Lenka Reinerová

Närrisches Prag

Ein Bekenntnis

Impressum

ISBN 978-3-8412-0518-6

Aufbau Digital,

veröffentlicht im Aufbau Verlag, Berlin, August 2012

© Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin

Die Originalausgabe erschien 2005 bei Aufbau; Aufbau ist eine Marke der Aufbau Verlag GmbH & Co. KG

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Umschlaggestaltung Originalcover PEIX, Andreas Petzold

grafische Adaption Preuße & Hülpüsch Grafik Design

Konvertierung Koch, Neff & Volckmar GmbH,

KN digital – die digitale Verlagsauslieferung, Stuttgart

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An wen erinnert mich bloß diese Gestalt? Und wieso sitzt das hauchdünne und dennoch unübersehbare Wesen gleichzeitig an drei Tischen? Einmal an einem großen Fenster, hinter dessen Glasscheiben einheimische und touristische Menschen vorbeischlendern, auf die Straßenbahn warten, manchmal auch hereinschauen in das bekannte Prager Café. Niemand scheint jedoch die stumm dasitzende Erscheinung wahrzunehmen oder gar zu erkennen. Und in Prag kennt doch jeder beinahe jeden.

Sie kann aber auch, und das ist verblüffend, zugleich sozusagen ein bißchen um die Ecke sitzen, dort wo die breiten Fenster ein Stück Moldau umfassen, die Karlsbrücke, die Burg auf dem Hradschin und wo das grünliche Bild mit dem Absinthtrinker an der Wand hängt, immer hing und wohl auch immer hängen wird. Leicht vernebelt, rauch- und absinthverschleiert.

Der dritte Tisch, an dem das Wesen gleichzeitig sitzt, befindet sich jedesmal ganz in der Nähe, wenn mich manchmal ein Arbeitsgespräch, zumeist am frühen Vormittag, in dieses Lokal führt. Eine leicht verschwommene Figur, ungreifbar, bewegungslos, eher ein Schatten, aber mit glühenden Augen. Noch nie habe ich versucht, auf sie zuzugehen, weiß auch nicht, wie man solch eine Gestalt ansprechen könnte.

Eigentlich erinnert sie mich an niemanden, diese Erscheinung, die geradezu regelmäßig und keinesfalls nur hier vor meinen Augen auftaucht, wenn ich in meiner Stadt etwas erkunden, näher betrachten und richtig verstehen will, und die sich in nichts auflöst, sowie jemand zwischen uns tritt. Das müßte aber gar nicht so sein. Das geheimnisvolle Wesen weiß doch gewiß, daß nur ich es sehen kann.

Übrigens war das nicht immer so, es zeigt sich mir erst in letzter Zeit. Könnte das vielleicht einen Zusammenhang mit den Begebenheiten haben, die in Prag überraschend und stets von neuem auf mich zukommen, mich bestürzen oder beglücken, verwundern und auf jeden Fall fesseln? Könnte dieses Wesen etwa ein Geist von Prag sein, ein Zauberer, der Magier dieser Stadt, dem viele nachspüren, den aber nur wenige begreifen können?

Ich kann diese Erscheinung, wie schon angedeutet, gleichzeitig an drei Tischen im Café Slavia sitzen sehen, begegne ihr aber auch auf der Straße, in einem Menschengewühl oder sonstwo, vor allem dann, sowie jemand etwas absolut Unsinniges oder gar Häßliches über unsere Stadt verbreiten oder ihr zufügen will. Und weil dieses Wesen vielleicht doch wohl ein Zauberer ist, der kommt und geht, regungslos zuhört, alles aufnimmt und nichts verrät, kann ich bei ihm getrost abladen, was mir ungerufen und immer wieder unausweichlich begegnet in unserem wunderbar närrischen Prag. Ich zögere auch nicht, meinen stillen Begleiter um Beistand und Rat anzurufen, wenn sich mein Leben schwierig verknotet oder mir Rätsel aufgibt, deren Lösung ich nicht kenne.

