FRIEDRICH SCHORLEMMER

Klar sehen und doch hoffen

Mein politisches Leben

Impressum

Mit 41 Abbildungen

ISBN 978-3-8412-0505-6

Aufbau Digital,

veröffentlicht im Aufbau Verlag, Berlin, August 2012

© Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin

Die Erstausgabe erschien 2012 bei Aufbau, einer Marke der Aufbau Verlag GmbH & Co. KG

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Umschlaggestaltung hißmann, heilmann, hamburg /

Andreas Heilmann

unter Verwendung eines Motivs von Chris Keller

Konvertierung Koch, Neff & Volckmar GmbH,

KN digital – die digitale Verlagsauslieferung, Stuttgart

www.aufbau-verlag.de

Eines Predigers Amt ist eigentlich darauf gerichtet, daß er immerdar liebe, predige, helfe, rate und die Hörer zum Glauben und zur Liebe anhalte.

Martin Luther

Wes Fuß wär’ niemals fehlgesprungen?
Wer lief nicht irr’ auf seinem Lauf?
Blick hin auf das, was dir gelungen,
Und richte so dich wieder auf.

Theodor Fontane

Wer glaubt, etwas zu sein, hat aufgehört, etwas zu werden.

Sokrates

Wege entstehen dadurch, daß man sie geht.

Franz Kafka

Wenn der Teufel der Lehre nichts anhaben kann, so legt er sich wider die Person, lügt, schmäht, flucht und tobt wider dieselbe.

Martin Luther

Inhaltsübersicht

WAS ICH ERINNERE, WAS ICH SUCHE

»Steh auf, Friedrich!«

Blick zurück ohne Zor

Vater und Sohn

Vater komm, erzähl vom Krieg

Bleibe im Lande und wehre dich täglich

Die Stimmung einer Zeit berücksichtigen

Wie sich alles zusammenfügt

Wege abschreiten

WO ICH GROSSGEWORDEN BIN

Was ein Kind gesagt bekommt

Familienbande und Mauerbau

Wo Gott ein Fremdwort ist

Ein geborener Staatsfeind

Meine Kirche, mein Refugium – ein Lern- und Lebensort

Ich war im Konsum

Das System ließ Lücken, und Gedanken reisen zollfrei

Konsumsender und Lipsischritt

WIE ICH WURDE, WAS ICH BIN

»Ich singe mit, wenn alles singt«. Paul Gerhardt

Mein Leben mit Tauben – mit der Taube Noahs und Picasso

Von meinem Volk erschüttert – mit meinem Volk ergriffe

Selbstvergewisserung eines Ostdeutschen

Warum ich Pfarrer geblieben bin

Wie ich bewahrt wurde

MEIN WEG IN DIE KONTRASTGESELLSCHAFT

Selbstbehauptung in der ummauerten Provinz

Arbeiten und Skat spielen

Den aufrechten Gang üben

Das Wagnis eines Doppelspiels

Die Sprengkraft einer antiken Metapher

Der einsame Mut einer Abiturientin

Ein Orgelkonzert mit Folgen

Wenn einer aus der Reihe tanzt

Mein Abschied von der Studentengemeinde in Merseburg 1978"

VERSUCHE, IN DER WAHRHEIT ZU LEBEN

Eine oppositionelle Gruppe

Das Recht zu reden und die Drohungen der Macht

Das Spiel mit dem Feuer

»Unsere Zukunft hat schon begonnen«

Mein Bild – Mattheuers »Jahrhundertschritt«

DER UNTEILBARE FRIEDEN

Sag nein, schwör keinen Eid

Die Abiturientin, der Spielpanzer und die Humorlosigkeit des Systems

Schwerter zu Pflugscharen! Feinde zu Partnern!

Spieße zu Winzermessern. Konversion statt neuer Kriege

UMKEHR FÜHRT WEITER

Die Zeit zu reden ist gekommen

Eine Hoffnung lernt gehen – die Ökumenische Versammlung für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung

Beton platzt von innen

Der Herbst der Entscheidung

Lasst uns die Wahl! – Zum Auftakt der friedlichen Revolution am 4. September 1989" in Leipzig.

VOM AUGUSTINERKLOSTER ÜBER DIE SCHLOSSKIRCHE ZUM MARKTPLATZ

Luther: weder Heiliger noch stinkender Madensack

In der Schlosskirche predigen

Rufe nach einer neuen Reformation?

DIE TAGE DER BEFREIUNG

Der 9. Oktober und das unerledigte Erbe der Bürgerbewegung

Der unvergessliche 4. November und sein Mehrwert

Der Schießbefehl an die NVA blieb aus

Der 9. November in Wittenberg

Die Russen in Wittenberg

Ein NVA-Offizier bekennt sich öffentlich

ERNÜCHTERUNGEN – WEDER VERKLÄRUNG NOCH DÄMONISIERUNG

Der Tag, an dem die D-Mark kam

Die Wende war noch keine Umkehr

Konflikte im kommunalen Alltag der Demokratie. Bau auf, bau auf …

Eine neue politische Kultur und neue Untiefen

»Die Drecksau und die Trucksau«

Erinnerung an Vergangenes um der Zukunft willen

Dummheit gefährdet die Demokratie

Verdummung praktisch

Vom Ändern und Bessern

Eigentum verpflichtet – die Erfurter Erklärung

Der politische Journalismus als Fortsetzung des Kalten Krieges mit anderen Mitteln

WIR SIND ÜBERALL AUF DER ERDE – STASI UND KEIN ENDE

»Wir sind überall auf der Erde« – Erfahrungen mit dem Spitzelstaat

»Ich habe meine Arbeit gern getan«

In den Abgrund sehen – Stasispitzel und Stasimethoden

Die Akten und die innere Einheit.

REISEERLEBNISSE

Wind, Sand und Schnellboote. Erlebnis Hiddensee

»Die Grenze der Freiheit bestimmen die Anrainer.« (Lec) Gute Nachbarschaft mit Polen

Reisen in die Goldene Stadt – Begegnungen auf der Prager Burg

MEIN LEBEN IN UND MIT DER KIRCHE

Ich glaube nicht an Gott, aber ihm.

