Boris Akunin

Russisches Poker

Fandorin ermittelt

Roman

Aus dem Russischen
von Renate und Thomas Reschke

Aufbau Verlag

Impressum

Die Originalausgabe unter dem Titel »Пиковый Валет«

erschien 1998

bei Sacharow-AST, Moskau.

ISBN 978-3-8412-0158-4

Aufbau Digital,

veröffentlicht im Aufbau Verlag, Berlin, August 2012

© Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin

Die deutsche Erstausgabe erschien 2003 bei Aufbau Taschenbuch,

einer Marke der Aufbau Verlag GmbH & Co. KG

© B. Akunin 1998

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jegliche Vervielfältigung und Verwertung ist nur mit Zustimmung des Verlages zulässig. Das gilt insbesondere für Übersetzungen, die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen sowie für das öffentliche Zugänglichmachen z.B. über das Internet.

Umschlaggestaltung Torsten Lemme unter Verwendung der

Gemälde »La Demoiselle d’honneur«, 1883, von James Jaques

Joseph Tissot und »Der Student« von Nikolai Alexandrowitsch

Jaroschenko

Konvertierung Koch, Neff & Volckmar GmbH,

KN digital – die digitale Verlagsauslieferung, Stuttgart

www.aufbau-verlag.de

Inhaltsübersicht

Der »Pikbube« außer Rand und Band

Lebenswissenschaft nach Momus

Ein gerissener Halunke

Eine Schuld wird durchs Zahlen erst schön

Eine Birkhuhnjagd

Platonische Liebe

Der Chef muß lachen

La Grande Opération

Nach dem Gesetz oder der Gerechtigkeit?

Anmerkungen

Der »Pikbube« außer Rand und Band

Auf der ganzen weiten Welt gab es keinen unglücklicheren Menschen als Anissi Tulpow. Na, vielleicht irgendwo in Schwarzafrika oder Patagonien, aber in geringerer Entfernung kaum.

Urteilen Sie selbst. Erstens der Vorname. Haben Sie schon mal gehört, daß ein vornehmer Mann, Kammerjunker oder wenigstens Abteilungsvorsteher, Anissi geheißen hätte? Der Name roch ja förmlich nach ewigem Lämpchen, nach Pfaffentum.

Und der Nachname! Zum Totlachen. Diesen unglückseligen Namen hatte der Urgroßvater, ein dörflicher Küster, seiner Familie eingebrockt. Als Anissis Ahnherr das geistliche Seminarium besuchte, war der Vater Rektor auf die Idee verfallen, die mißtönenden Namen der künftigen Kirchendiener durch Gott wohlgefällige zu ersetzen. Um der Einfachheit und Bequemlichkeit willen benannte er einen Jahrgang der Seminaristen nach Kirchenfeiertagen, einen anderen nach Früchten, und der Jahrgang des Urgroßvaters hatte das Blumenjahr erwischt: Einer hieß fortan Hyanzinthow, einer Balsaminow, einer Ranunkelow. Tulpow ging ja noch an, das war besser als womöglich Pusteblumow.

Aber der Name war noch nicht das Schlimmste. Erst das Aussehen! Schon die Ohren: Sie starrten nach den Seiten wie Nachttopfhenkel. Wenn er sie mit der Schirmmütze andrückte, befreiten sie sich eigenwillig und standen ab, als wollten sie der Mütze von unten Halt geben, sie waren gar zu federnd und knorpelig.

Früher hatte Anissi manchmal lange vor dem Spiegel gestanden, hatte sich hin und her gedreht und die Haare, die er extra lang wachsen ließ, nach beiden Seiten gekämmt, um seine abstehenden Ohren zu verdecken. Und das half auch, zumindest eine Zeitlang. Als jedoch vor drei Jahren Pickel sein ganzes Gesicht übersäten, hatte Tulpow den Spiegel auf den Dachboden geräumt, denn er konnte seine widerliche Visage einfach nicht mehr sehen.

