Titel

Aus dem amerikanischen Englisch
von Claudia Feldmann

Aufbau Verlag

Impressum

Die Originalausgabe unter dem Titel

Peter Nimble and his fantastic eyes

erschien 2011 bei Amulet Books, ein Imprint von Abrams, New York.

ISBN 978-3-8412-0520-9

Aufbau Digital,

veröffentlicht im Aufbau Verlag, Berlin, August 2012

© Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin

Text und Innenillustrationen © 2011 Jonathan Auxier

Coverillustration © 2011 Gilbert Ford

Die deutsche Erstausgabe erschien 2012 bei Aufbau, einer Marke der

Aufbau Verlag GmbH & Co. KG

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jegliche Vervielfältigung und Verwertung ist nur mit Zustimmung des Verlages zulässig. Das gilt insbesondere für Übersetzungen, die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen sowie für das öffentliche Zugänglichmachen z.B. über das Internet.

Einbandgestaltung Kathrin Schüler, Berlin

unter Verwendung: Coverillustration © 2011 Gilbert Ford

Konvertierung Koch, Neff & Volckmar GmbH,

KN digital – die digitale Verlagsauslieferung, Stuttgart

www.aufbau-verlag.de

Inhaltsübersicht

ERSTER TEIL GOLD

1. Kapitel - DIE ERSTEN ZEHN JAHRE VON PETER NIMBLE

2. Kapitel - DIE GEHE IMNISVOLLE KISTE DES HÖKERS

3. Kapitel - PETER TRIFFT DIE MESSERWERFER-BANDE

4. Kapitel - SIR TODE UND DIE VERTRAUTE STIMME

5. Kapitel - PROFESSOR CAKES SORGENSEE

6. Kapitel - DAS VERSCHWUNDENE KÖNIGREICH

7. Kapitel - DER SANFTE WIND UND WOHIN ER SIE TRUG

8. Kapitel - GEFANGEN IN DER BUSSWÜSTE

9. Kapitel - ARMER ALTER SCABBS

10. Kapitel - EINE BRISE ÜBER DEM HÜGEL

11. Kapitel - DIE RABEN VOM KESSELFELSEN

12. Kapitel - EINE DIEBESHÖHLE

13. Kapitel - PETER NIMBLE NIMMT DAS NEST AUS

ZWEITER TEIL ONYX

14. Kapitel - DER PERFEKTE PALAST

15. Kapitel - EINE PLAUDEREI MIT PICKLE

16. Kapitel - DIE NACHTPATROUILLE

17. Kapitel - SIMON UND DIE FEHLENDEN

18. Kapitel - EIN UNGEWÖHNLICHER HELD

19. Kapitel - DER VERFLUCHTE GEBURTSTAG

20. Kapitel - DIE ANSPRACHE DES KÖNIGS

21. Kapitel - LILLIAN

22. Kapitel - DAS UHRWERK-UNGEHEUER

23. Kapitel - DER KOPF DES KÖTERS

DRITTER TEIL SMARAGD

24. Kapitel - DIE RÜCKKEHR VON PRINZ NAMENLOS

25. Kapitel - DIE WURZEL DES ÜBELS

26. Kapitel - AUF DER SUCHE NACH EINEM FREUND

27. Kapitel - DIE WINDE DES KRIEGES

28. Kapitel - PEGS DURCHBRUCH

29. Kapitel - DIE GROSSE FLUT

30. Kapitel - DIE VERRÄTER-VERGELTUNG

31. Kapitel - EIN GLÜCKLICHES WIEDERSEHEN

DANKSAGUNG

Für Mary

Narren warn wir, schillernd und verstiegen

Hanswurste, albern und absurd

Doch als die Kirchenglocken schwiegen

Da hörte man unser Schellengeläut.

ERSTER TEIL
GOLD

1. Kapitel

DIE ERSTEN ZEHN JAHRE
VON PETER NIMBLE

Kapitelbild

Diejenigen unter euch, die sich mit blinden Kindern auskennen, wissen, dass sie die besten Diebe sind. Wie ihr euch sicher vorstellen könnt, haben blinde Kinder einen hervorragenden Geruchssinn, und sie wissen schon aus fünfzig Meter Entfernung, was sich hinter einer verschlossenen Tür befindet, ob es nun edler Stoff, Gold oder Erdnusskrokant ist. Außerdem sind ihre Finger schmal genug, um sich in ein Schlüsselloch zu schlängeln, und mit ihrem scharfen Gehör nehmen sie auch das leiseste Klicken und Klacken im Innern jedes noch so komplizierten Schlosses wahr. Natürlich ist das Zeitalter der wirklich großen Diebeskunst längst vorbei, und heutzutage gibt es nur noch wenige Diebeskinder, ob nun blind oder sehend. Doch es gab einmal eine Zeit, da wimmelte es nur so von ihnen. Dies ist die Geschichte des größten Diebes aller Zeiten. Sein Name ist, ihr ahnt es vielleicht, Peter Nimble*.

Wie die meisten Kinder kam Peter ohne Namen zur Welt. Ein paar betrunkene, aber gutherzige Seeleute entdeckten ihn eines Morgens, als er in einem Körbchen neben ihrem Schiff im Wasser trieb. Auf dem Kopf des Säuglings saß ein großer Rabe, der ihm anscheinend die Augen ausgehackt hatte. Empört töteten die Seeleute den Raben und brachten das Kind zum Rathaus einer nahe gelegenen Hafenstadt.

Obgleich die Ratsherren keine Verwendung für einen blinden Säugling hatten, verlangte die Gemeindeordnung, dass sie dem Jungen zumindest einen Namen gaben. Sie einigten sich darauf, ihn Peter Nimble zu nennen, weil schon zu dem Zeitpunkt zu erkennen war, dass er äußerst flinke Hände hatte. Dann schickten sie ihn mit nichts als seinem Namen hinaus in die Welt.

In der ersten Zeit wurde er von einer verletzten Katzenmutter gesäugt, der er begegnete, als er unter das nächstgelegene Wirtshaus kroch. Die Katze gestattete Peter, bei ihr zu leben, und er zupfte ihr dafür die Läuse und Flöhe aus dem Fell. Das ging eine Weile gut, doch ein paar Monate später entdeckte der Besitzer des Wirtshauses die beiden zusammengekauert unter seiner Veranda. Voller Zorn über das Ungeziefer, das sich bei ihm eingenistet hatte, packte er die ganze Familie in einen Sack und warf sie in die Bucht.

Das Geschick, mit dem Peter den Knoten um den Sack löste, markierte den Beginn seiner Karriere. Da er kein Fell hatte und aufgrund seines Körperbaus an der Wasseroberfläche blieb, schaffte er es ohne allzu große Mühe, ans Ufer zurückzugelangen. (Die Katzen hingegen hatten nicht so viel Glück.)

Bis hierher war Peters Kindheit nicht allzu ungewöhnlich – wahrscheinlich nicht viel anders als eure. Doch es dauerte nicht lange, da begann er sich von der großen Masse abzuheben. Das erste Anzeichen dafür war sein erstaunliches Talent zu überleben. Da er keine Eltern hatte, die ihm Kleider und Nahrung gaben, kam er zu dem Schluss, dass er sich selbst darum kümmern musste.

