Lenka Reinerová

Das Traumcafé einer Pragerin

Erzählungen

Impressum

ISBN 978-3-8412-0517-9

Aufbau Digital,

veröffentlicht im Aufbau Verlag, Berlin, August 2012

© Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin

Die Originalausgabe erschien 1983 bei Aufbau; Aufbau ist eine Marke der Aufbau Verlag GmbH & Co. KG

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Umschlaggestaltung Torsten Lemme

unter Verwendung eines Fotos von getty images

Konvertierung Koch, Neff & Volckmar GmbH,

KN digital – die digitale Verlagsauslieferung, Stuttgart

www.aufbau-verlag.de

Inhaltsübersicht

Das Traumcafé einer Pragerin

Der Frühvogel

Der graue Wölfling

Glas und Porzellan

Der Ausflug zum Schwanensee

Unterwegs mit Franz Schubert

Zweite Landung in Mexiko

Das Traumcafé einer Pragerin

Wohin, so frage ich mich oft, wenn ich durch mein Prag streife, wohin sind die Kaffeehäuser verschwunden, in denen man über einer Tasse schwarzen Kaffees (den sogenannten türkischen gab es ja bei uns, Gott sei Dank, überhaupt nicht) einen halben oder beinahe den ganzen Tag diskutieren und Pläne schmieden, viel erfahren, interessante Menschen beobachten oder auch kennenlernen, Freundschaften schließen oder gar eine große Liebe finden konnte? Und weil es sie nicht mehr gibt, diese Zufluchtswinkel ferner Jahre, spinne ich jetzt gern an einem ganz persönlichen Prager Traum.

Irgendwo in dem schleierhaften blau-grauen Dunst über den von Grünspan bezogenen Kuppeln und den gestrengen Kirchtürmen, glaube ich in solchen Augenblicken zu wissen, gibt es ein Café mit vielen Tischchen, und von jedem kann man hinunterblicken in unsere Stadt, und die das von dort aus tun, haben hier fast alle einmal gelebt. Und ich habe sie gekannt. Gewiß, manche nur aus Büchern – aus von ihnen geschriebenen Büchern oder aus solchen über sie –, manche nur von Bildern, andere durch ihre Musik. Einige standen mir nahe, die habe ich gut gekannt, war mit ihnen befreundet und bin es auch, trotz der kosmischen Entfernung zwischen uns, sozusagen weiterhin geblieben. Die legen mitunter des Himmels Tagblatt beiseite und beobachten mich von ihrem luftigen Stammcafé aus. Manchmal schütteln sie dabei erstaunt oder mißbilligend den Kopf, können nicht verstehen, wenn ich mich in etwas stürze, das ihnen, da sie sich ja nicht mehr unter uns bewegen, übertrieben oder gar nutzlos erscheint, halten mir aber dennoch den Daumen, damit es gelingt. Oder sie raten mir – und das geschieht immer häufiger –, lieber etwas kürzer zu treten nach all den Jahren mit ihren zahlreichen bösen und guten, oft kaum faßbaren sturzartigen Veränderungen. Ich sollte mich schon etwas zurückhalten, meinen sie, es gibt doch so viele neue, begabte Akteure . . .

Wäre ich gläubig, könnte ich meine Freunde hoch oben in dem überirdischen Kaffeehaus als eine Art Schutzengel ansehen. Allerdings, die Personen, die mein Traumcafé frequentieren, hatten, so lange sie unter uns weilten, mit solchen himmlischen Wesen kaum etwas gemein. Aber wer weiß!

Übrigens – Schutzengel für mich? Welcher Gott könnte sie mir denn schicken? Und in welcher Sprache sollte ich ihn anrufen? Im Deutsch meiner Mutter, im Tschechisch meines Vaters oder im Hebräisch meiner Vorfahren? Aber vielleicht bedient sich der liebe Gott an der Schwelle des künftigen Jahrtausends einer neuen, uns noch unbekannten Sprache, um alle Bewohner der Erde über ihre unvernünftigen künstlichen Grenzen hinweg einem ertragbaren Miteinander zuzuführen. Ein solcher Gott wäre fürwahr unser Erlöser. In Prag hat er sich noch nicht gezeigt.

Und so widerfährt es mir, daß ich mich, in Bedrängnis geraten, mitunter bittend oder gar beschwörend an die Stammgäste des Traumcafés wende: Ihr dort irgendwo, so helft mir doch, ihr wißt ja, was ich jetzt tun oder entscheiden muß. Soll ich oder soll ich nicht? Sonderbar – oft weiß ich dann mit einem Mal wirklich, glaube zumindest zu wissen, was ich tun oder nicht tun soll. Also doch Schutzengel? Über einer Tasse überirdischen Kaffees? Warum eigentlich nicht.

Am Ende der dreißiger Jahre wohnte ich in der Prager Melantrichgasse Nr. 7. Die Nummer 14 mit dem prächtigen Bärenportal ist das Geburtshaus des Schriftstellers Egon Erwin Kisch. Als ich in der Nr. 7 mein Dachzimmer bezog, lebte im Bärenhaus noch Mutter Kisch, verehrt und geliebt nicht nur von ihren Söhnen, auch von deren breitem Freundeskreis. Wie alt wäre sie jetzt, wo doch ihr Egonek schon auf mehr als einhundertundzehn Jahre zurückblicken kann? Was würden die beiden zur heutigen Melantrichgasse sagen?

Nunmehr befindet sich hier ein feines Restaurant mit entsprechend feinen Preisen, das Restaurant Mucha heißt, mit unserem Landsmann, dem Maler Alphonse Mucha, wohl aber nur den Namen gemein hat; ferner der Laden einer Firma mit Gesundheitskost namens Country life und gegenüber meinem einstigen Wohnhaus eine elegante kleine Cafeteria. In den letzten Vorkriegsjahren gab es dort ein Stundenhotel, auf dem Gehsteig davor standen abends die Mädchen herum, und die häufigsten Passanten in der kurzen Straße waren neben ihren Kunden Literaten, aus Hitlers Drittem Reich emigrierte Antifaschisten und Egon Erwins Prager Freunde, die alle bei Mutter Kisch Kaffee und Kuchen und, falls notwendig, auch tatkräftige Hilfe bekamen. Internationaler Tourismus? Davon träumte die Melantrichgasse damals noch nicht einmal.

