Rosa Cerrato

Das böse Blut der Donna Luna

Nelly Rosso ermittelt

Kriminalroman

Aus dem Italienischen
von Verena von Koskull

Impressum

Die Originalausgabe unter dem Titel

La maman die via del Campo

erschien 2007 bei Fratelli Frilli Editori

ISBN 978-3-8412-0511-7

Aufbau Digital,

veröffentlicht im Aufbau Verlag, Berlin, Juli 2012

© Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin

Die deutsche Erstausgabe erschien 2010 bei Aufbau Taschenbuch, einer

Marke der Aufbau Verlag GmbH & Co. KG

La maman die via del Campo © 2007 Fratelli Frilli Editori

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© Christophe Testi, © sx 70

Konvertierung Koch, Neff & Volckmar GmbH,

KN digital – die digitale Verlagsauslieferung, Stuttgart

www.aufbau-verlag.de

Inhaltsübersicht

I

II

III

IV

V

VI

VII

VIII

IX

X

XI

XII

XIII

XIV

XV

XVI

XVII

XVIII

XIX

XX

XXI

Anmerkungen

I

Die löcherige Schotterstraße – kaum mehr als ein Weg – lag noch im Schatten. Die Luft war erträglich, wenn auch alles andere als frisch. Über der Stadt, die sich wie ein Amphitheater über dem Meer und dem Hafen erhob, hing feiner, regloser Dunst. Selbst die soeben aufgehende Sonne schien blass und trüb. Auf dem räudigen Gestrüpp, den ausgedörrten Bäumen und Büschen, die Hang und Böschung überwucherten, lag feiner, goldfarbener Staub. Goldfarbener Sand. Ein dumpfes Raunen stieg aus dem weiten, von der Autobahn durchschnittenen Tal empor.

Wüstenwind. Hat die ganze Stadt mit Staub bedeckt.

Die Frau in weißem Trikot und abgetragenen blauen Trainingshosen trabte in gemächlichem Rhythmus den sanft ansteigenden, unbefestigten breiten Weg entlang, der auf halber Talhöhe rechts von der Straße durch Righi zur »Trattoria delle Baracche« hoch über dem Bisagno-Tal führte. Zu beiden Seiten Bergvegetation, mal dichter, mal spärlicher, Ginsterbüsche, Disteln, Lorbeer, Myrthe, Strandkiefern. Ein Geländewagen hätte ihn mühelos entlangfahren können, doch hauptsächlich wurde er von Fußgängern genutzt, mehr oder weniger einsamen Wanderern, Jägern oder Hundebesitzern. Eine ideale Joggingstrecke, vor allem zu dieser Tageszeit. Es war sechs Uhr morgens an einem Montag, der genauso drückend heiß zu werden drohte wie die Tage zuvor. Bald würde die Sonne erbarmungslos vom Himmel brennen und ganz Genua in ihrer glühenden Umarmung gefangen halten.

Ein Glück, dass ich mich heute Morgen dazu durchgerungen habe, ein bisschen zu laufen, sonst hätte ich den ganzen Tag im Präsidium in meinem eigenen Saft gebrodelt. Und ich dumme Kuh hab mir erst im September Urlaub genommen. Kommissarin Nelly Rosso schnaufte, schweißüberströmt.

In dem Moment hörte sie ein Geräusch, das von jenseits der nächsten Kurve zu kommen schien. Instinktiv legte sie einen Schritt zu.

Hinter der Biegung kauerte ein kräftig gebauter Mann am Wegrand. Beim Näherkommen sah sie, dass er sich übergeben hatte. Als er ihre eiligen Schritte hörte, fuhr er mit einem angstvollen Ausdruck auf seinem breiten, verschwitzten Gesicht herum und stieß einen unverständlichen Laut aus. Er versuchte aufzuspringen, stolperte jedoch und riss schützend die Arme über den Kopf.

»Was ist mit Ihnen? Kann ich Ihnen helfen?«, fragte die Kommissarin, doch als sie die Hand nach dem jungen Mann ausstreckte, wich dieser panisch zurück. Was war ihm bloß zugestoßen? Sie kramte in ihrer Gürteltasche nach dem schwarzen Mäppchen mit ihrer Dienstmarke und dem Ausweis, das sie stets bei sich trug, und hielt es ihm unter die Nase.

»Was ist denn? Hast du Angst vor mir? Ich bin von der Polizei«, sagte sie und wechselte dabei, weil der Kerl so jung war, automatisch zum vertraulicheren Du. Das Wort Polizei zeigte unmittelbare Wirkung. Der panische Ausdruck im Gesicht des jungen Mannes wich einer lauernden Achtsamkeit. Er legte die Hand an die Brust, atmete mehrmals tief durch und versuchte, einen verständlichen Satz herauszubringen.

Nelly runzelte die Stirn und musterte ihn genauer. Der junge Mann war groß und kräftig, mit Speckröllchen auf den Hüften und mit schlaffen Muskeln bepackt. Vielleicht ist er gejoggt und hat sich plötzlich schlecht gefühlt. Er ist zwar jung, aber bei der Körperfülle und dieser Schwüle ... Die Situation fing an, ihr auf die Nerven zu gehen. Der Kerl klappte den Mund auf und zu, um etwas zu sagen, doch vergeblich. Endlich rang er sich ein hilfloses »Da hinten ...« ab, deutete mit einer Kopfbewegung auf ein dichtes Ginstergestrüpp wenige Meter oberhalb des Weges und vergrub das Gesicht in den Händen.

Energisch kletterte sie zu der Stelle hinauf, die offenbar etwas mit dem Schockzustand des jungen Mannes zu tun hatte. Ein dichter Fliegenschwarm surrte über etwas, das sie noch nicht sehen konnte. Ein altbekannter, süßlicher Geruch stieg ihr allarmierend in die Nase. O Gott, lass es bitte keine ... Leiche sein. Nelly seufzte resigniert.

Zuerst sah sie die Beine – dunkel, schwarz, ebenfalls bedeckt von dem goldenen Sandstaub. Die Frau lag auf dem Bauch, die Beine seitlich angewinkelt. Sie trug naturlederne Flipflops und einen extrem kurzen roten Rock, der kaum ihren Hintern bedeckte. Man konnte sehen, dass sie keinen Slip anhatte. Das verdorrte Gras verdeckte sie halb. Ein winziges Lurex-Top, die Arme verschränkt unterm ... Jetzt begriff Nelly, was mit dem Mann los war. Die Arme waren angewinkelt, als müsste der Kopf darauf liegen. Doch da war kein Kopf. Dort, wo das inzwischen geronnene Blut aus dem Hals geströmt war, surrten die Fliegen.

Ich glaub’s nicht. Das muss Einbildung sein, die Hitze.

Sie kniff die Augen zusammen, wohl wissend, dass sich dadurch nichts ändern würde, so inständig sie es auch hoffte. Sie öffnete sie wieder, und alles war genau wie vorher: die geköpfte Frau, die Fliegen, das Blut. Sie zog das Handy aus der Gürteltasche, wählte die Nummer der Einsatzzentrale und gab ihren Standort und die Beschreibung der Leiche durch. Dann kehrte sie zu dem Jungen zurück, der am Wegrand stand und sich ein wenig beruhigt zu haben schien.

