KATHRIN LANGE

CHERUBIM

HISTORISCHER ROMAN

Impressum

ISBN 978-3-8412-0460-8

Aufbau Digital,

veröffentlicht im Aufbau Verlag, Berlin, November 2012

© Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin

Die Originalausgabe erschien 2010 bei Aufbau Taschenbuch, einer Marke der Aufbau Verlag GmbH & Co. KG

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Umschlaggestaltung Mediabureau Di Stefano, Berlin

unter Verwendung einer Kreidezeichnung von Charles de la Fosse © Ashmolean Museum, Oxford/bridgemanart.de und einer Illustration von © Mediabureau Di Stefano

Konvertierung Koch, Neff & Volckmar GmbH,

KN digital - die digitale Verlagsauslieferung, Stuttgart

www.aufbau-verlag.de

Inhaltsübersicht

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

Nachwort

Danksagung

Die Cherubim hingegen erkennen

in über alles erhabener Weise

die göttlichen Geheimnisse.

Thomas von Aquin, Summa Theologica

Wenn aber dein rechtes Auge dir Anstoß gibt,

so reiß es aus und wirf es von dir;

denn es ist besser für dich,

dass eins deiner Glieder umkomme,

als dass dein ganzer Leib

in die Hölle geworfen werde.

Matthäus-Evangelium

1. Kapitel

Nürnberg, Anfang November 1491 n.Chr.

Die beiden Männer taumelten unter dem Gewicht, das sie zwischen sich trugen. Sie waren allein in der alten Bürgerkirche, und nur die leeren Augen der Heiligenfiguren aus Stein und Holz folgten ihnen, als sie ihre Last durch den Mittelgang schleppten, nach vorn zum Grab des heiligen Sebaldus.

Die Männer hätten unterschiedlicher nicht sein können. Obwohl sie beide kräftig von Gestalt waren, glichen sie sich kaum. Einer von ihnen trug die teure, farbenfrohere Kleidung eines Patriziers – seidene Strümpfe, eine ausgepolsterte Hose und ein Wams mit ebenfalls ausgepolsterten Schultern –, der andere die schlichte Uniform eines Stadtbüttels. Beide jedoch schwitzten sie unter ihrer Last, und langsam nur, einen Fuß vor den anderen setzend, wankten sie am Heinrichsaltar vorbei. Vor der niedrigen Schranke, die den riesigen Hallenchor der Kirche von dem Kirchenraum für die Laien trennte, blieben sie stehen.

Von hier aus hatten die Männer einen guten Blick auf das Gehäuse des Sebaldusschreins, das Gläubige und Pilger mit Heiligenbildern aus Wachs und Metallfolie behängt hatten. In dem schwachen Schimmer, den die wenigen auf den Altären ringsherum verteilten Kerzen verbreiteten, glänzten die silbernen und goldenen Votivgaben geheimnisvoll.

Aber das kümmerte die Männer nicht.

Mit einem Ächzen ließen sie ihre Last zu Boden gleiten, und jetzt, im helleren Teil der Kirche, war zu erkennen, dass es sich dabei um einen unförmigen, in eine dicke Lederplane eingewickelten Gegenstand handelte. Ein strenger Geruch stieg von dem Bündel auf, legte sich schwer und betäubend in die Luft, und als der Patrizier ihn einatmete, musste er husten. Das Geräusch klang in der hallenden Stille der Kirche wie ein Schuss.

Der Patrizier streckte sich, ließ die Schultern kreisen. Dann schwang er erst ein Bein über die Chorschranke, danach das zweite. Vor dem hölzernen Schreingehäuse, das von einem Metallzaun umgeben war, auf dessen vier Ecken man dicke weiße Kerzen aufgespießt hatte, blieb er stehen und besann sich einen Augenblick lang.

Andächtig zog er einen Gegenstand aus der Tasche und hielt ihn sich vors Gesicht. Es war eine Art Schlüssel – ein längliches, vorn mit einem Haken versehenes Stück Metall.

Der Patrizier drehte es ein paarmal hin und her, wie um seine Beschaffenheit zu prüfen. Dann beugte er sich über den Metallzaun, schob den Schlüssel in das erste der beiden Schlösser, die das Schreingehäuse verschlossen. Einen Augenblick lang stocherte er in dem Schloss herum, dann ertönte ein leises Quietschen und schließlich ein laut vernehmliches Klicken, als das Schloss aufsprang.

Erschrocken fuhren beide Männer herum, erstarrten, als fürchteten sie, bei ihrem unheiligen Tun ertappt worden zu sein. Doch die Kirche lag in völliger Stille da. Nur die Altarkerzen flackerten in dem leichten Luftzug, der durch eine zerbrochene Scheibe im Behaimfenster hereindrang.

Der Patrizier schüttelte den Kopf und wandte sich wieder dem Schreingehäuse zu. Er zog den Schlüssel heraus, führte ihn in das zweite Schloss ein und öffnete nach einigem Probieren auch dieses. Wieder hallte das metallische Klicken des zurückspringenden Riegels im Kirchenraum wider.

Von draußen drang fernes Läuten durch die dicken Wände. Der Türmer vom Weißen Turm verkündete Mitternacht. Die Glocken von St. Sebald jedoch, die gewöhnlich als Erste die Stunde schlugen, blieben heute still.

Der Patrizier verharrte, bis das Läuten verklungen war. Dann nickte er zufrieden und öffnete die hölzerne Tür des Schreingehäuses.

Zum Vorschein kam ein hausförmiger Kasten, der von einer steifen Lederhülle bedeckt war. Fast ehrfürchtig hob der Mann diese und entblößte das Herzstück des Grabes, den eigentlichen Schrein, der mit Dutzenden von Silberbändern verziert war und überaus kostbar wirkte.

Zwischen dem Schrein und der Holzwand des Gehäuses waren ungefähr zwei Handspannen Platz. Zufrieden richtete sich der Patrizier auf, streckte erneut den schmerzenden Rücken und ging dann zurück zur Chorschranke.

»Helft mir!«, befahl er seinem Begleiter, dem Mann in der Stadtbütteluniform.

Unter tiefem Ächzen hievten die beiden das Bündel über die Schranke. Dabei blieb die Plane an einem hervorstehenden Nagel hängen und riss einige Fingerbreit auf. Ruckartig fuhren beide Männer zurück. Stöhnend pressten sie sich die Ärmel auf Mund und Nase.

»Heilige Mutter Gottes!«, murmelte der Stadtbüttel. Dann gab er sich einen Ruck, packte das Bündel fester, und zusammen mit dem Patrizier zerrte er es zu dem Schreingehäuse und bugsierte es in den schmalen Zwischenraum zwischen Reliquienschrein und Holzwand.

Als das Werk vollbracht war, blickte der Patrizier einen Moment lang ins Leere, bevor er sich besann, das Türchen wieder zudrückte und die beiden Schlösser verschloss.

»Das kann auf keinen Fall gottgefällig gewesen sein!« Der Büttel flüsterte, dennoch wurde seine Stimme vom Gewölbe der Kirche zurückgeworfen und vervielfachte sich zu einem unheimlichen, geisterhaften Gewisper. Erschrocken bekreuzigte sich der Büttel.

