CHRISTINA VON BRAUN

DER PREIS DES GELDES

Eine Kulturgeschichte

Impressum

Mit 33 Abbildungen

ISBN 978-3-8412-0267-3

Aufbau Digital,

veröffentlicht im Aufbau Verlag, Berlin, August 2012

© Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin 2012

Die Originalausgabe erschien 2012 bei Aufbau, einer Marke der Aufbau Verlag GmbH & Co. KG

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Umschlaggestaltung hißmann, heilmann, Hamburg / Gundula Hißmann unter Verwendung eines Motivs von getty images / John Foxx

Konvertierung Koch, Neff & Volckmar GmbH,

KN digital – die digitale Verlagsauslieferung, Stuttgart

www.aufbau-verlag.de

Inhaltsübersicht

EINLEITUNG

I. GABE, GOLD, GELD, GENUS

EINFÜHRUNG

URSPRUNGSGESCHICHTEN

GRUND UND BODEN UND DAS GELD

DIE GOLDILLUSION

GELD ALS AUTORITÄTSSYSTEM

WERT, TAUSCH, GABE, GELD

DIE LOGIK DES OPFERS

DER URSPRUNG DES GELDES AUS DEM OPFER

DAS SYMBOLISCHE OPFER

GELD UND ALPHABET

DER PREIS DES WEIBLICHEN KÖRPERS FÜR DAS GELD

DER PREIS DES MÄNNLICHEN KÖRPERS FÜR DAS GELD

GEISTIGE POTENZ UND GELD

DIE MODERNE BEGLAUBIGUNG DES GELDES DURCH DAS OPFER

II. GELD UND GLAUBE

EINFÜHRUNG

GELDWIRTSCHAFT IN MESOPOTAMIEN

DAS GELD UND DIE JÜDISCHE RELIGION

DAS GELD IM ISLAM

›JÜDISCHE‹ GELDTHEORETIKER

DIE DREI ALPHABETE UND DAS GELD

DAS GELD UND DIE DURCHSETZUNG DES CHRISTLICHEN GLAUBENS

SCHULD, SCHULDIGKEIT UND SCHULDEN

DAS GELD UND DIE ENTWICKLUNG DER CHRISTLICHEN THEOLOGIE

DIE ZEUGUNG DURCH DEN BLICK

GELD UND SAMEN

MESSEN UND RELIQUIEN

KREUZ UND GELD

DIE KIRCHE ALS GELD-INSTITUT

GELD UND SÜHNE

GELD UND REFORMATION

ZINSEN

VON DER GEMEINSCHAFT ZUM EINZELGÄNGER

III. GELD UND GEMEINSCHAFT

EINFÜHRUNG

DAS GELD ALS ZERSTÖRER UND ERZEUGER DES GEMEINWESENS

DIE MÜNSTERANER TÄUFERBEWEGUNG

GEMEINSCHAFTSBILDENDE DOMESTIZIERUNGSMASCHINEN: GELD, BUCHDRUCK, RÄDERWERKUHR

DAS GELD UND SOZIALE MOBILITÄT

DIE GEMEINSCHAFT UND DAS ICH

THE GREAT TRANSFORMATION

STAAT UND MARKT

FREI FLOTTIERENDES GELD

DIE ANGLEICHUNG VON STAAT UND PRIVATWIRTSCHAFT

KREATIVE ZERSTÖRUNG

KAPITALISMUS UND SOZIALISMUS

CHRISTOLOGISCHE ELEMENTE DER ›KREATIVEN ZERSTÖRUNG‹

IV. GELD UND GEIST

EINFÜHRUNG

DIE SICH SELBST REPRODUZIERENDEN ZEICHEN

DAS PAPIERGELD

PAPIERGELD UND PIONIERGEIST

DAS PAPIERGELD IN DER ALTEN WELT

GEISTIGE INNOVATION DURCH DAS GELD

CREATIO EX NIHILO: DIE NULL

INFLATION UND GELDVERMEHRUNG

GELD ALS MEDIALES NETZ

DIE AKTIE UND DER AKTEUR

DER RÜCKGRIFF AUF DIE BEGLAUBIGUNGSSTRATEGIE DURCH DAS OPFER

DER DIENST AM GELD

ZWISCHENKAPITEL: GELD ZWISCHEN GEIST UND GEFÜHL. KUNST ALS WÄHRUNG

EINFÜHRUNG

DAS GOLD, DAS GELD UND DIE KUNST

SAMMELN

KUNST ALS REMATERIALISIERUNG DES GELDES

DIE KUNST DER AKTIE

KUNST UND FREIE MARKTWIRTSCHAFT

DER KÖRPER DES KÜNSTLERS ALS ›WÄHRUNG‹

DIE BLÜTEN DER KUNST

V. GELD UND GEFÜHL

EINFÜHRUNG

DIE HYSTERIE GEHT AN DIE BÖRSE

DER TULPENWAHN

DAS ›GEFÜHLTE GELD‹

DAS NICHTS UND DAS ICH

WIR SIND DAS GELD

DIE FLUCHT IN DIE ›UNSICHTBARE HAND‹

DAS LITERARISCHE ICH DES GELDES

DIE SEXUALISIERUNG DES GELDES

FREI FLOTTIERENDE BINDUNGEN

DIE DIALEKTIK DER EMANZIPATION

DIE NEUE MÄNNLICHKEIT

VI. GELD, GESCHLECHT, GENETIK

EINFÜHRUNG

DER MENSCHLICHE KÖRPER ALS GOLDSTANDARD

DER MENSCHLICHE KÖRPER: SCHÖNHEIT, SPORT, LOHNARBEIT

SKLAVEREI UND GELDWIRTSCHAFT

DER SÖLDNER

PROSTITUTION UND GELD

PROSTITUTION IN VORMONETÄRER ZEIT

PROSTITUTION IN FRÜHMONETÄRER ZEIT

DIE ›GOLDENE‹ UND DIE ›MONETÄRE‹ PROSTITUTION

DIE PROSTITUTION IN MITTELALTER UND FRÜHER NEUZEIT

PAPIERGELD UND PROSTITUTION

DIE PROSTITUTION IM ZEITALTER DES ELEKTRONISCHEN GELDES

DIE LEBENDE MÜNZE

BLUTLINIEN

GELD UND REPRODUKTION

ZWEI MENSCHLICHE ARTEN?

