Trent Reedy

Haupttitle

Roman

Aus dem amerikanischen Englisch
von Henning Ahrens

Impressum

Die Originalausgabe unter dem Titel

Words in the Dust

erschien 2011 bei Arthur A. Levine Books, New York

Published by arrangement with Rights People, London

ISBN 978-3-8412-0349-6

Aufbau Digital,

veröffentlicht im Aufbau Verlag, Berlin, August 2012

© Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin

Die deutsche Erstausgabe erschien 2011 bei Aufbau,

einer Marke der Aufbau Verlag GmbH & Co. KG

Original Copyright © 2011 by Trent Reedy

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jegliche Vervielfältigung und Verwertung ist nur mit Zustimmung des Verlages zulässig. Das gilt insbesondere für Übersetzungen, die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen sowie für das öffentliche Zugänglichmachen z.B. über das Internet.

Einbandgestaltung Kathrin Schüler, Hamburg, unter

Verwendung eines Mädchenporträts von Ariel Duhon, iStockfoto und

eines Hintergrundfotos von Shah Marai, AFP/Getty Images

Konvertierung Koch, Neff & Volckmar GmbH,

KN digital – die digitale Verlagsauslieferung, Stuttgart

www.aufbau-verlag.de

Inhaltsübersicht

Eins

Zwei

Drei

Vier

Fünf

Sechs

Sieben

Acht

Neun

Zehn

Elf

Zwölf

Dreizehn

Vierzehn

Fünfzehn

Sechszehn

Siebenzehn

Achtzehn

Neunzehn

Zwanzig

Einundzwanzig

Dieses Buch ist Katherine Paterson gewidmet, die stets an mich geglaubt hat, auch wenn ich selbst gezweifelt habe.

Und meinem alten Herren, Dan Reedy, der mich ermuntert hat, an meinen Träumen festzuhalten. Ich hab’s geschafft, Dad.

Eins

Alef, be, pe, te. Ich malte die Schriftzeichen mit dem Finger in den feinen Sand auf dem Dach unseres Hauses. Ich war stolz, dass ich noch wusste, wie man sie schrieb. Ce, jim, se … Ich strich den Boden neben meiner Matte, der Toshak, glatt und sah nach meinen schlafenden Geschwistern. Dann verengte ich die Augen, um meinen Namen im Zwielicht lesen zu können: Zulaikha.

Bevor ich ihn wegwischte, tauchte ich die Finger in den kühlen, braunen Sand. »Entschuldige, Mada-jan«, flüsterte ich und sah zum Morgenhimmel auf. »Ich vergesse langsam, was du mir beigebracht hast.« Vielleicht hörte sie mich ja oben in Jannah, dem Paradies, wo sie über uns wachte.

Ich senkte den Blick auf meine Schwester Zeynab, die neben mir schlief. Ihr schimmerndes schwarzes Haar fiel auf ihr rundes Gesicht und den wohlgeformten Mund. Sie fuhr im Schlaf mit der Zunge über ihre Lippen. Immer wieder war ich von ihrer Schönheit fasziniert und wünschte mir, wenigstens ein bisschen wie sie auszusehen. Ich griff nach meinem grünen Tschador und zog ihn über den Kopf. Er roch nach Salz und Rauch und musste dringend gewaschen werden.

Hähne krähten und Hunde kläfften. Der kleine Ort An Daral lag noch in tiefem Schlummer.

»Allahu Akbar«, erschallte die Stimme des Muadhin ein paar Straßen weiter aus dem Lautsprecher. Er rief die Gläubigen zum Gebet. Der Tag hatte begonnen.

Zeynab rieb ihre Augen. »Oooh, so früh?« Sie drehte sich zu Khalid und Habib um, die sich auf ihren Toshaks regten. »Ich wäre gern noch jünger. Dann dürfte ich weiterschlafen.«

Ich erwiderte nichts, sondern goss Wasser aus dem Krug in eine Schüssel, damit Zeynab ihre Wudhu verrichten konnte, die rituelle Waschung vor dem Gebet. Sie tat das Gleiche für mich. Dann knieten wir uns auf die Teppiche, wandten das Gesicht nach Westen und sprachen die Gebete. Wir erhoben uns, setzten uns wieder, verneigten uns und dankten und priesen Allah in seiner unendlichen Güte. Das war das beste Gebet des Tages, denn bald würde Allah die heiße Sonne hinter uns aufgehen lassen.

Nach dem Gebet legte sich Zeynab sofort wieder auf ihre Toshak. Mir wollte nie in den Kopf, was sie davon hatte, noch knapp zwei Minuten weiterzuschlafen. Ich drehte mich nach Osten zu den Bergen um, hinter denen der Tag in Rosa und Gold heraufdämmerte.

Im Namen Allahs, des Allergnädigsten, und seines Propheten Mohammed, Friede sei mit ihm, danke ich für diesen neuen Tag und bete darum, eine Tochter zu sein, auf die meine Mutter stolz gewesen wäre. Ich bete darum, meinem Vater keine Last, sondern eine Freude zu sein. Dann fügte ich wie immer hinzu: Und bitte sorge dafür, dass ich mich nicht mit Malehkah streite .

Nach diesem persönlichen Gebet ging ich zu meiner Schwester und rüttelte sie sanft an der Schulter.