»Für die feschen Dinger vor dem Puff bin ich mit den gestrandeten Größen und müden Kämpen aus der Literaturbranche, die zu mir pilgern, wahrlich kein idealer Nachbar«, bemerkte Kisch einmal, als wir nach einer Veranstaltung des Bert-Brecht-Klubs in später Stunde nach Hause trabten. »Aber so ein journalistischer Grünschnabel und universeller Anfänger wirklichen Lebens wie du sollte die Nachbarschaft mit mir entsprechend zu schätzen wissen. Lade mich also jetzt gefälligst zu einer Tasse Kaffee ein.«

»Leider«, sagte ich damals, »die wäre heute wohl schon deine zweiundfünfzigste, und außerdem ist die Mitternacht schon längst vorbei. Grünschnäbel müssen ordentlich schlafen.«

Ob wohl der Egonek nunmehr von seinem unerreichbaren Kaffeehaustischchen aus der Meinung ist, daß ich in den Intentionen unserer Melantrichgasse, dann später des Hotel Moderne in Versailles, in dem ich kurz vor Kriegsausbruch eine Zeitlang gemeinsam mit dem Ehepaar Kisch wohnte, und noch später in der Geborgenheit der Exilgemeinschaft in Mexiko ein »wirkliches Leben« fertiggebracht habe? Es scheint mir wirklich ein bißchen ungerecht zu sein, wenn solche Überlegungen und gar erst die Antwort auf noch schwerwiegendere Fragen, die uns früher nicht einmal am Rande in den Sinn kamen, nunmehr mir allein überlassen bleibt. Mit der kollektiven Weisheit von einst kann man ja heutzutage keineswegs mehr zurechtkommen. Und im Traumcafé hüllen sich die Klugen von gestern in geheimnisvolles Schweigen.

Selbst als man ihm vom Prager Friedhof seinen Bronzekopf klaute, ließ mich Kisch von seinem himmlischen Café aus nichts davon wissen. So kam es, daß ich erst Wochen später bei einem zufälligen Besuch des Krematoriums und des anschließenden Kolumbariums damit konfrontiert wurde, daß nur noch die kleine Säule aus grünlich weißem Marmor mit Kischs Namen und dem seiner Frau Gisela am ursprünglichen Platz stand und dort, wo der recht geglückte Kopf aus Bronze auf uns herabzublicken pflegte, allein eine rostige Schraube aus dem steinernen Untersatz aufragte.

»Egonek«, rief ich bestürzt aus, »wo hast du bloß deinen Kopf gelassen?«

»Bei den Genossen«, lautete die trockene Antwort, und in typischer Kisch-Recherche fügte er noch hinzu: »Buntmetall ist heutzutage beinahe mehr gefragt als Edelmetall. Bronze zählt zu den besten Artikeln auf dem Schwarzmarkt und dazu noch ein Kischkopf! Wenn du mehr erfahren willst, mußt du dich an die kompetenten Spezialisten des internationalen Metallschieberkonzerns wenden. Habe ich dir nicht oft genug gesagt, daß du, besonders in so heiklen Angelegenheiten, nur mit stichhaltigen Informationen arbeiten darfst?«

In diesem heiklen Fall waren freilich stichhaltige Informationen selbst bei bestem Willen von keiner kompetenten Stelle zu erhalten. Als ich in einer Zeitungsnotiz meiner Empörung über diese niederträchtige Gaunerei Luft machte, wurde ich dann allerdings auf der Straße wiederholt selbst von mir unbekannten Mitbürgern angehalten und gefragt: »Hat man Ihnen schon den Kisch zurückgebracht?« Auch meine lieben Prager!

Zurückgebracht, besser gesagt erneuert hat den Kopf jedoch erst eine gemeinsame Initiative der tschechischen Zeitschrift »Signál« mit dem Hamburger »Spiegel«.

»Jetzt bist du also wieder komplett, Egonek, sogar ein bißchen würdevoller als vorher«, meldete ich ihm, als sein neues Metallhaupt endlich an Ort und Stelle festgemacht und feierlich enthüllt war.

Kisch zog die Augenbrauen hoch, griff automatisch nach der nächsten, hier allerdings nur mit paradiesischen Düften gewürzten Zigarette und bemerkte nachsichtig:

»Unter Ganoven fühlte ich mich bekanntlich immer in meinem Element. Da kann mir ruhig selbst mein Kopf gestohlen werden.«

»Ist ja auch passiert«, konnte nun ich trocken bemerken, »aber den nächsten wirst du dir gefälligst schon allein besorgen müssen. Eine solche Affäre reicht mir gerade.«

Etwas wüßte ich allerdings sehr gern: Kann ich den Egonek fragen, ob er im Traumcafé oder in einem der anliegenden Lokale des Elysiums auch seiner Galgentoni begegnet ist? Bei aller übermütigen Angeberei war Kisch in solchen Dingen, was seine eigene Person anbelangte, erstaunlich reserviert .

»In diesen Sachen bin ich eher für die Praxis, als fürs Theoretisieren«, meinte er.

Seine Mitmenschen pflegte er freilich ganz unbekümmert nach ihren persönlichsten Angelegenheiten auszufragen. Aber mit der Tonka Sibenice, wie die Galgentoni tschechisch heißt und wie sie, als ihr Vorbild in Wirklichkeit diesen Namen trug, von Kolleginnen, Kunden und Polizeibeamten auch genannt wurde, mit der hat es doch eine andere Bewandtnis.

