GINA MAYER

Das Maikäfermädchen

Roman

Impressum

ISBN 978-3-8412-0472-1

Aufbau Digital,

veröffentlicht im Aufbau Verlag, Berlin, August 2012

© Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin

Die Originalausgabe erschien 2012 bei Rütten & Loening, einer Marke der Aufbau Verlag GmbH & Co. KG

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Umschlaggestaltung bürosüd°, München

unter Verwendung eines Motivs von © Plainpictures / Lee Avison

Konvertierung Koch, Neff & Volckmar GmbH,

KN digital – die digitale Verlagsauslieferung, Stuttgart

www.aufbau-verlag.de

Inhaltsübersicht

I

II

III

IV

V

VI

VII

VIII

IX

X

XI

XII

XIII

XIV

XV

XVI

XVII

XVIII

XIX

XX

XXI

XXII

XXIII

August 1948

Danke

»Maikäfer, flieg. Der Vater ist im Krieg.

Die Mutter ist in Pommerland,
Pommerland ist abgebrannt. Maikäfer, flieg.«

(Deutsches Volkslied)

Sie war früher schon einmal hier gewesen. Sie erinnerte sich an das gelbe Haus an der Kreuzung, dessen Front nun von Einschusslöchern überzogen war. Damals war die Fassade frisch verputzt gewesen. Vor dem Krieg, es musste vor dem Krieg gewesen sein. Fensterläden, grün lackiert. Sie erinnerte sich an eine Hakenkreuzfahne vor dem Haus.

Vielleicht täuschte sie sich auch. Vielleicht erinnerte sie sich an ein anderes Haus, in einem anderen Dorf. Wolf und sie waren am Wochenende oft aufs Land gefahren. Sommerfrische nannte Wolf das. Auch wenn es nur für ein paar Stunden war, auch wenn es gerade Herbst, Winter oder Frühling war.

Jetzt war es Sommer. Auf der Straße lag ihr Schatten, viel länger und dünner als sie selbst. Bald würde die Sonne untergehen. Käthe schwitzte. Ihr Schweißgeruch vermischte sich mit dem süßlichen Duft, den sie in der Nase hatte, seit sie am Bahnhof aus dem Taxi gestiegen war. An diesen Geruch erinnerte sie sich nicht. Aber vor dem Krieg hatte alles anders gerochen.

Ihre Hand zitterte. Sie wollte, dass das Zittern aufhörte. Sie spreizte die Finger und zog sie zu einer Faust zusammen.

Sie tastete nach der Waffe in ihrer Handtasche und das half. Ihre Hand hörte auf zu zittern, als sie das kühle Metall spürte.

Bald wäre alles zu Ende. Das Leiden, die Wut, die Angst. Die Erinnerungen, vor allem die. Wenn man keine Erinnerung mehr hatte, empfand man auch keine Schmerzen mehr. Dann war Ruhe.

Aus dem gelben Haus mit den Einschusslöchern rannten drei Kinder. Ein kleines Mädchen mit Zöpfen und einer zerschlissenen Schürze. Eine Größere mit kurzem Haar. Ein Junge. Er hielt einen Ast in der Hand. Als er Käthe sah, legte er ihn an seine Wange, kniff ein Auge zusammen und zielte auf sie. Bevor er abdrücken konnte, schob das ältere Mädchen den Ast nach unten. Sie wirkte erschrocken, als wäre es wirklich ein Gewehr. Der Junge lachte. Das kleine Mädchen mit den Zöpfen starrte Käthe an.

Sie ging weiter, an den Kindern vorbei, Schritt für Schritt in den süßlichen Geruch hinein. Als sie um die Ecke bog, sah sie die rote Ziegelsteinmauer und dahinter die Fabrik. Peter Schmitz Krautfabrik stand auf dem Schild neben dem Tor. Auf dem Hof ein mit Fässern beladener Pferdewagen. Zuckerrübensirup. Jetzt rannte sie fast.

Erst am Ende der Straße stieß sie die Luft wieder aus, atmete tief ein und blickte sich um. Da vorn war das Haus, das sie suchte. Hochstraße 7. Vier kleine Fenster in der Vorderfront, vertrocknete Geranien in den Blumenkästen im Erdgeschoss. Wieder hatte sie das Gefühl, dass sie an dieser Ecke schon einmal gestanden und dieses Haus schon einmal betrachtet hatte. Aber diesmal war sie sich sicher, dass sie sich täuschte. So weit wäre er nicht gegangen.

Die Waffe in ihrer Tasche. Der Lauf war nicht mehr kühl, er fühlte sich klebrig an. Sie würde klingeln. Und wenn er die Tür öffnete, würde sie ihn erschießen. Aber wenn ein anderer öffnete?

Sie drückte die Klingel, während sie noch über eine Antwort nachdachte. Wenn ein anderer öffnete, würde sie sich einen Weg bahnen und ihn finden.

Suchen und finden.

Lukas 11,9.

Sie spürte ein hysterisches Lachen in sich aufsteigen wie eine Luftblase im Wasser. Kurz bevor sie platzte, fiel sie plötzlich wieder in sich zusammen.

Wo war die Wut in ihr, der Hass und die Bitterkeit? Sie empfand nichts. Es war, als hätte sie die Tat bereits begangen. Als wäre alles erledigt. Sein Leben. Und ihres auch.

Aber noch war es nicht vollbracht. Noch war das Ende nicht erreicht. Das Ende der Erinnerung. Zwei Kugeln genügten. Eine für ihn. Und eine für sie selbst.

Mord aus Rache würden die Zeitungen titeln. Aber es ging nicht um Rache. Es ging um Gerechtigkeit.

Sie legte ihr Ohr an die Tür.

Im Haus war alles still.

Er war nicht da. Der Gedanke empörte sie, als wären sie verabredet gewesen und er hätte sie versetzt.

Der Kiesweg neben dem Eingang führte zur Rückseite des Hauses. Die Steine knirschten unter ihren Füßen. Sie bemühte sich nicht, leiser zu gehen. An den Fenstern duckte sie sich, damit man sie von innen nicht sehen konnte.

Die Pistole war jetzt in ihrer Hand. Sie würde sie mit beiden Händen festhalten, wenn sie zielte und abdrückte. Der Rückstoß wird unterschätzt, das hatte sie neulich erst gelesen.

Sie bog um die hintere Ecke des Hauses und stand im Garten. Beerensträucher, Erdbeerstauden, Kartoffeln, Salat, Weg wie mit einem Lineal gezogen. Vier Sonnenblumen am Zaun, Blumen, die wild gewachsen waren, die Zeiten waren hart.

Hinter dem Haus war eine Terrasse, auf der zwei Korbstühle standen. Auf einem der Stühle saß ein Mann. Sie wusste sofort, dass er es war, das Gesicht zur Abendsonne gereckt, als ob er ein Sonnenbad nahm. Er hatte sie erwartet.

Die Pistole in der Hand haltend ging sie näher. Sie setzte sich auf den anderen Stuhl und sah ihn an.

I

Es werden Scharen über Scharen von Menschen sein im Tal der Entscheidung; denn des Herrn Tag ist nahe im Tal der Entscheidung. Sonne und Mond werden sich verfinstern und die Sterne halten ihren Schein zurück.

Käthe klappte die Bibel wieder zu. Des Herrn Tag ist nahe. Ging es vielleicht auch ein bisschen genauer?