Der Patrizier grinste kalt. »Einer muss das Notwendige tun!«

Rasch schlug der Büttel ein zweites Kreuz. »Es ist Gotteslästerung!«

Der Patrizier starrte ihn finster an, doch dann zog er eine Grimasse der Entschlossenheit. Er packte den Büttel am Arm und zerrte ihn kurzerhand mit sich.

»He ...«, protestierte dieser, verstummte jedoch, als der Patrizier ihn vor das farbenprächtige Wandbild des Petrus-Altars stieß.

»Seht es Euch an!« Der Patrizier zischte die Worte. »Was sagt es Euch?«

»Ich weiß nicht, was Ihr meint«, wandte der Büttel zaghaft ein.

Der Patrizier deutete auf das Bild. Auf dem Altar darunter brannten zwei hohe Kerzen und rissen Einzelheiten der Malerei aus der Finsternis. Ein Mann auf einem Thron, der das Todesurteil über den Apostel Paulus aussprach. Eine Menge aufgebrachter Menschen, die erregt genau dieses Urteil forderten. Einer dieser Menschen trug einen seltsam flachen Hut. Auf ihn wies der Patrizier. »Das Bild soll uns eine Mahnung sein!«, rief er, und seine Worte hallten in der leeren und stillen Kirche wider wie das Klicken der beiden Schlösser. »Eine Mahnung, wie das Judenpack schon in alten Tagen dafür gesorgt hat, dass heilige Männer den Tod fanden!«

Der Büttel blickte den Patrizier an. Dann seufzte er schwer. Endlich nickte er. »Ihr habt recht!«

Der Patrizier schien zufrieden. Er kehrte dem Petrus-Altar den Rücken, kletterte über die Chorschranke zurück in den öffentlichen Teil der Kirche. »Seht zu, dass Ihr hier überall noch ein bisschen Weihrauch verbrennt«, befahl er dem Büttel. »Der Kerl hat wirklich bestialisch gestunken!«

Katharina Jacob erwachte, weil sie schwitzte, und es dauerte eine Weile, bis sie begriff, dass sie in ihrem Überkleid eingeschlafen war. Das Kaminfeuer war heruntergebrannt, aber die Glut verbreitete noch immer eine wohlige Wärme.

Sie schlug die Decke zur Seite und setzte sich auf. Ihr war ein wenig schwindelig, als habe sie gerade einen Aderlass hinter sich. Mit zusammengepressten Lippen blickte sie auf die feinen Narben an ihren Handgelenken. Zeichen dafür, wie oft früher diese Behandlung an ihr durchgeführt worden war.

In ihrem Mund lag ein pelziger Geschmack. Missmutig warf sie einen Blick aus dem Fenster. Gegenüber beim Fleischhaus brannten Fackeln. Durch die kleinen Butzenscheiben hindurch wirkte die wuchtige, hell erleuchtete Fassade des Gebäudes wie in tausend Splitter zerfallen. Katharina bekam plötzlich keine Luft mehr.

Sie stand auf, trat an das Fenster und stieß es mit einem heftigen Ruck auf. Gierig sog sie die klirrende Nachtluft ein. Es war bemerkenswert kalt für Anfang November, und fast schien es, als wolle die Natur einen Ausgleich schaffen für die glühende Hitzewelle, die Nürnberg im August in einen Taumel aus Wahnsinn gestürzt hatte. Nicht nur Katharina hoffte, dass mit der Hitze auch der Irrsinn vergangen war.

Sie atmete so tief ein und aus, wie sie konnte, und fühlte dabei, wie der Schweiß auf ihrem Leib trocknete. Sie stand noch einen Moment in der eisigen Nachtluft, und als sie zu frösteln begann, klärte sich auch ihr Kopf. Die Müdigkeit, die sie am späten Nachmittag überkommen hatte, schien fort zu sein.

Das Haus, in dem sie zusammen mit ihrer Mutter Mechthild wohnte, gehörte dem Stadtrat von Nürnberg. Es war aus einem Teil der alten Befestigung gebaut worden, die früher die Grenze zwischen Stadt und dem umliegenden Land gebildet hatte. Als Nürnberg wuchs, hatte man die neue Stadtmauer ein gutes Stück weiter westlich gebaut und den alten Gebäuden hier einen neuen Zweck gegeben. Sie dienten nun dem Henker von Nürnberg als Wohnung.

Katharina und ihre Mutter durften es zur Zeit benutzen, weil Bertram Augspurger, der Henker, Mechthilds Mann gewesen war. Er war im August ums Leben gekommen, und der Rat hatte seiner Frau und seiner Stieftochter erlaubt, in seinem Haus wohnen zu bleiben, bis sich ein neuer Henker gefunden hatte.

Das Haus war winzig, und wie ein nutzlos gewordener Brückenbogen schwebte es mitten über der Pegnitz, die zwischen zwei Pfeilern unter ihm hindurchfloss. Ein paar Eisschollen trieben auf dem Fluss. Der Mond stand tief über dem östlichen Horizont, und über der Stadt zogen Wolkenfetzen in ruheloser Hast von Ost nach West.

Drüben beim Fleischhaus kümmerten die Männer sich weder um die Dunkelheit noch um die Kälte. Geschäftig liefen sie hin und her, und ihre Schatten wirkten im zuckenden Licht der Fackeln übergroß.

»Kind?«

Die helle Stimme von Katharinas Mutter Mechthild drang aus dem hinteren Zimmer der schmalen, langgestreckten Wohnung.

Katharina unterdrückte ein Seufzen. »Ja, Mutter! Habe ich dich geweckt? Es tut mir leid, das wollte ich nicht.«

Von ferne schlug es Mitternacht, und Katharina registrierte, dass wenigstens der Mann auf dem Weißen Turm seine Tätigkeit wiederaufgenommen hatte, nachdem tagsüber alle drei Türmer, aus welchen Gründen auch immer, den Dienst verweigert hatten.

»Schon gut«, meinte Mechthild. »Kannst du mir kurz helfen?«

»Natürlich, Mutter!« Katharina warf einen letzten Blick auf die arbeitenden Fleischer, dann griff sie nach dem Fenster, um es wieder zu schließen. Aber mitten in der Bewegung hielt sie inne und überlegte es sich anders. Die frische Luft tat ihr gut. Vielleicht war es besser, das Fenster offenstehen zu lassen.

Sie wappnete sich und betrat die Kammer ihrer Mutter.

»Sie arbeiten die Nacht durch, drüben am Fleischhaus«, sagte sie und zwang sich, es nicht durch zusammengebissene Zähne zu tun. Jedes einzelne Wort musste sie hervorwürgen wie einen Stein. »Und der Türmer vom Weißen Turm arbeitet wieder.«

Ihre Mutter lag in ihrer winzigen Kammer, lang ausgestreckt auf dem Bett, die Arme auf der Decke, die Katharina kurz bevor sie sich selbst hingelegt hatte, sorgfältig um sie herum festgesteckt hatte.

Mechthild Augspurger nickte. »Ich weiß. Ich kann sie hören. Sie versuchen noch immer, die Verluste wieder reinzuholen, die die Ereignisse ihnen beschert haben.«

Katharina schluckte. Die Ereignisse.