»Deine Galgentoni, die bereit war, einem Mordsbuben seinen letzten Wunsch zu erfüllen und seine letzte Nacht mit ihm zu verbringen, hast du doch zur Belohnung für diese Tat in einem himmlischen Puff versetzt, Egonek. Hast du sie dort schon besucht oder sogar einmal in die Gesellschaft im Traumcafé mitgenommen?«

»Glaubst du, es würde ihr hier unter unseren Literaturveteranen Spaß machen? Die ist an anderes gewöhnt. Und so bleibt sie auch, wo ich sie untergebracht habe, und wenn ich mit der Xenia Longen, die sie als erste auf der Bühne gespielt hat, bei ihr vorbeikomme, freut sie sich sehr. Auch in deinem Traumcafé muß es so etwas wie Ordnung geben, obwohl du uns hier ganz schön zusammengewürfelt hast.«

»Ist doch mein gutes Recht. Ohne mein Phantasieren würde euer Kaffeehaus flötengehen, du hättest längst keinen Stammtisch mehr und auch keinen Prager Himmel um dich.«

»Stimmt«, sagt der Kisch nachdenklich und winkt mir von oben zu. »Hast doch etwas von der Melantrichgasse mitbekommen.«

Meine Mutter bringe ich auch gern im Traumcafé unter. Allerdings als das schöne junge Mädchen, das ich von einem Foto kannte, welches in den Turbulenzen der Zeit leider auch verlorengegangen ist. Hochgewachsen und schlank war sie darauf, in einem langen weißen Kleid, umgürtet mit einer breiten dunklen Schärpe, die leicht gewellten blonden Haare im Nacken mit einem dunklen Band, wohl von der gleichen Farbe wie die Schärpe, fest zusammengehalten. Ihr Blick auf dieser Aufnahme war ein wenig versonnen, aber durchaus lebensbejahend. Wenn man sie genauer betrachtete, konnte man verstehen, daß der Prager Maler und Porträtist Emil Orlík und Wolfgang, der älteste der Kischbrüder, der im ersten Weltkrieg gefallen ist, mit ihr befreundet waren. Ich bin ziemlich sicher, daß sie, in ihre damalige Gestalt verjüngt, bereitwillig von der ätherischen Kaffeerunde aufgenommen wurde und mich gemeinsam mit den anderen Gästen aus weitester Ferne ein bißchen schützend, aber auch ein bißchen besorgt mahnend betrachtet.

Und so blicke ich manchmal aus meinem Stadtfenster in den grau verrauchten Himmel und beruhige sie:

»Du muß dich, weiß Gott, nicht mehr um mich sorgen, Mutter, habe ich doch inzwischen ein Alter erreicht, das dir bei weitem nicht vergönnt war. Was ich tue oder unterlasse, kann niemand mehr dir in die unsichtbaren Schuhe schieben. Das geht schon lange alles auf meine eigene Kappe. Laß dir von Duschko, der mein Mann war, und von Egonek, meinem väterlichen Freund (bist du ihm nie im Kischhaus begegnet?), erzählen, wie sie mitunter versucht haben, mich in ihre gewohnte und mir nur in gewissem Maße zusagende Lebensweise einzubeziehen und was dabei herausgekommen ist und was nicht.«

»Lenulein«, sagtest du einmal zu mir, »ein harter Kopf ist manchmal gut, aber viel öfter beschwerlich.« Ich hielt das damals für eine der unsinnigen Redensarten, wie sie die Erwachsenen gegenüber jüngeren Menschen so gern von sich geben. Seither habe ich freilich meine eigenen Erfahrungen gemacht.

Während des letzten Weltkrieges habe ich in einem Pariser Gefängnis und rund zehn Jahre später zu meinem Entsetzen in einem Prager »sozialistischen« insgesamt gut ein Jahr in Einzelhaft verlebt. Auch da habe ich hartnäckig mein Träumen nicht aufgegeben, so schwierig es auch war, nicht in Alpträumen abzugleiten.

Das Traumcafé funktionierte unter jenen katastrophalen Umständen nicht. Ich konnte die Hilfe seiner Stammgäste nicht anrufen, es kam mir auch gar nicht in den Sinn. Vielleicht hat damals ein gütiger Geist zwischen die Erde und den sogenannten Himmel einen undurchlässigen Vorhang (nein, keineswegs eine Mauer!) gezogen, damit die Untaten, die hier in den fünfziger Jahren so verheerend um sich griffen, nicht auch noch die Gefilde des Träumens erfaßten.

In jener Zeit hing der Himmel nicht voller Geigen, und hätte es sie gegeben, sie wären falsch gestimmt gewesen. Das aber hätte manch einer der Kaffeehausgäste wohl nur schlecht vertragen. Ich denke da z. B. an Max Brod, den kleinen Mann mit dem leicht gekrümmten Rücken und den tiefschwarzen Augen, dem ich als Kind jedesmal im Neuen Deutschen Theater begegnete, wenn mich meine Mutter zu einer Opernpremiere mitnahm. Die Sänger auf der Bühne, die Musiker im Orchesterraum und der Dirigent auf seinem Podest warfen ihm nervöse Blicke zu, wenn sie dem Publikum für den Beifall dankten. Applaudierte auch Brod? War er nicht gleich nach dem letzten Ton davongeeilt? Und falls er dies tat, wollte er vielleicht noch in der Morgenausgabe des Prager Tagblatt seine Kritik unterbringen? Wird er loben oder verreißen? Oder, um Himmels willen, das Ganze mit einer quasi nur so nebenbei geäußerten, kühl abwertenden Bemerkung zunichte machen? Denn für die Prager Theaterliebhaber war eine Rezension ihres Max Brod in ihrem Prager Tagblatt entscheidend: was ihm gefiel, sprach dann meistens auch sie an. Was er ablehnte, konnte auch ihnen kaum zusagen.

Ich bin mit ihm, dem späteren Dramaturgen des Habimah-Theaters in Israel, nur einmal ganz flüchtig in Kontakt gekommen.

»Sie werden sich daran wohl kaum erinnern, Herr Brod«, wage ich nun, in dieser Lichtjahrentfernung jenes für ihn durchaus bedeutungslose und für mich damals sonderbar beunruhigende Gespräch aufzufrischen, »bei einer Schülerakademie des Stephansgymnasiums, das ja auch Sie lange vorher besucht haben, hat mich Ihnen mein Klassenlehrer Professor Dr. Oscar Kohn als das talentierte Mädchen vorgestellt, das Ihnen auf der Bühne aufgefallen war, und hat Sie gefragt, ob Sie nicht etwas für mich tun könnten, weil ich wegen der schlechten finanziellen Lage meiner Eltern zu seinem Bedauern nicht weiterstudieren konnte und allem Anschein nach, so meinte er, fraglos künstlerisch talentiert sei.