Was bedeutete nahe?

In hundert Jahren? In zehn Jahren? Morgen? Heute?

»Gott hat einen langen Atem«, sagte Käthe und stand auf. Sie trat unter die Dachluke, durch die man in den Himmel blickte. Durch die Öffnung senkte sich feuchter, grauer Nebel und legte sich auf ihr Gesicht. Fensterglas gab es in der ganzen Stadt nicht.

Schnee, die Luft roch nach Schnee.

Es war viel zu kalt für November. Viel zu früh für Schnee.

Käthe nahm das kleine Brett, das an der Wand lehnte, stellte sich auf die Zehenspitzen und klemmte es in die Fensteröffnung.

Es wurde dunkel. Nur an den Kanten drang etwas Tageslicht in die Dachkammer und zeichnete einen weißen Rahmen auf den Holzboden.

In Russland lag der Schnee bereits meterhoch.

Sie dachte an ein Lager, an eine Baracke ohne Ofen, in der die Feldbetten dicht an dicht standen wie die Gräber auf einem Soldatenfriedhof.

Heinrich Abels war in einem englischen Lager gewesen, bevor sie ihm ein Bein amputiert und ihn nach Hause geschickt hatten. Nun saß er bei seiner Dorothee im Laden und erzählte von der Graupensuppe, die es mittags gegeben hatte. Jeden Mittag einen Teller Graupensuppe. Da wünschte man sich gleich in englische Gefangenschaft, wenn man so etwas hörte. Aber beim Russen war es nicht wie beim Engländer. Beim Russen gab es einen Blechtopf lauwarmes Wasser. Zum Essen, zum Trinken, zum Waschen. Erzählte man sich.

Käthe kannte niemanden, der aus der russischen Gefangenschaft nach Hause gekommen war.

Wieder dachte sie an die englische Graupensuppe, und ihr Magen knurrte.

Sie musste los.

Rasch schlüpfte sie in die Männerstiefel, die ihr die Ferns gegeben hatten, nachdem sie Frau Fern von ihrem ersten Sohn entbunden hatte. Die Stiefel waren viel zu groß, es war ihr nicht gelungen, sie gegen kleinere Schuhe einzutauschen. Man hatte ihr einen Sack Kartoffeln, eine Rolle Rupfenstoff, dreizehn Meter Mull oder dreißig Dachziegel angeboten. Und Geld, einen Sack voller Geld hätte sie haben können, doch Geld war in diesen Tagen weniger wert als ein Hitlerbild, das konnte man zumindest an die Amerikaner verkaufen.

Vielleicht hätte sie die Kartoffeln, den Stoff, den Mull oder die Dachziegel nehmen und sich damit erneut auf die Suche machen sollen. Stattdessen stopfte sie die Stiefel mit Zeitungspapier und Lumpen aus und lief damit, als hätte sie Klumpfüße.

Klonkklonkerklonk machten die Stiefel auf der Treppe. Die Flausenberg aus der dritten Etage hatte sich schon beschwert, dass Käthe beim Nachhausekommen einen solchen Lärm machte. Das ist ja nicht auszuhalten, schimpfte sie immer. Das ist ja wie im Krieg.

Seitdem bemühte sich Käthe, die Füße behutsam aufzusetzen, doch es nützte nichts. Die Stiefel waren einfach zu schwer. Soll die Flausenberg mir doch passende besorgen, wenn sie das Gepolter so stört, dachte sie, während sie einen besonders großen und lauten Schritt über das Loch machte, das eine Streubombe in die Treppe zum Dachboden gerissen hatte. Der Hauswart hatte die Öffnung mehrmals zugenagelt, aber nachdem die Bretter immer wieder gestohlen worden waren, hatte er es aufgegeben. Mussten die Hausbewohner eben aufpassen, wo sie hintraten. Mussten sie nachts eben zu Hause bleiben. Wer nach der Sperrstunde noch unterwegs war, war selber schuld. Und dass Käthe Hebamme war und sich ihre Arbeitszeiten nicht aussuchen konnte, war ja nun nicht sein Problem.

Klonkklonkerklonk.

Vor der Tür von Familie Schmitz lag ein Kohlkopf.

Ein fester runder Kohlkopf.

Als hätte ihn jemand für mich dort hingelegt, dachte Käthe.

Ein Kohlkopf, groß wie ein Kinderkopf. Ein Kohlkopf, aus dem man einen ganzen Kessel Suppe kochen konnte. Kohlsuppe für eine Woche oder länger, wenn man sie mit genügend Wasser streckte und am Tag nicht mehr als einen Teller davon aß.

Er gehört der Schmitz, dachte Käthe. Er muss ihr aus dem Korb gerollt sein, als sie die Tür aufgesperrt hat.

Schnell, dachte Käthe.

Sie bückte sich nach dem Kohl, hob ihn hoch und wollte ihn gerade in ihrer Tasche verschwinden lassen, als die Wohnungstür aufgerissen wurde und die Schmitz vor ihr stand.

»Ha!«, machte die Schmitz.

Käthe sprang vor Schreck einen Schritt zurück und hätte den Kohlkopf um ein Haar fallen lassen, so dass er die Stufen nach unten gekullert und irgendwo im dritten, zweiten, ersten Stock, im Erdgeschoss oder im Tiefparterre gelandet wäre, wo dann ein anderer Hausbewohner zugegriffen hätte.

»Diebin!«, schrie die Schmitz. »Das ist mein Kohl!«

Von ihrer Oberlippe zu ihrer Unterlippe zog sich ein Speichelfaden.

»Geben Sie mir den Kohl zurück«, schrie sie.

»Nun regen Sie sich doch nicht so auf«, sagte Käthe. »Ich wollte ihn ja gar nicht nehmen. Ich hab ihn nur aufgehoben.«

Die Schmitz glaubte ihr natürlich kein Wort. Sie war nicht die Hellste, aber blöd war sie auch nicht.

Sie hat den Kohl bewusst dort liegen lassen, dachte Käthe plötzlich. Sie hat die ganze Zeit hinter der Tür gestanden und durch das Loch spioniert. Sie wollte mich in Versuchung führen und auf frischer Tag ertappen. Aus purer Gehässigkeit.

Die Schmitz riss ihr den Kohl aus der Hand. Ihr Bauch stand weit nach vorn, als hätte sie einen zweiten, viel größeren Kohlkopf unter ihrer Schürze versteckt. Sie war wieder schwanger. Sechster oder siebter Monat, dachte Käthe, dem Umfang nach. Das sechste Kind. Dass die Leute sich nicht zurückhalten konnten. Sechs Kinder, in diesen Zeiten, das war ja unverantwortlich.

Das letzte war gerade einmal vor einem Jahr geboren, während eines Fliegeralarms hatte es die Schmitz aus sich herausgepresst, und Käthe hatte ihr geholfen und dabei ihr Leben aufs Spiel gesetzt, aber das war nun offensichtlich vergessen. Komm du bloß wieder an, dachte Käthe. Beim nächsten Mal kannst du dir eine andere Hebamme suchen.

Die Schmitz schien Käthes Gedanken zu erraten, sie umklammerte den Kohlkopf mit der Rechten, als wäre es ihre Leibesfrucht, und knallte mit der Linken die Tür zu. Drinnen begann ein Kind zu heulen. Der kleine Wolfgang. Das Fliegeralarmkind.