»Haben ... haben Sie gesehen?«, brachte er schließlich mit fast normaler Stimme heraus.

»Ja, habe ich. Wie heißt du? Wo wohnst du?«

»Ich heiße Gianluca Sonni und wohne in Oregina, da unten.« Er machte eine vage Handbewegung. »Hin und wieder komme ich zum Laufen her. Heute Morgen musste ich plötzlich mal ... Ich wollte hinter den Busch da gehen, damit mich von der Straße aus niemand sieht. Da hab ich sie gefunden. Normalerweise haut mich nichts so leicht um. Aber das ...«

»Du musst dich nicht entschuldigen«, unterbrach Nelly ihn mit flauem Magen. »So ein Anblick lässt auch uns von der Polizei nicht kalt, und wir sehen so einiges. Apropos, der Kopf ...« Der Junge fuhr zusammen. »Der muss schließlich irgendwo sein. Du bleibst hier, meine Kollegen sind gleich da. Ich werde mich inzwischen ein bisschen umsehen. Übrigens, als du heute Morgen hier langgelaufen bist, hast du da irgendjemanden gesehen?«, fragte Nelly und kraxelte schon wieder den Abhang hinauf. Vorsichtig, um keine Spuren zu verwischen, begann sie Gras und Gestrüpp abzusuchen. Die Leute von der Spurensicherung hatten für einen kontaminierten Tatort nichts übrig.

»Heute Morgen war hier kein Mensch. Ich hab bei der Hitze kaum schlafen können und bin sehr früh los. Sie sind die Erste, die ich sehe, bis auf ... na ja, bis auf die da. Zum Glück sind Sie gekommen, sonst würde ich noch immer schlotternd und kotzend dahocken.«

Nellys Suche hatte nichts ergeben, und sie beschloss, auf die Verstärkung zu warten.

»Hast du sie angefasst?«, fragte sie und warf einen Blick auf seine Hände.

»Gott bewahre, ich hab doch sofort gesehen, dass ... dass der Kopf ... «

Das Heulen einer Sirene näherte sich, und im nächsten Moment tauchte das Auto des Einsatzkommandos hinter der Kurve auf und hielt mit quietschenden Reifen vor dem Jungen und der Kommissarin.

»Das ging ja schnell«, sagte Nelly und trat den Kollegen entgegen. Am Steuer saß der Polizeibeamte Lombardo, der sie wegen ihres Aufzuges und des Ortes erstaunt und fragend musterte, jedoch kein Wort verlor. Ein mittelgroßer, kräftiger Mann in Zivil mit offenem, freundlichem Gesicht schwang sich sportlich und energisch aus dem Auto.

»Mensch, Nelly, die Scherereien während der Arbeit reichen dir wohl nicht, was? Machst du jetzt auch noch Überstunden?«, witzelte Vizekommissar Marco Auteri.

Normalerweise konnte Nelly über seine Scherze lachen, aber diesmal war ihr nicht danach zumute.

»Komm und sieh dir an, was sie mit der armen Frau gemacht haben«, entgegnete sie ernst. Der Vize begriff sofort, dass die Kommissarin nicht in Stimmung war und folgte ihr zum Ginstergestrüpp. Schweigend nahm er die Leiche in Augenschein. Auch ihm war das Witzeln vergangen.

»Welche Drecksau hat die so zugerichtet? Und was hat er mit dem Kopf angestellt? Eine Farbige, soviel steht fest. Der Kleidung nach zu urteilen möglicherweise eine Prostituierte. Vielleicht eine Fehde im Milieu? Ein ... Kunde von der speziellen Sorte?«, sagte er leise und mehr zu sich selbst als zu Nelly.

»Daran habe ich auch schon gedacht. Dass der Kopf fehlt, macht die Identifizierung allerdings noch schwieriger. Dieser junge Mann hier hat sie übrigens gefunden.« Nelly zeigte auf Gianluca, der ein wenig abseits stand und nervös zu ihnen herüberblinzelte.

»Na, nichts gesehen? Nichts gehört? Was hast du hier um diese Uhrzeit getrieben? Und die da ... kanntest du die?«, wandte sich Auteri brüsk an den Jungen und musterte ihn kalt.

Gianluca sah die Kommissarin hilfesuchend an.

»Ich hab ... ich hab das Gleiche gemacht wie ihre Kollegin. Ich bin gejoggt.«

»Und zum Joggen gehst du hinters Gebüsch, ja? Da geht man doch eher hin, wenn man ungestört sein will, vielleicht mit einer Frau ...«

»He, Moment mal, ich hab mit dieser Sache nichts zu tun. Ich hab gesagt, was ich weiß, und mir ist noch immer speiübel. Glauben Sie, das ist cool, so was plötzlich vor sich zu haben? Und den Kopf hab ich aufgegessen, oder was?«

»Woher weißt du, dass der Kopf weg ist und nicht ein paar Meter daneben liegt?«

»Weil Ihre Kollegin schon vergeblich danach gesucht hat.«

»Komm schon, Marco, wir verhören ihn später auf dem Präsidium, da kann er dann seine Aussage machen. Als ich ihn traf, kotzte er sich gerade die Seele aus dem Leib, so geschockt war er.« Dann wandte sie sich an den jungen Mann: »Ganz ruhig, Gianluca, niemand wirft dir irgendetwas vor. Trotzdem müssen wir dich zur Beweisaufnahme erst einmal mitnehmen.«

»Na schön, aber was sage ich meinem Chef? Ich bin Klempner und angestellt. Ich kann nicht einfach so wegbleiben.«

»Ruf ihn an und sag ihm, dass du als Augenzeuge vernommen werden musst. Wir stellen dir eine Bescheinigung für deinen Vorgesetzten aus.«

»In Ordnung, Commissario. Aber ich hab damit nichts zu tun. O Gott, wieso bin ich heute Morgen bloß hierhergekommen? Hätte ich nicht einfach gemütlich im Bett liegen bleiben können?«

Gianluca vergrub den Kopf in den Händen. Lombardi nahm ihn unsanft beim Ellbogen und ließ ihn ins Auto steigen. Ein zweiter Wagen bog Staub aufwirbelnd um die Kurve: Der Gerichtsmediziner Parodi und Celsi von der Spurensicherung.

Dottor Parodis Glatzkopf glänzte vor Schweiß. Inzwischen war die Sonne über den Berg gestiegen und fing allmählich an, das Grüppchen rings um das Ginstergestrüpp weich zu kochen. Der warme Wind hatte sich gelegt, und es regte sich kein Lüftchen. Vielleicht nur eine kurze Feuerpause. Das Zirpen der Zikaden, die trotz der Hitze selbst nachts keine Ruhe gaben, war ohrenbetäubend.

»Der Tod ist höchstwahrscheinlich vor wenigen Stunden eingetreten«, stellte Parodi schließlich fest. »Es handelt sich um ein junges Mädchen, womöglich sehr jung: siebzehn, höchstens zwanzig Jahre alt. Ich kann nicht mit Sicherheit sagen, ob sie erst getötet und dann geköpft wurde, dazu braucht es eingehendere Untersuchungen. Jedenfalls scheint aus dem Schnitt Blut ausgetreten zu sein ... Jesses, was für eine üble Geschichte!«

Die Männer von der Spurensicherung, die in ihren Overalls vor Hitze fast zerflossen, suchten das Gelände eingehend nach aufschlussreichen Indizien ab. Sie nahmen Erdproben, machten Fotos. Der ausgedörrte Boden gab nicht viel her, Spuren blieben darauf nicht zurück. Vom Kopf der Toten war weit und breit nichts zu sehen.