Ihre Mutter weigerte sich, die Dinge, die im August in der Stadt geschehen waren, anders zu nennen. Die Ereignisse ... Was für ein höhnischer Ausdruck dafür, dass halb Nürnberg dem Wahnsinn verfallen war, weil ein Irrer die Brunnen vergiftet hatte! Welch feige Umschreibung für die Tatsache, dass Matthias, Katharinas Halbbruder und Mechthilds einziger Sohn, dabei ums Leben gekommen war, ebenso wie Bertram, Mechthilds Mann.

Und wie so schrecklich viele andere.

»Was schaust du so vorwurfsvoll?«, fragte Mechthild. Sie streckte eine Hand aus und wies unter das Bett, wo ihr Nachttopf stand. Sie war gelähmt und auf Hilfe bei ihren täglichen Verrichtungen angewiesen.

Katharina rührte sich nicht. Sie spürte, wie ihre Kiefer sich verkrampften bei dem Versuch, die Worte zurückzuhalten, die sich auf ihre Zunge drängten. »Nur so.« Sie bückte sich nach dem Nachttopf.

Die Luft zwischen ihnen war angefüllt mit Groll und Verdruss. Als Katharina ihrer Mutter den Nachttopf reichte, wich sie ihrem Blick aus.

»Es tut mir leid, dass ich dir das zumuten muss«, sagte Mechthild. »Früher hat Bertram das gemacht, aber ...« Sie verstummte, weil Katharina warnend die Hand hob.

Die Steine in Katharinas Kehle verwandelten sich in Felsbrocken. Sie schluckte dagegen an, aber vergeblich. »Ruf mich, wenn du fertig bist«, bat sie, wandte sich zum Gehen und schloss die Tür hinter sich.

In der Mitte ihrer eigenen Kammer blieb sie stehen, die Fäuste geballt und eine solche Anspannung in der Nackenmuskulatur, dass ihr Kopf anfing zu schmerzen. Diese drangvolle Enge der beiden winzigen Räume, die Erinnerung an die massige Gestalt ihres Stiefvaters, die noch immer wie ein Geist durch die kleine Wohnung zu streifen schien, die Nähe zu ihrer Mutter – Katharina wusste nicht, wie lange sie das alles noch aushalten konnte, ohne sich die Fäuste an den Wänden blutig zu schlagen.

»Du kannst wieder reinkommen«, hörte sie Mechthild.

Sie straffte die Schultern, dann öffnete sie die Tür mit einem Ruck. Obwohl sie sich bemühte, durch den Mund zu atmen, konnte sie den Urin ihrer Mutter riechen. Alte Frauen hatten einen sehr besonderen Geruch, das wusste sie natürlich, denn sie hatte früher zahlreiche ältere Frauen als Patientinnen gehabt.

Seufzend dachte Katharina an all diese Frauen zurück. Vor keiner von ihnen hatte sie sich je so sehr geekelt wie vor ihrer eigenen Mutter. Vor deren säuerlichem und käsigem Geruch und ihrer tiefen, uneingestandenen Trauer.

Die Lider gesenkt, reichte Mechthild Katharina den Nachttopf.

So klein die Wohnung im Henkershaus auch war, sie besaß einen unschätzbaren Luxus: An einer ihrer Außenwände hatte sie ein winziges Gelass, das als Abtritt diente. Alles, was man hier durch ein Loch in einem hölzernen Balken warf, fiel direkt in die Pegnitz und war auf Nimmerwiedersehen verschwunden.

Katharina kippte den Inhalt des Nachttopfes durch dieses Loch und kehrte zu ihrer Mutter zurück. »Du solltest mehr trinken«, riet sie. »Dein Urin sah sehr dunkel aus.«

Mechthild schürzte die Lippen. »Ich bin nicht Heinrich!«, wies sie Katharina zurecht.

Heinrich war ein Bettler, den Katharina vor einigen Monaten kennengelernt hatte, ein Mann mit halb verwirrtem Verstand und dem freundlichen Gemüt eines kleinen Kindes, den Katharina regelrecht ins Herz geschlossen hatte. Er war einer der wenigen Menschen, um dessen Gesundheit sie sich noch zu kümmern wagte, seitdem der Stadtrat von Nürnberg es ihr verboten hatte, die reichen Bürgerinnen zu behandeln.

»Nein«, murmelte Katharina. Ein bitteres »Leider!« lag ihr auf der Zunge, doch sie schluckte es hinunter. Sie war erfüllt von einem schlechten Gewissen, weil sie die Gegenwart eines Irren aus der Gosse besser zu ertragen vermochte als die ihrer eigenen Mutter.

Mit einer ruppigen Bewegung schob sie den Nachttopf wieder unter das Bett. »Natürlich nicht«, setzte sie hinzu.

»Ich kann nichts dafür, dass Bertram tot ist.« Mechthild stützte sich auf die Ellenbogen und richtete sich auf. Das Nachthemd verrutschte über ihrem Hals und entblößte faltige, gelbliche Haut.

»Mutter!«, stöhnte Katharina gedehnt. Und im Stillen dachte sie: Verschone mich um Himmels willen mit diesem Namen!

»Bertram und Matthias haben ...«

Das war zu viel für Katharina. »Erwähne sie nicht immer in einem Atemzug!«, schrie sie. Die Felsen in ihrer Kehle zersplitterten und zerrissen sie von innen heraus.

Mit vor Schrecken und Überraschung geweiteten Augen starrte Mechthild ihre Tochter an. »Was hast du nur?« Sie klang beleidigt und verletzt.

Es war Katharina egal. »Matthias war mein Bruder!«, schnappte sie, fast atemlos vor Zorn und Trauer. »Und er starb durch die Hand eines irren Mörders. Bertram Augspurger hingegen ...« – sie betonte den Namen, als sei er etwas überaus Ekliges – »... er war der Henker von Nürnberg! Erwähne die beiden nie – niemals wieder in einem Atemzug, hast du mich gehört?«

»Du hast recht«, gab Mechthild kühl zurück. »Matthias war mein Sohn. Aber Bertram war mein Mann. Und das zählt auch etwas! Wenn ich dir irgendetwas beigebracht habe, dann hoffentlich das!«

Katharina schnaubte nur.

Mechthilds Blick wurde eisig. »Manchmal denke ich, dein Vater hatte doch recht«, sagte sie, und nun klang sie beleidigt. Dann rutschte sie tiefer in ihre Kissen und schloss die Augen. Ein untrügliches Zeichen für Katharina, dass sie das Gespräch als beendet betrachtete.

Katharina bebte vor Zorn, doch gleichzeitig war ihr auch schlecht vor lauter Elend. In ihrem Unterleib machte sich ein schwaches Ziehen bemerkbar, das sie seit den Ereignissen – seit dem Großen Wahnsinn, korrigierte sie sich selbst – immer wieder einmal spürte.

»Mein Vater«, presste sie mühsam hervor, »hat geglaubt, dass ich besessen bin.« Sie sprach durch gebleckte Zähne und kam sich vor wie ein tollwütiger Hund. »Er war ein Idiot!«

»Es gibt vieles, was du nicht weißt.« Demonstrativ drehte sich Mechthild auf die Seite.

