Lenka Reinerová

Mandelduft

Erzählungen

Impressum

ISBN 978-3-8412-0516-2

Aufbau Digital,

veröffentlicht im Aufbau Verlag, Berlin, August 2012

© Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin

Die Originalausgabe erschien 1998 bei Aufbau; Aufbau ist eine Marke der Aufbau Verlag GmbH & Co. KG

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jegliche Vervielfältigung und Verwertung ist nur mit Zustimmung des Verlages zulässig. Das gilt insbesondere für Übersetzungen, die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen sowie für das öffentliche Zugänglichmachen z. B. über das Internet.

Umschlaggestaltung Torsten Lemme

unter Verwendung eines Ausschnitts aus dem Foto »Prag, Kralsbrücke im Nebel« von G. Hartmann, Jupiterimages

Konvertierung Koch, Neff & Volckmar GmbH,

KN digital – die digitale Verlagsauslieferung, Stuttgart

www.aufbau-verlag.de

Inhaltsübersicht

Kein Mensch auf der Straße

Tragischer Irrtum und richtige Diagnose

Mandelduft, Piratentuch und grüne Ringe

Kein Mensch auf der Straße

Der Morgen war schön. So schön, als wollte er einen der Tage einleiten, die gleich Glockenschlägen lange in uns nachklingen. Ein nahezu italienisch blauer Himmel wölbte sich über die Flußbrücken, und das Moldauwasser glitzerte fröhlich, als würde es noch durch Wiesen und nicht durch eine Großstadt mit all ihrem Unrat, üblen Gerüchen und lärmendem Getöse fließen.

Ein solcher Morgen ist geradezu beschwingend. Ich mußte zwar »in die Stadt gehen«, wie man in Prag zu sagen pflegt, wenn man sich in das Stadtzentrum begibt, hatte aber ansonsten einen beinahe ganz freien Tag vor mir. Erst in den Abendstunden erwartete mich eine Dolmetscherarbeit, deren Thematik ich beherrschte, so daß ich mich nicht sonderlich vorzubereiten brauchte. Daß sie beunruhigend und herzbeklemmend sein würde, versuchte ich in der heiteren Morgenstunde aus meinem Kopf zu verdrängen.

Die Straßenbahn, in die ich einstieg, war ganz mit Maiglöckchen bemalt, die zum Genuß eines hauchfrischen Kaugummis aufforderten. Im allgemeinen ärgern mich diese zu Reklamefahrzeugen umgestalteten Verkehrsmittel. Es gefällt mir nicht, mich in einem vollgestopften Wagen durchzuwinden, an dessen Außenwänden schlanke Mädchenbeine unbehindert wippend für Strumpfhosen werben, oder gar in einen mit Wüstensand bemalten Kasten einzusteigen, auf dem ein Kamel – was denn auch sonst – für Camel-Zigaretten Propaganda macht. Diesmal gelang es mir, diesen Unfug einfach zu übersehen.

Die Stadtmitte bot das übliche Bild, genauer gesagt, das in den letzten Jahren übliche, an Überraschungen reiche Bild. So entdeckt man als Prager Bürgerin zum Beispiel eine neue Bankfiliale dort, wo man bislang Fische kaufte; Jaguarwagen stehen hinter den Glasscheiben einer einstigen Konditorei, und wo bis vor kurzem belegte Brötchen verführerisch dufteten, werden nunmehr mit dröhnender Rockmusik berieselte T-Shirts, mit allen erdenklichen und unerdenklichen Emblemen verziert, aus den USA, Singapur und China angeboten. Tempora mutantur.

Aber an jenem Morgen, von dem hier die Rede ist, konnte mir all das nichts anhaben. Gleich beim Aufwachen hatte ich mir fest vorgenommen, den Tag tunlichst unbekümmert zu verbringen, um dann die schwierigen Abendstunden gut bewältigen zu können. Wohlwollend betrachtete ich die Häuser, von denen sich immer mehr in neuer Aufmachung zur Schau stellen. Es gibt jetzt fröhlich erbsengrüne, altrosa und zitronengelbe Fassaden, hellrote Dächer lachen einen an, aus jahrzehntelangem Schmutziggrau schälen sich Stukkaturen und anmutige Verzierungen heraus. Und über alledem stand der italienisch blaue Himmel.