Er stand immer vor Tau und Tag auf, im Winter sogar zu nachtschlafender Zeit, denn er hatte einen weiten Weg zu seinem Dienst. Das Häuschen, das er von seinem Vater, dem Diakon, geerbt hatte, stand auf dem Nutzland des Pokrowski-Klosters, unweit des Spasskaja-Tors. Durch die Pustaja-Straße, über die Taganka, vorbei am verrufenen Chitrowka-Viertel hatte er zur Gendarmerieverwaltung eine gute Stunde stramm zu gehen. Und wenn, wie heute, leichter Frost herrschte und Glatteis war, dauerte es noch länger, denn in den verschlissenen Halbstiefeln und dem dünnen Mäntelchen kam er nicht gut voran. Die Zähne klapperten, und er dachte an bessere Zeiten zurück, an die sorglose Jugend, an seine Mutter, Gott hab sie selig.

Ein Jahr zuvor, als Anissi bei der Geheimpolizei anfing, war es viel leichter gewesen. Sein Gehalt betrug achtzehn Rubel plus Überstundengeld plus Nachtzuschläge, und manchmal kamen sogar noch Reisespesen dazu. So läpperten sich in manchen Monaten bis zu fünfunddreißig Rubelchen zusammen. Aber Tulpow, der Unglücksrabe, konnte sich auf dem einträglichen Posten nicht halten. Oberstleutnant Swertschinski persönlich erklärte ihn zu einem Versager und einem Blindgänger. Als erstes wurde ihm vorgeworfen, daß er seinen Beobachtungsposten verlassen hatte (und wie hätte er ihn nicht verlassen sollen, um kurz nach Hause zu laufen, wo seine Schwester Sonja seit dem Morgen noch nichts zu essen bekommen hatte?). Doch am schlimmsten war, daß er eine gefährliche Revolutionärin entwischen ließ. Während eines Einsatzes zwecks Aufhebung einer konspirativen Wohnung stand er auf dem Hinterhof, nur für alle Fälle, zur Absicherung, denn da er noch sehr jung war, hatten sie ihn zur Festnahme nicht eingesetzt. Und da mußte es geschehen, daß den Verhaftern, gewiegten Bullen, Meistern ihres Fachs, eine kleine Studentin entschlüpfte. Anissi sah ein Fräulein mit Brille auf sich zugelaufen kommen, das Gesicht verstört, verzweifelt. Er rief »Halt!«, konnte sich aber nicht entschließen zuzugreifen – gar zu dünne Ärmchen hatte das Fräulein. Er stand da wie ein Ölgötze und glotzte ihr hinterher, stieß nicht mal in seine Pfeife.

Für dieses himmelschreiende Versäumnis wollten sie ihn gänzlich aus dem Dienst kanten, aber sein Vorgesetzter erbarmte sich des Waisenjungen und degradierte ihn nur zum Botengänger. Damit hatte Anissi nun einen winzigen Posten inne, geradezu schmählich für einen gebildeten Menschen, der fünf Klassen der Realschule absolviert hatte. Vor allem gab es da keinerlei Hoffnung. Nun würde er sein Leben lang als armseliger Bote herumlaufen müssen, ohne einen besseren Rang erreichen zu können.

Mit zwanzig sich selbst aufgeben zu müssen ist für jedermann bitter, und das hat nicht einmal was mit Ehrgeiz zu tun. Aber mit zwölfeinhalb Rubeln auszukommen, das versuche mal einer. Anissi selbst brauchte ja nicht viel, aber wie sollte er Sonja erklären, daß die Karriere ihres jüngeren Bruders gescheitert war? Sie wollte Butter essen und Quark, und auch mit was Süßem mußte er sie dann und wann verwöhnen. Und das Feuerholz kostete heuer drei Rubel das Klafter. Sonja war zwar schwachsinnig, doch wenn sie fror, stieß sie unartikulierte Laute aus und weinte.

Anissi, bevor er aus dem Hause rannte, wechselte der Schwester noch rasch das nasse Zeug. Sie machte die Ferkeläuglein einen Spalt auf, lächelte dem Bruder verschlafen zu und lispelte: »Nissi, Nissi!«

»Bleib ruhig liegen, Dummchen, mach keinen Blödsinn«, befahl Anissi ihr mit gespielter Strenge, während er den schweren schlafheißen Körper umdrehte. Er legte die vereinbarte Zehnkopekenmünze auf den Tisch, für die Nachbarin Sytschicha, die nach Sonja zu sehen pflegte. Dann kaute er hastig einen harten Kringel, trank kalte Milch und eilte hinaus ins Dunkle, ins Schneetreiben.

