmal die Priester glaubten noch, was sie in den Gottesdiensten erzählten, rissen sich doch ihre eigenen hungrigen Kinder die Brotkanten aus den Händen. Penelope hatte es selbst gesehen, als sie ein geflicktes Spitzenband bei Reverend Arnold ablieferte. Der Geistliche hatte wie so oft seinen Kirchenlohn im Rumkeller der Schenke gelassen, während sein hohlwangiges Weib versuchte, die Kinder mit Gebeten ruhigzustellen. Auch der Topf mit den Kirchengeldern war leer, weswegen Penelope das Band wieder in Madam Harcottes Werkstatt zurückgetragen hatte, denn Ware gab es auch für Priester nur gegen Bezahlung.

»Wenn Lous Enkel so ein Herumtreiber ist, hat sie sich das selber zuzuschreiben.« Mary ließ nicht locker. »Man muss eben beizeiten zusehen, dass man zu etwas kommt. Für mich sorgt auch niemand, aber ich habe wenigstens ein paar Münzen beiseitegelegt …«

Sie sah ihre Tochter grimmig an und schwieg, weil sie wusste, wie ungerecht ihre Worte waren. Penelopes Lohn half, die Miete zu bezahlen und Brot auf den Tisch zu bringen. Sie hatten bislang nie hungern müssen – anders als viele andere im Viertel. Ein wenig schämte Mary sich ihrer Verbitterung.

Mary war die einzige unverheiratete Frau in der Gasse. Sie kam aus Schottland, aus einem Kaff, von dem niemand je gehört hatte – und sie hatte ein Kind mitgebracht, über dessen Vater sie nie sprach. Nur große Trauer oder ein düsteres Geheimnis konnten hinter ihrem Schweigen stecken, darin waren sich die Leute einig. Und so tratschte man zwar ein wenig, aber man wagte es nicht, sich über Mary lustig zu machen. Man brauchte sie und, ja, hatte wohl auch ein wenig Angst vor ihr. Mary kannte sich mit Wunden und Krankheiten aus, und sie stand wie keine andere Hebamme den Frauen im Kindbett bei. Manche sagten ihr nach, sie habe ihre Kunst beim Teufel gelernt, denn eine Tasche mit Gerätschaften, wie sie nur ein Arzt verwendete, befand sich in ihrem Besitz, und für solche Dinge müsse man schon seine Seele verkauft haben. Die Wahrheit darüber hätte nur jener Doktor im St. Mary’s Hospital in Manchester gewusst, dessen Lieblingsschülerin sie einst gewesen war.

Mary hatte äußerst geschickte Hände und nahm weniger Geld als die Doktoren. Trotzdem riefen die Schwangeren aus den feineren Vierteln lieber wohl ausgebildete Geburtshelfer an ihr Lager. Mary MacFadden gehörte zu jenen Frauen, deren Name in aller Heimlichkeit weitergereicht wurde.

Sie seufzte und riss sich aus den Gedanken. »Ich habe eine neue Arbeit für dich«, sagte sie zu ihrer Tochter. Mit beiden Händen rührte sie in dem Wäschebottich herum, sie war eine der wenigen Frauen, die die Leibwäsche regelmäßig auf dem Herd kochten, weil sie der Ansicht waren, dass dies Krankheiten fernhielt. Der Hausbesitzer war anderer Ansicht, daher hatte Mary sich wieder über die zusätzlichen Eimer Wasser mit ihm streiten müssen. Doch nun dampfte der Bottich und erfüllte die Küche mit ungewohnter Wärme.

»Eine gute Arbeit«, sprach sie weiter. »Vielleicht bekommst du dort mehr zu essen. Du hast nichts auf den Rippen, und der nächste Winter wird hart. Ich weiß nicht, ob ich genug Kohlen für uns beide heranschaffen kann. Die Geschäfte gehen nicht gut … vielleicht kannst du sogar dort wohnen, wenn man zufrieden mit dir ist.«

Penelopes Herz begann heftig zu schlagen. Die Mutter hatte sie jemandem als Dienstmädchen versprochen! Sie würde ihr Bündel packen müssen, so, wie es Heather aus der Nachbarschaft ergangen war, die letzten Winter von ihrem Vater nach Birmingham geschickt worden war, weil das Essen in der siebenköpfigen Familie zu knapp geworden war. Und von ihr hatte man nie wieder etwas gehört.

»Mutter, bitte … schick mich nicht weg«, murmelte sie mit einem flehenden Blick und kämpfte mit den Tränen.