Mit einem Ruck wandte Katharina sich um. Sie hatte keine Ahnung, was Mechthild mit dem letzten Satz gemeint hatte, und es war ihr auch egal.

Sie marschierte aus der Kammer.

»Wo willst du hin?«, rief Mechthild ihr nach.

»Ich gehe nach Heinrich sehen!«, gab sie giftig zurück, dann warf sie die Tür hinter sich ins Schloss. Sie stürmte die schmale Stiege hinunter, packte ihren Mantel und ihre weiße Haube, legte beides an und riss die Haustür auf.

Die Männer beim Fleischhaus starrten ihr verblüfft hinterher, als sie mit wehenden Röcken und finsterem Gesicht an ihnen vorbeirannte.

Der Schnee, der in den letzten Tagen gefallen war, bedeckte den Boden mit einer dichten weißen Schicht und glitzerte im kalten Licht des Mondes. Heinrich bohrte den Finger hinein, erst zur Hälfte, dann gänzlich, und als seine Haut von der Kälte zu schmerzen begann, wartete er noch einen Moment und zog den Finger dann zurück.

Er saß auf seinem angestammten Platz unter einem Brückenbogen, obwohl ein eisiger Hauch aus dem Fluss in die Höhe stieg und mit klammen Fingern nach ihm griff. Aufmerksam starrte er über das schwarze Wasser hinweg und lauschte in die Dunkelheit hinaus.

Schon seit Tagen lag Nürnberg unter einer Glocke aus Frost, die die Geräusche in den Straßen und Gassen verstärkte und sie in klirrendes Glas verwandelte, das auf dem rauen Pflaster zerschellte.

Sogar die Hunde, die sonst die Dunkelheit mit ihrem fortwährenden Gebell erfüllten, schwiegen angesichts der Kälte, die den Atem sichtbar aus ihren Schnauzen steigen ließ und sie selbst in ihre Hütten und Verschläge trieb. Nur eine einsame Katze huschte an Heinrich vorbei, das Fell gesträubt und die Ohren an den Kopf gelegt, als fürchte sie sich vor den Gestalten der Dunkelheit.

Als von jenseits des Flusses der feste Tritt eines Mannes erklang, blieb die Katze wie angewurzelt stehen, und als den Schritten das leisere, rasche Trippeln von Kinderschritten folgte, sträubte sich ihr Nackenhaar, und sie fauchte drohend.

»Müssen wir das wirklich tun, Vater?«, jammerte eine helle Stimme.

Heinrich hob den Kopf und horchte, und als ein Mann und ein kleiner Junge um die Ecke bogen, wich er so tief wie möglich in die Dunkelheit unter der Brücke zurück. Von hier aus hatte er einen guten Blick auf die beiden.

Vater und Sohn waren eingehüllt in dicke Wollmäntel und trugen Mützen aus hellgrauem Kaninchenpelz. Die Unterschenkel des Mannes waren dick umwickelt mit mehreren Lagen hellen Leinens, während der Junge auf klobigen Holzschuhen hinter seinem Vater herhastete.

Die Katze verschwand mit einem Satz in der Lücke zwischen zwei Häusern. Der Vater warf ihr einen stirnrunzelnden Blick hinterher. »Ich habe es dir hundertmal erklärt«, brummte er. In der einen Faust hielt er eine blakende Fackel und in der anderen einen Sack, dessen Kordel im Licht der Flamme rot glänzte. Deutlich hörte Heinrich klägliches Miauen aus dem Sack hervordringen.

»Sie hat jetzt zum zweiten Mal Kleine mit zwei Schwänzen geboren«, sagte der Mann. »Sie hat den Teufel im Leib!«

»Aber sie ist doch meine Freundin!«, jammerte der Junge.

»Wenn aber dein rechtes Auge dir Anstoß gibt, so reiß es aus und wirf es von dir; denn es ist besser für dich, dass eins deiner Glieder umkomme, als dass dein ganzer Leib in die Hölle geworfen werde.« Der Mann seufzte schwer. »Glaub mir, ich tue das hier auch nicht gern, aber es muss sein!«

»Sie hat auch früher schon Kleine mit zwei Schwänzen geboren«, wandte das Kind erneut ein. »Da hast du nur die Kleinen ersäuft, nicht sie.«

Mit einem Ruck blieb der Mann stehen. Noch einmal seufzte er. »Da hatte auch der Teufel Nürnberg nicht in seinen Klauen, Junge!« Er sprach jetzt mit einer Mischung aus Barschheit und Mitleid.

Der Teufel!

Heinrich erzitterte. Der Teufel. Er presste die Hände auf die Ohren, aber dennoch hörte er, wie der Vater weitersprach: »Du hast doch gesehen, was in der letzten Zeit passiert ist. Nein, glaub mir, es ist besser, diese Ausgeburt der Hölle loszuwerden!«

»Ausgeburt der Hölle ...« Die Stimme des Kindes verklang in einem langgezogenen, gequälten Schluchzer. Die beiden betraten die Brücke und verschwanden für einen Moment aus dem Blickfeld von Heinrich. Als sie auf seiner Seite des Flusses wieder auftauchten, konnte er sehen, wie sie stehenblieben. Vor ihnen lag eine flache Treppe, die zur Wasseroberfläche hinunterführte und über deren untere Stufen der Fluss leise schwappte.

»Halt das!«, befahl der Mann dem Kind, überreichte ihm die Fackel und ging mit zögernden Schritten die Treppe hinunter. Dicht vor der Wasseroberfläche blieb er stehen.

Der Junge wagte sich nicht weiter vor. Schwer atmend und leise schniefend stand er da und rührte sich nicht. Die Flamme warf unruhige Schatten auf sein hageres Gesicht.

»Herr im Himmel«, murmelte der Mann und hob den Sack am ausgestreckten Arm in die Höhe. »Gib, dass wir in deinem Namen recht tun, wenn wir diese Kreatur der Hölle dorthin zurückschicken, woher sie kommt.« Er zögerte einen Moment, dann schwang er den Arm zurück und warf den Sack so weit er konnte auf den Fluss hinaus.

Mit einem Klatschen traf er auf dem Wasser auf, und der Junge heulte los. Seine Augen waren weit aufgerissen vor Angst und Traurigkeit, und Rotz lief ihm in einem breiten gelben Strom aus der Nase.

Der Mann hatte den Sack offenbar mit Steinen beschwert, so dass er rasch sank. Mit einem Glucksen glitt er unter die Wasseroberfläche, schnell genug, um die Laute zu verschlucken, die die Katze in seinem Inneren von sich gab, als sie begriff, dass sie dem Tode geweiht war. Ein paar große Luftblasen durchbrachen die Wasseroberfläche. Im nächsten Moment lag der Fluss wieder ruhig und unversehrt da.

Hastig kehrte der Mann zu seinem Sohn zurück, nahm ihm die Fackel ab. »Komm!«, sagte er zu dem Jungen, griff nach seiner Hand und zog ihn mit sich fort.

