STUART NEVILLE

BLUTIGE FEHDE

Thriller

Aus dem Englischen von Armin Gontermann

Impressum

Die Originalausgabe unter dem Titel Collusion erschien 2010 bei Soho Press, New York.

ISBN 978-3-8412-0473-8

Aufbau Digital,

veröffentlicht im Aufbau Verlag, Berlin, August 2012

© Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin

Die deutsche Erstausgabe erschien 2012 bei Rütten & Loening, einer Marke der Aufbau Verlag GmbH & Co. KG

Copyright © 2010 by Stuart Neville

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jegliche Vervielfältigung und Verwertung ist nur mit Zustimmung des Verlages zulässig. Das gilt insbesondere für Übersetzungen, die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen sowie für das öffentliche Zugänglichmachen z.B. über das Internet.

Umschlaggestaltung bürosüd°, München unter Verwendung eines Motivs von © Getty Images, © Tadashi Miwa

Konvertierung Koch, Neff & Volckmar GmbH,
KN digital – die digitale Verlagsauslieferung, Stuttgart

www.aufbau-verlag.de

Inhaltsübersicht

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Epilog

Danksagung

Für Nat Sobel, der mein Leben verändert hat

1

»Wir werden verfolgt«, sagte Eugene McSorley. Der Ford Focus hob auf der Kuppe einen kurzen Moment ab und schlug dann unsanft wieder auf dem Asphalt auf. Seine acht Jahre alte Aufhängung federte den Aufprall nur unwesentlich ab. McSorley sah weiter in den Rückspiegel. Der silberne Skoda Octavia befand sich noch hinter dem Hügel, über den sie gerade gerast waren. Seit sie die Grenze in den Norden überquert hatten, verfolgte er sie über die schmale Landstraße.

Auf dem Beifahrersitz drehte sich Comiskey um. »Ich sehe keinen«, sagte er. »Nein, warte mal. Scheiße. Sind das die Cops?«

»Ja«, sagte McSorley. Der Skoda tauchte wieder im Rückspiegel auf, seine Scheiben waren dunkelgrün getönt. McSorley konnte die Insassen nicht erkennen, aber unter Garantie waren das Cops. Unter dem stärker werdenden Nieselregen färbte sich der Asphalt langsam dunkel. Über den grünen Feldern hing eine schwere graue Decke.

»Himmel noch mal«, stöhnte Hughes von der Rückbank aus. »Wollen die uns etwa anhalten?«

»Sieht ganz so aus«, antwortete Comiskey. »Scheiße.«

Heckenreihen schossen an dem Focus vorbei. McSorley kontrollierte den Tacho und blieb knapp unter hundert. »Egal«, sagte er. »Sie haben nichts gegen uns in der Hand. Es sei denn, ihr Jungs habt Haschisch in den Taschen.«

»Mist«, knurrte Hughes.

»Was?«

»Ich habe ein paar Gramm dabei.«

McSorley warf einen raschen Blick über die Schulter. »Du Arschloch! Schmeiß es raus!«

McSorley drückte auf den Fensterheber und fuhr dicht an der Hecke entlang, damit die Cops nichts mitbekamen. Durch den Seitenspiegel beobachtete er, wie Hughes einen kleinen braunen Würfel ins Gebüsch warf.

»Du Arschloch«, wiederholte er.

Comiskey spähte zwischen den Sitzen hindurch nach hinten. »Sie kommen überhaupt nicht näher«, sagte er. »Vielleicht halten sie uns ja doch nicht an.«

McSorley antwortete nicht. Er ließ das hintere Fenster wieder hochfahren. Der Wagen kam durch eine Kurve und dann auf eine lange Gerade. Die Straße fiel sanft ab, stieg dann wieder an und verschwand einen knappen Kilometer vor ihnen am Horizont. McSorley schaltete den Scheibenwischer ein. Die Blätter hinterließen nasse Schlieren auf der Windschutzscheibe, schoben das Wasser aber kaum weg. Schon vor einem Jahr hatte er sie auswechseln wollen. Er fluchte und spähte angestrengt durch die Regentropfen.

Ein weißer Lieferwagen stand mit laufendem Motor am Straßenrand. Er hätte alle Zeit der Welt gehabt, abzubiegen und weiterzufahren, aber das tat er nicht. Stattdessen zuckelte er auf die Kreuzung hinaus, der Fahrer spielte mit der Kupplung. McSorley leckte sich über die Lippen. Er spürte das Gaspedal unter seinen Schuhsohlen. Sobald die Straße wieder kurviger wurde, hatte er keine Chance mehr zu überholen. Er nahm etwas Gas weg. Der Lieferwagen kam näher. Im Führerhaus saßen zwei Männer, sie schauten herüber.

McSorley wurde flau im Magen, das Adrenalin rieselte bis in seine Finger und Zehen. Er kämpfte gegen akute Atemnot an.

»Meine Güte«, entfuhr es ihm unwillkürlich. »Kein Grund zur Panik. Das sind doch nur Cops. Die halten uns an und fertig.«

Der Focus kam dem weißen Lieferwagen immer näher, jetzt konnte McSorley die Gesichter der Männer erkennen. Als er vorbeifuhr, starrten sie ihn an. Er warf einen erneuten Blick in den Spiegel. Der Skoda war darin größer geworden. Hinter dem Kühlergrill blitzte Blaulicht, und die Sirene heulte auf. Der Lieferwagen fuhr noch einen halben Meter auf die Kreuzung hinaus.

Der Skoda beschleunigte, verschwand aus dem Spiegel und tauchte neben dem Focus wieder auf. McSorley erkannte weiße Hemden und dunkle Schulterklappen. Die Polizistin auf dem Beifahrersitz bedeutete ihm, am Straßenrand anzuhalten.

»Scheiße«, knurrte McSorley. Vorsichtig trat er auf das Bremspedal und schaltete herunter. Er fuhr auf das bewachsene Bankett, der Wagen kam auf dem nassen, matschigen Gras ins Schlittern. Der Skoda passierte sie und kam ein paar Meter weiter vorne zum Stehen. Das Rückwärtsgang-Licht schien auf, der Wagen rollte zurück und hielt nur etwa einen Meter vor der Kühlerhaube des Focus.

»Ihr haltet die Klappe, Jungs«, befahl McSorley. »Sagt nur was, wenn ihr was gefragt werdet, aber ihr werdet nicht pampig. Wir wollen denen keinen Vorwand liefern. Klar?«

»Klar«, gab Hughes von hinten zurück.

»Klar?«, fragte McSorley

Comiskey bedachte ihn mit einem zittrigen Lächeln. »Ja, keine Sorge.«

Zwei Polizisten stiegen aus dem Wagen, zogen ihre Mützen auf und grelle Sicherheitswesten an. Die Frau sah gar nicht mal übel aus, unter ihrer Mütze quoll hellbraunes Haar hervor. Der Mann war großgewachsen und durchtrainiert. Seine tiefe Bräune wirkte befremdlich vor dem grauen Himmel. Die beiden näherten sich dem Focus, der Mann ging voraus.