In der Eisernen Gasse, die vom Karolinum zum Altstädter Ring führt, fiel mir ein älterer Mann auf, der beim Gehen sonderbar mit den Armen schlenkerte, nach ein paar Schritten immer wieder stehenblieb, sein trauriges Gesicht von einer Seite zur anderen wandte und mit zitternder Hand unsichtbare Kreise in die Luft zu malen schien. Dabei murmelte er lautlos vor sich hin. Was suchte er? Suchte er jemanden? Der unsichere Gang und die fahrigen Bewegungen ließen auf einen Geistesgestörten schließen. Einige Menschen blickten ihm kopfschüttelnd nach. Ein kleiner Junge versuchte ausgelassen, seinen Gang nachzuahmen, was ihm ein paar ärgerliche Püffe seiner Mutter eintrug. Irgendwie paßte der arme Irre nicht in das heitere Straßenbild.

Ich blieb stehen und blickte ihm gleichfalls nach. Hatte die Natur diesem Mann Schlimmes zugefügt oder war ihm von seinen Mitmenschen so Böses widerfahren, daß es ihn für das ganze Leben unaufhaltsam zwang, sich gegen Unsichtbares zu wehren?

Unsinn! Die schwierigen Abendstunden, vor denen es mir bangte, warfen scheinbar ihre Schatten voraus, zwangen mir derartige Vorstellungen auf. Der Arme war offensichtlich krank, das war es.

Auf dem großen Platz am unteren Ende der Eisernen Gasse stand eine dichte Menschenmenge vor dem alten Rathaus und wartete auf die stündliche Attraktion, wenn sich die beiden Fensterchen über der alten Uhr öffnen, die zwölf Apostel gemächlich vorbeiwandeln, der Geizhals seinen Geldsack schüttelt und der Tod mit dem bleichen Knochenschädel wackelt. Dann kräht der Hahn über dem schwer lesbaren astronomischen Zifferblatt, und der ganze Spuk ist für eine weitere Stunde vorbei.

Den Verrückten hatte ich inzwischen aus den Augen verloren.

Adam und Eva, die beiden Türme der Teynkirche, das spitze Dach des Hauses Zur Glocke, der noble Kinskipalast – all das schien gleichsam in den italienisch blauen Himmel eingeschnitzt zu sein. Ich lebe – zwar mit beträchtlichen gewollten und ungewollten Unterbrechungen – seit meinem ersten Schrei in Prag und kann mich dennoch, oder vielleicht gerade deshalb, an seiner verträumten, ein bißchen wehmütigen und zugleich tröstlichen, mir so vertrauten Schönheit nicht satt sehen. Und gar an solch einem Morgen!

An der Ecke zur Langen Gasse am rechten unteren Ende des Altstädter Rings streckte mir eine junge Zigeunerin ihre bettelnde Hand entgegen. Sie trug einen großgeblümten Rock, hatte ein grün-rotes Tuch auf dem Kopf und im Arm ein schlafendes Kindchen. Eine Madonna der Straße? Ach wo! Dieser Frau war ich schon an anderen Ecken der Stadt begegnet, hatte sie mit verschiedenen Kindern im Arm oder am Rock gesehen. Wenn man an ihr vorbeigehen wollte, bot sie in einzigartigem tschechisch-deutschem Kauderwelsch »budoucnost weissagen« an. An diesem Morgen wirkte sie auf dem von Touristen bevölkerten Platz wie eine raffiniert arrangierte Figur.

Vielleicht war es das Zigeunerbaby, ganz bestimmt die Ecke der Langen Gasse, die auf einmal eine Kindheitserinnerung in mir wachrief. Vor dem zweiten Weltkrieg befand sich in dieser Straße der Sitz eines jüdischen Wohlfahrtsvereins. Er hieß Israelische Konfraternität, unterstützte bedürftige Glaubensgenossen und organisierte kulturelle Veranstaltungen, um Geld für seine Wohltätigkeitsaktivitäten aufzubringen. Meine Eltern waren Mitglieder der Konfraternität.