Die Synoden als Übungsfelder der Demokratie

Luther gegenüber leben, lernen, lehren

Akademiearbeit: intellektuelle, geistige und politische Zeitgenossenschaft

Die Lebenswege erkunden – das Lebenswerk würdigen

Ostelbische und Linksrheinische begegnen sich

Unsere schöne deutsche Sprache – in der Bibel aufgehoben

Für jeden Tag ein gutes Wort

DIE HOFFNUNG LÄSST NICHT ZUSCHANDEN WERDEN

Fröhlich sein bei seiner Arbeit

Verrinnende Zeit, aufgehobenes Leben

Ich bin Leben mitten unter Leben

Danksagung

Anmerkungen

Bildnachweis

WAS ICH ERINNERE, WAS ICH SUCHE

»STEH AUF, FRIEDRICH!« – KLAR SEHEN UND DOCH HOFFEN

Am Morgen des 21.August 1968 weckte mich mein Vater früh um sechs mit dem waschwasserkalten Satz: »Friedrich, steh auf! Die Russen sind in Prag einmarschiert.«

Ich schreckte auf, fiel aber wie gelähmt in mich zurück. Was hatte Vater gesagt? Für ein paar Sekunden bestand ich darauf, geträumt und etwas falsch verstanden zu haben. Ich hatte nichts falsch verstanden und nicht geträumt. Mir kam die Inschrift auf dem Tor zur Hölle in den Sinn: »Lasst, die ihr eintretet, alle Hoffnung fahren!« (Dante)

Erst einen Tag zuvor war ich aus Prag gekommen, um am 22. August – meinem Tauftag – den Gottesdienst zur Silberhochzeit meiner Eltern zu halten. Prag war in jenem Sommer die Hauptstadt eines politischen Frühlings mitten im kalten Staatssozialismus. Und nun: die Russen. Panzer, an deren rasselnde Ketten die Hoffnung gelegt war wie eine Schwerverbrecherin. In Prag war nichts an sich selbst zerbrochen, es war eine Hoffnung niedergewalzt worden. Auf den Panzern saßen junge Soldaten, die vielleicht selber nicht begriffen, was sie da taten, aber sie taten's. Befehligt wurden diese Panzer von der Angst einer bolschewistischen sowjetischen Kaderpartei, der Ruf nach Freiheit würde das System insgesamt untergraben und zum Einsturz bringen.

Friedrich, steh auf! Vielleicht begriff ich in jenen Augusttagen erstmals, dass Wirklichkeit und Hoffnung aneinanderschlagen können wie unversöhnliche Metalle. Ich werde sein!, tönt die Hoffnung. Ich bin!, klirrt die Wirklichkeit. Und du stehst dazwischen, suchst fiebernd den Brückenschlag. Er kommt in dem kleinen starken Wörtchen »doch« zum Ausdruck. Klar sehen und doch hoffen! Diese Maxime wurde mein Lebensmotto. Ich leitete es aus dem Denken von Albert Camus ab.

Mit der Hoffnung, sagte Ernst Bloch, habe man nicht nur etwas zu essen, sondern auch etwas zu kochen. Sie ist Arbeit am Wirklichen. Hoffen heißt: an einen Überschuss glauben und aus solchem Vertrauen Handlungskraft gewinnen.

Ich lebte in jenen Jahren, in die der Schock von Prag fiel, ganz im Pathos der »Theologie der Hoffnung«. In mir pochte der Satz aus dem Johannes-Brief: »Es ist noch nicht erschienen, was wir sein werden.« (1. Joh. 3,2) Mag die Wirklichkeit den Menschen erschöpfen, seine Möglichkeiten sind es kaum. Mit Augenmaß für das Relative leben, ohne die weitgesteckten Horizonte zu verraten. Diese Spannung begriff ich mit den Jahren als eine Definition für so etwas wie Zufriedenheit. Ein Wort, das mir lange als kleinbürgerlich galt. Verriet, wer sich zufriedengab, nicht allen Sturm und Drang, alle Utopie? Nein, wer zu viel von der Welt fordert, erkrankt an ihr und an sich selber. Die Träume darf man nicht von den Gegebenheiten kappen, unter denen sie gedeihen sollen. Friedrich, steh auf! Das war der Weckruf für einen träumerischen Realismus und ein realistisches Träumen. Der graue Schein des jeweiligen Tages soll mir nicht den Sinn für ein ferneres Licht nehmen.

… und doch hoffen! Dies ist Bekenntnis, Trotz, es klingt auch ein wenig Furcht mit, zu niederreißend sei vielleicht, was ohne jede Bemäntelung wahrgenommen werden muss. Der sehr schwarz veranlagte Heiner Müller sagte, Hoffnung sei Mangel an Information. Nein, ich behaupte den aufrechten Blick in voller Kenntnis der Dinge, aber wie gesagt: Die Realität spaßt nicht mit ihren Fakten, und es gehört Mut zur Wahrheit. Sie kann wie ein Felsblock vorm Wunsch der Hoffnung stehen, am liebsten über alles Hemmende hinwegzusehen.

Martin Luther hob in der Heidelberger Disputation 1518 hervor: »Der Theologe der Herrlichkeit nennt das Schlechte gut und das Gute schlecht. Der Theologe des Kreuzes nennt die Dinge, wie sie wirklich sind.« (These 21) Im Unterschied zur gängigen Meinung, Theologie sei eine illusionäre Wirklichkeitsschau, ja geradezu falsches Bewusstsein, nimmt Luther sie dafür in Anspruch, schonungslos aufzuklären. Für einen evangelischen Theologen wird die Erkenntnis lebensleitend, dass die verruchte Wirklichkeit nur im Horizont des Kreuzes erträglich wird. Klar sehen – und doch hoffen!

Der Theologe der Herrlichkeit legt einen glitzernden Schein über die Wirklichkeit. Weil er sie nicht aushält, muss er sie beschönigen, Altäre üppig vergolden – und sei es mit dem Blut unterworfener Völker Südamerikas in den Kathedralen Spaniens. Der Theologe des Kreuzes dagegen kann die Wirklichkeit in all ihrer Härte sehen, weil ihm diese Härte die Hoffnung nicht rauben kann. Sola gratia – allein aus Gnade, die nicht unterwürfig macht, sondern aufrichtet. Dies ist der radikalste religiöse Widerspruch gegen einen Zynismus, der sich aus der Realität heraushält und sich über sie stellt.

Es geht mir, gewissermaßen berufsbedingt, immer wieder um Luther und mit ihm darum, Dinge beim Namen zu nennen. Wer sich für Minderheiten, Ausgegrenzte, Flüchtlinge einsetzt, darf nicht verschweigen, dass z. B. nicht alle Zugewanderten friedlich sind. Wer aber gewalttätige Kurden gewalttätig nennt, rechtfertigt damit noch lange nicht die Unterdrückung der Kurden durch die Türken. Wer Ausländerkriminalität benennt, ist nicht automatisch ausländerfeindlich. Wer offen den Verdacht äußert, »Hartz IV« könne auch als Hängematte missbraucht werden, diskriminiert damit nicht alle Arbeitslosen. Und wer die Enttäuschung alter Kommunisten über die aus der Geschichte gejagte DDR versteht, ist deshalb weder ein Nostalgiker, noch verhöhnt er Opfer der SED-Diktatur. Worte wie Pflicht und Gehorsam, Bescheidenheit und Ordnung, Heimatliebe und Nationalstolz können und müssen wieder in ihr Recht gesetzt werden. In ihnen stecken Werte, ohne die wir nicht gemeinschaftlich leben können. Daher dürfen wir nicht auf sie verzichten. Aber es sollte nicht verschwiegen werden, für welchen Missbrauch, für welches Unrecht diese Begriffe herhalten mussten.