Abwechselnd mit McSorleys Herzschlag quietschte das Gummi der Wischblätter über die Scheibe. Er legte einen Finger auf den Schalter, um sofort das Fenster herunterlassen zu können, wenn der Cop ihn dazu aufforderte. Doch stattdessen zog der den Türgriff hoch und öffnete sie. Regen tropfte herein. Seit Monaten hatte es fast ununterbrochen geregnet. Den ganzen Tag ohne Unterlass, und das jeden Tag. McSorley blinzelte, als ein dicker Tropfen auf seine Wange platschte.

»Guten Tag«, sagte der Polizist. Er sprach mit dem kehligen, abgehackten Akzent eines Engländers. »Bitte stellen Sie den Motor ab, Sir.«

McSorley drehte den Zündschlüssel. Der Motor erstarb, und die Wischblätter verharrten mitten auf der Scheibe.

»Seien Sie so nett und lassen Sie die Hände dort, wo ich sie sehen kann«, wies ihn der Polizist an.

Dieser Akzent, dachte McSorley. Offiziersrang. Der Mann hörte sich eher nach Appellhof und steifem Gruß an als nach Verkehrskontrollen und Polizeisperren.

Der Cop zog ein wenig den Kopf ein. »Sie ebenfalls, Gentlemen.«

Comiskey legte die Hände auf das Armaturenbrett, Hughes an die Rückenlehne des Beifahrersitzes. McSorley umklammerte das Lenkrad und musterte das Gesicht des Polizisten. Tiefbraune Haut. Das war keine oberflächliche Bräune wie von einer Woche Strandurlaub. Seine rissigen Lippen glänzten von dem Balsam, den er daraufgeschmiert hatte, als hätte er sie sich in irgendeiner ausgedörrten Gegend verbrannt. In McSorleys Kopf blitzte das Bild auf, wie der Cop da irgendwo durch eine Wüste robbte. Die Vorstellung machte ihm eine Heidenangst, ohne dass er sagen konnte, warum.

Die Hände des Cops blieben zunächst verborgen, doch dann griff er ins Wageninnere und zog den Schlüssel aus dem Zündschloss. Ein schwarzer Lederhandschuh, der teuer aussah.

»Was wollen Sie«, fragte McSorley mit belegter Stimme.

Der Cop richtete sich auf und blickte wieder die Straße hinab. »Sie haben Ihren Sicherheitsgurt nicht angelegt. Gibt es dafür einen Grund?«

»Hab ich vergessen«, sagte McSorley. Er blickte in den Rückspiegel, obwohl er schon wusste, was er dort sehen würde. Der Wagen fuhr über die Kreuzung und bog in ihre Richtung ab.

Die Polizistin trat zur Beifahrerseite. Sie beugte sich hinunter und blickte prüfend hinein, erst zu Comiskey und dann zu Hughes. Comiskey schenkte ihr ein mattes Lächeln. Sie lächelte nicht zurück.

»So geht das aber nicht. Sie wollen doch keine Punkte kassieren, oder?«

Der Lieferwagen füllte nun den gesamten Rückspiegel aus. Die Polizistin wies ihn ein, und er fuhr neben den Focus. Der sonnengebräunte Cop griff erneut ins Wageninnere und drückte auf die Entriegelung für den Kofferraum. Bei einem Neuwagen wäre die Klappe sicherlich zwanzig Zentimeter nach oben geschnellt, doch dieser hob sich kaum aus dem Schloss. Die Polizistin trat ans Heck des Focus und machte ihn ganz auf, die Klappe quietschte. Feuchtkalte Luft strich über McSorleys Nacken. Der Güllegestank von den Feldern vermischte sich mit dem stechenden Geruch seines eigenen Schweißes.

Die zwei Männer blieben im Führerhaus des Lieferwagens sitzen, aber aus dem Inneren hörte McSorley lautes Füßescharren, dann wurden hinter ihm die Türen geöffnet. Er wollte schon über die Schulter blicken, aber da ging der gebräunte Cop grinsend neben ihm in die Hocke.

McSorley musterte das Gesicht des Cops, und schlagartig wurde ihm klar, was die Falten und Risse zu bedeuten hatten. Der Mann war noch vor kurzem in irgendeiner trockenen, öden Gegend bei der Jagd auf einen Feind durch den Sand gerobbt. Im Irak oder vielleicht auch in Afghanistan. An irgendeinem Ort jedenfalls, zu dem die Yankees und die Briten sich nie bekennen würden. Und jetzt war er hier, unweit der irischen Grenze, das sonnenverbrannte Gesicht ausdruckslos und unbarmherzig. Für ihn war das nur ein weiterer Einsatz.

»Sie sind gar kein Polizist«, sagte McSorley.

Das ungerührte Lächeln des Cops flackerte nicht einmal. »Wo wollten Sie gerade hin, Sir?«

»Ich sagte, Sie sind kein Polizist. Was wollen Sie?«

Hinter den beiden Fahrzeugen hörte man schlurfende Schritte. Irgendetwas schurgelte und ächzte, als es über die Ladefläche des Lieferwagens gezogen wurde. Irgendwelche Stimmen stießen nervös tuschelnd Befehle aus. Die Augen des Cops starrten McSorley unverwandt an.

Eine Stimme sagte: »Auf drei. Eins, zwei … und hoch!«

Der Focus schwankte und sank auf die Hinterachse, als etwas ungeheuer Schweres in den Kofferraum gehievt wurde.

»Was zum Teufel war das denn?«, fragte Comiskey.

Hughes wandte sich auf seinem Sitz um, aber das Paket im Kofferraum versperrte ihm die Sicht. Im Rückspiegel beobachtete McSorley, wie das Licht sich veränderte. Am liebsten hätte er laut losgeflennt, aber er riss sich zusammen. Wieder hörte er Füße schlurfen und etwas scheppern, als jemand wieder in den Lieferwagen stieg. Die Kofferraumklappe wurde heruntergeschlagen, und McSorley sah durch die Heckscheibe die Polizistin und neben ihr einen muskelbepackten Mann. Die Hutablage war nicht vollständig heruntergeklappt, etwas darunter drückte sie nach oben.

Die Polizistin trug eine längliche Sporttasche, der Hüne hob ein automatisches Gewehr. Es sah aus wie das Heckler & Koch G3, das McSorley vor Jahren einmal hinter einem Pub in Newry abgefeuert hatte. Der Mann tauchte an der Beifahrerseite auf und richtete das Gewehr auf McSorley.

McSorley spürte, wie Tränen in seinen Augen brannten. Auf keinen Fall würde er jetzt losheulen. Er unterdrückte die Tränen. Die hintere Beifahrertür ging auf. Er blickte sich über die Schulter um.

Die Polizistin streckte den Arm hinein und ließ etwas schweres Metallenes fallen. Dumpf schlug es zwischen Hughes’ Füßen auf der Fußmatte auf.

»Ach du Scheiße«, stieß Hughes hervor. Er wandte sich von dem Ding, was immer es sein mochte, zur Seite ab, bis er sich hinter McSorley befand.

Die Polizistin warf noch etwas hinein. Es polterte gegen den ersten Gegenstand.

»O mein Gott«, jammerte Hughes leise.