»Was hältst du von dem Dickerchen, Nelly? Ist das unser Mann?«

Marco warf ihr einen fragenden Blick zu. Offensichtlich hätte er liebend gern gleich einen Haken hinter diese hässliche Angelegenheit gemacht.

»Ich weiß nicht. Ganz abgesehen vom Kopf selbst, fehlt das Werkzeug, mit dem man ihn hätte abtrennen können. Zumindest haben wir noch keines gefunden. Sicher, den Kopf hätte er natürlich sonst wohin schleudern können, die Böschung runter – übrigens, wir brauchen Hunde, sag Lorenzo Bescheid. Aber wie hätte er sie überhaupt transportieren sollen, ohne sich schmutzig zu machen? Und außerdem scheint er mir einfach nicht der Typ dazu zu sein.«

»Der Typ, der Typ, Nelly, du weißt ganz genau, zu was für Überraschungen solche Typen gut sind. Inzwischen würde ich nicht mal mehr für mich selbst die Hand ins Feuer legen, geschweige denn für dieses Riesenbaby. Vielleicht hat sie zu viel Geld verlangt oder ihn nicht zufriedengestellt oder was weiß ich. Und er könnte die Sache bei sich zu Hause oder sonst wo erledigt und sie dann hier abgeladen haben. Wir müssen mehr über ihn herausfinden.«

»Das auf jeden Fall. Aber dass ich den Mörder auf frischer Tat ertappe, das wäre das erste Mal in meiner gesamten Laufbahn. So ein Glück hat man so gut wie nie. Und wenn er sie hier abgeladen hätte, müsste er zumindest ein Auto in der Nähe haben. Lass das prüfen. Sobald der Staatsanwalt hier ist, fahren wir ins Präsidium. Wir müssen die einschlägigen Zuhälter und madames unter die Lupe nehmen.«

Kurz darauf erschien der Staatsanwalt Laurenti wie aus dem Ei gepellt in dunkelblauem Anzug und rosa Krawatte. Seine miese Laune war nicht zu übersehen. Mal wieder eine ermordete Prostituierte, dazu noch eine immigrierte, und das bei der Hitze, zum Kotzen! Ungeduldig wartete er darauf, dass die anderen ihre Arbeit beendeten, gab die Erlaubnis zum Abtransport der Leiche und rauschte in einer Wolke teuren Herrenparfüms mit Lavendelnote, das sich mit dem weniger angenehmen Geruch des Fundortes mischte, davon.

Rund zwei Stunden später saßen die Kommissarin und ihr Vize in Nellys Büro im Präsidium. Der sichtlich niedergedrückte Gianluca Sonni hatte soeben seine Aussage gemacht. Valeria, Nellys rechte Hand, hatte seine Personalien aufgenommen und rasch ein paar Recherchen am Computer durchgeführt. Die Kommissarin bot ihm einen Kaffee an, den er dankbar annahm.

Mit der Polizei zu tun zu haben, und dazu noch wegen so einer Sache, machte ihm Angst, das war nicht zu übersehen. Eine unter den gegebenen Umständen normale Reaktion? Nelly musterte ihn prüfend. Er hatte dunkle Augen, einen rasierten Schädel, dichte, schwarze Brauen, ein robustes, vorstehendes Kinn und Segelohren. Seine Hände hielten nicht einen Moment still.

»Sonni, Gianluca, Klempner von Beruf, achtundzwanzig Jahre alt. Hatten Sie jemals mit der Polizei zu tun, Gianluca?«, fragte Nelly und überflog das Protokoll.

»Ich ... ich hab mal ein Moped geklaut, aber da war ich noch minderjährig. Ich wollte nur ’ne Runde drehen.«

Seine Haltung – er war ganz in sich zusammengesackt – und sein ausweichender Blick verrieten, dass da noch mehr war. Dass er log. Ängstlich starrte er das Blatt Papier an, das Valeria gerade Marco Auteri in die Hand gedrückt hatte.

»Ist das wirklich alles?«

Die Stimme des Vizekommissars klinkte sich kalt und aggressiv in die Unterhaltung ein. Er reichte Nelly das Papier.

»Ach, Mist, ihr kriegt’s ja eh raus. Ein Mädchen hat mich wegen versuchter Vergewaltigung angezeigt, aber ...«

»... die Anzeige wurde zurückgezogen. Deshalb kam es nicht zum Prozess. Diesmal warst du volljährig«, bohrte Marco.

Gianluca Sonni wurde sehr blass. Er schwitzte heftig. Sein gehetzter Blick irrte durch das Büro wie ein gefangenes Tier.

»Ich weiß, was Sie jetzt denken, aber das war eine Lüge. Diese blöde Tussi war besoffen und voll dabei, aber dann hat sie plötzlich ’nen Flitz gekriegt, hat sich losgerissen und ist die Treppe runtergefallen. Ich wollte ihr aufhelfen, und sie hat wie eine Wahnsinnige losgebrüllt. Da gab’s keine sexuelle Nötigung, nicht das kleinste bisschen.«

»Ein paar Ohrfeigen und ein Faustschlag, hieß es erst, was bei deiner Statur nicht ohne sein dürfte. Im Krankenhaus hat sie zunächst gesagt, dass du sie vergewaltigen wolltest und deswegen geschlagen hast, eine Woche später hat sie ihre Aussage geändert. Sie sei betrunken die Treppe hinuntergefallen und du hättest ihr aufgeholfen.«

Nellys Stimme war weder ironisch noch anklagend. Der Mann fing sich wieder ein wenig.

»Und so war es auch.«

»Okay, Gianluca, jetzt gehst du nach Hause und denkst über das nach, was du heute Morgen gesehen, gehört, gerochen, gedacht und was weiß ich noch alles hast, bevor du das Mädchen gefunden hast und in den Minuten danach, ehe ich gekommen bin. Und bleib in der Stadt, denn wir werden dich noch einmal vernehmen müssen.«

»Aber Nelly ...«, hob Marco an und biss sich auf die Zunge. Gianluca traute seinen Ohren nicht. Mit hoffnungsvoller, ungläubiger Miene richtete er sich in seinem Stuhl auf.

»Darf ich wirklich nach Hause gehen? Sie ... Sie nehmen mich nicht fest?«

»Sollten wir denn?«, fragte Marco scharf, doch Nelly machte ihm ein Zeichen, zu schweigen.

»Geh nach Hause. Wir werden uns mit dir in Verbindung setzen, und wenn dir etwas einfällt, ruf uns an.«

Das ließ sich der Junge nicht zweimal sagen. Er sprang auf und hechtete zur Tür, als glaubte er, das Ganze sei nur ein Bluff und man würde ihn auf der Schwelle doch noch festnehmen. Über die Schulter warf er Marco einen hastigen, angstvollen Blick zu und war verschwunden.