CONCLUSIO: VERSUCH EINER ANTWORT

ANMERKUNGEN

EINLEITUNG

I. GABE, GOLD, GELD, GENUS

II. GELD UND GLAUBE

III: Geld und Gemeinschaft

IV: GELD UND GEIST

ZWISCHENKAPITEL GELD ZWISCHEN GEIST UND GEFÜHL: KUNST ALS WÄHRUNG

V. GELD UND GEFÜHLE

VI. GELD, GESCHLECHT, GENETIK

CONCLUSIO: VERSUCH EINER ANTWORT

LITERATURVERZEICHNIS

PERSONENREGISTER

BILDNACHWEIS

EINLEITUNG

›Gier‹: Dieser Begriff wird zum Schlagwort fast jeder Finanzkrise. Ich glaube, es ist das falsche Wort. ›Gier‹ ist eine schlechte Charaktereigenschaft: eine Todsünde, die sich durch Disziplinierung beherrschen lässt. Finanzkrisen erklären sich jedoch schwerlich mit den Eigenschaften einzelner Menschen – und seien sie noch so verbreitet. In diesem Buch möchte ich einigen strukturellen Problemen nachgehen, ohne die Frage erschöpfend behandeln zu können. Das strukturelle Problem scheint mir darin zu liegen, dass alle, die mit Geld zu tun haben, mit einem hohen Grad an Abstraktion fertig werden müssen. Vor allem heute, wo das Geld nur noch Zeichen ist. Je mehr Geld sie verdienen, desto mehr fürchten sie – zu Recht – den Moment, in dem sich das Geld als eine Anhäufung an Nullen offenbart. Mit jedem neuen Gewinn steigt diese Angst, und sie – nicht die Gier – wird zum eigentlichen Motor eines Strebens nach immer mehr und schnellerem Geld. Angst ist ein Impetus, der Menschen zum Spielball von Gefühlen macht – und mit dieser Ohnmacht steigt wiederum das Bedürfnis nach Geld.

Wenn man so will, stellt das Geld das einzige Beispiel einer funktionierenden Ponzi-Pyramide* dar. Bernard Madoffs System musste irgendwann an der Realität scheitern: der Realität, dass die Zahl der Investoren begrenzt ist. Beim Geld hingegen sind der Vermehrung – zumindest in der Phantasie – keine Grenzen gesetzt. Das beflügelt, aber es beängstigt auch. Man konnte es am erleichterten Lächeln von Kweku Adoboli sehen, als er von der Polizei festgenommen wurde, nachdem er 2,3 Milliarden Dollar der UBS ›verspielt‹ hatte: Es gibt sie also doch, so schien dieses Gesicht zu sagen, Grenzen, die der Multiplikation meiner Nullen gesetzt sind. Angst ist ein schlechter Anlageberater. So geht es letztlich um die Frage, ob es möglich ist, eine Brücke zu schlagen zwischen den vielen Nullen und dem größten Gegner der Angst: dem Vertrauen. Denn das ist das Paradox: Geld richtet sich an den Einzelnen, aber es kann seine Funktionen nur erfüllen, wenn alle von seiner Glaubwürdigkeit überzeugt sind.

Soziale und ökonomische Strukturen sind am besten von außen zu erkennen. Man kann Distanz gewinnen, indem das ›Hier und Jetzt‹ aus der Perspektive einer anderen Kultur betrachtet wird. Große Anthropologen wie Marcel Mauss und Claude Lévi-Strauss, die ›andere‹ Kulturen untersuchten, haben auf diese Weise viel über die modernen Gesellschaften zutage gefördert. Eine andere Möglichkeit, Strukturen zu begreifen, besteht in der historischen Perspektive. Man betrachtet Entwicklungsverläufe und sieht zum Beispiel den Abstraktionsprozess, den das Geld im Laufe der Geschichte durchlaufen hat. Es ist zwar richtig, wie Mitchell Innes schon Anfang des 20. Jahrhunderts schrieb, dass Geld und sein materieller Träger, die Münze oder Edelmetalle, noch nie mit einander korreliert haben und der Wert eines ›Dinars‹ im Buch anders war als der geprägte und zirkulierende ›Dinar‹. Dass dem Geld also von Anfang an ein hoher Grad an Immaterialität eigen war.1 Dennoch lassen sich historische Veränderungen beobachten. Es ist ein Unterschied, ob eine Gesellschaft den Zins verurteilt, wie Aristoteles es tat, oder das Kreditwesen als den wichtigsten Motor der Wirtschaft betrachtet, wie dies seit Adam Smith der Fall war. Es ist ein Unterschied, ob Papiergeld auf ›realen‹ Werten wie dem Grund und Boden der Katholischen Kirche beruht, wie das zunächst bei den Assignaten der Französischen Revolution der Fall war, oder auf der Hoffnung, dass ich eine Tulpenzwiebel (noch bevor sie in der Erde ist) zu einem höheren Preis verkaufen kann, als ich sie gekauft habe. Im einen Fall geht es um Anbindung des Geldes an ›Realien‹, im anderen um die pure Hoffnung – und weil letzterer die Bodenhaftung fehlt, löst sie leicht Ängste aus.

Eine dritte Möglichkeit, Strukturen zu erkennen, besteht in der Betrachtung der Metaphorik, die Phänomene wie das Geld umgibt. Die Metaphern des Geldes verweisen vor allem auf Fruchtbarkeit und Liquidität; sie schließen an Wasser und Blut als Symbole für Leben an. Eine solche Metaphorik hängt mit dem Vertrauen zusammen, das Geld herstellen muss, um die Ängste, die es umgeben, zu besänftigen. Und sie verdankt sich der Tatsache, dass das Geld das Wissen darüber, dass es nicht Natur ist, zum Verschwinden bringen muss. Aristoteles sprach sich gegen den Zins mit der Begründung aus, es sei widernatürlich, dass sich ein unorganischer Stoff vermehrt.2 Anfang des 20. Jahrhunderts sah John Maynard Keynes in seiner Studie Allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes, die bestimmend wurde für einen Gutteil der Geldpolitik der Industrieländer, im Kreditwesen den produktivsten Faktor der Ökonomie; und eine Begleiterscheinung des Kreditwesens sind eben die Zinsen: »Es ist eine Eigenart des Geldes, daß sein Erträgnis Null ist und seine Durchhaltekosten unbeachtlich, aber seine Liquiditätsprämie beträchtlich.«3 Mit ›Liquiditätsprämie‹ bezeichnete Keynes die Entschädigung, die der Kreditgeber dafür erhält, vorübergehend nicht ›liquide‹ zu sein. Was ist in diesen zweieinhalbtausend Jahren zwischen Aristoteles und Keynes geschehen, damit das ›westliche‹ Denken von der Idee einer widernatürlichen zu einer quasi-natürlichen Vermehrungsfähigkeit des Geldes kommen konnte? Es ist eine der Fragen, die mich zu diesem Buch führten. Und sie erzählt implizit von einem Prozess, in dessen Verlauf sich die Kultur die Eigenschaften der Natur aneignete. Die Metaphorik ist allerdings die gleiche geblieben: Sowohl Aristoteles als auch Keynes sprechen von der Fruchtbarkeit des Geldes. Entwicklungen wie diese sind ein Indiz dafür, dass das Geld »Träger einer Realität ist, die die rein wirtschaftlichen Beziehungen übersteigt«.4