Es gibt eine Redewendung, die besagt, wie einfach es ist, einem Baby seinen Schnuller wegzunehmen. Diese Redewendung ist vollkommen unsinnig, denn jeder, der einmal versucht hat, einem Baby irgendetwas wegzunehmen, weiß ganz genau, was das für ein Geschrei und Gestrampel zur Folge hat. Umgekehrt ist es jedoch für ein Baby sehr einfach, uns etwas wegzunehmen. Trotz seiner Blindheit war es für den kleinen Peter sozusagen ein Kinderspiel, Obst- und Gemüsestände zu erschnuppern, von denen er stehlen konnte. Er tapste einfach immer seiner Nase nach und nahm sich ganz unschuldig, worauf er Hunger hatte. Bald begann er auch andere Dinge zu stibitzen, die er brauchte: Kleider, eine Decke und eine Augenbinde. Er versuchte es auch mit Schuhen, stellte jedoch fest, dass er lieber barfuß ging. Mit drei Jahren war er ein Experte in kleinen Diebereien und bei allen Verkäufern gefürchtet. Mehr als einmal hatte man ihn auf frischer Tat ertappt, doch es war ihm jedes Mal gelungen zu verschwinden, bevor ein Polizist herbeigerufen werden konnte.

Einer der Nachteile, den ein Leben als Verbrecher mit sich bringt, ist, dass es den gesellschaftlichen Aufstieg nicht gerade fördert. Gesetzestreue Bürger werfen nur einen Blick auf Kinder wie Peter und wenden sich sofort ab – keinerlei Hoffnung auf Süßigkeiten, Spielzeug oder gar eine Adoption. Indem Peter für sein Überleben sorgte, sorgte er auch dafür, dass er allein und ohne Eltern aufwachsen musste.

Das änderte sich jedoch, als er einem geschäftstüchtigen Kerl namens Mr Seamus begegnete.

Mr Seamus war ein großer, hagerer Mann mit fleischigen Händen und einem riesigen Kopf. Wegen seiner ungeschickten Finger war es ihm nicht gelungen, seinen Traum zu verwirklichen und als Fassadenkletterer in Häuser einzubrechen. Stattdessen hatte Mr Seamus sich auf eine Karriere als Bettelkrämer verlegt. Er adoptierte Waisenkinder, machte sie zu Krüppeln und schickte sie auf die Straße, um zu betteln. Jedes Kind, das es wagte, mit leeren Händen nach Hause zu kommen, wurde am Schlafittchen gepackt und ans Arbeitshaus verkauft. Alles in allem hatte Mr Seamus während seiner Laufbahn wohl an die dreißig Waisenkinder verbraucht.

Peter war fünf Jahre alt, als der Bettelkrämer ihn zum ersten Mal auf dem Markt neben einem Obststand bemerkte. »Hallo, Junge!«, sagte Mr Seamus und ging auf ihn zu. »Wie heißt du?«

»Die Leute nennen mich Blinder Pete, Sir«, erwiderte der Junge, der noch zu klein war, um zu wissen, dass man besser nicht mit Fremden sprach.

Mr Seamus beugte sich vor, um ihn genauer zu mustern. Die Erfahrung hatte ihm gezeigt, dass blinde Kinder besonders erfolgreiche Bettler waren. »Und wo sind deine Eltern?«, fragte er.

»Ich habe keine Eltern«, sagte der Junge. Mittlerweile war Peters Hunger so groß, dass er rasch eine Hand hinter den Rücken schob und einen Apfel von dem Obststand stahl.

Mr Seamus beobachtete den Diebstahl aus dem Augenwinkel, und es verschlug ihm beinahe den Atem. Der Junge hatte den Apfel nicht von oben gestohlen, sondern tief aus der Mitte des Haufens, ohne dass auch nur ein einziger anderer Apfel sich bewegte. Für einen normalen Menschen wäre so etwas unmöglich gewesen, aber für diesen Gossenjungen war es so einfach wie atmen. Mr Seamus erkannte sofort, dass er einen äußerst begabten Dieb vor sich hatte.

Aufmerksam beäugte er die zierlichen Finger des Jungen. »Nun, Pete«, sagte er mit seiner liebenswürdigsten Stimme, »ich heiße Mr Seamus, und ich bin mächtig froh, dass wir uns begegnet sind. Ich bin nämlich ein großer, wichtiger Geschäftsmann, aber ich habe keinen Sohn, mit dem ich meine Reichtümer teilen könnte.« Während er sprach, nahm er den Apfel aus Peters kleinen Händen und biss hinein. »Was hieltest du davon«, fragte er geräuschvoll kauend, »mein Geschäftspartner zu werden? Du könntest in meiner Villa wohnen, an meinem Tisch essen und mit Killer, meinem Hund, spielen.«

»Was für ein Hund ist er denn?«, fragte Peter in der Hoffnung, dass der Hund groß genug war, um auf ihm zu reiten.

»Äh, er ist ein … Siamese«, sagte Mr Seamus nach kurzem Nachdenken.

»Sind Siamesen groß?«

»Riesengroß. Ich glaube, er könnte dich mit einem Biss verschlingen, wenn er wollte.« Mr Seamus warf sich den Apfelrest in den Mund und verschlang ihn mit einem Biss. »Nun, was meinst du, Pete?«

Es gab keine Villa. Und auch keine Reichtümer, Bedienstete oder Leckereien. Killer existierte tatsächlich, aber er war dreibeinig und schon ziemlich alt, und wie die meisten Alten mochte er keine Kinder. Anstatt Peter auf seinem Rücken reiten zu lassen, verbrachte er die Zeit im Wesentlichen damit, zu humpeln, zu knurren und den Sabber von seiner hässlichen Schnauze zu lecken.

Mr Seamus gab sein Bettelkrämerdasein auf und begann ein neues Leben. Er verkaufte seine anderen Waisenkinder und widmete sich voll und ganz Peters Ausbildung als Dieb. Im ersten Jahr schloss er Peters Mahlzeiten in einer alten Schiffstruhe ein. Wenn Peter etwas essen wollte, musste er das Schloss mit bloßen Fingern knacken. Dadurch lernte er nicht nur wertvolle Einbrechertricks, sondern ersparte Mr Seamus auch eine Menge Kosten. Es dauerte nämlich zwei Wochen, bis Peter sich in seinem neuen Zuhause seine erste Mahlzeit erarbeitet hatte. Als es ihm endlich gelang, das Schloss der Truhe zu öffnen (indem er, ohne es zu wissen, eine Diebestechnik anwendete, nämlich den sogenannten »McNeery Twist«), waren die Essensreste darin längst verdorben. Doch nach und nach wurde er immer geschickter im Schlösserknacken, bis er schließlich sämtliche Exemplare in der Sammlung seines Herrn beherrschte.

Mr Seamus unterwies Peter auch in der hohen Kunst des Schleichens: wie man über Holzdielen, Dächer und sogar Kies geht, ohne ein Geräusch zu machen. Der Junge lernte schnell und beherrschte bald die gesamte Bandbreite der Diebeskünste, vom Fensterschneiden bis hin zur professionellen Arbeit mit dem Seil. Mit zehn Jahren war Peter Nimble der größte Dieb, den die Stadt je gesehen hatte. Obwohl ihn natürlich nie jemand wirklich sah; die Leute sahen nur die offenen Safes und die leeren Schmuckschatullen, die er hinterließ.