Klar sehen, was ist. Schönfärber und Schönredner hat es immer gegeben. Davon zeugt auch der Konflikt zwischen dem Propheten Jeremia und den »falschen Propheten«. Diese falschen berieten die Könige und legten ihnen alles mundgerecht vor, damit sie nicht in Ungnade fielen. Der wahre Prophet aber ist einer, in dessen Belieben es nicht gestellt ist, was er sagt. Er folgt der Wahrheit, die er auf dem Herzen hat und die ihm auf der Zunge brennt – wie Jeremia, der Unglücklichste und Mutigste unter den Propheten. »Denn sie gieren doch alle, groß und klein, nach unrechtem Gewinn.« Über das störrische Volk urteilt er: »Sie haben ein Gesicht, härter als ein Fels.«

Propheten werden verdächtigt, Schwarzseher, Agenten des Feindes, Wichtigtuer, unbelehrbare Volksverächter und Staatsfeinde zu sein. Sie haben mit Gefühl- und Rechtlosigkeit zu rechnen, wenn sie auf das schon sichtbare und das noch drohende Unheil hinweisen. Sie blicken nicht rückversichernd auf die Oberen und auch nicht auf die Volksstimmung. Sie glauben an ihr Gesetz: Es gibt keine Hoffnung ohne Wahrheit, ohne Einsicht, ohne Umkehr. Sie sehen der Wirkungslosigkeit ihrer Anstrengungen ins Auge und bleiben dennoch im Mühen; eine Resthoffnung auf Wandel behalten sie. Deshalb das wiederkehrende Bild von der Nachlese, wie am Weinstock.

Natürlich leidet der Prophet unter seinem Auftrag, die Wirklichkeit ohne Rücksicht aufzudecken. Wahrheit tut weh, auch dem, der sie sagt. Dem Volk sowieso. Das gemeine Volk will hören, dass alles gut wird, auch wenn dies gelogen wäre. Gutredner werden gut bezahlt und gern gehört. Ein Prophet steht daher als Einzelner immer gegen die vielen.

»Bessert euer Leben und euer Tun, so will ICH bei euch wohnen an diesem Ort. Verlasst euch nicht auf Lügenworte.« (Jeremia 7,3 f.) Geistesgeschichtlich gesehen, ist die Philosophie der Propheten ein Schritt aus der streng vorgegebenen Norm in die Freiheit des persönlichen Handelns. Es geht nicht bloß um Normbefolgung; es geht um Wahrnehmen von Verantwortung – die Propheten vollziehen den Schritt von der Moral zur Ethik, zur eigenen, freien, verantwortlichen Tat. Hier waltet nicht mehr das Schicksal, hier wird Verantwortung eingeklagt. Für jeden.

Die Bibel half mir immer beim Erden der Sehnsüchte, der Menschenrechts- und Friedensutopien. Sie half mir, ein realistisches, also ein skeptisches Menschenbild zu behalten. An Propheten, nicht an Herrschern habe ich mein Denken und Tun geschult, habe mich an ihrem Anspruch gerieben, spürte und spüre immer wieder den Abstand zu ihrer Klarheit. Ihr Leiden ließ ich an mich heran, ihre Kraft beneidete ich. Sie haben mir geholfen, meine nunmehr dreiundvierzig Jahre als Pfarrer ohne Schönfärberei zu betrachten, ohne Selbstblendung, also nicht nur das Feuer, sondern auch die Asche der Jahre zu sehen. Den Blick vom Spektrum der Erfahrungen, auch von Enttäuschungen nicht feige abzuwenden – aber dabei das Hoffen nicht aufzugeben. Wenn ich mich auf das Lebensskript von Propheten berufe, dann nicht anmaßend nähebetont, sondern verehrend und ermutigt.

Der Holzschnitt »Ein Prophet« von Emil Nolde begleitet mich seit meinem 16. Lebensjahr. Ich hatte ihn von einer Postkarte abfotografiert, vergrößert und auf ein Brett geklebt. Zu meinen »Propheten« zähle ich auch Martin Luther King, Wolfgang Borchert, Ernesto Cardenal, Dorothee Sölle. Und Hilde Domin! »Dennoch-Sagen« war die Lebensmaxime dieser kleinen Frau und großen Dichterin, die einem ihrer Bücher den Titel »Aber die Hoffnung« gab – und die nach ihrer Erfahrung mit Hitlers Deutschland lebenslang das Veronal in der Handtasche behielt.

Klar sehen und doch hoffen. Das ist Lebenskunst schlechthin. Man zeige mir freilich einen, der diese Kunst durchgängig hat leben können. In ständiger Balance zwischen Skepsis und Sehnsucht, sodass eines das andere aufhebt, ja -wiegt. Immer stehen sich die Kräfte mit Eigenmacht gegenüber; die eine wirft sich im Übermaß der Entgegnung auf die Angebote der anderen, auf das Schwarz der nüchternsten Erkenntnis antwortet die farbigste Droge des Wünschens. Der Mensch, ein Zerrissener zwischen den Gemütslagen, zwischen Abgrund und Wolken schwebend, zwischen Optionen in Überfülle und totaler Alternativlosigkeit. Jedes der späten Lebensjahre nimmt dir ein Gran Traumkraft und verstrickt dich zugleich in das tragische Empfinden, dass just jetzt – da die Begehrlichkeiten des einst prallen Lebens abfallen wie eine Last – des Traumes schönste, ungezwungenste Zeit sein könnte. Nunmehr, da ohnehin aus naturgegebenen Umständen das Erfüllbare nicht mehr das Erstrebenswerteste ist, könnte die Hoffnung etwas freier, unbelasteter, fast wieder jugendlich durch den Sinn schwirren. Aber ihr steht ein gewachsener, gehärteter Wirklichkeitssinn gegenüber, der nur noch kalte Rechnungen aufmacht und auf die ablaufende Uhr zeigt. Ich sehe tieftraurig auf die UNO-Klimakonferenz in Durban zurück. Sollte kollektive Einsicht auf dem Globus nie mehr greifen?

Bald nach meinem Wechsel 1978 aus der Stadt des Raben in die Stadt des Schwans – also von Merseburg nach Wittenberg – entdeckte ich das Konterfei Martin Luthers am Katharinenportal. Der Steinmetz hatte es über einem der Türsitze eingemeißelt mit einer Umschrift, die als ein Lebensmotto Luthers gilt: »Im Stillesein und Hoffen wird eure Stärke sein.« Stillesein bedeutet hier nicht, in sich gekrümmt die Klappe zu halten, aus Angst, ein falsches Wort zu sagen, sondern ganz konzentriert sein, genau hinschauen und ganz gelassen sein – so wird Stärke auf den Menschen zukommen. So wird Glauben zu einem der Zukunft geöffneten Dasein. In diesem Sinne habe ich versucht zu leben und zu widerstehen – bei allem Versagen und Verzagen, in Zeiten tiefer Müdigkeit, des Zweifelns, des Verzweifelns und der Selbstzweifel. Zu widerstehen galt es der Welt und mitunter auch mir selber. Der Weckruf meines Vaters hat mich geleitet und begleitet: »Friedrich, steh auf!«

BLICK ZURÜCK OHNE ZORN – ERINNERUNGEN UND PERSPEKTIVEN

Erinnerung erfindet. Denn die Vergangenheit legt sich nicht selber ab in einen Ordner, darin man das Gewesene, all das Wirkliche und Wahre nachschlagen kann. Wer sich an sein Leben erinnert, kann auf nichts Befestigtes, nunmehr Unantastbares zurückgreifen, er rekapituliert und fabuliert gleichermaßen, er steht somit unweigerlich zwischen Archäologie und kleiner Weltengründung. Noch im Denken an entfernteste biografische Einzelheiten hört die Selbstsuche im Gegenwärtigen nicht auf. Die Zeit haut nichts in Stein, das man sich von allen Seiten betrachten könnte. Alles steht nur gefiltert zur Verfügung – Daten und Fakten, Personen und Ereignisse.