Die Zahl an Theorien und Geschichten des Geldes ist geradezu einschüchternd groß. Ich werde mich auf einige, wie mir scheint, relevante Perspektiven beschränken. Dazu gehört der Topos der Fruchtbarkeit des Geldes. Er kommt in Analogien zum Ausdruck, wo vom ›Kreislauf‹ des Geldes, von der ›Blüte‹ der Wirtschaft, von der ›Fruchtbarkeit‹ des Kapitals und dem ›Wachstum‹ des Bruttosozialprodukts die Rede ist. Viele Schöpfungsmythen beginnen mit dem Wasser – oder der Trennung von Wasser und Erde. Solche Bilder tauchen auch in der Symbolik des Geldes auf, das – wie der Gott der drei ›Religionen des Buches‹ (Judentum, Christentum und Islam) – ›ex nihilo‹ oder aus dem Wort, dem Zeichen eine materielle Wirklichkeit erschaffen kann. Ist das Blut ein Symbol für ›Leben‹, so ist das Wasser ein Symbol für den Mutterschoß. Das altägyptische Wort für Wasser, ›mēm‹ (auf dessen Hieroglyphe das ›M‹ des griechischen und lateinischen Alphabets beruht) ist die Grundlage des Wortes ›mama‹, das auch den Brunnen bezeichnet. Dieselbe Doppelbedeutung taucht auch im französischen Homonym von ›mère‹ (Mutter) und ›mer‹ (Meer) auf. Auch der hebräische Begriff ›mayim‹ bezeichnet sowohl ›Wasser‹ als auch ›Gebärmutter‹.5 Daneben ist das M noch Grundlage zahlreicher anderer Ideogramme: Tod (mors), Ehe (matrimonium), das einzelne ›ich‹ (engl. ›me‹ oder franz. ›moi‹). Das hebräische Wort ›min‹ bedeutet: ›sich aus der Gebärmutter erheben‹. Das ›ich‹ und ›mein‹ betritt die Bühne »in der vollen Erwartung, die Welt zu besitzen«. Ein einsames, allmächtiges Ich: »Der erste Mensch war allein und ›ganz eins‹, griechisch ›monos‹, den einsamen ›Mönch‹ widerspiegelnd: ein Mann in Frauenkleidern‹.«6 Kann es verwundern, dass diese ganzen Bedeutungen, die auf Leben, zyklische Zeit und auf Herrschaft über die Schöpfung verweisen, vom Geld aufgegriffen wurden: dem ›money‹, dessen englischer Name sich von der römischen Geburts- und Fruchtbarkeitsgöttin Juno Moneta ableitet?

Es ist von ›Kapitalströmen‹ die Rede; der Kapitaleigner ist ›liquide‹ oder er ›schwimmt‹ in Geld (wie Walt Disney es so schön an der Figur des Dagobert Duck dargestellt hat), die Geldbeträge ›fließen‹ ab (obwohl sie eigentlich ›abgebucht‹ werden); der Geschäftsmann hat seine ›Geldquellen‹; in Inflationszeiten gibt es eine ›Geldflut‹. Durch diese Metaphorik eignet sich das Geld eben jene Körperlichkeit, Leiblichkeit, Sinnlichkeit an, die ihm als Zeichensystem fehlen. Heute werden die beiden Symbole für Leben auch tatsächlich in Geld umgesetzt: In den Blutspenden wird das Blut zum ›realen‹ Äquivalent für Geld. Seit 1922 gibt es ›Blutbanken‹. Auch Wasser ist zunehmend zu einer käuflichen Ware geworden. Bezogen auf die Symbolik des Wassers oder des Blutes als ›Fruchtbarkeit‹ und ›Leben‹ heißt dies, dass wir für unsere Reproduktionsfähigkeit und unser Leben ›blechen‹ müssen. Laut den Vereinten Nationen gehört das Anrecht auf Wasser zu den Menschenrechten. Aber auf Menschenrechte darf offenbar ein Preis erhoben werden.

Dem Blut, dem Wasser, dem Geld: allen drei ›Elementen‹ ist gemeinsam, dass sie sowohl Signifikant als auch Signifikat, sowohl Symbol als auch Symbolisiertes sind. Allerdings auf fast konträre Weise: Wasser und Blut sind zunächst natürliche und materielle Stoffe, die dann als Symbole verwendet werden. Das Geld hingegen ist ein Symbol, das sich den Anschein materieller Realität gibt und dann auch tatsächlich über materielle und natürliche Existenzen bestimmt. Je abstrakter das Geld wurde – je mehr es sich in ein reines Zeichen verwandelte (auf dem Weg von der Münze über das Papiergeld bis zum elektronischen bit) –, desto größer wurde seine Wirkmacht über die ›Realität‹. Nicht nur über die wirtschaftliche und soziale Realität, sondern auch über die körperliche und psychische Realität des Menschen. Zuletzt wurde das Geld auch fähig, seine eigenen Körper zu produzieren, wie das gegen Ende des 20. Jahrhunderts mit der Reproduktionsmedizin der Fall ist. Das, was Aristoteles noch für undenkbar hielt, ist Wirklichkeit geworden: Das Geld bekommt tatsächlich ›Junge‹. Die Entwicklung ist schon im Wort Kapital angelegt, das sich von ›caput‹, lat. Kopf ableitet und ›die Köpfe einer Herde‹ bezeichnet, deren ›Junge‹ die ›Zinsen‹ sind.7 Im amerikanischen Wort ›cattle‹ für Rinderherde ist dieser Ursprung des ›Kapitals‹ noch enthalten. Zunächst bedeutete ›cattle‹ (von chaptel) soviel wie ›Reichtum, Eigentum‹, bevor es auf die Bedeutung von ›live stock‹ eingeschränkt wurde.8 Der Zusammenhang von Geld und Vieh hängt auch mit dem sakralen Opferkult zusammen: Dieser Ursprung des Geldes lebt bis heute im kulturellen Unbewussten weiter. ›Holy Cow‹ entfuhr es der französischen Finanzministerin Christine Lagarde, als sie von der Lehman-Pleite erfuhr.9

Der Weg von Aristoteles’ ›widernatürlichem‹ Zins zu Keynes’ ›fruchtbarem‹ Kapital war mit Umwegen verbunden. Sonst hätte es keiner zwei Jahrtausende bedurft. Er führte über schmerzhafte Domestizierungsprozesse. Das Ziel war bei der Erfindung des Geldes weder gesteckt noch erkennbar. Wie bei der Erfindung vieler umwälzender Techniken – der Räderwerkuhr, dem Buchdruck – zeigen sich die Konsequenzen erst rückblickend. Auch nahm das Geld in anderen Kulturen, etwa der chinesischen, eine derartig anderen Weg, dass man davon ausgehen kann, dass auch im Westen die historische Entwicklung des Geldes nicht notwendigerweise zu einer immer größeren Abstraktion führen musste. Dennoch gab es mehrere Faktoren, die über diesen Weg bestimmten. Er führte in die Abstraktion und in die ›Rematerialisierung‹ des Abstrakten. Der eine Faktor ist das griechische Alphabet, das eine Wirkmacht entfaltete, die eng mit dem Geld verbunden ist. Die bedeutende Rolle, die der Schrift bei der Entstehungs- und Durchsetzungsgeschichte des nominalistischen Geldes zukommt, ist bisher noch wenig berücksichtigt worden: weder bei Althistorikern wie Bernhard Laum,10 der die Entstehungsgeschichte des Geldes in der Antike (1924) aus einem Substitutionsvorgang von lebendigen Körpern durch ein Symbol nacherzählt, noch bei Rudolf Wolfgang Müller, der den engen Zusammenhang von Geld und Rationalität/Bewusstsein analysiert hat (1977).11 Bei beiden gibt es so gut wie keinen Bezug zum Alphabet: dieser großen Abstraktionsmaschine, die mit der Sprache, die sie in visuelle Zeichen überführt, auch das Denken aus dem Körper herauslöst. Da das griechische Alphabet – im Gegensatz zu den ursprünglichen Formen der semitischen und arabischen Konsonantenalphabete – auch die Vokale schreibt, ging der Abstraktionsprozess in diesem Kulturraum am weitesten, und so ist es kein Zufall, dass das nominalistische Geld in Griechenland erfunden wurde: circa 150 Jahre nach der Einführung des Alphabets. Beim Alphabet geht es, wie beim Geld, um eine ›Zivilisationsleistung‹, deren Rolle bei der Domestizierung des menschlichen Körpers kaum zu überschätzen ist. Die Entwicklung dieses Schriftsystems verlief in enger Parallele zur Geschichte des Geldes. Der Buchdruck mündete zwangsläufig in die Erfindung des reproduktionsfähigen Papiergeldes ein.