Aus irgendeinem Anlaß, den ich inzwischen vergessen habe, wahrscheinlich war es ein jüdischer Feiertag, wurde einmal eine Kindervorstellung inszeniert, bei der ich mitwirkte. Das war an sich eine Ausnahme, denn meine Eltern beschränkten sich im allgemeinen darauf, regelmäßig ihre Mitgliedsbeiträge zu entrichten, entwickelten jedoch darüber hinaus so gut wie keine Vereinstätigkeit. Sie wollten auf keinen Fall »anders« sein als die Menschen aus dem Haus, in dem wir wohnten, und die Menschen in unserer Straße. Vor allem meine Mutter war geradezu ängstlich darauf bedacht, sich tunlichst durch nichts von ihren Mitbürgern im Stadtteil Karlín zu unterscheiden. Es genügte, so meinte sie, daß sie aus dem deutschsprachigen Saaz in Westböhmen stammte und mein Vater aus dem tschechischen Prag. Schon dadurch fiel man doch auf. Es konnte dem Geschäft schaden und vor allem die Kinder belasten, fürchtete sie, wenn man überdies noch die jüdische Herkunft hervorheben würde.

Wie unnütz und vergeblich erwiesen sich später diese mütterlichen Rücksichtnahmen!

Bei jener Theatervorstellung wirkte ich jedoch, wie schon gesagt, mit. Aufgeführt wurde ein Märchen von Hauff mit dem Titel »Kalif Storch«. Ich muß damals acht oder neun Jahre alt gewesen sein, erinnere mich heute nur mehr vage an den Inhalt des Stücks. Aber daß ich einen Storch spielte, das habe ich nicht vergessen. Zu diesem Zweck zog man mir orangefarbene Strümpfe an und eine kurze weiße Hose und stülpte mir Flügel, einen langen Hals und einen roten Schnabel, alles aus Pappe, über den Kopf. In solch schachtelartiger Verkleidung liefen in jenen Jahren Reklamefiguren aller Art durch die Straßen. (Die Trambahnen waren damals in den Farben Prags, rot und gelb, angestrichen und durften von niemandem und mit nichts bemalt werden.)

Mein Pappkostüm war ziemlich schwer und eng, nur am Hals gab es zwei kleine runde Öffnungen, durch die ich hindurchgucken konnte. In eine Hand drückte man mir eine Schnur, wenn ich an ihr zog, klapperte mein langer roter Schnabel. Das fand ich schön, viel schöner als die wenigen Worte, die ich aus dem Papphals in die Welt piepsen mußte.

»Guten Tag, Frau Langbein. Ich soll heute vor den Gästen meines Vaters tanzen und will das hier ein bißchen einüben.« Nun, man übe einen Tanz mit einem schweren Papphals auf den Schultern!

An das Märchen kann ich mich, wie schon bemerkt, kaum noch erinnern. Ich weiß nur noch, daß ich eine Kollegin, Frau Langbein, hatte. An jenem strahlenden Morgen fiel mir aber nach all den Jahren zu meiner Überraschung plötzlich auch das Zauberwort ein, das dem verhexten Kalif und seinem Wesir ihre menschliche Gestalt wiedergeben konnte: Mutabor.

Warum die jüdische Konfraternität gerade ein arabisches Märchen für ihre Kindervorstellung gewählt hat, ist mir nicht bekannt. Vielleicht war das damals, viele Jahre vor der Errichtung des Staates Israel, nicht besonders bemerkenswert. Als in mir jedoch an jenem Frühsommertag des Jahres 1995 die Erinnerung daran wach wurde, war sie angesichts der inzwischen stattgefundenen unverzeihlichen Geschehnisse um und in Israel wie ein warmes Lüftchen, wie ein Gruß aus einer fernen, vermeintlich unschuldigeren Zeit. Mutabor.

Der Mann mit den schaukelnden Bewegungen und der ruhelos kreisenden Hand hatte mich inzwischen eingeholt, wandte seinen suchenden Blick gleich mir in die Lange Gasse. Ich betrachtete ihn nun etwas genauer. Sollte ich ihm vielleicht schon früher einmal ... War ich doch viele Jahre nach meinem schauspielerischen Klapperschnabeldebüt täglich in diese Straße gekommen, in der ich meine Arbeitsstätte, die Redaktion der Monatsschrift »Im Herzen Europas«, hatte. Diesem Menschen bin ich aber sicherlich nicht begegnet.