Käthe versuchte sich zu erinnern, ob sie für die Entbindung damals überhaupt bezahlt worden war. Hatte die Schmitz sie nicht hingehalten? Sie bekommen Ihr Geld später, gerade jetzt sind wir knapp bei Kasse.

Aber ja, aber sicher, machen Sie sich deswegen keine Sorgen.

Und dann war sie ihr das Geld schuldig geblieben.

Und jetzt so etwas.

Diebin.

Käthe war kurz davor, mit den viel zu großen Schuhen gegen die Tür zu treten, aber nun heulte das Kind in der Wohnung noch lauter. Und wie Dampf, der abkühlt und zu Wasser wird, wurde aus Käthes Wut Scham. Tropfnasse Scham.

So tief bin ich gesunken, dachte sie. Ich hätte den Kohl genommen. Ich hätte ihn gestohlen, obwohl ich keine sieben Mäuler zu stopfen habe, sondern nur mein eigenes. Ich bin so schlimm wie das Pack, das Frau Neumann im Hofgarten überfallen und ihr den Kinderwagen gestohlen hat.

Ihr Magen knurrte. Na und?, knurrte er. Was schert dich die Schmitz? Sie hat dir die Tür vor der Nase zugeschlagen, sie würde dich verrecken lassen, wenn es darauf ankäme. Kümmere dich um dich selbst. Kümmere dich um mich.

Ein schmaler Trampelpfad schlängelte sich durch die Hügel aus Schutt. Hier und da ragten Ofenrohre aus zerfallenen Mauern oder offenen Fensterhöhlen, Rauch stieg zum Himmel, als ob unter den Ruinen noch Bomben schwelten. Es waren aber keine Bomben, sondern Menschen, die in den Trümmern hausten und auf gestohlenen Kohlen gestohlene Kartoffeln kochten.

In einer anderen Zeit, in einer anderen Welt war hier die Benrather Straße verlaufen. Das war erst ein paar Jahre her, dennoch fiel es Käthe schwer, sich zu erinnern, wie es damals hier ausgesehen hatte. Irgendwo da drüben war eine Konditorei gewesen, daneben Hofmanns Lederwaren. Der Gemischtwarenladen, in dem man Butter, Mehl und Kernseife kaufen konnte. Ein kleines Postamt. Bäume. Laternen. Litfaßsäulen. Straßenbahnoberleitungen. Straßenbahnschienen. Der Zeitungskiosk von Herrn Sauerbier. Kopfsteinpflaster. Blumentöpfe mit Männertreu.

Und dann?

Waren die Nazis gekommen. Hatten die Benrather Straße in Hermann-Göring-Straße umbenannt. Wehte eine Hakenkreuzfahne vor der Konditorei. Hing ein Hitlerbild im Schaufenster von Hofmanns Lederwaren. Wurde der Kiosk geschlossen. War Herr Sauerbier plötzlich verschwunden. Begann der Krieg. Fielen die Bomben. Verwandelten sich Konditorei, Hakenkreuzfahne, Lederwarengeschäft, Hitlerbild, Gemischtwarenladen, Postamt, Bäume, Laternen, Litfaßsäulen, Straßenbahnoberleitungen, Straßenbahnschienen, Kopfsteinpflaster und Männertreu in Staub und Trümmer.

Seit dem Sommer hieß die Straße wieder Benrather Straße, das hatte die englische Militärverwaltung so bestimmt. Aber es gab ja keine Straße mehr.

Unter Käthes Sohlen knirschte Glas. Im linken Schuh war ein Loch, sie musste aufpassen, dass sie sich nicht wieder die Füße zerschnitt. Sie hatte aber keine Zeit aufzupassen. Sie war in Eile.

Um zwölf Uhr am Mittag gab es an der Ausgabestelle 3, Abschnitt C, gegen Bezugsmarken Reis und Graupen. Das hatte Käthe gestern auf einem Aushang gelesen. Zwölf bedeutete in Wirklichkeit neun, denn man musste sich drei Stunden vorher anstellen, sonst hatte man keine Chance.

Jetzt war es Viertel nach acht. Der frühe Vogel fängt den Wurm, dachte Käthe. Der frühe Vogel schnappt den anderen Vögeln den Reis und die Graupen weg. Mit etwas Glück war sie diesmal sogar die Erste in der Schlange. Zuversichtlich beschleunigte sie ihre Schritte. Klonkklonkerklonk. Sie bog um die Ecke einer rußgeschwärzten Fassade, aus der Stahlstreben in den Himmel ragten wie Arme. Dann sah sie die Menschen und wusste Bescheid.

Und wusste, dass sie viel zu spät kam. Die Schlange ringelte sich um die Schutthügel, unter denen der Carlsplatz lag, ein S und noch ein S und noch ein S. Käthe blieb stehen.

Dreh um, sagte ihr Kopf. Geh nach Hause, verkriech dich im Bett und zieh die Decke über den Kopf. Hier gibt es nichts zu holen. Nicht für dich.

Ihr Magen knurrte. Mehr fiel ihm dazu nicht ein. Aber es reichte.

Es reichte, um Käthe anzutreiben, um ihre Füße in Bewegung zu setzen, um ihre Beine zum Laufen zu bringen. Sie stolperte auf das Ende der Schlange zu, als käme es darauf an, ob sie nun die Fünfundsechzigste oder Sechsundsechzigste oder Siebenundsechzigste wäre.

Irgendetwas bohrte sich durch den Schuh in ihren Fuß. Sie hinkte die letzten Meter weiter, schaffte es gerade noch, sich vor einer dürren alten Frau in die Warteschlange einzureihen. Bückte sich dann und zog den rostigen Nagel aus dem Schlitz im Leder.

»Verdammter Scheißdreck«, sagte jemand hinter ihr, im gleichen Moment, in dem sie es dachte.

Käthe fuhr herum und starrte in das Gesicht der Alten. Ihre Augen lagen in dunklen Höhlen. Die Alte blickte Käthe an, und Käthe blickte zurück, bevor sie sich wieder nach vorn drehte.

Warten. Damit verbrachte man den ganzen Tag und die halbe Nacht. Man wartete auf Essensauslieferungen und Volksspeisungen und mobile Suppenküchen, auf Kleiderspenden, Medikamente, Schuhe. Auf Pakete aus Übersee. Auf den Frühling. Auf bessere Zeiten.

Man wartete auf eine Zukunft, in der alles wieder wäre wie in der Vergangenheit, aber das würde nicht geschehen, das wusste Käthe so gut wie die anderen. Die Vergangenheit hatten die Flieger zerschossen und die Bomben zertrümmert. Nichts auf der Welt würde die Toten wieder lebendig machen, die Ruinen wieder aufrichten, die Untröstlichen trösten.

Es werden Scharen über Scharen von Menschen sein im Tal der Entscheidung; denn des Herrn Tag ist nahe im Tal der Entscheidung, dachte Käthe. Das war die Stelle, an der sich ihre Bibel geöffnet hatte, die ihr blinder Finger gefunden hatte, die ihren Tag bestimmen sollte.

Scharen über Scharen von Menschen. Das war übertrieben. Die Schlange war lang, aber selbst wenn sich sämtliche Düsseldorfer auf dem Platz versammelt hätten, hätten sich daraus keine Scharen über Scharen ergeben.