Da bin ich doch eines Tages durch den Pulverturm in die Celetná, die Zeltnergasse, marschiert, mit der durchaus praktischen Absicht, mir dort ein Paar Schuhe zu kaufen in einem seit Jahren bestehenden Geschäft. Das stellte sich freilich als Irrtum heraus, denn in dem großen Laden, auf den ich zusteuerte, wird nun Glas und Porzellan angeboten. Glas und Porzellan, die Waren, die ich vor mehr als einem halben Jahrhundert nach der Entlassung aus dem »sozialistischen« Gefängnis und meiner politisch motivierten Verbannung aus Prag in dem mir zugewiesenen Aufenthaltsort, der ostböhmischen Stadt Pardubice, in einer Musterabteilung betreute und zum Kauf anbot. Als Verantwortliche für diese Einrichtung des Kreisbetriebes für Haushaltsgebrauchsgegenstände, Sortiment Glas und Porzellan. Ein so aufschlußreicher Titel wurde mir damals verliehen.

Also Glas und Porzellan ... Versonnen blieb ich mitten auf der Fahrbahn stehen, auf der sich zum Glück nur selten ein Auto durch das Touristengewimmel schlängelt.

Mit einemmal vernahm ich eine Stimme, wandte mich um, sah niemanden, aber die Stimme blieb in mir.

»Du stehst in der Celetná«, flüsterte sie mir zu, »blick dich gefälligst ordentlich um, ob hier etwas davon übriggeblieben ist, wovon wir während der Kriegsjahre im fernen Mexiko geschwärmt haben, als uns Prag so gefehlt hat.«

Ich horchte auf. Natürlich! Egon Erwin Kisch und die Prager Altstadt, es kann ja kaum jemand anderer sein! Hier läßt er mich einfach nicht los. Ich sah mich noch einmal um, aber Erträumten kann man bekanntlich nicht begegnen.

Beim Weitergehen suchte ich eine Straßentafel, hatte plötzlich Angst, die Celetná könnte jetzt anders heißen, ein Schicksal, das in den letzten Jahren viele Gassen, sogar wiederholt, betroffen hat. Aber nein, hier stand noch der alte Name weiß auf rot auf dem Schild. Was hatte mir der gute Kisch in der mexikanischen Avenida Nuevo León, in der er damals wohnte, erzählt? Diese Prager Straße, durch die er in seiner Kindheit und Jugend aus seinem nahen Vaterhaus ungezählte Male gelaufen ist, gehört zu den ältesten in Prag, war schon immer ein Handelsweg vom böhmischen Osten zu den Märkten der Stadt. Und hat einen kuriosen Namen.

»Celetná«, überlegte ich laut, »kommt das vielleicht von Zelten, haben etwa Kaufleute hier ihre Zelte aufgeschlagen?«

»Ganz falsch«, freute sich der rasende Reporter über meinen Irrtum, »die Sache ist viel sympathischer. Bereits im 13. Jahrhundert gab es in dieser Gasse mehrere Bäcker, und die produzierten Zelte oder auch Zeltchen, Zeltlein. So hießen ihre kleinen flachen Kuchen. Sie konnten aber auch kunstvoll gekrümmt sein, hießen tschechisch ›calt‹. Wahrscheinlich sind sie die Vorfahren unserer Weihnachtsstriezel.«

»Aber die sind doch geflochten«, wandte ich ein, zufrieden, nun ihn bei einem Irrtum ertappt zu haben.

»Geflochten oder gekrümmt«, seufzte Egon, »auf jeden Fall Kunstwerke mit Rosinen und Mandeln. Reden wir von etwas anderem, sonst bricht mir das Herz.«

»Wahrscheinlich knurrt dir der Magen«, bemerkte ich trocken, um seine Wehmut im fernen Exil, seine Sehnsucht nach Prag und den vermißten Leckerbissen zu dämpfen.

Man kann mir getrost glauben, daß ich mit absoluter Sicherheit imstande war zu erraten, wem die Stimme gehörte, die in der Celetná für mich mit einemmal so vernehmbar war. Erneut setzte ich mich in Bewegung und lief in der Kuchenstraße weiter.