»Vielleicht«, haben Sie damals gesagt und mich mit Ihren tiefschwarzen Augen von oben bis unten genüßlich gemustert, »vielleicht kommen Sie einmal bei mir vorbei, kleines Fräulein. Sie finden mich so gut wie täglich in der Redaktion. Vielleicht könnte ich . . .«, und Sie haben den Satz nicht beendet.

»Das schlag dir gefälligst schnell aus dem Kopf«, entschied meine Mutter resolut und keinen Widerspruch duldend, als ich ihr von dieser »phantastischen Chance« berichtete. »Solche offenen Sätze sind für junge Mädchen sehr gefährlich.«

Und so endete meine künstlerische Karriere, noch ehe sie begann, und meine Bekanntschaft mit Max Brod kann ich erst jetzt, unbelastet von erdgebundenen Vermutungen, nach Wunsch und Belieben fortsetzen.

»Ein Motiv aus der Sinfonietta von Leoš Janácek, Herr Brod, für dessen Weltruf Sie sich mit so bewundernswerter Energie und Ausdauer eingesetzt haben, erklingt nun aufgrund einer Verfügung von Präsident Havel bei der Begrüßung hochgestellter Gäste auf dem Burghof des Prager Hradschin. Haben Sie sich so etwas in den Jahren, als Sie dem ›Schlauen Füchslein‹ zum Durchbruch auf den Opernbühnen von Rang verhelfen, auch nur vorstellen können?«

»Ach«, sagt Brod sichtlich erfreut, »das ist mir bislang entgangen. Also keine heroisch schmetternden Klänge mehr, sondern vollblütige Musik, die aus Volksweisen schöpft. Interessant. Prag ist demnach weiterhin oder, besser gesagt, wiederum sehr interessant.« Und er blickt sich suchend um, als wolle er unter den plaudernden oder versonnen in die Ferne blickenden Traumcafé-Gästen die strahlend weiße Löwenmähne des mährischen Komponisten ausmachen, um ihm diese erfreuliche Nachricht mitzuteilen. Aber wer weiß, vielleicht frequentiert Leoš Janácek ein anderes, vornehmlich von Musikern besetztes Elysium und schmunzelt dort längst zufrieden über diese ihm unverhofft zugekommene Ehre.

Als es die Prager Kaffeehäuser mit ihren Stammtischen und verständnisvollen Herren Oberkellnern noch hier unten in unseren Straßen gab, als man noch wußte, welchen Kreis von Literaten man im Café Metro, in der Unionka oder etwa im Nationalcafé antreffen konnte, als man nicht fehlging, wenn man die gemischte Runde tschechischer und deutschsprachiger Schriftsteller im Café Arco suchte – da konnte man auch noch der schlanken, in den Schultern etwas zusammengesunkenen Figur eines Prager Autors begegnen, der in der angeregt lärmenden Gesellschaft eher zu den stillen Teilnehmern zählte, nicht regelmäßig, sondern nur ab und zu dabei war, oft kränkelte und nicht in Prag weilte. In meinem Traumcafé hat Franz Kafka jedoch einen ständigen und festen Platz. So kann ich auch mit ihm, der in die ewigen Gefilde entwich, als ich noch ein Kind war, ohne weiteres ein kleines Gespräch aufnehmen.

»Haben Sie schon bemerkt, Herr Kafka, daß man in Prag jetzt Ansichtskarten mit Ihrem Abbild verkauft?«

»Wirklich?« Ein dünnes Lächeln erscheint auf dem blassen Gesicht. »Aber doch auch mit den Herren Rilke, Werfel und anderen?«

»Gewiß, aber der Schlager, verzeihen Sie, der Schlager sind eben Sie. Das ist nicht zu übersehen. Übrigens, wie gefällt Ihnen der Altstädter Ring in seiner neuen Aufmachung, so ein bißchen als Jahrmarkt und Rummelplatz mit elektronisch dröhnender Musik und einem weiß-goldenen Bummelzüglein?«

»Nun«, kommt zögernd und nachsichtig beschwichtigend die Antwort, »die Gebäude sind ja recht gut instand gesetzt. Zumindest was man so von hier aus sehen kann. Wie sie innen beschaffen sind, entzieht sich freilich meiner Kenntnis.«

Wurden seine Augen dabei noch um einen Schatten dunkler? Oder bilde ich mir das bloß ein? Er langt nach einem Glas mit kristallklarer Flüssigkeit (Wasser im Himmel? Wo bleibt der Wein?), nimmt einen ordentlichen Schluck, sieht gleich fröhlicher aus, und so wage ich noch eine weitere Mitteilung:

»In letzter Zeit sind Sie zu einer Art Wahrzeichen von Prag geworden, Herr Kafka. Nein wirklich, das springt einem in die Augen. Macht es Ihnen Spaß, daß Sie nun von jungen Mädchen aus Italien und Spanien, Deutschland und Amerika sozusagen auf dem Herzen getragen werden? Haben Sie gesehen, wie Ihr Porträt auf weißen und seegrünen, himbeerfarbenen und azurblauen T-Shirts auf touristischen Busen wippt? Aber selbst das genügt Ihren Verehrerinnen und Verehrern an der Schwelle des 21. Jahrhunderts nicht. Aus Ihrer Stirn, hinter der Sieso viele Fragen quälten, aus Ihrem oft so schmerzenden Kopf wächst, mit Verlaub, auch noch die Silhouette des Hradschin. Die Burg, zum Glück nicht auch noch das Goldene Gäßchen, in dem Sie ja ein bißchen zu Hause waren.«

Keine Antwort.

Zu meinem Bedauern und leichter Bestürzung hat sich mein erdachtes Zwiegespräch inzwischen in einen Monolog verwandelt. Im Traumcafé ist es still geworden. Man hört mir zu, Franz Kafka schweigt. Man sieht ihm allerdings an, daß er interessiert lauscht. Seine Ohren an dem kurz geschorenen Kopf haben sich leicht rot verfärbt.