Während Anissi über die verschneite Ödfläche zur Taganka lief und aller naselang ausglitt, tat er sich selber leid. Er war arm, häßlich und unbegabt, und obendrein hing ihm Sonja als lebenslange Last am Halse. Er war dazu verurteilt, weder Frau und Kinder noch ein gemütliches Heim zu haben.

Als er an der Kirche Aller Leidtragenden vorbeikam, bekreuzigte er sich wie gewohnt vor dem ewigen Lämpchen der Gottesmutter-Ikone. Diese Ikone hatte er schon als Kind geliebt, sie hing nicht im Warmen und Trockenen, sondern an der Außenwand, jeder Witterung ausgesetzt, nur ein kleines Schutzdach beschirmte sie gegen Regen und Schnee, und weiter oben war ein Holzkreuz. Das Flämmchen ging niemals aus, es brannte in einem Glas und war schon von weitem zu sehen. Das war wohltuend, zumal bei Kälte, Finsternis und Windgeheul.

Aber was war das Weiße da auf dem Kreuz?

Eine weiße Taube! Saß da, putzte mit dem Schnabel ihr Gefieder, und der Sturm machte ihr nichts aus. Anissis Mutter selig hatte sich mit Vorzeichen bestens ausgekannt, und von ihr wußte er, daß eine weiße Taube auf einem Kreuz Glück und eine unerwartete Freude verheißt. Nur, wo sollte das Glück herkommen?

Der Schneesturm fegte über die Erde. Es war scheußlich kalt.

Aber der Arbeitstag fing wirklich gar nicht so schlecht an. Der Kollegienregistrator Jegor Semjonowitsch, der die Botenmeisterei leitete, warf einen Blick auf Anissis Mäntelchen, schüttelte sein graues Haupt und erteilte ihm einen guten, weil warmen Auftrag. Tulpow brauchte nicht in alle Ecken und Enden der riesigen, winddurchheulten Stadt zu laufen, sondern nur einen Aktendeckel mit Berichten und Dokumenten zu Herrn Hofrat Erast Petrowitsch Fandorin zu bringen, dem Beamten für Sonderaufträge bei Seiner Erlaucht dem Generalgouverneur. Hinzubringen und zu warten, ob der Herr Hofrat nicht eine Rückantwort mitzugeben habe.

Das war nicht weiter schwierig. Anissi schöpfte Mut und schaffte die Akte in Windeseile hin, er kam nicht einmal dazu zu frieren. Herr Fandorin logierte gleich um die Ecke, in der Kleinen Nikitskaja, in einem eigenen Seitenflügel auf dem Besitz des Barons von Ewert-Kolokolzew.

Anissi vergötterte seit langem Herrn Fandorin. Von weitem, zaghaft, ehrfurchtsvoll, ohne jede Hoffnung, von dem großen Mann jemals wahrgenommen zu werden. Der Hofrat Fandorin genoß in der Gendarmerieverwaltung eine besondere Reputation, obwohl er einer anderen Behörde angehörte. Seine Exzellenz der Moskauer Polizeipräsident Jefim Baranow, der im Range eines Generalleutnants stand, fand gleichwohl nichts Anstößiges dabei, den Beamten für Sonderaufträge um einen vertraulichen Rat anzugehen oder ihn sogar um eine Protektion zu ersuchen.

Kein Wunder, denn jeder, der sich ein bißchen in der großen Moskauer Politik auskannte, wußte, daß das Oberhaupt der Residenzstadt, Fürst Wladimir Andrejewitsch Dolgorukoi, den Hofrat schätzte und auf seine Meinung hörte. So mancherlei wurde über den Herrn Fandorin gemunkelt, zum Beispiel daß er über die besondere Gabe verfüge, jeden Menschen zu durchschauen und jedes noch so geheimnisvolle Geheimnis blitzschnell zu enträtseln.