»Ich hätte den nicht so einfach laufen lassen.« Auteri war verärgert. Kopfschüttelnd sah er Nelly an.

»Meinst du etwa, der haut ab? Wo soll er denn hin?«, entgegnete sie gelassen.

»Man weiß nie. Wenn er’s gewesen ist ...«

»Wenn er’s gewesen ist. Mal schauen, was die Durchsuchung seiner Wohnung bringt, Amanda ist schon unterwegs. Aber mal davon abgesehen, dass es nicht die allerwahrscheinlichste Tageszeit für ein derartiges Stelldichein war, lässt der fehlende Kopf eher an ein Ritual oder an eine grausame Bestrafung im Milieu oder so was denken. Wir brauchen einen Experten von der Sitte.«

Marco nickte abwesend. Es wäre zu schön, den Kopf in Gianlucas Tiefkühlfach zu finden, doch er bezweifelte es.

»Fattori«, sagte er schließlich und wechselte das Thema. »Er kennt das Milieu in und um Genua wie seine Westentasche. Wer, wo, wie, wann, wie viel und warum.«

»Valeria, ist der Polizeivize da?«, fragte Nelly.

»Im Augenblick nicht, aber er sollte am frühen Nachmittag reinkommen«, antwortete sie. Valeria hatte ein ungutes Gefühl, ohne zu wissen, warum. Die Beschreibung des Leichenfundes hatte sie geschockt. Glücklicherweise passierten solche brutalen Verbrechen in Genua nicht so häufig.

»Wenn das nur nicht der Beginn einer Serie ist«, rutschte es ihr heraus. Marco warf ihr einen vernichtenden Blick zu.

»Und wieso sollte es? Wir haben doch zwei ›friedliche‹ Lösungen: unser Riesenbaby mit Vorstrafen oder eine Abrechnung im Prostituiertenmilieu. Also, beschrei es ja nicht!« Dabei griff er sich ungeniert an die Hoden, um Unglück abzuwehren. Valeria wurde rot und warf ihm einen beleidigten Blick zu.

»Bis wann ist Dottor Volponi in Urlaub?«, fragte Nelly ungeduldig.

»Der Polizeipräsident ist vor drei Tagen nach Elba gefahren, wir werden ihn also eine ganze Weile nicht sehen.«

»Gerolamo?«

»Idem. Ist gerade mit der ganzen Familie nach Sizilien abgerauscht. Du musst dich also mit mir begnügen, Nelly«, bemerkte Marco ironisch.

»Eifersüchtig, was?«, stichelte die Kommissarin zurück.

»Ich an Carlos Stelle, würde aufpassen wie ein Luchs«, witzelte ihr Vize. Er war kein bisschen eifersüchtig auf den Assistenten Gerolamo Privitera, der inzwischen zum Chefassistenten aufgestiegen war. Beruflich waren sie ein perfekt eingespieltes Dreiergespann.

»Mal im Ernst, ich wäre froh, wenn er hier wäre. Der Typ hat’s einfach drauf.«

»Ganz deiner Meinung. Außerdem denken drei Köpfe besser als zwei«, seufzte Nelly. »Schau bitte mal nach, ob Dottor Fattori im Büro ist«, sagte sie an Valeria gewandt. »Wenn ja, sag ihm, dass wir sofort mit ihm sprechen möchten.«

Franco Fattori war da. Er saß in seinem geräumigen, mit Zettelkästen und Aktenordnern zugekramten Büro. Seit Jahren war der Chef der Sitte für das Ressort Prostitution zuständig und hatte wahrlich alle Hände voll zu tun. Überdurchschnittlich groß, hager und krumm, wie er war, mit seinem graumelierten Haar, das ihm bis über den Kragen fiel, mit hoher Stirn und dicker Brille hatte er eher etwas von einem Universitätsprofessor als von einem Polizisten. Er war ein wahrer Experte der neuen Prostitution, die einige Jahrzehnte schon das alte und relativ friedliche Milieu von einst aufmischte. Seit dem Auftauchen der Sexsklavinnen, wie die Zeitungen sie tituliert hatten, die sich sowieso nur für das Thema interessierten, wenn es ein Verbrechen oder eine Tränendrüsenstory gab nach dem Motto: »Zur Prostitution gezwungene Immigrantin wird von einem verliebten Freier gerettet, der ihren Zuhältern die Stirn bietet.« Ansonsten gingen die Dinge ihren Gang. Natürlich wurde den Frauen, die aus dem Milieu ausbrechen wollten, ein gewisser gesetzlicher Schutz gewährt, doch die Strafen ihrer Ausbeuter waren grausam und abschreckend genug. Viele der Mädchen waren außerdem gar nicht in der Lage, von dieser Möglichkeit Gebrauch zu machen. Sie beherrschten die Sprache nicht, hatten keine Papiere, da sie ihnen von ihren Schindern abgenommen wurden, und setzten so gut wie nie einen Fuß vor die Tür ihrer Kerkerwohnungen. Verschiedene Vereinigungen versuchten, ihnen zu helfen, und rührige, beherzte Pfarrer engagierten sich höchstpersönlich. Wie Don Silvano Traverso zum Beispiel.

Nelly hatte sofort an ihn gedacht. Sie wollte ihn so bald wie möglich anrufen. Doch jetzt saßen sie und Marco vor Fattoris aktenübersätem Schreibtisch, auf dem ein brandneuer Computer thronte. Wortlos sahen sie zu, wie er die Aufnahmen begutachtete, die vor wenigen Stunden am Righi gemacht worden waren. Endlich sagte er etwas.

»Senegalesin, würde ich sagen, könnte aber auch Nigerianerin, Sudanesin oder Ghanaerin sein. Seit im Sudan Krieg herrscht, sind viele davon hier angekommen, Flüchtlinge ohne Papiere, wahre Gespenster. Die Senegalesinnen und die aus Ghana kenne ich besser, wir haben auch schon einige Male ein paar Madames festgenommen, ein paar Netzwerke hochgehen lassen, aber die bilden sich sofort neu. Diese Frauen – denn häufig stecken Frauen hinter dem Business – sind gnadenlos. Sie terrorisieren die Mädchen, drohen ihnen mit Hexerei, mit Voodooritualen. Sie nehmen ihnen den Pass weg, wenn sie denn einen haben, und um ihn wiederzubekommen, müssen die Mädchen astronomische Summen blechen. Wenn sie nicht spuren, gibt’s Saures. Wenn sie Kinder haben, hier oder in der Heimat, sind sie noch erpressbarer. Ein paar besonders Furchtlose schaffen es, selber Madames zu werden und andere auszubeuten. Wir haben zahlreiche Fahndungsfotos von denen, die uns während der Razzien ins Netz gegangen sind, aber in diesem Fall nützen sie uns wenig«, schloss er und tippte sich vielsagend an den Kopf.

»Stimmt. Aber wir werfen trotzdem einen Blick darauf.«

Nelly seufzte. Die Identifizierung des Mädchens würde nicht einfach werden. Doch sie irrte sich.

»Verdammt noch mal, Nelly, schau dir die hier an. Die hat genau so ein Lurex-Top an wie unsere.«

Aufgeregt zeigte Marco auf ein Foto. Und tatsächlich trug das als Halbfigur abgelichtete Mädchen mit dem breiten, wachen Gesicht und den großen, ausdrucksvollen Augen das gleiche Oberteil wie die Tote.