»Entschuldigen Sie«, sage ich, nun lieber zum Schluß kommend, »daß ich von so banalen Dingen rede, die Ihnen im übrigen wohl schon längst bekannt sind, die Aussicht von oben ist ja trotz aller sündhaften luftverpestenden Verstöße hier unten, immer noch ungewöhnlich klar. Sie werden jedoch gewiß verstehen, daß einem der in Prag so lange ungewohnte Trubel manchmal ein bißchen über dem Kopf zusammenschlägt. Aber andererseits: eigentlich ist es doch schön, wenn junge Menschen neben Ihren Büchern auch noch ein Lieblingstrikot mit Ihrem Konterfei mit nach Hause nehmen, oder?«

Abermals keine Antwort.

»Die Kaffeehäuser sind aus Prag – so wie Sie sie kannten und wie auch wir sie noch kannten – beinahe ganz verschwunden, aber Kafka ist hier neu eingezogen«, sagte mir unlängst ein Besucher aus Frankreich, »was übrigens nicht sonderlich erstaunlich ist in dieser magischen Stadt.«

»Erstaunlich und schwer erklärbar.«

Ich stutzte. Diese warme Stimme mit dem leicht slawisch klingenden Akzent habe ich vor nicht allzu langer Zeit noch hier unten, in unser aller Prag, vernommen. Am Telefon, in einem Vortragssaal, an einem gemeinsamen Mittags- oder Abendtisch.

»Manchmal würde sich Franz Kafka allerdings nicht wenig wundern, wie man ihn entweder wegzudenken oder gar zu interpretieren wagte.«

Und schon weiß ich, wem ich lausche, und würde diesem neuen Besucher meines Traumcafés wahrlich viel lieber noch im irdischen Café Louvre oder in seinem Wohnsitz auf der Prager Barrandovhöhe zuhören.

»Edo«, rufe ich, denn der Neuankömmling ist niemand anderer als der Prager Unruhegeist und Germanist, Diplomat und Widerstandskämpfer, Häftling, Präsident des tschechoslowakischen Schriftstellerverbands, Exulant und Prorektor der Karlsuniversität, Ehrenvorsitzender der tschechischen Goethe-Gesellschaft (wie konnte bloß in einem Leben so viel Widersprüchliches, Gutes und Schlimmes enthalten sein?), Professor Eduard Goldstücker. »Edo«, wiederhole ich, »haben dich die Alteingesessenen auch gebührlich willkommen geheißen?«

»Und ob«, in den dunklen Augen blitzt es fröhlich auf. »Die Begrüßung hier war spontan und herzlich. Kafka ist aufgesprungen und mir entgegengeeilt. Werfel hat mir seinen angestammten Sessel mit einem bequemen Wolkenpuff als Rückenkissen angeboten – weil ich es auf Erden so lange ausgehalten habe –, Jaroslav Seifert und František Langer freuen sich offensichtlich über den frischen Prager Zuwachs. Alle bedrängten mich, wollten einen authentischen Bericht über unsere Kafka-Konferenz von 1963 in Liblice hören, als ob sie gestern stattgefunden hätte und sie nichts oder nur wenig darüber wüßten.«

»Dabei ist das ja langsam schon fast vierzig Jahre her, da hatten sie in der himmlischen Ruhe doch reichlich Zeit, die einzelnen Beiträge abzuwägen und als zu leicht oder zufriedenstellend zu befinden.«

»Das geschah ja hier oben auch. Max Brod amüsiert bis heute, daß gewisse Dummköpfe kontrarevolutionäres Gedankengut zwischen den Zeilen in Kafkas Werk entdeckt zu haben glaubten.«

»Und Franz Kafka selbst?« Es entgeht mir nicht, wie sehr ihn Goldstückers Worte interessieren. Er schaut jetzt nicht hinunter in seine Heimatstadt, nippt an dem Glas mit dem durchsichtigen Getränk, blinzelt ein ganz klein wenig mit den Augen, vielleicht weil er sich so sehr konzentriert, stützt sein Kinn in die schlanke Hand und horcht.

»So würde man in Prag fragen.« Ich vermeine einen leichten Vorwurf in Goldstückers Stimme zu erkennen. »Im Traumcafé herrschen andere Zeit- und Maßstäbe, das habe ich bereits erkannt. Übrigens – Balk und Kisch wollten von mir etwas über dich hören, und Weiskopf behauptet, dich von hier aus vor kurzem bei der respektvollen Besichtigung von Prager Manuskripten im Marbacher Literaturarchiv ertappt zu haben.«

»Das war ein tolles Erlebnis. Stell dir vor, Edo, ich konnte ein Blatt der Handschrift von Kafkas ›Prozeß‹ berühren, sorgfältig geschrieben, mit dünnen Haar- und kräftigen Schattenstrichen. Dabei habe ich – mit Verlaub, Herr Kafka – feststellen können, daß ich mit diesem Großen drei Dinge gemein habe.«

»Geht deine Phantasie nicht wieder einmal ein bißchen mit dir durch?«

»Nein. Diesmal wirklich nicht. Hör bitte zu: Erstens sind wir beide sozusagen waschechte, an Ort und Stelle geborene Prager. Zweitens: Kafka schrieb seine erste Version in Hefte – das tue ich auch. Und schließlich drittens: Ich konnte feststellen, daß er mitunter ein paar Worte stenographierte, vielleicht um schneller vorwärtszukommen. Und das mache ich auch, und ich war stolz, dem Herrn Präsidenten des Literaturarchivs diese Stellen vorlesen zu können.«

»Bist du sicher, daß das auch stimmte?« Mein Freund Goldstücker ist ein wenig skeptisch.

»Durchaus. Auf dem Blatt gibt es nämlich die handschriftliche Übertragung der stenographierten Worte aus der Feder Max Brods. Und so wurde gleich nachgeprüft, ob ich nicht geschwindelt habe.«

Bei diesen Worten blicke ich abermals zu Franz Kafka hinüber. Er hat den Kopf gehoben, nimmt von neuem einen Schluck und lächelt ein bißchen. Hat also alles gehört und verübelt mir meine Indiskretion und den gewagten Vergleich offenbar nicht.