Zur Freude darüber, dass sich meine Erinnerungen mit Erfahrungen anderer Menschen decken, kommt das Glück, manch Aufgerufenes ergänzt, bereichert zu wissen durch fremde Wahrnehmungen. So paradox es klingen mag: Der Blick zurück lebt von der Freiheit, offenzulassen, wie etwas wirklich geschah. Es handelt sich um jene Offenheit, die ins Heute zielt. Erinnern geht nicht der Frage nach, wie etwas war, sondern forscht mit dem Material des Vergangenen nach dem, was ist.

Vergangenheit lebt. Aber dieser Satz widerspricht keinesfalls jenem Satz, der mir ebenso wichtig ist, vor allem in Bezug auf die Auseinandersetzung mit der DDR: Man muss Vergangenheit irgendwann auch Vergangenheit sein lassen. Warum können wir die DDR nicht endlich im Grabe lassen, statt sie permanent zu exhumieren? Alle Nachrufe sind inzwischen geschrieben. Kaum ein Staat der Welt wurde so gründlich analysiert wie dieses vierzig Jahre dauernde Staatsexperiment mit diktatorischen Mitteln. Das Sezieren begann bereits in dem Moment, da das System endlich verlosch. Was war, darf uns nicht beherrschen, indem unaufhörlich Feindbilder, ja sogar Hass aufrechterhalten oder reanimiert werden. Die seit 1990 dominierende Art der Aufarbeitung stand und steht weiterhin der Versöhnung entgegen. Ich fühlte und fühle mich dem verbunden, was Nelson Mandela nach 23 Jahren Kerker zusammen mit Bischof Tutu in beeindruckenden Ansätzen initiiert hat: Vergebung – nicht ohne Wahrheit; Wahrheit – nicht ohne Versöhnung.

In diesem Buch steige ich selbst noch einmal hinab in den trockengelegten Brunnen DDR, weil ein Großteil meines Lebens dort stattfand und ich sehr wohl Argumente für eine Freiheit der Loslösung habe, die nichts zu tun hat mit Vergessen oder Verdrängen. Es ist die Freiheit des weiterführenden Gesprächs, das aus dem gestrigen Los Erkenntnismaterial schürft für morgige Lösungen. Keiner kann etwas Sicheres über die Zukunft sagen, aber wir kennen das Gelebte und können mit großer Sicherheit sagen, was wir nicht, was wir nie wieder wollen. Das ist unser Fundus, daraus entstehen Entscheidungen, die vielleicht nicht weniger Irrtum befördern als frühere Taten. Aber ein paar Irrwege dürften vermeidbar sein! Klare, unverstellte Sicht auf die Welt bedeutet zuallererst Einsicht in die Tatsache, dass mit dem Wechsel der Zeiten die alten quälenden, existenziellen Probleme blieben: Hochrüstung, bipolares Denken, Fremdenfeindlichkeit, ideologische Verengung, Machtgier und Machtmissbrauch, Feindbildzimmern und Steinewerfen.

Ich will einstigen Hoffnungen, Einsichten und Visionen nachsinnen und fragen, was davon unerledigt ist. Ohne eine Leitidee, die in Freiheit angenommen und von Freien gemeinsam getragen wird, hat eine Gesellschaft keine lebenswerte Zukunft. Deshalb lebe, denke, schreibe ich wieder und wieder gegen Gleichgültigkeit, Zynismus und Resignation.

Die Frage, was Kirche Jesu Christi sein kann, hat mich mein ganzes Leben beschäftigt, und sie treibt mich heute um, zumal die gegenwärtige Kirche hinter ihren Möglichkeiten zurückbleibt und sich oft zeitgeistig, beliebig, eventgierig gibt. Was ich in der Evangelischen Kirche der DDR als einer geduldeten Gegenöffentlichkeit einzubringen versuchte, dokumentiere ich ebenso wie vieles, was ich als Prediger in der wilhelminischen Schlosskirche in Wittenberg habe anregen können.

Jedem Menschen ist der Mut zu wünschen, sich selbst gegenüber ehrlich zu sein und nicht nur seinen Anteil an der Lösung eines Problems zu benennen, sondern auch zu erkennen, was er zu dessen Verursachung beigetragen hat. Solcher Mut ist möglich, wenn der Mensch um Gnade weiß. Dies ist eine der wertvollsten Gewissheiten. Ich jedenfalls wüsste nicht, wie ich anders leben sollte.

Beglückt mache ich mir bewusst, wie oft ich in meinem Dasein Bewahrung, Behütung, gute Fügung erfuhr. Ich wundere mich, dass ich noch immer am Leben bin. Ich erschrecke, wie oft ich am Abgrund vorbeischlitterte. Längst gestorbene Freunde und Lehrer ziehen an meinen Augen vorüber – wie eine »Wolke der Zeugen«. Auch Beziehungen, die abgebrochen wurden, erkaltet, erloschen sind oder sich im Wirbel wechselnder Zeiten, Orte und Umstände verloren, werden nun, da ich schreibend mein Leben bedenke, wieder lebendig. Was oder wer in diesem Buch keine Erwähnung findet, ist dennoch nicht aus meinen Gedanken und Gefühlen gelöscht. Privates soll privat, im Vertrauen Anvertrautes vertraulich bleiben. Wahrhaftigkeit setzt nicht die Kunst außer Recht, Vorhänge zu platzieren, wo ich sie für angemessen und anständig erachte.

»Je mehr man über die faktische Wahrheit hinausgeht, desto spürbarer werden die Schwierigkeiten des Mitteilens und Verstehens«, schrieb Siegfried Lenz 1964. Spruch trifft auf Widerspruch. Lenz erinnert an die Weisheit der Kabbala: »In ihr ist die Wahrheit das, was sich geziemend widerspricht … Diese Wahrheit … liegt im Aufblitzen eines emporgerissenen Messers, in der pfeilschnellen Berührung der Schwalbe mit dem Wasser. Sie ist in einer einzigen Sekunde gewonnen und wieder verloren.«1

Worin besteht sie also, die Wahrheit eines Menschen? Wie viele gegensätzlich konturierte Bilder er doch in anderen erzeugt – auch wenn er selber zweifelsfrei meint, ganz klar und eindeutig zu sein. An jedem besseren Kleidungsstück findet man heute mindestens fünf Etiketten. Ich bin im Laufe der Jahre auf Dutzende Etiketten gekommen, mit denen man mich bedachte – sachlich, teilnahmsvoll, mitunter schmeichelhaft, aber auch heftig schmähend, mich missverstehend oder schroff bis gemein ablehnend. Die Stasi nannte mich stets »widersprüchlich«, das klingt im Arsenal der groben Schnüffel- und Denunziationsprosa fast wie eine Verirrung ins Milde. Ich musste mich mit den Jahren damit abfinden, dass meine Art polarisiert. Allen, die es nicht lassen können, die Welt in Freunde und Feinde einzuteilen, biete ich eine willkommene Projektionsfläche, ohne es im Geringsten darauf anzulegen. Alpha braucht auf Anti-Alpha nicht lange zu warten. Wahrscheinlich wirke ich auf manche Menschen auch im Sitzen wie jemand, der gerade die Treppen zu einer Kanzel nimmt. Das ist wohl das Schicksal aller, die in der zugigen Öffentlichkeit tätig sind. Wer dort arbeitet, muss ertragen, dass sich andere an einem abarbeiten. Ertragen schließt für mich ein: offen austragen, was einem unerträglich ist.