Ein Zehntel der ursprünglichen Bevölkerung hauste noch in den Trümmern der Stadt. Der Rest war gefallen, evakuiert, erschossen, zerbombt, vernichtet, verhungert, vergast. Oder emigriert wie Gertrud Sommer, die inzwischen Campbell hieß und in Chicago lebte, in Saus und Braus und Herrlichkeit, wenn man den Briefen glauben konnte, die sie Käthe schrieb. Im September hatte sie ein Paket geschickt mit Schokolade, Kaugummi, Obstkonserven und Seidenunterwäsche, die Käthe zwei Nummern zu klein war, aber auf dem Schwarzmarkt hatte sie vier Büchsen Heringe dafür bekommen. Es wunderte sie immer noch, dass einer blöd genug gewesen war, sich auf den Handel einzulassen.

Seidenunterwäsche. Wer braucht heutzutage Seidenunterwäsche?, dachte Käthe. Nicht einmal die Nutten hinter dem Güterbahnhof trugen so etwas. Sie wollen ihre Freier nicht verführen, sie wollen sie vögeln, aber schnell, für zwei Zigaretten oder zehn Kaffeebohnen.

Eigentlich war es verwunderlich, dass Gertrud ihr die Wäsche geschickt hatte, dachte Käthe. Gertrud kannte Käthe doch, hatte sie zumindest gekannt. Schon damals, vor zwölf Jahren, als Käthe und Gertrud zusammen im Evangelischen Krankenhaus gearbeitet hatten, hatte Käthe sich nicht für Mode interessiert. Gertrud hatte immer ihre Witze darüber gemacht. Das konnte sie doch nicht vergessen haben.

Vielleicht war das ja die eigentliche Botschaft des Pakets: Schau her, sagte Gertrud. Ich, die ihr vertrieben habt, lebe im Überfluss und in aller Seidenwäschenherrlichkeit, und du hast nichts und bist auf meine Barmherzigkeit angewiesen.

Sei’s drum, dachte Käthe. Die Schokolade und die Obstkonserven haben geschmeckt und die Heringe ebenfalls. Gerne wieder. Mit oder ohne Wäsche. Am besten gleich heute.

Ihr linker Fuß war zu Eis erstarrt. Der rechte brannte. Der Nagel, hoffentlich würde sich die Wunde nicht entzünden.

Wundstarrkrampf. Die ersten Symptome waren Kopfschmerzen, Schwindel, Gliederzittern, Schweißausbrüche. Danach Muskelkrämpfe. Tod durch Ersticken. Sie sah das Bild eines Wundstarrkrampfpatienten aus ihrem Lehrbuch in der Hebammenschule vor sich. Eine grinsende Fratze. Teufelsgrinsen. Risus sardonicus.

Vielleicht wäre es besser so, dachte Käthe. Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende.

Für Wolf wäre es natürlich hart. Wenn er aus der Gefangenschaft zurückkäme und sie wäre tot. Käthe, meine Käthe, was soll ich nur ohne dich anfangen? Du darfst mich nie verlassen. Das hatte er immer zu ihr gesagt, bevor er selbst sie verlassen hatte, um in den Krieg zu ziehen.

Sie sah ihn in der leeren Wohnung hocken und weinen. Aus der Dachluke regnete es auf ihn herab. Er merkte es nicht einmal. Er hatte alles erduldet, alles ertragen, nur für sie. Und nun das. Und nun war sie tot.

Käthe wischte sich ein paar Tränen aus den Augen. Einmal links, einmal rechts. So ein Quatsch, dachte sie. Den eigenen Tod zu beweinen. Um Wolf sollte sie weinen. Vielleicht war er schon gar nicht mehr am Leben.

Vielleicht würde sie ihn erst im Jenseits wiedertreffen.

Im Himmel.

Wenn es so etwas gab. Angesichts der Hölle auf Erden war es allerdings eine verlockende Vorstellung.

Sonne und Mond werden ihren Schein verfinstern, und die Sterne halten ihren Schein zurück. Was immer sie im Jenseits erwartete, es konnte eigentlich nur besser werden.

»Verdammter Scheißdreck«, sagte die Frau hinter ihr wieder, aber diesmal drehte sich Käthe nicht mehr zu ihr um.

Dann begann ein Leierkasten zu dudeln. Auf einem Mauerrest saß ein Veteran und drehte die Kurbel. Er trug einen Wehrmachtsmantel, den er blau eingefärbt hatte, aber die Adlerflügel auf dem Revers hatten die Farbe nicht angenommen und leuchteten strahlend weiß auf dem roten Untergrund, als wäre alles beim Alten, als säße Hitler noch im Berliner Reichstag, als wäre Deutschland nicht mit Glanz und Gloria untergegangen. Sieg Heil. Oder vielmehr unheil, denn sein rechtes Bein hatte der Mann in Russland oder Flandern oder Italien gelassen. An seiner Stelle trug er jetzt ein Holzbein.

Zwei Herzen im Dreivierteltakt, spielte der alte Soldat, und dann: Wenn der weiße Flieder wieder blüht.

Der Leierkasten ächzte und krächzte. Der Veteran kurbelte die Musik aus dem Apparat wie ein Metzger das Mett aus dem Fleischwolf. Sein Gesicht war starr und ernst, als ob ihn die ganze Angelegenheit nichts anging. Niemand beachtete ihn, keiner drehte auch nur den Kopf in seine Richtung. Die zerlumpten Gestalten in der Schlange schienen die Walzerklänge gar nicht wahrzunehmen.

Hier hat niemand was zu verschenken, dachte Käthe.

Doch nach einer Weile löste sich eine Frau aus der Reihe, blieb einen Moment stehen, wühlte in ihren Taschen, trat dann auf den Veteran zu und warf eine Handvoll Münzen in die Schale auf dem Kasten. Als sie zurück in die Schlange wollte, waren die übrigen bereits aufgerückt. Nur widerwillig ließen die Leute sie wieder an ihren Platz.

Der Leierkastenmann nickte. Kurbelte. Sein Gesicht zeigte keine Regung. Eine Zigarette, ein Stück Brot, etwas Kohle. Das hätte er vielleicht mit einem Lächeln quittiert. Aber für Geld gab es nichts; es gab ja auch nichts, was man damit hätte kaufen können.

Der Mann hatte einiges auf dem Kasten. Maikäfer, flieg war das dritte Stück, das jetzt losdudelte.

Maikäfer, flieg, sang Käthe in Gedanken mit. Der Vater ist im Krieg ... Aber jetzt brach die Musik ab, irgendetwas hakte, obwohl der Mann stoisch weiterdrehte. Vielleicht war er taub.

»... Die Mutter ist in Pommerland«, erklang aus der Schlange eine dünne Sopranstimme. »Pommerland ist abgebrannt«, sang sie, und dann setzte auch der Leierkasten wieder ein.

»Maikäfer, flieg«, schlossen Kasten und Sängerin gemeinsam.

Plötzlich kam Bewegung in die Wartenden. Die Leute, die vorn standen, drehten sich um. Die Leute, die hinten standen, reckten die Köpfe Die Leute in der Mitte drehten sich um die eigene Achse.

Was war denn das? Wer hatte da gesungen? Das war ja unerhört.

Hier waren Tote zu beweinen und Wunden zu lecken. Hier war man am Ende. Hier gab es nichts zu singen.

