Hansjörg Schertenleib

WALD AUS GLAS

Roman

Impressum

ISBN 978-3-8412-0479-0

Aufbau Digital,

veröffentlicht im Aufbau Verlag, Berlin, September 2012

© Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin

Die Originalausgabe erschien 2012 bei Aufbau, einer Marke der Aufbau Verlag GmbH & Co. KG

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Umschlaggestaltung hißmann, heilmann, hamburg

unter Verwendung eines Motivs von plainpicture / Folio Images / Daniel Högberg und getty images / Dorling Kindersley

Konvertierung Koch, Neff & Volckmar GmbH,

KN digital – die digitale Verlagsauslieferung, Stuttgart

www.aufbau-verlag.de

Inhaltsübersicht

IN DER FREMDE

1

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AUF DEM WEG

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ZU HAUSE

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6

»Eine furchtbare Kraft ist in uns,
die Freiheit.«

Cesare Pavese

To my mother Romana who wanted to become a writer and was a dedicated reader.

And to Brigitte, my wife, my love.

Die Frau saß am Rand der Lichtung, an den Stamm einer Birke gelehnt, die Beine an die Brust gezogen. Hätte es die Nacht zuvor nicht das erste Mal in diesem Jahr geschneit, der Spaziergänger, der sie fand, hätte wohl angenommen, sie habe sich nur hingesetzt, um den Ausblick auf den Vorderen Langbathsee zu genießen, und sei dann eingenickt. Aber dafür war es zu kalt. Dass es eine Frau war, sah er sofort. Auch dass sie tot war, wusste er, so sagte der Mann später aus, schon während er auf sie zuging. Obschon er keine Antwort erwartete, blieb er doch ein Stück von ihr entfernt stehen und rief ihr zu: »Hallo Sie, alles in Ordnung?« Und weil er immer noch nicht glauben wollte, tatsächlich eine Tote gefunden zu haben, und hoffte, die Frau hebe plötzlich den Kopf, sehe ihn lächelnd an, stehe auf und klopfe sich den Schnee von den Hosenbeinen, rührte er sich nicht von der Stelle und sah sie an.

Über den Wipfeln der Fichten am anderen Seeufer lag Dunst, die Sonne stand handbreit über dem Kamm des Höllengebirges, das den Talkessel abschließt, und tauchte das obere Drittel der Felswand in ein kaltes, weißgelbes Licht. Ein schöner Tag, dachte der Spaziergänger, so schön, als dürfte nichts Schlimmes geschehen. Dann ging er endlich zur Toten hinüber und beugte sich vorsichtig über sie. Aus der Distanz hatte er geglaubt, eine Decke sei ihr von der Schulter gerutscht und liege in ihrem Schoss, aber jetzt sah er, dass sie einen toten Hund im Arm hielt, als könne er sie wärmen. Wie alt sie ist, dachte er, und wie furchtbar müde sie aussieht. Für den nächsten Gedanken, der ihm durch den Kopf ging, schämte er sich, in diesem Alter nimmt man sich doch nicht mehr das Leben, es ist ja ohnehin bald vorbei. Da fiel ihm die Angst seiner Großmutter vor dem Sterben ein. Und vielleicht hatte die alte Frau genau wie seine Großmutter eine unheilbare Krankheit und wollte das Leiden verkürzen. Nur Verrückte fürchten sich nicht vor dem Tod, ging ihm durch den Kopf, und Babys, weil sie noch nicht wissen, dass das Leben ein Ende findet. Oder atmete die Frau etwa noch? Er beugte sich tiefer über sie, fast hätte seine Nase ihr Gesicht berührt. Der Hund, sah er jetzt, war voller Blut und hatte eine Schusswunde auf der Brust. Vor der Toten lag ein schwarzer, handlicher Stein in Form einer stumpfen Pfeilspitze im Schnee. Sie riecht nach Zimt, stellte er verwundert fest; gefrorene Schneekristalle lagen auf ihren Wangen und auf ihren Lippen, die Brauen über den offenen Augen waren weiß vor Reif, wie mit Mehl bestäubt, genau wie der Hund, dessen Schnauze mit Schnee gefüllt war, als habe er in der Erde gewühlt. Der Mann verstand nicht, weshalb es ausgerechnet die rosa Flecken auf den schwarzen Lefzen des Hundes waren, die ihn zu Tränen rührten. Er wandte sich ab, doch das Schluchzen, das ihm aus der Kehle stieg, konnte er nicht hinunterschlucken.