Ich – das ist immer ein anderer. Schrieb der Dichter Arthur Rimbaud. Was weiß ich von mir? Was wissen die anderen von mir? Und was wissen weder die anderen noch ich selbst von mir? Meine jüngste Schwester Ulrike, die aus privaten Gründen nach Westdeutschland ausgereist war, hatte mir 1978 in einem Brief ein Gedicht Wolfgang Borcherts beigelegt. Sie ahnte wohl, dass diese Zeilen mich seit meinem 16. Lebensjahr begleitet hatten. Das Blatt hängt bis heute über meinem Schreibtisch: »Was morgen ist, auch wenn es Sorge ist, ich sage: Ja!« Wieso sollte ich nicht Ja sagen, wo ich doch so viel weniger durchmachen musste als Wolfgang Borchert? Der Autor von »Draußen vor der Tür« sagt Ja, wissend, dass er sich beständig überforderte. Das freilich kenne ich nur zu gut. Ich teile seinen Wunsch, Leuchtturm für andere sein zu wollen, in Nacht und Wind und für jedes Boot – »und bin doch selbst ein Schiff in Not«.

Jeder ist in eine bestimmte Zeit gestellt. Denke ich über meinen Lebensweg nach, steht mir immer deutlicher vor Augen, dass ich von vielen Menschen umgeben bin, die mir zu Leuchttürmen geworden sind. Ihnen widme ich das, was ich an Erinnerungen notiert habe und was ich an Perspektiven skizziere. Solche Leuchttürme richten mich auf und lassen mich »nach oben« sehen. Wer zu Jesus aufschaut, empfängt einen Rückruf: Sieh hin, die Erde!

VATER UND SOHN

Die Briefe meines Vaters an meine Großmutter zeigen ihn als einen Mann, dessen Denken und Fühlen ganz in seiner Zeit verwurzelt war. Im April 1932 forderte er seine Mutter auf, die nationalliberale Deutsche Volkspartei zu wählen, deren prominentester Politiker der 1929 gestorbene Gustav Stresemann war. Zu den Irrwegen seines Denkens zähle ich – rückblickend! –, dass er sich nach der Machtübernahme der NSDAP zeitweilig deren Ideologie angenähert hat. Im Mai 1933 hatte der Student noch über einen gewissen Anpassungszwang berichtet: »Wir mussten nämlich alle in den nationalsozialistischen Studentenbund eintreten. Wenn nicht, dann gibt es keinen Gebührenerlass und keinen Freitisch mehr. Ich soll Scharführer werden, und da waren wir Samstag und Sonntag in Brachwitz zum Exerzieren.« Er bat um 40 Mark für eine SA-Ausrüstung. Im Sommer 1933 besuchte er die SA-Führerschule in Wernigerode. Einige Monate, vielleicht ein Jahr später – das genaue Datum ist unklar –, gab er den Scharführerposten auf.

Er gehörte einer schlagenden Verbindung an. In einem Brief vom Sommer 1934, dem er stolz ein Foto von sich im »Chargenwichs« beilegte, berichtete er: »Im Laufe dieser Woche besichtigen wir das Gefängnis und das Museum der Nationalsozialistischen Revolution. Gestern war Göbbels [sic!] hier in Halle. Wir waren auch auf den Brandbergen. Er hat ganz fabelhaft geredet. 160 000 Menschen waren dort versammelt.« Die Zahlenangabe darf getrost bezweifelt werden. Unzweifelhaft ist, dass mein Vater von den Goebbels’schen Propagandakünsten beeindruckt war. Der Sog der Massen und der Massenbegeisterung hatte ihn wie so viele anfänglich ergriffen.

In den Briefen geht es sehr oft um etwas Geld zum Leben, um Essen und Kleidung, Dinge, an denen es dem Studenten Wilhelm Schorlemmer stetig mangelte. Er berichtete wiederholt über das Studium, über Prüfungen, auch über den »Ariernachweis«, den er zu erbringen hatte. Im November 1934 teilte er seiner Mutter und den beiden Tanten Emma und Hermine in der Börde mit, dass er »auf Budensuche gegangen« sei: »Ich wohnte zuerst Laurentiusstr. 15. Ich stellte aber sogleich fest, dass es Juden waren, und bin daher sofort umgezogen nach Brandenburgerstr. 10 I.« Hier fühlte er sich »sehr wohl«. Ein paar Monate später, im April 1935, riet er, »Triumph des Willens«, den »großartigen« Parteitagsfilm, unbedingt anzuschauen. Dennoch wurde aus ihm kein überzeugter oder aktiver Nazi. Eine Abwertung der Juden oder anderer Völker habe ich nie von ihm gehört. Für sein 1. Theologisches Examen lernte er in dem 1937 erschienenen Ethikbuch von Alfred Dedo Müller. Darin hieß es, dass »eine theologische Betrachtung die ganze Tiefe und Unausrottbarkeit des kriegerischen Instinktes in der menschlichen Natur zu Gesicht bekommen« müsse. Der Krieg sei »offenkundig eine anthropologische Wirklichkeit, die wir einfach vorfinden«.2

Müller tritt »der ideologischen Verfälschung des ganzen Problems durch den aufklärerischen Pazifismus« entgegen.3 Luther habe den »Gehorsam gegen den Staat im Liebesgebot verankert«, und so sei ein Christ aufgefordert, »um der Liebe willen sich dem staatlichen Gebot zu unterwerfen«. Für die Verwirklichung dieser Gedanken biete die gegenwärtige politische Lage einzigartige Bedingungen, weil die die sogenannte deutsche Revolution tragende politische Bewegung »ganz aus dem repräsentativen Erlebnis eines Mannes wuchs, der von sich sagen kann: ›Aus dem Volke bin ich gewachsen, im Volke bin ich geblieben, zum Volke kehre ich zurück‹«4.