Ein anderer Faktor, der für die Geschichte des Geldes eine wichtige Rolle spielte, war die christliche Religion, deren Heilsbotschaft eine frappierende Ähnlichkeit mit der des Geldes aufweist. Hier wie dort ein Zeichen, das sich materialisiert: ein Wort, das ›Fleisch wird‹. Hier wie dort ein Signifikant, der sich in ein Signifikat verwandelt und bei der ›Messe‹ (in jedem Sinne des Wortes) als ›von oben‹ gegebenes und verbindliches Zeichen begriffen wird. Die Geschichte des westlichen Geldes ist ohne die christliche Religion nicht zu denken, aber es ist bemerkenswert, wie gering diese Rolle in den Wirtschaftstheorien veranschlagt wird. Da, wo die Religion Berücksichtigung findet – und das ist in den letzten Jahren zunehmend der Fall –, geschah dies fast ausschließlich aufgrund der Untersuchungen von Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen, die nicht den wirtschaftswissenschaftlichen Fakultäten angehören. Sie betrachteten den Zusammenhang von Theologie und Geld aus der Sicht von Kunstgeschichte (Marc Shell), Kirchengeschichte (Jacques Le Goff), Literatur-, Kultur- und Medienwissenschaft (Jochen Hörisch, Bettina Mathes, Rámon Reichert, Joseph Vogl), politischer Geschichte, Anthropologie und Soziologie (Horst Kurnitzky, Sitta von Reden, Leslie Kurke, Gunnar Heinsohn, Waltraud Schelkle, Manfred Nitsch, Marcel Hénaff), Psychoanalyse (Ernest Borneman) oder auch aus der religionskritischen Perspektive des Marxismus (Walter Benjamin, Rudolf Wolfgang Müller), gelegentlich auch der Mathematik (Brian Rotman). Das Interesse der Geisteswissenschaften für das Geld – dieses Interesse hat übrigens eine beträchtliche Tradition: angefangen von Hamann, Novalis, Adam Müller, Marx bis zu Nietzsche, Simmel, Spengler, Lukács, Adorno, Sohn-Rethel12 – korreliert ziemlich genau mit dem Nicht-Interesse der Wirtschaftswissenschaften an deren Werken. Viele Schriftsteller und Geisteswissenschaftler haben über Geld nachgedacht; in der Ökonomie jedoch werden sie kaum oder gar nicht wahrgenommen.

Natürlich gibt es Ausnahmen: Werner Sombart ist nicht der einzige Nationalökonom, der sich für die kulturhistorische oder religiöse Dimension des Geldes interessierte. Zu den Ausnahmen gehören auch Haio Riese, Michael Hutter oder Hans-Joachim Staderman und der Schweizer Nationalökonom Hans Christoph Binswanger, der in seinem wunderbaren Buch Geld und Magie zeigt, dass Goethe im Faust II eine moderne Geldtheorie vorlegt, bei der es um die Verlagerung religiöser Vorstellungen auf die weltliche Ökonomie geht. Schon im 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts hatten sich Althistoriker (Ernst Curtius, Bernhard Laum) für den religiösen Ursprung des Geldes in Griechenland interessiert und dabei Wichtiges zutage gefördert, während Georg Simmel, zu dessen Lebzeiten das Papiergeld Eingang in den Alltag fand, über den hohen Abstraktionsgrad des Geldes reflektierte. Tatsächlich ist der Weg, den das Geld von einem anorganischen Symbol für das Opfer im griechischen Tempel bis zur Fruchtbarkeitsmaschine zurückgelegt hat, deren ›Kinder‹ in Samenbanken deponiert werden oder als eingefrorene Embryos in Reproduktionskliniken auf ihre Einpflanzung warten, ohne die Theologie kaum zu begreifen. »Auch unter Ökonomen«, so Sitta von Reden, »erzählt die monetäre Theorie von einem Zustand, der mehr mit Theologie als mit Wissenschaft zu tun hat.«13

Solche Überlegungen bleiben jedoch eher den Kulturwissenschaften überlassen – als scheuten die Wirtschaftswissenschaften davor zurück, den das Geld umgebenden ›Schleier‹ zu lüften.14 Natürlich gibt es auch hier Ausnahmen. So fordert der französische Ökonom André Orléan eine vollkommene Neuordnung der Wirtschaftswissenschaften, weil »in der Mainstream-Wirtschaftswissenschaft dem Geld überhaupt keine Bedeutung zugemessen wird. Man sieht in ihm ein neutrales Instrument, mit dem der Erwerb nützlicher Gegenstände leichter fällt als beim direkten Tauschhandel.«15 Für ihn leitet sich das Geld nicht vom Gesetz von Angebot und Nachfrage ab, sondern stellt vielmehr eine »institutionelle Hypothese« dar, die »den Marktbeziehungen vorausgeht«.16 Zusammen mit Michel Aglietta spricht Orléan von der »Gewalt des Geldes«17 und der »Leidenschaft im Wirtschaftsleben«: In den Industriegesellschaften sei das Geld »die Institution«, in der sich die »emotionale Energie« der Gesellschaft »in konzentriertester Form wiederfindet«.18 Tatsächlich: Das Geld, das keine materielle Basis hat, löst ein tiefes Begehren aus, das nichts mit den Waren und Dienstleistungen zu tun hat, die damit zu erwerben sind. Bei Waren erlischt das Begehren, wenn man sie hat; beim Geld verstärkt es sich noch. Denn dem Geld kommt eine symbolische, das Ökonomische weit überschreitende Bedeutung zu. Eine solche Leidenschaft, die sich bis zur Gewalt steigern kann, kennen wir sonst nur aus der Sexualität und den Religionen, in deren Zentrum der Tod und der Glaube an eine – wie auch immer gedachte – Unsterblichkeit stehen. Auch diese Leidenschaft ist ein Indiz, dass das Geld in den Bereich des Sakralen gehört: Es verweist auf die Opfergemeinschaft, es verspricht ›Leben‹, und es fordert bedingungslosen Glauben.

Die Ökonomie tut sich schwer, über diese sakralen Aspekte zu reflektieren, was Hans Christoph Binswanger veranlasst, von der ›Glaubensgemeinschaft der Ökonomen‹ zu sprechen.19 Sowohl die Theologie als auch die Wirtschaftswissenschaften kennen viele Dogmen; sie schreiben vor. Aber sie tun sich schwer damit zu beschreiben: das ›Wesen Gottes‹ zum Beispiel oder das ›Wesen des Geldes‹. Dabei ist es nicht so schwer. Beide – Gott wie das Geld – haben eine Geschichte und machen Geschichte. Wir wissen, wann und wo welche Religion (mithin ihr wirkmächtiges Gottesbild) entstanden ist. Dasselbe gilt für das Geld: Es hat eine Ursprungsgeschichte – und diese gibt Aufschluss über die Art seines Wirkungsvermögens.