An ihrem Ende, bereits in unmittelbarer Nähe des Altstädter Rings, hatte man vor ein paar Jahren überraschend ein »Kisch-Café« eröffnet. Auf den Speisezetteln, die dort auf den Tischchen auslagen, wurde unter anderem ein »Eisbecher à la Egon Erwin Kisch« angeboten. Ich stutzte. Eine oft gebrauchte Redensart des Schriftstellers lautete: »Ich bin kein Freund von Süßigkeiten«, wobei er sich dann allerdings meistens an denselben kräftig bediente. In Gedanken daran verspürte ich mit einemmal richtigen Kuchenhunger. Ich beschleunigte meine Schritte, hatte die verlockende Vision einer Tasse Kaffee und einer Portion echter Sachertorte oder vielleicht auch eines Stücks geflochtenen Zeltleins im Kopf.

Schon von weitem erblickte ich auf dem Gehsteig vor dem Gebäude, über dessen Eingang »Kavárna Egona Ervína Kische« in den Stein geritzt ist, eine Tafel, offenbar mit dem Angebot des Tages. Als ich näher kam, las ich auf dem schwarzen Brett zufrieden die Inschrift in weißer Kreide: »Heute Pflaumenknödel aus Topfenteig«.

Hinter den großen Glasscheiben, dort wo die Tischchen und Stühle zu stehen pflegten, blitzte und funkelte es zu meiner Überraschung. War so etwas überhaupt möglich? Auch hier: Glas und Porzellan. Verfolgten mich diese Produkte?

Unschlüssig blieb ich stehen, las noch einmal das verführerische kulinarische Angebot auf der schwarzen Tafel und trat dann entschlossen über die Schwelle.

Wo sich früher eine kleine Garderobe befand, in der man seinen Mantel aufbewahren ließ, stand eine Frau und fragte bei meinem Anblick mißmutig:

»Sie wünschen? Der Eingang in den Laden ist links.«

Das klang mehr abweisend als einladend.

»Ich will gar nicht in den Laden. Ich hätte gern eine Portion Pflaumenknödel.«

Sie starrte mich an. »Was?«

»Pflaumenknödel«, wiederholte ich.

»Wir verkaufen Glas und Porzellan«, sagte die Frau ärgerlich und, wie mir schien, schon etwas gereizt.

»Auf der Tafel vor der Tür«, beharrte ich auf meinem Wunsch, »bieten Sie für heute Pflaumenknödel an. Aus Topfenteig«, fügte ich noch hinzu, um zu manifestieren, daß ich mich genauestens informiert hatte.

Es folgte ein tiefer Seufzer der Frau. »Wir verkaufen Glas und Porzellan«, wiederholte sie nachdrücklich, »das kann man schließlich sehen.«

»Vielleicht«, gab ich zu, »aber auf der Tafel vor der Tür ...«

Am Rande ihrer Geduld, hob die Frau beide Hände hoch und kreischte beinahe:

»Wir haben hier sehr wenig Platz, wie Sie selbst merken können, deshalb stellen wir die verdammte Tafel, die wer weiß warum hier übriggeblieben ist, tagsüber vor die Tür.«

»Aber das Angebot«, wagte ich noch einzuwerfen.

»Jeder vernünftige Mensch erkennt, was es hier zu kaufen gibt«, zischte die Frau erbost und verschwand hinter einem Vorhang.

In diesem Augenblick zeigte sie sich mir, die Gestalt, die gleichzeitig an drei Tischen zu sitzen versteht. Diesmal hier, zwischen den Falten des dicken grauen Vorhangs, hinter den die Frau geflüchtet war. Die Erscheinung blieb stumm, schien aber ein ganz klein wenig zu lächeln, als ob sie mir etwas zu verstehen geben wollte. Vielleicht: So etwas kann man in Prag erleben, hier gibt es das eben. Und das wissen wir doch, wir beiden.

Inzwischen ist die Tafel mit dem Pflaumenknödelversprechen endgültig weg, auch den grauen Vorhang könnte man nicht mehr finden; der Haupteingang in das Haus ist vernagelt. Über zwei Stufen gelangt man jetzt in einen ganz lustigen Laden nebenan, der »Blue« heißt und allerhand Souvenirs, mit »Prag« bedruckte T-Shirts und anderen Unsinn anbietet. Nichts zum Essen, jedoch auch Glas, modern und eher dekorativ. Kein Porzellan. Der in das Steinportal eingeritzte Kaffeehausname mit E. E. Kisch ist weiterhin da, unverrückbar, wird hier wohl auch in Zukunft seinen Platz behaupten.