In dem Moment drehte Mary sich um. Du siehst deinem Vater so verflucht ähnlich, dachte sie. Deine Augen, deine Stimme. Deine Bewegungen. Ich vermisse ihn, und wenn ich dich ansehe, schmerzt es nur umso mehr … Sie hatte ihrer Tochter nie von dem Mann erzählt, der für ein paar zauberhafte Monate ihr Geliebter gewesen war, in jenem kleinen Haus vor den Toren Manchesters. Dort hatten sie beisammen gelegen und Pläne geschmiedet, hatten mit Lust ein Kind gezeugt und an eine Zukunft geglaubt. Tagsüber hatten sie im Hospital nebeneinander gearbeitet, er als ihr Lehrer und sie als seine beste Schülerin. Am Tag, als sie ihm von ihrer Schwangerschaft hatte erzählen wollen, hatten sie ihn verhaftet, weil er Dokumente gefälscht hatte. Auf Fälschen stand die Todesstrafe, und die Büttel hatten ihn vom Operationstisch weggeholt und nach London gebracht. Ein paar Briefe aus der Gefangenschaft waren alles, was ihr von ihm geblieben war. Irgendwann waren keine Briefe mehr gekommen. Mary hatte nie wieder von ihm gehört. Es hatte sie ihre ganze Kraft und ihren Einfallsreichtum gekostet, trotz der heimlichen Schwangerschaft zu arbeiten und Geld zu verdienen. Nach der Geburt hatte sie es nicht übers Herz gebracht, das Kind wegzugeben, wie viele Frauen es taten. Es erinnerte sie an ihn – es war Schmerz und Last zugleich und hatte doch dafür gesorgt, dass sie am Leben geblieben war.

Nein, dachte sie, du bist nicht wie er. Er war stark und tapfer. Er hatte einen Glauben und ein Rückgrat. Trotzdem nahm sie ihre Tochter in die Arme, sie ertrug die Tränen nicht.

»Schick mich nicht weg«, flüsterte Penelope und presste ihren Kopf gegen die Brust der Mutter, die diese schon seit Jahren in kein Mieder mehr presste, weil der Druck sie peinigte. Sie verschränkte ihre Arme hinter Marys Rücken, als wolle sie sie nie wieder loslassen.

»Schick mich nicht weg …« Die Stimme versagte Penelope, als sie spürte, wie Mary sie auf den Kopf küsste und leise »nein« sagte.

Ein eiskalter Windhauch fuhr unter der Tür hindurch, und der liebevolle Moment verging so schnell, wie er gekommen war.

Mary befreite sich aus der Umarmung. »Ich war heute in Belgravia«, sagte sie.

Ihre hageren Züge verhärteten sich. Die Falten zwischen Wangen und Nase wirkten wie zwei schwarze Striche, die sich über der Nasenwurzel in einem düsteren Punkt trafen. Manchmal wurde der Punkt größer. Auf Penelope wirkte er wie ein drittes Auge. Mit diesem Auge sah die Mutter Dinge, die andere nicht sahen – davon war sie überzeugt.

»Eine Dienstmagd ist in Nöten. Das Mädchen gebar eine Missgeburt.« Mary verzog die Lippen und sparte sich weitere Beschreibungen. Vielleicht hatte das Kind keinen Kopf gehabt oder drei Arme, vielleicht war es auch nur ein rohes Fleischbündel gewesen. Von solchen Geburten erzählte sie manchmal vor dem Einschlafen im gemeinsamen Bett. Als ob sie ihr Grauen schnell noch dem Tag anvertrauen wollte, um in Ruhe in die Nacht gehen zu können. Dann aber geisterten die Geschichten zwischen den Decken herum. Die Mutter schlief, und Penelope lag wach und kämpfte mit den Bildern.

»Sie wäre fast gestorben, aber die Lady wollte keinen Arzt rufen.«

Penelope wusste den Grund. Mit dem Arzt wäre auch der Priester gekommen und mit ihm neugierige Fragen, vielleicht eine Vernehmung, weil die Kindbetterin ja teuflischste Gedanken gehabt haben musste – sonst hätte sie ein normales Kind zur Welt gebracht. Die Missgeburt musste furchtbar ausgesehen habe, folgerte Penelope.

»Es … es war also tot?«

Mary nickte. »Die Missgeburt kam tot zur Welt. Wir haben sie in den Kamin …« Sie schwieg, drehte sich um und rührte erneut im Wäschetopf, um die Erinnerung an den Gestank von verbranntem Fleisch zu vertreiben. Knochen konnte man nicht ganz verbrennen. Wenn das Feuer heruntergebrannt war, lagen sie weiß schimmernd in der Asche. Sie fragte sich, was die Lady wohl damit angestellt haben mochte.

Mit einer geschickten Bewegung zog Mary ihren Wäschetopf von der Platte – der Rest der Glut würde so eben ausreichen, um die Brotsuppe von gestern zu erhitzen und vielleicht ein Fladenbrot zu backen. Das heiße Waschwasser wärmte in einer Kupferblase ihr gemeinsames Lager. Mit ihrer Geschichte war sie noch nicht fertig. Der Besuch, der so schwierig begonnen hatte, war nämlich gut geendet, wie sie fand.