»Die? Die heißt ... wartet mal ... Paulette N’diaye, aus dem Stall von Claire Ngoro, einer der bekanntesten Madames, zumindest, was uns betrifft. Wir sind schon seit einer ganzen Weile an ihr dran, doch bisher ist sie uns immer durch die Lappen gegangen. Aber ehrlich gesagt quellen die chinesischen Klamottenhöker von diesen knappen Glitzertops geradezu über. Die sind momentan total angesagt, nicht nur unter Prostituierten, bei der Hitze ... Außerdem ist dieses Mädchen hier nicht dabei, weil sie nachweislich eine Prostituierte ist, sondern weil sie bei Claire wohnt. Sie hat noch keine Aufenthaltsgenehmigung, ist ohne geschnappt worden, und wenn sie sich nicht in den nächsten paar Tagen eine besorgt, muss sie das Land verlassen und nach Hause fahren. Oder hätte sie müssen, sollte sie denn euer Opfer sein. Am besten reden wir ein paar Takte mit Madame, ich begleite euch gern.«

Madame Claire Ngoro wohnte in der Via del Campo, doch mit der graziosa aus De Andrés Lied hatte sie nicht das Geringste gemein. Sie war groß, rund und stattlich. Ihrer Landestracht entsprechend trug sie einen in Gelb-, Rot- und Grüntönen leuchtenden »Kaftan«, wie Nelly das weite Gewand in ihrer Unwissenheit betitelte, und dazu große, auffällige Ketten und Ohrringe. Sie wirkte weder jung noch alt. Vierzig? Fünfzig? Nelly vermochte es nicht zu sagen. Laut ihrer Akte war sie einundfünfzig. Ihr Haar wurde von einem kunstvoll gebundenen Turban aus dem gleichen Stoff wie ihr Gewand gehalten. Ihr schwarzes Gesicht verriet keine Regung.

Sie hatte die drei Polizisten hereingelassen, sie aufgefordert, sich zu setzen, und selbst auf einem mit großen bunten Kissen bestückten Korbsofa Platz genommen. Mit einem kaum wahrnehmbaren Lächeln auf den üppigen Lippen und ohne ein einziges Mal die Lider zu senken, sah sie sie aufmerksam an. Nelly ließ den Blick durch die geräumige Wohnung im letzten Stock eines baufälligen Mietshauses wandern, das der Sanierung bislang entgangen war. Es gab wenige Möbel, viele Matten, bunte Teppiche, grimmige Masken an den Wänden und afrikanische Skulpturen, Waffen und Musikinstrumente, vornehmlich Trommeln, in jeder Ecke.

»Etwas zu trinken, Signori?«

Claire sprach korrektes Italienisch mit exotischem Akzent. Wie sie mit ihrem Turban in den Kissen lehnte, strahlte sie Kraft und Würde aus. Sie war auf ihrem Territorium. Die Polizisten waren die Eindringlinge. Fattori kam gleich zur Sache.

»Madame Claire, kennen Sie dieses Mädchen?«

Mit herablassender Geste griff Madame Claire nach dem Foto und widmete sich seiner Betrachtung. Dann hob sie den Blick und sah ihn fragend an.

»Und der Kopf?«

»Der Kopf fehlt. Genau das ist unser Problem. Doch wir glauben, dass es sich um eine Ihrer ... Schützlinge handelt, um eine gewisse Paulette N’diaye, die Italien in wenigen Tagen hätte verlassen müssen, da sie keine Aufenthaltsgenehmigung besitzt. Erinnern Sie sich?«

»Und ob ich mich erinnere. Paulette ist meine Nichte, ein tüchtiges Mädchen, das hierhergekommen ist, um zu arbeiten, und ihr habt sie ohne Grund festgenommen und wollt sie fortschicken.«

Die Wut in Claires tiefer Stimme war nicht zu überhören.

»Vielleicht ist sie schon weg, Madame Claire. Im Jenseits. Seit wann haben Sie sie nicht mehr gesehen? Wissen Sie, wo Paulette ist?«

Die Frau schien zu überlegen. Dann sagte sie sehr langsam: »Gestern Abend ist sie nicht nach Hause gekommen. In ihrem Zimmer ist sie nicht. Ich habe gedacht, sie sei ... abgehauen, hätte sich aus Angst, Italien verlassen zu müssen, versteckt. Aber ich habe keine Ahnung, ob diese ... Sache da Paulette ist«, schloss sie entschieden.

»Wir erwarten nicht, dass Sie sie anhand des Fotos wiedererkennen. Dazu wird eine offizielle Identifizierung im Leichenschauhaus nötig sein.«

»Ich verstehe. Einverstanden. Ich will auch wissen, was mit Paulette passiert ist, genau wie ihr, nein, noch viel mehr. Wann gehen wir?«

Sie hatte sich an Nelly gewandt, als wüsste sie, dass sie das Sagen hatte.

»Sofort, wenn es Ihnen recht ist.«

»Das ist mir sehr recht. Ich sage nur schnell Sue und Malina Bescheid, dass sie auf die Kinder aufpassen, dann komme ich.«

Sie verschwand hinter einer von einem geometrisch gemusterten Vorhang verdeckten Tür, durch die gedämpftes Kichern und Kinderstimmen zu hören waren. Nach wenigen Minuten war sie wieder zurück.

»Gehen wir. Ich bin bereit.«

Der Pathologe Dottor Nardini empfing die Polizisten und ihre exotische Begleitung mit gewohnter Gelassenheit. Ihn brachte nichts so leicht aus der Ruhe. Doch Nelly, die ihn gut kannte, bemerkte, dass der Mann in seinem Innersten erschüttert war. Das Mädchen ohne Kopf war offenbar selbst für ihn etwas Neues. Er führte sie in den Saal, in dem Paulette – wenn sie es denn war – unter einem Tuch lag und auf die Autopsie wartete. Das ging schnell, dachte Nelly und bemerkte, dass Madame Claire unter ihrer unerschütterlichen Maske höchst angespannt war.

Als Nardini das Tuch zurückzog, sagte sie mit einem kaum merklichen Beben in der Stimme: »Könnten Sie ihren rechten Arm umdrehen, Dottore?«

Nardini folgte ihrer Bitte, und Claire musterte die Arminnenseite des reglosen Körpers. Ganz oben, fast unter der Achsel, war ein Leberfleck. Sie schwieg für ein paar endlos scheinende Sekunden.

»Es ist Paulette«, sagte sie schließlich. Dann geschah etwas für alle Unerwartetes. Aus den Augen der Frau quollen Tränen. Irritiert fuhr sich Madame Claire mit einem Zipfel ihres weiten Kleides übers Gesicht. Dann wandte sie sich ab, damit die anderen ihren Schmerz nicht sähen. Fattori warf Nelly und Marco einen verdatterten Blick zu. Bei Madame hatte man keine Gefühle erwartet, geschweige denn offen gezeigte Erschütterung. Stumm verließen die vier den Raum.

»Wann haben Sie Paulette das letzte Mal gesehen?«, fragte Nelly sanft. Die Frau schien ihre Selbstbeherrschung wiedergewonnen zu haben.