Jede Nacht schickte Mr Seamus Peter zum Stehlen in die Stadt. Und jeden Morgen bei Tagesanbruch kam Peter mit einem Diebessack voll Beute zurück. »Wurm« – so nannte der Mann ihn mittlerweile –, »das hast du mächtig gut gemacht. Und jetzt geh mir aus den Augen!« Und damit sperrte er den Jungen in den Keller und ließ Killer die Tür bewachen.

Peter fand den Keller gar nicht so schlimm. Da er blind war, machte ihm die Dunkelheit nichts aus, und dort unten zu sitzen war immer noch besser, als die Häuser ehrbarer Leute auszurauben. Welches Unrecht er auch begangen haben mochte (und stehlen ist unrecht!), Peter war dennoch ein guter Junge, der kein Einbrecher sein wollte. Jeden Morgen, wenn er sich zum Schlafen auf dem feuchten Kellerboden zusammenrollte, träumte er davon, sich an Killer vorbeizuschleichen, in Mr Seamus’ große Schatzkammer einzubrechen und all die gestohlenen Sachen zu ihren rechtmäßigen Besitzern zurückzubringen. Er malte sich aus, wie die dankbaren Leute ihn vor dem grausamen Mr Seamus retteten und ihn einluden, für immer in einem großen, warmen Haus voll Leckereien und Liedern und anderen fröhlichen Kindern zu leben. Kurz gesagt, er träumte davon, glücklich zu sein. Doch jeden Abend bei Sonnenuntergang wurde er wieder von Mr Seamus’ Gebrüll geweckt und auf die Straße hinausgejagt, um erneut die Besitztümer ehrbarer Bürger zu rauben.

Und so sah Peter Nimbles Leben aus. Er war unglücklich, ungeliebt und gezwungen, Unrecht zu begehen – Tag für Tag, Monat für Monat, Jahr für Jahr – bis zu einem ganz besonderen, ganz besonders regnerischen Nachmittag, als er einem Fremden begegnete, der sein Leben für immer verändern sollte.

* nimble (engl.) = flink, geschickt

2. Kapitel

DIE GEHE IMNISVOLLE KISTE
DES HÖKERS

Kapitelbild

Zusätzlich zu seinen nächtlichen Diebestouren musste Peter auch im Haushalt arbeiten. Jeden zweiten Dienstag schickte Mr Seamus ihn zum Markt, um Essen zu besorgen (sprich: zu stehlen). So auch an diesem zweiten Dienstag. »Steh auf, Wurm!«, brüllte Mr Seamus, als er kurz nach Tagesanbruch die Kellertreppe hinunterpolterte. »Heute ist Besorgungstag. Ich füttere dich schließlich nicht durch, damit du den ganzen Morgen faul hier rumliegst.«

Peter war die ganze Nacht auf Einbruchstour gewesen und hatte sich erst eine Stunde zuvor schlafen gelegt. »Sie füttern mich doch gar nicht«, murmelte er verschlafen, ohne nachzudenken.

Im nächsten Augenblick packte ihn eine große, fleischige Faust an den Haaren und zerrte ihn hoch. »Vergiss nicht, mit wem du redest, Wurm!«, fauchte Mr Seamus und schleifte Peters mageren Körper die Treppe hinauf und quer durch das Haus. »Dafür gibt’s eine Doppelschicht. Du bringst mir Essen und Geld … und einen großen Knochen für Killer!« Der Hund leckte sich gierig über die Lefzen, als er das hörte.

»Ja, Sir! Tut mir leid«, sagte Peter voll echter Reue. Er wusste, wie gefährlich es war, frech zu werden, aber wie ihr ja wisst, rutschen einem die Worte manchmal einfach so raus.

»Heb dir deine Entschuldigungen für den Henker auf.« Mr Seamus schubste den Jungen auf die Straße und warf ihm seinen Diebessack hinterher. »Der ist voll, wenn du wieder hier auftauchst, sonst kannst du was erleben!«, sagte er und knallte die Tür zu.

Peter rappelte sich auf und schulterte seinen leeren Sack. Er hörte, wie sich dicke Regentropfen in den Wolken über ihm zusammenrotteten, und seufzte.

Regen stellt für die Leute in Peters Berufszweig ein besonderes Problem dar. Wenn es regnet, gehen reiche Leute nämlich nur selten aus dem Haus, weil sie Angst haben, sich aufzulösen. Und wenn sie sich doch hinauswagen, werden sie meistens von schirmtragenden Dienern begleitet, die wachsam Ausschau nach Taschendieben halten. Für Stadtbewohner gibt es kaum etwas Schöneres, als einen Taschendieb aufzuknüpfen, und wer unter solchen Umständen versucht, einen Geldbeutel zu stehlen, begibt sich in große Gefahr. Aus diesem Grund war es Peter an diesem ungemütlichen regnerischen Tag kaum gelungen, etwas zu stehlen.

Er ging gerade um eine Hausecke, das Bündel voll Brokkoli und Heringe, und dachte daran, was ihn erwartete, wenn er ohne Geld bei Mr Seamus aufkreuzte. Da bemerkte er eine Menschenmenge, die sich an der Hafenmole zusammengeschart hatte. Das war ein regelrechter Glücksfall, denn im Gedränge können Taschendiebe gute Beute machen. Und was noch besser war: All die schirmtragenden Diener waren genauso abgelenkt wie ihre Herrschaften. Der Junge ließ seinen Brokkoli und die Heringe fallen und machte sich sofort an die Arbeit. Vorsichtig schlich er sich durch die Menge, stibitzte den neugierigen Zuschauern ihre Geldbeutel und versuchte dabei herauszufinden, was die Leute so gebannt verfolgten.

»Glänzt Ihr Schädel wie eine Billardkugel?«, rief eine Stimme jenseits der Menge. »Sind Sie so kahl wie ein Fels in der Wüste? Damit ist jetzt Schluss! Dieser edle Turban – genäht aus einem Bärenfell von den dunklen Meeren des Südens – gibt Ihnen über Nacht Ihre schimmernde Haarpracht zurück!« Die Stimme gehörte zu einem Mann, der irgendwo links von Peter stand. »Hüte für jeden Kopf! Was immer Sie brauchen, hier werden Sie fündig!« Seine Stimme war kraftvoll und geübt, und seine Worte hielten die Menge in ihrem Bann.

Vielleicht wäre es klug, an dieser Stelle kurz innezuhalten und die vielen Einzelheiten zu beschreiben, die Peter Nimble entgingen. Er konnte den hohen Turm aus Hüten nicht sehen, der auf dem Kopf des Mannes thronte, und ebenso wenig sein scharf geschnittenes Kinn, die krumme rote Nase und die buschigen eulenartigen Augenbrauen. Peter wusste nur, dass dieser Mann einem jungen Taschendieb die perfekte Gelegenheit bot, seine Kunst an einer ahnungslosen Menge zu üben.