Zeynab stöhnte. »Noch ein bisschen, Zulaikha, bitte. Malehkah hat noch gar nicht gerufen.«

Ich zog an ihrem Ärmel. »Wie der Muadhin sagt: Beten ist besser als schlafen.«

Sie gähnte. »Vielleicht bete ich ja im Schlaf. In meinen Träumen.«

»Soll das ein Witz sein?«, erwiderte ich. »Außerdem hat Malehkah sicher schon Tee und Reis gekocht. Sie wird …«

»Zulaikha! Zeynab!« Malehkahs schrille Stimme durchschnitt die morgendliche Stille und hallte von den Wänden wieder. Sie mochte es nicht, wenn wir sie warten ließen. Oh nein!

»Zeynab«, sagte ich. Aus meinem Mund klang ihr Name wie Zeynav. »Komm schon. Wir müssen rasch zu Malehkah.«

Bevor ich zur Treppe ging, die nach unten ins Haus führte, hockte ich mich noch schnell neben meinen kleinen Bruder Khalid, der mit seinen neun Jahren unruhiger schlief als der zweijährige Habib. Khalid wühlte sich im Schlaf immer aus der Decke. Als ich ihn behutsam zudeckte, schob er seinen Daumen in den Mund und griff nach meiner Hand. Ich strich sein Haar glatt, während ich meine Hand langsam wegzog.

»Schlaf weiter, Bacha«, flüsterte ich lächelnd. »Wenn du aufwachst, mache ich dir etwas zu essen.«

Malehkah wartete am Fuß der Treppe auf uns. »Wo bleibt ihr denn? Kümmere dich um den Reis, Zeynab.« Sie nickte mir zu, die Hände vor den dicken Bauch gelegt, als wollte sie ihr ungeborenes Kind vor mir schützen. »Geh und kauf Naan-Brot, Zulaikha. Aber beeil dich. Dein Vater und Najibullah sind hungrig.«

Ich zog einen Zipfel des Tschadors vor mein Gesicht, denn Malehkah gefiel der Anblick meines Mundes nicht.

»Und dass du mir ja nicht mit den Ladenburschen schwatzt. Es wird schwierig genug sein, einen Mann für dich zu finden, zumal mit deinem Mund. Die Leute könnten dich irgendwann für eine alte Jungfer halten.« Die Frau meines Vaters reichte mir einen zerknitterten afghanischen Geldschein. »Bring das Wechselgeld mit. Vergiss nicht, dass man Dieben die Hände abhackt.«

»Ja, Mada.« Nach all den Jahren tat es immer noch weh, die zweite Frau meines Vaters mit ›Mutter‹ anzureden. Das lag vor allem daran, dass sie so gemein zu mir war. Ich hatte noch nie etwas gestohlen, und in den Läden sagte ich nur das Nötigste. Aber das zählte nicht. Malehkah war immer schlecht auf mich zu sprechen, egal was ich tat. Ich musste trotzdem versuchen, sie zufriedenzustellen, damit im Haus meines Vaters Friede herrschte.

Als ich draußen auf der Veranda stand, lehnte ich die dünne Metalltür hinter mir gerade so weit an, dass sie keinen Lärm machte. Ein Scharnier war kaputt. Wenn man die Tür ganz schloss, verhakte es sich und knarrte laut. Dann lehnte ich mich gegen das von der Sonne angewärmte Metall und seufzte tief.

Als Mada, meine richtige Mutter, noch lebte, war es einfacher mit Malehkah gewesen. Aber vielleicht kam mir im Rückblick sowieso alles besser vor. Mada-jan hatte Malehkah geholfen, sich an unser Leben anzupassen. Meine Mutter hatte ihre eigenen Wünsche immer hinter die Bedürfnisse der Familie zurückgestellt. Inzwischen fragte ich mich, warum Mada so nett zu Malehkah gewesen war. Ich dachte daran, was sie zu mir gesagt hatte, wenn ich wütend gewesen war: »Jeder Sieg entspringt der Geduld; sie ist das Zeichen für Gottes Huld.«

Auf dem Weg über den Hof versuchte ich, mich allem zu öffnen, was mich umgab. Ich spürte den glatten, weichen Sand zwischen meinen Zehen, lauschte der Brise, die in unserer Dattelpalme raschelte. Ich betrachtete den Anstrich der doppelten, sorgfältig gearbeiteten Metalltür – das tiefe Rot, das Grün, das Blau. Ich spürte die Wärme der dicken Lehmziegelmauer, die uns vor der Außenwelt beschützte, saugte ihren muffigen Geruch in mich auf. Mada-jan hätte mich ermahnt, geduldig zu sein, alles Hässliche zu vergessen und mich auf das Schöne zu konzentrieren.

Ich drehte mich zu unserem Haus um, das in der Mitte des Hofs stand, ein zweistöckiger Lehmziegelbau mit fünf Zimmern, den Baba in einem hübschen Blau gestrichen hatte. Es war sicher nicht das schönste Haus in An Daral, aber ich liebte es.

»Zulaikha!« Malehkah trat auf die Veranda.

»Bale!« Ich eilte zur Außenmauer und entriegelte die kleine Tür, wobei ich darauf achtete, mir die Hände nicht an den spitzen Metallteilen zu schneiden, die wie Zähne aus den Schweißnähten des Schlosses ragten. Dann trat ich auf die Straße. In die Öffentlichkeit.

