Ferruccio Pinotti • Patrick Fogli

Bleiernes Schweigen

Roman

Aus dem Italienischen von Verena von Koskull

Mit einem Nachwort von Jürgen Roth

Impressum

Die Originalausgabe mit dem Titel

„Non voglio il silenzio“

erschien 2011 bei Edizioni Piemme, Mailand.

 

ISBN E-Pub 978-3-8412-0398-4

ISBN PDF 978-3-8412-2398-2

ISBN Printausgabe 978-3-351-03387-3

 

Aufbau Digital,

veröffentlicht im Aufbau Verlag, Berlin, März 2012

© Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin

Die deutsche Erstausgabe erschien 2012 bei Aufbau, einer Marke

der Aufbau Verlag GmbH & Co. KG

Non voglio il silenzio © 2011 by Patrick Fogli & Ferruccio Pinotti

 

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jegliche Vervielfältigung und Verwertung ist nur mit Zustimmung des Verlages zulässig. Das gilt insbesondere für Übersetzungen, die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen sowie für das öffentliche Zugänglichmachen z.B. über das Internet.

 

Umschlaggestaltung hißmann, heilmann, hamburg /

Imke Schuppenhauer

unter Verwendung eines Motivs von Plainpicture / Hoenig, T.

 

Konvertierung Koch, Neff & Volckmar GmbH,

KN digital – die digitale Verlagsauslieferung, Stuttgart

 

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Inhaltsübersicht

»DIE VERHANDLUNG«

Alles begann mit einem...

Der Mann hat keine...

Diese Geschichte betrifft zwei...

Es hat aufgehört zu...

Dies ist die Geschichte...

Der Junge ist um...

»Ich bin im Zug...

»Die Grundlagen für eine...

Wir müssen es tun...

Nach dem Treffen mit...

ANMERKUNGEN

QUELLENANGABEN

NACHWORT

Fußnoten

»DIE VERHANDLUNG«

Der vorliegende Roman basiert auf Tatsachen, die sich seit 1992 in Italien zugetragen haben. Tatsachen, denen Untersuchungen und Prozesse folgten. Tatsachen, die bis heute Gegenstand von Ermittlungen sind, welche wiederum zur Wiederaufnahme weiterer Untersuchungen und zur Revision wichtiger Urteile führten. Tatsachen, die die Beziehungen zwischen Staat, Mafia, Finanz und Politik betreffen und die die jüngste italienische Geschichte entscheidend geprägt haben.

 

Im Februar 1986 werden die führenden Köpfe der sizilianischen Cosa Nostra vor Gericht gestellt. Ein historischer Prozess sowohl hinsichtlich seiner Ausmaße (über 400 Angeklagte in einem eigens errichteten, anschlagsicheren Bunker) als auch hinsichtlich des Zeichens, das der Staat damit setzen will: ein Frontalangriff gegen die Cosa Nostra, aus dem die Entschlossenheit spricht, den Kampf gegen das nicht nur in Sizilien, sondern in ganz Italien verwurzelte organisierte Verbrechen aufzunehmen und dessen finanzielle Macht und den Einfluss auf die legale Wirtschaft des Landes zu brechen.

Es ist ein fataler Irrtum, anzunehmen, die Cosa Nostra beträfe nur Sizilien. Da es der Mafia um Geld und Macht geht, agiert sie dort, wo Geld und Macht zu haben sind. Wie jedes erfolgreiche wirtschaftliche Unternehmen hat sie einen Hauptsitz, ein gewisses Herkunftsbewusstsein und ein Gespür für lukrative Investitionen.

 

Entscheidender Auslöser für den sogenannten Maxi-Prozess waren die Enthüllungen des Kronzeugen Tommaso Buscetta gegenüber dem Richter Giovanni Falcone. Seine Aussage legte erstmalig die interne Organisation, Kommandostruktur, Machtverteilung und Ökonomie der Mafia offen. Zwar gibt Buscetta deren politische Kontakte nicht preis, doch das von ihm entworfene Bild reicht aus, um Dutzende lebenslängliche Freiheitsstrafen und mehrere tausend Jahre Haft zu verhängen. Zum ersten Mal wird mit diesem gerichtlich gefällten Urteil, welches fortan in sämtlichen Mafiaverfahren Gültigkeit hat, das Bestehen der Cosa Nostra und damit der Mafia als kriminelle Organisation anerkannt. Ein Meilenstein für die italienische Rechtsprechung: Die Mafia existiert, so steht es schwarz auf weiß geschrieben, und ihr anzugehören ist ein Vergehen.