Peter machte mit seiner »Geldbeutelsammlung« weiter, und seine Finger glitten geschickt in Mantel- und Westentaschen. Er musste sich ein Grinsen verbeißen. Die Leute lauschten dem Gefasel des Hökers so gebannt, dass sie überhaupt nichts merkten. Der Mann erzählte gerade wortreich, wo er seine wundersamen Waren gefunden hatte. Angeblich war er dafür über die Grenzen der bekannten Welt hinaus gereist, bis ans Ende der tiefen fremden Meere. Dort hatte er Hüte aus geheimnisvollen Stoffen, Giftpilzen und Drachenschuppen entdeckt. »Und die biete ich Ihnen heute zu einem Sonderpreis an!«, rief er.

Peter dachte über die Worte des Mannes nach, während er seinen Diebessack füllte. Halb wünschte er sich, dass es diese magischen Orte wirklich gab. Bestimmt wären sie viel schöner als diese Hafenstadt. Aber natürlich waren sie bloß erfunden, sagte er sich, nichts als zusammengesponnener Unsinn.

»Unsinn, sagst du?«, unterbrach die Stimme des Hökers seine Gedanken. »Vielleicht kann ich dich ja vom Gegenteil überzeugen?«

Peter hielt mitten im Stehlen inne. Es klang beinahe so, als hätte der Mann mit ihm gesprochen. »Aber natürlich, mein Junge!«, sagte die Stimme.

Der Junge zog seine Finger aus der Uniformtasche des Polizisten, als er spürte, wie die Blicke der Menge sich auf ihn richteten. »M-M-Meinen Sie mich, Sir?«, stammelte er und zog die Lasche über die Öffnung seines Diebessacks.

»Wen sonst? Willst du dich nicht einen Moment zu mir nach vorne stehlen

Peter rührte sich nicht vom Fleck.

Der Höker änderte seine Taktik und wandte sich an den Mann neben Peter. »Herr Wachtmeister, wären Sie so freundlich, ein wenig Platz zu schaffen und den Jungen mitgehen zu lassen

Peters Kehle wurde ganz trocken. Er hörte, wie der stämmige Polizist an ihm vorbeiwatschelte und die Leute mit seinem Stock beiseiteschob. »Sie haben doch gehört, was der Mann gesagt hat«, knurrte er barsch. »Lassen Sie den Jungen durch.« Alle warteten darauf, dass Peter nach vorn ging.

»Nicht so schüchtern, Junge!«, rief der Höker lachend. »Es wäre ein Verbrechen, uns einfach hängen zu lassen.« Offensichtlich wusste der Mann, was Peter getan hatte, und drohte nun damit, ihn bloßzustellen. Peter hatte keine Wahl: Bemüht, möglichst harmlos und unbeholfen zu wirken, tastete er sich durch die Menge.

Der Höker ergriff seine Hand und schüttelte sie schwungvoll. »Schön, dich an Bord zu haben!« Er wandte sich wieder an das Publikum. »Und jetzt habe ich eine ganz besondere Vorführung für Sie, meine Damen und Herren!«

Peter versuchte, ein Gespür für seine Umgebung zu bekommen. Zu seiner Rechten war der Höker, der nach nasser Wolle und einem Hauch Bedauern roch. Direkt hinter ihm befand sich der Wagen des Mannes, gezogen von zwei … nein, nicht Pferden. Mit sieben hatte Peter einen Meereszirkus ausgeraubt, und seither waren ihm die Gerüche etlicher exotischer Tiere vertraut. Aber was waren das für seltsame Wesen?

»Komm den Zebras nicht zu nah, Junge. Die sind etwas zickig!« Die Menge lachte über die gutmütige Warnung.

Peter hingegen war überhaupt nicht zum Lachen zumute. Es war beinahe, als könnte der Mann seine Gedanken lesen. Aber das war unmöglich.

»Durchaus nicht«, flüsterte der Mann ihm zu. »Man muss nur ein bisschen üben.«

Peter wich vor dem Fremden zurück und stieß dabei gegen den Wagen. Als er sich abstützte, um nicht zu fallen, berührten seine Finger etwas Kaltes, Metallisches, Vertrautes.

Ein Schloss.

Peters Herz schlug schneller. Wenn es etwas an seiner Arbeit gab, das er liebte, dann war es das Knacken von Schlössern. Für ihn war jedes Schloss eine persönliche Herausforderung. Schlösser sind dazu da, dir zu sagen, was du nicht tun kannst. Du kannst das Essen in dieser Truhe nicht haben. Du kannst nicht aus diesem Keller entkommen. Du kannst nicht herausfinden, was in diesem Wagen ist. Jedes Schloss hielt einen Schatz gefangen, der danach verlangte, befreit zu werden, und Peter war nur zu gern bereit, dabei zu helfen.

Der Junge betastete das regennasse Schloss. Es war aus gehärtetem Stahl, ein Material, das nur zur Sicherung der kostbarsten Geheimnisse verwendet wurde. Er glitt mit den Händen über die Tür, um die Angeln zu finden, doch stattdessen fühlte er einen Riegel, an dem ein weiteres Schloss befestigt war. Und noch eins. Und noch eins. Der ganze Wagen war bedeckt mit Schlössern in allen Größen und Formen. Er schmunzelte in sich hinein. Jetzt wurde es wirklich interessant.

Während Peter den Wagen ausbaldowerte, sprach der Höker zu der Menge. »Nun ist endlich der Augenblick gekommen, Ihnen einen Hut zu zeigen, der noch viel sensationeller ist als alle meine anderen Hüte zusammengenommen!« Die Leute rückten voller Neugier noch einen Schritt näher. »Wir kennen doch alle das größte Problem, das ein Leben in einer Hafenstadt mit sich bringt – der Geruch! Wie kann man an einem Ort seine Würde bewahren, der ständig nach Fisch stinkt?« Zustimmendes Gemurmel erhob sich aus der Menge, während die Leute mit gerümpfter Nase schnupperten.

»Nun, damit ist jetzt Schluss!« Der Höker zog einen Stapel dünner Lederkappen hervor. »Diese Kappen, gegerbt und geformt in der reinsten Luft Wolkenlands, entfernen garantiert jeden unangenehmen Geruch von ihren Trägern.« Die Menge brach in überraschtes Geraune aus.

»Unmöglich, denken Sie? Um meine Behauptung zu beweisen, präsentiere ich Ihnen einen hervorragenden Richter – jemanden, der ganz und gar nach seiner Nase lebt.«

Peter, der heimlich die Schlösser des Wagens betastet hatte, ließ die Hände sinken, als er abermals die Blicke der Menge auf sich spürte. Der Höker fasste ihn an der Schulter. »Jedermann weiß, dass Blinde einen ausgezeichneten Geruchssinn haben und selbst den leisesten Hauch eines Geruchs wahrnehmen. Genau aus diesem Grund habe ich diesen jungen Knaben gebeten, mir bei meiner nächsten Demonstration behilflich zu sein.« Sanft führte er Peter wieder zu der Menge. »Mein Junge, sei doch bitte so nett und schnüffle mal an dem Herrn Wachtmeister.«

Peter stand reglos vor dem Gesetzeshüter, der verlegen von einem Fuß auf den anderen trat. »Nur zu, nimm eine ordentliche Nase voll«, sagte der Höker zu dem Jungen. »Wonach riecht er?«

Peter spürte, dass der Mann eine ehrliche Antwort wollte, und die Wahrheit war nicht sonderlich angenehm. »Er riecht nach Fisch, Sir.«

Der Höker stieß ein zufriedenes Schnauben aus. »Fisch, sagst du? Und wonach noch?«

Peter schnüffelte erneut. »Nach Bier.«

»Und?«

Peter konnte es sich nicht verkneifen. »Nach … Bauchwind!« Die Menge brach in prustendes Gelächter aus, während der Polizist rot anlief.