In den Wagenspuren auf der holperigen Straße war noch die Kühle der Nacht zu spüren, aber schon überwanden die ersten Sonnenstrahlen die Berggipfel und fielen durch das Astwerk der Bäume. Ich wischte mir über die Stirn. Wenn es morgens schon so warm war, wäre die Hitze gegen Mittag erstickend, und die Männer würden in die Cafés fliehen, wo sie Zam-Zam, die Limonade aus dem Iran, tranken und zusahen, wie das Thermometer weit über vierzig Grad stieg.

Ich ging am Straßenrand. Wegen des üblen Geruchs der Abwässer, die aus Löchern in den Grundstücksmauern tröpfelten, rümpfte ich die Nase. Aber ein bisschen Gestank war besser, als für alle sichtbar mitten auf der Straße zu laufen.

Frauen, die in Tücher gewickeltes Naan trugen und leise unter ihren Tschadris plauderten, kamen mir auf der Straße entgegen. Malehkah hatte Baba-jan endlich davon überzeugt, dass Zeynab nicht mehr unverhüllt nach draußen gehen durfte, weil sie inzwischen zu groß und zu hübsch war. Als ich auch um einen Tschadri gebeten hatte, hatte Baba-jan meine Schulter gedrückt und mit leisem Lachen erwidert, ich sei noch zu jung. Aber ich war kein kleines Kind mehr wie mein Bruder Khalid. Ich war dreizehn.

Mein Vater, der sich freute, dass seine Tochter erwachsen wurde, hatte lächelnd zugesehen, wie Zeynab sich in ihren neuen, himmelblauen Tschadri gehüllt hatte. Wenn er mich doch auch einmal so anlächeln würde!

Kurz vor der Tür, die auf das Grundstück einer Familie des Abdullah-Clans führte, ging ich schneller und wechselte auf die andere Straßenseite. Dann lief ich so leise wie möglich zwischen den hohen Mauern zum Fluss. An der günstigsten Stelle war er im Sommer nur knöcheltief, und als ich hineinwatete, genoss ich das kühle Wasser und den Sand unter meinen Füßen. Die hinter mir liegende Straße war still und leer. Ich konnte mich kurz entspannen.

Auf dem Basar am Ostrand der Stadt waren schon einige Leute bei der Arbeit. Ein verbeulter, rostiger Pickup lieferte Melonen aus der Stadt Farah an. Die großen, metallenen Rollläden vor den Geschäften gingen ratternd nach oben und Ladenbesitzer schleppten ihre Waren vor die Tür.

Noch war alles ruhig, aber das würde sich bald ändern. Die ersten Kunden des Tages feilschten bereits um Preise und das übliche Gewirr von Farben, Gerüchen und Geräuschen kam auf. Ein Esel übertönte den aufkeimenden Lärm mit seinem Geschrei. Bald würden die Menschen auf der Straße und an jeder Ecke hektisch ihren Geschäften nachgehen und nur eine Pause einlegen, um die neuesten Gerüchte des Tages auszutauschen. Und immer mehr Leute würden sich bemühen, mein entstelltes Gesicht nicht anzustarren. Ich zog meinen Tschador über den Mund und eilte weiter zur Bäckerei.

»Und was haben wir davon? Sag mir, was wir davon haben.« Der Bäcker saß auf dem Boden und ließ einen Teigball auf die Betonfliesen klatschen. Er drehte ihn um, knetete ihn und warf ihn noch einmal auf den Boden.

»Die Freiheit! Wir werden selbst entscheiden, wer uns regiert.« Ein Junge, ungefähr so alt wie Zeynab, schürte das Feuer im Tandoor.

Ich verlagerte mein Gewicht und lehnte mich draußen gegen den Tresen. Wenn ich ein Mann oder wenigstens eine ältere Frau im Tschadri gewesen wäre, hätte man mich nicht einfach ignoriert.

Der Bäcker tauschte einen Blick mit einem uralten Mann, der in der Ecke saß und eine Zigarette rauchte. Beide lachten. Dann ließ der Bäcker Wasser auf den Teig rieseln, knetete ihn kurz und formte ihn dann zu einem länglichen Oval. Der warme Duft hüllte mich ein und erinnerte mich daran, dass ich lange nichts mehr gegessen hatte.

»Ich kann nur eines selbst entscheiden: Wieviel Naan ich backe. Jetzt bereiten sie eifrig diese Wahl vor. Ein Parlament? Tolle amerikanische Idee. Und für das Amt kandidieren jede Menge krimineller Warlords.« Wieder klatschte der Teig mit Wucht auf den Boden. »Diese reichen Amerikaner wollen mir helfen? Dann sollen sie Naan kaufen! Mir ist egal, wer in Kabul regiert. Hauptsache, man lässt mich in Ruhe.« Jetzt rollte der Bäcker den Teig aus, zeigte erst auf den Jungen und dann auf den Ofen.

»Verzeihung, Sahib«, machte ich auf mich aufmerksam.

Er seufzte so tief, als hätte ich ihn mindestens schon eine ganze Woche genervt. »Was willst du?«

Ich musste meinen Tschador loslassen, um das Geld auf den Tresen legen zu können. »Drei Stück, bitte.«

Beim Anblick meines Mundes rümpfte der Mann angeekelt die Nase. »Ach, du bist das. Gib ihr das Brot«, sagte er zu dem Jungen.