»Die Lady sucht nun eine geschickte Näherin«, erklärte sie Penelope. »Ihr Mädchen fieberte schon vor der Geburt, sie wird das vermutlich nicht überleben. Ich habe der Lady gesagt, dass du in ihr Haus kommst und zeigst, was du kannst.«

Mary schaute über ihre Schulter und zog seufzend die Brauen hoch, als sie die weit aufgerissenen Augen der Tochter sah. Dann machte sie sich daran, mit dem Holzlöffel die Hemden aus der heißen Waschbrühe zu ziehen, abzuwickeln und auszuwringen, obwohl das heiße Wasser ihre Hände aufschwemmte, dunkelrot färbte und beinahe gefühllos machte. Der Schmerz deckte sich über jenen harten Schmerz in ihrer Brust und betäubte ihn einfach. Das war es, was das Mädchen lernen musste: die Zähne zusammenbeißen und nach vorne schauen.

Sie wusste, dass Penelope sich oft fürchtete, doch so kam man nicht durchs Leben. Es war richtig, sie fortzuschicken.

Der Eiswind zog am Morgen von der Themse herauf durch die Gassen und traktierte das graue Volk, das mit vom Hunger hohlen Wangen auf dem Weg zur Arbeit war – zur Brauerei, zur Weberei und in die vielen kleineren Arbeitshäuser in Southwarks stinkenden Hinterhöfen. Diejenigen, die auf der Straße nach London Bridge unterwegs waren, marschierten etwas aufrechter. Sie verdienten ihre Schillinge auf der anderen Seite der Themse, wo das Brot ein wenig heller und die Kleider farbenfroher waren.

Für Penelope war es wie das erste Mal, über die breite London Bridge zu gehen. Gewiss war sie schon einige Male auf der anderen Seite des Flusses gewesen, aber diesmal war alles anders. Diesmal ging sie alleine und hatte ein besonderes Ziel: ihren neuen Arbeitsplatz. Der Lärm der Kutschenräder und das Klappern der beschlagenen Pferdehufe hatten daher einen anderen Charakter. Der Lärm auf der anderen Seite der Brücke hatte einen großartigeren Klang, weil der Wind in den breiten Straßen genug Platz fand, ihn emporzutragen und nach seinem Gusto herumzuwirbeln, bevor er ihn spielerisch zu Boden fallen ließ. Es fühlte sich auch wundervoll an, über die gleichmäßigen, runden Pflastersteine zu laufen und ihre Formen bei jedem Schritt unter der dünnen Ledersohle zu spüren. Niemand schüttete hier seinen Unrat auf die Straße, und den allgegenwärtigen Kot der Kutschtiere zerhackten regelmäßig Möwen auf der Suche nach Haferkörnern. Jeder Regenguss spülte den Unrat in die Gosse, und man konnte sich einbilden, die Pflastersteine seien ein glänzend schwarzer Teppich, über den man wie eine vornehme Dame schritt.

Penelope schüttelte den Kopf über diese dummen Gedanken. Sie war keine vornehme Dame – allenfalls auf dem Weg zu solch einer, ohne jedoch zu wissen, ob sie dort auch willkommen war. Die Mutter hatte ihr nur eine Adresse und den Namen der Dame auf einen Zettel geschrieben, damit sie, falls sie sich verirrte, nach dem Weg fragen konnte. »Lady Rose Winfield« – den Namen konnte sie ebenso auswendig wie die Adresse in Belgravia. Sie trug ihr bestes Kleid unter dem alten Wollmantel, dessen Ärmel sie mit einer bestickten Borte so geschickt verlängert hatte, dass nur aufmerksame Betrachter bemerken würden, wie verschossen die Nahtkanten waren. Regentropfen glitzerten wie kleine Edelsteine auf dem Filz.

Die Mutter hatte ihr im Morgengrauen das Waschwasser ausnahmsweise erhitzt und ein Stück ihrer kostbaren Seife zum Waschen spendiert. Da sie solche Kleinode nur sehr selten als Bezahlung für ihre Dienste erhielt, geizte Mary mit ihnen. Doch heute war sie ungewohnt großzügig gewesen und hatte Penelope auch beim Haarewaschen und Einflechten geholfen. Der Seifenduft hing immer noch in ihrem Haar. In einem Fenster hatte sie heimlich den satten Glanz ihrer dunkelblonden Flechten bewundert. Die Flechtfrisur war gut gelungen und betonte ihren schlanken, schönen Hals. Penelope fühlte sich wie auf dem Weg zu einer Hochzeit.