Das Haus Nr. 12, in dem die Redaktion untergebracht war und das der Verlag Orbis für eine große Summe von Grund auf erneuern ließ, stammt aus dem 13. Jahrhundert. Es soll ein Bierausschank oder ein Wirtshaus gewesen sein. Die gotisch gewölbten Kellerräume sprechen für diese Annahme.

An einem Augustmorgen des Jahres 1968, an dem sich wie an diesem Tag ein blauer Himmel über Prag wölbte, den jedoch damals niemand beachtete, schlängelte ich mich keineswegs durch Haufen schaulustiger Touristen über den Altstädter Ring, vielmehr quetschte ich mich zwischen Panzern und sonstigem Kriegsgerät ungebetener sowjetischer Eindringlinge hindurch, entsetzt, empört und zutiefst erregt. Was war da bloß geschehen! Hat es nicht genügt, daß vor Jahren deutsche Faschisten mein Prag besetzt hatten, mußten wir zur Abwechslung nun auch noch von sowjetischen Kommunisten okkupiert werden? In der Langen Gasse, unter den Fenstern unserer Redaktion, hatte ein schweres Geschütz Stellung bezogen. Wir bemühten uns geflissentlich, diesen Metallkoloß zu übersehen, versuchten unter der neuen Gewaltherrschaft so gut es ging in öffentlicher (aber auch durchaus unöffentlicher) Form weiterhin tätig zu sein. Etwa am dritten oder vierten Tag nach der Invasion kam ein Kollege in meinen winzigen Arbeitsraum gestürzt, lachte und rief: »Schau mal schnell hinaus!« Ich rannte zum Fenster.

»Unsere« Besatzer hatten offenbar ihren großen Waschtag. Vom Kanonenrohr baumelten Unterhosen, Socken, drei löchrige Hemden. Der Himmel war blau, ich wünschte mir Regen.

So ergeht es einem, oder, besser gesagt, so ergeht es mir, wenn ich durch Prag laufe und ein italienisch blauer Himmel nicht nur die vergoldeten Kreuze auf den Kirchturmspitzen und die frisch getünchten Stukkaturen an den Häuserwänden aufleuchten läßt, sondern auch hineinleuchtet ins Erinnern an längst und jüngst Gewesenes, an Abgeschlossenes und weiter Offenstehendes, in das, was man selbst getan hat, aber auch das, was einem angetan wurde.

Genug davon. Ich kehrte der erinnerungsträchtigen Langen Gasse den Rücken.

Wie spät ist es? Wann muß ich aufbrechen, um am Abend rechtzeitig in der Dolmetscherkabine zu sitzen? Warum jetzt schon Herzklopfen?

Ich hatte für jenen Tag das Übersetzen bei einem deutsch-tschechischen Kolloquium in Nordböhmen übernommen. Im Trubel der Vorbereitungen hatten die Veranstalter beinahe vergessen, daß nicht alle Teilnehmer an dem internationalen Gespräch beide Sprachen beherrschen würden. Die Aufforderung an mich erging in letzter Minute. Zum Glück konnte ich noch eine Kollegin dazu überreden mitzukommen. Anspruchsvoll war in diesem Fall nicht das Sprachliche, ich hatte eine unbestimmte Angst vor dem Ort der Veranstaltung und davor, was ich zu hören bekommen würde. Gerade deshalb lag mir daran, bei der Arbeit dort jemanden zur Seite zu haben. Und so war ich froh, daß D., eine perfekte Dolmetscherin und überdies seit sehr vielen Jahren eine gute Freundin, bereitwillig zugesagt hatte, diesen Abend mit mir zu meistern.

Man erwartete uns in Theresienstadt.

Ein Taxi sollte uns dorthin bringen und holte uns auch rechtzeitig am Nachmittag ab. Als wir Prag verließen, war der Himmel immer noch italienisch blau. Ich versuchte den bohrenden Gedanken daran, wohin wir unterwegs waren, zu unterdrücken, wollte die Fahrt durch den Frühsommer genießen.