Keine zwei Augenblicke später verschwanden beide in der Finsternis. Das Schluchzen des Kindes hing noch lange in der eisigen Luft.

Heinrich starrte auf die Stelle, die den Sack verschlungen hatte. Die Luftblasen waren zerplatzt, die letzten Wellenkreise erreichten das Flussufer und liefen mit einem leisen Plätschern aus. Die Katze war fort, ebenso der Vater mit seinem Sohn.

Der Teufel. Und die Hölle.

Davon hatte der Mann gesprochen.

Heinrich schauderte und machte eilig das Zeichen, das die frommen Frauen ihm als kleinem Jungen beigebracht hatten: Mit den Fingerspitzen berührte er erst die Stirn, dann seine Brust und schließlich der Reihe nach erst die linke, dann die rechte Schulter.

Schließlich krabbelte er unter dem Brückenbogen hervor.

Um sich zu wärmen, stampfte er ein paarmal mit den Füßen auf. Sein gesamter Körper brannte von der eisig-feuchten Luft. Beiläufig langte er zu seiner Hüfte, wo er sonst die Tasche mit seinen Habseligkeiten trug. Er zuckte zusammen, als seine Hand ins Leere griff, doch gleich darauf fiel ihm wieder ein, dass er den Beutel in seinem Versteck gelassen hatte. Seine Schulter schmerzte heute zu sehr, um ihn zu tragen.

Ob Katharina etwas dagegen tun konnte?

Er lächelte, als er an sie dachte. Bestimmt würde sie ihm helfen können. Sie war immer so gut zu ihm!

Er betrat die unterste Stufe der Treppe genau in dem Moment, als sich der Mond in eine Wolke hüllte.

Und da presste er beide Hände auf die Ohren, warf den Kopf in den Nacken und stieß ein gequältes, langgezogenes Heulen aus.

»Die Engel!«, stöhnte er, obwohl niemand da war, der ihn hören konnte. »Die Engel!«

Seit Wochen hatte er sie nicht mehr gehört, doch nun begannen sie, wie im Sommer schon einmal, die Luft mit ihrem Kreischen zu erfüllen.

Am Fuß der Treppe sank er in sich zusammen.

Irgendwann hielt er das Getöse nicht mehr aus.

Er rappelte sich auf, zog seinen Mantel fester um sich und erklomm die Treppe, die ihn am Heilig-Geist-Spital vorbei in den südlichen Teil Nürnbergs brachte.

Eine Weile humpelte er ziellos durch die Stadt, mied die größeren Plätze und auch die breiteren Straßen. Seit dem Sommer, als die Engel zum ersten Mal gekreischt hatten, brannten hier an langen Stecken Laternen mit Pechlichtern. Heinrich mochte ihre zuckende, wie lebendig wirkende Helligkeit nicht, duckte sich vor ihr weg und wich in das Dunkel der engen Gassen zurück.

Einmal begegnete ihm ein Nachtwächter mit seinem eigenen Licht, leuchtete ihm mitten ins Gesicht und ließ ihn mit einer strengen Ermahnung, die Leute nicht zu belästigen, wieder ziehen. Eine Katze, die ein besseres Schicksal erwischt hatte als ihre Artgenossin im Sack, huschte vor ihm über den Weg und hielt inne, als sie seiner gewahr wurde. Sie machte einen Buckel und fauchte, dann aber zog sie es vor, in den Schatten zu verschwinden.

Eine kleine Gruppe bunt angemalter Huren kam Heinrich entgegen, taxierte ihn und befand ihn des Ansprechens für unwürdig. Mit unterdrücktem Gekicher gingen sie an ihm vorbei, wandten sich nach ihm um. Er starrte sie finster an, und eine von ihnen, ein zierliches, blasses Persönchen mit aufgedrehten Locken und einem gewagten Ausschnitt, streckte ihm die Zunge heraus.

Über den Dächern der Stadt rauschten die Engel mit ihren Flügeln.

Heinrich presste sich die Hände auf die Ohren und wankte weiter, vorbei an einem Grundstück, dessen Gebäude im Sommer in Flammen aufgegangen war.

Plötzlich näherten sich Schritte.

Heinrich hielt inne und lauschte.

Feste Schuhe. Eine vermummte Gestalt, die eine große Kapuze trug. Unmöglich zu sagen, ob es eine Frau war oder ein Mann.

Heinrich wich in den Schatten eines Hauses zurück, doch die Gestalt hatte ihn bereits entdeckt.

»Du da!«, rief sie. Die Stimme hallte zwischen den Wänden der engstehenden Häuser wider.

Heinrich zermarterte sich den Kopf darüber, was die Gestalt von ihm wollte. Gewöhnlich sprach ihn niemand an. Die meisten Menschen mieden ihn lieber.

Ob dieser Fremde ihn kannte?

Verwirrt fuhr er sich mit der Zunge über die Lippen. »Anna?«, fragte er. Das Wort zitterte auf seiner Zunge, als habe es ein Eigenleben.

Die Engel in der Luft kreischten vor Vergnügen.

Die Gestalt kam näher. Sie bewegte sich mit geschmeidiger Anmut, wie jemand, der im Vollbesitz seiner körperlichen Kräfte war. Ganz anders als Heinrich.

»Katharina?«, machte er einen zweiten Versuch.

Wieder bekam er keine Antwort.

Die Gestalt war jetzt heran.

»Wer bist du?«, hauchte Heinrich.

Als Antwort erhielt er Schweigen. Dann die rasche Bewegung einer Hand. Etwas blitzte im Mondlicht. Fuhr auf sein Gesicht nieder. Danach. Schmerzen.

Schmerzen und Finsternis.

Das Letzte, was Heinrich hörte, als er in die gefrorene Gosse sank, waren die Engel in der Luft über ihm.

Sie kreischten jetzt nicht mehr. Sie lachten.

Während Katharina durch die düsteren Gassen der Stadt streifte und nach Heinrich Ausschau hielt, versuchte sie, sich von Zorn und vor allem von den Schuldgefühlen freizumachen, die ihre Mutter immer und immer wieder in ihr entfachte. Irgendwann kam sie an der doppeltürmigen Westfassade von St. Sebald vorbei. Linkerhand lag der Friedhof, dessen Einfassung und Grabsteine man repariert hatte, nachdem im August ein Baugerüst auf sie gestürzt war und sie zertrümmert hatte. Im schwachen Licht des Mondes, der sich jetzt hinter ein paar Wolkenfetzen verbarg, leuchteten die neuen Steine hell wie Knochen.

Auf diesem Friedhof lag Matthias.

Katharinas Bruder war im August das Opfer des Engelmörders geworden, eines Irren, der scheinbar planlos Menschen ermordet und sie mit Hilfe von Schwanenflügeln in die schockierenden Abbilder von Engeln verwandelt hatte. Katharina erinnerte sich noch gut daran, wie sie vor dem mit einem Tuch abgedeckten Leichnam ihres Bruders gestanden, wie sie das Tuch fortgezogen und diese furchtbaren Flügel gesehen hatte, deren weiße Federn im Staub hingen ...