Je näher sie dem Sloane Square kam, desto richtiger fühlte sich alles an. In Hauseingängen roch es nach Karbol und Scheuermittel. Adrett gekleidete Küchenmädchen schleppten Einkäufe in Dienstboteneingänge, aus denen ihr der Duft frischgebackenen Brotes entgegenschlug. Feine Damen wandelten über das gefegte Pflaster, gefolgt von Zofen in vornehmen Mänteln, und selbst die Kutschen, die langsam durch die Straßen fuhren, blinkten unter den Regentropfen, weil Kutschburschen sie täglich von jeglichem Schmutz reinigten. Wie schwarze Perlen rannen die Tropfen an den Kutschen herab, und Penelope dachte, dass bei so viel Pracht das Reich des englischen Königs dem im Himmel ähneln musste. Sie wusste allerdings, dass der Bewohner des St.-James-Palastes am anderen Ende des gleichnamigen Parks zwar von königlicher Geburt war, es jedoch geschafft hatte, sich durch einen extravaganten Lebensstil derart zu verschulden, dass das Parlament ihm seine Schulden hatte erlassen müssen, worüber seine Untertanen äußerst erzürnt waren. Madam Harcottes Empörung klang noch in ihren Ohren. Ein König bekam die Schulden erlassen, ein braver Handwerker landete im Schuldturm, hatte man noch Worte! Böse Zungen nannten König George III. verrückt, die Madam teilte ihre Meinung. In Belgravia wohnten noch nicht einmal die wirklich feinen Leute. Mr. Winfield, der Vater von Lady Rose, war ein Tuchhändler, den die Baumwolle aus den Kolonien reich gemacht hatte. Er verkehrte durch seine Geschäfte regelmäßig bei Hofe. Alles, was zu seinem Glück fehlte, so hatte die Mutter am Morgen dann doch noch verraten, war die Ernennung zum königlichen Hoflieferanten. Diese Ernennung ließ jedoch auf sich warten. Der König überließ Entscheidungen lieber seinem Premierminister. Und Lord Liverpool hatte zurzeit andere Sorgen, er musste sich mit dem Wichtigtuer aus Korsika herumschlagen, der mit seiner Seeblockade nicht nur den Baumwollhandel erschwerte. Mr. Winfield konnte daher nur weiter Vermögen anhäufen und darauf hoffen, dass man ihn eines Tages erhören würde.

»Nur damit du weißt, wo die Reise hingeht«, hatte Mary zum Abschied geraunt und Penelope einen Kuss auf die Stirn gedrückt. Ihren Stolz, die Tochter in ein dennoch so feines Haus vermittelt zu haben, hatte sie kaum verhehlen können.

Die Hausnummer 28 war ein blitzsauberes weißes Eckhaus am Sloane Square. In den gewienerten Kassettenfenstern spiegelte sich die Kastanie auf der Straßenecke, die Fensterbänke glänzten wie frisch gestrichen. Die Treppe zum Dienstboteneingang war sauber gefegt, der Besen, der neben der Tür lehnte, sah aus wie neu. Penelopes Herz klopfte heftig. Ein halbes Ave-Maria lang stand sie vor der Tür und sog den Duft nach gekochten Linsen ein. Als sie sich schließlich endlich überwand, den Türklopfer anzufassen, öffnete sich die Tür wie von selbst.

Eine magere, hoch aufgeschossene Person stand vor ihr, in blütenweißes, durch keinen einzigen Fleck entstelltes Leinen gekleidet. Die gestärkte weiße Haube thronte auf ihrem Haar wie ein kunstvolles Baiserstück und betonte ihre schwarzen Knopfaugen. Unterhalb des Gesichtes wurde ein riesiger Kropf vom zugeknöpften Kragen eingezwängt.

»Was bringst du?«, fragte die Hausdame des Hauses 28, die offenbar aus einem ganz anderen Grund die Tür geöffnet hatte, und schaute hochnäsig an Penelopes einfacher Kleidung herab.

»Ich … ich …«, stammelte Penelope. »Ich wurde … ich bin … meine Mutter schickt …« Sie holte tief Luft und kämpfte ihre Schüchternheit nieder. »Ich soll zum Flicken herkommen. Meine Mutter war die Hebamme –«

Die Tür schwang weiter auf, und die Hausdame tat einen Schritt zurück, und fast wirkte ihr hageres Gesicht freundlich. »Komm rein, die Arbeit wartet schon!«

Die Hausdame führte Penelope an der Küche vorbei, wo im Dunst der Kochstelle ein Junge in zwei Kesseln rührte. Im Dienstbotenraum standen Breischüsseln für das Frühstück bereit. Eine schmale Tür verbarg die Wäschekammer wie eine geheime Quelle der Sauberkeit. In stiller Reinheit lagen Tücher und Laken ordentlich gestapelt in weißgestrichenen Regalen. Eines der Mädchen drückte sich neben der Tür gegen die Wand, als die Hausdame den Raum betrat.