Alfred Dedo Müller lehrte bis 1957 an der Leipziger Universität, die seit 1953 den Namen von Karl Marx trug. Dort dominierten »rote Theologen«. Zu ihnen wollte ich nicht, auch wenn mich der religiöse Sozialist Paul Tillich, der in die USA emigriert war, mit seinen Schriften früh fasziniert hatte. Karl Barth, den Sozialdemokraten, verehrte ich. Er war 1935 als Professor, nachdem er den Eid auf den Führer nicht abgelegt hatte, in die Schweiz zurückgegangen. Eigentlich wollte ich in Westberlin studieren, um Helmut Gollwitzer, den Nachfolger Martin Niemöllers und Hitler-Gegner, hören zu können. Die Mauer machte es unmöglich. So entschied ich mich für Halle. Als ich 1962 dort mein Studium begann, sprach keiner von der Vertreibung des »roten« Professors Günther Dehn durch nationalsozialistische (Theologie-)Studenten im Juni 1933. Mein Vater war daran nicht beteiligt, soweit ich weiß. Für mich ist es heute noch ein Skandal, was damals zum Skandal erklärt wurde. Dehn hatte 1928 beklagt, es sei üblich geworden, den Tod fürs Vaterland im Ersten Weltkrieg unter das Bibelwort »Niemand hat größere Liebe denn die, dass er sein Leben lässt für seine Freunde« (Johannes 15,13) zu stellen. Er wandte ein, der, der getötet wurde, habe »eben auch selbst … töten wollen. Damit wird die Parallelisierung mit dem christlichen Opfertod zu einer Unmöglichkeit.«

Ich gehe noch einen Schritt weiter. Mit Tucholsky bin ich der Meinung, dass Soldaten – auch die ermordeten – Mörder sind, weil sie unter dem staatlich sanktionierten Befehl stehen, den Feind zu vernichten. Sie müssen morden, um eines vermeintlich hohen Zieles willen. Das ist ihre moralische Pflicht. Werden sie selbst Opfer dieser Perversion und sterben den »Heldentod«, nennt man sie verharmlosend »Gefallene«. Dem Sinn-losen soll so als Trost für Hinterbliebene ein Sinn verliehen werden. Mich erschreckte die Radikalität eines Kurt Tucholsky. 1931 hatte er in der »Weltbühne« den Artikel »Der bewachte Kriegsschauplatz« mit dem provokanten Satz »Soldaten sind Mörder« veröffentlicht, der bis in die jüngste Zeit heftige Diskussionen ausgelöst hat und Gegenstand gerichtlicher Auseinandersetzungen war, u. a. im Zusammenhang mit der Bombardierung der Tanklastzüge bei Kunduz.

Tucholsky hatte den Offiziersgeist als junger Mann radikal abgelehnt, aber auch sehr früh die Erfahrung der eigenen Verführbarkeit thematisiert. Gruppendynamik in einer Armee konnte selbst Tucholsky in ihren Bann ziehen. Dabei hatte er den Mechanismus des Militarismus längst erkannt und bereits 1912 Krieg mit Mord gleichgesetzt. Er wurde im Ersten Weltkrieg nicht an die Front abkommandiert, sondern von vornherein in die Etappe. Er schrieb offen, dass er nicht sterben wolle. Zum Helden oder Märtyrer sei er nicht geboren. »So tat ich, was ziemlich allgemein getan wurde: ich wandte viele Mittel an, um nicht erschossen zu werden und um nicht zu schießen – nicht einmal die schlimmsten Mittel. Aber ich hätte alle, ohne jede Ausnahme alle, angewandt, wenn man mich gezwungen hätte: keine Bestechung, keine andre strafbare Handlung hätt’ ich verschmäht. Viele taten ebenso.«5 Er hatte sich in der Etappe relativ gemütlich eingerichtet. Seine Äußerungen sind durchaus zwiespältig. So schrieb er einerseits: »Es ist noch nicht – nach 6000 Jahren noch nicht – in die Köpfe gegangen, daß Blut Blut ist und daß es keinen geheiligten Mord geben darf.« Andererseits: »Ich wünschte nicht, daß der Krieg nun auf einmal ein Ende hätte – ein Jahr brauche ich ihn noch.«6

Erst in dem Text »Der bewachte Kriegsschauplatz« bäumte er sich scharf gegen die Absurdität des Krieges auf, weil dieser alle zivilisatorischen Errungenschaften außer Kraft setze. »Da gab es vier Jahre lang ganze Quadratmeilen Landes, auf denen war der Mord obligatorisch, während er eine halbe Stunde davon entfernt ebenso streng verboten war. Sagte ich: Mord? Natürlich Mord. Soldaten sind Mörder. Es ist ungemein bezeichnend, daß sich neulich ein sicherlich anständig empfindender protestantischer Geistlicher gegen den Vorwurf gewehrt hat, die Soldaten Mörder genannt zu haben, denn in seinen Kreisen gilt das als Vorwurf.«7

Ich frag mich, wie man diese Scharfzunge auf »Mutterns Hände« und »Schloss Gripsholm« verharmlosen oder in der DDR im antimilitaristischen Kampf instrumentalisieren konnte. Mir erschloss sich eine neue, auch religiöse Fragen berührende Welt bei Tucholsky, als ich 1997 zur Verleihung des Tucholsky-Preises an den schweizerischen Dichter, Pfarrer und Pazifisten Kurt Marti die Laudatio als Jurymitglied im Deutschen Theater in Berlin zu halten hatte.8

In Vaters Bibliothek stand jeder in der DDR veröffentlichte Tucholsky-Band. Und zu meinen ersten selber gekauften Büchern gehörte »Tucholsky. Ein Lesebuch für unsere Zeit«, herausgegeben von Walther Victor im Thüringer Volksverlag, es erreichte schon 1954 eine Auflage von 40 000. (Auch das war DDR-Kulturpolitik, die Spuren hinterlassen hat.) Wenn beim Großen Zapfenstreich vor Schloss Bellevue heutzutage der Befehl kommt: »Helm ab zum Gebet«, dann höre ich immer Tucholskys »Kopf ab zum Gebet« (»Gebet nach dem Schlachten«) mit.

Rückblickend auf meine Studienzeit, erachte ich es als unverdientes Glück, dass ich aus den Ethikfragmenten des Hitler-Gegners und Verantwortungspazifisten Bonhoeffer lernen und an ihm meine Maßstäbe für das Menschliche – für das das Christliche einsteht – gewinnen und justieren konnte. Seine Texte haben mich ermutigt. An ihm habe ich mich immer wieder aufgerichtet.

»Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein« (Joh. 8,7). Den Stein auf meinen Vater lasse ich in der Tasche. Ich bin dankbar und freue mich, dass ich trotz Wehrdienstverweigerung 30 Jahre nach ihm mit anderen Einsichten und Aussichten studieren konnte, dass ich nicht solchen politischen Versuchungen ausgesetzt gewesen bin wie er und nicht in einen Krieg ziehen musste. Ich will nicht mit den Erkenntnissen von heute neunmalklug daherkommen und richten. Die Vorgänge werten, das will ich um der Zukunft willen. Ich kann die Enkelin von Generalfeldmarschall Rommel gut verstehen, die nicht darüber richten mag, wie sich Menschen in einer Diktatur verhielten. »Ich bete für uns, dass wir nie in die Lage geraten, unsere Zivilcourage in einer Zwangsherrschaft unter Beweis stellen zu müssen.«9

VATER KOMM, ERZÄHL VOM KRIEG

Als Sanitätsgefreiter hat mein Vater die ersten Tage des Unternehmens »Barbarossa«, jenes barbarischen Raub- und Vernichtungskrieges, miterlebt, bald auch die Gnadenlosigkeit, mit der Partisanen hingemordet und Dörfer ausgeraubt wurden.

In seinem 269 Seiten langen Kriegstagebuch las ich 70 Jahre nach dem Überfall auf die Sowjetunion.