In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gab es durchaus Nationalökonomen, die die religiösen und kulturellen Dimensionen des Geldes betrachtet und – mit Gewinn – thematisiert haben: allen voran Max Weber, aber auch Werner Sombart und Günter Schmölders. Hinzu kamen später Theoretiker wie Lloyd deMause, den Peter Krieg in seinem anregenden Film von 1987 Die Seele des Geldes zu Wort kommen ließ. Sie haben sich als Wirtschaftswissenschaftler mit den mythischen oder psychologischen Dimensionen des Geldes beschäftigt. Aber sie sind in dieser Hinsicht nicht repräsentativ für ihr Fach, wenn sie nicht sogar in andere Fächer abgewandert sind, wo ihre Arbeiten breiter und anders rezipiert werden als in den Wirtschaftswissenschaften. Das galt schon für Joseph A. Schumpeter, der immer wieder die Bedeutung der Kulturgeschichte für die Wirtschaftswissenschaften betont hat – mit dem Erfolg, dass er von dem dominanten Teil der Wirtschaftswissenschaften, die sich der Mathematisierung der Ökonomie verschrieben hatten, den Sozialwissenschaften zugeordnet wurde. Dort wird er gern gelesen und gelehrt. In seiner Geschichte der Ökonomischen Analyse schrieb er: »Die Wissenschaft hat insgesamt niemals eine logisch strukturierte Architektur erhalten: Sie ist ein Urwald, kein nach Plan hergestelltes Gebäude. […] Dies trifft besonders auf die Ökonomie zu, die keine Wissenschaft im Sinne etwa der Akustik ist, sondern eher – wie die ›Medizin‹ – eine Anhäufung schlecht koordinierter und sich überlappender Forschungsfelder.«20

Schumpeter war nicht nur Ökonom, er interessierte sich – wie Weber, Sombart und Schmölders – auch für kulturhistorische Prozesse: daher sein Einblick in die Mehrdeutigkeit und das Prozesshafte ökonomischer Fakten und Formen. Er betonte immer wieder die Bedeutung der Geschichte als Nachbardisziplin der Wirtschaftswissenschaft. »Keiner sollte glauben, daß er ökonomische Phänomene irgendeiner, auch der heutigen Zeit, nur ansatzweise begreifen kann, wenn er nicht eine angemessene Kenntnis historischer Tatsachen und eine gute Portion historischen Gespürs besitzt oder was man historische Erfahrung nennt.«21 Schumpeter hat die Umbrüche, die der Erste Weltkrieg und die darauf folgende Inflationen mit sich brachten, am eigenen Leibe erfahren. Dass viele moderne Wirtschaftstheoretiker solche tief einschneidenden historischen Ereignisse wie die deutsche Hyperinflation der 1920er Jahre oder die ›Great Depression‹ der 1930er in Amerika nicht hautnah erlebt haben, könnte einer der Gründe für ihre Vernachlässigung kulturhistorischer Entwicklungen sein. Paul Krugman, Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaft im Jahr 2008, veröffentlichte 2009 einen längeren Aufsatz im New York Times Magazine, in dem er die Frage stellt: »Warum haben sich die Ökonomen so geirrt?« Warum hatte niemand den Crash vorhergesehen? Seine Antwort: Nicht nur die mangelnde Regulierung war schuld: »Die Wirtschaftswissenschaften lagen falsch, weil die Ökonomen – als Gruppe – Schönheit, gekleidet in beeindruckende Mathematik, für die Wahrheit hielten. […] Mit dem Schwinden der Erinnerung an die große Depression fielen die Ökonomen zurück in die alte, idealisierte Vision einer Wirtschaft, in der rationale Individuen in perfekten Märkten miteinander interagieren, dieses Mal aufgemotzt durch phantasievolle Gleichungen.«22 Einen anderen Grund erwähnt Krugman freilich nicht: Wenn es stimmt, dass der US-Finanzsektor in den letzten zehn Jahren den amerikanischen Business Schools rund fünf Milliarden Dollar ›spendete‹,23 stellt sich die Frage, wie dieser Zweig der Wissenschaft überhaupt noch klar denken konnte. Krugman kommt zum Schluss: »Ökonomen werden lernen müssen, mit Unordnung (messiness) zu leben. Sie werden die Bedeutung von irrationalem und oft unvorhersehbarem Verhalten anzuerkennen, sich der idiosynkratischen Unvollkommenheit der Märkte zu stellen haben und akzeptieren müssen, dass wir von einer eleganten ökonomischen theory of everything weit entfernt sind.«24 Sie werden aber vielleicht auch lernen müssen, sich den Verführungen von Wall Street zu entziehen.

Andersherum ist das Geld mit seiner »Macht, Bewußtsein, Abstraktion, Denken, ja Transzendentalsubjekte freizusetzen«, aber auch, laut Jochen Hörisch, der »schwarze Fleck philosophischer Selbstbeobachtung«.25 Einer der Gründe für diese heilige Scheu der Philosophie vor dem Geld ist in seiner Ursprungsgeschichte zu suchen: Sie erzählt von der Kastration als Voraussetzung für Potenz. Das gilt für das Geld wie für die Philosophie. Die geschlechtliche Dimension des Geldes ist – neben der Theologie und dem Alphabet – das dritte Gebiet, das in der Betrachtung des Geldes eine untergeordnete oder gar keine Rolle spielte. Die Unterschätzung der geschlechtlichen Perspektive ist umso erstaunlicher, als die Sexualphantasien, die das Geld umgeben, überall präsent sind: ob im Vergleich von Geld und Prostitution bei Georg Simmel, dem Askese-Ideal als Voraussetzung für das kapitalistische Gewinnstreben bei Max Weber oder der Gleichsetzung von Markt und Hysterie in den zahlreichen ›Ratgebern für den Börsenprofi‹. Es hat in den letzten Jahren einige Untersuchungen gegeben, die sich mit der Triebstruktur des Geldes (Horst Kurnitzky) oder Geld und Geschlecht (Irmgard Schultz) befasst haben. Aber auch sie wurden von Männern und Frauen verfasst, die das Geld nicht als Ökonomen, sondern aus historischer, psychologischer, sozialwissenschaftlicher, philosophischer oder kulturwissenschaftlicher Perspektive betrachteten. Zu ihnen gehört Urs Stäheli, der mit seinem schönen Buch Spektakuläre Spekulation die Erregungsdimensionen der Börse um 1900 dargestellt hat und darin die sexuellen Komponenten durchaus berücksichtigt: Auch er ist Sozial- und nicht Wirtschaftswissenschaftler. Viele dieser Untersuchungen haben mir wichtige und weiterführende Anstöße gegeben. Dennoch blieben viele Fragen offen: so etwa die Frage nach dem Zusammenhang zwischen den Kastrationsmechanismen des Geldes und seiner Fruchtbarkeit. Dass das Geld dem weiblichen Körper nicht wohl gesonnen ist, thematisieren viele Untersuchungen – egal, ob sie aus psychoanalytischer oder feministischer Perspektive argumentieren. Doch dass die männliche Herrschaft über das Geld auch vom männlichen Körper einen hohen Preis verlangt, darüber herrscht beredtes Schweigen.