Drei Dohlen kamen übers Wasser auf ihn zu, ohne Schrei, als verbiete die Situation jedes Geräusch, nicht einmal die Flügel der Vögel waren zu hören; als sie sich in den Ästen über ihnen niederließen, fingen sie aber doch an, vorwurfsvoll zu schimpfen. Der Mann blieb in der scharfen Morgenkälte stehen, bis er sich beruhigt hatte. Die Bergstiefel der Toten sahen neu aus. Gern hätte er den Schnee weggewischt, der die Achseln ihrer Gore-Tex-Jacke bedeckte, aber er brachte es nicht über sich, die tote Frau anzufassen. Sie wirkte weder friedlich noch traurig, nur müde und erstaunt, als habe sie etwas Unerwartetes gesehen.

Im Sommer, überlegte er, und das behielt er später für sich, im Sommer, wenn es selbst nachts nicht kühl wurde, wäre ich bestimmt nicht der Erste gewesen, der die Tote gefunden hätte. Fliegen, Mücken und jede mögliche Art von Käfern hätten sie entdeckt und sich bereits über sie hergemacht. Aber jetzt, im September, nach dem viel zu frühen ersten Schnee? Wissen Füchse, Hirsche und Rehe, dass eine Frau, die reglos an einen Baum gelehnt im Schnee sitzt, ohne sie zu beachten, nicht mehr am Leben ist, und dass weder von ihr noch von dem toten Hund, den sie im Schoss hält, Gefahr ausgeht? Hätten sich die Tiere irgendwann in ihre Nähe gewagt? Und die Dohlen? Hatten sie die Tote bemerkt?

Der Mann ging um die Birke herum. Ich wollte, sagte er später aus, sehen, was sie zuletzt gesehen hat, bevor sie in der Kälte eingeschlafen, bevor sie gestorben ist. Er ging sogar in die Knie und lehnte das Gesicht an den weißen Stamm. Was die Frau gesehen hatte? Den See, dahinter Wald, den schneebedeckten Felskamm. Hieß es nicht, das Gehör sei das Letzte, das man verliere, wenn man sterbe? Hören die Toten das Rascheln der Leintücher, die man über ihre Gesichter zieht, hören sie, wie das Fenster des Sterbezimmers geöffnet wird, hören sie das Weinen der Zurückgebliebenen, das Knistern der Bibelseiten, die Schritte, die sich entfernen? Flüstern wir darum, wenn wir an Sterbebetten sitzen, dachte der Mann, weil wir nicht wollen, dass uns die Toten verstehen, und weil wir ihnen wenigstens jetzt die Stille gönnen?

Er kauerte so lange hinter der Frau und ihrem Hund, bis ihm beide Beine eingeschlafen waren. Er stand auf, japsend vor Schmerz, weil ihm das Blut in die Beine schoss, und hätte sich am liebsten in den Schnee gesetzt. Als er wieder ruhig stehen konnte, zog er das Handy aus seiner Daunenjacke und drückte die gespeicherte Nummer der Gendarmerie in Ebensee. Er räusperte sich und wartete darauf, dass sich sein Schwiegersohn meldete, da realisierte er, dass er der Frau die Hand jetzt doch auf die Schulter gelegt hatte. Er ließ die Hand liegen und machte die Augen zu.

