Paul Grossman; Paul Grossman

Schlafwandler

Kriminalroman

Aus dem Amerikanischen von Wolfgang Thon

Impressum

Paul Grossman, Schlafwandler

 

Die Originalausgabe unter dem Titel
The Sleepwalkers
erschien 2010 bei St. Martin’s Press, New York.

 

ISBN E-Pub 978-3-8412-0436-3
ISBN PDF 978-3-8412-2436-1
ISBN Printausgabe 978-3-7466-2620-8

 

Aufbau Digital,
veröffentlicht im Aufbau Verlag, Berlin, Februar 2012
© Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin
Die deutsche Erstausgabe erschien 2010 bei Aufbau
Taschenbuch, einer Marke der Aufbau Verlag GmbH & Co. KG
Copyright © 2010 by Paul Grossmann

 

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Umschlaggestaltung capa, Anke Fesel
unter Verwendung eines Motivs von ullstein bild

 

Konvertierung Koch, Neff & Volckmar GmbH,
KN digital – die digitale Verlagsauslieferung, Stuttgart

 

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Inhaltsübersicht

BUCH EINS

EINS

ZWEI

DREI

VIER

FÜNF

SECHS

SIEBEN

ACHT

NEUN

BUCH ZWEI

ZEHN

ELF

ZWÖLF

DREIZEHN

VIERZEHN

FÜNFZEHN

SECHZEHN

SIEBZEHN

ACHTZEHN

BUCH DREI

NEUNZEHN

ZWANZIG

EINUNDZWANZIG

ZWEIUNDZWANZIG

DREIUNDZWANZIG

VIERUNDZWANZIG

FÜNFUNDZWANZIG

SECHSUNDZWANZIG

SIEBENUNDZWANZIG

BUCH VIER

ACHTUNDZWANZIG

NEUNUNDZWANZIG

DREISSIG

EINUNDDREISSIG

ZWEIUNDDREISSIG

EPILOG

NACHBEMERKUNG

Leseprobe aus "Kindersucher"

 

Ich gehe mit der Zuversicht eines Schlafwandlers den Weg, den die Vorsehung mir diktiert.

Adolf Hitler

BUCH EINS

Stadt ohne Morgen

EINS

Berlin, November 1932

Die Beine der Dietrich waren Zauberstäbe, schlanke, hypnotische Instrumente, die Millionen faszinierten. Kraus konnte sich ihren Charme bedauerlicherweise nur unter dem männlichen Hosenanzug vorstellen, den sie an diesem Nachmittag bei Fritz trug. Er war von den politischen Prophezeiungen gelangweilt, die sich dieser Tage in jedermanns Gespräche drängten, und er hatte schwer damit zu kämpfen, die Augen offen zu halten. Zu seinem Glück malträtierte der Bauhausstuhl aus Stahlrohr, auf dem er saß, seinen Hintern zu Tode.

»Und was möchten Sie, Herr Kriminalinspektor?«

Er griff nach einem weiteren Glas Champagner. Obwohl sein Gehirn zu fliegen schien, war diese Feier einfach nur deprimierend. Wo sonst hätte Marlene Dietrich auch auftauchen sollen, wenn nicht auf Fritz’ Einweihungsparty? Halb Berlin war mit diesem alten Kriegskumpel gut Freund. Und sie alle schienen herausgefahren zu sein, um sich seinen neuen Palast im Grunewald anzusehen. Schlanke, lange Glasscheiben bogen sich um ein gekrümmtes Wohnzimmer, das vor Gemälden von Klee und Modigliani überquoll. Das Haus war ein weiteres Meisterwerk Erich Mendelsohns, des Stararchitekten der Weimarer Republik, der sich vor den Komplimenten, die auf ihn herabprasselten, artig verbeugte.

»So leicht. So frei.« Die Dietrich betastete eine schimmernde Brancusi-Statuette. »So modern!« Was den Rest der Stadt anging – sie verzog ihr Gesicht zu einer Trauermiene – so fand sie, dass sie stank. In den zwei Jahren seit ihrem letzten Aufenthalt, so erklärte der große Star, sei Berlins berühmte, belebende Luft wirklich verfault.

»Ich verstehe gar nicht, wie Sie hier überhaupt atmen können.« Sie ließ mit einer eleganten Bewegung ein goldenes Zigarettenetui aufschnappen und setzte sich zu den anderen auf die mit Rohseide bezogene Couch. »Überall der Gestank von Braunhemden. Sie kauern wie Paviane vor den Kaufhäusern und schütteln einem diese verdammten Blechdosen vor der Nase herum.«

»Weil sie hoffnungslos verschuldet sind.« Der General, der ihr gegenübersaß, schob ein silbernes Monokel in sein Auge. Er trug sogar zu dieser legeren Nachmittagseinladung seine Ausgehuniform mitsamt dem kompletten Gehänge aus Bronzeorden. Wenn schon nicht seine Klugheit, so erlaubte ihm doch seine Position, gewisse Dinge glaubwürdig zu äußern. Kurt von Schleicher war Kriegsminister, Kommandeur der Armee und einer der berüchtigtsten Intriganten Berlins. »Die Nazis stehen vor dem Ruin, meine Teuerste«, verkündete er, »sowohl finanziell als auch anderweitig.«

Kraus’ Augen wurden langsam glasig.

»Sehen Sie sich doch nur die Wahlplakate dieses Monats an«, meinte von Schleicher lachend. »›Hitler über Deutschland‹, also wirklich! Der Mann ist in zehn Städten rausgeflogen und hat zwanzig Prozent seiner Reichstagssitze eingebüßt.«

»Seine Partei ist immer noch die stärkste Kraft«, ergänzte Fritz’ Exfrau Sylvie jammernd.

»Aber sie hat ihren Zenit überschritten.« Der General nahm sein Monokel aus dem Auge. »In einem Jahr, das versichere ich Ihnen, werden Sie sich nicht einmal mehr an Hitlers Namen erinnern.«

Es war eine ungeheuere Erleichterung, als sich Fritz’ Butler vorbeugte und flüsterte, es gebe einen Anruf für den Herrn Kriminalinspektor.

»Sie können ihn in der Bibliothek annehmen, wenn es Ihnen beliebt, mein Herr.«

»Bitte entschuldigen Sie mich.« Kraus erhob sich und schüttelte seine halb abgestorbenen Beine aus.