»Das ist von nun an dein Platz. Jane kümmert sich um das Stärken und Plätten. Deine Aufgabe ist das Flicken. Dort in dem Korb ist die Flickwäsche. Und Spitze auszubessern hat die Lady auch, den Korb hole ich dir von oben herunter.« Die Hausdame machte eine kurze Pause und hob den Finger. »Die Lady ist oben. Wir sind hier unten. Du hast oben nichts verloren. Nicht, wenn sie klingelt, nicht, wenn sie ruft. Niemals, hast du mich verstanden?« Ihre Knopfaugen blitzten drohend auf. Dann wies sie Penelope einen Hocker zu, stellte die Petroleumlampe auf den Tisch und nickte. »Also, du kannst anfangen.«

Penelope seufzte, als die Frau den Raum verlassen hatte. Der Geruch von gewürzter Frühstücksgrütze drang an ihre Nase, sie hörte das Geplapper der Dienstleute, doch niemand lud sie ein, an der Mahlzeit teilzunehmen. Sie gehörte noch nicht dazu, sie musste sich den Brei erst mal verdienen, und die Hausdame hatte ihr gleich gezeigt, dass sie sich dafür würde anstrengen müssen. Flicken war nicht ihre Stärke. Ihre Hände gingen ungeschickt mit der Nadel um, sie stach sich, weil sie den Nähfaden nur schlecht erkennen konnte, und nach ein paar Stunden schmerzten ihre Augen vom Zusammenkneifen.

Wie viel einfacher das Häkeln doch war! Der Faden gehorchte ihr ebenso willig wie die Häkelnadel, die verlassen in ihrer Tasche wartete, beide würden freiwillig von Schlinge zu Schlinge für sie tanzen und wie von selbst kunstvolle Gebilde erschaffen, Spitzen von duftiger, hauchzarter Leichtigkeit …

Die Flickwäsche aus grobem Leinen wies ausgefranste Löcher auf. Flicken waren aufzunähen. Die Hausdame hatte nichts gesagt, aber es war klar, dass sie auf keiner Seite eine Nähkante zu sehen wünschte.

Zum Mittagessen rief man Penelope aus der Kammer heraus. Sie blinzelte ins ungewohnte Tageslicht. Im Kamin des Dienstbotenraums brannte ein nach Fichtenharz duftendes Feuer. Begierig sog sie den Geruch ein, der so ganz anders war als der scharfe Kohlengeruch, den sie von daheim gewöhnt war. Man wies ihr einen Platz an der Tafel an. Viel wurde nicht gesprochen. Drei Jungen, der Kutscher und zwei Mädchen in Penelopes Alter saßen schon am Tisch, schlangen das Essen schweigend und hastig hinunter. Was man im Leib hatte, konnte einem niemand mehr nehmen. Neben der Hausdame hatten die Köchin und zwei Kammerzofen Platz genommen. Ihre prüfenden Blicke drückten schwer auf Penelopes Schultern, und sie fühlte sich noch kleiner, als sie ohnehin schon war.

Niemand richtete ein Wort an sie, trotzdem sollte der erste Tag in der engen Kammer gut enden. Das Petroleum ging schon zur Neige. Der erste Korb mit Flickwäsche war fast geleert, und draußen im Flur schlug mit hässlichem Geräusch eine Uhr. Penelope vergaß, ihre Schläge mitzuzählen, als sich plötzlich die Kammertür quietschend öffnete und die Hausdame den Raum betrat. Das Petroleumlicht flackerte, während sie mit beiden Händen in den Stapel geflickter Wäsche griff. Ihre Finger wanderten über Nahtkanten, prüften Halt und Sitz der Flicken und zogen Leinstücke gerade, um zu sehen, ob Penelope irgendwo schief genäht hatte. Penelope hielt den Kopf gesenkt. Strafen waren so leichter zu ertragen und weniger schmerzhaft. Madam Harcottes Rohrstock war stets schneller als ihre Stimme gewesen, wenn sie mit einer Arbeit nicht zufrieden gewesen war … Doch die Hausdame hatte keinen Rohrstock bei sich.

»Du hast gut gearbeitet«, sagte sie nach einigem Zögern. »Das sieht alles sehr sauber und ordentlich aus.« Dann legte sie den Finger unter Penelopes Kinn und hob deren Gesicht an. »Du kannst morgen wiederkommen. Und komm etwas früher, dann gibt es ein Frühstück für dich. Du siehst ganz schön dünn aus.«

Zum ersten Mal, seit Penelope das Haus Nummer 28 betreten hatte, lächelte sie jemand freundlich an.