Das Mädchen lag vier, fünf Meter vor dem Ende des Durchgangs an der Wand, aus der, direkt über ihrem Kopf, ein Rohr mit verrostetem Flansch ragte. Im ersten Augenblick dachte die Frau, das Mädchen sei tot. Das Blut, das sich um seinen Kopf ausgebreitet hatte, sah aus wie eine Krone aus Flammen, sagte sie später aus, eine Krone, die dem Mädchen vom Kopf gerutscht ist. Es lag auf der Seite, die Beine an die Brust gezogen, die Arme als Schutz vor dem Gesicht. Die Frau blieb stehen, hielt den Atem an und machte die Augen zu. Ich hätte am liebsten eine Zigarette angezündet, würde sie ihrem Mann Vlado später gestehen, dem sie ihre Gefühle eigentlich schon lange nicht mehr offenbarte. Von einer der Laderampen war das Wispern von Reifen auf Beton zu hören, in der Morgendämmerung hatte es kurz geregnet. Die Frau öffnete die Augen, beugte sich über das Mädchen und bemerkte, dass es atmete und also noch am Leben war. Sie ist doch noch ein Kind, dachte sie, was werden ihre Eltern sagen? Hatte sie das Mädchen nicht schon einmal irgendwo gesehen? Gehörte es nicht zur Clique, die sich im türkischen Imbiss an der Buchserstraße traf, den sie ihrer Tochter Dragica verboten hatten, weil es hieß, dort werde Alkohol an Jugendliche verkauft? Wie schmal das Mädchen war. Sein Gesicht war voller Blut, das rechte Auge zugeschwollen, die Lippe aufgeplatzt. Dass ein Zahn vor dem zerschlagenen Mund auf dem Boden lag, sah die Frau erst, als sie sich abwenden wollte, um endlich Atem zu schöpfen. Ich habe, erzählte sie ihrem Mann abends, ich habe die ganze Zeit, in der ich das Mädchen betrachtete, die Luft angehalten, als schütze mich das. Schützen, aber vor was denn schützen, wollte er wissen? Da hatte sie endlich angefangen zu weinen.

Im Durchgang aber blieb sie ruhig und gefasst, als stehe sie neben sich, oder nein, über sich, als gehe es jetzt in erster Linie darum, stark zu sein und das Kind vor weiterer Aufregung zu bewahren. Plötzlich sah sie die rosa Lidränder ihrer Kaninchen vor sich, wie lange sie nicht mehr an die Tiere ihrer Kindheit in Split gedacht hatte, nun erschienen sie vor ihr, als seien sie nicht bloß eine Erinnerung. Die Lider hatten selbst dann hellrosa geleuchtet, wenn die Kaninchen die Augen geschlossen hatten, als brenne ein Licht in den Köpfen mit den großen weichen Ohren, die sie so gern gestreichelt hatte.

Der Durchgang, dies letzte Stück ihres Arbeitsweges, hatte ihr immer Angst gemacht, nun wusste sie also endlich weshalb. Das Echo ihrer Schritte war ihr unheimlich, als sei nicht sie selbst es, die es verursachte, sondern jemand anders, ein Geist, der sie begleitete. Oder folgte er ihr? Warum gab sich dieser Geist nur in diesem Durchgang zu erkennen? Woran wollte er sie erinnern, was wollte er ihr sagen? Und warum sagte er es ihr nicht einfach geradeheraus? Nicht einmal diese finsteren Gedanken sollte sie Vlado abends verschweigen, obschon sie natürlich ahnte, nein wusste, dass er sie nicht verstehen würde. Geist, was redest du, Frau, es gibt keine Geister!

Warum die Frau erst ihren Mann anrief und danach den Notruf, sie hätte es nicht erklären können. Vlado hob nach dem siebten Klingeln ab, sie störte ihn, das verriet seine Stimme. Er saß mit dem ersten Bier nach seiner Nachtschicht bei Chocolat Frey am Küchentisch. Du musst, befahl er ihr, sofort die Polizei alarmieren, hörst du, Frau, sofort, ich komme, ich bin schon unterwegs, und fass nichts an, hörst du, Frau, fass nichts an!

Dann wählte sie die Nummer des Notrufs und kniete sich neben dem Mädchen hin, streichelte ihm das Gesicht und versicherte mit leiser Stimme, alles werde gut. Wie lange hatte sie das zu niemandem mehr gesagt, auch zu sich selbst nicht? Alles wird gut! Alles wird gut! Sie wiederholte den Satz so lange, bis er keinen Sinn mehr ergab und einfach nur noch aus Wörtern bestand, die das Mädchen in Sicherheit wiegen sollten. Alles wird gut! Sie kam sich vor wie früher, als sich ihre Dragica noch von ihr hatte berühren und streicheln lassen, abends, nach der Schule, wenn sie Trost brauchte nach einer schlechten Note, oder nachts, wenn sie aus einem bösen Traum erwachte und um Hilfe rief, Mama!, Mama!