Die Frau zog ein Paar länglicher Zylinder aus der Tasche. McSorley starrte sie einen Moment lang an und marterte sein Hirn, um zu begreifen, was sich hier abspielte. Dann erkannte er den Doppellauf einer Schrotflinte. Sie stellte die Waffe mit dem Kolben nach unten in den Fußraum und ließ die langen Läufe zwischen Hughes’ Oberschenkel kippen.

»Scheiße, das ist ja eine Waffe«, rief Hughes, als die Tür zuschlug. »Was ist hier los, Eugene?«

McSorley starrte wieder den sonnenverbrannten Cop an. Der Cop zwinkerte ihm grinsend zu und schloss die Fahrertür. Er hielt die Wagenschlüssel hoch, zeigte sie McSorley und schnippte zweimal dagegen. Die Schlüssel klimperten. Dann legte der Cop den Schlüsselbund auf die Motorhaube, direkt vor die Scheibe.

»O Gott«, keuchte McSorley.

»Was machen die, Eugene?«, fragte Comiskey.

»Gütiger Gott im Himmel.« McSorley bekreuzigte sich. Seine Blase drohte zu platzen.

Die beiden Cops, die eigentlich gar keine Cops waren, wie McSorley wusste, stiegen wieder in den Skoda und fuhren los. Der Lieferwagen setzte sich vor den Focus. Der Mann mit der Schrotflinte grinste McSorley an. Während er hinten einstieg, hielt er weiter die Waffe auf ihn gerichtet.

Comiskey zerrte am Türgriff. »Mach die Schlösser auf !«, verlangte er.

»Kann ich nicht«, jammerte McSorley. Heiße Tränen rannen ihm über die Wangen. »Der Mistkerl hat zweimal abgeschlossen. Zum Aufmachen braucht man einen Schlüssel.«

Der Lieferwagen fuhr los und beschleunigte rasch. Der Mann mit der Flinte winkte. McSorleys Blase versagte den Dienst.

»O Gott«, flennte McSorley. »Gütiger Himmel, Jungs.«

Comiskey schlug mit dem Ellbogen gegen das Fenster. Er versuchte es noch einmal. Hughes nahm die Schrotflinte hoch und rammte den Kolben gegen das Rückfenster.

McSorley wusste, dass es sinnlos war. »O mein Gott, Jungs.«

Hughes schlug noch einmal gegen das Fenster, und es zersplitterte. Er wand sich durch das Loch. Comiskey kroch nach hinten, um ihm zu folgen.

Regengüsse schlierten über die Windschutzscheibe, während der Lieferwagen in der Ferne schon immer kleiner wurde. Brüllend zwängte Hughes seine Schultern durch die Lücke.

»Mein Gott«, flüsterte McSorley. »Mein Gott, Jungs, die haben uns erledigt.«

Er registrierte kaum noch das Ploppen der Sprengkapsel. Dann bombte die Faust Gottes ihn ins Nichts.

2

Detective Inspector Jack Lennon wusste, dass es ein Scheißjob war, aber er war vor eine eindeutige Wahl gestellt worden. Entweder beobachtete er Dandy Andy Rankin und Rodney Crozier dabei, wie sie sich in einem schmuddeligen Café auf der Sandy Row trafen, oder er würde den Rest der Woche über Berichte für die Staatsanwaltschaft tippen. Ihm tat immer noch der Hintern weh von der ganzen Drecksarbeit für die Staatsanwälte, die man im letzten Jahr über ihm ausgekippt hatte. Auf eine weitere Kostprobe legte er keinen Wert.

Der Tipp war vom C3 gekommen, den meisten Leuten besser bekannt unter dem Namen Special Branch. Rankin und Crozier, zwei von Belfasts führenden Loyalisten, wollten sich angeblich in Sylvias Café treffen und versuchen, einen alten Streit beizulegen, der bislang fünf Leute ins Krankenhaus gebracht hatte. Einer hatte ein Auge verloren, ein zweiter atmete seitdem durch einen Schlauch. Aber gestorben war noch keiner. Der Plan war, dass es dabei blieb.

Streitereien unter den Loyalisten waren eine verbreitete Unsitte. Alle paar Wochen kam irgendein Strolch mit eingeschlagener Visage daher, die er sich bei irgendeiner Streiterei geholt hatte. Aber manchmal kochten solche Streitigkeiten derart über, dass Leute dabei umgebracht wurden. Bei der Polizei scherte es keinen besonders, wenn gelegentlich ein Drogenhändler ins Gras biss, aber dann regten sich jedes Mal die Politiker und die Presse auf, ganz zu schweigen von dem ganzen Papierkram, den so etwas nach sich zog. Deshalb war es am besten, die Angelegenheit im Auge zu behalten und jeden Ärger schon im Keim zu ersticken. Das jedenfalls hatte Chief Inspector Uprichard gesagt, als er Lennon mit der Sache beauftragt hatte. Seit er seinen Platz in der Mordkommission verloren hatte, wusste man nichts mehr so recht mit ihm anzufangen, und mehr als derlei sinnlose Beschäftigungstherapien waren für ihn nicht in Sicht. Beschatten und Bericht erstatten, herausfinden, wer mit wem sprach, einschätzen, ob das Zusammentreffen freundlich oder hitzig verlief, und dafür sorgen, dass nichts eskalieren konnte.

Lennon beobachtete das Café aus einem Lieferwagen mit dem Logo der Wasserwerke. Er hatte in einer Seitenstraße gegenüber geparkt, eine Frühstücksdose und eine Thermoskanne auf das Armaturenbrett gestellt und eine Ausgabe des Belfast Telegraph aufgeschlagen. Vor fünfzehn Minuten hatte er die Seiten über das Lenkrad gebreitet und es sich gemütlich gemacht.

Rankin und Crozier saßen am Fenster. Lennon konnte sie glasklar erkennen, über ihr Gespräch allerdings konnte er nur rätselraten. Dafür, den Laden zu verwanzen, war kein Geld da. Die beiden dort drüben waren für die Special Branch nur von mäßigem Interesse und lohnten solche Ausgaben nicht. Dies hier war bloß eine Observierung, weiter nichts. Ein Scheißjob eben, dachte Lennon. Insgeheim fragte er sich, ob sie ihn vielleicht nur aus dem Dezernat weghaben wollten. Seine Zielpersonen hockten dicht beieinander, ihre Nähe ließ auf eine leise Unterredung schließen, die Gesichtsausdrücke allerdings nicht. Crozier hatte ein Trikot der Glasgow Rangers an, auf seinen dicken Unterarmen prangten unscharfe Tätowierungen. Rankin trug einen grauen Anzug und ein pinkfarbenes Hemd, unter dem aufgeknöpften Kragen prangte eine schwere Goldkette. Vor dem Hintergrund seines orangefarbenen Teints wirkten seine Zähne unnatürlich weiß. Sylvia Burrows, die schon seit der Eröffnung in den frühen Siebzigern die Besitzerin des Cafés war, stellte zwei dampfende Becher zwischen die Männer hin. Sie blieb nicht noch auf einen Plausch stehen. Die beiden nahmen sie kaum zur Kenntnis.