Der Hofrat Fandorin war das Auge des Generalgouverneurs in allen geheimen Moskauer Angelegenheiten, die der Polizei und der Gendarmerie zur Kenntnis gelangten. Darum erhielt er allmorgendlich von Generalleutnant Baranow und aus der Gendarmerieverwaltung die notwendigen Informationen – gewöhnlich ins Haus des Generalgouverneurs in der Twerskaja-Straße, manchmal aber auch nach Hause, denn er konnte sich seine Zeit selber einteilen und, wenn er es wünschte, auch mal dem Amt fernbleiben.

Eine so bedeutende Person war Herr Fandorin, doch er gab sich einfach und ohne Anmaßung. Anissi hatte ihm schon zweimal Sendungen in die Twerskaja gebracht und war hingerissen von der umgänglichen Art des einflußreichen Mannes, der einen kleinen Untergebenen nicht demütigte, sondern höflich behandelte, mit »Sie« anredete und ihm sogar einen Platz anbot.

Auch war es sehr interessant, aus der Nähe den Mann zu sehen, über den in Moskau wahrhaft phantastische Gerüchte umliefen. Man sah sofort – ein besonderer Mensch. Das Gesicht schön, glatt, jung, die schwarzen Haare an den Schläfen stark ergraut. Die Stimme ruhig, leise, leicht stotternd, jedes Wort wohlüberlegt. Man merkte ihm an, daß er nicht gewohnt war, sich zu wiederholen. Wirklich ein beeindruckender Herr!

Im Hause des Hofrats war Anissi Tulpow noch nicht gewesen. Stockenden Herzens durchschritt er das feingittrige Tor mit der eisernen Krone und näherte sich dem eleganten eingeschossigen Seitenflügel. Ein so ungewöhnlicher Mann mußte eine besondere Behausung haben.

Er drückte den Knopf der elektrischen Klingel. Den ersten Satz hatte er sich schon zurechtgelegt: »Kurier Tulpow von der Gendarmerieverwaltung zu Seiner Hochwohlgeboren mit Papieren.« Rasch schob er noch das widerspenstige rechte Ohr unter die Schirmmütze.

Die geschnitzte Eichentür öffnete sich. Auf der Schwelle stand ein kleingewachsener, kräftig gebauter Asiat mit schmalen Äuglein, dicken Wangen und storrem schwarzem Bürstenhaar. Er trug eine grüne Livree mit Goldstickerei und dazu sonderbarerweise Strohsandalen. Den Besucher mißtrauisch musternd, fragte er: »Was wollnse?«

Aus der Tiefe des Hauses tönte eine wohlklingende Frauenstimme: »Masa, wie oft soll ich dir das noch sagen: Es heißt nicht ›was wollnse‹, sondern ›was wünschen Sie‹?«

Der Asiat schielte böse nach hinten und knurrte Anissi widerwillig an: »Was wünssen Sie?«

»Kurier Tulpow von der Gendarmerieverwaltung zu Seiner Hochwohlgeboren mit Papieren«, meldete Anissi eilig.

»Komm hinein.« Der Diener machte ihm Platz.

Anissi betrat eine geräumige Diele, sah sich neugierig um und war im ersten Moment enttäuscht: Es fehlte der ausgestopfte Bär mit dem Silbertablett für die Visitenkarten, und was war eine herrschaftliche Wohnung ohne den Bären? Oder bekam der Beamte für Sonderauträge keine Besuche?

Aber trotz des fehlenden Bären war die Diele wunderhübsch ausgestattet. In der Ecke stand ein Glasschrank, darin eine sonderbare Rüstung aus lauter Metallplättchen mit einem verschlungenen Monogramm auf dem Brustharnisch und einem Helm, gehörnt wie ein Käfer.

Aus der Tür zu den inneren Gemächern, zu denen der Kurier selbstverständlich keinen Zutritt hatte, blickte eine Dame von außergewöhnlicher Schönheit. Sie trug einen bodenlangen rotseidenen Morgenmantel, ihr üppiges dunkles Haar war zu einer ausgeklügelten Frisur hochgesteckt, der schlanke Hals war nicht verhüllt, die mit zahlreichen Ringen geschmückten weißen Hände kreuzten sich vor der hohen Brust. Ihre großen schwarzen Augen blickten Anissi enttäuscht an, und sie rümpfte ein wenig die klassische Nase, als sie rief: »Erast, du hast Besuch. Von deinem Amt.«

Anissi wunderte sich ein bißchen, daß der Hofrat verheiratet war, obwohl doch eigentlich nicht erstaunlich war, daß solch ein Mann eine schöne Gattin hatte, mit königlicher Haltung und hochmütigem Blick.