Der Junge hielt den Blick gesenkt. Er starrte das Naan an, das er auf mein Tuch legte, und er betrachtete aufmerksam das Wechselgeld, das er mir reichte. Er sah alles an, nur mich nicht.

»Da hast du dein Brot«, sagte der Bäcker. »Und nun hau ab. Du verschreckst meine Kunden.«

Hinter mir wartete überhaupt niemand, aber ich wurde in den Läden nie lange geduldet. Ich kannte das und beeilte mich, den Basar zu verlassen.

Ich durchquerte den Fluss und kehrte zur Straße zurück. Der aus dem Tuch aufsteigende Duft ließ meinen Magen knurren. Naan schmeckte frisch am besten, wurde aber rasch trocken. Ich fiel in einen Trab, denn Malehkah wartete auf mich. Ich hätte schon auf dem Hinweg laufen müssen. Ich hatte getrödelt.

Als ich an einer Holztür vorbeikam, hörte ich gedämpftes Lachen. Die Tür fiel zu, bevor ich sehen konnte, wer sich dahinter verbarg. Aber ich wusste es auch so und lief schnell weiter.

Hinter der Tür wurde noch einmal gelacht. Dann flog sie auf, Anwar schoss heraus und rannte hinter mir her. Er holte rasch auf. Ich hasste es, laufen zu müssen. Ich wollte meine Angst nicht zeigen – aber ich wollte auch nicht, dass er mir wehtat. Ich lief immer schneller, hielt das Bündel mit dem Brot krampfhaft fest. Als ich über einen Stein stolperte, wäre ich beinahe hingefallen.

Genau darauf hatten Anwar und seine Freunde gewartet. Er überholte mich und trat mir in den Weg. Omar und Salman, seine Cousins, bauten sich hinter mir auf der Straße auf. Ich wich zurück.

Anwar kam näher. Er trug einen sauberen, weißen Salwar Kamiz, feine Ledersandalen und eine runde Kappe mit Goldstickereien und Spiegelstückchen. Sein hübsches Lächeln konnte mich nicht täuschen, denn ich wusste längst, wie gemein er war.

Hätte ich nur weitergehen können! Ich suchte nach einer Fluchtmöglichkeit, aber er folgte meinem Blick und kam noch näher. Viel zu nahe.

»Iiiih-Aaaah! Iiiih-Aaaah!« Anwar scharrte mit der Sandale im Staub wie ein wütender Bulle. »He, Eselgesicht! Wohin willst du? Warum rennst du so?«, rief er. »Ich möchte mit dir reden.«

Ich wich weiter vor ihm zurück, während ich meinen Tschador über den Mund zog. Dann stieß ich gegen eine Mauer und ließ den Stoff vor Schreck wieder fallen.

Anwar tat so, als müsste er sich übergeben. Omar legte sich eine Hand vor den Mund und bog zwei Finger unter der Nase nach unten. So machte er sich darüber lustig, dass die Zähne aus der Hasenscharte auf meiner Oberlippe ragten.

»Iiiiih-Aaaaah! Iiiiih-Aaaaah!«, brüllte Salman, bis er rot im Gesicht war.

»Du bist so hässlich, Eselgesicht. Warum trägst du keinen Tschadri? Deine Fresse ist eine Zumutung.« Anwar hob eine Hand vor die Augen, um mich nicht sehen zu müssen.

»Lass mich in Ruhe, Anwar!«, rief ich – aber ich hätte besser nichts gesagt, weil ich die Wörter wegen der Hasenscharte nicht richtig aussprechen konnte. Omar und Salman äfften mich sofort nach.

Anwars Laune schlug urplötzlich um. Er lächelte eiskalt und kam langsam noch näher. Ich versuchte, meine zitternden Beine zu beruhigen, aber sie waren so wackelig wie aufgeweichtes Naan.

So standen wir kurz da. Omar lief im Kreis und schrie noch einmal wie ein Esel.

Anwar holte aus, als wollte er mich schlagen. Ich zuckte zurück und drehte mein Gesicht weg, wobei ich fast das Brot fallen ließ. Aber er schlug mich nicht. Stattdessen riss er ein großes Stück aus einem Naan, von dem er Omar und Salman etwas reichte. Ich musste mit ansehen, wie die anderen beiden unser Essen grinsend und schmatzend verspeisten.

Ich entriss Anwar das Brot, bevor er selbst etwas davon essen konnte. »Dieben werden die Hände abgehackt!«, rief ich.

Omar und Salman verhöhnten mich wieder, aber Anwar verengte die Augen. Er drehte sich zu seinen Cousins um. »Habt ihr das gehört? Dieses hässliche Mädchen mit dem Eselgesicht will uns über das Recht belehren?« Er fuhr zu mir herum. »Mein Vater ist ein Hajji! Er hat die Hajj nach Mekka unternommen. Dein Vater hat es nicht einmal bis zur Großen Moschee nach Herat geschafft!«

Ich zitterte am ganzen Körper und mein Magen verkrampfte sich.

»Spielst du die kleine Talib? Predigst du die Strafen der Taliban? Dann sollst du genau das bekommen, Eselgesicht. Wir steinigen dich, wie es die Taliban tun. Wir zerschlagen die hässlichen Zähne deiner noch hässlicheren Fratze.« Anwar bückte sich nach einem faustgroßen Stein.