Lennon kritzelte auf den Schreibblock in seinem Schoß und sah auf die Uhr. Zwanzig Minuten waren vergangen, seit er den Wagen geparkt hatte, vor zehn Minuten war Crozier angekommen, erst vor fünf war Rankin zu ihm gestoßen. Lennon gähnte und streckte sich. Vielleicht wäre der Papierkram für die Staatsanwaltschaft doch nicht so übel gewesen.

Noch vor zwei Monaten hatte er einer Einheit der Mordkommission angehört, als zweiter Mann hinter Detective Chief Inspector Jim Thompson. Gute Arbeit und ein ordentliches Beamtengehalt, wie es seinem Rang entsprach. Und das alles hatte er zum Fenster hinausgeworfen, nur weil er versucht hatte, für dieses Arschloch Roscoe Patterson einen Strafzettel wegen zu schnellen Fahrens aus dem Verkehr zu ziehen. Als Lennon deswegen Constable Joseph Moore angesprochen hatte, war der ihm auf die moralische Tour gekommen. Es seien nicht die sechzig Pfund, hatte Lennon ihm erklärt, um Geld gehe es nicht. Roscoe habe eine Menge Geld. Vielleicht hatte Lennon den letzten Satz auch noch einmal wiederholt, er wusste es nicht mehr genau. Es gehe um die drei Punkte in der Verkehrssünderkartei, die Roscoe sich nicht leisten könne. Die Sache lief aus dem Ruder, als Moore, einer von den jüngeren katholischen Rekruten, die sich seit der Patten-Reform zum Polizeidienst meldeten, fragte, warum Lennon eigentlich für einen Scheißhunnen wie Roland »Roscoe« Patterson seinen Hals riskierte. Lennon war klar, dass er Moore nicht würgen und an die Wand hätte drücken sollen, und am nächsten Tag entschuldigte er sich auch. Nicht klar war ihm allerdings, dass Moore zu Chief Inspector Uprichard laufen und behaupten würde, Lennon hätte versucht, ihm den Bestechungsversuch eines bekannten loyalistischen Parlamentariers schmackhaft zu machen.

So fand Lennon sich vor Uprichards Schreibtisch wieder und durfte wählen zwischen unbezahltem Urlaub oder einem vollen Disziplinarverfahren. Ohne die Intervention seines alten Freundes, Detective Chief Inspector Dan Hewitt, wäre überhaupt nur die zweite Option in Frage gekommen. Uprichard erinnerte Lennon daran, dass er ohnehin nicht gerade ein unbeschriebenes Blatt sei und ein Disziplinarverfahren wohl kaum günstig für ihn ausgehen werde, selbst wenn die Anschuldigungen nicht bewiesen werden konnten.

Lennon entschied sich für den Urlaub. Drei Tage lang saß er zu Hause herum, dann hielt er die Langeweile nicht mehr aus. Am vierten Tag buchte er einen Flug nach Barcelona. Das Hotel war ein Loch. Angeblich hatte George Orwell während des Spanischen Bürgerkriegs dort gewohnt. Sah ganz so aus, als hätte er auch die Tapete abgerissen. Aber das Zimmer besaß einen Balkon mit Blick über Las Ramblas, und das Wetter erlaubte ihm, abends mit einer Dose San Miguel draußen zu sitzen und zuzusehen, wie unten auf der Straße die Touristen und die Einheimischen jeden Blickkontakt vermieden. Nach Mitternacht machte er seine Runde durch die Tapas-Bars, auf der Suche nach Amerikanerinnen oder Engländerinnen, die er mit seinem Akzent bezirzen konnte. Meistens mit Erfolg.

Nach seiner Rückkehr aus Barcelona kam er sich vor wie das fünfte Rad am Wagen. Eigentlich konnte ihn keiner brauchen, und so wurde jeder sinnlose Mistjob bei ihm abgeladen.

Rankins und Croziers Handbewegungen wurden lebhafter. Finger stachen zur Bekräftigung von Standpunkten auf die Tischplatte ein. Die Becher wackelten. Lennon blinzelte und sah genauer hin, er veränderte seine Sitzposition, und dann lehnte er sich vor.

Gerade versuchte Crozier, den anderen mit vorgestreckten flachen Händen zu beruhigen. Rankin sah nicht so aus, als wolle er davon etwas wissen. Sein Zeigefinger fuchtelte vor Croziers Gesicht herum. Crozier lehnte sich zurück und ließ resigniert die Schultern sacken.

Lennon blickte rasch auf seinen Notizblock und notierte diese Veränderung. Als er wieder aufsah, war Crozier auf den Beinen und wandte sich zum Gehen. Gut, dachte Lennon. Wenn die Sache vorbei war, konnte er sich endlich von hier verpissen und seine Notizen runtertippen. Und wenn er das erledigt hatte, konnte er wieder herumsitzen und auf irgendeine andere Scheißarbeit warten.

Rankin packte Crozier am Ärmel. Crozier schlug seine Hand weg. Rankin stand auf, sein Stuhl kippte um.

»Meine Güte«, sagte Lennon in den leeren Lieferwagen hinein. »Das gibt ja noch richtig Zoff.« Rankin zückte ein Messer aus der Tasche und vergrub die Klinge zwischen Croziers Rippen.

Lennon blinzelte verwirrt und versuchte zu begreifen, was er da gerade gesehen hatte. »Scheiße«, sagte er.

Rankin zog die Klinge wieder heraus. Crozier ging nicht zu Boden. Er starrte den anderen mit herunterhängendem Unterkiefer an. Rankin stach noch einmal zu.

»Du lieber Himmel!«, entfuhr es Lennon. Er griff nach dem Funkgerät und drückte auf die Notfalltaste. Damit wurde ein Signal mit präziser Positionsangabe an jeden Empfänger des Funknetzes gesendet, dass ein Beamter Hilfe brauchte.

Crozier schlug mit der Faust zu, und Rankin wurde zurückgeschleudert, umklammerte aber weiter das Messer. Rankin stolperte über seinen Stuhl und verschwand aus Lennons Blickfeld. Crozier presste seine Pranke an die Rippen und untersuchte das helle Rot auf seinen Fingern. Er taumelte an die Wand zurück.

Lennon öffnete das Handschuhfach, tastete nach seiner Glock 17 und der Brieftasche mit seinem Dienstausweis. Er stieß die Tür auf und stieg aus, steckte die Brieftasche ein und drückte die Glock eng an seine Hüfte. Dann schlängelte er sich, ohne das Fenster aus dem Auge zu lassen, geduckt durch den Verkehr.

Rankin tauchte wieder auf, er kroch über den Stuhl hinweg auf Crozier zu. Der Größere hob die Hände, war aber zu langsam. Die Klinge drang ihm in den Hals.

Eine wütende Hupe ertönte, und Reifen quietschten, als Lennon die Straße überquerte. Im Café schrie eine Frau auf. Lennon hob die Glock. Crozier rutschte an der Wand herunter, Rankin war über ihm, das Messer schon wieder stoßbereit erhoben.