Madame Fandorina gähnte aristokratisch, ohne die Lippen zu öffnen, und verschwand hinter der Tür. Gleich darauf erschien Herr Fandorin in der Diele.

Er trug ebenfalls einen Hausmantel, aber nicht in Rot, sondern in Schwarz, mit Troddeln und einem Seidengürtel.

»Guten Tag, Herr T-Tulpow«, sagte der Hofrat, dabei fingerte er einen Rosenkranz aus grünen Nephritperlen. Anissi war starr vor Freude, er hätte nie gedacht, daß Fandorin sich an ihn erinnerte, zumal an seinen Namen. Was mochten ihm nicht alles für Laufburschen Briefe zustellen, aber siehe da!

»Was bringen Sie? Geben Sie her. Kommen Sie in den Salon und nehmen Sie solange Platz. Masa, nimm Herrn Tulpow den M-Mantel ab.«

Anissi trat schüchtern in den Salon. Er wagte nicht, Umschau zu halten, sondern setzte sich bescheiden auf die Kante eines mit blauem Samt bezogenen Stuhls und riskierte erst nach einiger Zeit verstohlene Blicke.

Das Zimmer war interessant: An allen Wänden hingen bunte japanische Gravüren, die, wie Anissi wußte, derzeit sehr in Mode waren. Ferner sah er Papierrollen mit Hieroglyphen und auf einem lackierten Holzsockel zwei Krummsäbel, der eine länger, der andere etwas kürzer.

Der Hofrat raschelte mit den Papieren und markierte ab und zu etwas mit seinem goldenen Bleistift. Seine Gattin stand, ohne die beiden Männer zu beachten, am Fenster und blickte gelangweilt in den Garten.

»Mein Lieber«, sagte sie auf französisch, »warum fahren wir nie irgendwohin? Das ist doch so nicht auszuhalten. Ich will ins Theater, ich will auf einen Ball.«

»Sie haben doch selber g-gesagt, Addy, das schickt sich nicht«, antwortete Fandorin und blickte von seinen Papieren auf. »Wir könnten Ihre Petersburger Bekannten treffen. Das wäre peinlich. Mir kann es ja egal sein.«

Er warf einen Blick auf Tulpow, der errötete. Schließlich konnte er nichts dafür, daß er, wenn auch mehr schlecht als recht, französisch verstand.

Also war die schöne Dame keineswegs Madame Fandorina.

»Ach, verzeih, Addy«, sagte Fandorin auf russisch. »Ich habe dir noch gar nicht Herrn Tulpow vorgestellt. Er arbeitet in der Gendarmerieverwaltung. Und dies ist die Gräfin Ariadna Arkadjewna Opraxina, eine gute B-Bekannte.«

Es dünkte Anissi, daß der Hofrat ein wenig druckste, als wüßte er nicht recht, wie er die Schöne bezeichnen sollte. Aber das lag vielleicht nur daran, daß er leicht stotterte.

»O Gott!« seufzte Gräfin Addy mit Leidensmiene und verließ eilig das Zimmer.

Gleich darauf erscholl ihre Stimme: »Masa, laß sofort meine Natalia in Ruhe! Marsch in dein Zimmer, du Schlampe! Das ist ja nicht auszuhalten!«

Fandorin seufzte auch und vertiefte sich wieder in seine Papiere.

Da ertönte die Klingel, aus der Diele kamen gedämpfte Stimmen, und dann galoppierte der Asiat in den Salon.

Er trompetete etwas in einer unverständlichen Mundart, aber Fandorin hieß ihn mit einer Geste schweigen.

»Masa, ich habe dir gesagt, wenn Gäste da sind, sollst du nicht japanisch mit mir reden, sondern russisch.«

Anissi, zum Gast befördert, reckte sich und starrte den Diener neugierig an: Kunststück, ein echter Japaner!