Dann humpelte er den langen, weißen Flur entlang und gelangte zu einem von Glaswänden umschlossenen Raum, der eher an ein Aquarium als an eine Bibliothek erinnerte. Gunther war am Telefon. Er rief vom Alexanderplatz aus an.

»Ist sie so schön wie auf der Leinwein? So sexy wie die verruchte Lola?«

»Wovon reden Sie, Gunther?«

»Entschuldigen Sie, Chef. Aber es ist wieder eine Wasserleiche aufgetaucht. Diesmal ist es ein Mädchen. In Spandau, unter der Zitadelle.«

Kraus schnürte es die Kehle zu. »Also gut. Ich bin unterwegs.«

»Ja, Chef. Ich sage Bescheid.«

»Ach, und Gunther?«

»Ja, Herr Inspektor?«

»Sie ist es. Jeder gottverdammte Zentimeter. Selbst in Männerhosen.«

»Ich wusste es! Eine Million Mal Dank, Chef.«

Will hängte den Hörer auf die Gabel zurück und blieb einen Augenblick stehen. Leichen in Flüssen waren in diesen Zeiten für Berlin keine große Sache. Aber er hatte noch nie gehört, dass eine in Alt-Spandau auftauchte. Und dann noch ein Mädchen.

Im Wohnzimmer machten sie ein großes Gewese um seinen abrupten Aufbruch. »Musst du weg, um einen anderen Feind zu fangen?« Sylvie sprang auf, um ihn zu eskortieren, und nahm seinen Arm.

»Sie sind ein ziemlicher Star geworden, nicht wahr, Kraus?« Die Dietrich musterte ihn, als wäre er ein kostbares Rennpferd. »Selbst in Amerika kennt man den großen Kriminalisten, der dieses Monster, den Kinderschänder von Berlin, dingfest gemacht hat. Sie sollten nach Hollywood kommen. Ich wette, man macht einen Film über Sie.«

»Ich glaube nicht, dass sie einen Schauspieler finden würden, der auch nur annähernd langweilig genug wäre, um mich spielen zu können.« Kraus zwang sich zu einem Lächeln.

Fritz lachte viel zu laut über diesen Scherz, und der lange, gezackte Schmiss auf seiner Wange lief knallrot an.

 

Kraus nahm die neue Schnellstraße nach Spandau. Im Sommer war sie eine Rennstrecke, ansonsten aber war die Avus für den Straßenverkehr geöffnet und für gewöhnlich leer. Die Kiefernwälder warfen einen unheilvollen Schatten, als er beschleunigte. Wie die Deutschen ihre Wälder lieben, dachte er, während er in den vierten Gang hochschaltete. Je dichter und dunkler, desto besser. Ihm persönlich war der Strand lieber. Und gleißender, strahlender Sonnenschein. Freies Gelände. Aber diese Straße war wirklich großartig. Ein weißer Streifen in der Wildnis. Er fuhr viel schneller, als er sollte, vor allem nach soviel Champagner. Doch der Adrenalinstoß war zu berauschend. Das silberfarbene BMW-Sportcoupé war der einzige Luxus, den er sich gönnte. Er sammelte keine Kunst, und er reiste auch nicht. Und er hielt keine Frauen aus. Er war einfach nur langweilig. Die sechs Zylinder des BMW 320 brachten den Wagen auf hundert Stundenkilometer. Er war gerade langweilig genug gewesen, um der berühmteste Polizeiinspektor Deutschlands zu werden. Das Fahrzeug lag auf der Straße, als würde es sich kaum bewegen, dabei fuhr er hundertzehn. Die Kiefernwälder verschwammen, als sie vorbeihuschten. Was für ein Idiot Fritz sein konnte, wenn er betrunken war! Kraus trat das Gaspedal durch und beschleunigte auf über einhundertzwanzig. Er schien über der Autobahn zu schweben.

Trotzdem würde Kraus ihm sein Leben anvertrauen.

Eine halbe Stunde später kroch er über die mittelalterlichen Straßen von Alt-Spandau, einer der wenigen Stadtteile Berlins mit authentischer Geschichte. Schmale Straßen, gesäumt von Fachwerkhäusern, führten zu der Zitadelle aus dem 15. Jahrhundert, deren massive Mauern sich immer noch an der Stelle erhoben, an welcher die Spree in die Havel mündete. Als er den Wagen parkte, ging die Sonne über dem grauen Wasser unter. Am Ufer erblickte er mehrere Uniformierte in ihren Ledermänteln und den glänzenden Helmen mit den schwarzen Schirmen.

»Inspektor.« Die Männer entdeckten ihn sofort und bildeten eine Gasse.

Selbst auf der Straße erkannten ihn die Menschen, baten um ein Autogramm und ließen sich mit ihm fotografieren. Der große Kinderschänder-Fänger. Eine Mischung aus Bewunderung und Neid schlug ihm entgegen, als die Polizisten ihn umringten. Etliche Kollegen aus der Abteilung interessierte sein Ruhm überhaupt nicht, und ihm selbst lag auch nichts daran. Sie waren alle Vertreter des Gesetzes. Ohne Gesetze waren die Schwachen wehrlos.

»Machen Sie sich auf eine Schweinerei gefasst«, sprach ein Beamter namens Schmidt ihn an.

Kraus hatte während seiner Dienstzeit bei der Mordkommission der Berliner Kriminalpolizei schon mehr als genug Leichen gesehen. Verstümmelte Leichen, enthauptete Leichen, Leichen, die man gekocht und in Wurstpellen gestopft hatte. Aber diesmal blieb ihm fast das Herz stehen. Dieses Berlin der Weimarer Republik, das von den Jahren des Krieges, der Niederlage, der Revolution, der Inflation und jetzt der Depression gebeutelt wurde, in dem fast eine Million Menschen arbeitslos waren, dessen Regierung wie paralysiert schien und in dem es vor Lasterhaftigkeit drunter und drüber ging … Sexverrückte, Serienkiller, Schlägertrupps der Rot- und Braunhemden, die sich um die Kontrolle auf den Straßen prügelten … diese Stadt, die das Ende der Fahnenstange erreicht hatte, die kein Morgen kannte, die am Rand des Abgrunds taumelte … der Diktatur … selbst in dieser Stadt war das ein Bild des blanken Horrors.