Ich fragte die beiden jungen Leute, die im »Blue« verkaufen, ob sie wissen, wer dieser Kisch war, dessen Name über dem Eingang in ihr »blaues« Geschäft zu lesen ist. Der Mann sagte:

»Ja, so jemand wie Kafka.«

»Und Kafka?«

»Der hat Bücher geschrieben, ist doch berühmt.«

Das hübsche Mädchen an der Kasse lächelte und meinte:

»Eigentlich eine Schande, man sollte mehr wissen, wenn man den ganzen Tag hier herumsteht. Man hätte uns etwas über diese Stelle sagen sollen, ehe man uns hierher schickte.«

Ich sah mich um, war mit den beiden allein da. Niemand sonst bewegte sich zwischen den bunten Gläsern und dem touristischen Kleinkram in dem lustigen Blueblauen Laden.

Als ich mich von den jungen Verkäufern verabschiedete, nachdem ich einen überaus langen Bleistift erstanden hatte, an dessen einem Ende ein winziges farbenfrohes Häuschen mit der Aufschrift »Praha« angebracht war, blickte ich mich auf jeden Fall vorsichtig nach meinem geheimnisvollen Begleiter um. Er zeigte sich nicht, saß wohl an seinen drei Tischen, hatte mir ja bereits eine Art Lektion erteilt: Das Leben läuft weiter, was gestern war, ist schon bald vorgestern. Hätte der Rabbi Löw, hätte der Schriftsteller Gustav Meyrink je ahnen können, daß ihr Golem in winzigem und auch sehr großem Format, in Holz, Ton, Glas und Porzellan (!) eines Tages in Schaufenstern ausgestellt und ein beliebtes Mitbringsel sein wird? Ich bin gewiß nicht die einzige, die sich den verschiedenartigen Stimmungen, dem so oft heraufbeschworenen und niemals enträtselten Zauber meiner Heimatstadt nicht entziehen kann. Zweifellos geht es Bürgern in anderen Städten ähnlich. Allein – man gestatte mir diese Einschränkung – wahrscheinlich nicht ganz genauso. Denn Prag, das muß man wissen, ist neben seinem würdevollen Alter und seinen historischen Werten auch ein sonderbar närrischer Ort. Was übrigens in bestimmtem Maße gleichfalls für die Menschen gilt, die hier zu Hause sind. Bin ich doch selbst einer von ihnen.

Wann immer ich in der Nähe meines jetzigen, nunmehr schon langjährigen Wohnviertels am linken Ufer der Moldau an der Hl. Wenzelskirche vorbeigehe oder mit der Straßenbahn vorbeifahre, muß ich an einen guten Menschen denken, an unsere alte Boženka, die in diesem Gotteshaus geradezu zu Hause war. Mit all ihren Sorgen und Schmerzen fand sie hier beim Altar der Jungfrau Maria Maggiore stets verläßlich Zuflucht, Verständnis und Beistand.

Auf welchem Wege gerade diese Frau in mein Leben eingetreten ist, weiß ich nicht mehr, weiß nur wann: Das geschah gegen Ende des Jahres 1948, kurz nach meiner ersten Krebsoperation. Die hat mich natürlich angestrengt, ich war erschöpft, hatte ein zweijähriges Kind und brauchte Hilfe. Weil wir nach Krieg und Holocaust keine Verwandten mehr besaßen, mußte ich eine bezahlte Haushaltshilfe suchen. Damals zog Boženka zum erstenmal bei uns ein.

Sie war nicht mehr ganz jung, hatte ein kleines, eher verschlossenes Gesicht mit klaren, hellen Augen. Ihren Kopf bedeckte streng gescheiteltes, mit einem festen Zöpfchen zu einem kleinen Knoten zusammengewundenes aschblondes Haar.

»Ich werde kochen, auf das Kind aufpassen, die Wohnung sauber halten und an Sonntagen zur Messe gehen«, erklärte sie bei unserem ersten Gespräch. Das klang ganz vielversprechend, die Frau machte einen soliden, verläßlichen Eindruck. Ich brauchte dringend Hilfe und die bot sie mir an. Nicht überschwenglich, eher nüchtern und sachlich.