Das endgültige Urteil nach drei Instanzen erfolgt am 30. Januar 1992. Die Protektion, die zahlreiche Cosa-Nostra-Leute bis dato genossen haben, scheint ihre Wirksamkeit verloren zu haben.

Und die Cosa Nostra reagiert.

 

Das Kommando hat der Clan der Corleonesi unter Totò Riina, der Ende der siebziger, Anfang der achtziger Jahre einen blutigen Mafiakrieg gegen die alten palermischen Mafiafamilien gewonnen hatte. Die Botschaft an die Politik ist unmissverständlich. Im März 1992 wird Salvo Lima in Palermo ermordet. In Sizilien ist Lima gleichbedeutend mit Giulio Andreotti. Er ist dessen Mann, die Speerspitze der Democrazia Cristiana, die seit Kriegsende ununterbrochen an der Regierung ist. Der Mord an Lima spricht deutliche Worte: Ihr habt uns nicht geschützt, und dafür werdet ihr büßen. Es ist der erste in einer langen Reihe von Morden, die von den führenden Köpfen der Mafia am grünen Tisch beschlossen werden. Im Visier stehen christdemokratische Politiker ersten Ranges, der Justizminister, Polizisten, Journalisten und Richter, insbesondere zwei, die Inbilder für den Kampf gegen die Mafia: Giovanni Falcone und Paolo Borsellino. Vorbereitungen werden getroffen, Beschattungen veranlasst, geeignete Orte ermittelt und Einsatzkommandos zusammengestellt.

 

Während die Cosa Nostra ihren Racheakt plant, kommt es in der italienischen Politik zum Eklat. Die Korruption, seit Jahren in aller Munde, ohne dass etwas Nennenswertes unternommen worden wäre, dringt mit einemmal an die Oberfläche. Im Februar 1992, einen Monat vor Limas Tod, wird Mario Chiesa, der Präsident eines großen Mailänder Altersheims, auf frischer Tat ertappt, als er Schmiergelder für eine Auftragsvergabe einstreicht. Zuerst streitet er alles ab, doch dann packt er aus und löst einen unaufhaltsamen Dominoeffekt aus. Die Sekretäre und Verwaltungsspitzen sämtlicher Regierungsparteien sowie deren Sekretäre geraten ins Fadenkreuz der »Tangentopoli«-Ermittlungen. Es geht um Schmiergelder in gigantischen Höhen, mit denen sich die Politik finanziert, gezahlt von Unternehmern und Geschäftsleuten als Gegenleistung für abgekartete Auftragsvergaben, Gefälligkeiten und Freundschaftsdienste. Ein riesiger Sumpf aus Korruption und Kriminalität, in den bedeutende Vertreter der italienischen Politik, Wirtschaft und Finanz verwickelt sind. Vornan, um nur ein Beispiel zu nennen, die Ferruzzi-Gruppe aus Ravenna und Raul Gardini1, der Reeder des Seglers Moro di Venezia, der in jenen Tagen im America’s Cup antritt. Sie stehen im Zentrum dessen, was später als »Mutter aller Schmiergeldaffären« bezeichnet werden wird. Im Juli 1993 begeht Gardini durch einen Schuss in die Schläfe Selbstmord. Allerdings wird die Pistole, aus der zwei Kugeln abgefeuert wurden, zwei Meter von ihm entfernt gefunden, und seine Hände weisen keinerlei Spuren vom Gebrauch der Waffe auf. Obwohl Tangentopoli am 23. Mai 1992 noch ganz am Anfang steht, ist klar, dass die Flut bald über die Ufer treten wird. An jenem Tag ermordet die Cosa Nostra Giovanni Falcone. Der Richter hatte einen bedeutenden Posten im Justizministerium in Rom angenommen. Um ihn in Capaci unweit von Palermo zu töten, sprengt die Cosa Nostra ein Stück Autobahn in die Luft. Eine für die Mafia ungewöhnliche Methode, ein Strategiewechsel und eine kaum zu ignorierende Allmachtsbekundung.

Am 19. Juli 1992 ist Paolo Borsellino an der Reihe, der nach Falcones Tod zur Symbolfigur im Kampf gegen die Mafia geworden ist. Die Methode ist ähnlich, eine Autobombe vor dem Haus seiner Mutter in der Via d’Amelio in Palermo. Die Explosion zieht die gesamte Straße in Mitleidenschaft und verwandelt Palermo in einen Vorort von Beirut. Die Schuldigen sind bald gefasst.