»Eine wahrhaft giftige Mischung!«, sagte der Höker.

»Jetzt reicht’s aber!«, polterte der Polizist. »Noch ein Wort, und ich stecke euch beide hinter Schloss und Riegel!« Doch bevor er weiterschimpfen konnte, reichte der Höker ihm eine von den Lederkappen.

»Wären Sie bitte so freundlich, eine von diesen Wunderkappen aufzusetzen?« Der Polizist, der noch immer rot im Gesicht war, nahm seinen Helm ab und setzte die Kappe auf seinen kahlen Schädel. Dann lächelte er der Menge verlegen zu.

Der Höker wandte sich wieder zu Peter. »Und jetzt, mein Junge?«

Peter zögerte. Seine Nase war nur eine Handbreit vom schwitzenden Bauch des Polizisten entfernt. Der Mann roch genauso wie zuvor, doch schlau, wie er war, begriff Peter sofort, was der Höker von ihm hören wollte. Er traute dem Mann nicht, aber etwas tief in seinem Innern – sein Diebesinstinkt – riet ihm mitzuspielen.

»Nun, wonach riecht der Herr Wachtmeister jetzt?«, wiederholte der Höker ein wenig drängender.

Peter schnüffelte hörbar und stieß einen überraschten Laut aus. »Wo ist er denn hin?!« Er tat ein paar Schritte vorwärts und griff in gespielter Verwirrung in die Luft. »Eben war er doch noch hier … aber jetzt rieche ich überhaupt nichts mehr

Die Zuschauer jubelten begeistert. »Da sehen Sie es!«, sagte der Höker und verneigte sich. »Brauchen Sie noch mehr Beweise?« Hände erhoben sich aus der Menge und warfen dem Mann Münzen zu, um eine von seinen Wunderkappen zu erstehen.

Während die Leute sich schubsend und schreiend nach vorn drängten, überlegte Peter, was er tun sollte. Mit dem, was er bereits gestohlen hatte, könnte er sich ohne weiteres davonschleichen. Es würde in jedem Fall ausreichen, um Mr Seamus zu beruhigen. Andererseits wollte er zu gerne herausfinden, was für ein Schatz in dem Wagen verborgen war. Obgleich es Peter nicht behagte, gewöhnliche Leute zu bestehlen, erschien ihm die Vorstellung, den Höker zu bestehlen, durchaus vertretbar. Schließlich würde er auf diese Weise doch dazu beitragen, dass ein Gauner seine gerechte Strafe bekam, oder nicht? Peter beschloss, dass es sich lohnen könnte, noch ein Weilchen zu bleiben. »Kann ich Ihnen helfen, Sir?«, fragte er den Mann.

»Das ist aber nett von dir!« Der Höker drückte dem Jungen einen leeren Geldbeutel in die Hand. Der Beutel war nicht aus einfachem Leinen, sondern aus dickem Samt und mit Goldfäden und winzigen Edelsteinen bestickt. »Du kannst mir helfen, das Geld von diesen reizenden Kunden einzusammeln. Und wenn du schon dabei bist« – er beugte sich vor und tippte auf den Diebessack, der über Peters Schulter hing –, »dann sei so gut, deine Beutestücke in die Taschen zurückzuschieben, aus denen du sie gestohlen hast. Für so etwas kannst du am Galgen enden.« Er schob Peter in die Menge. »Keine Sorge, ich lasse dich nicht mit leeren Händen gehen!«

Peter ging durch die Menge und nahm die Münzen von den begeisterten Kunden entgegen. Jedes Mal, wenn er an jemandem vorbeikam, dem er den Geldbeutel gestohlen hatte, schob er diesen an Ort und Stelle zurück, bevor das Opfer überhaupt merkte, dass etwas fehlte. So machte er weiter, bis sein Diebessack leer und der Geldbeutel des Hökers voll war. Der Duft war verlockend, nahezu unerträglich, aber er war zu klug, um auch nur eine einzige Münze zu nehmen. Wenn dieser seltsame Höker tatsächlich Gedanken lesen konnte, würde er ihn sofort ertappen. Er würde sich gedulden müssen, bis sich eine günstige Gelegenheit bot.

Als die Stadtbewohner sich schließlich zerstreuten – alle mit billigen Lederkappen auf dem Kopf und an sich herumschnüffelnd –, wandte sich der Höker wieder Peter zu. »Du hast deine Rolle vorhin gut gespielt. Wir zwei waren wie ein richtiges Gaunerpaar. Wie heißt du?«

»Alistair«, erwiderte Peter. Er hatte mittlerweile gelernt, dass man Fremden nie trauen durfte.

»Tatsächlich?« Der Mann nahm ihm den Geldbeutel aus der Hand. »Nun, Alistair, mir ist aufgefallen, dass du dich für meinen schönen Wagen interessierst. Zu schade, dass du ihn nicht sehen kannst, was?«

»Es scheint wirklich ein schöner Wagen zu sein«, sagte Peter, der sich Mühe gab, möglichst hilflos und unschuldig zu wirken. »Er riecht nach frischer Farbe.«

»Riechst du sonst noch was?«

»Nein, Sir.«

Der Höker griff unter seinen Mantel, nahm einen großen Schlüsselring aus Messing von seinem Gürtel und begann die zwölf Vorhängeschlösser zu öffnen, mit denen die Tür seines Wagens gesichert war. »Man kann nie vorsichtig genug sein. Der Schatz in diesem Wagen kann das Schicksal eines Menschen für immer verändern. Aber mir ist noch nie ein Dieb begegnet, der diesen Schlössern gewachsen wäre.« Peter lächelte leise, während er auf das Klick, Klick der aufspringenden Bolzen lauschte. Sein Lieblingsgeräusch.

Als der Höker das letzte Schloss entfernt hatte, öffnete er den Wagen und beugte sich hinein. In dem Moment, als die Tür an Peters Nase vorbeischwang, begann sein Herz schneller zu schlagen. Er hatte zehn Jahre darauf verwendet, den Duft von Silber, Elfenbein und Edelsteinen unterscheiden zu lernen – doch nichts davon roch auch nur halb so kostbar wie das, was sich in dem Wagen befand. Während der Mann seine Einnahmen verstaute, arbeiteten Peters Sinne auf Hochtouren und sogen so viele Einzelheiten wie nur möglich auf: wie groß das Innere des Wagens war, wie dick der Boden, wie üppig die Beute.

Als er fertig war, schloss der Höker die Wagentür und befestigte wieder alle Schlösser. »Alles sicher verstaut«, sagte er und klopfte sich den Staub von den Händen. »Und glaub ja nicht, ich hätte dich vergessen! Hier ist der Lohn für deine Mühe.«

Er warf ihm eine kleine Münze zu, die Peter aus der Luft fing. Der Mann stieß einen beeindruckten Pfiff aus. »Donnerwetter, du hast gute Reflexe. Wer braucht da noch Augen?«

Peter drehte die Münze zwischen seinen Fingern hin und her. Sie war aus schwerem Metall und hatte ein Loch in der Mitte. »Ich würde meine Hände sofort hergeben, wenn ich dafür sehen könnte«, sagte er.