»Wir suchen doch keine Freundin«, beruhigte mich mein Mann, als ich etwas mehr Entgegenkommen vermißte, »die Frau verspricht nur, was sie halten kann.«

Boženka zog bei uns ein, kochte gut, ging mit dem Kind spazieren, kam mit ihm pünktlich zur vereinbarten Stunde nach Hause, und die Kleine gewöhnte sich bald an sie. Nur an eine Gepflogenheit unserer neuen Hausgenossin konnte sie sich nicht gewöhnen. Wenn Boženka Kopfschmerzen hatte, und die plagten sie offenbar ziemlich oft, schnitt sie von einer Gurke eine kräftige Scheibe ab und klebte sie sich an die Stirn, was angeblich verläßlich half. Das gefiel unserem Töchterchen nicht, es graulte sich ein bißchen vor der Frau mit dem komischen Gurkenkopf. Es entging mir auch nicht, daß unsere Kleine jedesmal vor dem Aufbruch zum Spaziergang ihre Begleiterin aufmerksam betrachtete. Sie wird doch nicht am Ende mit der Gurke ...

Nein, vor jedem Ausgang wurde nur das Zöpfchen festgezogen und jedes Stäubchen vom Mantel entfernt. Boženka redete nicht viel, ging, wie sie angekündigt hatte, jeden Sonntag in die Kirche, und als sie uns eines Tages unvermittelt eröffnete, sie habe beschlossen, ihr Leben zu ändern, wolle nicht weiter Hausgehilfin sein und habe über Vermittlung einer Kirchenbekannten eine Arbeit in der Industrie angenommen, tat es uns leid, aber, ehrlich gesagt, nicht allzu sehr. Wir wünschten ihr viel Glück und hatten selbst Glück, denn bald trat ein junges Mädchen in unseren Haushalt ein, und das Zusammenleben mit ihm stellte sich als viel fröhlicher heraus. Liduška litt auch nicht an Kopfschmerzen und benützte Gurken nur zum Anrichten von Salaten, was unsere Kleine offensichtlich erleichterte.

Jahre vergingen. Für uns recht turbulente Jahre, in die mein absurder Gefängnisaufenthalt im Rahmen der »politischen Säuberungen 1952–1953« fiel, unsere darauffolgende Abschiebung in eine Provinzstadt, die Rückkehr in ein für uns zeitweise obdachloses Prag und schließlich die Zuteilung einer Wohnung im Stadtteil Košíře, wo wir, zwar ungefragt, aber dennoch endlich wieder festen Fuß fassen konnten.

In jener Zeit war das wahrlich kein überaus verlockendes Stadtviertel. Geräuschvoll, beträchtlich verwahrlost, belastet mit einer wichtigen Ausfallstraße nach dem Westen. Und mit zahlreichen, noch verwahrlosteren Nebenstraßen, in denen es von Kindern und arbeitslosen Jugendlichen geradezu wimmelte. Das waren die sogenannten Zigeunerstraßen.

Vor dem Jahr 1945 waren in Prag nur wenige Roma-Familien angesiedelt, der große Zustrom auf der Flucht vor der heranrückenden Ostfront erreichte die Stadt erst am Kriegsende. Diese Menschen, bekanntlich ein fahrendes Volk, konnten sich in den Steinbauten und beengenden Gassen nur mühsam eingewöhnen. Sie vermißten ihre natürliche Gemeinschaft, das wechselnde Lagerleben unter freiem Himmel. Sowie der Frühling und Sommer in Prag einzogen, saßen in unserem Stadtviertel in den Abendstunden Frauen und Kinder am Rande des Gehsteigs, ließen die Füße in die Fahrbahn baumeln – der Verkehr war in jenen Jahren noch nicht so monströs –, schwatzten, rauchten, führten mitunter heftigen Meinungsaustausch, genossen den blassen Ersatz ihres einstigen Lagerlebens.

Die jungen, in grelle Farben gekleideten Mädchen unter ihnen waren oft beunruhigend schön. Ihr Lachen, manchmal auch ein vielstimmig geträllertes Liedchen in unverständlicher Sprache wirbelten die eintönige Straße richtig durcheinander. Unter den alten Frauen gab es einige Hexengestalten mit einer Zigarre im Mundwinkel, die mitunter laut zeterten und vorübergehende Menschen belästigten.