Nur mit Mühe gelang es ihr, dieser beklemmenden Erinnerungen Herr zu werden. Sie legte beide Hände an die Wangen, atmete einmal tief durch und setzte dann ihren Weg fort, um Heinrich zu suchen.

Es gab mehrere Stellen, an denen er sich für gewöhnlich aufhielt. Wenn sie Pech hatte, würde sie eine nach der anderen aufsuchen müssen, bevor sie ihn fand.

Kurze Zeit später erreichte sie das Spittlertorviertel. Ein Nachtwächter mit einer Laterne an einer langen Stange kam ihr entgegen und grüßte sie mit einem knappen Nicken.

Kurz darauf verhallten die Tritte seiner schweren Stiefel in den Gassen hinter ihr.

Sie unterdrückte ein Seufzen. Ein Kaufmann, der offenbar von einem späten Geschäftstermin auf dem Weg nach Hause war, kam um eine Ecke und warf ihr einen langen Blick zu. Es war deutlich, dass er Katharina für eine Hure hielt, und Katharina konnte es ihm nicht einmal verdenken. Frauen, die sich zu dieser späten Stunde auf der Straße herumtrieben, gingen in den seltensten Fällen einer ehrbaren Tätigkeit nach. Demonstrativ wandte Katharina den Kopf und zupfte an ihrer weißen Haube, die sie als verheiratete Frau auswies. Aber der Mann war entweder zu betrunken, um die Bedeutung ihrer Kopfbedeckung zu erkennen, oder aber sie war ihm einerlei. Herausfordernd kam er auf Katharina zu, und sie musste ihm einen überaus finsteren Blick zuwerfen, bevor er endlich begriff, dass sie nicht zu haben war. Enttäuschung huschte über seine Miene, doch er setzte seinen Weg fort, ohne ein einziges Wort an sie gerichtet zu haben.

Katharina sah an sich herunter. »Nicht das, was du zu finden gehofft hast!«, sagte sie leise und im Tonfall einer der Hübschlerinnen aus dem Spittlertorviertel. Dass der Mann nicht gleich auf den ersten Hinweis reagiert hatte, gab ihr zu denken. Vielleicht sollte sie doch wieder dazu übergehen, die schwarze Haube aufzusetzen. Wenn die Leute sahen, dass sie Witwe war, behandelten sie sie gewöhnlich mit größerem Respekt.

Sie wischte sich eine lose Haarsträhne aus der Stirn und machte auf dem Absatz kehrt.

Witwe.

Das Wort klang so ... endgültig. Katharina verdrängte alle aufkeimenden Erinnerungen an ihren toten Mann.

Vorbei an St. Sebald und dem Friedhof gelangte sie zum Rathaus. Dem darin liegenden Lochgefängnis schenkte sie keinen Blick, sondern überquerte den Großen Markt, der um diese Zeit menschenleer war. Die unzähligen Bretterbuden, an denen die Marktleute ihre Waren verkauften, lagen still und verlassen unter dem zerrissenen Mondlicht.

Sie ging das kurze Stück bis zur Breiten Brücke, überquerte sie und lief dann eine Weile in der Lorenzer Stadt hin und her, doch an keinem seiner üblichen Standpunkte fand sie Heinrich

Und dann plötzlich stand sie vor dem Haus.

Ruckartig tauchte sie aus ihrer Versenkung auf. Sie hatte nicht vorgehabt hierherzukommen, und doch hatten ihre Füße sie hergetragen, während ihr Geist in Gedanken versunken gewesen war.

Mit klopfendem Herzen hob sie den Blick. An der Fassade des Hauses brannten keine Fackeln, dafür aber an dem Nachbargebäude, so dass Katharina einige Details erkennen konnte. Die Tür mit dem wohlvertrauen Klopfer. Das Geländer neben den Stufen des Haussteins.

Erschrocken über sich selbst, legte sie den Kopf in den Nacken und blickte an der mehrstöckigen Fassade nach oben. Die grünen und weißen Fensterscheiben wirkten in der herrschenden Dunkelheit blind, und Katharina fragte sich, ob sie es vielleicht tatsächlich waren. Immerhin gab es seit Monaten niemanden mehr, der sie putzte.

»Schöne Hütte, wa?«

Von links näherte sich eine Gestalt, die sich zum Schutz vor der Kälte in mehrere Lagen Stoff gehüllt hatte. Eine Hand schälte sich aus den unzähligen Schichten und wies an dem Haus in die Höhe. »Steht schon ’ne ganze Weile leer, aber früher, da wohnte da ’ne Hexe! Sagen die Leute jedenfalls.«

Eine Hexe!

Das eine Wort brachte Erinnerungen zurück, denen Katharina sich lieber nicht stellen wollte. Energisch schob sie sie von sich.

Sie musterte die Gestalt, konnte aber nicht ausmachen, ob es ein Mann oder eine Frau war. Alles, was sie unter dem mehrfach um den Kopf geschlungenen Schal erkennen konnte, waren zwei flinke Augen, die von mächtigen Krähenfüßen umgeben waren. Die Stimme jedoch klang hoch und krächzend, und so vermutete Katharina, dass es sich bei ihrem Gegenüber um eine alte Frau handelte.

»Ich glaub ja nicht an so’n Zeugs, Hexen und so«, behauptete die Alte. »Ist ja schließlich auch unchristlich, oder etwa nich? Die arme Frau, also irgendwie tut sie mir leid.«

Katharina nickte knapp, zum Zeichen, dass sie von weiteren Details nichts wissen wollte. Sie versuchte, sich an der Frau vorbeizudrängen, doch die packte sie beim Arm.

»Der Besitzer«, plauderte sie fröhlich vor sich hin, »ist verschwunden. Schon vor fast einem Jahr. Es heißt, er sei in der Fremde gestorben, und seine Witwe musste das Gemäuer vor ein paar Wochen verkaufen. Hab mich ’ne Zeitlang gefragt, wo sie jetzt wohl wohnt.«

Im Henkershaus, dachte Katharina. Auch wenn du das wahrscheinlich nicht glauben wirst. Sie schwieg jedoch. Mit Nachdruck befreite sie ihren Arm aus dem Griff der Alten.

Die zuckte die Achseln. »Im Armenhaus, wahrscheinlich!«, beantwortete sie ihre eigene Frage. »Ich habe gehört, dass der Erlös des Hauses gerade die Schulden aufgewogen hat, die sie hatte. Besitzt wahrscheinlich nur noch die Kleider, die sie am Leib trägt.«

Nein, dachte Katharina. Einen schwarzen Samtrock noch dazu.

»Jedenfalls war sie die, die der Stadtrat im August hat tauchen lassen, um nachzuprüfen, ob sie eine Hexe ist.«

Katharina war kalt. »Ich muss weiter«, murmelte sie und drängte sich an der Frau vorbei. Es war ihr egal, dass sie sie dabei anrempelte. Sie wollte nur noch hier weg.

»Treibt Euch nicht auf der Straße herum!«, rief die Alte ihr nach. »Ihr holt Euch bei dieser Kälte sonst noch den Tod!«

Katharina bog um eine Ecke und beeilte sich, so viel Raum wie möglich zwischen sich und das Haus zu bringen. Als ihr das gelungen war, blieb sie stehen. Sie musste sich an einer Wand abstützen, weil die Erinnerungen sie jetzt mit Macht überfielen.