Jahre später besteht allerdings kein Zweifel mehr, dass die vermeintlichen Täter nur das Bauernopfer eines geschickten Manövers sind, das allzu deutlich nach Staat riecht.

 

1993 kommt es zum Zusammenbruch. Die Verhaftungen von Tangentopoli bringen das politische System zum Einsturz. Die Democrazia Cristiana und die Sozialisten gehen unter, und die aus der ehemaligen Kommunistischen Partei hervorgegangenen Linksdemokraten (PDS) betreten die Bühne. Die Politik weicht einer fast ausschließlich technischen Regierung unter der Führung des italienischen Zentralbank-Chefs Ciampi. Giulio Andreotti wird der Mafia-Begünstigung beschuldigt, die Justiz ersucht das Parlament um Erlaubnis, gegen den Generalsekretär der Sozialisten Craxi vorgehen zu dürfen. Als sich das Parlament verweigert, geht die Öffentlichkeit auf die Barrikaden. Eine ganze politische Klasse bricht unter der Last der Skandale, Kriminalität und Korruption zusammen.

Die Cosa Nostra verliert ihre Gewährsleute und sucht sich neue. Schon seit der Landung der Alliierten im Zweiten Weltkrieg wurde sie als Bollwerk gegen den italienischen Kommunismus benutzt.

Und die Bomben kehren zurück. Diesmal treffen sie Baudenkmäler: die Uffizien, zwei Kirchen in Rom, den Padiglione d’Arte Moderna in Mailand. Jahre später stellt sich heraus, dass eine weitere Bombe unmittelbar nach einem Fußballspiel im Olympiastadion hochgehen sollte. Einem Defekt oder einem Sinneswandel ist es zu verdanken, dass es zu keinem weiteren Blutbad kam.

Zu den Bomben bekennt sich eine Gruppe, die sich Falange Armata nennt. Der Name erweist sich als leere Hülle, von der man nicht weiß, wer sich dahinter verbirgt. Es kommt recht schnell ans Licht, dass die Cosa Nostra die Bomben gelegt hat. Doch hat sich die Cosa Nostra noch nie zu etwas bekannt, sie hat stets klare Ziele getroffen, erklärte Feinde, Politiker, Richter, Polizisten. Die Cosa Nostra sprengt keine Denkmäler und Kirchen in die Luft, sie zerstört keine Kunstwerke, sie zerstört nicht blind.

Die Bomben von 1993 haben nur ein Ziel: die Bevölkerung in Angst und Schrecken zu versetzen.

Anfang des Jahres geht der Boss der Corleonesi Totò Riina den Carabinieri während einer Razzia ins Netz. Doch der Unterschlupf, in dem er gefasst wird, wird nie durchsucht. Sein Nachfolger wird Bernardo Provenzano. Er ist seit Jahrzehnten flüchtig und nur wenige kennen sein Gesicht.

 

In diesem vom allgemeinen Chaos verängstigten und zutiefst verunsicherten Italien betritt Silvio Berlusconi die politische Bühne. In einer an sämtliche Fernsehsender übermittelten Videobotschaft verkündet er seine Kandidatur bei den Parlamentswahlen. Es ist der 26. Januar 1994, doch sein Vorhaben ist seit mindestens einem halben Jahr bekannt. Seine neu gegründete Partei Forza Italia gewinnt die Wahlen, und Insider behaupten, der Plan dazu sei bereits 1992, zu Beginn von Tangentopoli, gefasst worden.

Silvio Berlusconi wird zum Mittelpunkt der italienischen Politik. Im Schatten des alten politischen Systems hat er es zum größten Medienunternehmer Italiens gebracht. Den Ursprung seines Erfolges umgibt ein seltsamer Nebel aus Off-Shore-Finanzgesellschaften und anonymen Holdings. Über seine rechte Hand, Marcello Dell’Utri hält sich hartnäckig das Gerücht, er sei mit der Mafia verbandelt. Doch den Italienern ist das egal. Er ist ihr neuer Mann. Sie wählen ihn, und er gewinnt. Bei seinem Eintritt in die Politik unterstehen seine Unternehmen dem Insolvenzverwalter, doch wundersamerweise kommen die Geschäfte wieder ins Rollen.

Berlusconi ist Regierungschef, die Bomben enden. Die Mafia verschwindet.

Es wird keine Bomben, keine Attentate, kein Aufsehen mehr geben. Bernardo Provenzanos Mafia schweigt. Die Menschen sollen vergessen, dass es sie gibt.