Es gibt zahlreiche Untersuchungen über die ungleiche Bezahlung von Männern und Frauen oder die berühmten ›glass ceilings‹, an die Frauen in ihren Karrieren stoßen, gerade im Finanzsektor. Diese Faktoren werden zwar quantitativ erfasst, zumeist von der Wirtschaftssoziologie. Aber es wird selten nach den Gründen gefragt, warum sich der Finanzsektor als besonders resistent gegen Frauen erweist – und dies, obgleich Frauen seit 1900 nicht nur das aktive und passive Wahlrecht, den Zugang zu akademischer Ausbildung erhielten und in fast allen Berufen Fuß gefasst haben. Wenn ich die Frage nach den Gründen in einem Satz zusammenfassen müsste, würde ich es so formulieren: In der Logik des Geldes sollen Frauen das Geld nicht haben, sondern sein.

Auch Geschlecht – wie Blut und Wasser – ist Signifikat und Signifikant zugleich. Es gibt eine biologische Realität, die Männer und Frauen unterscheidet und zumindest bis vor kurzem die conditio sine qua non dafür war, dass sie ›Junge‹ haben können. Daneben muss Geschlecht auch für viele andere Bedeutungen herhalten: etwa den ›Unterschied‹ zwischen Oralität und Schriftlichkeit, zwischen Subjekt und Objekt, zwischen rationalem Wissen und dem Unbewussten, den Konzepten von zyklischer und fortschreitender Zeit usw. Auf der Ebene des Geldes führen diese ›Unterschiede‹ dazu, dass der Spekulant ›männlich‹ und die Börse ›weiblich‹ gedacht werden, wie Urs Stäheli es an den Semantiken des amerikanischen Finanzmarktes gezeigt hat.26

Über lange Zeit bildete Geschlecht die ideale Projektionsfläche für die definitorischen Bedürfnisse nach Unterscheidung. Sexualbilder wurden so zu einer Grundlage der Wissensformation und in dieser Funktion zum Motor von Innovation.27 Mit der Moderne scheint sich diese Funktion zu erübrigen. Dafür sprechen viele Symptome: Nicht nur der (staatsbürgerliche, ökonomische und intellektuelle) Subjektstatus, der Frauen zugestanden wurde, sondern auch die ›femininen‹ Eigenschaften, die Wirtschaft, Politik und Wissenschaft für sich in Anspruch nehmen, wie Eva Illouz am Ideal des neuen ›Managers‹ mit Sensibilität und sozialer Kompetenz gezeigt hat.28 Mentalitätsgeschichtlich gesehen hat sich in den letzten hundert Jahren eine Revolution vollzogen, auf die man nur staunend blicken kann. Warum dieser – rasant schnelle – Wandel in der Geschlechterordnung? Könnte es sein, dass der Signifikant Geld fähig wurde, sein eigenes Signifikat – darunter auch den geschlechtlichen Körper – hervorzubringen? Dies ist eine der Schlussfolgerungen, zu denen mich die lange und spannende Geschichte des Geldes führte.

Es gibt heute einen breiten Konsens, dass das Geld keine Deckung hat und ohne diese gut auskommt. Die Grundthese des Buches weist in eine andere Richtung: Ich behaupte, dass das Geld eine Deckung hat, ihrer auch bedarf und dass das, was man – in Anlehnung an den ›lender of last resort‹ – als die ›letzte Deckung‹ bezeichnen könnte, der menschliche Körper ist. Was ich damit sagen möchte, ist sehr einfach: Unser Glaube ans Geld beruht auf der Tatsache, dass viele Menschen dran glauben müssen, wenn das Geld in eine Krise gerät. Je fragiler das Geld, desto mehr Menschen trifft es. Allmählich hat sich daneben eine zweite Form der Deckung herausgebildet, die sich ebenfalls auf den menschlichen Körper bezieht und als ›Inkarnationslogik‹ umschreiben lässt. Beides scheint zusammenzugehören und entwickelte sich parallel zueinander: Die Opferlogik des Geldes schuf die Voraussetzungen für die Fruchtbarkeit des Geldes. In der christlichen Religion kamen beide Arten der ›Logik‹ zusammen. Deshalb wurde die christliche Religion auch zu dem Terrain der Geldgeschichte.

Bei der Arbeit an diesem Buch haben mich viele begleitet, und vielen zolle ich Dank an verschiedenen Stellen des Buches. Aber mein Dank gilt auch jenen, die ich nicht zitiere: ganz besonders Inge Stephan und Annette Wunschel. Sie waren bereit, das Manuskript im Rohzustand zu lesen. Ihre Kritiken, Anregungen und Ermutigungen waren unendlich hilfreich. Danken möchte ich auch meiner Familie, meinem Mann Tilo Held, der mich mit Klugheit, Sachverstand und Kritik begleitete, meinen beiden Kindern Anna-Céline und Valentin Elias, die mich mit ihrer Zuversicht und ihrem Optimismus immer wieder beflügelt haben, wenn ich mich im Labyrinth der Geldgeschichte zu verlieren drohte. Dank auch an Franziska Günther und den Aufbau Verlag, die so geduldig und großzügig auf meine Rückkehr aus diesem Labyrinth gewartet haben.

* Ponzi-Pyramide: Schneeballsystem, bei dem durch das Geld neuer Anleger die ›Gewinne‹ voriger Anleger bezahlt werden. Benannt nach dem US-Amerikaner Charles Ponzi, der das System zwar nicht erfand, aber der Erste war, der das System in großem Umfang einsetzte. Er wurde 1920 zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt.

I. GABE, GOLD, GELD, GENUS

EINFÜHRUNG

Am Anfang dieses Buch steht das Plädoyer, moderne Geld- und Wirtschaftskrisen – und damit einhergehend die Frage nach der Glaubwürdigkeit des Geldes – unter der Perspektive der drei Ursprungsgeschichten des Geldes zu betrachten. Unter diesen ist die theologische Komponente zweifellos die mächtigste. Warum? Weil die Religion die Frage nach den letzten Dingen – dem Menschenleben – stellt. Sowohl Wirtschaftstheoretiker als auch Theologen neigen dazu, zwischen Religion und dem Geld strikt zu unterscheiden: Die Religion gehöre dem Bereich des Transzendenten an und entziehe sich dem logischen Denken, das Geld dagegen sei rational und weltimmanent. Aber angesichts der auffallenden Parallelen zwischen den Glaubensgrundsätzen vor allem der christlichen Religion (mit ihrer Jungfrauengeburt und ihrem ›Fleisch gewordenen Wort‹) und dem Geld, das materielle Werte ›aus dem Nichts‹ zu erschaffen vermag, und angesichts der Tatsache, dass gerade der Finanzmarkt schwerlich Anspruch auf Rationalität und Berechenbarkeit erheben kann, erscheint die strikte Trennung zwischen Geld und Glauben wenig überzeugend. Die ›Irrationalität‹ ist schon in der Antike und im theologischen Ursprung des Geldes angelegt. Sie erfuhr in den christlichen Heilslehren eine Ausformulierung und in den Neuerungen der modernen Wirtschaft (vor allem seit dem Papiergeld) ihre Umsetzung. Die Finanzwirtschaft steht keinem ›Fachgebiet‹ so nah wie der Theologie – und das hat mit der Ursprungsgeschichte des Geldes zu tun.