Sie dachte daran, wie ihr Bruder Matthias von dem Engelmörder umgebracht worden war, wie sie in den Sog dieser furchtbaren Mordserie geraten und sogar selbst im Lochgefängnis gelandet war. Sie dachte an die Wasserprobe, die sie gefordert hatte, um zu beweisen, dass sie keine Hexe war. Diese Wasserprobe, die beinahe so furchtbar schiefgegangen wäre ...

Und sie dachte an den Mann, der ihr damals das Leben gerettet hatte.

Richard Sterner.

Kurz verspürte sie einen scharfen Schmerz in ihrem Herzen, und er war so unerträglich, dass sie den Gedanken an Richard sofort weit von sich schob.

Um nicht mehr an ihn denken zu müssen, konzentrierte sie sich auf die Erinnerung daran, wie der Stadtrat ihr nach der Hexenprobe das Heilen, und damit die einzige Tätigkeit, die sie wirklich beherrschte, bei Strafe verboten hatte. Doch auch das nützte nichts.

Ohne dass sie es verhindern konnte, kehrte die Erinnerung an Egbert zurück. An ihren Ehemann, der auf einer Reise umgekommen war.

Sie krümmte sich. Ihre Knie zitterten, und sie brauchte all ihre Kraft, um sich wieder zur vollen Größe aufzurichten. Sie musste sich beschäftigen, dachte sie. Sie musste etwas tun, um diesen ganzen Erinnerungen nicht mehr so hilflos ausgeliefert zu sein.

Sie seufzte tief auf, dann ließ sie die Wand los und kehrte um. Diesmal schlug sie um ihr ehemaliges Haus einen Bogen, und schließlich erreichte sie eine Ruine in der Nähe der Frauentormauer, in die sich Heinrich manchmal bei großer Kälte zurückzog.

Sie blieb vor den verkohlten Balken stehen.

»Heinrich?«, rief sie.

Doch sie erhielt keine Antwort.

Dafür ertönten Schritte ganz in der Nähe.

In raschem, abgehacktem Rhythmus hämmerten sie auf das eisige Pflaster, und Katharina wich in die Schatten der ausgebrannten Ruine zurück.

Eine dunkel gekleidete Gestalt bog um eine Hausecke. Mit gesenktem Kopf und tief ins Gesicht gezogener Kapuze eilte sie an Katharina vorbei, ohne sie zu bemerken. Erst als ihre raschen Schritte in der Ferne verklungen waren, wagte Katharina sich wieder aus ihrem Versteck hervor. Kurz überlegte sie, sich durch das Gewirr aus Schutt und schwarzem Holz hindurchzuzwängen, um in Heinrichs Versteck nachzusehen, ob er wirklich nicht da war. Doch dann überlegte sie es sich anders.

Eine vage, unerklärliche Angst hatte plötzlich nach ihrem Herzen gegriffen und es zusammengepresst. Außerdem begann es jetzt in dicken, nassen Flocken zu schneien.

Sie murmelte erst eine rasche Entschuldigung an Heinrich, dann ein kurzes Gebet.

Und dann wandte sie sich ab und machte, dass sie nach Hause kam.

2. Kapitel

Den ganzen Tag über und bis weit in die Nacht hinein hatten die Stundenglocken Nürnbergs geschwiegen, und die ungewohnte Stille hatte die Bürger in Verwirrung gestürzt. Die Menschen waren zu spät zu ihren Verabredungen gekommen oder hatten vergessen, ihre Besorgungen zu machen, Warenlieferungen von einem Ende der Stadt zum anderen waren nicht pünktlich angekommen, und die Messen hatten verspätet begonnen.

Die Nacht war schon weit fortgeschritten, als die Tür des Gasthauses Zur krummen Diele mit einem Ruck geöffnet wurde und zwei Frauen auf die Gasse hinaustraten. Eine Fackel, die der Wirt neben dem Eingang aufgesteckt hatte, warf flackernde Lichtreflexe auf die unbedeckten Haare der beiden. Eine der Frauen schwenkte ihre wirren roten Locken nach hinten und lachte lauthals, obwohl ihr das Blut aus der Nase schoss. Mit der rechten Hand versuchte sie es aufzufangen, doch in stetigem Strom rann es durch ihre Finger und tropfte auf den eisigen Boden.

Die andere Frau ließ sich mit blassem Gesicht gegen eine Mauer sinken, hob beide Hände und presste sie gegen ihre sommersprossenübersäten Wangen. Ihre langen blonden Haare hatte sie zu einer ehemals kunstvollen Frisur hochgesteckt, aus der sich einzelne Strähnen ringelten und ihr wie Korkenzieher in die Augen hingen.

»Dämliches Weibsstück!«, brüllte aus der verräucherten Wirtsstube ein Mann hinter den beiden Frauen her. »Für den Schaden wirst du mir bezahlen!«

Die Rothaarige – ihr Name war Maria – beugte sich vor und schrie zurück ins Innere des Wirtshauses: »Halt dein dreckiges Maul, Alter! Du hast nur bekommen, was du verdient hast!« Sie lachte und drückte dabei den Daumenballen auf ihr rechtes Nasenloch.

Der Mann schleuderte einen deftigen Fluch nach ihr.

Im Stillen belegte sie ihn mit jedem Schimpfwort, das sie im Laufe ihrer Jahre auf den Straßen der Stadt gelernt hatte. Als sie damit fertig war, warf sie die Wirtshaustür ins Schloss, dann wandte sie sich zu Dagmar, der Blonden, um. »Mach dir keine Sorgen, Kleines! Der ist wie ein Köter: Er bellt viel, aber er beißt nur sehr selten.«

»Du blutest so doll!«, flüsterte Dagmar.

Maria winkte ab. Prüfend ließ sie ihre Nase los. Der Blutfluss war bereits geringer geworden.«Nicht so schlimm! Er hat mir in dem Gerangel nur eins auf die Nuss gegeben. Hört schon auf!« Sie schniefte. Ein letzter roter Tropfen löste sich von ihrer Oberlippe, fiel zu Boden. Der metallische Geruch, der ihr bis hinten in die Kehle stieg, verursachte ihr Übelkeit, aber das ließ sie Dagmar nicht wissen.

Die war ohnehin mehr mit sich selbst beschäftigt.

»Was ist, wenn er sich über mich beschwert?« Sie ließ die Hände sinken und seufzte. Ihre Bluse war an der Schulter zerrissen und entblößte eine weiße, knochige Schulter. Dagmar griff nach dem zerfetzten Stoff und zog ihn über die nackte Haut. Die Geste ließ sie schutzbedürftig aussehen. Maria spürte, wie sie Mitleid bekam. Sie hatte häufig Mitleid mit Dagmar, schon seit sie beide Kinder gewesen waren, war das so.