Die Leute tuschelten. Was erwarteten sie? Dass die Sängerin aus der Reihe trat, sich verbeugte, knickste und Kusshändchen warf ?

Die Sängerin zeigte sich nicht. Die Leute drehten sich wieder zurück. Der Veteran kurbelte alle drei Lieder noch einmal von vorne bis hinten durch, aber es gab nichts mehr. Keine milden Gaben, kein Geld, keinen Gesang.

Dann erhob er sich, stand einen Moment lang schwankend auf seinem gesunden Bein, den Kasten balancierend wie Frau Schmitz ihren dicken Bauch, und verschwand mit kleinen, schlurfenden Schritten auf dem Trampelpfad in den Trümmern.

Käthe betrachtete das Mädchen, das gesungen hatte. Ein schmächtiges, blasses Geschöpf mit Zöpfen, vielleicht zwölf oder siebzehn oder fünfundzwanzig – wer konnte das in diesen Zeiten so genau sagen. Sie blickte verdrossen zu Boden, und wenn Käthe vorhin nicht genau gesehen hätte, dass sie die Lippen bewegt, dass sie gesungen hatte, dann hätte sie es nicht geglaubt.

Um halb eins wurde der Schalter der Essensausgabe geöffnet, um Viertel nach eins war die Lebensmittelverteilung beendet. Der Rollladen des Schalters ratterte wieder nach unten. Gerade einmal die ersten siebenundzwanzig hatten einen kleinen Sack Reis und Graupen ergattert. Der Rest ging leer aus und schlich sich von dannen. Ein alter Mann drohte mit der Faust gen Himmel, wo Gott allerdings wieder einmal schlief.

Käthes Magen war ein Loch, in dem ein Untier hockte, das grollte und knurrte, das sie mit Haut und Haaren verschlingen würde, wenn sie ihm nicht bald etwas zum Essen hinwarf. Seit dem Frühstück am Vortag hatte sie keinen Bissen mehr zu sich genommen. Zu Hause hatte sie nichts mehr, kein Brot, keine Kartoffeln, kein Fett.

Zu Hause.

Es gab ja kein Zuhause mehr. Von dem Mietshaus in der Elisabethstraße, in dem sie mit Wolf gelebt hatte, standen noch die Rückwand und die Waschküche. Käthe hatte nur ihren Hebammenkoffer und ihre Bibel gerettet.

Mitten in der Nacht war sie von den Sirenen geweckt worden. War aus dem Bett gesprungen und hatte sofort verstanden, dass es diesmal ernst war. Dass es ums nackte Überleben ging.

Die Nacht brüllte. Der Feuersturm raste durch die Stadt. Die Welt ging unter.

Die Tasche für den Notfall hatte sie seit Wochen gepackt, sie stand neben ihrem Bett, sie hätte nur zugreifen müssen, ein Handgriff und nichts wie raus. Stattdessen nahm sie die Bibel mit und den Hebammenkoffer.

Erst im Bunker erinnerte sie sich wieder an die Tasche. Da hielten die Flammen die Türe zu, da war das Haus bereits am Boden zerstört, da war es zu spät.

Wolfs Briefe, ihr Fotoalbum, die Kette, die er ihr zur Verlobung geschenkt hatte. Der Ehering ihrer Eltern, ihr Sparbuch, ein goldenes Medaillon von ihrer Großmutter, ihre Papiere, ihr Hebammenzertifikat, ihre Zeugnisse, die Zweitschlüssel für Haus- und Wohnungstür. Zumindest die brauchte sie nach dem Bombenangriff nicht mehr.

Düsseldorf, 26. August 1932

Mein sehr verehrtes, liebes Fräulein,
nun wird es draußen wieder hell, und ich habe die ganze Nacht kein Auge zugetan, und ich werde auch nicht mehr schlafen, denn nun sitze ich ja am Schreibtisch und schreibe. Und keiner kann zugleich schreiben und schlafen. Ich glaube allerdings nicht, daß ich den Brief jemals abschicken werde. Wie Sie ja bereits wissen, bin ich ein ganz erbärmlicher Feigling. Ein Wicht, der kein Blut sehen kann. Noch nicht mal sein eigenes.

Daß Sie das denken, hab ich in Ihren grünen Augen gesehen, in dem Moment, in dem Sie sich über mich gebeugt haben. Und wissen Sie, was ich noch gesehen habe? Daß Sie mir meine Feigheit nicht übel nehmen. Daß Sie vielleicht sogar mit mir tanzen gehen würden, wenn ich Sie darum bitte. Wollen Sie gleich am nächsten Sonnabend mit mir tanzen gehen?

Aber wie soll ich jemals Ihre Antwort erfahren, wenn ich den Brief nicht abschicke?

Vielleicht schicke ich ihn ja doch ab.

Und verbleibe in hoffender Erwartung und erwartungsvoller Hoffnung

Ihr ergebenster Wolf Arensen

Das war Wolfs erster Brief gewesen. Am Tag zuvor waren sie sich das erste Mal begegnet. Man hatte ihm im Krankenhaus Blut abgenommen und ihn dann zum Warten auf den Flur geschickt, wo er ohnmächtig geworden war. Und Käthe war zufällig vorbeigekommen und hatte ihn gefunden und wieder zum Leben erweckt, wie er es immer ausdrückte. So hatte ihre Liebe begonnen.

»Weinen Sie nicht, Kindchen«, sagte Frau Brill, als es Käthe im Bunker dämmerte, dass dieser Brief und alles andere unwiederbringlich verloren waren. Dass sie rein gar nichts mehr hatte, einmal abgesehen von Wolf natürlich, aber der war an der Front, und wer konnte sagen, ob sie sich jemals wiedersehen würden?

»Sie haben doch Glück gehabt«, sagte Frau Brill. Denn Frau Brill hatte bei den Pfingstangriffen in einer einzigen Nacht nicht nur ihr Hab und Gut verloren, sondern auch ihre alte Mutter, ihre beiden Schwestern, zwei Tanten mütterlicherseits, einen Onkel väterlicherseits, eine Cousine, fünf Großnichten und ihren Hund.

Im Vergleich zu Frau Brill hatte Käthe Glück gehabt, aber es fühlte sich nicht wie Glück an.

Es fühlte sich erbärmlich an. Obwohl Käthe schon nach zwei Wochen in der Notunterkunft eine neue Bleibe fand. Die Dachkammer, in der sie nun hauste, verdankte sie der Schmitz, denn die hatte Käthe darauf aufmerksam gemacht und beim Blockwart und bei der Hauswirtin ein gutes Wort für sie eingelegt. Viel Überredungskraft musste sie nicht aufwenden. Auf den Speicher war nämlich niemand scharf, die Leute zogen es vor, in überfüllten Turnhallen oder Schulen zu kampieren oder gleich aufs Land zu ziehen. Unter dem Dach war es nicht nur eiskalt, sondern auch gefährlich. Denn bis man alle vier Treppen heruntergerannt war und den Bunker erreicht hatte, zerfetzte einen vielleicht eine Streubombe, wurde man von einem brennenden Balken erschlagen, brach man durch die Treppe ins lodernde Untergeschoss. Aber das war Käthe egal. Damit konnte sie leben. Oder sterben.