Meinen Mann, den aus Jugoslawien gebürtigen Schriftsteller Theodor Balk, habe ich, als er nach langer Krankheit starb, selbstverständlich auch in meinem Traumcafé untergebracht, in der Hoffnung, er werde sich dort in Gesellschaft seines guten Freundes Egon Erwin Kisch und anderer Kollegen bald von den irdischen Strapazen erholen. War es doch für uns beide nicht einfach, nach den Emigrationsjahren endlich nach Europa zurückkehren zu können, hier aber keine Familie und auch kein Zuhause mehr zu finden. Nur die Städte, das wißt ihr ja, ihr beiden dort irgendwo am luftigen Cafétisch, die Städte gab es noch. Belgrad, grausig zerbombt, Prag, grausig friedvoll und weiterhin schön. Als ob nichts passiert wäre. Oder vielleicht, als ob seine Erhabenheit und liebliche Schönheit alles Unglück der Menschen erbarmungsvoll verdecken wollte.

»Die Misere hat ja auch schon gereicht«, läßt sich Kisch vernehmen und umfängt seine Stadt mit einem sehnsüchtigen Blick, »jetzt sollte man in den Prager Straßen wieder leichten Herzens flirten, sich in den Weinstuben sorglos betrinken und überhaupt normal leben können. Ich habe ja leider von hier aus nur mehr das Nachsehen, genauer gesagt ein blutloses Zusehen.«

»Na, na«, widerspricht ihm sein Jugendfreund, der rundliche Autor des »Braven Soldaten Schwejk«, Jaroslav Hašek, »laß das Gewinsel. Die dort unten sind noch lange nicht aus dem Schlamassel heraus, die werden uns vielleicht oft um dieses Lokal beneiden. – Wo bleibt denn, gelobt sei die Unerschöpflichkeit, der gebenedeite Ober mit dem nächsten Trunk?«

Im himmlischen Café wird wohl jeder Wunsch eines Gastes sofort erfüllt. Dennoch kann ich mir vorstellen, daß sich Jaroslav Hašek bei diesem lautlos und engelhaft funktionierenden Betrieb mit Wehmut daran erinnert, wie ihn einst die Mutter eines seiner verläßlichsten Freunde, der mit ihm in Krieg und Frieden durch dick und dünn ging, des damaligen Medizinstudenten und später auf den Bühnen nahezu ganz Europas wohl bekannten Dramatikers František Langer, nicht gerade paradiesisch, dafür aber herzerquickend und saftig durchgefüttert hat. Mutter Langer war, wie ihr Sohn berichtete, fast vollkommen taub. Man konnte ihr nur einzelne Worte ins Ohr rufen.

»Aber Sie haben ihr doch ganze Geschichten erzählt, Herr Hašek?«

»Nicht erzählt«, korrigiert er mich, und ein zufriedenes Lächeln erhellt sein wie immer unrasiertes Gesicht mit den gescheit blitzenden pfiffigen Äuglein, »ich habe ihr meine Histörchen direkt in die Ohrmuschel geschrien, meine Liebe. Sie war ein sehr aufmerksames und verständnisvolles Publikum.«

Auch wenn er schon in seinem üblichen Zustand, d. h. mehr oder weniger von Alkohol durchtränkt, im Langerschen Laden eintraf, gegenüber der alten Frau war der rauflustige Autor des »Schwejk«, (der seine Mitmenschen nicht gerade mit Samthandschuhen anzufassen pflegte), geradezu rührend geduldig, ja sanft.

»Gab es für Ihre Mühe auch ein Honorar?«

Sein Mondgesicht erstrahlt in verklärter erdgebundener Erinnerung: »Und was für eins! So etwas Herrliches kennt man in diesem Paradies überhaupt nicht. Dafür hat man hier kein Verständnis. Würste in Essig und Zwiebel! Leberwürste mit Kraut und Knödeln! Dazu einen Schnaps und die richtige Portion Bier. Für so etwas würde ich ohne Bedenken mein seliges Ende gleich wieder hergeben.«

Kann man solche Worte ernst nehmen? Von Hašek vielleicht.

Als du die fünf Kontinente bereist hast, Egon Erwin Kisch, Asien gründlich verändert fandest, China geheim, als du dich im Paradies Amerika und in sieben Ghettos umgetrieben hast, auf ungewöhnliche Weise in Australien gelandet bist und als du schließlich deine Entdeckungen in Mexiko machtest, als der Schriftsteller Theodor Balk, mein Duschko, Schiffsarzt war und die halbe Welt umsegelte, als ihr beide glaubtet, Land und Leute kennenzulernen und bisher Unbekanntes über ihr Tun und Treiben zu erfahren – seid ihr irgendwo ähnlicher, eiskalter, wissenschaftlich berechneter und technisch perfektionierter Massenvernichtung von Menschen auf die Spur gekommen, wie sie in den vierziger Jahren von der allumfassenden Maschinerie der deutschen Faschisten eingeführt wurde? Nicht als Folge kriegerischer Überfälle oder Angriffe von seiten eines gefährlichen Feindes, nein, aus reiner Verblendung, aus Rassenhaß, Vernichtungswut, zügelloser Überheblichkeit und Machtbesessenheit.

Zügellose Machtbesessenheit – hat es das, gewiß in wesentlich unterschiedlicher Verbrämung, nicht auch noch anderswo gegeben? Gibt es sie etwa heutzutage nicht mehr?

Die Antwort aus dem Traumcafé bleibt aus. Man blickt einander über den leer getrunkenen Tassen bloß wortlos an.

»Sie sollte sich lieber nur an Prag halten«, flüstert Kisch deprimiert meinem Mann zu. Die anderen Herren wenden den Blick weg. Selbst an diesem Ort, wo ihnen schon ungestörte Ruhe vergönnt sein sollte, sind sie von neuem zutiefst beunruhigt. Aber nach einer Weile setzt an den runden Tischchen ein allgemeines Kopfschütteln ein. Was soll all das Philosophieren, meinen die respektablen und auf Erden weiterhin geachteten Herrschaften. Vorbei ist vorbei, das weiß sie doch, warum beschäftigt sie sich nicht einfach mit alltäglichen aktuellen Dingen?