Bald blieb die Stadt hinter uns. Wiesen, bestellte Felder, ein Wäldchen. In den Dörfern zahlreiche neu herausstaffierte Häuser, frische rote Ziegeldächer, alles recht freundlich, mit meinem inneren Bild vom lieblichen Böhmen übereinstimmend. In den Gärten blühten frühe Sommerrosen, da und dort noch ein verspäteter Fliederbusch. Nur die vielen unübersehbaren Tafeln mit der Aufschrift »Zimmer frei!« an den Zäunen oder vor den Haustüren wollten nicht recht in die ländliche Idylle passen, überschwemmten die Landschaft, waren – soweit man das vom Auto aus übersehen konnte – das auffallendste Merkmal der neu angebrochenen Epoche.

In der Ferne blauten die stumpfen Kuppen der längst verloschenen und längst mehr oder weniger dicht bewachsenen Vulkane Mittelböhmens. Vom Gipfel eines von ihnen, dem legendären Ríp, soll Urvater Čech einst seinem Stamm dieses Land mit fruchtbarem Boden, zahlreichem Wild in den Wäldern und Mengen von Fischen in den Bächen und Flüssen zugesprochen haben.

Gott weiß, warum ich mit einem Mal an den armen Irren mit den suchenden Augen in der Prager Altstadt denken mußte. Auch an die junge Zigeunerin mit dem Kindchen im Arm. Können diese beiden gleich mir Böhmen als ihre liebliche Heimat empfinden?

»Denk jetzt nicht daran«, sagte auf einmal D., die meinen versonnenen Blick offenbar als Bangigkeit vor der abendlichen Veranstaltung deutete, »wir bekommen heute noch genug davon zu hören.«

»Bestimmt«, antwortete ich, ohne einen Seufzer zu unterdrücken. »Aus den Eichmannschen Zügen nach Theresienstadt hat diese Gegend sicherlich ganz anders ausgesehen. Und ›Zimmer frei‹ wurde damals nicht angeboten, sondern schlechtweg eingenommen.«

Eigentlich absurd, mit einem Taxi nach Theresienstadt zu fahren. Auf der Strecke der mit Juden vollgepferchten Deportationszüge ins Ghetto und der Häftlingstransporte in die Kleine Festung.

Plötzlich bremste der Fahrer scharf. Ein kleiner Junge rannte blindlings über die Straße, wäre uns beinahe unter die Räder geraten.

»Sind wie verrückt, wenn sie diesen Kram sehen«, schimpfte unser Chauffeur.

Ich war ganz schön erschrocken, blickte dem Jungen verstört nach. Und glaubte im gleichen Augenblick, nun selbst ein wenig verrückt geworden zu sein.

Am Straßenrand war ein Regiment von Zwergen postiert. Wann und woher waren die hier einmarschiert? Bewegungslos standen sie da, mit für immer erstarrtem Grinsen auf den dümmlich freundlichen Gesichtern, bedrohlich nur durch ihre unglaubliche Menge. Weiße Gipszwerge mit langen Bärten, pausbäckige und bartlose, auf krummen Beinchen und mit glotzenden Äuglein, der Größe nach gereiht, von winzig bis zu unwahrscheinlich groß. Vor ihnen stand verzückt der kleine Junge, der nur dank der Geistesgegenwart unseres Mannes am Lenkrad vor einem Augenblick nicht umgefahren wurde. Hinter dem Zwergenaufmarsch lümmelte gelangweilt ein schwarz gelockter Jüngling in einem grotesk bemalten T-Shirt.

»Ich träume wohl«, rief ich aus, »sehe das zum erstenmal.«

»Unterwegs werden Sie dazu noch oft Gelegenheit haben«, bemerkte der Fahrer trocken.

Da sausten wir auch schon, nur wenige Meter weiter, am nächsten Kiosk vorbei. Hier gab es vor allem farbige Zwerge mit roten Mützen, mit blauen, grünen und lila Jäckchen, einzeln und in Paaren, umgeben von rosa Keramikschweinchen in verschiedenen Größen. Die sollten Glück bringen, versprach eine schlampig geschriebene Aufschrift in grellen Farben. Glück hier und in solcher Kumpanei?

Ob sich wohl auch Zwerg Nase aus einem anderen Märchen von Hauff mit böser Verzauberung und gutem Ausgang unter dieser Errungenschaft aus neuester Zeit befindet? fiel mir ein. Auf diesem Weg, an dessen Ende vor einigen Jahren Hunderte, ja Tausende Kinder keine Entzauberung, sondern nur der schlimmste Ausgang erwartete.