»Ich kann aus deiner Hand dein Schicksal lesen«, bot mir eines Tages eine solche furchterregende Person mit einem gräßlich geschwollenen Bein an.

»Nein, danke. Ich will es gar nicht wissen.«

Es folgte ein Schwall böser Flüche.

»Laß das«, eine der jungen Schönen erwischte die Alte an ihrem Schultertuch. »Laß diese Frau in Ruhe. Siehst du denn nicht ...« Und sie ließ den Satz unbeendet, schenkte mir ein warmes Lächeln und kehrte tänzelnd zu ihren Freundinnen zurück.

Ich setzte meinen Weg nachdenklich fort. Was hat die Hexe an mir erkennen und mich deshalb verschonen sollen? Daß ich auch zu einer oft getretenen Menschengemeinschaft gehöre? Oder bildete ich mir das bloß ein, und das Mädchen war einfach vernünftig.

Wo steckte in solcher Stunde das Wesen, das gleichzeitig an drei Tischen zu sitzen versteht? Wo blieb der magische Geist, von dem es heißt, daß er Prag seinen rätselhaften Zauber verleiht? Diesen Zuwanderern aus einem ungebundenen, ganz anders gearteten Dasein hätte der Namenlose beistehen, hätte sie beruhigen müssen. In unserer Stadt wurden – wie an so vielen anderen Orten – im Laufe der Jahre wiederholt Menschen, oft ganze Gruppen, angefeindet und mißverstanden. Und haben hier dennoch Fuß gefaßt und die Moldaumetropole gerade mit ihrer Unterschiedlichkeit bereichert und mitgestaltet. Neuartig, temperamentvoll, manchmal ein bißchen närrisch. Aber auch das gehört glücklicherweise zu Prag.

Wir brauchten gleichfalls eine gewisse Zeit, um uns in Košíře einzugewöhnen, in dieser für uns neuen und bislang fremden Umgebung. Da klingelte eines Tages jemand an unserer Tür. Ich öffnete, auf der Schwelle stand eine Frau in Mantel und Kopftuch, wie mir schien, ein wenig verlegen.

»Sie wünschen?« fragte ich die Fremde.

»Ich bin die Božena«, lautete die gemurmelte, überraschende Antwort.

»Na so was! Kommen Sie doch weiter!«

»Nein, nein«, sie schüttelte den Kopf, »verzeihen Sie, ich will nicht stören, möchte Sie nur um etwas ersuchen.«

»Frau Boženka«, rief in diesem Augenblick mein Mann, der nachschauen kam, was sich an der Wohnungstür abspielte. »Treten Sie doch näher.«

Wir mußten sie noch ein wenig überreden, schließlich ließ sie sich in Mantel und Kopftuch im Wohnzimmer nieder, blickte sich um und sagte: »Noch mehr Bücher.«

Dann rückte sie mit ihrer Bitte heraus. Sie benötigte für ihren Rentenanspruch eine Bestätigung für die Zeit, während der sie bei uns im Haushalt half. Dabei bemerkte sie leise und nur so nebenbei, jetzt in einem städtischen Frauenheim in unserer Nähe zu wohnen und sehr viel Zeit zu haben. Ich schaute zu meinem Mann hinüber, der nickte.

»Boženka«, sagte ich, »ich arbeite jetzt in einer Redaktion, komme unregelmäßig nach Hause. Mein Mann soll aber regelmäßig essen, er ist, wie Sie ja wissen, nicht ganz gesund. Möchten Sie nicht ein paarmal in der Woche ...«

Und so trat Frau Boženka diesmal eigentlich nicht so sehr in unseren Haushalt als vielmehr in unsere Familie ein. Denn mit ihr hatte sich in den vergangenen Jahren eine sehr wesentliche Änderung vollzogen.