Lennon stemmte sich mit der Schulter gegen die Tür, hob die Glock und zielte auf die Stelle, wo der blutende Crozier lag. Von Rankin keine Spur mehr. Die Frau schrie erneut auf. Lennon ließ die Waffe hin und her schweifen und sah, wie Rankin Sylvia bei den Haaren packte. Sylvia röchelte, die Augen hinter der Brille weit aufgerissen. Rankin hatte sie fest an sich gedrückt.

Lennon zog seine Brieftasche hervor und klappte sie auf. Er zeigte Rankin den Ausweis und steckte die Brieftasche wieder ein. Er hob die Pistole, legte die Linke zur Unterstützung unter die Rechte und straffte für den Rückstoß die Schultern.

»Lassen Sie Sylvia los, Andy«, sagte er.

Rankin machte ein paar Schritte zurück und zerrte Sylvia an den Haaren mit sich. Er warf einen raschen Blick über die Schulter und zog sie hinter der Theke in Richtung Hintertür.

»Machen Sie das nicht, Andy«, sagte Lennon und folgte. »Der Hinterhof ist zu. Rundherum Mauern. Sie können nirgendwohin.«

Rankin zog Sylvia, das Messer an die Kehle gesetzt, dicht zu sich heran. Lennon sah etwas Rotes auf ihrer Haut. Er konnte nicht erkennen, ob es Croziers Blut war oder ihres.

»O Gott, hilf mir doch einer«, jammerte Sylvia.

»Keine Angst, Sylvia«, sagte Lennon, als er an der Theke war. Er lächelte sie möglichst beruhigend an. »Andy tut Ihnen nichts. Dafür mögen alle hier Sie doch viel zu sehr. Wo sollten die denn Ihr Fish and Chips essen, wenn Ihnen etwas zustieße? Kein Kuchen mehr, keine Wurst zum Abendbrot. Jeder weiß schließlich, dass es bei Sylvia das beste Essen in der ganze Stadt gibt, stimmt’s? Stimmt’s?«

Sylvia antwortete nicht, und Rankin zog sich weiter zur Tür zurück.

»Wie sieht das denn dann aus, wenn Andy Ihnen was tut, hm? Der kann sich doch nirgendwo mehr blicken lassen. Nun kommen Sie schon, Andy, lassen Sie Sylvia los. Wir finden schon eine Lösung. Crozier atmet noch. Machen Sie es nicht noch schlimmer.«

Lennon suchte nach einem Anzeichen für Panik in Rankins sonnengebräuntem Gesicht, fand aber nur tote Augen.

»Ich schneide dem alten Miststück die Kehle durch«, knurrte Rankin in Sylvias Haar hinein. »Glaubt bloß nicht, dass ich das nicht mache.«

»Nein«, sagte Lennon und trat einen Schritt näher. »So dumm sind Sie nicht. Jeder weiß doch, wie schlau Sie sind. Sie können hier nicht weg. Und selbst wenn Sie könnten, wohin wollten Sie dann laufen? Das ist nicht der Dandy Andy, den wir alle kennen.«

»Nennen Sie mich nicht so.« Rankin richtete die Klinge auf Rankin. »Niemand nennt mich in meinem Beisein so.«

»Tut mir leid.« Lennon hob entschuldigend die Hände, die Glock an die Decke gerichtet. »Ich habe nicht richtig nachgedacht. Bin eben nicht so ein Denker wie Sie. Sie sind hier der Schlaue, deshalb sind Sie ja auch so weit gekommen.«

Rankin setzte die Klinge wieder an Sylvias Kehle. »Kommen Sie keinen Schritt näher.«

Lennon blieb stehen. »Sie wissen doch, dass Sie nirgendwo hinkönnen. Sie wissen, dass Sie Sylvia nichts antun können. Dafür sind Sie zu intelligent. Wird allmählich Zeit, dass Sie anfangen nachzudenken, Andy. Was macht man jetzt am besten? Was macht man jetzt am besten?«

»Zum Teufel noch mal«, stieß Rankin hervor. Der Tod verschwand aus seinen Augen und wurde ersetzt von Angst. Von kindischer Panik und Fluchtgedanken.

»Ganz ruhig, Andy«, sagte Lennon. Er breitete beide Arme aus, die Glock zielte jetzt auf die Herdplatten und Friteusen hinten in der offenen Küche. »Atmen Sie erst mal tief durch. Lassen Sie uns die Sache in aller Ruhe angehen. Intelligent.«

Rankin schnaufte heftig, und die Vernunft kehrte auf sein Gesicht zurück. »Na schön«, sagte er. »Wie lösen wir die Sache?«

»Zunächst einmal lassen Sie Sylvia los«, sagte Lennon. »Dann legen Sie das Messer hin.«

Ein paar Straßen weiter heulte eine Sirene auf.

»Sie sind gleich da«, sagte Lennon. »Wäre besser, wenn sich alle bis dahin beruhigt haben, oder? Wenn wir zwei einfach nur zusammen an einem Tisch sitzen und auf die warten. Wenn die nämlich reingestürmt kommen und Sie mir so wie jetzt gegenüberstehen, dann könnte es unangenehm werden. Stimmt’s?«

Rankin sah hinüber zur Fensterfront des Cafés. Sein Mund zuckte, als ihn wieder die Panik zu übermannen drohte, doch die Totenstille im Raum erstickte sie.

»In Ordnung«, sagte er.

»Guter Mann«, sagte Lennon. »Und jetzt lassen Sie sie los.«

Rankin stieß Sylvia in Richtung Lennon. Ihr Schädel knallte auf sein Kinn. Beide taumelten zurück. Lennon hielt sich mit einer Hand an der Theke fest, um nicht vollends das Gleichgewicht zu verlieren, mit der anderen fing er Sylvia auf. Ein kühler Luftzug wehte durch die offene Tür, durch die Rankin gerade verschwand.

Lennon zog Sylvia an sich heran. »Geht es Ihnen gut?«

Sie stierte ihn durch ihre gekrümmten Brillengläser an, ihr Mund ging auf und wieder zu.

»Setzen Sie sich«, bat er und vergaß Rankin für den Augenblick. Selbst wenn der Scheißkerl es noch aus der Gasse hinter dem Haus schaffte, würde man ihn sehr bald erwischen. Im Moment war Sylvia wichtiger. Er ließ sie zu Boden gleiten und lehnte sie mit dem Rücken an die Theke. »Tief durchatmen. Sie haben es überstanden.«

Lennon wollte sich aufrichten, aber da packte sie ihn bei den Schultern und küsste ihn auf die Stirn.

»Ihnen kann jetzt nichts mehr passieren«, sagte er.

Er stand auf und schaute hinüber zu Croziers blutüberströmtem Körper, der an der Wand lehnte. Die Schultern des stöhnenden Loyalisten hoben und senkten sich. Er wird es überleben, dachte Lennon. Mit der Waffe im Anschlag lief er zur Tür und hinaus in die Gasse.

Rankin hing an der Mauer am Nordende der Gasse und versuchte sich ächzend hochzuziehen.

»Sie hätten die Mülltonne benutzen sollen«, rief Lennon.

Rankin ließ sich den knappen Meter zu Boden fallen und drehte sich um.