»Ja, das glaube ich dir«, murmelte der Höker leise. Einen kurzen Moment hörte Peter, wie sich die Kehle des Mannes zusammenzog, dann räusperte sich der Höker und klatschte in die Hände. »Hör mal, Alistair, ich brauche dringend etwas zu trinken. Würde es dir etwas ausmachen, auf meinen Wagen aufzupassen, während ich ins Wirtshaus gehe, um meinen Durst zu löschen? Das, was darin ist, bedeutet mir sehr viel, und ich möchte nicht, dass es in die falschen Hände gelangt.«

Peter konnte sein Glück kaum fassen. »Nun ja, wenn es sein muss …«

»Wunderbar! Ich wusste, dass ich dir vertrauen kann!«, rief der Mann und stapfte davon.

Als der Höker vor dem Wirtshaus angekommen war, drehte er sich noch einmal um und betrachtete den Jungen aus der Ferne. »Es war mir eine Ehre, mit dir zusammenzuarbeiten, Peter Nimble«, sagte er leise. »Ich hoffe, wir sehen uns bald wieder!« Damit tippte er sich an seinen Hutstapel und ging hinein.

Peter brauchte fast eine Stunde, um die Schlösser am Wagen des Hökers zu knacken. Als es ihm schließlich gelang, die Tür zu öffnen, fand er den Geldbeutel des Hökers, prall gefüllt mit Münzen – genug, um Mr Seamus einen Monat lang zufriedenzustellen.

Doch dann erregte etwas anderes seine Aufmerksamkeit. Als er nach dem edelsteinbesetzten Beutel griff, streifte sein Arm eine einfache Holzkiste, nicht größer als ein Brotlaib. Sie hatte keinerlei Schnitzereien oder sonstige Verzierungen, nur ein kleines Messingschloss am Deckel. Als Peter das Schlüsselloch berührte, schoss ein Beben durch seinen ganzen Körper. Das war es, was er zuvor gerochen hatte: der Schatz, der kostbarer war als all die Reichtümer drumherum. Im Gegensatz zu den billigen Hüten schien diese Kiste tatsächlich aus einem fernen Reich zu kommen, jenseits der bekannten Welt.

Peter zögerte. In seinem Diebessack war nur Platz für eines von beidem, und das bedeutete, dass er wählen musste. Ein Beutel voll Münzen oder eine Kiste voller … Geheimnisse. Bevor ihn jemand beobachten konnte, nahm Peter die Kiste und verschwand im Regen.

Zehn Minuten später hatte sich der Junge am schlafenden Killer vorbeigeschlichen und huschte, so schnell er konnte, die Kellertreppe hinunter. Der Tag neigte sich dem Ende zu, und es würde nicht mehr lange dauern, bis Mr Seamus ihn wieder losschickte, in die Häuser einzubrechen. Peter war erschöpft und aufgeregt zugleich. Er kniete sich in eine Ecke des Kellerraums und nahm die Kiste aus seinem Sack. Lächelnd atmete er den kräftigen, ein wenig muffigen Geruch ein. Es war ein süßer, betörender Duft, anders als alles, was er je gerochen hatte. Auf dem Heimweg war der Duft mit jedem Schritt stärker geworden, und jetzt war er kaum noch auszuhalten.

Peter lauschte zur Treppe, um sich zu vergewissern, dass er allein war. Wenn er Glück hatte, konnte er vielleicht einen Teil des Inhalts verstecken, bevor er den Rest Mr Seamus übergab. Er lockerte seinen Zeigefinger und schob die Spitze in das Schlüsselloch. Klick. Das Schloss sprang auf. Er hob den Deckel und betastete den Inhalt.

In der Kiste waren sechs Eier.

Verwirrt runzelte Peter die Stirn und fuhr erneut mit den Händen über die glatten, runden Schalen. Keine Spur von einem Schatz, nur diese ganz gewöhnlichen Hühnereier. Er kratzte sich am Hals. Nachdem er den Deckel geöffnet hatte, war der seltsame Duft noch stärker geworden. Der Schatz musste irgendwo in der Kiste sein. Er betastete sie, suchte nach einer Ritze oder irgendeinem Anzeichen für einen doppelten Boden.

Dann nahm er eines von den Eiern heraus und schnupperte daran. Es roch wertvoll – sogar noch wertvoller als Gold. Aber wie konnte das sein? Er rieb mit der glatten Schale über seine Wange. »Was versteckst du dadrin?«, flüsterte er.

»Wurm!« Mr Seamus erschien in der Kellertür und polterte mit Killer an seiner Seite die Treppe herunter. »Das Gemüse, das du geklaut hast, ist matschig!«, sagte er und spuckte es aus. Er hielt einen halben Kürbis in der Hand, die andere Hälfte hing aus seinem abstoßenden Mund.

»Es hat geregnet!«, sagte Peter, klappte den Deckel der Kiste zu und stand auf. »Wenn’s regnet, wird alles matschig!«

»Das ist keine Entschuldigung!« Mr Seamus warf mit dem Kürbis nach ihm. Peter hätte dem Geschoss mit Leichtigkeit ausweichen können, aber er hatte schon vor langer Zeit gelernt, dass Mr Seamus nur noch wütender wurde, wenn er sich widersetzte. Der Kürbis klatschte mit einem schmatzenden Geräusch gegen sein Ohr.

»Aber deshalb bin ich nicht hergekommen.« Mr Seamus kam die letzten Stufen herunter und leckte sich die Finger ab. »Ich habe gehört, am Hafen war heute richtig was los. Ich will meine Beute.«

»Da waren zu viele Diener. Alles, was ich kriegen konnte, war das hier«, sagte der Junge und hielt ihm die Münze mit dem Loch in der Mitte hin.

Ihr dürft nicht vergessen, dass Peter in der finstersten Ecke eines sehr dunklen Kellers stand, und deshalb konnte Mr Seamus die Kiste des Hökers mit den sechs merkwürdigen Eiern nicht sehen. Killer jedoch, dessen Nase fast genauso gut war wie die von Peter, bemerkte sie sofort. Er sprang vor und schnappte nach den Füßen des Jungen.

»Killer scheint anderer Meinung zu sein«, sagte Mr Seamus und kam näher. »Was versteckst du da?«

»Nichts, das ist nur – «

Doch es war zu spät; der Hund hatte die Holzkiste gepackt und schleifte sie zu seinem Herrn. Mr Seamus ging in die Hocke, um sich den Fund anzusehen. »Braver Hund«, sagte er und ließ Killer die Reste von seinem Kinn lecken. »Du wolltest mich wohl austricksen, was? Mal schauen, was wir hier haben.« Er klappte den Deckel auf und griff gierig in die Kiste, voll Hoffnung auf einen Schatz.