Geld, so schreibt Jochen Hörisch, hat zwei Strategien der Verführung: Es verfügt über die Macht, »Sema in Soma, Zeichen in Bezeichnetes zu konvertieren – et vice versa.«1 Je abstrakter das Geld wurde – sein Wandel über die Münze, das Papiergeld bis zum modernen elektronischen bit –, desto größer wurde seine Macht über das Wirtschaftsleben. Für Aristoteles (384–322 v. Chr.) war das Geld noch ein Ersatz für die Ware, inzwischen ist – wie Marx schon gezeigt hat – die Ware ein Ersatz für das Geld. Mit dem Finanzkapitalismus erübrigt sich auch der Umweg über die Ware: Geld wird gegen Geld getauscht und produziert wiederum neues Geld. Man kann die Parallele zwischen Abstraktion und Fruchtbarkeit des Geldes für einen historischen Zufall halten. Man kann darin aber auch eine eigene historische Dynamik erkennen. Sie besagt: Je mehr sich das Geld exkarniert, desto mehr verlangt es nach einer Re-Materialisierung. Symbole können eigenmächtig sein – gerade die Geschichte des Abendlandes zeigt es. Aber diese Eigenmacht begnügt sich nicht damit, Geldzeichen mit immer mehr Nullen zu versehen. Wenn diese Nullen nicht auf eine materielle Welt – nennen wir sie: Produktionsmittel, Grund und Boden oder menschliche Arbeitskraft – zurückverweisen, erweisen sie sich bald als genau das, was die Null ist: als ein Zeichen für das Nichts. Ein Zeichen, das es erlaubt, ›das Zeichen als Zeichen zu denken‹, wie Brian Rotman es ausdrückt.2 Wie sich die Null von der Funktion einer ›Verlängerung‹ des Geldzeichens in ein Zeichen für das Nichts verwandeln kann, führt jede Bankenkrise anschaulich vor.

URSPRUNGSGESCHICHTEN

Geld ist Wertmesser, Zahlungsmittel, Wertaufbewahrungsmittel, Tauschmittel und manches mehr. Es hat grob gesagt drei Ursprünge, die zeitlich und geographisch nicht weit auseinander liegen und in einem inneren Zusammenhang stehen: Der eine Ursprung ist der materielle Wert des Geldes: Das können einerseits Grund und Boden oder auch Naturalien wie Gerste, andererseits aber auch Gold oder ein anderes Edelmetall wie Silber oder Elektron (eine Mischung aus Gold und Silber, die auch natürlich vorkommt) sein. Sie gelten als ein Wert, der für sich oder stellvertretend für andere Waren getauscht, gesammelt oder als Wertmaßstab bewahrt wird. Bei den Edelmetallen kann es sich um einen Klumpen handeln, der gewogen wird, eine bestimmte Form annimmt oder mit einem Zeichen versehen wird, aus dem sein Gewicht/Wert ersichtlich ist. Der zweite Ursprung des Geldes ist schon viel abstrakter: Ein Zeichen auf einem Stück Edelmetall, Blech oder Papier beglaubigt den Wert einer Währungseinheit. Diese Form von Beglaubigung bedarf eines ›Eigentümers‹, der das Geld emittiert und garantiert: ein Herrscher oder eine Gemeinschaft.3 Für diese Beglaubigungsform bedarf es ikonischer oder schriftlicher Zeichensysteme. Der dritte Ursprung des Geldes liegt im Opfer. Hier ist das Geld dem Tempeldienst geschuldet: Im Laufe eines längeren Prozesses trat an die Stelle des realen Opfers (Opfertieres) ein Symbol – in Form einer Münze, auf der das Opfer oder Opferwerkzeuge dargestellt wurden. In diesem Fall sind es die Priester, die das Geld beglaubigen. Sie garantieren, dass die Götter das Opfer, auch in seiner symbolischen Form, annehmen, also im Tauschgeschäft mit den Menschen akzeptieren. Der Wert der Münze wird also theologisch begründet. Diese drei Ursprünge des Geldes haben auch über die wechselnden Beglaubigungsstrategien des Geldes bestimmt – und das gilt bis heute.

GRUND UND BODEN UND DAS GELD

In den Jahren 2008 bis 2010 stellten mehrere Industrieländer auf einen Schlag Hunderte von Milliarden Euro oder Dollar bereit, um die Folgen der ›Finanzkrise‹ zu überwinden. Dieses Geld war aus dem Nichts – aus dem Kredit – geschaffen worden und sollte der ›Realwirtschaft‹ neue Triebkraft geben: Polemisch ausgedrückt waren es ›Blüten‹, die die Ökonomie erneut zum Blühen bringen sollten. Woher bezieht der Staat das Recht, Geld aus dem Nichts zu schaffen? Neben der gesetzlichen Autorität und dem Emissionsrecht definiert sich ein Staat auch über Grenzen und ein bestimmtes geographisches Territorium, also über Grund und Boden. Als 1923 die Rentenmark eingeführt wurde, um die Inflation zu besiegen, fand sie ihre Deckung »mittels einer imaginären Hypothek auf alle deutschen Grundstücke«.4 Die Rentenmark war zwar eine Übergangslösung, aber das Territorium eines Staates ist faktisch auch heute der einzige Garant, dass ein Staat weiter existiert, also zahlungs- und emissionsfähig ist. Keynes hielt dagegen: »Geld im eigentlichen Sinne des Wortes kann nur in Verbindung mit einer Rechnungseinheit bestehen.«5 Und der Währungsstandard konnte für ihn auch Weizen sein.6 Grund und Boden sind jedoch bessere ›Standards‹, denn im Gegensatz zum Weizen sind sie unvergänglich. Das Geld versucht, seine Glaubwürdigkeit durch einen Wert zu decken, der nicht verfällt oder verrottet. Zudem verursacht Grundeigentum keine Aufbewahrungskosten. Deshalb ist »Grundeigentum das Pfand höchster Sicherheit und damit höchster Liquiditätsprämie«.7 Wenn also der Staat über die Autorität verfügt, Kredite aus dem Nichts zu schaffen, so deshalb weil er wortwörtlich auf ›festem Boden‹ steht.8