»Wenn es mich erwischt, erwischt es mich«, sagte sie. »Und lieber erfriere ich hier oben, anstatt in einem dieser Sammellager zu ersticken.«

»Der Herrgott wird uns schon beschützen«, versicherte die Schmitz, die froh war, eine Hebamme in der Nähe zu haben, wo ihr Mann doch jeden Fronturlaub nutzte, um ihr wieder ein Kind zu machen.

Die Schmitz. Der Kohlkopf. Das Loch in Käthes Bauch. Käthes Magen begann wieder zu grollen.

Sie brauchte etwas zu essen.

Aber es gab nichts. Nicht hier in der Stadt. Lebensmittel bekam man nur noch auf dem Land. Nicht gegen Geld, aber gegen Ware. Pelzmäntel, Gold, Kerzenständer, Benzin, Zigaretten. Für Zigaretten bekam man eigentlich alles. Aber Käthe hatte ja nichts, was sie hätte eintauschen können. Die letzten Zigaretten aus ihrer Zuteilung hatte sie für einen kleinen Topf Schweinefett hergegeben, und das war längst aufgegessen.

»Fräulein«, sagte eine heisere Stimme neben ihr.

»Ja bitte?«, sagte Käthe, die in Gedanken den Pappkoffer durchwühlte, in dem sie ihre Kleider aufbewahrte, aber nichts davon ließ sich entbehren. Und im Übrigen waren die Stücke auch viel zu schadhaft und zerschlissen, als dass irgendein Bauer ihr dafür auch nur ein Säckchen Mehl überlassen hätte.

»Ich muss Ihnen etwas zeigen«, sagte die Stimme.

Es war das Mädchen, das gerade eben noch in der Schlange gestanden hatte. Das Mädchen, das gesungen hatte. Das Maikäfermädchen.

»Was willst du mir denn zeigen?«, fragte Käthe und duzte das Mädchen unwillkürlich, obwohl sie immer noch nicht einschätzen konnte, wie alt es war. Zwölf, siebzehn, fünfundzwanzig. Hunger und Entbehrung verwandelten Kinder in Greise und machten Erwachsene zu Kindern.

Waren sie sich zuvor schon einmal begegnet? Das Mädchen kam Käthe vertraut vor und auch wieder nicht.

»Nicht hier«, sagte das Mädchen, drehte sich um und ging. »Kommen Sie.«

Du spinnst wohl, dachte Käthe. Was willst du eigentlich von mir? Und dann in diesem Ton.

Ihr Magen war ein hungriges Tier, sie musste es füttern. Sie musste aufs Land und sich irgendetwas Essbares besorgen, erarbeiten, erbetteln, stehlen. Das war das Einzige, was zählte. Das Loch stopfen, das Knurren stillen.

Das Mädchen blickte sich nicht nach Käthe um. Ihr Kopf hing nach unten. Vielleicht war sie enttäuscht über Käthes Reaktion, vielleicht fehlte ihr die Kraft, ihn anzuheben. Vielleicht suchte sie im Geröll zu ihren Füßen nach Zigarettenkippen.

Des Herrn Tag ist nahe im Tal der Entscheidung, dachte Käthe. Sie wusste immer noch nicht, was sie mit dem Bibelspruch anfangen sollte, und wusste auch nicht, woher sie das Mädchen kannte oder an wen es sie erinnerte.

Und dennoch oder gerade deswegen setzte sie sich in Bewegung. Und folgte ihr.

Sie folgte ihr bis ans Ende der Straße, dann verschwand das Mädchen hinter einer Mauer. Wer weiß, was sie vorhat, dachte Käthe unbehaglich.

»Kommen Sie doch«, hörte sie das Mädchen zischen.

Käthe reckte den Hals und warf einen Blick über die Mauer, hinter der das Mädchen seinen zerschlissenen Mantel auszog. Wollte sie sich etwa hier entkleiden? Unter dem zerschlissenen Mantel aus Drill kam ein Pelzmantel zum Vorschein.

Glänzendes, weiches, warmes, kostbares graues Fell.

Kaninchen, dachte Käthe. Oder Silberfuchs. Wolf hätte es auf den ersten Blick erkannt, aber sie tat sich schwer damit, die verschiedenen Pelzarten zu unterscheiden.

»Was soll das?«, fragte sie.

»Sie können den Mantel haben«, sagte das Mädchen. »Wenn Sie mir helfen.«

Sie können den Mantel haben. Dieser Satz drang in Käthes Kopf und wand sich durch ihr Gehirn wie ein Entenschnabel durch den Schlick auf dem Boden eines Teiches.

Wie viel mochte der Mantel wohl wert sein? Einen Sack Kartoffeln, Kohle für zwei Wochen, Fett und Grieben und Kohl und vielleicht sogar ein paar Eier. Fleisch. Auf dem Land würde man ihr Fleisch dafür geben.

Sie spürte, wie sich das Wasser in ihrem Mund sammelte. Sie hörte, wie ihr Magen knurrte.

Hatte das Mädchen das Geräusch ebenfalls gehört? Es starrte Käthe ausdruckslos an.

»Wobei soll ich dir denn helfen?«, fragte Käthe und wusste schon Bescheid. Und ahnte bereits die Folgen. Dass es nicht bei diesem einen Pelzmantel bleiben würde und bei einem einzigen Mal, sondern dass das, was nun begann, immer weitergehen würde, bis es nicht mehr weiterging. Weil der Krug eben nur so lange zum Brunnen geht, bis er bricht.

Das Mädchen knöpfte auch den zweiten Mantel auf und zog ihn aus und legte ihn auf die zerschossene Mauer, die sie und Käthe voneinander trennte.

Käthe versuchte ihren Blick davon abzuwenden, aber der Mantel lag nun einmal dort und duftete nach Speck und gebratenen Kartoffeln und Zwiebeln. Ihre Hand hob sich, ohne dass sie es verhindern konnte. Sie fuhr über das weiche, dichte Fell, zog den Mantel von der Mauer und hob ihn hoch an ihr Gesicht, sodass sie die weiche Wärme an ihrer Wange spürte.

Das Mädchen ließ sie nicht aus den Augen. Vielleicht befürchtete es, dass Käthe den Mantel nehmen und damit weglaufen könnte.

»Wie lange?«, fragte Käthe, während sie den Mantel sinken ließ.

Das Mädchen schwieg.

»Wann hast du das letzte Mal geblutet?«, fragte Käthe und dann hoffte sie einen winzigen Moment lang, dass sie sich getäuscht hatte und dass es um etwas ganz anderes ging.

»Ich weiß nicht«, sagte das Mädchen. »Vor zwei Monaten etwa.«

Käthe legte den Mantel zurück auf die Mauer.

»Vielleicht ist es der Hunger und die Erschöpfung«, sagte sie. »Wenn man zu wenig isst, hört man auf zu menstruieren. Das geht vielen Frauen so in diesen Zeiten.«

Das Mädchen starrte sie wieder mit diesem leeren, verständnislosen Blick an. Vielleicht war sie ja schwachsinnig.

»Nein«, sagte sie. »Das ist es nicht.«

Käthe nickte.

»Ich bin kein Arzt«, sagte sie. »Ich bin Hebamme.«

»Aber Sie können mir helfen.«

»Wer hat dich zu mir geschickt?«, fragte Käthe.