Am Rand des Wassers lag ein Mädchen mit dem Gesicht nach oben, von Schlamm und Schlingpflanzen eingehüllt wie Shakespeares Ophelia. Es war eine wunderschöne junge Frau um die fünfundzwanzig. Ihre alabasterfarbene Haut war aufgequollen, aber noch nicht so weit, dass es ihre Gesichtszüge entstellte. Sie wirkte jung, frisch und lebendig, selbst im Tod. Ihre glasigen Augen waren weit geöffnet, schienen warm und dunkel und reflektierten den kalten, deutschen Sonnenuntergang. Die Lippen waren zu einem ruhigen, beinahe triumphalen Lächeln gekräuselt. Als Kraus sich zu ihr hinunterbeugte, spürte er, wie ein alter, verkrusteter Hebel sich in seinem Herzen bewegte, und ihn überkam der Drang, die Arme auszustrecken und das arme Wesen hochzuheben. Um ihre Schultern lag wie eine Toga ein dünner, grauer Baumwollkittel, der ihre großen, runden Brüste entblößte. Kraus bemerkte sofort, dass ihr dunkles Haar viel zu kurz war … so als wäre sie vor nicht allzu langer Zeit geschoren worden.

Aber was ihm wirklich zusetzte, was ihn traf wie ein Hammerschlag, waren ihre Beine. Sie waren ausgestreckt wie im Schlaf und wirkten fast übernatürlich missgestaltet. Er hockte sich an den Rand des Wassers, das orangerot glühte. Es stank, und er hielt die Luft an. Ihre Füße waren normal, aber von den Knien abwärts bis zu den Knöcheln schienen die Knochen … nach hinten zu weisen. Als hätte jemand eine gigantische Zange angesetzt und ihr das Wadenbein herumgedreht.

»Wie eine Meerjungfrau, was?« Schmidt feixte.

»So haben wir sie genannt, Herr Inspektor.« Ein anderer Polizist stellte klar, dass der Witz nicht auf Schmidts Mist gewachsen war. »Fräulein Wassernixe.«

»Schon gut. Ist der Rechtsmediziner schon verständigt worden?«

»Jawohl, Herr Inspektor.« Schmidt salutierte. »Er sollte jeden Moment eintreffen.«

 

»Ich habe so etwas noch nie gesehen«, erklärte Dr. Ernst Hoffnung wenige Minuten später, nachdem Schmidt und die anderen Beamten das arme Mädchen auf die Trage der Ambulanz gehievt hatten.

Kraus sah zu, wie der leitende Rechtsmediziner die Leiche einer ersten, flüchtigen Untersuchung unterzog.

»Wundnähte«, erklärte Dr. Hoffnung entschieden. »Jemand hat sich an diesen Beinen zu schaffen gemacht. Es ist äußerst ungewöhnlich. Was das für ein Gefühl ist … Das will ich nicht einmal aussprechen. Ich muss sie aufmachen und einen Blick darauf werfen.« Dr. Hoffnung tastete mit seinen behandschuhten Fingern den ganzen Leichnam ab und schloss mit einer raschen Untersuchung der Mundhöhle. »Ich weiß noch nicht genau, was die Todesursache ist, aber eines kann ich Ihnen jetzt schon sagen: Sie ist mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit keine Deutsche.«

Kraus hatte schon oft genug mit Dr. Hoffnung zusammengearbeitet und unterschätzte die Fähigkeiten des Mannes nicht, aber das kam ihm wie Magie vor. »Wie kommen Sie darauf?«

»Alle Weisheitszähne wurden entfernt. Nicht einmal eines von tausend deutschen Mädchen könnte sich das leisten.«

»Haben Sie eine Vermutung, woher sie stammt?«

»Der einzige Ort, wo man regelmäßig solche Zahnbehandlungen durchführt, ist Amerika.«

Kraus blickte über die breite Wasserstraße, wo die beiden Flüsse ineinander mündeten. Vom Westen zog Regen heran, der wie ein silbernes Laken über das dichte Netzwerk aus Inseln und Flussarmen hinter dem gegenüberliegenden Ufer glitt. Irgendwo da draußen, dachte er, während ein Dutzend Blicke auf ihm ruhte, hat diese junge Frau ihren letzten Atemzug getan.

»Wer, sagten Sie, hat das hier gemeldet?« Er wandte sich an Schmidt.

»Eine Frau mit Namen Geschlecht. Sie lebt in dem Haus da drüben. Kroneburgstraße siebzehn.«

Er reichte Kraus den Bericht. Die Handschrift war verschwommen. Oder lag es an Kraus’ Augen?

Er konnte den Text nicht lesen und blickte über die Straße.

Das Haus war eher eine Art Hof. Hinter einer hohen, weißen Mauer drängten sich einige alte Gebäude. Er kniff die Augen zusammen und konnte ein Schild über der Tür entziffern. INSTITUT FÜR MODERNES LEBEN. Plötzlich dröhnte ein Donnerschlag durch seinen Schädel. Ein Gewitter. Die ersten Regentropfen prasselten herunter. Kraus warf einen Blick auf seine Uhr. Es war bereits nach sechs. Um sieben hatte er eine Einladung zum Essen, die er nicht absagen konnte. Er würde morgen früh hierher zurückkommen müssen.

 

Der Regen holte ihn ein, und als er den Kurfüstendamm erreichte – den Ku’damm, wie die Einheimischen ihn nannten, Berlins große Prachtstraße –, steckte sein BMW hoffnungslos im Verkehr fest. Noch in seiner Kindheit waren Motorfahrzeuge selten gewesen, selbst auf dem Ku’damm. Jetzt kam man trotz der Verkehrszeichen zwischen den Autos, Lastwagen, Straßenbahnen, Motorrädern und Doppeldeckerbussen zu Fuß schneller voran als mit einem Fahrzeug. An den Gebäuden hatte man die Putzornamente, die Schnörkel, Muscheln und Rosen der Vergangenheit, durch glattes Glas und Stahl ersetzt. Tausende von Neon-Werbetafeln blitzten an den Fassaden, ihr Blau und Rot verschwamm im Regen, leuchtete in Pfützen und faszinierte ihn, als er im Schneckentempo an den Bürgersteigen vorbeikroch, auf denen sich Menschen drängten, die aus den Kinopalästen strömten, an überquellenden Cafés vorbeirollte und an grell beleuchteten Kaufhausfenstern vorübertrieb. Menschenmassen. Neon. Lärm. Berlin machte weiter. Wider aller Vernunft.