 

Es ist bewiesen, dass der italienische Staat zwischen 1992 und 1993 Kontakt zur Cosa Nostra aufgenommen hat. Prozesse werden geführt, Anklagen gegen Carabinieri-Offiziere erhoben. Diese behaupten, sie hätten versucht, die großen Flüchtigen Riina und Provenzano aufzuspüren und an Informationen zu gelangen.

Diese bis heute nicht aufgeklärten Kontakte zwischen Staat und Mafia nennt man in Italien »Die Verhandlung«.

Von der Verhandlung und dem, was davor und danach geschah, erzählt dieses Buch. Es erzählt von der Ermordung Paolo Borsellinos und von den Gründen, die zu seiner Isolierung und zu seinem Tod geführt haben. Es erzählt vom Italien jener Jahre und vom Italien unserer Tage. Von den allzu engen Banden zwischen Politik, Mafia, Finanzmarkt und Macht.

Es erzählt eine Geschichte, die derart romanhaft klingt, dass sie wahr sein könnte.

 

Für F.

Meine Zuflucht und mein Leben

 

Und für Beatrice

Dass sie stets lächeln möge

PF

 

Für P.

Der mir neue Wege gewiesen hat

 

Für Oliviero

Damit er weiß, wo er geboren wurde

FP

 

Da heißt es immer: Dieser oder jener Politiker hatte etwas mit einem Mafioso zu tun, dieser oder jener Politiker wurde beschuldigt, mit mafiösen Organisationen gemeinsame Sache zu machen, doch da er nicht rechtskräftig verurteilt ist, ist er ein ehrlicher Mann. Diese Argumentation gilt nicht, kann doch die Justiz lediglich ein richterliches Urteil fällen und sagen, es gibt zwar einen Verdacht, sogar einen schweren Verdacht, aber uns fehlt die rechtliche, die richterliche Sicherheit, die es erlaubt, diesen Mann als Mafioso zu bezeichnen (…) Allein der Verdacht sollte die Parteien dazu bewegen, in ihren Reihen zumindest gründlich aufzuräumen und sich nicht nur ehrlich zu geben, sondern ehrlich zu sein, indem sie sich von all jenen trennen, die in irgendeiner Weise mit verdächtigen Machenschaften in Zusammenhang gebracht werden, selbst wenn sie keine Straftaten darstellen.

Paolo Borsellino, Bassano del Grappa, 26. Januar 1989

 

Es braucht Lügen. Der Staat muss lügen. Es gibt keine Lüge im Krieg oder in der Kriegsvorbereitung, die sich nicht verteidigen ließe.

Don DeLillo, Der Omega-Punkt

 

Alles begann mit einem Anruf.

Bis heute weiß ich nicht, wer mich angerufen hat. Es war nur eine Stimme am anderen Ende der Leitung. Sie hatte kein Gesicht, keinen Blick, keinen Körper.

Bei den wenigen Worten, die ich mit ihr gewechselt habe – Worte, die mein ganzes Leben verändern sollten –, sah ich schmale, nervöse Hände und flattrige Gesten vor mir, die das Gesagte begleiten, unterstreichen, ihm Nachdruck verleihen. Ich habe nie erfahren, ob meine Vermutung stimmte.

Über manches lässt einen das Leben im Dunkeln.

Nur eines habe ich herausbekommen. Ihr Blick ging nach vorn, und das ohne Furcht.

Es ärgert mich, das zuzugeben, aber diese Definition stammt nicht von mir, sondern von meiner Tochter, die eher impulsiv und gefühlsbetont ist und über besagte Stimme noch weniger weiß als ich. Sie hat weder diese nervösen Hände noch die von ihr so treffend beschriebenen Augen vor sich gesehen.

Ich bin in einem Haus voller Frauen aufgewachsen, und der Weg, der mich bis hierher und zu diesen Worten geführt hat, ist ebenfalls drei Frauen geschuldet. Meiner Frau, meiner Tochter. Und der Stimme dieses Anrufes.

Ihretwegen habe ich meine Entscheidung getroffen, und als mir klargeworden ist, dass es für mich kein Zurück mehr gibt, als ich begriffen habe, was zu tun ist, war ich stolz auf mich wie nie zuvor in meinem Leben.

Ich werde eine Geschichte erzählen. Teils habe ich sie erlebt, teils rekonstruiert. Ich werde sie erzählen, weil manche Leute meinen, sie dürfe nicht erzählt werden. Ich werde sie erzählen, weil ich keine andere Wahl mehr habe. Ich werde sie erzählen, um vielleicht meine Haut zu retten.

Ich werde sie erzählen, weil das Land der vergessenen Geschichten meiner Geschichte die Staatsbürgerschaft verweigert.