»Ich hab schon selbst versucht, es wegzumachen«, sagte das Mädchen, als habe sie die Frage gar nicht gehört. »Aber es ging nicht. Wenn Sie mir nicht helfen, bring ich mich um.«

Käthe musste an Schwester Marlies denken, die sie auf der Hebammenschule unterrichtet hatte. Schwester Marlies hatte sie bereits im ersten Lehrjahr davor gewarnt, dass das unweigerlich passieren würde.

»Man wird versuchen, Sie unter Druck setzen«, hatte sie gesagt. »Aber vergessen Sie nie: Ihre Aufgabe ist es, das keimende Leben zur Welt zu bringen und nicht, es abzutöten. Nehmen Sie sich das zu Herzen, was immer auch geschieht.«

Doch das lag fast dreißig Jahre zurück. Es war eine andere Welt, in der Schwester Marlies gelebt hatte, in der sie alle damals gelebt hatten, eine Welt mit Häusern und Fensterscheiben, mit Straßen und Bäumen, eine Welt mit Litfaßsäulen und Fernsprechapparaten und Hebammenschulen. Aber diese Welt gab es nicht mehr, und Schwester Marlies gab es ebenfalls nicht mehr, sie war schon vor dem Krieg gestorben. Das alles war vorbei, und dadurch hatten auch Schwester Marlies’ Ermahnungen ihre Bedeutung verloren, dachte Käthe und zog ihren Mantel aus. Sie schlüpfte in den Pelzmantel, der sich um ihren mageren Körper legte wie eine Daunendecke. Dann zog sie ihren alten Mantel über den Pelz, damit keiner die Kostbarkeit sah und auf falsche Gedanken kam.

»Was machen Sie?«, fragte das Mädchen misstrauisch.

»Ich muss ihn mitnehmen«, sagte Käthe. »Ich muss auf dem Schwarzmarkt einige Dinge besorgen. Äther, Verbandszeug.«

Essen, dachte sie. Sie würde sich wieder einmal richtig satt essen.

»Komm morgen Mittag wieder hierher«, sagte sie dann. »Um dieselbe Zeit.«

Des Herrn Tag ist nahe im Tal der Entscheidung.

Die Entscheidung war gefallen.

II

Marktstraße 17 a. Das war die Adresse der gynäkologischen Praxis von Doktor Köpcke. Die Marktstraße gab es nicht mehr, aber das Gebäude, in dessen Erdgeschoss die Praxis gewesen war, stand noch.

Das Haus hatte durch die Bombenangriffe nur die Vorderfront verloren, so dass sämtliche Wohnungen, die hinter der Fassade lagen, nun für jeden einsehbar waren wie die Zimmer eines gigantischen Puppenhauses. Die Rumpelkammer unter dem Dach, das Wohnzimmer mit den grünen Seidentapeten und dem Kachelofen im dritten Stock, die Küche und das Esszimmer mit dem gewebten Teppich im zweiten Stock. Auf dem Tisch stand noch Geschirr, und darüber baumelte ein Kronleuchter, als ob die Bewohner die Wohnung gerade erst verlassen hätten und jeden Moment wieder zurückkommen könnten.

Jedenfalls war es vor einigen Wochen noch so gewesen. Inzwischen war der Kronleuchter weg, genauso wie das Geschirr und der gewebte Teppich. Plünderer kletterten in die zerstörten Wohnungen und nahmen mit, was sie zu fassen bekamen. Manche hatten Pech, weil ihr Eindringen den brüchigen Mauern den Rest gab, so dass die Häuser einstürzten und sie mitsamt der Beute verschüttet wurden.

Von der Militärverwaltung war das Betreten der zerbombten Grundstücke und Häuser verboten worden, aber wen kümmerten Verbote in diesen Zeiten? Nicht einmal Käthe, die jetzt den offenen Hausflur betrat.

Sie kannte die Praxis, weil sie selbst Patientin bei Doktor Köpcke gewesen war, in all den Jahren, in denen sie und Wolf darauf gewartet hatten, dass sie endlich schwanger wurde. Das Treppenhaus hatte sich nicht verändert. Senfgelbe Lackfarbe an den Wänden, schwarz-weiße Steinfliesen zu ihren Füßen. Die Luft war voller Staub und unter dem Staub lag der vertraute Geruch von Lysol, aber das musste eine Sinnestäuschung sein. Das Haus war vor mehr als zwei Jahren bombardiert worden. Hier wurde nichts mehr desinfiziert.

Sie hörte die Schritte des Mädchens hinter sich und schwitzte, als ob sie den Pelzmantel noch anhätte. Dabei hatte sie ihn am Abend zuvor auf dem Schwarzmarkt hinter dem Hofgarten eingetauscht. Eine Stange Zigaretten hatte ihr ein britischer Soldat dafür gegeben. Einen Teil davon hatte sie gegen Kartoffeln, Speck, Zwiebeln, eine große Schlackwurst und Grieß eingetauscht. Der Äther war am schwierigsten zu besorgen gewesen. Medikamente, Verbandszeug und medizinische Geräte gab es in der ganzen Stadt nicht mehr. Die Ärzte bezogen ihre Vorräte mit viel Glück und Schmiergeld direkt von der Militärverwaltung. Aber Käthe konnte den Engländern ja schlecht erzählen, dass sie das Betäubungsmittel für einen illegalen Eingriff brauchte. Also war sie von einem Händler zum nächsten gerannt, bis sie einen gefunden hatte, der Äther anbot, aber der wollte keine Zigaretten dafür, sondern amerikanische Seife. Und der Seifenverkäufer brauchte Zucker. Käthe tauschte die Schlackwurst gegen einen Sack Zucker, den Zucker gegen Seife, die Seife gegen Äther und bekam obendrein zwei Blasen, an jedem Fuß eine, und noch dazu kostenlos.

Zu Hause kochte sie Kartoffeln, briet Zwiebeln und Speck an und wurde von dem Duft fast ohnmächtig. Sie aß im Dunkeln, weil um acht immer der Strom abgedreht wurde. Sie aß alles auf, obwohl sie sich vorgenommen hatte, einen Teil des Essens für den nächsten Tag aufzubewahren. Sie aß viel zu viel, viel zu schnell, hinterher war ihr schlecht, und sie schämte sich für ihre Gier und vermisste Wolf mehr denn je.

Seit Wochen hatte er ihr nicht so gefehlt wie heute, denn der Hunger hatte ihre Sehnsucht und Einsamkeit vertrieben. Es hatte eben alles seine guten und schlechten Seiten. Sogar der Hunger.

Am nächsten Morgen der Bibelspruch für den Tag. Sie hatte mit einer Verwünschung aus dem Alten Testament gerechnet oder mit einer Moralpredigt aus einem Paulusbrief. Stattdessen ein Jubelruf aus Psalm 47.

Gott fährt auf unter Jauchzen, der Herr beim Hall der Posaune. Lobsinget, lobsinget Gott, lobsinget, lobsinget unserm Könige! Denn Gott ist König über die ganze Erde, lobsinget ihm mit Psalmen.

Die Wege des Herrn sind unergründlich, dachte Käthe. Und seine Worte auch.

Wo früher der Eingang der Praxis gewesen war, klaffte nun eine leere Zarge. Man hatte die Tür aus den Angeln gerissen und an einem anderen Ort wiedereingesetzt oder verheizt.