Ihm schnürte sich wie immer die Kehle zu, als er am Joachimsthaler Platz vorbeifuhr, wo Vicki ums Leben gekommen war. Eines Morgens war ein Lastwagen über den Bürgersteig geschleudert und in das Fenster des Cafés gekracht, in dem sie gesessen hatte. Ein Glassplitter hatte ihre Hauptschlagader durchtrennt. Zwei Jahre war das her, und der Schmerz war kaum geringer geworden. Allein der Gedanke an Stefan und Erich, die ein paar Häuserzeilen weiter auf ihn warteten, heiterte ihn auf.

Er hatte sich eine gute halbe Stunde verspätet, als er schließlich das Café Strauß betrat. Es war ein kolossales Etablissement auf der Tauentzienstraße, in dem scheinbar Hunderte von weißbehandschuhten Kellnern herumliefen. Doch die Jungs erspähten ihn selbst durch den gut gefüllten Speisesaal und schrien sofort los: »Vati! Vati! Hier drüben!« Kraus sah, dass ihre matronenhafte, mit Hut und in schwarzem Kostüm gekleidete Großmutter, Frau Gottmann, den beiden einen finsteren Blick zuwarf, weil sie die Aufmerksamkeit der anderen Gäste auf sich zogen. Dann richtete sie ihren missbilligenden Blick auf ihn, weil er zu spät kam. Aber der achtjährige Stefan und der zehnjährige Erich ließen sich nie durch die Etikette einschüchtern, sprangen von ihren Stühlen auf, die Servietten noch in ihre Hemdkragen gesteckt, und stürzten sich in seine Arme.

Nach Vickis Tod waren er und die Gottmanns übereingekommen, dass es für die Jungs besser war, wenn sie nach Dahlem kamen und bei ihnen lebten. Sie besaßen eine geräumige Villa mit einem großen Garten, und Vickis jüngere Schwester Ava konnte sich um die beiden kümmern, während sie zu Ende studierte. Wundersamerweise hatte dieses Arrangement funktioniert. Die Jungs gediehen prächtig. Und die Zauberkünstlerin war Ava. Er sah, wie sie strahlend das Glück der Jungs beobachtete, als sie ihn umarmten. Er hatte schon immer gefunden, dass Ava Vicki sehr ähnlich sah, auch wenn sie eine etwas nüchternere Ausgabe von ihr war. Aber ihre Liebe zu den Kindern verstärkte diese Ähnlichkeit noch.

Als sich Kraus zwischen die Jungs setzte, die ihre kleinen Arme durch seine geschoben hatten, rückte Frau Gottmann ihren schwarzen, federgeschmückten Hut zurecht. Sie war eine Schönheit, eine ehemalige Schauspielerin aus Wien, und verfügte über ein umfassendes Repertoire von subtilen, gefühlsbetonten Ausdrucksformen. »Du wusstest natürlich, dass das Essen für sieben Uhr angesetzt war.« Schuldgefühle zu erzeugen war eine ihrer Spezialitäten.

Normalerweise fand das Sonntagsessen in ihrem Haus statt, und hin und wieder kam er zu spät. Gut, es war eine weite Fahrt von der Stadt dorthin. Sie vergaben ihm. Aber heute waren die Gottmanns mit den Jungs in die Stadt gekommen, um sich das Ischtar-Tor anzusehen. Also sah Frau Gottmann keinen Grund für Kraus’ Verspätung, da er nur ein paar Minuten Fußweg von dem Restaurant entfernt wohnte.

»Wenn du es unbedingt wissen musst«, erwiderte er gereizter, als er beabsichtigt hatte, »der Grund für meine Verspätung war Polizeiarbeit. Die Leiche einer jungen Frau in der Havel.«

Seine Schwiegermutter weitete entsetzt die Augen. Dass er so etwas vor den Kindern zu sagen wagte! Aber es waren nicht seine Kinder, die sich an seiner Arbeit störten, das wusste Kraus. Als sie anfing, mit ihrer Perlenkette herumzuspielen, griff er über den Tisch und drückte ihre Hand, was ihm ein schwaches Lächeln einbrachte. Immerhin hatten sie beide Vicki verloren. Und sie beide lebten in einem Deutschland, das für Menschen wie sie mit jeder Woche schlimmer wurde.

Für die Gottmanns wie für die meisten deutschen Juden, auch für seine eigenen Eltern, wenn sie lange genug gelebt hätten, war es vollkommen unverständlich, dass er Kriminalpolizist geworden war. Jahrhunderte der Unterdrückung machten die Tätigkeit bei den Gesetzeshütern für einen Juden zu einem Ding der Unmöglichkeit. Die Polizei war der Feind, das Werkzeug der Tyrannen. Warum war er nicht Anwalt geworden, wenn er wirklich so am Gesetz interessiert war? Stattdessen war er Polizist geworden. Und dazu auch noch ein berühmter. Aber für einen durch und durch pragmatischen Mann wie Max Gottmann, dem Begründer von Gottmann Moden, zählten keine bourgeoisen Empfindlichkeiten, sondern nur der Erfolg.

»Gott weiß, Bettie«, er warf seiner Frau einen finsteren Blick zu, »dass es allein die Polizei ist, die diesem Land eine gewisse Stabilität verleiht. Schließlich dient der Mann der Republik und nicht dem Zaren.« Er wandte sich Kraus zu und sah ihn besorgt an. »Wie geht es dir, mein Sohn? Was macht diese schreckliche Erkältung?«

Nachdem die Jungs eine Liste von Erfolgen in der Schule heruntergerattert hatten – Erich hatte die beste Note in einer Erdkundearbeit geschrieben, und Stefan spielte eine Rolle beim Winterfest seiner Grundschule –, fragte Kraus Ava, wie es an der Universität lief.