»Sie steht gleicht hier«, sagte Lennon und zeigte auf die Plastiktonne neben der Tür. »Die hätten sie an die Mauer stellen und draufklettern können, dann wären Sie jetzt weg.«

Rankin drückte sich mit dem Rücken an die Backsteine. Er atmete keuchend, seine Augen waren hervorgetreten. In der Rechten hielt er immer noch das Messer.

»Warum mussten Sie der armen Sylvia nur so eine Angst einjagen?«, fragte Lennon. Er blieb ein paar Schritte vor Rankin stehen. »Schweine wie Rodney Crozier können Sie von mir aus den lieben langen Tag aufschlitzen, aber einer netten alten Lady wie Sylvie eine solche Angst einzujagen? Das geht zu weit.«

Rankin hob das Messer. Schweiß glänzte auf seiner Stirn. »Bleiben Sie mir bloß vom Hals.«

»Und was passiert sonst?«

Die Sirene kam näher, nicht weit dahinter folgte eine zweite.

»Bleiben Sie zurück«, fauchte Rankin. Er verzog das Gesicht und atmete zischend durch die Zähne. Er bekam einen roten Kopf.

»Was sonst, Andy?«

»Sonst …« Rankin ließ das Messer fallen und griff sich mit der rechten Hand an den linken Arm. Er ging auf die Knie. Seine Hand wanderte zum Brustbein, so als versuche er, sein Herz am angestammten Platz zu halten. Seine Kiefermuskeln mahlten, während sein Gesicht von Rot zu Purpurrot wechselte. »Leck mich doch«, presste er durch die zusammengebissenen Zähne hervor.

Mit dem Gesicht voraus schlug er auf der Erde auf.

»Du lieber Himmel«, sagte Lennon.

3

Der Nomade folgte Orla O’Kane durch den breiten Flur. Sie hatte dicke Knöchel. Ihre derben Fersen hämmerten dumpf auf den Teppich. Sie war von Beruf Immobilienhändlerin und steckte das Geld ihres Vaters in Häuser, Hotels und Bürogebäude. Höchstwahrscheinlich wanderte auch einiges davon in dieses Anwesen, ein Herrenhaus außerhalb von Drogheda, ehemals Heim eines britischen Landeigentümers, das nun zu einem privaten Sanatorium umgebaut wurde.

Gegen seinen Willen war der Nomade beeindruckt, als er die Kieseinfahrt hinauffuhr, die die Rasenflächen und gestalteten Gärten durchschnitt. Weiter vorne ragte drei Stockwerke hoch das Haus auf, dahinter floss der Boyne dahin. Einen knappen Kilometer entfernt war über den Baumwipfeln der hohe Stützpfeiler einer neuen Schrägseilbrücke zu sehen, die den Autobahnverkehr über das Wasser führte.

Der Rest des Gebäudes war geräumt, alle Zimmer standen leer. In der herrschaftlichen Eingangshalle hatte er eine Reinigungskraft und eine Krankenschwester gesehen. Ein paar Männer trieben sich auf dem Gelände und in den Fluren herum, aber nach ihren wachsamen Augen und ihren ausgebeulten Jacken zu urteilen, gehörten die ganz gewiss nicht zum medizinischen Personal.

»Ihr Vater gibt wohl eine hübsche Stange Geld für seine Krankenversicherung aus, was?«, fragte der Nomade.

Sie blieb stehen und klackte die Fersen zusammen. Lieber Himmel, was für ein Riesenarsch! Und auch noch breite Schultern. Ihre Business-Kombination bemühte sich nach Kräften, aber sie war nun mal ein dralles Mädchen, das ließ sich nicht verstecken. Allerdings gar kein übles Gesicht.

»Er legt großen Wert auf seine Privatsphäre«, erklärte sie über die Schulter hinweg. Sie sprach mit den harten Konsonanten einer Frau, die es gewohnt war, dass man ihr gehorchte und keine Fragen stellte.

Der Nomade lächelte sie an. Wäre sie die Tochter eines anderen gewesen, hätte er vielleicht einen Versuch gestartet. Sie war bestimmt eine heiße Stute, so wie alle Kratzbürsten. Aber die hier war zu gefährlich.

Er folgte ihr durch einen Flur im ersten Stock des Ostflügels. Sie ging weiter bis zur zweitletzten Tür links. Ihr Klopfen wurde aus dem Raum mit einem unwirschen Knurren erwidert. Sie öffnete die Tür und winkte den Nomaden an sich vorbei.

Bull O’Kane saß in einer Ecke, eingerahmt von hohen Schiebefenstern. Dahinter erstreckte sich bis zu einer hohen Mauer in etwa vierhundert Metern Entfernung ein gepflegter, von Büschen gesäumter Rasen. Auf der anderen Seite lag der Fluss.

Die Tochter räusperte sich. »Falls du mich brauchst, ich warte draußen.«

O’Kane lächelte. »In Ordnung, Liebes.«

Ein kühler Luftzug strich über den Rücken des Nomaden, als die Tür energisch geschlossen wurde.

»Sie ist ein braves Mädchen«, sagte O’Kane. »Schlau wie ein Fuchs. Bloß kein Glück mit den Männern. Immer wieder fällt sie auf irgendwelche Großmäuler rein.«

Der Nomade trat an eines der Fenster. »Ziemlich schöner Ausblick«, sagte er. Ein Reiher stakste im Uferbereich des vom Regen angeschwollenen Flusses. »Ich wette, hier kann man gut angeln. Lachse, Forellen. Ich hätte meine Angel mitbringen sollen.«

»Siehst gar nicht aus wie ein Zigeuner«, sagte O’Kane.

Der Nomade wandte sich um und sah ihn an. »Und Sie sehen nicht so aus, als könnten Sie sich hier ein Zimmer leisten, geschweige denn den ganzen Kasten.«

O’Kanes Beine ruhten auf einem Hocker, über den Schoß war eine Decke gebreitet, die bis zu den Fußgelenken reichte. Ein übler Geruch ging von ihm aus. Der Nomade hatte davon gehört, dass der Alte eine Kugel ins Knie und eine in den Bauch abgekriegt hatte, die seine Eingeweide in Mitleidenschaft gezogen hatte. O’Kane trug jetzt einen Beutel und würde ihn auch bis zum Rest seiner Tage behalten. Er war schmächtiger, als der Nomade erwartet hatte, hinfälliger als auf dem Foto, das er gesehen hatte. Beschleunigt durch seine Verletzungen, holte das Alter ihn ein, aber seine Augen funkelten immer noch unerbittlich.