Es ist wohl kaum ein Zufall, daß ein Dichter in Prag, vielleicht sozusagen DER Dichter von Prag, in einer seiner berühmtesten Erzählungen einen Menschen sich in einen Käfer verwandeln ließ. Könnte ein solcher Prozeß auch umgekehrt stattfinden? Kann sich ein kleiner Menschenkäfer in ein aufrechtes Wesen, in ein schlichtes und vollwürdiges Menschenexemplar umwandeln? Was meint hierzu mein Schattenwesen, das gleichzeitig an drei Tischen zu sitzen vermag? Kann einem eine solche verwandelte Gestalt den Weg kreuzen? Sind wir imstande, sie zu erkennen und richtig zu deuten?

Ihre Erfahrungen in der Welt der Industrie hat Boženka in einer Kosmetikfabrik gesammelt, an einem mit vielen Frauen besetzten Fließband. Zuerst, so erzählte sie uns jetzt ganz offen und sogar sichtlich gern, zuerst war das gar nicht einfach, hatte sie doch bislang immer nur allein in einem fremden Haushalt gearbeitet. Bis zur Besetzung der Tschechoslowakei durch Nazideutschland bei einer jüdischen Familie, wovon sie uns gegenüber früher nie gesprochen hatte.

»Die waren gut zu mir«, sagte sie nun, und Tränen schossen in ihre Augen, »und wurden alle umgebracht. Selbst der kleine Willi, so ein liebes Kerlchen.«

Unmittelbar nach Kriegsende, erzählte sie ein andermal, kam sie im Haushalt eines kinderlosen Ehepaares unter. Der Mann war Minister, »aber sehr freundlich«, wie sie betonte. Mit der gnädigen Frau konnte sie jedoch nicht zurechtkommen. Die fuhr mit den Fingern ständig an den Möbeln herum, um festzustellen, ob Boženka überall ordentlich Staub gewischt hat. Wenn Gäste ins Haus kamen, verlangte Madame, daß sie in einem schwarzen Kleid mit weißer Schürze und weißem Häubchen bei Tisch servierte. Eines Tages herrschte sie sie im Laufe eines solchen Essens vor den Gästen grob an. Da verzog sich Boženka in die Küche, holte ihr Köfferchen hervor, legte Schürze und Häubchen auf den Tisch und verließ das Haus.

»Zwischen Vorspeise und Suppe«, berichtete sie uns, »das war gewiß nicht in Ordnung, aber ich konnte es dort einfach nicht mehr aushalten.«

»So etwas verlangt aber Mut«, warf ich ein.

Sie seufzte. »Die Jungfrau Maria stand mir bei, sonst hätte ich es nicht fertiggebracht. Sie hilft mir immer.«

Die Kosmetikfabrik ermöglichte Boženka einmal mit anderen Arbeiterinnen ein verlängertes Wochenende in einer Betriebshütte im Riesengebirge. Das war der erste und einzige Urlaub in ihrem Leben.

»Wir haben dort viel Spaß gehabt«, erinnerte sie sich schmunzelnd noch nach all den Jahren, »haben auch zusammen gesungen, wobei jede ein Lied vorschlagen mußte. Zuerst habe ich mich geschämt, aber wir waren ja nur unter Frauen ...«

»Nur unter Frauen?« Unsere Tochter, inzwischen im Backfischalter, wunderte sich. »Und das war lustig?«

Die beiden, die alternde Frau und das junge Ding, führten jetzt miteinander lange Gespräche. Boženka klebte auch nie mehr eine Gurkenscheibe an ihre Stirn. Vielleicht hat man ihr in der Kosmetikfabrik ein anderes Mittel gegen Kopfschmerzen empfohlen. Von unserer Tochter erfuhr ich auch, daß unsere fromme Hausgehilfin nur einmal im Leben eine ganz kurze Liebschaft hatte. Das war ein junger Soldat aus ihrem Dorf, und als er sie einmal küßte, geriet Boženka in Panik, hatte Angst, sie könnte davon ein Kind bekommen, und wollte ihn nie wieder sehen.

In dem Frauenheim in unserer Nähe wohnte sie in einem ganz kleinen Zimmer, das mit einem Gaskocher und einem Waschbecken mit nur kaltem fließendem Wasser ausgestattet war. Trotzdem fühlte sie sich in ihren knappen vier Wänden glücklich, insbesondere weil sie, wenngleich über einer hochfrequentierten und lärmenden Straße, einen winzigen Balkon hatte, auf dem sie eine üppige Blumenpracht heranzog.