»Willi! Jetzt sag nicht, dass du es vergessen hast. Ich habe meinen Abschluss gemacht, vor anderthalb Jahren.«

Er lief rot an. »Ja, natürlich. Wie dumm von mir.« Er starrte auf seinen Teller, als stünde dort etwas geschrieben. »Und was machst du jetzt? Ich meine, außer die Jungs so phantastisch zu erziehen?«

Manchmal fiel es ihm wirklich schwer, Ava anzusehen, weil sie seiner toten Frau so ähnlich sah. Sie hatte die gleiche samtene Haut, die gleichen walnussbraunen Augen und den gleichen langen, geschwungenen Hals.

»Das habe ich dir schon ein Dutzend Mal erzählt. Ich habe einen Teilzeitjob.«

»Ja, entschuldige. Was arbeitest du noch gleich?«

»Ich bin Korrespondentin, Willi. Ich schicke Artikel von allem, was an der Universität so passiert, an eine der großen Zeitungen von Ullstein.«

»Das ist faszinierend. Dann kennst du sicher meinen alten Kriegskumpel Fritz …«

»Ja, den kenne ich, Dummerchen. Ich arbeitete für Fritz.«

Er bemerkte Avas amüsiertes Lächeln. Du lebst wirklich vollkommen in deiner eigenen kleinen Welt, schien es zu sagen.

Vicki hatte eine vollkommen natürliche, glamouröse Ausstrahlung gehabt. Wann immer Kraus sie angesehen hatte, hatte er gedacht, man sollte sie in dieser Pose auf einem Werbeplakat am Potsdamer Platz ausstellen. Sie war so perfekt, so voll unbewusster Anmut. Ava dagegen hätte seiner Meinung nach eher hinter die Kamera als vor sie gepasst. Nicht, dass sie weniger entzückend gewesen wäre, sie war einfach nur mit einer anderen Art von Eleganz gesegnet: mit der eines scharfen Intellekts und künstlerischer Begabung. Es freute ihn, zu hören, dass sie weiterhin schrieb. Was sie bei Fritz suchte, stand allerdings auf einem anderen Blatt.

»Also … wie stehen denn die Dinge an der Universität?«

Ihre Augen verdunkeln sich schlagartig. »Absolut schrecklich. Noch vor einem Jahr hätte ich es niemals geglaubt. Die gesamte Studentenschaft ist mit fliegenden Fahnen zu den Nazis übergelaufen. Gegen die Nazis eingestellte Fakultäten werden boykottiert. Jüdische Professoren und Studenten bekommen Hassbriefe, in denen ihnen nahegelegt wird, zu verschwinden. Auf den Gymnasien ist es nicht anders. Erich hat sich bis jetzt zwar noch nicht darüber beschwert, aber schließlich hole ich ihn selbst von der Volksschule ab und habe ja Augen im Kopf. Jede Woche tauchen mehr Schüler in den Uniformen der Hitlerjugend auf. Ich weiß nicht, wie lange es dort für ihn noch zu ertragen sein wird.«

Kraus kam sich vor wie ein Mann auf einem Ozeanriesen, der plötzlich Wasser unter seinen Füßen spürt. »Aber … was schlägst du dann vor, Ava?«

»Ich weiß es nicht.« Sie hob eine Braue, genau wie Vicki es immer getan hatte. »Vielleicht müssen wir ihn mit Stefan an die Schule Jung-Judäa zurückschicken.«

»Erich.« Kraus sah seinen älteren Sohn an. »Hast du Ärger an der Volksschule, weil du Jude bist?«

Erich wurde blass. Er schien antworten zu wollen, schwieg jedoch. Normalerweise war er kein Kind, dem die Worte fehlten.

Seine Reaktion sagte Kraus mehr als genug. »Kannst du dieses Schuljahr noch beenden?«, fragte er beunruhigt. »Es sind nur noch … wie lange dauert es? Noch zwei Wochen?«

Erich schüttelte den Kopf. »Es ist nicht so schlimm, Vati.«

»In den Ferien besprechen wir die Lage und ergreifen dann geeignete Maßnahmen. Wie klingt das?«

Erich nickte.

Kraus bemerkte, dass er sich hastig eine Träne aus den Augen wischte.

Nach dem Hauptgang empfahl Großvater den Jungs, sich etwas am Nachtischtresen auszusuchen. »Lasst euch Zeit. Seht euch alles genau an, bevor ihr euch entscheidet«, instruierte Max die beiden. Er wusste, dass Dutzende von Cremetorten und gefüllten Kuchen in den Schaukästen standen.

Sobald die beiden verschwunden waren, erlosch das joviale Lächeln auf seinem Gesicht. »Hör mir zu, Kraus.« Seine Stimme sank zu einem Flüstern herab. »Ich weiß, dass du nichts mit Politik zu tun hast und nur ein Kriminalinspektor bei der Polizei bist. Aber du dienst der Regierung, und ich weiß, dass du dort Freunde hast. Also bitte ich dich, ehrlich gesagt, ich flehe dich an, mir zu versprechen, dass du es mich wissen lässt, wenn du auch nur die Andeutung einer Information bekommst, was passieren wird. Es ist nämlich so, dass unser ganzes Geld in unserem Geschäft steckt. Wenn etwas passieren würde … also, ich denke dabei an die Jungen. An ihre Zukunft. Wenn die Zeit gekommen ist, sich zurückzuziehen, möchte ich es wissen, bevor es zu spät ist.«

»Sich zurückziehen? Was meinst du damit?«

»Die Firma zu verkaufen. Meinen Besitz zu liquidieren. Das Geld ins Ausland zu schaffen.«

»Warum um alles in der Welt solltest du das tun?« Kraus spürte einen Kloß im Hals. »Wir sitzen alle im selben Boot. England, Frankreich, ja selbst Amerika hat genauso viele Arbeitslose wie wir.«

»Aber sie haben keine Nazis.« Max öffnete weit die Augen. »Wenn es nun, was Gott verhüten möge, diesen Wahnsinnigen gelingt, die Macht an sich zu reißen? Denk an das, was sie versprechen! Wie soll man vernünftige Entscheidungen in einer solchen Atmosphäre wie dieser hier treffen, wo man nicht weiß, was der nächste Tag bringen wird?«

Kraus respektierte seinen Schwiegervater sehr, aber er explodierte innerlich vor Wut und hätte den Mann am liebsten am Revers gepackt und ihn geschüttelt, bis er wieder zu Verstand kam. Sich zurückziehen? Was redete er da? Hatte die Furcht jede Logik erstickt? Sie hatten immerhin noch eine Verfassung, richtig? Eine Armee. Gesetze. Hatte Max so wenig Vertrauen in Deutschland und in die Deutschen, seine Volksgenossen, dass er glaubte, sie würden sich einer Bande von Kriminellen ausliefern? Hatten Männer wie Kraus im Krieg nur dafür gekämpft, geblutet und ihr Leben verloren, ein Eisernes Kreuze für Tapferkeit hinter den französischen Linien verliehen bekommen, dass Männer wie Max alles einpackten und wegliefen?