»Jemand hat mir gesagt, dein richtiger Name ist Oliver Turley«, sagte O’Kane. »Stimmt das?«

Der Nomade setzte sich auf die Bettkante. »Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Ich habe schon viele Namen gehabt. Smith, Murphy, Tomalty, Meehan, Gorman, Maher. Ich könnte noch weitermachen.« Er lehnte sich vor und flüsterte: »Es gibt sogar ein paar Leute, die behaupten, in Wahrheit sei ich ein Pavee.«

Eine Totenmaske legte sich auf O’Kanes Gesicht. »Komm mir bloß nicht zu schlau, Kleiner. Mit mir ist nicht zu spaßen. Vergiss das nicht! Das ist die letzte Warnung.«

Der Nomade lehnte sich wieder zurück und nickte. »In Ordnung. Aber mit mir ist auch nicht zu spaßen, und ich beantworte nicht gerne Fragen. Sie erfahren alles über mich, was Sie wissen müssen.«

O’Kane musterte ihn einen Moment lang. »Na schön. Ist mir egal, ob du ein Zigeuner bist, ein Landstreicher, ein Vagabund oder Streuner oder wie zum Henker ihr heutzutage sonst genannt werdet. Mir geht es einzig und allein um den Job, den ich erledigt haben will. Bist du dafür der richtige Bursche?«

»Ich hätte eigentlich gedacht, ein Mann wie Sie hat einen Haufen Burschen, die ihm die Drecksarbeit abnehmen.«

O’Kane schüttelte den Kopf. »Nicht für diesen Job. Dafür kann ich niemanden nehmen, der mit mir zu tun hat. Außerdem muss die Sache vernünftig erledigt werden. Sozusagen geräuschlos. Ohne Wirbel und Scherereien.«

»Verstehe«, sagte der Nomade. »Also, worum geht es?«

O’Kanes Gesicht verdüsterte sich. »Das, was ich dir jetzt erzähle, wissen nur eine Handvoll Leute. Wenn du den Job ordentlich erledigst, dann werden nur du und ich die ganze Geschichte kennen. Wenn die Sache vorbei ist, wird man dich gut bezahlen, damit du den Mund hältst. Richtig viel Geld. Aber sollte ich mitkriegen, das auch nur das Geringste durchsickert …« O’Kane lächelte. »Mein Geld will ich dann jedenfalls nicht zurück. Verstanden?«

»Verstanden«, sagte der Nomade.

O’Kane deutete auf einen Ordner auf dem Nachttisch. Der Nomade griff danach. Er entnahm ihm lose Blätter, Fotokopien, Computerausdrucke. Auf einigen Seiten waren Fotos, auf anderen nur Text.

»Ich lese nicht«, sagte der Nomade.

O’Kane musterte ihn. »Willst du nicht, oder kannst du nicht?«

Der Nomade breitete die Blätter neben sich auf dem Bett aus. »Ein paar Leute haben gedacht, deshalb wäre ich dumm«, sagte er. »Die denken inzwischen überhaupt nicht mehr viel.«

O’Kane wölbte dreimal mit der Zunge die Unterlippe. Dann fing er an zu reden. Er erzählte von diesem Verrückten, Gerry Fegan, den irgendwelche Hirngespinste in seiner vom Alkohol vernebelten Phantasie dazu getrieben hatten, Michael McKenna, Vincie Caffola, einen korrupten Cop und O’Kanes Vetter, Pater Eamon Coulter, umzubringen. Er erzählte, wie die stümperhaften Versuche des Politikers Paul McGinty, die Sache unter Kontrolle zu bringen, alles nur noch schlimmer gemacht und noch mehr Menschenleben gefordert hatten, darunter auch das von McGinty selbst. Geendet hatte das Ganze in einem Blutbad auf einer alten Farm in der Nähe von Middletown. Am Ende war O’Kanes Sohn tot, erschossen von einem verräterischen Ex-Soldaten namens Davy Campbell, der Alte war selbst verwundet.

Fegan war unversehrt aus der Sache herausgekommen und hatte Marie McKenna und ihr Kind mitgenommen. Die drei hatten sich, wie es schien, in Luft aufgelöst. Außer O’Kane hatte es am Tatort nur zwei weitere Überlebende gegeben: McGintys Fahrer und Kevin Mallory, einer von O’Kanes Leuten. Mallory wurde in Bauch und Brust getroffen. Der Fahrer Quigley hatte O’Kane und Mallory in ein Krankenhaus in Dundalk gebracht und so beiden das Leben gerettet.

»Die Sache muss aus der Welt geschafft werden«, sagte O’Kane. »Die Briten, Dublin, die Jungs in Belfast, sie alle wollen, dass die Angelegenheit bereinigt wird.«

»Es hat geheißen, das sei eine Fehde gewesen«, sagte der Nomade. »In den Nachrichten. Sie sagten, diese drei Dissidenten hätten McGinty auf der Farm aufgelauert.«

»Das haben die Briten so gedreht«, erklärte O’Kane. »Die haben McSorley und seine Jungs an der Grenze erwischt. Sie haben ihnen Waffen in den Wagen gelegt und es so aussehen lassen, als hätten sie sich mit ihrer eigenen Bombe in die Luft gejagt. Wirklich gut gemacht.«

Der Nomade nickte. Es ließ sich nicht leugnen, dass er beeindruckt war. »Aber das ist noch nicht alles, oder?«, fragte er. »Es gibt zu viele Leute, die Bescheid wissen.«

»Quigley und Malone«, sagte O’Kane. »Ich will, dass sie verschwinden, und die Briten wollen es auch. Und dann ist da noch ein Anwalt, Patsy Toner. Den beseitigst du auch. Die Briten werden wegschauen. Sie werden dafür sorgen, dass bei den Ermittlungen nichts herauskommt. Die haben genauso viel zu verlieren wie alle anderen.«

Der Nomade verschränkte die Arme vor der Brust. »Aber die drei könnte doch jeder kleine Scheißer erledigen. Dafür brauchen Sie mich nicht.«

»Ich will Fegan«, erklärte O’Kane. »Ich will, dass er mir lebend gebracht wird.« Er zeigte mit einem wulstigen Finger auf den Nomaden, um seinen Worten Nachdruck zu verleihen. »Lebend. Wenn er nicht mehr atmet, nutzt er mir nichts, hast du verstanden? Kein Mensch weiß, wo er ist. Du musst ihn ausfindig machen.«

»Wie?«

»Marie McKenna und ihr Kind. Die Cops haben sie zwar versteckt, aber wir hatten ein bisschen Glück.«

»Aha? Was heißt das?«

»Marie McKennas Vater hatte letzte Woche einen Schlaganfall. Er hat Glück, wenn er die Geschichte überlebt. Oder Pech, je nachdem, wie man es sieht. Er ist in sehr schlechter Verfassung. Wie ich höre, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass er noch einen Schlag bekommt, und der bringt ihn dann vermutlich ins Grab.«

»Sie glauben also, dass Maria McKenna ihr Versteck verlassen und ihn besuchen wird«, sagte der Nomade. »Sie und ihr Kind werden aus der Deckung kommen.«

O’Kane legte den Kopf schief. »Mir wurde gesagt, Sie hätten keine Probleme damit, Frauen und Kinder umzulegen. Stimmt das?«

Der Nomade zuckte die Achseln. »Kommt auf das Geld an«, sagte er.

4

»Ich traue ihm nicht«, sagte Orla zu ihrem Vater, nachdem einer der Männer den Nomaden hinausbegleitet hatte. »Diese Zigeuner sind doch alle gleich. Die würden einem sogar die Luft zum Atmen stehlen, wenn man sie ließe.«

»Um Vertrauen geht es gar nicht«, erwiderte Bull.

Nachdem der Besucher gegangen war, sank er wieder in seinen Sessel zurück und schien irgendwie zu schrumpfen.