»Von Wedissew-san«, meldete Masa kurz.

»Von Wedistschew? Frol G-Grigorjewitsch? Ich lasse bitten.«

Wer Frol Wedistschew war, wußte Anissi: eine bekannte Persönlichkeit, genannt die Graue Eminenz. Von klein auf diente er dem Fürsten Dolgorukoi, zuerst als Bursche und Lakai und in den letzten zwanzig Jahren als persönlicher Kammerdiener, seit der Fürst die alte Residenzstadt in seine zupackenden Hände genommen hatte. Man konnte den Kammerdiener für einen kleinen Fisch halten, aber es war bekannt, daß der blitzgescheite und vorsichtige Dolgorukoi keinen wesentlichen Entschluß faßte, ohne sich mit dem treuen Frol beraten zu haben. Wer Seiner Erlaucht eine wichtige Bittschrift überreichen wollte, tat gut daran, sich Frol Wedistschew geneigt zu machen, dann war das Spiel schon halb gewonnen.

In den Salon trat, besser, rannte ein robuster kleiner Mann in der Livree des Generalgouverneurs und ratterte schon von der Schwelle: »Euer Hochwohlgeboren, Frol Grigorjewitsch bitten Sie zu sich! Sie möchten ungesäumt kommen! Ein Tohuwabohu bei uns, Erast Petrowitsch, das reinste Irrenhaus! Frol Grigorjewitsch meinen, ohne Sie kommen wir nicht weiter! Ich bin mit dem Schlitten des Fürsten da, wir sind im Nu dort!«

»Ein Tohuwabohu?« fragte der Hofrat stirnrunzelnd, stand aber bereits auf und warf den Hausmantel ab. »Na schön, fahren wir, s-sehen wir’s uns an.«

Unter dem Hausmantel trug er ein weißes Hemd mit schwarzem Halstuch.

»Masa, Weste und Gehrock, hurtig!« rief er und schob die Papiere zurück in die Mappe. »Und Sie, Tulpow, müssen mitfahren. Unterwegs lese ich zu Ende.«

Anissi war bereit, mit Seiner Hochwohlgeboren sonstwohin zu fahren, was er durch hastiges Aufspringen demonstrierte. Nie hätte sich der kleine Botengänger träumen lassen, daß er mal im Schlitten des Generalgouverneurs sitzen würde.

Es war ein vornehmes Gefährt – eine veritable Kutsche auf Kufen. Innen mit Atlas ausgeschlagen, die Sitze aus Juchtenleder und in der Ecke ein Öfchen mit bronzenem Rauchabzug, freilich nicht geheizt.

Der Lakai stieg auf den Bock, und die vier flotten Traber zogen munter an.

Anissi wurde sanft gewiegt auf dem für edlere Gesäße bestimmten weichen Sitz, und er dachte: Das glaubt mir kein Mensch!

Herr Fandorin erbrach krachend das Siegel einer Depesche. Er runzelte die hohe reine Stirn. Wie gut er aussieht, dachte Tulpow ohne Neid, mit aufrichtiger Begeisterung und beobachtete verstohlen, wie der Hofrat an seinem Schnurrbärtchen zupfte.

Sie erreichten binnen fünf Minuten das große Haus in der Twerskaja. Der Schlitten bog nicht nach links zu den Amtsräumen, sondern nach rechts zur Paradeauffahrt und den persönlichen Gemächern des »Großen Fürsten von Moskau«, wie der allmächtige Wladimir Dolgorukoi genannt wurde.

»Sie müssen schon entschuldigen, Tulpow«, sagte Fandorin schnell, während er den Schlag öffnete, »aber ich kann Sie noch nicht gehen lassen. Nachher schreibe ich ein paar Zeilen für den O-Oberst. Ich will mir nur erst mal das ›Tohuwabohu‹ angucken.«

Anissi stieg ebenfalls aus und folgte Fandorin in den Marmorpalast, doch hier blieb er schüchtern ein wenig zurück, als er den respektablen Portier mit dem vergoldeten Stab sah. Er hatte schreckliche Angst, gedemütigt zu werden – Herr Fandorin ließ ihn womöglich am Fuß der Treppe zurück wie einen Hund. Aber er überwand seinen Stolz und war bereit, dem Hofrat zu vergeben: Wie konnte der einen Menschen in einem so schäbigen Mäntelchen und mit gebrochenem Mützenschirm mitnehmen in die Gemächer des Generalgouverneurs?