»Können wir ein bißchen langsamer fahren«, bat ich, um die friedfertige, aber scheußliche Invasion etwas besser betrachten zu können.

Der Fahrer lachte. »Sehen Sie das wirklich zum ersten Mal?«

»Ja. Und ich kann mir überhaupt nicht vorstellen, wer so etwas kauft.«

»Da würden Sie staunen. Die Leute bieten doch nur an, was sie auch loswerden können.«

Das war gewiß richtig. Aber wie hätte ich mir vorstellen können, daß auf der Strecke zwischen Prag und Theresienstadt rudelweise Zwerge zur Verzierung schmucker Gärtchen feilgeboten und erstanden werden. (». . . ist ja geradezu umsonst für unsere Mark. Kannst ruhig ein paar dieser netten Kerlchen einpacken lassen, Mutti . . .«) Neben der Zwergbevölkerung gab es auch ein Angebot von gigantischen Micky-Mäusen aus Plüsch, von niedlichen Dinosauriern und ähnlichem Getier in wohnungsgerechtem Format.

»Gleich nach Theresienstadt, in der Richtung zur Grenze, wird es noch schlimmer«, sagte D. »Dort stehen dann weniger Zwerge, dafür aber dutzendweise Mädchen am Straßenrand, auch viele kleine Zigeunerinnen unter dem Erwachsenenalter.«

Madonnen der Straße? Eine liebliche Landschaft, ein strahlender Morgen? Was hatte ich mir da wieder einmal vorgeträumt? Die bettelnde Zigeunerin auf dem Prager Platz mit dem Kindchen im Arm, zu dem sie wer weiß wie gekommen ist, und ihre Schwestern am Rande der Autobahn zwischen Böhmen und Deutschland, das war die Wirklichkeit von heute, so wie das Ghetto von gestern, zu dem Theresienstadt nicht verzaubert, vielmehr umfunktioniert worden war und wo wir an diesem Abend ein tschechisch-deutsches Kolloquium mit nun schon glücklicherweise möglichem gutem Ausgang dolmetschen werden. Mutabor.

Wir verließen die internationale Straße.

»Wohin soll ich Sie bringen?« erkundigte sich der Fahrer. »Ins Museum? Das ist meistens das Ziel von Fahrgästen nach Theresienstadt.«

»Nein, fahren Sie uns bitte zum Rathaus.«

Wir bogen in eine stille Straße ein. Zu beiden Seiten die behäbigen Bürgerhäuser einer alten nordböhmischen Kleinstadt. Keine Passanten. Der Wagen erreichte eine weitere Straße. Dasselbe Bild. Leidlich erhaltene oder frisch verputzte Häuser, einige wenige bescheidene Läden, einer modisch als Boutique bezeichnet. Kein Mensch.

Eine grüne Rasenfläche tauchte vor uns auf. Weit ausladende mächtige Bäume mit frischem Blattwerk, Sonnenkringel zwischen leeren Bänken. Am Ende des Platzes ein niedriger, ziemlich breiter Bau. Über seiner Einfahrt leuchteten bogenförmig angeordnete, weiß und schwarz angestrichene Rechtecke zu uns herüber. Eine kleine schwarze Fläche, dann ein weißes Viereck und wieder die schwarz getünchte Wand und noch ein weißes Viereck, bis das Ganze einen abgeschlossenen Bogen bildet und in der Abendstunde beinahe freundlich zu lächeln scheint.

War hier die Einfahrt zu den Ghettobaracken oder zum Gefängnis in der Kleinen Festung?

Der Wagen hielt an. Das Rathaus glich ähnlichen Gebäuden aus vergangener Zeit in ähnlichen Städten in diesem Landstrich.

Wir stiegen aus und blickten uns um. Kein Mensch auf der Straße. Hat es in dieser Stadt so viele Tote gegeben, daß sie letztendlich selbst daran gestorben ist?