Samstag, 21. 6. 1941

Wir liegen seit vorgestern Nacht in einem kleinen Wäldchen, das nur wenige Kilometer vom Bug entfernt sein soll. Wir haben ein Zeltkamp aufgebaut und faulenzen in die wunderschönen Tage hinein. Gegen Abend und in der Nacht hören wir ferne Detonationen. Die Russen scheinen zu sprengen. Der Sonnenuntergang tauchte das flache Land von zahlreichen Waldstücken in ein goldenes Licht, dass man den Krieg vergessen konnte. Doch das stumpfe Sprenggeräusch jenseits des Flusses ließ uns immer wieder an das bevorstehende Ereignis denken. Gestern wurde uns das allgemeine Marschrichtungsziel bekanntgegeben. Unsere Division soll in Verbindung mit den anderen, nach Erzwingung des Bugübergangs und Durchbrechung der feindlichen Befestigungslinien, in Gewaltmärschen auf Moskau vorstoßen. Die Verproviantierung der Truppe soll ohne Rücksicht auf die Bedürfnisse der Zivilbevölkerung aus dem Gebiet selbst gewonnen werden, da man wahrscheinlich vom Nachschub abgeschnitten wird. Heute Nacht sollen wir in das Dorf, dessen Kirchturm man vom Waldrand aus sehen kann, abrücken. Eine Schule wird der Ort unseres ersten Hauptverbandplatzes sein. In dieser Nacht soll der erste Stukaangriff auf die russischen Linien erfolgen. Die letzte Post geht heute fort. Wer weiß, wann sich wieder einmal die Gelegenheit zum Schreiben bietet. An Mutter und Anne habe ich ganz knapp geschrieben und sie auf die Ereignisse vorbereitet, von denen die beiden wohl schon wissen werden, wenn mein Brief sie erreicht.

Sonntag, 22. 6. 1941

Um 12 Abmarsch des zweiten Zuges zur Schule Zablorie. Da die Gefahr des Ari-Beschusses besteht, ziehen wir uns an den Dorfrand zurück. Unsere Wagen stehen in einem Kornfeld neben einem Bauernhof. Bis ½ 3 im Wagen geschlafen. Punkt 3.15 beginnt das Arifeuer. Im Nordosten steigen bald große Rauchwolken auf. Von der Antwort der russ. Ari nichts zu bemerken. So gehen wir, nachdem gegen 4 h unsere Geschütze schweigen, zur Schule und richten HVP ein. 6 h erste Verwundete. Im ganzen kommen 87 Verwundete, darunter 2 Russen. Staunend und neugierig wird der erste Russe betrachtet. Junger Kerl, asiatischer Typ, sehr schlechte, zerlumpte und geflickte Uniform. Unsere Schützen sind beim Vorgehen auf zähen Widerstand gestoßen. Die meisten Verletzungen kommen auf die Baumschützen. Besonders ein Scharfschütze in einem Bunker, soll, nach Aussagen der Verwundeten, allein ca. 12 Tote und viele Verwundete gemacht haben. Selbst Patz konnte ihn nicht erledigen. Granatsplitterverletzungen durch eigene Artillerie standen an zweiter Stelle. Bis abends ½ 9 wird pausenlos gearbeitet.

Montag, 23. 6. 1941

½ 4 Wecken. Die restlichen Schwerverwundeten werden abtransportiert. HVP aufgelöst. Heute ist Ruhetag …

26. 6. 1941

Am Nachmittag kam ein Panjewägelchen. Ein Ukrainer aus Sbunice, jenseits des Bug, brachte auf Heu eine traurige Last. Auf Heu hatte er zwei seiner 6 Kinder liegen. Die Gesichtszüge aller drei zeigten nichts Slawisches. Man hätte den Alten für einen Professor halten können, der älteste Junge hatte, nach dem Vater artend, scharfe feine Gesichtszüge, wunderbare blaue Augen. Der Kleine wurde operiert, beim Großen kam jede Hilfe zu spät (Gasbrand). Er wollte weiter in ein Hospital. Ich redete ihm das aus. So fuhr er dann in sein Dorf zurück, um erst den Tod des Ältesten abzuwarten.

29. 6. 1941

Wir gingen einige Schritte in den Wald, da sahen wir die Schützenlöcher, da lagen die Russen, wie sie gefallen waren. Bleckend zeigten die im Tod verzerrten Gesichter ihre blendenden Zähne. Ein Schütze hockte mit aufgepflanztem Bajonett zum Sprunge gekrümmt in seinem Loch, als wollte er im nächsten Augenblick herausspringen. Eine Handgranate hatte ihm Kopf und Gesäß zerrissen. Im Nebenloch lag ein anderer vollkommen verbrannt, dass man Mühe hatte zu erkennen, wo Gesicht und wo Beine waren. Auch auf der Straße längs lagen die Russen noch unbeerdigt. Von der Stadt Sluzk stehen nur noch Kamine, nur wenige Häuser, darunter das Rathaus, sind unbeschädigt. Und vor dem Rathaus steht ein überlebensgroßes Denkmal Lenins auf einem hohen Podest.

Freitag, 13. 2. 1942

Am Morgen wurde noch ein Befehl verlesen, der zum verschärften Vorgehen gegen die Zivilbevölkerung mahnt. Sie soll mehr Furcht vor den deutschen Soldaten bekommen als vor den Russen + Partisanen. Dörfer, wo sich Partisanen zeigen, sollen ausgerottet werden, Mann, Weib + Kind. Die letzte Kuh, das Saatgetreide, alles kann geholt werden. Es ist kein ritterlicher Kampf, es ist Vernichtungskrieg in seiner blutigsten Form.

Faschingsdienstag, 17. 2. 1942

Wir gehen auf Quartiersuche. Kein Haus unbelegt. Nur eine elende Hütte, die letzte in dieser Richtung. Andere Richtung im Dorf, auch alles belegt. Nur eine verfallene, windschiefe Hütte ist frei. Kalt und leer. Nur eine Frau liegt stöhnend auf dem Ofen. Wir gehen erst mal weiter. Kommen aber wieder zurück, ohne etwas gefunden zu haben. Sachen rübergeschafft – Pferd in den gegenüberliegenden Schuppen. Die Alte wird merkwürdig lebendig, als wir draußen rumstöbern. Sie versuchte uns fortzuscheuchen mit der Erklärung, dass der Ofen kaputt sei. Er hängt auch ziemlich windschief im Zimmer. Da fängt sie auf einmal an zu plärren, als Franz nach Sachen sucht, um einen Ofen zusammenzubringen. Auf den Dachboden hängen noch drei Gurri. Unter einem Steinhaufen, den wir forträumen, als Ofenunterlage eine Truhe. Sie plärrt wieder und versucht uns wegzudrängen. Wäsche ist drin. Als sie merkt, dass wir weder ihre Wäsche noch ihre Gurri wollen, wird sie wieder ruhig. Ohne Aufforderung wäscht sie jetzt unser Kochgeschirre, hilft beim Holzsägen, schleppt Steine zum Ofenbau ran und ist gar nicht mehr krank. Am zerbrochenen Eisenofen – Ziegelsteine als Unterlage – ein alter Blechkanister als Esse, und bald brennt, wenn auch zuerst etwas qualmend, unser Ofen.