Höhnisch schnaubte sie und ignorierte den dumpfen Schmerz, den ihre Nase dabei aussandte. »Bei wem sollte er das tun? Bei Niklas? Der war viel zu sehr mit Agnes beschäftigt, als dass er mitbekommen hat, was passiert ist.«

Niklas war der Wirt des Gasthauses und in seinem Viertel bekannt dafür, dass er die Dienste der Huren, die bei ihm verkehrten, gern und ausgiebig selbst in Anspruch nahm.

Dagmar zog die Bluse fester um ihre Schultern. »Trotzdem! Die Jacke sah teuer aus. Was, wenn ich sie mit dem Wein ruiniert habe?« Sie hatte dem Mann in der Gaststube einen halben Becher Rotwein ins Gesicht gekippt, weil er allzu zudringlich geworden war und ihr dabei die Bluse zerrissen hatte. In dem darauffolgenden Gerangel hatte der Mann, mehr aus Versehen als mit Absicht, Maria eines auf die Nase gegeben.

»Es war dein Recht, dich zur Wehr zu setzen«, sagte Maria. »Er hätte dich nicht so hart anfassen dürfen.«

Dagmar seufzte. »Er hat mich wie eine Hure behandelt«, murmelte sie, und fast hätte Maria trocken erwidert: Du bist eine Hure. Gerade noch rechtzeitig biss sie die Zähne zusammen. Sie hielt besser ihre lockere Zunge im Zaum, wenn sie Dagmar nicht noch mehr durcheinanderbringen wollte. Die Ärmste hatte schon genug Sorgen, da konnte sie die spöttischen Sprüche ihrer besten Freundin nicht gebrauchen.

Maria unterdrückte ein Seufzen. Sie griff an ihre Nase, drückte sie vorsichtig, um zu prüfen, ob sie gebrochen war. Zu ihrer Erleichterung schien das nicht der Fall zu sein, aber sie würde sich wahrscheinlich morgen die Schminke etwas dicker auftragen müssen, um die Rötung zu verdecken. »Was gedenkst du eigentlich wegen deines ... Problems zu tun?«, fragte sie gerade heraus und deutete dabei auf Dagmars flachen Unterleib.

Dagmars Hand legte sich auf die bezeichnete Stelle. Das war kein gutes Zeichen!

»Du musst Sibilla Bescheid sagen!«, mahnte Maria. »Sonst ist es bald zu spät dazu.«

Dagmar rieb sich mit einer müden Geste über die Augen. »Zu spät dazu«, wiederholte sie. »Wie das klingt!«

»Es klingt wie die harte Wirklichkeit, Herzchen!« Maria unterdrückte den Wunsch, Dagmar zu packen und kräftig durchzuschütteln. »Du bist eine Hübschlerin. Du bist schwanger von irgendeinem Freier. Und du musst langsam etwas dagegen tun, sonst ...« Sie unterbrach sich.

Dagmar schaute ihr ins Gesicht. »Sonst was?«

Bilder geisterten durch Marias Kopf. Bilder von Dagmar mit einem Balg auf dem Arm, die sich auf dem Hauptmarkt in die Reihe der Bettler einfügte und um einen harten Brotkanten flehte. Bilder von dem schreienden Kind auf ihrem Arm, das vor lauter Hunger schon völlig kraftlos war. Sie hob Dagmar beide Hände entgegen. »Das weißt du genau!« Tief holte sie Luft, ignorierte ihre schmerzende Nase, dann fügte sie hinzu: »Denk doch mal nach! Ein Kind, Dagmar! Es bedeutet, dass du deinen Beruf nicht mehr ausüben kannst. Jedenfalls für eine ganze Weile nicht. Du wirst betteln gehen müssen!«

Langsam schüttelte Dagmar den Kopf. Es sah aus, als wehre sie sich gegen die Vorstellung. »Ich könnte trotzdem ...«

Bitter lachte Maria auf. »Trotzdem? Mit einem vor Milch tropfenden Busen? Was glaubst du, werden deine Freier sagen, hm? Nein, Dagmar, die Kerle bist du schneller los, als du blinzeln kannst, glaub mir! Eine Hure und ein Kind, das ist einfach unmöglich!«

Dagmar senkte den Kopf und schwieg einen Moment. Als sie wieder aufsah, lächelte sie. Es war ein stilles Lächeln, eines, das Maria zeigte, dass sie eigentlich mit sich und ihrer Lage im Reinen war. »Es gibt noch einen anderen Weg«, flüsterte sie.

Maria versuchte, einen Blick auf ihr Gesicht zu erhaschen, aber Dagmar wich ihr erfolgreich aus. »Was für einen anderen Weg?«

»Ich werde in ein Kloster gehen.«

Erneut lachte Maria, aber jetzt klang es ungläubig. »Ein Kloster? Bist du völlig von Sinnen?« Das Wort »Kloster« rührte an einer uralten Erinnerung in ihr. Sie versuchte, sie zu fassen, aber es gelang ihr nicht. Plötzlich verkrampfte sich ihre Kehle, und das Schlucken fiel ihr schwer. Rasch schob sie die linke Hand in die Tasche, die in ihren Rock eingenäht war. Das Futter darin hatte an der Unterseite einen Riss, und durch den tastete Maria nach Mimi, die sie stets unter ihr Strumpfband geklemmt bei sich trug. Für einen sehr kurzen Moment fürchtete sie, die Puppe verloren zu haben, doch dann berührten ihre Finger den weichen Stoff des kleinen Kopfes.

Sie schloss die Faust um Mimis Körper und fühlte sofort den Trost, der von ihr ausging.

Sie wusste nicht, warum sie das tat, aber sie wusste, dass Mimi sie begleitete, seit sie ein Kind gewesen war. Den kleinen Stoffkörper zu berühren schien zu helfen, auch wenn Maria sich nicht ganz im Klaren war, wogegen eigentlich. Auf einmal atmete sie jedoch wieder freier.

Dagmar hob den Kopf. »Warum nicht?«, fragte sie, und sie klang trotzig jetzt. »Hat nicht der Papst selbst den Nonnen von St. Katharina befohlen, ein Haus für gefallene Frauen zu bauen? Dorthin könnte ich gehen.«

In diesem Moment erinnerte Dagmar Maria an das kleine Mädchen, das sie vor Jahren gewesen war. Schon damals hatte sie sich nur schwer mit Dingen abfinden können, die ihr nicht in den Kram passten. Sie zog dann die Mundwinkel nach unten und das Kinn zurück, so dass sie auf einen Schlag um Jahre älter aussah. Genau diese Miene setzte sie auch jetzt auf. Maria unterdrückte ein Seufzen. So eindringlich, wie sie es vermochte, blickte sie Dagmar in die Augen.

»Ein Kloster, Dagmar! Überleg doch mal, wie froh wir waren, als wir aus den Fängen der frommen Frauen entkommen konnten. Und jetzt willst du freiwillig in ein Kloster gehen?«

Doch etwas in ihr sagte ihr, dass das Unbehagen, das sie noch eben verspürt hatte, nicht mit den frommen Frauen zusammenhing. Sie war sich plötzlich ganz sicher, dass seine Ursache weit in der Vergangenheit lag. Sehr weit. Viel weiter, als das Findelhaus der frommen Frauen.

Die Vergangenheit ...

Maria schloss die Hand um Mimis Körper.