Die Wäschekammer wurde ihre neue Heimat. So beengt sie ihr zu Beginn auch erschienen war, drehte man die Petroleumlampe ganz auf, war sie hell und sauber und bedeutete vor allem Ordnung zwischen all den Stapeln und Regalen. Selbst die Flickwäsche in den Körben war ordentlich gefaltet, und es fühlte sich unglaublich gut an, fertiggestellte Stücke unter das Plätteisen zu legen und Wärme in ein Wäschestück hineinzufalten. Außerdem drang die Wärme des Feuers aus der Küche unter der Tür hindurch, und nach ein paar Tagen hatte Penelope schon fast vergessen, wie sehr der Heißwasserbottich in Madam Harcottes Werkstatt einen verbrühen konnte. Es fühlte sich wunderbar an, die Arbeit mit einem heißen Porridge im Bauch zu beginnen, und es war himmlisch, zur Mittagszeit eine appetitliche Suppe auf dem Teller vorzufinden.

Bevor Penelope sich abends auf den Heimweg machte, steckte die Köchin ihr meist noch ein gebuttertes Stück Brot zu, und als sie nach der ersten Woche ihren Lohn ausgezahlt bekam, gab es ein Stück Konfekt, und die Köchin lachte schallend, weil Penelope noch niemals in ihrem Leben Konfekt gegessen hatte.

Das Haus 28 schien wie das Tor zum Paradies.

»Bist jetzt wohl eine feine Dame«, feixte die dicke Prudy, als sie nach der Messe vor den Toren von St. Saviour noch ein wenig beisammenstanden und schauten, wer alles aus der Kirche kam. »Hast es wohl nicht mehr nötig, mit uns Spitze zu häkeln, was?«

»Unsinn«, brummte Penelope. Der Priester war nicht ganz nüchtern gewesen, er hatte sich während seiner Predigt so verheddert, dass er mittendrin von vorne angefangen und dann einfach aufgehört hatte, was äußerst amüsant gewesen war, weil es um Lotter und Trunksucht gegangen war. Der Geistliche kam als Letzter aus der Kirche und war überaus blass. Vermutlich blühte ihm daheim nun ein rechtes Gewitter. Der Kirchplatz leerte sich, das Mittagessen lockte die meisten nach Hause.

»Unsere Penny macht nicht mehr in Spitze. Unsere Penny geht jetzt in ein vornehmes Haus und flickt dort lange Unterhosen.« Emily lachte, und ihr großer Busen hüpfte an ihrer schmalen Brust auf und ab.

»Aaaah – lange Unterhosen! Na dann …« Die beiden Mädchen kicherten albern.

»Solange Spitze an der Unterhose dranhängt, weiß sie ja, was sie machen soll.« Prudy japste nach Luft. »Die kann sie ja fühlen …«

»Und pass auf, eh sie sich’s versieht, wird sie auch fühlen, was in der Unterhose hängt.« Die Mädchen kreischten vor Vergnügen. Emily musste sich Luft zufächeln, ihr Gesicht war vom Lachen krebsrot geworden.

Penelope betrachtete die Mädchen noch einen Moment. Sie waren einmal enge Freundinnen gewesen, hatten in der Schule zusammen Lesen und Schreiben gelernt und viele Geheimnisse miteinander geteilt. Sie hatten die Schläge von Madam Harcotte gemeinsam ausgehalten und sich gegenseitig getröstet, wenn es mit der Arbeit nicht vorangehen wollte.

Nun musste Penelope begreifen, wie flüchtig das alles war, sobald Missgunst sich dazugesellte. Wie immer fiel ihr nicht ein, was sie auf die Hetzworte sagen sollte. Daher drehte sie sich um, schluckte den Frosch, der ihr im Hals steckte, herunter und lief durch den Schneematsch nach Hause.

»Wo ist die Näherin?«, plärrte eine Stimme durch das ganze Haus. »Wo ist die Näherin – Grundgütiger, das muss sofort gemacht werden, sofort! Ist denn hier keiner? Anabell? Rita?« Auf der Treppe polterte es. Wieder ertönte die Klingel, doch niemand rührte sich im Haus.

Penelope hob den Kopf. Wo waren die Bediensteten alle hingegangen?

Die aufgeregten Schritte kamen näher, hasteten durch die Küche, dann in den Dienstbotenraum und um den Tisch herum. »Anabell?«

Die Hausdame schien sich in Luft aufgelöst zu haben, doch Penelope fand nicht den Mut, die Tür ihrer Wäschekammer zu öffnen, dabei wäre es ein Leichtes gewesen, denn Rita hatte sie nur angelehnt. Vorsichtig legte sie ihre Arbeit auf den Tisch. Sollte sie die Kammer verlassen? Was geschähe, wenn die Lady kam und sie bei ihrer Neugier ertappte? Draußen stampfte jemand mit dem Fuß auf und fluchte laut.

Penelope riss die Augen auf. So würde sich eine Lady nicht verhalten. Niemals!

Plötzlich schwang die Tür der Kammer auf, und Lady Winfield erschien im Rahmen – sie war ungefähr genauso breit wie die Tür.