»Gestern Abend, beim Essen. Sie war sehr traurig, weil sie befürchtete, fortzumüssen. Diese verdammte Aufenthaltsgenehmigung! Zu Hause hatte sie niemanden mehr. Meine Schwester – ihre Mutter – ist vor vier Jahren gestorben. Der Vater ist von zu Hause abgehauen, als sie noch klein war. Sie ist bei katholischen Ordensbrüdern untergekommen, Franzosen. Ich hatte sie hierhergeholt, sie sollte bei mir leben, doch man hat mir einen Haufen Schwierigkeiten gemacht.«

Ihr Blick wurde eisig und richtete sich auf Fattori, der sich vor Unbehagen wand.

»Sie haben zu viele Nichten, Madame«, bemerkte er ohne Ironie.

»Das mag sein, Dottor Fattori, aber ich habe nun einmal ein großes Herz.«

»Wissen Sie, wo Paulette gestern Abend hingegangen ist, Claire?«

Nelly wollte den leichten Vorteil, den Madames Betroffenheit ihr gab, nicht ungenutzt lassen.

»Paulette war volljährig. Sie ging, wohin sie wollte. Nach dem Abendessen ist sie ausgegangen.«

»Hat sie für Sie gearbeitet?«

»Sie erwarten doch wohl nicht, dass ich Ihnen darauf antworte?«

»Wollen Sie, dass wir Paulettes Mörder finden?«

»Es war ein Simba. Ein Löwe. Eine Bestie, die ihren Kopf als Trophäe genommen hat.«

»Und finden Sie, dieser Simba sollte weiter frei in der Stadt herumlaufen?«

»Nein. Er muss sterben. Sterben.«

»Ihn hinter Gitter zu bringen würde vielleicht schon reichen.«

»Lächerlich. Hinter Gitter? Löwen bringt man nicht hinter Gitter. Man tötet sie, wenn sie einen Menschen getötet haben. Haben sie einmal Menschenblut geleckt, lassen sie nicht mehr davon ab.«

»Mit wem ist Paulette gestern ausgegangen? War sie mit jemandem verabredet?«

»Ich weiß es nicht. Sie war jung und wollte Spaß haben. Sie ist mit Malina ausgegangen, einem Mädchen, das auch bei mir wohnt.«

»Wir würden gern mit dieser Malina reden.«

»Kein Problem. Sie ist zu Hause.«

»Haben Sie sich mit Ihrer Nichte gut verstanden? Ist es vielleicht möglich, dass der Löwe eine Löwin ist? Dass Paulette Sie wütend gemacht hat? Wer weiß, vielleicht hat sie sich nicht erkenntlich genug gezeigt. So was kommt vor.«

Madame Claires Gesichtsausdruck änderte sich schlagartig. Ein unverständlicher Wortschwall brach aus ihr heraus. Es war offensichtlich, dass es sich um Beschimpfungen handelte. Ohne sich aus der Ruhe bringen zu lassen, wartete Nelly ab, bis sie geendet hatte.

»Äußerst schmeichelhaft, vielen Dank. Wir müssen jede Möglichkeit in Betracht ziehen, Madame. Wir wollen herausfinden, wer es gewesen ist. Ihre Empfindlichkeiten interessieren uns dabei nicht.«

Die Frau hatte sich inzwischen wieder gefasst. Mit einer gemessenen Geste zog sie den Ausschnitt ihres langen Gewandes zurecht. Der Zorn war genauso schnell aus ihrem Gesicht gewichen, wie er gekommen war. Ihre ausladende Brust hob und senkte sich rasch.

»Ich verstehe. Aber das ist ein Verdacht, der ... Paulette war wirklich meine Nichte. Sie war erst achtzehn Jahre alt. Bei den französischen Ordensbrüdern hatte sie eine gute Erziehung genossen. Sie war voller Hoffnung. Voller Träume. Ich weiß, was Sie von mir denken. Aber es gibt Grenzen. Ich bin ein menschliches Wesen, auch wenn ihr es nicht glaubt. Auch ich bin in der Lage, jemanden zu lieben.«

Die ganze Rückfahrt über verlor die Frau kein Wort mehr. Sie fragte nur, ob sie Paulettes Leichnam wiederbekommen könnte, um ihn würdig zu bestatten. Als sie erfuhr, dass dies momentan nicht möglich sei, protestierte sie nicht. Sie schien sehr weit weg zu sein. Nelly hatte den Eindruck, als wäre nur ihr Körper anwesend. Ihr Geist war Tausende Kilometer weit entfernt. Vielleicht war er in das Dorf zurückgekehrt, wo sie und Paulettes Mutter geboren worden und aufgewachsen waren, um dann zwei sehr unterschiedlichen Schicksalen entgegenzugehen. Nelly empfand eine instinktive Sympathie für die schwarze Matrone, die bestimmt einiges auf dem Kerbholz hatte.

Unterdessen hatte die Hitze die Stadt wieder voll im Griff. Die dünnen Absätze der Frauensandalen hinterließen Löcher im weichen, von der Sonne geschmolzenen Asphalt. Die Schatten der Häuser und Palazzi in den Gassen verhießen trügerische Erleichterung, doch man schwitzte selbst dort und auch, wenn man sich nicht bewegte. Die typischen Gerüche der Altstadt waren stärker denn je, zuweilen unerträglich. Zum Glück gewöhnte man sich nach einer Weile daran. Einen so glühend heißen Sommer hatte es lange nicht gegeben. Das Wasser wurde knapp, und wenn es nicht bald regnete, musste es rationiert werden. Ein trauriges Genueser Sommerritual.

Die drei Polizisten und die Farbige betraten eine Bar an der Piazzetta del Campo, um etwas zu trinken. Claire bestellte einen heißen Minzetee. Die Temperaturen schienen ihr nicht sonderlich viel anzuhaben. Nelly und Marco warfen sich vielsagende Blicke zu, Fattori setzte sich an eines der wenigen Tischchen vor der Bar und rauchte eine Zigarette nach der anderen. Madame Claire war abwesender denn je. In ihrem Blick lag eine stiere, grimmige Härte. Ein hoch aufgeschossener Senegalese ging an der Bar vorbei, ein echter Riese, ebenfalls in farbenfrohe Landestracht gewandet. Er grüßte Madame ehrerbietig in Wolof. Sie stand auf, ging auf ihn zu und flüsterte ihm rasch etwas ins Ohr. Das Gesicht des Mannes blieb unbewegt, nur die Lider senkten sich kurz und bedeckten die Augen. Nelly, die die Szene beobachtet hatte, nahm an, dass sie ihn über Paulettes Tod informiert hatte. Sie wechselten schnell ein paar Sätze, dann machte der Mann auf dem Absatz kehrt und eilte davon. Mit hartem Blick wandte sich Madame an die drei Polizisten.

»Nun, wollen wir gehen?«

»Sue, Malina«, rief Madame energisch, kaum dass sie die Wohnung betreten hatten. Zwei Mädchen, eine schlank und gut gebaut, die andere rundlicher und draller, erschienen in der Tür, die in die hinteren Zimmer führte. Sie waren westlich gekleidet, wie jedes x-beliebige Mädchen an diesen drückend heißen Sommertagen: Flipflops an den Füßen, farbige Tops und geblümte Miniröcke, die ihre dunkle Haut zur Geltung brachten. Ethnisch anmutende Ketten und Ohrringe, für die Nelly eine Schwäche hatte. Beide trugen das gelockte Haar kurz. Sie lächelten Claire und die Besucher fragend an.