Das war meine Chance. Als er zu Boden sah, drückte ich das Naan so fest wie möglich an mich und flitzte an ihm vorbei. Vielleicht hätten sie keine Lust mehr, mich zu jagen, wenn ich schnell und ausdauernd genug rannte.

Doch schon nach kurzer Zeit ließ mich das laute Dröhnen eines Motors innehalten. Wegen der Bäume konnte ich kaum etwas erkennen, aber es sah aus, als würde ein Mann um die vor mir liegende Kurve biegen. Er überragte die Mauer wie ein Riese.

Dann kam ein großes, sandfarbenes Auto in Sicht. Es war so breit, dass auf beiden Seiten nur ein Meter Abstand zu den Mauern blieb. Obenauf saß eine Waffe mit einem Lauf dick wie eine Kanone. Der Mann, den ich für einen Riesen gehalten hatte, ragte aus einer Luke im Dach des Fahrzeugs und bediente die Waffe. Soldaten! Der Schütze trug einen großen Helm, auf dem eine dunkle Schutzbrille klemmte. Seine Brust war mit einer Art Rüstung geschützt und sah breit und wuchtig aus.

Ich ließ den Tschador vom Gesicht gleiten und drückte mich gegen die Mauer.

Aber der Schütze, der oben aus dem großen Fahrzeug ragte, feuerte nicht, sondern winkte lächelnd. »Salaam, rafiq!«, rief er in komisch klingendem Dari, während das Auto, das eher wie ein Lastwagen aussah, langsam an uns vorbeirollte.

Dann folgte ein zweites Fahrzeug, aus dem ebenfalls ein Schütze ragte, nur dass er in die andere Richtung sah und hinter einer Waffe mit einem viel schmaleren und längeren Lauf stand. Als er an mir vorbeifuhr, schob er den Helm in den Nacken und rief etwas in einer fremden Sprache. Er hatte das dunkelste Gesicht, das ich je gesehen hatte.

»Ein Afrikaner!« Omar zeigte auf den Schwarzen.

Die drei Jungen starrten die Soldaten an. Sie hatten mich ganz vergessen. Ich hätte mich gern aus dem Staub gemacht, aber die Fahrzeuge kamen aus der Richtung, in die ich laufen musste. Meine Beine zitterten und zuckten, als könnten sie es nicht abwarten, sich in Bewegung zu setzen.

Der Mann hatte gelächelt, aber bei meinem Anblick runzelte er die Stirn. Natürlich legten fast alle Leute bei meinem Anblick die Stirn in Falten, aber ich fand es noch schlimmer, dass ein bewaffneter Mann ein solches Gesicht zog – ich verhüllte mich mit meinem Tschador.

Der Soldat duckte sich vor einem Ast und rief etwas in sein Fahrzeug hinab. Die Autos folgten weiter der Straße.

»Das sind die Amerikaner.« Anwar klatschte in die Hände und zog seine Cousins mit, um den Militärfahrzeugen zu folgen. »Schenkt mir ein Radio! Einen Fußball! Einen Ball, Ball, Ball!« Er drehte sich zu Omar und Salman um. »Los, kommt! Sie haben bestimmt etwas in ihren Autos.«

Ich drückte die Naan fest gegen meine Brust und lief so schnell in die Richtung, die nach Hause führte, dass ich den großen, spitzen Steinen kaum ausweichen konnte.

Kurz vor der nächsten Kurve riskierte ich einen Blick über die Schulter. Anwar und seine Cousins folgten immer noch den Fahrzeugen. Sie johlten und klatschten, und der afrikanische Soldat warf ihnen etwas Glitzerndes zu. Die Jungen krabbelten auf dem Boden herum, um die Sachen aufzusammeln. Dann verschwanden die Fahrzeuge hinter einer Straßenbiegung. Als ich die Soldaten nicht mehr über den Mauern sah, lief ich weiter.

Auf unserem Hof schloss ich die Tür zur Straße und lehnte mich gegen die warme Lehmziegelmauer. Zu Hause! Hier konnten mich weder Anwar noch die schrecklichen Soldaten belästigen. Ich wischte den Speichel weg, der beim Rennen immer aus meiner Hasenscharte lief, und versuchte, wieder zu Atem zu kommen. Ich wollte Zeynab rufen. Baba. Alle und jeden. Sie mussten erfahren, was ich gerade gesehen hatte. Sie würden mir bestimmt nicht glauben. Alle würden sagen, dass An Daral viel zu unwichtig war. Aber sie irrten sich. Die Amerikaner waren da!

Zwei

»Baba-jan! Baba-jan!« Ich hatte es so eilig, in das Haus zu kommen, dass ich die Tür offen hinter mir ließ. Alle hatten sich schon zum Essen auf dem Fußboden niedergelassen. In ihrer Mitte stand das Geschirr auf dem großen, gewebten Daster Khan.

Malehkah, die Baba gerade Tee einschenkte, zuckte bei meinem Ruf zusammen. »Sei still! Sieh nur, was du getan hast!« Sie griff nach einem kleinen Handtuch und wischte den verschütteten Tee auf.