»Hier ist ja jemand –« Die Lady hielt inne und reckte den Hals vor, um im Halbdunkel besser sehen zu können. An ihren blinzelnden Augen erkannte Penelope, dass sie möglicherweise auch schlechte Augen hatte. Doch sicher besaß sie Vergrößerungsgläser, mit denen sie ihre Welt scharf sehen konnte.

»Bist du das Nähmädchen? Ja? Dann komm, ich brauche sofort Hilfe. Sofort, ich kann nicht warten …«

»Ja, Madam«, murmelte Penelope und drückte sich hinter ihrem Tisch hervor, immer noch verwundert, wo die ganzen Dienstboten nur waren, so dass die Lady sich selbst hier unten auf die Suche hatte begeben müssen. Lady Winfield packte ohne Umstände Penelopes Hand und zog sie aus der Wäschekammer in den Dienstbotenraum. Dort schaute sie einmal an ihr herunter, nickte, und in einer Geschwindigkeit, die Penelope ihr überhaupt nicht zugetraut hatte, ging es aus dem Kellergeschoss in den großen Hausflur. Von dort aus eilten sie eine marmorne Freitreppe hinauf. Penelope fand kaum Zeit, ihre Hand auf das polierte lackschwarze Geländer zu legen, weil Lady Rose undamenhaft zwei Stufen auf einmal nahm.

Oben hielt sie kurz inne, schwer atmend und auf das Geländer gestützt, doch ohne Penelope loszulassen. Dann brach sie in ein ansteckendes, perlendes Lachen aus, das aus der Tiefe ihrer stattlichen Brust zu kommen schien. Ihr Busen wackelte fröhlich hin und her, und mit einem tiefen Atemzug rutschte der spitzenbesetzte Rand ihres violetten Wollkleides so tief, dass man den Ansatz einer dunkelbraunen Brustwarze erkennen konnte. Penelope wusste vor lauter Verlegenheit nicht, wohin sie schauen sollte.

»Jetzt kann ich nicht mehr, Mädchen. Jetzt brauch ich was Süßes, komm, Mädchen!« Spitzbübisch glitt ihr Blick über Penelopes Gesicht. »Komm, ich zeig dir was!«

Am Ende des mit roter Seide tapezierten Flures drückte sie eine Klinke herunter, und ein nach Rosenwasser duftender Salon öffnete sich vor ihren Blicken.

»Komm«, sagte die Lady abermals, der offenbar der Sinn danach stand, ein Dienstmädchen in Verlegenheit zu bringen.

Penelope starrte entsetzt in den Salon hinein und überlegte, wie sie sich in Sicherheit bringen konnte, denn Mistress Anabells Drohung, nie, unter gar keinen Umständen die Obergeschosse der Herrschaften zu betreten, klang in ihren Ohren nach. Über die Strafen hatte Mistress Anabell sich nicht ausgelassen. Allein der Klang ihrer Stimme hatte genügt. Penelopes Herz klopfte. Und dann war es für eine Flucht zu spät.

»Iss was, Mädchen!« Die Lady kam mit einem Porzellanteller auf sie zu. »Bevor wir uns den wichtigen Dingen widmen.« Ein Grinsen erschien auf ihrem runden Gesicht. »Ich renne ja nicht zu meinem Vergnügen durch dieses endlose Treppenhaus.«

Hellbraune Kugeln lagen in der Vertiefung des Tellers und verströmten einen betörenden Duft. Auffordernd hielt die Lady den Teller noch ein Stück näher. Penelope konnte nicht anders, sie musste eine Kugel nehmen. Der Duft drang an ihre Nase, süß und streng zugleich, und sie ahnte, dass diese Versuchung wohl von der Hand des Teufels in ihren Mund rollte. Der Geschmack von Nougat, Zimt und Nüssen breitete sich in ihrem Gaumen aus und ließ sie kurz in einem Nebel aus Sorglosigkeit versinken …

»Das ist fein, was?« Die Lady steckte sich gleich zwei Kugeln zwischen die rosigen Lippen. Für Momente erfüllten nur ihr Kauen und Schmatzen die Stille.

Während Penelope auf den Resten ihrer Kugel lutschte, ließ sie vorsichtig den Blick durch das Zimmer der Lady wandern. Prallgefüllte, kunstvoll bestickte Federkissen lagen auf einem mit weißer Seide bezogenen Sofa. Zwischen den Kissen hatte es sich eine Katze gemütlich gemacht. Sie fühlte sich offenbar auf diesem Sofa zu Hause, und es lohnte nicht, für den Gast die Augen weiter als einen Spalt zu öffnen. Nur ihre schwarzen Schnurrhaare zitterten, als sie wegen der Störung leise maunzte. Mit einer hastigen Bewegung vertrieb Lady Rose die Katze vom Sofa. Die Gläser in der Vitrine klirrten leise, weil der Boden unter ihren Füßen gebebt hatte. Hochnäsig strich die Katze um ihr Sofa herum und lauerte auf die richtige Gelegenheit, ihr Schläfchen fortzusetzen.