ZWEI

Der Alexanderplatz – oder Alex – war der große Verkehrsknotenpunkt von Berlin-Mitte, ein ausgedehnter Platz, der von einem wirren Netz aus Straßenbahnenschienen durchzogen war, auf dem es von Fahrzeugen, Fahrrädern und Fußgängern wimmelte und der von zwei der größten Massenkonsumtempel Berlins eingerahmt wurde: dem Kaufhaus Wertheim und dem Kaufhaus Tietz. Unter all dem lag die neue U-Bahn-Haltestelle, an der die meistgenutzten Untergrundbahnen von Berlin zusammenliefen. Darüber lag die S-Bahn-Station, von der aus Hochbahnen in die entlegensten Ecken der Metropole fuhren. Außerdem befand sich am Alex auch das riesige, uralte Gebäude des Polizeipräsidiums, das eine ganze Ecke auf der südöstlichen Seite des Platzes in Beschlag nahm. Das rußbedeckte Ungetüm war in den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts erbaut worden und wies sechs Stockwerke und mehrere kirchenartige Kuppeln auf. Mit Hut und Mantel bereits in der Hand betrat Kraus das Präsidium pünktlich um acht Uhr morgens durch Eingang sechs.

Als Kriminalinspektor war er der Leiter einer von zahllosen Einheiten der Mordkommission. Er hatte drei Kriminalbeamte und insgesamt fünfzehn weitere Beamte unter sich. Und als einziger Jude in der Abteilung – und praktisch im gesamten Gebäude – hielt er es für unabdingbar, eine gewisse Distanz zu ihnen allen zu wahren, mit Ausnahme seiner Sekretärin Ruta und seinem jüngsten Kriminalanwärter Gunther. Diese beiden behandelte er nicht wie Untergebene, sondern mehr wie Familienmitglieder.

»Was gibt’s Neues, Ruta?«, fragte er die attraktive Großmutter und Mutter von sechs Kindern, der es trotz der neuen, längeren Rockmode gelang, den größten Teil ihrer Beine zu zeigen. Sie behauptete, dass sie vor Jahren eine Tänzerin im Wintergarten gewesen sei.

»Alles ruhig an der Westfront, Chef«, antwortete sie und mahlte unbeirrt Kaffee in ihrer kleinen, hölzernen Kaffeemühle. Jeden Morgen bereitete sie das köstlichste frische Gebräu auf dem kleinen Gasofen zu, der jedem Kriminalinspektor zustand. Hatte sie gute Laune, gab es auch frische, warme Brötchen aus dem Café Rippa im Erdgeschoss. »Seit der Meerjungfrau gibt es keine neuen Opfer.«

Irgendwie war sie immer bestens über alles informiert, praktisch noch bevor es passierte.

»Oh, die Rechtsmedizin hat angerufen. Dr. Hoffnung möchte, dass Sie so schnell wie möglich bei ihm vorbeischauen.«

»Ausgezeichnet. Ist Gunther schon da?«

»Nein, noch nicht.«

»Schicken Sie ihn runter zu Hoffnung, sobald er auftaucht.«

Der Rechtsmediziner stand in seinem weißen Laborkittel am Fenster, starrte hinaus und rauchte Pfeife, als Kraus hereinkam. Als er sich umdrehte, fiel Kraus die finstere Besorgnis in seinen Augen auf.

»Ich habe hier wirklich etwas Außerordentliches gesehen.« Er bedeutete Kraus mit einer Handbewegung, sich zu setzen. »Hätten Sie mir das gestern erzählt, hätte ich es nicht für möglich gehalten. Aber jetzt …« Dr. Hoffnung zündete sich die erloschene Pfeife neu an.

Kraus sah, dass seine Hand heftig zitterte.

»Beginnen wir mit den Äußerlichkeiten.« Das Rauchen schien Dr. Hoffnung zu entspannen. »Dieser graue Kittel, den das Mädchen trug, gehört zum Standardinventar von Preußischen Nervenheilanstalten. Zahlreiche Schnittwunden auf ihrer Kopfhaut lassen darauf schließen, dass ihr der Kopf tatsächlich kahlgeschoren wurde. Etliche dieser Institutionen wenden diese Praxis an. Ansonsten gab es keine größeren inneren oder äußeren Verletzungen. Sie war noch sehr lebendig, als sie ins Wasser gegangen ist. Und sie ist nicht ertrunken. Es ist ihr gelungen, fünfzehn oder zwanzig Minuten über Wasser zu bleiben, bis sie an Unterkühlung gestorben ist. Sechs, möglicherweise sieben Stunden, bevor wir sie herausgezogen haben. Ich würde sagen, sie war eine sehr entschlossene junge Dame. Sie wollte unbedingt leben.«

»Diese Beine, Doktor …«

»Wie ich sagte, ich hätte so etwas niemals für möglich gehalten. Bei beiden Beinen ist das Wadenbein, der Knochen, der vom Knie zum Knöchel führt, chirurgisch entfernt und in das jeweils andere Bein verpflanzt worden. Das wurde mittels einer sehr fortschrittlichen Technik durchgeführt, mit der ich absolut nicht vertraut bin. Seit Jahren spekulieren Ärzte über die Möglichkeit von Knochentransplantationen, aber so weit ich weiß, wurde noch nie eine erfolgreich durchgeführt. Bis jetzt.«

»Knochentransplantation?« Kraus war wie vom Donner gerührt. Und dabei hatte er geglaubt, schon alles gehört zu haben. »Aber … warum?«

»Das weiß ich nicht. Vermutlich, um herauszufinden, ob es machbar ist. Ich kann nur beschreiben, was ich gesehen habe.«