»Laßt sie nur«, unverhofft melden sich zwei offensichtlich jüngere Stammgäste zu Wort, der Musiker Karel Reiner und der Schriftsteller Norbert Frýd. Reiner war sein Leben lang ein knabenhaft aussehender, schmächtiger Mann, der in den dreißiger Jahren über die Grenzen seines Heimatlandes hinaus zu den Vorkämpfern der Moderne in der Musik gezählt wurde, als Gefangener im Ghetto Theresienstadt dann Lieder, besonders für die Kinder, komponierte. Mit ihm und mir hatte es folgende Bewandtnis:

Wir gehörten zum selben Freundeskreis, und so kam es, daß ich ihn eines Tages an seiner Arbeitsstätte, dem bekannten tschechischen avantgardistischen Theater D 34 aufsuchte, wo er als Komponist, Pianist und eine Art Mädchen für alles in musikalischen Dingen wirkte. Als mich damals die Dramaturgin, eine ältere Dame, kommen sah, rief sie hinter der Bühne: »Karel, deine Schwester ist da.« Wir waren aber überhaupt nicht verwandt, trugen nur den gleichen Zunamen. Wir stellten diesen Irrtum jedoch in keinerlei Weise richtig und deklarierten uns von da an höchst zufrieden als Bruder und Schwester. Selbst Reiners erwachsene Töchter nennen mich bis heute Tante.

»Und bei euch dort oben, Karlícku, wie steht es da mit uns?«

»Du bist und bleibst meine Schwester«, beruhigt er mich, »Wahlverwandtschaften werden hier ebenso geschätzt wie familiäre. Vielleicht sogar ein wenig mehr, was ja auch logisch ist.«

Als im August 1968 die ganze Tschechoslowakei über Nacht »brüderlich« mit Panzern und einem beträchtlichen Teil des Waffenarsenals der Sowjetunion besetzt wurde, kam Karel Reiner durch die jeglicher Beleuchtung baren und von dumpfem Rollen erbebenden pechschwarzen Straßen zu mir in die Redaktion gelaufen. Erleichtert stellte er fest, daß ich völlig unversehrt noch da war, und wir verabredeten am nächsten Tag – es war ein Sonnabend – einen Rundgang durch unsere Stadt zu machen, um zu sehen, ob sie zwischen den Kanonenrohren und von Panzerketten zermalmten Gehsteigen noch atmen konnte.

An ein Kanonenrohr hatte ich mich in jenen Tagen übrigens schon beinahe gewöhnt. Es gehörte zu dem Geschütz, das unter meinem Redaktionsfenster Stellung bezogen hatte und auf dem seine Mannschaft im warmen Sommerwind ihre Unterwäsche trocknete.

»Kannst du dich daran noch erinnern, Karlicku«, erkundige ich mich, nachdem sich meine beiden Jugendfreunde in der Kaffeerunde so unverhofft meiner angenommen haben, um die Unterhaltung vom Himmel zur Erde von meiner Person etwas abzulenken.

»Selbstverständlich, so etwas, wie auch unseren damaligen Erkundigungsgang durch das überrumpelte Prag, kann man doch nicht vergessen.«

Als wir an jenem Sonnabendvormittag loszogen, schien die Sonne, und viele Prager hatten offenbar dieselbe Absicht wie wir. Die Straßen waren voll von Menschen. Ungeachtet der von graugrünen Metallkolossen strotzenden Gassen, Brücken und Plätze, schlenderten ganze Familien durch ihre Stadt.

Wir begaben uns in die Parkanlage auf dem Petřín-Hügel. Überall das gleiche Bild. Prager mit Kind und Kegel, Liebespaare, verängstigte, schüchtern vor sich hin trippelnde alte Menschen. Dazwischen die fremden Soldaten in schmutzig grünen Uniformen, die niemand auch nur eines Blickes würdigte.

»Heute ist scheinbar ›druzba‹ (Freundschaft) die Parole«, bemerkte Karel trocken. »Jungen Mädchen wird zugelächelt, Kinderköpfchen werden gestreichelt, alten Frauen wird Platz gemacht.«

Aber die jungen Mädchen zeigten zugeknöpfte Gesichter, die alten Frauen schlichen erschrocken weiter, die neugierigen Kinder wurden von energischer Elternhand festgehalten.

In der Ausbuchtung eines der Parkwege saß eine Gruppe von Sowjetoffizieren. Als wir näher kamen, nahm einer von ihnen seine Ziehharmonika zur Hand, er begann zu spielen, die anderen sangen. Als ob sie nichts sahen und hörten, gingen die Menschen an ihnen vorbei.

Mein Freund, der Komponist Karel Reiner, der Theresienstadt und Auschwitz überlebt hat, wurde mit einem Mal fahlgrau im Gesicht.

»Genug«, sagte er leise, »aufgezwungene Kommandomusik ertrage ich nicht mehr und das Geplärr schon gar nicht.«

Wir kehrten um. Am Abend hörte man wieder Schüsse in der Stadt.

»Gibt es in eurem Kaffeehaus ein Klavier für dich, oder haben dir die Engel eine Harfe oder Laute überlassen?« möchte ich wissen, denn selbst im Jenseits ist Karel ohne ein Musikinstrument nur schwer vorstellbar. Noch kurz vor seinem Tod hat er das gesamte für 12-Ton-Klavier komponierte Werk des von ihm verehrten Meisters Karel Hába auf einem mühsam dafür aufgetriebenen Instrument eingespielt, eine ebenso bewundernswerte wie verdienstvolle Leistung.