»Wo bleiben Sie denn?« rief Fandorin und drehte sich auf halber Treppe ungeduldig um. »Nun kommen Sie schon! Sie sehen doch, was das hier für ein Hexenkessel ist.«

Anissi merkte erst jetzt, daß im Hause des Generalgouverneurs tatsächlich Außergewöhnliches vorging. Auch der würdevolle Portier machte, sah man genauer hin, einen weniger respektablen als vielmehr bestürzten Eindruck. Flinke Männer trugen von draußen Truhen, Körbe und Kisten ins Vestibül, auf denen ausländische Buchstaben zu erkennen waren. Sollte umgezogen werden?

Anissi holte mit ein paar Sätzen den Hofrat ein und hielt sich von nun an zwei Schritte hinter ihm, dazu mußte er freilich in einen unsoliden Trab verfallen, denn der Hofrat hatte einen forschen Gang.

Ach, schön war es in der Residenz des Generalgouverneurs! Fast wie in einem Gotteshaus: farbige Säulen (aus Porphyr vielleicht?), Brokatportieren, Statuen griechischer Göttinnen. Und die Kronleuchter! Und die goldgerahmten Bilder! Und das spiegelblanke Intarsienparkett!

Anissi drehte sich um und sah, daß seine schmählichen Halbstiefel nasse Schmutzspuren auf dem wunderbaren Fußboden hinterließen. O Gott, hoffentlich bemerkte das niemand!

In einem geräumigen Saal, in dem keine Menschenseele war, aber Sessel längs der Wände standen, sagte der Hofrat: »Sie können sich hier hinsetzen. Und halten Sie derweil die M-Mappe.«

Er selbst ging auf eine hohe goldverzierte Tür zu, doch die tat sich plötzlich auf. Zuerst drang erregtes Stimmengewirr heraus, dann kamen vier Männer in den Saal: ein stattlicher General, ein lang aufgeschossener, unrussisch aussehender Herr in kariertem Pelerinenmantel, ein hagerer kahlköpfiger Greis mit gewaltigem Backenbart und ein bebrillter Beamter in Ziviluniform.

In dem General erkannte Anissi den Fürsten Dolgorukoi persönlich, und er nahm erbebend Haltung an.

Aus der Nähe betrachtet, wirkte Seine Erlaucht nicht so jung und frisch, wie wenn man ihn aus der Menge sah: Das Gesicht zeigte tiefe Falten, die Locken waren unnatürlich üppig, und der lange Schnauzbart und der Backenbart waren gar zu kastanienbraun für seine fünfundsiebzig Jahre.

»Ah, Erast Petrowitsch, Sie kommen gerade richtig!« dröhnte der Generalgouverneur. »Sein Französisch ist so miserabel, daß man kein Wort versteht, und russisch kann er überhaupt nicht. Sie können doch englisch, also erklären Sie mir, was er von mir will! Wer hat den überhaupt reingelassen? Eine geschlagene Stunde rede ich mit ihm, und alles umsonst!«

»Euer Hohe Exzellenz, wie sollte ich ihn nicht reinlassen, wenn er ein Lord ist und bei Ihnen aus und ein geht!« piepste der Bebrillte weinerlich und wohl nicht zum erstenmal. »Wie konnte ich wissen …«

Nun meldete sich auch der Engländer zu Wort; an den neuen Besucher gewandt, schwenkte er empört ein mit vielen Siegeln bedecktes Papier. Fandorin dolmetschte leidenschaftslos: »Das ist ein schmutziges Spiel, in zivilisierten Ländern macht man dergleichen nicht. Ich war gestern bei diesem alten Herrn, er hat die Kaufurkunde für das Haus unterschrieben, und wir haben den Vertrag durch Händedruck bekräftigt. Und jetzt auf einmal will er nichts mehr davon wissen. Sein Enkel, Mister Speyer, sagte, der alte Gentleman übersiedle in das Haus für Veteranen der napoleonischen Kriege, dort werde er es bequemer haben, denn die Pflege sei gut dort, und deshalb stehe diese Villa hier zum Verkauf. Solche Unbeständigkeit macht ihm keine Ehre, besonders wenn der Kaufpreis bereits gezahlt ist. Und nicht wenig Geld, hunderttausend Rubel. Hier ist der Kaufbrief!«