Aschermittwoch, 18. 02. 1942

Im Osten nicht Neues.

Ich bewundere an meinem Vater, dass er seine Erfahrungen ohne erkennbare innere Zensur aufgeschrieben und das Tagebuch stets bei sich getragen hat. Ich stelle mir vor, dem SD oder der Gestapo wären diese Berichte in die Hände gefallen. Ich wäre wohl gar nicht geboren worden. Er hat uns Kindern oft und viel von seinen Kriegserlebnissen erzählt. In Erinnerung war mir geblieben, dass er zu den Truppen gehörte, die bis nahe Moskau vorgedrungen waren. Die unglaubliche Kälte habe er dank der Öfen in den Holzhütten überlebt, auch dank der Gütigkeit russischer Babuschkas, die den Feinden und Zerstörern des Landes als Menschen freundlich begegnet waren, sie anfangs gar mit Begeisterung gefeiert hatten. Sehr bald begann die rassistische Unterdrückungs- und Vernichtungsorgie. Einen Partisanen, der mit Sprengstoffpaketen nächtens zum deutschen Militärlager unterwegs gewesen war, hatte mein Vater als Wachtposten gestellt und dafür das Ritterkreuz 2. Klasse bekommen. Die Frage, was aus diesem Russen geworden ist, hat ihn nicht mehr losgelassen.

Einen Nierenschuss hat er 1942 ganz knapp überlebt. Das hat ihm letztlich das Leben gerettet, denn nach seiner Genesung wurde er in die Etappe nach Frankreich beordert.

Für die Hochzeit mit der Medizinstudentin Anne Haack bekam er im August 1943 Fronturlaub. Nach neun Monaten wurde ich geboren.

Mein Vater hat selber nie schießen müssen. Schwerverwundete hat er behandelt, Sterbende begleitet, Angehörigen in persönlichen Briefen die Todesnachricht übermittelt. Über das, was der Krieg aus Menschen macht, unter welchen Befehlen deutsche Soldaten Grausiges unter der Zivilbevölkerung angerichtet haben, hat er nicht hinweggesehen, davon hat er nichts ausgeblendet. In seinen beiden letzten Lebensjahrzehnten las er fast ausschließlich Literatur über den Zweiten Weltkrieg. Das war das Lebensthema, mit dem er – bis zu seinem Ende – nicht fertig geworden ist.

Ich bin dankbar, dass ich einen Vater und sechs Geschwister haben durfte. Die meisten meiner Schulkameraden wuchsen nicht nur ohne Väter auf, oft wurden die Väter auch noch beschwiegen, weil sie sich als aktive Nazis hervorgetan hatten.

Ich habe den Wehrdienst verweigert, weil ich keinesfalls einen Fahneneid sprechen konnte, der in der Grundstruktur dem Eid glich, den mein Vater abgelegt hatte. »Unbedingter Gehorsam« mit Selbstverfluchungsklausel. Niemals! Aber ich gehöre nicht zu denen, die den roten Militarismus der DDR, den totalitären Staat und die kommunistische Ideologie auf eine Stufe stellen zu können meinen mit dem, was in deutschem Namen und von Deutschen im Nationalsozialismus angerichtet worden war. Ich wurde Pazifist aus politischen Gründen, aus Gewissensgründen, auch im Gedenken an meinen Großvater, der schon im ersten Kriegsmonat 1914 als vermisst gemeldet worden war. Meinem vaterlos aufgewachsenen Vater kamen die Tränen, als er mir in meinem 14. Lebensjahr das Schlusskapitel aus »Im Westen nichts Neues« vorgelesen hat. In seinem Kriegstagebuch heißt es mehrfach in ironischem Anklang »Im Osten nichts Neues«.

Mein Vater schrieb genau vier Wochen nach meiner Geburt an meine Mutter, voller Sehnsucht nach seinem Erstgeborenen, sich selbst fragend:

»Wirst du nicht richtig ein bisschen eifersüchtig auf den kleinen Kurfürst, da er noch mit ernstem, nachdenklichem Professorengesicht im Wagen liegt? …

Wie kann er dort aufwachsen, zwischen dem Blühen, all dem Duft des Vorsommers? Seine kleinen Äuglein sehen die alte Tanne und begreifen es noch nicht, was für ein Ding das ist. Noch gehört er ja Dir mit all seinen Lebensäußerungen und Begierden.

Wie wird er wohl seinen Vati anschauen, wenn er mal kommt?

Wir wollen einmal vernünftig in die Zukunft blicken. Ich hätte gern für Dich und das Kind eine Rentenversicherung abgeschlossen. Kannst du da mal Schritte unternehmen? Such doch mal mit der Allianzgesellschaft eine Verbindung …«

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Mit Eltern und Geschwistern in Herzfelde, 1950

Im Juli 1944 teilte er ihr aus dem Lazarett in einem Kloster mit:

»Meine Gedanken kommen mir besonders bei dem abendlichen kurzen Gang durch den Klostergarten. Im nächsten Monat muss nun der Junge getauft werden, sonst wird mir der kleine Heide zu alt.

Ich kann nicht genug von ihm hören. Denn dann bin ich immer wieder bei euch, ganz nah in dem alten Haus, und wenn ich dann die Kletterrosen vor mir sehe, wünsche ich mir, dass solche auch an unserer Haustür wachsen sollen. Wie schön, denn dann wäre der Dornröschenschlaf eigentlich erst vollkommen.

Ein ganz klein wenig könnte ich Dich beneiden – dort im Herzfelder Frieden mit unserem Jungen.

Genieße nur das Glück deines jungen Mutterseins und lass es Dir nicht allzu sehr trüben von dem Gedanken, dass einer fehlt, der doch mit seinem Herzen dabei ist. Und wo unser Herz ist, da leben wir ja eigentlich in dieser Welt.

Wie viel Liebes möchte man euch sagen, am Bettchen sitzen mit Dir und nicht zu sprechen, nur das kleine Wurm anschauen. Wenn Du über unserem Kind betest, wirst Du auch an mich denken.«

Vater sein, Kind sein, Poesie des Gartens – und nüchterne Sorge für die Zukunft in düsterer Zeit: Allianzversicherung. Gerade wer sich poetisch erhebt, muss geerdet bleiben.

Dieser Sanitätsobergefreite Wilhelm Schorlemmer kehrte 1946 aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft in die SBZ zurück und wurde zum Arbeitseinsatz in Leuna/Merseburg verpflichtet, ehe er die Familie wiedersehen konnte, die im altmärkischen Dorf Herzfelde lebte. Ich musste mich als Zweijähriger erst an meinen Vater, den »Onkel Vati«, gewöhnen. Er erklärte mir, was ich nicht verstand. Warum fremdsprechende Soldaten hier waren, warum die Stadt Magdeburg so schwarz und voller Ruinen war, wer Stalin war, wer Niemöller war, was KZs waren, warum Kommunisten herrschten und was Kommunisten waren. Er erklärte mir die Welt. Er las mir (und später auch meinen jüngeren Geschwistern) viel vor.