»Wann könnte diese Transplantation durchgeführt worden sein?«

»Vor höchstens sechs Monaten. Die Transplantationsnarben waren vollkommen verheilt und die Beine vollkommen gesund. Abgesehen davon natürlich, dass sie damit nicht mehr laufen konnte. Sie hat höchstens noch humpeln können, auf Krücken.«

»Humpeln?« Kraus versuchte, das alles zu begreifen. »Sie meinen, die Operation hat sie verkrüppelt?«

»Ja.« Der Arzt senkte den Blick. »Genau das meine ich.«

Kraus zog sich die Kehle zusammen. »Das Mädchen ist gesund gewesen? Ihre Beine waren gesund? Und man hat an ihr … herumexperimentiert? Man hat sie absichtlich missgebildet?«

Dr. Hoffnung starrte aus dem Fenster. »Das ist kaum zu glauben, ich weiß. Wir alle betrachten Ärzte als Hüter des Lebens. Sie sind von vorneherein vertrauenswürdig. Selbst uralte Zivilisationen haben ihre Medizinmänner verehrt. Aber hier, im Berlin des Jahres 1932, haben wir einen Chirurgen, der offenbar keinerlei Bedenken zu haben scheint, einen Menschen als Versuchskaninchen zu missbrauchen.«

Er drehte sich zu Kraus herum. Auf seinem Gesicht malte sich schmerzlicher Ekel ab. »Inspektor, wer auch immer das gemacht hat, war ein Genie. Ein Wahnsinniger. Aber ein außerordentlich talentierter Wahnsinniger. Auf jeden Fall einer der besten lebenden orthopädischen Chirurgen.«

 

Kraus schloss die Tür zur Rechtsmedizin hinter sich und prallte fast mit Gunther zusammen. Die lange Bohnenstange von Mann war mindestens einen Kopf größer als Kraus, wahrscheinlich dafür nur halb so schwer, hatte eine lange Nase und ein ansteckendes Lächeln, und er war Kraus geradewegs aus den oberen Etagen der Polizeiakademie in Charlottenburg vor die Füße gefallen. Als Landei aus dem Norden war Berlin für ihn wie ein Märchen. Sicher, er trat häufiger ins Fettnäpfchen, was bei Schuhgröße 47 gar nicht so einfach war. Aber er war klug und effizient und verehrte Kraus aus tiefstem Herzen. Die beiden kamen großartig miteinander aus. Kraus hatte vorgehabt, den Jungen mit nach Spandau zu nehmen, aber der Autopsiebericht warf diesen Plan über den Haufen.

»Gunther …«

»Ja! Guten Morgen, Chef!«

»Was den gestrigen Fall angeht … ich brauche da ein paar Informationen.«

»Jawohl!« Gunther lächelte und zückte sofort sein Notizbuch.

»Ich brauche die Namen sämtlicher hervorragender orthopädischer Chirurgen in Deutschland, vor allem aus der Gegend von Berlin.«

»Orthopädische Chirurgen. Hab ich.«

»Die Namen sämtlicher im letzten Jahr in Berlin vermisst gemeldeter amerikanischer und kanadischer Frauen.«

»Klar.«

»Ich möchte, dass Sie sich bei jeder preußischen Nervenheilanstalt erkundigen, ob eine weibliche Patientin zwischen dreiundzwanzig und sechsundzwanzig Jahren im letzten Jahr verschwunden ist. Und finden Sie heraus, welche dieser Kliniken ihren Patienten die Köpfe kahl schert.«

»Kahle Köpfe, geht klar. Was noch, Chef?«

»Sie müssen alles über Knochentransplantationen ausgraben, was Sie finden können. Kontrollieren Sie, welche Ärzte etwas darüber geschrieben haben, wer Vorlesungen darüber gehalten hat oder was auch immer.«

»Knochentransplantationen. Ja, Chef. Was noch?«

»Das ist alles. Nein, warten Sie. Gehen Sie in Hoffnungs Büro und sagen Sie ihm, dass Sie sich das Mädchen ansehen sollen, auf meinen Wunsch hin.«

»Zu Hoffnung gehen, Mädchen ansehen.« Gunther kritzelte eifrig in seinen Block.

»Sehen Sie sich das Mädchen genau an, Junge. Und hören Sie sich an, was der Rechtsmediziner Ihnen sagt. Und dann, Gunther, dann fragen Sie sich, was das für eine Welt ist, in der wir hier leben.«

 

Kraus fuhr allein mit einem zivilen Polizeiwagen zu der Stelle, wo die Meerjungfrau aufgetaucht war. Der erste Halt war Kronebergstraße 17. Das Institut für Modernes Leben. Er trat durch ein mittelalterlich anmutendes, schmiedeeisernes Tor und näherte sich dem großen, weißen, mit Stuck verzierten Haus. Er drückte die Türklingel. Nach einer Weile näherten sich langsame, schwere Schritte. Als die dunkle Eichentür schließlich aufschwang, war Kraus froh, dass er Gunther nicht mitgenommen hatte.

Vor ihm stand eine nackte Frau von mindestens siebzig, von Kopf bis Fuß braun gebrannt und mit hängenden Brüsten.

»Guten Morgen«, sagte sie und sah ihn fragend an. »Was kann ich für Sie tun?«

»Ich … ich würde gern mit Frau Geschlecht sprechen, wenn das möglich ist.«

»Frau Geschlecht hält gerade ihre Gymnastikstunde ab. Vor halb zehn ist sie nicht fertig. Kann ich Ihnen vielleicht helfen? Ich bin Fräulein Meyer.«

»Ja. Guten Tag, Fräulein.«

»Sie dürfen natürlich hereinkommen. Hier sind alle willkommen, ungeachtet ihrer Rasse, ihres Einkommens, ihres Alters oder ihres körperlichen Zustands.«

»Wie schön.«

»Aber dann müssen Sie Ihre Garderobe ablegen. Voyeure, die sich weigern, abzulegen, sind nicht zugelassen.« Sie lächelte.

Kraus hörte ein merkwürdiges Trommeln aus dem Inneren des Hauses.

»Ich bin nicht hier, um zu glotzen, Fräulein, das versichere ich Ihnen.«

Er zeigte ihr seine Kripomarke.