Lady Rose steckte sich noch zwei braune Kugeln in den Mund und stellte den Teller auf den Tisch, ohne Penelope noch einmal etwas anzubieten. Die Katze verschwand unter einem Schrank und schien abzuwarten.

»Verdammtes Viech«, sagte die Lady kauend. »Aber hier – schau! Mein Lieblingsschal. Furchtbar. Ruiniert. Die Katze. Die verdammte Katze hat damit gespielt. Er ist ruiniert, völlig ruiniert. Schau dir das an!«

Aus einem Weidenkorb zog sie einen Spitzenschal aus glänzend gewirkten Seidenfäden hervor, von dem abgerissene Fäden hingen und verrieten, wie erlesen die Handarbeit einmal gewesen sein mochte – bevor die Krallen der schneeweißen Katze das Werk für immer zerstört hatten.

»Mylady, ich …« Penelope brach ab.

»Na, was sagst du? Kann man es – kann man es retten?« Die hellblauen Augen der Lady schauten bittend drein. Dann wurde der Blick fordernd, wie der eines Kindes, das gewöhnt war, jeden Wunsch erfüllt zu bekommen.

Penelope setzte erneut an. »Mylady, ich fürchte …« Sie verfluchte sich dafür, dass ihr die Stimme versagte. Die beunruhigende Mischung aus weißem Salon, weißem Sofa und dem Geschmack der Nougatkugel im Mund schüchterte sie ein. »Madam, ich fürchte«, sie straffte sich und legte den zerstörten Schal auf den Tisch, »ich fürchte, der Schal ist ruiniert. Man kann ihn nicht flicken. Zu viele Fäden sind gerissen, man würde die Knoten sehen.« Sie deutete auf die zarte Lochhäkelei, wo selbst Unebenheiten des gesponnenen Fadens zu erkennen waren.

Lady Rose riss die Augen auf. Ein unnatürlicher Glanz erschien auf den Pupillen, und dann rannen Tränen über ihre runden, von der Treppenlauferei immer noch geröteten Wangen, eine nach der anderen, und sie tropften auf den fast weißen Ausschnitt, von wo aus sie einen gemeinsamen Weg zwischen die Brüste nahmen und in dem dunklen Loch unter der Spitze verschwanden.

»Der Schal gehörte meiner lieben Mutter«, schluchzte Lady Rose. »Er ist mir so teuer …«

»Das tut mir leid«, murmelte Penelope hilflos. Mit der Zunge angelte sie hinter dem Backenzahn nach einem winzigen Rest der Nougatkugel, und vielleicht bescherte der ihr genug Übermut für den folgenden Vorschlag. »Ich könnte Euch solch einen Schal häkeln, Mylady.«

Stille. Sie musste wahnsinnig sein. Ein Flickmädchen richtete niemals das Wort an seine Herrschaft. Man würde sie dafür in Bedlam in der Irrenanstalt einsperren. Jeden Augenblick würde es so weit sein. Die Tür würde sich öffnen, zwei Büttel mit Stöcken würden herbeispringen, und gefesselt würde man sie in die Käfigkutsche schleifen wie damals Evelyn Newland, deren Flennerei nach dem Tod ihres Mannes nicht mehr aufgehört hatte. Sie hatte in Bedlam noch eine Woche geweint, dann war sie gestorben, so hieß es. Hochmütige Worte waren wohl erst recht ein Anzeichen für nahen Wahnsinn …

Doch nichts geschah. Die Stille hatte einen ganz anderen Grund. Lady Rose’ Augen begannen zu glänzen, und die letzten Tränen schimmerten geradezu zauberhaft, bevor sie über den Lidrand auf die Wange tropften. Nougatduft erfüllte die Luft zwischen Penelope und der runden Lady, als diese den Mund öffnete und einen entzückten, hohen Schrei ausstieß.

»Du kannst so was? Wirklich? Du kannst solche Kunstwerke häkeln? Wirklich, Mädchen?«

»Ja, ich kann so was.« Penelope verfluchte sich für ihren Hochmut, aber nun war es ja geschehen. »Ich bin Spitzenhäklerin, Mylady.« Das klang wirklich hochmütig, unglaublich hochmütig. Aber auf eigenartige Weise straffte es auch ihren Rücken – sie war eine der besten Häklerinnen, wie selbst Madam Harcotte mehrfach gesagt hatte.

»Jetzt weiß ich’s.« Die Lady trat noch einen Schritt auf sie zu und legte den Finger unter ihr Kinn. »Du bist die Tochter der Schottin, die letzte Woche das Küchenmädchen … äh … besucht hat. Sie hat von dir gesprochen. Ich erinnere mich.« Sie zwinkerte. »Sie hat dich tüchtig genannt. Und sie war stolz auf dich. Du musst wirklich gut sein.«