Es machte Orla immer noch zu schaffen. In ihrer Kindheit war ihr Vater ihr stets wie ein Riese vorgekommen, ganz gleich, ob er sie mit seinen Pranken umarmte oder ohrfeigte. Und je mehr sie heranwuchs, desto kleiner schienen die anderen Männer zu werden, er jedoch blieb gleich imposant. Es war nicht nur sein mächtiger Wuchs, obwohl der durchaus beeindruckend war. Seine wahre Größe kam von innen: Er war ein Seelenriese, der ultimative Boss. Jetzt aber wirkte er kleiner, so als hätte jemand den Riesen aus ihm herausgesogen und nur noch Haut und Knochen übrig gelassen.

Dieser Jemand war Gerry Fegan, und allein schon beim Gedanken an seinen Namen schwoll der Hass in ihrer Brust an. Aber Orla war eine praktisch veranlagte Frau, immer schon gewesen. Während ihre Brüder ihre ganze Jugend versoffen und vom Namen ihres Vaters lebten, hatte sie immer danach gestrebt, sich ihres Namens würdig zu erweisen.

»Willst du wieder ins Bett?«, fragte sie.

»Ja, Liebes«, sagte er. »Ich bin müde.«

Orla trat zu ihm und fasste ihn unter den Armen. Er verschränkte hinter ihrem Nacken die Hände, und beide ächzten, als sie ihn hochhievte.

»Schön vorsichtig«, sagte sie, als er sein verletztes Bein senkte und die Decke wegrutschte. Beim Auftreten sog er zischend die Luft ein.

Noch vor ein paar Monaten wäre allein schon der schiere Gedanke, ihn hochzuheben, absurd gewesen, ganz gleich, wie stark gebaut und kräftig sie selbst sein mochte. Aber nun, wo er nur noch ein ausgehöhlter Riese war, schaffte sie es mühsam.

Orla ging rückwärts und ließ ihn winzige Kinderschrittchen machen, während er sich von ihr mitziehen ließ. Sie spürte den Rand des Bettes an ihren Oberschenkeln und drehte ihren Vater um. Er sackte auf die Matratze, und das Bett ächzte. Sie hob seine Beine hoch und schwang sie über die Laken. Ihr Vater keuchte und fluchte.

»So«, sagte sie. »Leg dich hin.«

Er gehorchte und ließ sich in den Kissenstapel sinken. Seine fleckige Stirn glänzte vor Schweiß. Sie holte einen Becher mit Wasser und hielt ihn ihm an die Lippen, dann tupfte sie das, was heruntergekleckert war, mit einem Papiertuch ab. Sein Fleisch fühlte sich so weich an, dass ihr unwillkürlich die Tränen kamen. Orla unterdrückte sie.

»Ich mag den Kerl nicht«, sagte sie.

»Er ist der Beste«, erwiderte ihr Vater. »Ob du ihn magst oder nicht. Ich bezahle ihn dafür, dass er einen Job erledigt, nicht dafür, dass er dein Freund ist.«

»Für Toner und die anderen brauchst du ihn doch gar nicht.« Orla warf den Becher und das Papiertuch in den Abfalleimer. »Jeder Scheißer könnte die erledigen.«

»Nicht fluchen, Liebes«, sagte Bull. »Fluchen gehört sich nicht für ein Mädchen.«

Sie ergriff seine große Hand. »Ach, jetzt sei doch nicht so ein alter Nörgler. In Wahrheit könntest du doch jeden kriegen, um den Job zu übernehmen und diese Typen zu erledigen.«

Ihr Vater seufzte und atmete so lange aus, bis der mächtige Brustkorb einzufallen schien. »Für die brauche ich ihn tatsächlich nicht. Aber für Fegan.«

Orla musterte die aufgeplatzten Äderchen, die kreuz und quer über sein Gesicht liefen, seine buschigen Brauen und die dunklen Ringe unter den Augen. »Du könntest Fegan doch auch laufen lassen. Keiner hat seitdem noch etwas von ihm gehört. Er wird sich fernhalten. Er hat keinen Grund zurückzukommen.«

Seine Hand löste sich von ihrer. »Ich kann das nicht mehr hören. Du wirst mich sowieso nicht umstimmen.«

»Die Träume werden nicht aufhören, auch wenn du ihn tötest«, beharrte sie und umklammerte erneut seine dicken Finger. »Du glaubst zwar, dir würde es wieder gutgehen, wenn er tot ist, aber so wird es nicht sein. Es gibt keine …«

»Geh jetzt, Liebes.« Er entzog ihr seine Hand. »Ich bin müde.«

»In Ordnung.« Orla beugte sich vor und küsste ihn auf die feuchte Stirn. Sie ließ die Lippen dort ruhen, bis er den Kopf wegdrehte.

Die Tür schloss sich geräuschlos hinter Orla, und sie trat in den Flur. Sie setzte sich in den Sessel gegenüber dem Zimmer ihres Vaters. Tiefe, hässliche Schluchzer brodelten aus ihrem Brustkorb empor, und sie vergrub das Gesicht in den Händen. Wieder einmal stellte sie sich vor, wie sie dem alten Mann ein Kopfkissen aufs Gesicht drückte und vor dem bewahrte, was er auch immer in seinem Hirn ausbrüten mochte.

5

Sylvia Burrows tupfte sich mit einem zusammengeknüllten Papiertaschentuch die Nase ab. Ihre dicke Brille vergrößerte ihre tränenerfüllten Augen. Sie schniefte lange und laut, dann atmete sie aus und ließ resigniert die Schultern hängen. Lennon saß ihr am Tisch des Vernehmungszimmers gegenüber, zwischen ihnen lag ein Schreibblock mit seinen Notizen. Er würde die Aussage am Nachmittag abtippen und sie dann wieder anrufen, damit Sylvia sie am Morgen unterschreiben konnte.

»Im Lauf der Jahre habe ich es dreimal erlebt, dass Männer in meinem Café erschossen wurden«, sagte Sylvia. »Einer in den späten Siebzigern, der zweite 1981 während der Hungerstreiks und der dritte kurz vor dem Waffenstillstand. Jeden von ihnen habe ich gekannt und sie mit ihrem Namen angesprochen, als ich ihre Hand hielt. Das Gefühl werde ich nie mehr vergessen, das Zittern in ihren Fingern. Dann hört es plötzlich auf, und sie werden kalt.«

Sylvia legte ihre Hände flach auf den vollgekritzelten Tisch und spreizte die Finger. Alte Brandnarben übersäten die schlaffe Haut, um den linken Ringfinger klebte ein blaues Pflaster. Die Frau starrte auf sie hinab. »Mein Gott, ich werde alt«, sagte sie.

Lennon legte seine Hände auf ihre. Sie umklammerte seine Finger und drückte sie.

»Sie sind ein guter Junge«, sagte sie.

Er widerstand dem Verlangen, seine Hände wegzuziehen und ihr zu erklären, dass an ihm nicht besonders viel Gutes war.

»Attraktiv«, sagte Sylvia. Sie hob seine Hände hoch, drehte sie und musterte ihre Form. »Das war immer meine schwache Seite. Attraktive, gutaussehende Kerle.«