Auf ihrem Gesicht zeigte sich die angemessene Beunruhigung. »Ach, du meine Güte. Ja, dann müssen Sie natürlich hereinkommen. Frau Geschle-hecht!«, sang sie in eine geöffnete Tür.

Kraus folgte ihr unaufgefordert und blieb wie erstarrt stehen bei dem Anblick, der sich ihm bot.

In dem großen, vollkommen leeren Raum mit einem Holzboden tanzten etwa zwölf zumeist ältere Frauen vollkommen nackt. Sie hatten ihr Haar zu »Gretchen«-Zöpfen geflochten und warfen Arme und Beine um sich wie Nymphen an einer verzauberten Quelle. Ein nackter Mann, der mindestens neunzig Jahre alt sein musste, schlug den Rhythmus auf einer Trommel.

»Schönheit! Gesundheit! Bewegung!«, sangen sie.

»Frau Geschlecht!« Fräulein Meyers schrille Stimme übertönte alles. »Hier ist ein Kriminalpolizist, der Sie sehen will, um Himmels willen! Ein Kriminalinspektor.«

Das Trommeln erstarb. Die Tänzer drehten sich gleichzeitig zur Tür herum. Eine der Frauen trat vor. Sie hatte ein Doppelkinn, hielt sich jedoch stolz und anmutig gerade, als sie zu ihnen trat.

Aus Magazinen wie der Berliner Illustrierten kannte Kraus die Nudistenbewegung. Von braven Mittelklasse-Bürgern bis zu sozialistischen Gesundheitsfanatikern schienen alle dem Kult des nackten Körpers verfallen zu sein. Heilgymnastik, Wassertherapie, Darmspülungen, Sonnenanbetung, Sauermilchdiäten, Elektroschocktherapien … all das sollte einen erhöhten Zustand der Ruhe, Gesundheit und Schönheit erzeugen, die neue Bewusstheit, dass der nackte Körper Perfektion ausstrahlte. Kraus schien es, als würde die gesamte deutsche Nation verzweifelt versuchen, sich ihrer Vergangenheit zu entledigen und praktisch bei null zu beginnen. Und was auch immer die Deutschen waren oder nicht waren, was sie machten, machten sie gründlich.

Auch wenn ihr Auftritt dramatisch gewesen sein mochte, Informationen, die noch nicht im Polizeibericht vermerkt waren, hatte Frau Geschlecht nicht zu bieten. Sie hatte im Solarium im zweiten Stock eine bestimmte Jogastellung eingenommen, berichtete sie ebenso ungerührt von ihrer Nacktheit wie Adam und Eva, als sie durch das Fenster etwas bemerkte, das ebenfalls wie ein nackter Körper aussah. Zuerst hatte sie angenommen, jemand aus dem Institut nehme ein Morgenbad im Fluss. Aber je länger sie in der Position verharrt sei, desto klarer sei ihr geworden, dass sich der Körper nicht bewege. Nachdem sie die Spandauer Polizei angerufen habe, seien Schmidt und die anderen aufgetaucht und sie habe ihnen die Stelle am Flussufer gezeigt, das sei alles gewesen.

»Sie waren sehr hilfreich.« Kraus lächelte und steckte sein Notizbuch ein.

»Bitte, kommen Sie doch wieder.« Sie hielt ihm die Hand zum Kuss hin. »Wir halten jeden Mittwoch und Sonntag um sieben Einführungskurse ab.«

Er zog sich aus dem Paradies der Nackten zurück und musste die unansehnlichen Bilder aus seinem Kopf vertreiben.

Die Sonne hatte sich durch die Morgenwolken gekämpft. Der hohe, runde Turm der Zitadelle erhob sich über die mittelalterliche Stadt. Rechts konnte er den S-Bahnhof sehen, gegenüber lag ein Café mit einem Biergarten. Er überlegte, ob er sich dort ein wenig umhören sollte, doch dann bemerkte er die rote Fahne mit dem weißen Kreis über der Tür, in dem das schwarze Hakenkreuz prangte. Angeblich hatte Hitler das Banner selbst entworfen. Kraus fiel wieder ein, dass Spandau eine Hochburg der Nazis war.

Also ging er zum Fluss. Ein langes, weißes Ausflugsboot kämpfte mühsam gegen die reißenden, grauen Fluten an. Plötzlich hatte er eine Erleuchtung. Natürlich! Die Meerjungfrau war genau in die entgegengesetzte Richtung geschwommen wie das Boot. Er lief rasch die wenigen Stufen zur Pier herunter und fragte dort nach, wann das nächste Boot abfuhr.

»Wohin wollen Sie denn, mein Herr? Wir haben zwei Boote«, erwiderte der Mann nicht besonders freundlich. »Hier steht es.« Er deutete auf ein Schild. »Die nördliche Route oder die südliche. Zum Wannsee oder zum Schloß Oranienburg. Beide Fahren kosten zehn Mark.«

Kraus warf einen Blick auf die Uhr. Oranienburg, am Mittag. Aber bevor er drei Stunden auf einer Bootsfahrt ermittelte, musste er sich noch im Büro melden.

Neben dem Zeitungskiosk stand eine gelbe Telefonzelle.

»Kommissar Horthstaler sagt, Sie sollen ihn sofort anrufen. Es sei dringend.«

»Dringend. Na gut. Dann seien Sie doch so gut und verbinden Sie mich mit dem Kommissar, meine Liebe.«

Durch die offene Tür der Telefonzelle fiel Kraus’ Blick auf die Schlagzeilen der Morgenzeitung. Die Regierung zerbricht! Von Papen zum Rücktritt gezwungen!

»Kommissar Horthstaler, hier spricht Kraus.«

»Kraus, melden Sie sich unverzüglich im Präsidentenpalais.«

»Jawohl, Herr Kommissar.« Kraus war erstaunt. »Darf ich fragen, warum?«

»Der Alte will Sie sprechen.«

»Mich?«

»Hindenburgs Büro war ausgesprochen hartnäckig. Sie sollen sich sofort dort melden.«

»Jawohl. Aber … warum sollte der Präsident mich sprechen wollen?«

»Woher zum Teufel soll ich das wissen? Vielleicht will er Sie zum Reichskanzler ernennen!«

Hätte Kraus nicht gerade die Schlagzeilen gelesen, hätte er die Bemerkung vielleicht amüsant gefunden.