Claire deutete auf den Lederpuff und das Korbsofa, und alle nahmen erwartungsvoll Platz. Ein durchdringender Weihrauchgeruch lag in der Luft, den Nelly beim ersten Besuch nicht wahrgenommen hatte. Claire stellte die beiden Mädchen knapp vor. Die Hübschere war Sue. Malina, die Kräftigere, schien ein paar Jahre älter zu sein.

»Malina, wo bist du gestern Abend mit Paulette hingegangen?«, fragte Claire barsch.

Die junge Frau schien nicht zu verstehen. Sie klimperte mit den Lidern und sah sie fragend an. Madame wiederholte die Frage in ihrer Sprache. Diesmal nicke Malina und antwortete in holprigem Italienisch:

»Ich habe schon heute Morgen gesagt. Als wir gegangen sind, Paulette mir hat gesagt, sie hat wichtige Verabredung, und ist schnell weggegangen.«

»Hat sie gesagt, mit wem?«

Diesmal sah Madame Claire sie eindringlich an. Malina rutschte verlegen hin und her.

»Ich habe schon heute Morgen gesagt, sie wollte nicht sagen.«

»Paulette ist tot. Sie wurde auf abscheuliche Weise umgebracht«, schaltete sich Marco ein. Die beiden Mädchen fuhren erschrocken zusammen, und Malina fing an zu weinen. Auch die andere schien den Tränen nahe. Nelly wartete, bis sie sich ein wenig gefangen hatte, und fragte dann sanft:

»Hat Paulette sich mit jemandem getroffen, seit sie nach Genua gekommen ist? Oder in letzter Zeit?«

Malina warf Madame einen unsicheren Blick zu. Die Frau nickte. Dann wandte sie sich mit zitternder Stimme an Nelly:

»Paulette ist ein paar Mal mit einem Jungen aus Genua ausgegangen. Ein großer Junge, wir sind ein paar Mal ... am Meer gewesen, in San Giuliano.«

»Ein großer Junge ... Wenn das mal nicht unser Freund Gianluca ist«, raunte Marco Nelly ins Ohr.

»Weißt du, wie der Typ heißt?«, fragte er Malina.

Malina schluckte trocken. Dann sagte sie zögernd: »Der Name erinnere ich nicht. Wir sagten ›großer Junge‹.«

»Wir werden dir ein paar Fotos zeigen. Vielleicht erkennst du den wieder, den ihr am Meer kennengelernt habt. Und du weißt wirklich nicht, mit wem sie sich gestern Abend treffen wollte?«

»Ich nicht sicher. Sie mir immer gesagt, wenn sie ihn getroffen. Gestern Abend nicht. Arme Paulette. So klein.«

Malina brach wieder in Tränen aus. Sue nahm sie in die Arme.

Der schwere Vorhang wurde zur Seite geschoben, ein kleiner schwarzbezopfter Kopf tauchte auf, blickte neugierig in die Runde und fragte: »Warum weinst du, Malina?«

»Geht nach nebenan. Es reicht fürs Erste.«

Madames Ton ließ keine Widerrede zu. Die Mädchen standen hastig auf, verabschiedeten sich kurz und verschwanden mit der Kleinen hinterm Vorhang.

»Madame, Malina soll morgen aufs Präsidium kommen, um einige Erkennungsfotos in Augenschein zu nehmen. Um zwölf Uhr«, sagte Nelly und erhob sich.

»Sie haben also einen Verdacht? Wer ist es?«

Das Gesicht der Frau hatte sich gewandelt. Sie sah aus wie ein zum Angriff bereites Tier.

»Nichts Konkretes. Haben Sie Feinde? Jemand, der Sie vielleicht so sehr hasst, dass er Ihrer Nichte so etwas antun würde, um Sie zu treffen? Transversale Rache nennen wir das.«

»Das ist schwer zu sagen. Selbst wer redlich ist und Gutes tut, wird von der Giftschlange gebissen«, entgegnete Claire unbewegt. »Doch ich kann mir nicht vorstellen, wer mir so etwas antun würde. Nein, keine Ahnung.«

»Vielen Dank für Ihr Entgegenkommen, Madame Claire, und bis bald.«

Mit einem tiefen Seufzer erhob sich Madame und begleitete sie zur Tür.

»Bis bald. Finden Sie den Mörder. Ich verlasse mich darauf, dass Sie ihn finden.«

»Wieso ihn? Es könnte auch eine ›sie‹ sein«, bemerkte Fattori gelassen. Die Frau schüttelte gespielt vorwurfsvoll den Kopf und schloss lautlos die Tür.

»Was sagst du, Nelly? Findest du die Wippchen von der Lieblingsnichte glaubwürdig?«

Marco zog eine Zigarette aus dem Päckchen in seiner Hand und sah seine Chefin an. Die Kommissarin fühlte sich nicht wohl in ihrer Haut, der Schweiß rann ihr über den Körper, und das Haar im Nacken war so nass, als hätte sie gerade gebadet.

»Schon möglich. Aber die ist ein verdammt harter Knochen und bestimmt keine Heilige.«

»Na, da könnt ihr Gift drauf nehmen. Die ist wendig wie ein Aal. Und schlau obendrein. Sie weiß ganz genau, wie sie die Mädchen an sich bindet, nicht nur mit Gewalt und Erpressung. Sie bietet ihnen eine gewisse Sicherheit und Schutz. Für Frauen in so einer Lage, fern der Heimat, mit einem Haufen Problemen ist das von großer Bedeutung. ›Sie löst unsere Probleme‹, hat mir einmal eines ihrer Mädchen gesagt. Bisher hat noch keine gegen sie ausgesagt.« Fattori schien etwas für die Senegalesin übrigzuhaben. Nelly und Marco sahen sich verdutzt an.

»Ich bin verdammt neugierig, wie Malina reagiert, wenn wir ihr Sonnis Foto unter die Nase halten.« Marco blieb stur auf seinem Kurs. Für ihn bestand kaum ein Zweifel, dass Gianluca schuldig war.

»Das wäre allerdings ein Volltreffer, wenn sie ihn wiedererkennen würde. Wir werden sehen«, seufzte Nelly, nicht ganz so überzeugt. »Was haltet ihr davon, wenn wir einen Happen essen gehen? Seit heute Morgen habe ich nur Kaffee und anderes Zeugs getrunken. Nichts gegen viel Flüssigkeit bei der Hitze, aber ich fange langsam an, doppelt zu sehen.«

»Na schön, machen wir eine Pause. Wie wär’s damit?«, fragte Fattori und zeigte auf eine Crêperie zu ihrer Linken. Die anderen nickten erschöpft und betraten das verlockend duftende Lokal in der Via Lomellini. Ohne sich an den konsternierten Blicken ihrer Begleiter zu stören, schlang Nelly eine riesige Crêpe mit Nutella hinunter. Anspannung machte sie leider hungrig. Wenn sie einsetzte, wenn sie da war und wenn sie nachließ.