»Aber ich muss euch etwas erzählen.«

»Sei still, habe ich gesagt. Dein Vater hat Kopfschmerzen. Und warum hast du so lange gebraucht?«

Baba rieb seinen Nasenrücken. Najib, mein großer Bruder, saß neben ihm und sah aus, als wollte er jeden Moment wieder einschlafen. Zeynab, die eine Orange für Khalid und Habib pellte, hob den Kopf und bot mir eine Spalte an. Ich schüttelte den Kopf und legte das Naan ab, wobei ich darauf achtete, dass das angebrochene Stück nicht zu sehen war. »Die Amerikaner. Sie sind hier. In An Daral. Sie sind auf der Straße am Fluss an mir vorbeigefahren. Sie haben riesige Autos mit Kanonen und …«

»Wirklich?« Baba, der gerade einen Schluck trinken wollte, war schlagartig wach und starrte mich an.

»Bale, Baba.«

Baba stellte die Tasse ab und stieß Najib mit dem Ellbogen an. »Was hältst du davon, Najibullah?« Mein Bruder zuckte mit den Schultern. Er schien etwas erwidern zu wollen, aber Baba sprach weiter: »Vielleicht sollten wir nachsehen.«

Malehkah setzte sich zwischen ihre Söhne. Sie zog Habib zu sich heran, der eine Orange aß, und betrachtete ihn lächelnd. Dann wandte sie sich mir zu und die Freude wich aus ihrem Gesicht. »Halt dich von diesen Männern fern, Zulaikha. Man erzählt sich, dass diese ungläubigen Soldaten afghanischen Mädchen Schreckliches antun. Sogar Mädchen wie dir.«

»Sie sind nur vorbeigefahren. Ich habe nicht …«

Baba hob eine Hand. »Sie hat recht. Du musst dich von diesen Männern fernhalten.« Er riss ein Stück Naan ab und stand auf. »Komm, Najibullah. Hajji Abdullah hat die Wahrheit gesagt. Die Amerikaner verlieren keine Zeit. Sie sind genau zu dem Zeitpunkt gekommen, den sie dem Hajji genannt haben.«

»Wusstest du, dass sie kommen würden, Baba-jan?«, fragte Zeynab.

»Hajji Abdullah war vor ein paar Tagen in der Werkstatt. Er hat erzählt, dass die Ungläubigen die verrückte Idee haben, eine neue Schule zu bauen. In diesem modernen Stil. Er meint, die reichen Amerikaner würden Hunderttausende von Afghani für gute Schweißer zahlen.«

»Wir haben schon eine Schule«, sagte Khalid.

Baba zuckte mit den Schultern. »Sie finden sie zu klein. Und sie darf nicht von Mädchen besucht werden.«

Mädchen? Ich starrte Baba an.

Zeynab meldete sich zu Wort. »Aber Mädchen gehen sowieso nicht zur Schule, Baba-jan. Und eine Frau, die einen guten Ehemann hat, braucht keine Bücher.«

Malehkah lächelte, schüttelte dann aber den Kopf und senkte den Blick.

Baba gebot uns mit einem Wink zu schweigen. »Ich habe eingewilligt, sie anzuhören. Hoffen wir, dass alles stimmt, was der Hajji über seine amerikanischen Kontakte erzählt hat. Eine Schule für Jungen. Eine Schule für Mädchen. Eine Schule für Ziegen. Wen kümmert das, so lange sie zahlen?« Dann verließ er mit Najib Haus und Grundstück.

Eine Schule für Mädchen? So etwas hatte es in An Daral noch nie gegeben. Wie mochte es wohl sein, wenn man zur Schule ging?

Malehkah entdeckte das Naan, von dem Anwar etwas abgerissen hatte. »Seht euch das an!« Sie hielt es hoch und sah mich durch die große Einbuchtung an. »Zulaikah konnte ihren Appetit wieder nicht zügeln. Esst etwas, bevor sie alles verputzt hat, meine Söhne.« Sie kam schwerfällig auf die Beine. »Sorgt dafür, dass die Jungen essen. Dann badest du sie, Zulaikah. Danach machst du die Wäsche. Und du mistest den Kuhstall aus, Zeynab, und flickst den Riss in der Rückwand.«

»Bale, Mada«, sagten Zeynab und ich wie aus einem Mund, während Malehkah schon auf dem Weg in die Küche war, um das Geschirr abzuwaschen.

»Stillhalten, Habib.« Es fiel mir schon schwer, den Namen meines kleinen Bruders auszusprechen, aber es war noch schwieriger, ihn zu waschen. Manchmal dachte ich, dass Malehkah diesen Namen mit den vielen Bs nur ausgesucht hatte, um sich über mich lustig zu machen.

Habib turnte in der Metallwanne herum, die hinten am Brunnen stand, und bückte sich immer wieder, um mit dem Seifenschaum zu spielen. Ich wrang den Lappen über seinem Kopf aus. Es war mir ein Rätsel, wie er sich so schmutzig gemacht hatte – das Wasser schien an seinem dicken, schwarzen Haarschopf abzuperlen.

»Mir ist kalt.« Habib wischte mit den kleinen Händen über sein Gesicht.

»Ich weiß, Bacha. Aber kannst du für deine Schwester ein großer Junge sein?«

Khalid zog ein Stück Schrott zur Rückwand des Hofes.

»Was tust du da?«, fragte ich.

»Mada hat mir verboten rauszugehen.« Khalid lehnte das Metallstück gegen die Benzintonne, die hinten auf unserem Grundstück in der Ecke stand. »Sie sagt, die Soldaten sind gefährlich.« Die Tonne stand neben einem Riss in der Mauer. Von dort wollte Khalid offenbar auf das Stalldach klettern.