»Du wirst dich wundern«, eröffnet er mir nun, »die unendlichen Donnervariationen und überraschenden Sturmtempi sind eine tolle, geradezu provokative Inspiration.«

Der zweite meiner Jugendfreunde, der Schriftsteller Norbert Frýd, den wir alle Nora nannten, war sein Leben lang ein sehr sensibler Mensch. Er hat seine Frau und ein kaum geborenes Kind in den Vernichtungslagern der Nazis verloren, mußte selbst Jahre im Konzentrationslager Dachau verbringen. Bevor ihn dieses Unglück traf, war er ein fröhlicher junger Mann, der gut Gitarre spielte und hübsch dazu sang. Nach dem Krieg hatte er fast immer feuchte Hände, wurde oft von unbestimmter, niederdrückender Angst befallen. Aber als ich im Laufe der politischen Verfolgungswelle unter den kommunistischen Regimen in den fünfziger Jahren verhaftet wurde, war Nora der einzige, der dagegen bei der entsprechenden Behörde Protest einlegte, wie ich viel später, übrigens von Karel Reiner, erfuhr. Das brauchte Mut selbst von einem weniger von Schreckensvorstellungen geplagten Menschen als Norbert Frýd. Er trat auch beim ersten Prozeß über die Verbrechen im KZ Dachau als Zeuge auf. Über seine Erlebnisse und Erfahrungen als Lagerhäftling hat er eines seiner bemerkenswertesten Bücher geschrieben, »Die Kartei der Lebenden«.

»Du hast es gut, Nora«, rufe ich ihm durch den über Prag lastenden Schmutznebel zu, »kannst von deinem transparenten Firmament aus sicherlich ab und zu auch einen Blick auf unser Mexiko werfen.« Ich sage »unser« Mexiko, denn ich habe dort während des Krieges in der Botschaft der tschechoslowakischen Exilregierung gearbeitet, Frýd war der erste Kulturattaché der neu errichteten Tschechoslowakischen Republik nach Kriegsende. Er brachte eine prächtige Sammlung von Indianermasken mit, die er später, vor allem bei seinen Reisen nach Kalkutta, Sumatra usw. noch erweiterte. Allein, dieser Besitz, der für ihn mit seiner fremdartigen außerordentlichen Schönheit eine ständige Quelle der Freude war, bildete zugleich auch eine ständige Quelle seiner Besorgnis, seiner hinter dem Stacheldraht erworbenen panischen Angstvorstellungen: die kostbaren Masken könnten irgendwie beschädigt, wenn nicht gar, Gott behüte, gestohlen werden.

»Sogar von hier aus«, antwortet er seufzend auf meine Frage, »selbst von hier hat man nur selten einen halbwegs klaren Ausblick auf Mexico Ciudad. Seit wir beide dort waren, ist die Stadt zu groß geworden, hat zu viele Menschen und viel zu viel Luftverpestung.«

»Kannst du von deiner erhabenen Position aus nichts dagegen veranlassen?«

»Kaum«, meint er traurig, »hier oben vertritt man an höchster Stelle die Ansicht, erst müßt ihr dort unten einsehen, daß ihr den euch zur Verfügung gestellten Planeten nicht weiter so rücksichtslos fertigmachen dürft.«

»Verzeih, Nora«, sage ich, um unser Gespräch nicht gerade an diesem neuralgischen Punkt abbrechen zu lassen, »du bewegst dich jetzt doch in nächster Nähe der berufensten Stelle für Schutzpatrone. Hast du ihnen den Schutz deiner Masken anvertraut? Das wäre doch eine große Erleichterung für dich.«

Jetzt lächelt er wie in vergangenen Jahren. »Was Erleichterung anbelangt, so kannst du keine Ahnung davon haben, was für eine Portion davon einem hier geboten wird. Man schwebt ja geradezu in seiner Erleichterung. Manchmal finde ich, es sei des Guten beinahe zu viel. Aber faß das ja nicht als Beschwerde auf«, fügt er gleich noch irdisch besorgt hinzu, »es ist hier wirklich himmlisch, freilich muß man sich auch daran erst gewöhnen.«

»Früher«, erklären die beiden nun der olympischen Runde, »früher haben wir ähnliche Probleme, wie sie die Lenka jetzt allein zu bewältigen sucht, nicht nur im Kaffeehaus gemeinsam in endlosen Gesprächen zerpflückt und überdacht, um sie tunlichst einer akzeptablen Lösung zuzuführen. Unsere astronomischen Telefonrechnungen waren übrigens das einzige greifbare Ergebnis solcher Dispute. Dann waren mit einem Mal, ohne daß wir es geahnt oder gar erwartet hätten, unsere Tage dort unten zu Ende, und jetzt muß sie sich mit all diesen Fragen ohne uns herumschlagen. Ein bißchen pathetisches Sinnieren sollte man ihr da doch zugestehen.«

»Laßt euch den Kaffee, oder was immer man dort bei euch serviert, gut schmecken, Karlícek und Nora«, rufe ich ihnen ein wenig gerührt zu, »und trällert auch wieder einmal eines der übermütigen Lieder unserer gemeinsamen Aufbruchzeit. Bitte tunlichst laut, damit ein Windstoß etwas davon zu mir herunter fegen kann.«

Es versteht sich von selbst, daß ich mein Prager Traumcafé überwiegend mit einheimischen Besuchern besetzt habe. Unter ihnen fehlt selbstverständlich auch Franz Carl Weiskopf nicht, der mein erster Chefredakteur war und von dem ich viel gelernt habe.

Vor einigen Jahren litt ich nach einer schwierigen ärztlichen Behandlung an geradezu katastrophalem Haarausfall.

»Franz«, rief ich in dieser haarlosen Epoche Weiskopf aus unserer gemeinsamen Geburtsstadt an, obwohl ich wissen mußte, daß ich störe, denn von einem Ruhestand, einem gar ewigen Ruhestand, konnte bei diesem emsigen Mann keine Rede sein, »Franz, gibt es in deinen Notizen etwas über – sagen wir – eine unterschiedliche Schreibfähigkeit von Menschen mit dicht bewachsenem und solchen mit schütter bewachsenem Kopf?«

»Sagen wir!« Weiskopf schüttelt mißbilligend sein mit leicht weißlichem Flaum bedecktes Haupt. »Immer noch dein Prager Deutsch.« Aber dann fügt er gleich in seiner mir so vertrauten freundlichen Weise hinzu: »Warum machst du dir solche überflüssigen Sorgen? Du weißt doch sehr gut, daß es darauf ankommt, was in einem Kopf steckt, und nicht, was auf ihm sprießt.«

Dabei entgeht mir nicht, daß er, während er spricht, einen winzigen Wolkenzipfel heranzieht, beinahe verstohlen etwas darauf kritzelt und das Ganze schnell in seiner Rocktasche verschwinden läßt.