»Geköpft, und der Kopf ist futsch? Wann hat man so was je gesehen, und das hier in Genua! Wir sind doch nicht im Dschungel von Borneo! Belin1!!«

Der stellvertretende Polizeichef und Leiter des Einsatzkommandos Gaetano Esposito hatte sich ein paar typische Genueser Kraftausdrücke zugelegt, ohne jedoch seinen eleganten neapolitanischen Akzent dranzugeben. In seinem meerblauen Anzug mit weißem Hemd, wie immer ohne Krawatte und mit braunen Segelschuhen an den nackten Füßen, sah er kein bisschen wie ein Bulle aus. Er war noch braungebrannter als sonst, was die hellen Augen in seinem schönen Gesicht besonders zum Leuchten brachte. Nelly hingegen hing vollkommen erledigt und wie ein schlaffer Sack im Sessel vor seinem wuchtigen Schreibtisch. Die Hitze und vor allem das entsetzliche, grausame Verbrechen hatten ihr schwer zugesetzt. Der Mann hielt inne und musterte sie. Das war nicht die Nelly, die er kannte. Sie trug noch immer den alten Trainingsanzug vom Morgen – inzwischen war es später Nachmittag. Ihre sonst so wachen Augen in dem offenen, von Sommersprossen übersäten Gesicht

(die Sonne ließ sie doppelt sprießen) starrten gedankenverloren ins Leere. Zwischen den Brauen hatte sich eine senkrechte Falte in ihre Stirn gegraben. Der stellvertretende Polizeichef wechselte das Thema.

»Wo ist Carlo eigentlich gerade? Wie geht es ihm?«

Carlo war Nellys Lebensgefährte. Er befehligte Erdgastanker und war wie alle Seeleute viel unterwegs. Sie machte eine vage Handbewegung in die Ferne und seufzte.

»Ich glaub, es geht ihm gut. Er ist irgendwo oben im Norden. Ich weiß es nicht genau. Aber im September ist er wohl wieder zurück.« Und deshalb habe ich im September Urlaub genommen, verflixt! Dafür verbringe ich den heißesten Sommer des Jahrhunderts im Büro, und als wäre das nicht genug, kommt irgend so ein Gestörter auf die Idee, seine Opfer zu enthaupten.

Carlo und sie hatten geplant, in die Camargue zu fahren. Wie weit weg die Ferien doch waren, ungefähr genauso weit wie Carlo. Was würde bis September noch auf sie zukommen? Nichts Gutes, raunte ihr ein gehässiges Stimmchen zu. Nelly verdonnerte es zum Schweigen, gab sich einen Ruck und richtete sich im Sessel auf. Doch Gaetano Esposito – von seinen Freunden Tano genannt – war nicht entgangen, dass irgendetwas im Argen lag.

»Geh nach Hause, stell dich unter die Dusche und mach dich frisch, dann hole ich dich ab, und wir gehen was essen«, sagte er unvermittelt als Freund und nicht mehr als Kollege.

Ihre Miene hellte sich auf. Ja, essen gehen. Mit Tano.

»Liebend gern. Das ist genau das, was ich nach so einem Tag brauche. Aber ... muss ich dann nicht die Rache irgendeiner reizenden jungen Dame fürchten, wenn ich mit dir ausgehe?«

Tano war geschieden und hatte dauernd neue Freundinnen. Die letzte, eine gewisse Milena aus Pavia, hatte Nelly etwas näher kennengelernt. Sie waren ein paar Mal miteinander ausgegangen, zusammen mit Carlo, aber inzwischen hatten die beiden Schluss gemacht. Umso besser, Milena war nicht so doll. Eine Steuerberaterin, die für ihre Arbeit lebte, ebenfalls geschieden, kinderlos und nicht im Mindesten daran interessiert, sich mit Tanos Kindern zu befassen, wenn er sie endlich einmal ein wenig bei sich hatte. Egozentrisch und neurotisch, die war überhaupt nichts für ihn. Aber für Tanos Frauen hatte sie nie viel übrig. Vielleicht hatte er einfach kein gutes Händchen. Und so ließ er sie nach kurzer Zeit – nach einem, zwei oder drei Monaten – wieder sausen. Oder sie ließen ihn sausen, denn der Polizeivize war auch nicht ohne, so unbeschwert und herzlich er auch daherkam. Die Scheidung hatte ihm schwer zugesetzt, und er litt unter der Trennung von seinen Kindern. Er war misstrauisch und unbeständig (geworden?).

»Was denn für Rache, ich bin der freieste Junggeselle von ganz Genua und Umgebung«, versicherte er ihr mit Unschuldsmiene.

»Na, dann nehme ich die Einladung gerne an. Wir können noch ein bisschen über die heutigen Ereignisse reden und uns entspannen. Wunderbar. Wann kommst du vorbei?«

»Um neun. Bei dieser Hitze kann man um neun gerade mal wieder atmen. Aber kein Wort über die Arbeit.«

»In Ordnung. Wo gehen wir hin?«

»Lass dich überraschen.«

»Noch ein Rätsel, das gelöst werden will. Na gut, die Lösung haben wir bald. Also bis um neun.«

Valeria, Informatikexpertin und organisatorisches Rückgrat des Büros, hatte Nelly ausgelaugt beim Vizepolizeichef eintreten sehen und sah sie jetzt frisch und energiegeladen wieder herauskommen, doch sie war zu müde und verschwitzt, um sich darüber Gedanken zu machen. Erleichtert dachte sie daran, dass der Arbeitstag bald zu Ende war und sie sich zu Hause in eine Badewanne mit Eiswürfeln gleiten lassen würde. Davon hatte sie den ganzen Tag geträumt.

So schnell, wie es ihr abgekämpfter Zustand erlaubte, legte Nelly den gewohnten Weg vom Polizeipräsidium zu ihrer Wohnung in der Altstadt zurück, der durch den Verbindungstunnel zwischen Foce-Viertel und Zentrum führte. Vom Straßenpflaster stiegen Hitzeschwaden auf, und im Tunnel schienen sich die Abgase des gesamten Tages gesammelt zu haben. Man sah die Hand vor Augen nicht. Wie immer hielt Nelly beim Durchqueren des Tunnels den Atem an und kam hustend und halb erstickt wieder heraus. Erleichtert bog sie in die Gassen der Altstadt ein. Noch ein letzter Kraftakt, die fünf Stockwerke per Treppe hinauf, und dann nichts wie in die Wohnung und die Tür zuschlagen. Auf dem Weg ins Bad riss sie sich Schuhe und Kleider herunter und warf sie in die Ecke. Ihr Sohn Maurizio (von allen nur Mau genannt), der auf dem Balkon über seinen Büchern hing, sah sie vorbeihuschen und prustete los.

»Manchmal bist du echt albern, weißt du das?«, rief er ihr nach, während sie mit einem grußähnlichen Grunzen im Bad verschwand. Endlich, was für ein Genuss, das Wasser (das nicht kalt, sondern allenfalls lauwarm aus den glühenden Rohren kam, aber immerhin) und das Duschgel, runter mit dem klebrigen Sand aus Righi, runter mit dem blanken Entsetzen dieses Julimorgens.