Als sie hörte, wie die Sirenen der Ambulanz näher kamen, strich sie dem Mädchen über die Wange, stand auf, zündete sich endlich eine Zigarette an, schloss die Augen und inhalierte tief.

Es schneite, als die Sanitäter die Trage mit dem Mädchen aus dem Durchgang trugen, dicht und heftig, viel zu früh, Flocke an Flocke, es war doch erst September, ein Wirbel wie im tiefsten Winter. Bis die Männer die Ambulanz erreichten, die mit offener Hecktür vor dem Durchgang stand, war der Boden mit einer dünnen Schneeschicht bedeckt, auf der die Abdrücke ihrer Schuhe stehenblieben, ganz kurz nur, dann waren sie wieder verschwunden, ausgelöscht.

IN DER FREMDE

1

Roberta Kienesberger stand am Fenster des Bibliotheksraums und sah in den Garten hinaus. Die Wolkenbank, die sich schnell über den Himmel schob, war schieferfarben, das Sonnenlicht, gefiltert durch die Zweige der Bäume, sprenkelte die Fassade mit Flecken, die tanzten, wenn der Wind auffrischte. Anfangs hatte sie den Bücherdienst so oft wie möglich übernommen, aber seit sie nicht mehr stillsitzen konnte, hielt sie es kaum aus in der Bibliothek, in der es nach Essen roch, da sie an die Küche grenzte.

Humbel, ihr Zimmernachbar, saß auf der Parkbank und redete mit sich selbst, wie oft, wenn er sich unbeobachtet fühlte. Sie wusste, wovon Humbel redete, schließlich kannte er nur ein Thema: die Fortpflanzung von Tieren. Die Kieswege leuchteten in der fahlen Abendsonne, der Himmel war jetzt leer und weit, und sie trat auf den Gang hinaus und holte den Wagen herein, auf dem sich die zurückgebrachten Romane und Bildbände stapelten. Sie war nie eine Leserin gewesen und hatte sich nur dafür gemeldet, die Bücher alphabetisch in die Regale einzuordnen, weil es eines der Ämtchen war, bei denen man alleine war und seine Ruhe hatte. Sie interessierte sich noch immer nicht für Literatur, aber seit sie vor vier Wochen in Hiob von Joseph Roth ein gefaltetes Blatt Papier gefunden hatte, auf dem in sorgfältiger Handschrift mit Bleistift Worte aufgelistet waren, schlug sie jedes Buch auf, bevor sie es zurückstellte. Sie hatte damals einen ganzen Nachmittag gebraucht, um die einundzwanzig Worte der Liste in Joseph Roths Roman zu finden: jedes einzelne Wort war, verteilt über die 297 Druckseiten, mit Bleistift unterstrichen gewesen. Sie sammelte die Listen, mittlerweile waren es acht, in einem Umschlag, aber sie hatte nie ernsthaft versucht, herauszufinden, wer sie schrieb. Die Handschrift gefiel ihr, sie war klein und doch großzügig, energisch und doch elegant. Es war die Schrift eines Mannes, stellte sie sich vor, eines gebildeten Mannes, der gewöhnt war, Anweisungen zu erteilen, der seine Bleistifte messerscharf spitzte.

Heute lag die Liste im untersten Buch des Stapels, Die Nacht von Lissabon von Erich Maria Remarque. Remarques Im Westen nichts Neues hatte sie in der Schule gelesen, viele Jahre war es her, gefallen hatte es ihr nicht. Sie nahm die Liste aus dem Buch, entfaltete sie aber erst, als sie wieder am Schreibtisch saß:

Passagierdampfer

Glaskabine

Indonesien

Obersturmbannführer

Girlanden

Lump

Bienengesumm

Monteuranzug

Ausreisevisum

Kostbarkeiten

Kanarienvogel

Mücke

Roberta machte sich nicht mehr die Mühe, nachzuprüfen, ob die Worte wirklich aus dem Buch stammten, in dem die Liste lag. Die ersten drei Listen hatte sie noch überprüft, aber da sie auf kein einziges Wort gestoßen war, das sich nicht auf irgendeiner Buchseite fand, verzichtete sie mittlerweile auf die Kontrolle. Die neue Liste beschränkte sich auf Hauptworte. Manchmal waren es ausschließlich Tätigkeitswörter, manchmal Adjektive oder Namen, manchmal nur Fremdwörter. Anfangs hatte sie sich vorgestellt, die Wörter seien eine Botschaft, eine verschlüsselte Nachricht an sie, da man im Haus ja wusste, dass sie die ausgeliehenen Bücher einreihte. Doch die Idee war ihr bald als eitel erschienen, und sie hatte aufgehört, die einzelnen Worte in einen Zusammenhang bringen zu wollen. Es waren Wörter, mehr nicht, eins unter dem andern, abgeschrieben aus Büchern, die sie nie lesen würde. Sie würde die Liste zu den anderen in den Umschlag stecken.

Als sie aus dem Fenster sah, war Humbel verschwunden, der Garten leer. Es ist doch bald vorbei, dachte sie, und ich vertue die Zeit, die mir bleibt, an einem Ort, an dem ich nicht freiwillig bin. Ein Kirschbaum bin ich, krumm und verwachsen, der immer noch Früchte trägt. Früher hatte sie nie solche Gedanken gehabt. Sie machten ihr keine Angst, sie verwirrten sie. Sie blieb sitzen, bis es so dunkel war, dass sie eigentlich das Licht hätte anmachen müssen. Sie hörte Stimmen auf dem Korridor, das Tappen von Stöcken, das Quietschen von Gummirädern. Aus ihrem Zimmer im langgestreckten Westtrakt konnte sie zwar nicht auf den Hallwilersee hinuntersehen, dafür sah sie über eine Wiese hinweg den Wald, fünfzig, sechzig Meter entfernt, Bäume, die beim kleinsten Wind rauschten, sich wiegten und nach vorne neigten, als wollten sie aus der Reihe der Stämme heraustreten, um sich davonzumachen.

Manchmal sah sie Rehe am Saum des Waldes, das versöhnte sie jeweils für kurze Zeit mit der Situation, mit der sie sich nicht abfinden wollte. Die Rehe standen mit erhobenen Köpfen im Dämmerlicht und sahen minutenlang reglos zu den verschiedenen Gebäuden des Altenheimes hinüber, als wollten sie herausfinden, was die Menschen sich von ihrem Leben erhofften und was sie von ihnen unterschied. Die Flecken unter den Sterzen leuchteten, manchmal sah sie die Atemfahnen der Tiere vor der finsteren Wand aus Bäumen.

In der Küche nebenan klapperten Pfannen, Roberta hörte die Stimme des Kochs, der die tamilischen Hilfskräfte herumbefahl. Auch das Klackern kannte sie, Marianne Gautschi, die Frau mit dem Gesicht einer Dörrpflaume, die noch immer Schuhe mit Absätzen und enge Kostüme trug und die jungen Pfleger anfasste, wann immer sie in ihre Nähe kam, trommelte mit ihren lackierten Nägeln gegen die Glastür des Speisesaales, als könne sie es nicht erwarten, dass man sie einließ. Dabei kam sie immer als Letzte in den Saal und nahm erst Platz, wenn alle anderen bereits saßen, das Besteck in Händen.

Roberta blieb sitzen, bis es zu dunkel war, um die Buchrücken in den Regalen auseinanderhalten zu können. Sie würde warten, bis die anderen an den Tischen saßen, dann bemerkten die sie vielleicht nicht, wenn sie zu ihrem Zimmer hinüberging. Die Stimmen vor dem Esssaal erinnerten sie an die Bienen von Hausmann, dem Besitzer der Schreinerei, in der sie über zwanzig Jahre als Sekretärin gearbeitet hatte. Zwei Fenster der kleinen Wohnung über der Schreinerei, die er ihr vermietet hatte, gingen auf die Wiese hinaus, auf der die Bienenstöcke standen. Manchmal war das Summen so bedrohlich gewesen, als flögen die Völker durch ihre drei Zimmer, ausgesandt von Hausmanns eifersüchtiger Frau Elisabeth, und deshalb voller Rachsucht und Hass.