Wie oft Käthe diese Schwelle schon überschritten hatte. Beim Eintreten war sie stets voller Hoffnung gewesen, und wenn sie die Praxis dann später wieder verließ, voller Trauer. Aber heute war alles anders, heute war sie voll Unruhe und würde die Praxis hoffentlich erleichtert verlassen.

Das Mädchen hinter ihr seufzte leise, oder war es ein tragender Balken gewesen, der das Geräusch von sich gegeben hatte? Hoffentlich brach nicht ausgerechnet jetzt alles zusammen.

Keine Angst, murmelte Käthe mehr zu sich selbst als zu dem Mädchen und umklammerte ihren Hebammenkoffer mit festem Griff.

Die Schränke und Regale waren leer, aber der Stuhl war noch da. Er stand im Hinterzimmer, mit gespreizten Beinstützen, als habe er die ganze Zeit nur auf sie gewartet.

Käthe blickte sich um.

Die Vorstellung gefiel ihr nicht, dass sie keine Türen schließen und im Grunde jeder von der Straße hereinspazieren und ihnen zusehen konnte. Dem Mädchen ging es genauso, ihr Blick huschte durch den Raum wie eine Maus auf der Flucht vor der Katze.

»Hier?«, fragte sie mit rauer Stimme.

»Was hast du erwartet?«, fragte Käthe. »Es tut mir leid«, fügte sie dann noch hinzu, aber das Mädchen nickte nur.

»Zieh dich aus. Ich hole inzwischen Wasser an der Pumpe. Ich kann es allerdings nicht erhitzen. Es muss so gehen.«

Sie wies auf den Wandschirm in der Ecke, hinter dem sie sich früher selbst entkleidet hatte, während Doktor Köpcke an seinem Schreibtisch gesessen und gewartet hatte.

Das Mädchen zögerte.

»Wir müssen uns beeilen«, sagte Käthe. Es war bereits kurz nach drei. In zwei Stunden wäre es stockdunkel, bis dahin musste sie die Sache hinter sich gebracht haben.

Die Sache.

Den Abort. Warum nannte sie das Ganze nicht beim Namen? Zumindest in Gedanken.

Als sie mit dem Wassereimer zurückkam, trat das Mädchen hinter dem Wandschirm hervor. Sie hatte nur ihre Schuhe und die Strümpfe ausgezogen.

»Den Rock auch«, sagte Käthe und spürte, dass sie nervös wurde, und die Nervosität machte sie ungeduldig.

Sie stellte das Wasser neben den Stuhl und öffnete die Tasche.

Das Mädchen zog sich wieder hinter den Schirm zurück.

Käthe schob einen dreibeinigen Hocker neben den Stuhl, breitete ein Tuch darüber und legte ihre Gerätschaften darauf. Ein Kästchen mit acht Hegar-Stiften und eine Schimmelbuschmaske, die sie vor einigen Wochen in der Praxis gefunden und mitgenommen hatte. Als hätte sie es geahnt. Die Gummistifte, die Maske und ihre Küretten hatte sie am Morgen in kochendem Wasser sterilisiert. Lysol wäre natürlich besser gewesen, aber das war nirgends zu bekommen.

Das Mädchen trug jetzt nur noch das Mieder und einen Hüfthalter.

»Wie heißt du eigentlich?«, fragte Käthe.

Das Mädchen starrte zu Boden, als suchte es dort nach dem Namen, dann blickte es Käthe ins Gesicht. Einen Moment lang kam es Käthe wieder so vertraut vor, aber bevor sie die Erinnerung festhalten konnte, war sie verschwunden.

»Ingrid«, sagte das Mädchen.

»Ein schöner Name«, antwortete Käthe und fragte sich, ob das Mädchen ihn sich gerade ausgedacht hatte. »Und wie alt bist du?«

Das Mädchen verschränkte fröstelnd die Arme vor der Brust.

»Zweiundzwanzig.«

»Wirklich?«, fragte Käthe. Das Mädchen wirkte viel jünger. Dieser magere Körper, die kleinen Brüste, das runde Gesicht, umrahmt von dünnen Zöpfen, die ihr auf den Rücken fielen. Sie wäre hübsch gewesen, wenn ihre Augen nicht so eng zusammengestanden hätten und die Nase weniger spitz gewesen wäre.

»Was spielt das für eine Rolle?«, fragte Ingrid mürrisch.

Keine, da hatte sie natürlich recht. Sie wollte das Kind nicht. Sie hatte Käthe ihren Pelzmantel gegeben und dafür wollte sie nun eine Gegenleistung. That’s a deal, hatte der Engländer gesagt, der den Pelzmantel gegen Zigaretten getauscht hatte.

Käthe tastete den Bauch durch das Mieder hindurch ab. Er war leicht gewölbt. Hoffentlich war die Schwangerschaft nicht schon viel weiter fortgeschritten, als das Mädchen angegeben hatte.

»Bist du dir ganz sicher, dass es nicht länger als zwei Monate her ist?«, frage Käthe. »Und wie ist es passiert?«

»Zwei Monate«, sagte das Mädchen. »Und es ist passiert, wie solche Dinge eben passieren.«

Wie solche Dinge eben passieren, dachte Käthe. Oder wie sie nicht passieren, obwohl man es sich so wünscht. »Gesundheitlich ist alles in Ordnung mit Ihnen«, hatte Doktor Köpcke gesagt. »Es ist die Nervosität, die verflixte Anspannung, deshalb klappt es nicht. Aber das wird sich geben, warten Sie mal ab. In ein paar Jahren können Sie nicht mehr schlafen, weil die Blagen die ganze Nacht schreien, dann verfluchen Sie Ihren Kinderwunsch und mich. Glauben Sie, ich weiß, wovon ich rede.«

Er hatte selbst vier kleine Kinder und ständig dunkle Ringe unter den Augen.

Käthe hatte auch Ringe unter den Augen nach den Nächten, in denen sie davon träumte, schwanger zu sein. Ich habe gar nicht mehr damit gerechnet, sagte sie im Traum zu Wolf. Ich bin so glücklich.

Aber dann wachte sie auf und legte ihre Hand auf ihren flachen Bauch und weinte und fand bis zum Morgengrauen keinen Schlaf mehr. Sie wünschte sich so sehr ein Kind. Keine zwei oder drei oder vier wie Doktor Köpcke. Sie wollte nur eines, aber sie bekam es nicht.

Dann war sie vierzig geworden, und danach war die Sehnsucht nach einem Kind plötzlich verschwunden, es war, als habe ihr Körper endlich eingesehen, dass es sinnlos war. Hitler war damals bereits an der Macht gewesen, und während Deutschland mit strammen Schritten auf den Krieg zumarschierte, lebte Käthe auf. Es waren die besten Jahre ihres Lebens, damals, besser noch als die Zeit, in der sie Wolf kennengelernt hatte.

Wolf war erleichtert, als es vorbei war. Das Warten und das Weinen und das Sehnen. »Es sollte nicht sein«, sagte er, wenn Käthe noch einmal darauf zu sprechen kam. »Wer weiß, vielleicht ist es gut so«, sagte er. Und irgendwann dachte Käthe das auch.

Und nun stand sie hier und tastete den Muttermund des schwangeren Mädchens ab, der hart und fest geschlossen war. Das Mädchen presste die Lippen zusammen.

»Tut das weh?«, fragte Käthe.