»Ist das alles?«, fragte er empört. »Nur ein paar dämliche Eier?«

»Es tut mir leid! Ich dachte, da wäre Geld oder Schmuck drin, aber ich habe sie erst aufgemacht, als ich zu Hause war.«

»Warum nicht eher, du dummer Bengel?« Mr Seamus warf eins von den Eiern in die Luft und fing es wieder auf. »Na, immerhin ergeben sie ein besseres Abendessen als das Gemüse. Komm, Killer.«

Peter hörte, wie Mr Seamus mit der Kiste unter dem Arm zur Treppe ging. »Warten Sie!«, rief er verzweifelt. »Sie sind … faul! Allesamt!« Er wusste nicht warum, aber ihm war klar, dass er die Kiste auf keinen Fall verlieren durfte.

Mr Seamus blieb stehen und schnupperte. »Bist du sicher? Ich rieche nichts.«

»Sie kennen doch meine Nase. Ich kann Reichtümer riechen, ich kann riechen, wenn jemand lügt, und ich kann riechen, wie alt jemand ist. Diese Eier sind völlig verfault.« Peter machte ein würgendes Geräusch, als wäre ihm schlecht. »Die stinken so sehr, dass ich kaum Luft kriege!« Das Herz hämmerte ihm in der Brust – er durfte auf keinen Fall die Kiste verlieren. »Bitte verzeihen Sie mir. Ich schwöre, beim nächsten Mal bringe ich Ihnen etwas Besseres.«

»Das will ich doch hoffen«, sagte Mr Seamus. »Und zur Strafe darfst du den Gestank noch ein bisschen länger genießen!« Er warf die Kiste auf den Boden des Kellers. »Ich erwarte, dass du heute Nacht besonders viel stiehlst, um mich für diesen Fehlgriff zu entschädigen. Wenn nicht, geht hier noch viel mehr zu Bruch als ein paar Eier!«

»Jawohl, Sir! Danke, dass Sie so nett zu mir sind!«

Mr Seamus grunzte und schob donnernd den Riegel vor die Tür, dann schlurften er und Killer zurück in die Küche. Als Peter sicher war, dass er den Keller wieder für sich hatte, atmete er tief durch und kroch zu der Kiste. Vorsichtig öffnete er den Deckel. Er fürchtete, nur noch einen glitschigen Brei vorzufinden, doch die sechs Eier waren unversehrt. Er nahm eins davon heraus, hielt es an sein Ohr und schüttelte es sanft. Das Eigelb schwappte leise in der Schale umher. Er fragte sich, ob etwas herausschlüpfen würde – vielleicht ein seltener Vogel? Oder vielleicht war es das goldenste Eigelb der Welt, geschaffen für das Omelett eines Königs?

Bei dem Gedanken an ein Omelett knurrte Peter der Magen. Wie ihr wisst, essen kleine Jungen mehr als gewöhnliche Menschen – oder zumindest sollten sie das. Doch Peter bekam nichts außer Fischköpfen und Zwiebelschalen zu essen, da Mr Seamus der Ansicht war, Hunger bilde den Charakter. Er schüttelte das Ei ein wenig stärker. Das Omelett eines Königs? Er leckte sich über die Lippen, schlug das Ei auf und kippte den Inhalt in seinen Mund.

Beinahe wäre Peter an der harten Kugel erstickt. Irgendwas stimmte da nicht. Er hustete und spuckte das Ding zurück in die Eierschale. Das war kein gewöhnliches Eigelb. Vorsichtig berührte er die Oberfläche, und auf einmal umhüllte ihn eine wunderbare Wärme. Ihn überkam der unbezähmbare Drang zu überprüfen, ob auch die anderen Eier diese seltsamen Kugeln enthielten. Behutsam schlug er eins nach dem anderen auf, ließ das Eigelb in die untere Hälfte der Schale gleiten und setzte diese zurück in den gepolsterten Boden der Kiste. Dann beugte er sich darüber und wartete darauf, dass ein Wunder geschah.

An diesem Punkt wäre es sehr hilfreich gewesen, wenn Peter gewusst hätte, was er da vor sich hatte. Für Menschen wie euch und mich, die sehen können, erscheinen viele Dinge im Leben selbstverständlich, aber für Peter galt das nicht. Bücher zum Beispiel mit all ihren Geschichten und Abenteuern waren für ihn vollkommen wertlos. Er hätte euch zwar sagen können, wie viele Seiten ein Buch hatte, indem er es einfach nur in die Hand nahm, oder wie alt es war, indem er daran roch, oder wer es zuletzt gelesen hatte, indem er darin blätterte, aber er hatte keine Möglichkeit zu erkennen, wie der Titel lautete (es sei denn, der stand in Goldlettern auf dem Einband). Aber diese sechs Eigelbe hatten weder einen Rücken noch eine Goldschrift noch sonst irgendetwas, das Peter geholfen hätte zu erkennen, was er da vor sich hatte.

»Was seid ihr?«, fragte er und nahm die offene Kiste in seine Hände. Hätte Peter sehen können, wäre ihm das Herz stehen geblieben. Ein Lächeln hätte sich auf seinem Gesicht ausgebreitet, und aus seiner trockenen Kehle wäre das erste Lachen seines traurigen zehnjährigen Lebens erklungen. Denn Peter Nimble hatte etwas gefunden, das zu wunderbar war, um es sich auch nur vorstellen zu können – etwas, das man nur mit einem einzigen Wort bezeichnen konnte: magisch.

3. Kapitel

PETER TRIFFT DIE
MESSERWERFER-BANDE

Kapitelbild

Bei Einbruch der Dunkelheit hatte es aufgehört zu regnen. Als die Rathausuhr zehn schlug, machte Peter sich auf den Weg zur Arbeit. Da er seine kostbaren Ruhestunden damit zugebracht hatte, die Kiste des Hökers zu untersuchen, war er schon erschöpft, bevor er auch nur den Fuß aus der Tür setzte. Er seufzte bei der Vorstellung, wie anstrengend die bevorstehende Nacht werden würde. Mr Seamus sprach nie leere Drohungen aus, und wenn Peter nicht eine Tracht Prügel bekommen wollte, musste er eine Menge Wertsachen erbeuten, bevor der Morgen kam.

Peter beschloss, mit dem Höker anzufangen. Schließlich wusste er aus erster Hand, dass der Mann einen prall gefüllten Geldbeutel besaß, und allein der edelsteinbestickte Samtbeutel würde ausreichen, um Mr Seamus zufriedenzustellen. Obwohl der Junge sich einredete, dass er sich deshalb auf die Suche nach dem Höker machte, war doch der wahre Grund ein ganz anderer. In Wirklichkeit wollte Peter unbedingt mehr über die seltsamen kleinen Eier in der seltsamen kleinen Kiste herausfinden. Sein Diebesinstinkt sagte ihm, dass diese sechs Eigelbe mehr wert waren als alles, was er je in seinem Leben gestohlen hatte.

Nachdem er sich an Onkel Krimskrams’ Pfandhaus (wo er oft Geschäfte machte) und an den verschlossenen Ständen auf dem Marktplatz (wo er ebenfalls oft »Geschäfte« machte) vorbeigeschlichen hatte, kam Peter schließlich am Hafen an, wo der Höker mit seinem Wagen gestanden hatte. Er schnupperte in der kalten Luft nach der Witterung des Mannes. Nichts. Er hockte sich auf die Erde und tastete in den Pfützen nach Spuren der Räder. Nichts. Er lief durch die Straßen, lauschte in die Wirtshäuser hinein und suchte die Mole ab, aber er fand keinen einzigen Hinweis. Es war, als hätte es den Mann nie gegeben. Der einzige Beweis seiner Existenz war die Holzkiste, die Peter unter dem Arm trug, und das große Geheimnis, das sie barg.