»Bleib unten. Deine Mutter hat recht. Diese Männer sind gefährlich. Und du wirst dir wehtun, wenn du auf das Dach steigst.«

»Aber ich will etwas sehen!«

»Dann geh auf das Hausdach«, sagte ich.

»Das habe ich schon probiert.« Khalid stellte das Metallstück anders hin.

Habib trat ins Wasser. Dann prustete er frustriert und schüttelte den Kopf.

»Tut mir leid, Habib. Ich wasche dich weiter.« Ich tupfte mit dem Lappen auf seiner kleinen Kartoffelnase herum.

Plötzlich fiel ein Schatten auf die Betonmauer beim Brunnen. Als ich mich aufrichtete, sah ich Malehkah, die einen Haufen Wäsche auf den Boden warf. Khalid spielte sofort den braven Sohn und tat so, als jäte er unter dem Granatapfelbaum Unkraut.

»Ist es so schwierig, einen Zweijährigen zu waschen? Beeil dich. Danach sind die Kleider an der Reihe«, schimpfte sie. »Und achte darauf, dass die Sachen von Khalid und Habib dieses Mal auch wirklich sauber sind.«

»Aber ich wasche immer …«

»Neulich hast du nur die Kleider deines Vaters und Najibullahs richtig geschrubbt. Meine Jungen brauchen auch saubere Sachen.«

»Sie sind meine Brüder, Mada. Ich würde nie …«

»Tu es einfach!« Malehkah ging wieder zum Haus. »Wenn du einen Ehemann finden willst, musst du lernen, nicht immer zu diskutieren. Und mach schnell. Die Wäsche muss fertig sein, bevor dein Vater nach Hause kommt.« Sie sah zu Khalid. »Behalt ihn im Auge. Solange die Soldaten draußen herumlaufen, darf er nicht auf die Straße.«

»Bale, Mada.« Ich sah zu der Dreckwäsche, die neben dem Stein beim alten Waschbrett lag. Das würde ewig dauern. Nach den langen Arbeitstagen in Babas kleiner Schweißerei hatten seine Kleider und die von Najibullah immer gelbliche Schweißflecke und schwarze Stellen von der Asche und vom Funkenflug.

Zeynab trat aus dem kleinen, als Stall dienenden Raum. »Immerhin musst du Torran nicht melken und ausmisten. Ganz ehrlich: Diese Kuh hasst mich. Oder sie ärgert sich, weil Khalid ihr einen Männernamen gegeben hat.« Sie kippte frischen Dung aus dem roten Plastikeimer gegen die Mauer, um später den Riss damit aufzufüllen. Als sie sah, wie ich mich mit Habib abmühte, grinste sie. »Aber wenn ich dich so sehe, glaube ich fast, dass du die schwierigere Arbeit hast.« Und damit ging sie wieder in den Stall.

Habib wich mir aus.

»Na, komm, Habib. Sei nicht ungezogen. Ich habe noch viel zu tun.« Er kicherte, als ich ihn gerade hinsetzte und seinen Bauch wusch, deshalb schrubbte ich noch stärker. »Was ist so lustig, Habib? Leckt ein Kamel an deinem Bauch?«

Habib lachte und prustete, dass seine Lippen vibrierten.

Als hinter mir etwas schepperte, fuhr ich herum und sah Khalid, der neben dem Stück Schrott auf dem Hintern saß. Er hatte sich zum Glück offenbar nichts getan.

»Siehst du?« Ich zuckte mit den Schultern. »Ich habe dir ja gesagt, dass du nicht raufklettern sollst.«

»Ich will die Amerikaner sehen.« Khalid stand auf und klopfte den Staub von seinen Kleidern. »Das ist ungerecht. Du hast sie gesehen. Und ich will sie auch sehen!«

»Es sind Soldaten, Khalid. Man möchte lieber nichts mit ihnen zu tun haben. Du könntest verletzt werden.« Ich hob Habib hoch und trocknete ihn ab.

»Warum sind Baba und Najib dann losgegangen, um sich mit ihnen zu treffen?«

»Weil sie viel größer sind als du.«

»Zuuh-laaiii-khaa …« Khalid dehnte meinen Namen, bis er wie ein Heulen klang.

»Nein, Khalid«, sagte ich streng. Nachdem ich Habib abgetrocknet hatte, zog ich ihm ein frisches Hemd an. Dann schlüpfte er in seine Hose, und ich half ihm, sie zuzubinden. »Du badest als Nächster. Zieh deine Sachen aus. Ich muss auch sie noch waschen.«

Khalid stemmte die Fäuste in die Seiten und schürzte die Lippen. »Du kommandierst mich immer herum.«

»Du solltest begreifen, Khalid …«

»Du hältst dich für etwas Besonderes, weil du älter bist, aber du irrst dich. Du bist nur ein dummes, eselgesichtiges Mädchen.« Er rannte am Haus vorbei auf den vorderen Teil des Hofes.

Ich wich einen Schritt zurück und drückte meine Hand so fest gegen meinen Mund, dass sich die Zähne in meine Finger bohrten. »Khalid«, flüsterte ich.

Habib drehte sich betrübt zu mir um. Ich zwang mich zu einem Lächeln. Dann lief er davon, um zu spielen. Er ließ mich genauso rasch allein wie Khalid.