Als meine Mutter das in diesem Fall weiß und ockergelb umrandete Einfahrtstor einer der Kasernen schon hinter sich hatte und in die Bügelei des Wachpersonals abkommandiert wurde, hielt man mich in einem uralten Zuchthaus in Paris gefangen. Die Anstalt hatte einen trügerischen, angenehm klingenden Namen: sie hieß La Petite Roquette, kleine wilde Ranke. Das war aber auch das einzig Angenehme an dem ausgedehnten Komplex mit den dicken Mauern, hinter die nur spärlich ein Lichtschein dringen konnte. Über hundert Jahre diente diese Einrichtung ihrem freudlosen Zweck, in späteren Zeiten vornehmlich als Frauengefängnis, und es gab dort nichts als bräunliches, schmutziggraues und schwarzes Gemäuer, düstere Korridore, kahle Steinhöfe für den trostlosen Rundgang der gefangenen Insassinnen, wenn man sie zehn Minuten lang aus ihren ebenso trostlosen Zellen zur »Promenade« hinausbefahl.

Als ich etliche Jahre nach Kriegsende zum ersten Mal wieder in Paris war, ging ich mir das Gefängnis ansehen, das ich bis dahin nur von innen kannte. Die Polizeiwagen, mit denen man zum Verhör im Justizpalast eingeliefert und danach wieder in der Roquette abgeliefert wurde, waren fensterlos. So stand ich nun verblüfft vor einer langen, dicht mit Efeu bewachsenen und somit beinahe einladend wirkenden Mauer. Nur das schwere, mit einer Reihe von Sperrvorrichtungen versehene Tor ließ ahnen, was sich jenseits der grün bewucherten Wand befand.

Dieses Kapitel in meinem Leben wurde mit einem durchaus überraschend guten Ende beschlossen. Eine Freundin, die zur gleichen Zeit wie ich in dem Gefängnis einsaß, schickte mir vor kurzem einen Zeitungsausschnitt mit einem Foto, das in dem Augenblick aufgenommen worden war, in dem die Einfassungsmauer der Petite Roquette niedergerissen wurde und einstürzte. Zu beiden Seiten stehen noch die einzelnen Gebäude, aber der mittlere Teil ist schon zusammengebrochen, für immer zu Schutt geworden.

Diese Aufnahme stand lange auf einem meiner Bücherregale und wirkte aufmunternd, wenn ich kleinmütig war. Siehst du, schien sie mir zu sagen, es gibt die Roquette nicht mehr, und es hatte doch den Anschein, als ob sie für immer und unantastbar da wäre. Auch so etwas ist also möglich. Finsteres Unantastbar gilt nicht mehr.

»Schau«, sagte D. mit einem Mal, als wir unschlüssig vor dem Rathaus standen, in der Erwartung, jemand von den Organisatoren des Kolloquiums würde uns begrüßen und weiterleiten kommen. Ich blickte in die Richtung, in die sie wies.

Und erschrak.

Auf einer Bank unter einem prächtigen Kastanienbaum saß ein Mann, schaute vor sich hin und malte mit langsamer Hand unsichtbare Kreise in die Luft. Ein älterer Mann mit einem fein geschnittenen, durchaus nicht geistlosen Gesicht, mit hoher Stirn und weit offenen dunklen Augen. Saß da und begann immer wieder von neuem. Immer die gleichen recht großen unsichtbaren Kreise.

»Der einzige Mensch, dem wir hier bisher begegnet sind«, flüsterte D.

Ich nickte betroffen, mußte natürlich an den Irren von heute früh denken. Aber nun, in dieser Festungsstadt, die später zu einer Sterbestadt umfunktioniert wurde, berührte mich diese Begegnung noch ganz anders. Worauf war der angstvolle und zugleich wesenlose Blick des einsamen Mannes gerichtet? Was sah er, nur er? Welchen Teufelskreis versuchte die ruhelose Hand nachzuvollziehen? Welche Bewandtnis hatte es mit den zwei Begegnungen an einem Tag, der einen unter dem blauen Himmel in meinem Prag und nun dieser hier in dem stillgelegten Theresienstadt? War dieser Zufall ein Zufall . . .

Das internationale Gespräch, dessentwegen wir hierher gekommen waren, wurde von aufrichtigem Aufeinanderzukommen getragen. Hinter den hohen Fenstern des Rathauses, in dem die Zusammenkunft stattfand, dunkelte es allmählich. Draußen war es still, man hörte kein Auto, kein Fuhrwerk, kein Rufen oder Lachen. Die Bänke unter den alten Bäumen waren jetzt gewiß schon leer. Kein Mensch auf der Straße.