Peter war müde und enttäuscht. Er hatte Stunden damit zugebracht, den Höker zu suchen, und nun musste er noch eine doppelte Einbruchsschicht hinter sich bringen. »Wenn ich doch nur jemanden hätte, der mir sagt, was es mit diesen Eiern auf sich hat«, murmelte er, während er mit vier Kerzenleuchtern, zwei Kuckucksuhren und einer billigen Lederkappe aus dem Dachfenster kletterte. Da hörte er plötzlich einen Schrei.

Wie ihr wisst, sind Schreie schreckliche, schrille Geräusche, die nervige Leute machen, wenn sie die Aufmerksamkeit auf sich lenken wollen. Meistens sind sie ziemlich wirkungslos, weil diejenigen, die sie hören, sich einfach die Ohren zuhalten und mit dem weitermachen, womit sie gerade beschäftigt sind. Aber es gibt auch eine andere Art Schreie, die man nicht so leicht ignorieren kann: den Schrei eines Wesens, das dem Tod entgegensieht – einen urtümlichen, verzweifelten Laut, der nicht nur unsere Ohren trifft, sondern auch unser tiefstes Inneres. Peter hatte diesen Laut bisher nur ein einziges Mal gehört, nämlich als er sich aus einem Sack mit ertrinkenden Kätzchen befreit hatte. Jetzt hörte er diesen furchtbaren Schrei erneut, und er kam ganz aus der Nähe.

Peter stand vollkommen reglos auf dem Rand des Daches. Eine der wichtigsten Fähigkeiten, die jeder Einbrecher beherrschen muss, ist, reglos zu verharren. Das ist zwar nicht so beeindruckend wie Safeknacken und Fassadenkletterei, aber genauso nützlich. In Mr Seamus’ Ausbildung hatte der Junge sogar gelernt, seinen Herzschlag anzuhalten, damit Wachhunde ihn in der Dunkelheit nicht wahrnahmen. (Bei Killer funktionierte dieser Trick jedoch bisher leider nicht.) Peter lauschte in die kalte Nachtluft. Der erste Schrei war so kurz gewesen, dass er ihn nicht hatte orten können.

Ein paar Sekunden später hörte er den Schrei erneut. Er kam von einem der Tiere aus der Nähe der städtischen Ställe. Peter wog den halb leeren Sack, der über seiner Schulter hing. Er hatte noch etliche Einbrüche zu tätigen und konnte sich keine weitere Ablenkung leisten. Aber das Schreien hörte und hörte nicht auf, und schließlich konnte er es nicht länger ertragen. Er kletterte hinunter und machte sich auf, um nachzuschauen, was da los war.

Peter lief durch die Straßen, bis er zu einer schmalen Gasse kam, die hinter den Ställen entlangführte. Er hörte etwas, das wie das Wiehern eines Pferdes klang. Und er hörte noch mehr: Beifallsrufe und ab und an das Klirren eines Metallgegenstands auf dem Kopfsteinpflaster. Die Gasse beschrieb eine scharfe Kurve, und Peter blieb mit dem Fuß an einem leeren Bierkrug hängen. Er stolperte und hätte beinahe seine kostbare Kiste mit den Eiern fallen lassen. Nachdem er das Gleichgewicht wiedergefunden hatte, reckte er vorsichtig den Kopf um die mondbeschienene Hausecke, um zu lauschen.

»Toller Wurf!«, rief jemand. »Genau auf den Streifen!«

»Das gilt nicht! Die Klinge muss sich zweimal drehen!«, beschwerte sich ein anderer.

»Halt die Klappe und wirf!«

Vorsichtig rückte Peter ein Stück näher und versuchte herauszufinden, was da vor sich ging. Das Tier roch wie ein Pferd oder ein Maultier – so nah am Stall konnte er es nicht genau unterscheiden. Was immer es war, es schien sich in großer Not zu befinden. In dem Moment erklang eine tiefe Stimme, die die anderen verstummen ließ. »Aus dem Weg, ihr Babys. Ich zeig euch jetzt mal, wie das geht.« Bei den Worten lief Peter ein eisiger Schauer über den Rücken. Er kannte die Stimme. Sie gehörte Pencil Cookson.

Pencil Cookson war der gemeinste, bösartigste und gefährlichste Junge im ganzen Hafen. Er war ein paar Jahre älter als Peter und doppelt so groß wie er. Pencil war ebenfalls ein Waisenjunge, aber aus ganz anderen Gründen. Es hieß, als er acht Jahre alt gewesen war, hätte sein Vater – ein Säufer, dem wegen seiner Schulden Gefängnis drohte – ihn als Schiffsjunge an einen Kapitän aus der Stadt verkauft. Doch Pencil hatte eine Todesangst vor dem Wasser und weigerte sich, an Bord zu gehen. Als seine Eltern ihn zu zwingen versuchten, überwältigte er sie beide, Mutter und Vater, und tötete sie mit einem Bleistift, mit dem er gerade seine Hausaufgaben gemacht hatte. (So war er zu seinem Namen gekommen.) Kurz nachdem er so zum Waisenjungen geworden war, versammelte Pencil ein paar von den übelsten, herzlosesten Jungen der Stadt um sich. Sie nannten sich die Messerwerfer-Bande.

Für diejenigen unter euch, die es nicht wissen: Das mit dem Messerwerfen ist ursprünglich ein Spiel für harte Jungs, bei dem es darum geht, ein Messer so zu werfen, dass es mit der Klinge in der Erde stecken bleibt. Eigentlich ein ziemlich harmloser Zeitvertreib – aber natürlich nicht, wenn Pencil Cookson und seine Bande dabei waren. Er und seine Jungs waren nämlich so hart, dass sie nicht auf den Boden zielten, sondern gegenseitig auf die Füße … oder, noch schlimmer, auf die Füße eines unglückseligen Opfers, das ihnen in die Falle gegangen war.

Peter lauschte aufmerksam auf die Rufe, Schreie und das Klirren in der Gasse. Es klang, als wären es fünf Jungen. Und ein Opfer. Aus dem Geräusch ihrer Schritte schloss er, dass die Bande das Tier irgendwie auf der Erde festhielt und versuchte, mit dem Messer den Rücken zu treffen. Peter drückte sich gegen die Hauswand, froh, dass er nicht zu sehen war.

Zumindest dachte er das, aber im nächsten Moment wurde das Spiel von einem Ausruf unterbrochen. »He! Wer ist da?«, rief einer von den Jungen in Peters Richtung. »Ich glaub, da hinten war grad jemand.« Der Rest der Bande drehte sich um und kam näher.

Peter verharrte vollkommen reglos. Durch die Kälte auf seiner Haut wusste er, dass er im Schatten stand, außerhalb des Mondlichts. Um auf Nummer sicher zu gehen, hielt er seinen Herzschlag an.

»Ich seh nichts«, sagte Pencil nach einer Weile. »Bloß ein paar alte Fässer.«

Plötzlich ertönte ein rumms ! und panisches Wiehern.

»He! Der blöde Gaul versucht abzuhauen!«

»Haltet ihn fest!«