Die Vorstellung, dass die Glaubwürdigkeit des Geldes an materielle Werte, vor allem Grund und Boden, gebunden ist, stimmte historisch über lange Zeit. In der Antike wurde die Handelsschifffahrt fast immer durch reiche Grundbesitzer vorfinanziert, »denn ging die Ladung auf See verloren, brauchten die Händler oder seine Bürgen das Darlehen nicht zurückzuzahlen«.9 Auch heute noch bindet sich der Staat an Grund und Boden – einer der Gründe, weshalb die Bundesrepublik Deutschland in der Finanzkrise von 2008 an der Hypo Real Estate festhielt und diese mit Garantien von rund 130 Milliarden Euro unterstützte. Die Finanzkrise, die als Immobilienkrise begann, zeigte aber auch, dass die Verbindung von Geld und Boden immer prekärer geworden ist. Die ›Blase‹ platzte, weil die Spekulation auf Häuser die Immobilienpreise auf unrealistische Höhen steigen ließ – und das Ausfallrisiko in Subprimes und Derivaten verpackt wurde. »Weil das so gut klappte, wurden immer mehr Kredite vergeben, deren Ausfall eigentlich schon am ersten Tag absehbar war. Von Anfang 2005 bis zum Platzen der ›Blase‹ Mitte 2007 wurden so riskante Kredite im Wert von insgesamt 1,2 Billionen Dollar ausgegeben.« Zusätzlich investierten die Banken mit geliehenem Geld in diese Wertpapiergattung; durch das geborgte Geld wollten sie die Rendite noch erhöhen. »Durch den Einsatz von Fremdkapital in Höhe des 35-fachen des Eigenkapitals konnte die Branche allein 2005 aus 500 Milliarden Dollar an Subprimekrediten einen Gewinn von 18,8 Milliarden Dollar machen«, rechnet Ex-Lehman-Mitarbeiter Larry Tabb vor.10 In ihrem Buch This Time is different (2009) weisen Carmen M. Reinhart und Kenneth S. Rogoff nach, dass Immobilienpreise keine Sicherheit mehr bieten, wohl aber zuverlässiger Indikator für kommende Finanzkrisen sind. Sie sehen einen generellen Zusammenhang zwischen Immobilienkrisen und Finanzkrisen: Beide wiesen ähnliche Zyklen, ähnliche Dauer und ähnliche Bewegungen auf. Meistens träten Bankenkrisen »auf dem Höhepunkt von Immobilienbooms oder unmittelbar nach dem Platzen der Blase« auf.11 Für die beiden Ökonomen stehen Immobilienpreise »an oberster Stelle auf der Liste der Indikatoren bevorstehender Bankkrisen« – mehr als die Aktienkurse, von denen oft falsche Alarmsignale ausgingen.12

Für diese Entwicklung gibt es einige Gründe: zunächst der, dass Grund und Boden potentiell ebenso ›virtuell‹ geworden sind wie das Geld selbst. Land kann aus dem Nichts erschaffen werden. In seiner Interpretation von Goethes Faust II zeigt Hans Christoph Binswanger, dass Goethe genau dies thematisiert: wie Faust im Pakt mit Mephisto und mit Hilfe von Papiergeld dem Meer das Land entreißt.13 Für die Niederlande gilt dies auch faktisch: Etwa ein Drittel des Territoriums der Niederlande liegt unter dem Meeresspiegel und wäre überflutet, würde es nicht durch hohe Deiche geschützt. Auch durch Bewässerungsanlagen kann Land gewonnen werden. Auf der anderen Seite ›verschwindet‹ Land aber auch – mit steigendem Meeresspiegel, wie dies mit der globalen Erwärmung der Fall ist. Der ›unvergängliche‹ Grund und Boden, der beim Kredit ›die letzte Sicherheit‹ darstellt, ist also keineswegs so sicher, wie es den Anschein hat.

Historisch scheiterte die Beglaubigung des Geldes durch Grund und Boden von dem Moment an, wo sie den Prinzipien der Marktwirtschaft unterworfen wurden. Das hat Karl Polanyi in The Great Transformation (1944), seiner großartigen Untersuchung über die Geschichte der Industrialisierung, gezeigt: »Was wir als Grund und Boden bezeichnen, ist ein mit den Lebensumständen des Menschen untrennbar verwobenes Stück Natur. Dieses Stück Natur herauszunehmen und einen Markt daraus zu machen, war das vielleicht absurdeste Unterfangen unserer Vorfahren.«14 Traditionell waren Grund und Boden immer verbunden mit »Verwandtschaft, Nachbarschaft, Handwerk und Glauben, mit Stamm und Tempel, Dorf, Gilde und Kirche«. Die Marktwirtschaft dagegen brachte die Trennung von Mensch und Boden; Polanyi spricht von der »Mobilmachung des Bodens« durch den Agrarkapitalismus. Die Kommerzialisierung des Bodens setzte einerseits dem Feudalismus und der Leibeigenschaft ein Ende, andererseits hatte sie aber auch die Bereitstellung von Grund und Boden für eine schnell expandierende städtische Bevölkerung zur Folge. Parallel dazu entstand eine neue staatliche Vorstellung von Souveränität, die durch Papierwährungen garantiert wurde. Es entstand ein »Typus der Souveränität, der eifersüchtiger und strenger war als irgendeiner aus der Vergangenheit. […] Wenn das Geld nun offen die Welt regierte, dann war dieses Geld mit einem nationalen Stempel geprägt.«15

Für die Folgen dieser Umwälzung ist die Französische Revolution ein gutes Beispiel. Um die Revolution zu finanzieren, wurden die ›Assignaten‹ geschaffen: »Die Deckung bestand aus Land, also gerade dasjenige, worum es der Revolution hauptsächlich ging. Land ließ sich nicht verstecken. Auch der raffinierteste Emigrant konnte es nicht mitnehmen. Außerdem war es etwas, das sich in seiner Gesamtmenge nicht vergrößern ließ. Aus diesem Grunde bildete es ein Besitztum, das diejenigen, die in Frankreich blieben, ebenso gerne haben wollten wie Gold selbst.«16 Das Land gehörte eigentlich der Kirche: Man schätzt, dass der kirchliche Landbesitz um 1789 ein Fünftel des gesamten französischen Grundbesitzes ausmachte. »Die Ländereien der Kirche waren für die Revolution gewissermaßen ein Geschenk des Himmels.« Nach fünf Jahren sollten die ausgegebenen Assignaten durch den Verkauf des Landes eingelöst werden. Doch die Zahl der Papiere wurde erhöht – durch die Revolutionärsführer selbst und durch Fälschungen aus dem Ausland. »Durch einen neuartigen Schritt in der wirtschaftlichen Kriegführung gestattete Pitt nach 1793 den emigrierten Royalisten, Assignaten zum Export nach Frankreich herzustellen.« Frankreich musste den ›Bodenstandard‹ verlassen: Die Assignaten konnten nicht mehr in Land eingetauscht werden. »Aber zu dieser Zeit war die Revolution bereits eine feststehende Tatsache. Sie war finanziert worden, und zwar mit Hilfe der Assignaten. Sie verdienen es mindestens ebenso wie die Guillotine, im Gedächtnis der Menschen fortzuleben.«17 John Kenneth Galbraiths Vergleich zwischen Assignaten und Guillotine kommt ein wenig überraschend. Aber, wie wir noch sehen werden, bot die Terreur tatsächlich eine alternative Beglaubigungsstrategie: Mit der Entstehung des Papiergeldes wurde Menschenleben zunehmend zum Garanten des Geldes.

DIE GOLDILLUSION

Auch die Beglaubigung des Geldes durch Edelmetalle hielt lange. Das hat einerseits rationale Gründe: ihre Haltbarkeit, Schönheit, Einheitlichkeit, Formbarkeit und ihre Knappheit. Wie begrenzt das Gold ist, zeigt Keynes’ Berechnung von 1930: »Ein 18Zuviel1920