Die Sonne stand jetzt direkt über uns. Die flirrende Luft schlug mir ins Gesicht wie die Hitze eines Feuers. Bis jetzt hatte ich diese hässlichen Worte immer nur draußen auf der Straße gehört. Nun erklangen sie auch hier, zu Hause, in der Welt meiner Familie.

Khalid war immer nett und freundlich zu mir gewesen, aber jetzt verhielt er sich genauso gemein und verletzend wie Anwar.

Drei

Stunden später waren meine Hände wund vom Waschen, vor allem die Knöchel. Ich hatte einen steifen Hals, und als ich mich beim Mittagsgebet verneigte, tat mein Rücken weh. Ich wrang noch ein fadenscheiniges Hemd von Najib aus und hängte es auf die Leine. Im regenlosen Sommer trockneten die Sachen schnell, sodass ich die zuerst aufgehängten Kleider schon abnehmen konnte. Als ich nach dem ersten trockenen Hemd greifen wollte, hörte ich, wie die Metalltür vorn auf dem Hof mit einem Krachen zugeworfen wurde.

»Allah Akbar!«, rief Baba fast so laut wie der Muadhin am Morgen.

Ich vergaß die Kleider und lief durch die Hintertür ins Haus. Zeynab legte die Stickerei für ihr Hochzeitsgewand beiseite, an dem wir gemeinsam arbeiteten. Auch Habib flitzte so schnell in das Zimmer, wie es seine kurzen Beine erlaubten. Ich riss ihn hoch. »Ha! Gefangen, Bacha!« Er kicherte und strampelte, bis ich ihn wieder absetzte.

Baba und Najib stürmten in den Hauptraum des Hauses.

»Was gibt es denn, Baba-jan?«, fragte Zeynab.

»Alle mal herhören! Ich habe gute Neuigkeiten. Najibullah und ich werden eine Menge Geld verdienen! Hajji Abdullah hat den Zuschlag für einen weiteren Bauauftrag hier in An Daral erhalten, und er möchte, dass Najibullah und ich … Halt. Wartet.« Er sah zu Najib. »Er will der Schweißerei Frouton aus An Daral alle Metallarbeiten bei diesem Projekt übertragen. Die Amerikaner wollen eine Schule für die afghanischen Kinder bauen, und Hajji Abdullah möchte, dass wir die Bauarbeiten leiten, während er in Farah ist.«

»Baba!« Zeynab sprang vom Fußboden auf. Baba lief zu ihr und drückte sie mit seinem starken Arm an sich.

»Ich stinke nach Torran, Baba.« Sie kicherte.

Da Baba ganz mit Zeynab beschäftigt zu sein schien, hielt ich mich zurück. Aber er streckte mir lachend den anderen Arm hin. »Komm her, meine Schöne.« Ich ging lächelnd zu ihm, und als er mich zu sich heranzog, lehnte ich meinen Kopf gegen ihn. Ich fühlte mich wunderbar sicher in Baba-jans Armen und wünschte mir, er würde mich für immer halten. Er küsste uns abwechselnd auf die Stirn. Immer zeigte er mir, dass er mich trotz meines Mundes mochte, und dafür liebte ich ihn umso mehr. »Hier, Mädchen.« Er holte neue Haarclips aus der Tasche, zwei für jede von uns.

Ich steckte meine weg, aber Zeynab steckte sie sich gleich ins Haar. »Tashakor, Baba-jan.« Sie reckte sich und küsste unseren Vater auf die Wange. Ich hätte ihm auch gern einen Kuss gegeben, aber mit meinen Lippen ging das nicht.

Najib wich in eine Ecke zurück. »Schön für dich, Najib«, sagte ich, als Baba mich und Zeynab losließ. Najib lächelte verhalten und zuckte mit den Schultern. Habib rannte zu Baba und klammerte sich an eines seiner Beine.

»Wo …«, begann Malehkah, die auf dem Fußboden saß und ein Huhn rupfte.

»Aber das ist noch längst nicht alles!« Babas Stimme dröhnte wie eine Kanone. Er breitete die Arme aus, als wären die Neuigkeiten unfassbar groß. »Najibullah und ich werden ein Auto von dem Geld kaufen können, das wir für den Bau der Schule in An Daral bekommen.« Seine Augen funkelten so aufgeregt, wie ich es seit den Lebzeiten von Mada-jan nicht mehr gesehen hatte.

»Aber kein neues Auto«, fügte Najib hinzu.

»Nein.« Baba zuckte mit den Achseln. »Kein fabrikneues. Aber ein gutes und zuverlässiges Auto.« Bei dem Wort ›zuverlässiges‹ boxte er die Luft. »Wir brauchen es für die Fahrten nach Farah.«

»Farah?«, fragte Malehkah. »Wo ist …«

»Ja, das ist überhaupt das Beste! Hajji Abdullah, unser guter Freund, hat ein Gebäude in der Basis der Amerikaner in Farah errichtet. Und er hat hervorragend gearbeitet. Ich habe Fotos gesehen. Aber jetzt finden diese reichen Amerikaner die Gebäude zu klein! Sie brauchen weitere Unterkünfte für ihre Soldaten. Außerdem wollen sie noch ein Gebäude für ihr Fernsehen. Hajji meint, dass eine Kinoleinwand darin Platz hätte.«

»Eine Kinoleinwand«, wiederholte Zeynab. »Ich habe noch nie eine Kinoleinwand gesehen.«

Malehkah runzelte die Stirn und schüttelte den Kopf.