»Der fuchtelt schon die ganze Zeit mit dem Wisch herum, gibt ihn aber nicht aus der Hand«, bemerkte der kahlköpfige Greis, der bislang geschwiegen hatte. Das mußte Frol Grigorjewitsch Wedistschew sein.

»Ich soll der Großvater von Speyer sein?« stammelte der Fürst. »Ich ins Veteranenheim?«

Der Beamte hatte sich von hinten an den Engländer herangeschlichen, er stellte sich auf die Zehenspitzen und linste auf das geheimnisvolle Papier.

»Wirklich, hunderttausend, und vom Notar beglaubigt«, bestätigte er. »Auch die Adresse stimmt: Twerskaja, Haus des Fürsten Dolgorukoi.«

Fandorin fragte: »Wladimir Andrejewitsch, wer ist Speyer?«

Der Fürst wischte sich mit einem Tuch die puterrote Stirn und breitete die Arme aus.

»Speyer ist ein sehr netter junger Mann. Mit vorzüglichen Empfehlungen. Er wurde mir auf dem Weihnachtsball vorgestellt, von … äh … von wem? Jetzt weiß ich’s wieder! Nicht auf dem Ball! Ich bekam einen Brief von Seiner Hoheit dem Herzog von Sachsen-Limburg. Speyer ist ein famoser, höflicher junger Mann mit einem goldenen Herzen und dabei unglücklich. Er hat an dem Kuschk-Feldzug teilgenommen, erlitt eine Rückgratverletzung und kann seitdem nicht mehr gehen. Er bewegt sich in einem Rollstuhl vorwärts, läßt aber den Mut nicht sinken. Er widmet sich der Wohltätigkeit, sammelt Spenden für Waisenmädchen und spendet selbst erhebliche Beträge. Gestern früh war er mit diesem verrückten Engländer hier und sagte, es sei der bekannte britische Philanthrop Pitsbrook. Er bat mich um die Erlaubnis, dem Engländer die Villa zu zeigen, da der Lord ein Kenner und Liebhaber von Architektur sei. Hätte ich dem armen Speyer solch eine Lappalie abschlagen sollen? Hier, Innokenti ist mitgegangen.« Dolgorukoi zeigte verdrossen auf den Beamten, der hilflos die Achseln zuckte.

»Euer Hohe Exzellenz, woher sollte ich wissen … Sie haben doch selber angeordnet, ich solle aufs liebenswürdigste …«

»Sie haben Lord P-Pitsbrook die Hand gedrückt?« fragte Fandorin, und Anissi kam es so vor, daß in den Augen des Hofrats ein Fünkchen blitzte.

»Gewiß doch.« Der Fürst zog die Schultern hoch. »Speyer hat ihm vorher etwas auf englisch über mich erzählt, worauf der Lange mir freudestrahlend die Hand entgegenstreckte.«

»Und haben Sie vorher irgendein Papier unterschrieben?«

Der Generalgouverneur überlegte stirnrunzelnd.

»Ja. Speyer bat mich, eine Grußadresse an das neu eröffnete Katharinen-Stift zu unterzeichnen. Es ist wahrlich eine edle Sache, minderjährige gefallene Mädchen umzuerziehen. Aber eine Kaufurkunde habe ich nicht unterschrieben! Sie kennen mich, mein Lieber, ich lese aufmerksam alles, was ich unterschreibe.«

»Und wo hat er die Grußadresse hingetan?«

»Ich glaube, er hat sie dem Engländer gezeigt, etwas gesagt und sie dann in eine Mappe gelegt. Die hatte er in seinem Rollstuhl.« Dolgorukois ohnehin drohendes Gesicht wurde finster wie eine Gewitterwolke. »Ah, merde! Sollte etwa …«