Roberta brauchte eine Weile, bis sie begriff, woher der unangenehme chemische Geruch kam, der ihr in die Nase stieg: Unter dem Radiator lag ein offener Klebestift, der ihr nicht aufgefallen war. Sie schraubte ihn zu und legte ihn in die Schublade mit dem Schreibzeug, dann stand sie auf. Sie spürte ihr Herz, es schlug beharrlich und irgendwie streng, als wolle es sie belehren. Sie hatte lange nicht mehr an früher gedacht, aber seit einiger Zeit tat sie es. Es waren keine Szenen, die sie vor sich sah, es waren Bilder, sie erinnerte sich an das Licht über der Wiese hinter dem Elternhaus, wenn sie morgens im Nachthemd aus dem Fenster des Kleinhäuslerhofes geblickt hatte, erinnerte sich an ihre vier Kühe am Trog, die gefleckten Schädel nach ihr umgewandt. Sie sah den Krähenschwarm in den Bäumen hinter dem Schuppen mit der Werkstatt des Stiefvaters hocken, sah die neue Brücke über die Traun, drunten, im Ort, roch das flaschengrüne Flusswasser, das unter ihr vorbeizog, und den Malzkaffee, den ihr Stiefvater Johann trank, bevor er mit dem Rad in die Saline fuhr, wo er Schicht arbeitete, hörte das Summen der elektrischen Schreibmaschinen im Schulungsraum über der Papeterie in Bad Ischl, wo sie einen Kurs belegte. Augen nach rechts, nicht auf die Tastatur, nach rechts – und los, Maschinen einschalten! Warum, fragte sie sich, kann ich mich nicht an den Tag erinnern, an dem ich beschlossen habe, von zu Hause wegzugehen und in der Schweiz Arbeit als Sekretärin zu finden? Gibt es ihn vielleicht gar nicht, den ganz bestimmten Moment, in dem ich den Entschluss fasste? Ist es etwa einfach geschehen, so, wie es sich einfach ergibt, dass man eines Tages Mann und Sohn verlässt, ohne sich Gedanken über die Konsequenzen zu machen? Sie sah den meterhohen Schnee ihrer Kindheit vor sich, der in der Dämmerung leuchtete, sah die Wege, die in Schlangenlinien durch ungemähte Wiesen führten, die Kellerstiege, auf der es nach Äpfeln roch und dem sauren Most, den ihr Stiefvater in großen grünen Glasflaschen anmachte.

Sie stand auf, öffnete die Tür, trat vorsichtig auf den Korridor hinaus und ging dann schnell an den Scheiben des Esssaales vorbei. Die anderen waren mit Essen beschäftigt und bemerkten sie nicht; nur Moser, der frühere Dorfpolizist, hob den Kopf und sah sie strafend an. Verändern kann man die Vergangenheit nicht, dachte Roberta, als sie aus dem Hauptgebäude auf den Plattenweg trat, der zu ihrem Wohntrakt hinüberführte, aber man kann sie überwinden.

2

Ayfer Boskül saß auf dem Bett ihres Zimmers und sah in den Hinterhof hinunter. Die streunenden Katzen hatten es schon wieder geschafft, den Blechbehälter mit den Küchenabfällen umzustürzen, und stritten sich um Fischköpfe und Hühnerknochen. Ihr Zimmer lag über der Küche des Hotels Eysan, das Burhan, dem älteren Bruder ihres Vaters gehörte; sie öffnete das Fenster nur nachts, wenn die Köche gegangen und der Dampfabzug ausgeschaltet worden war, sonst waren Lärm und Gestank nicht auszuhalten.

Abgesehen vom Bett hatte ihr der Onkel einen Tisch, einen Schrank und zwei Plastikstühle aus dem Gästegarten seines Hotelrestaurants ins Zimmer gestellt; früher hatte Tante Yeter das Zimmer mit Betonfußboden als Büro des Hotels benutzt, jetzt arbeitete sie im neuen Anbau mit den elf Doppelzimmern, von dessen Balkonen man einen Streifen des Strandes von Sile sehen konnte.

Ayfer ging mit ihrem Gesicht so nahe an das Fenster heran, bis das Glas beschlug. Eine der Katzen war größer als die anderen, sie hielt sich von der fauchenden Meute fern und blickte zu ihr hoch. Sie sah aus, als warte sie auf etwas. Ayfer trat schnell vom Fenster zurück, weil ihre Tante Yeter den Hof betrat, um heimlich zu rauchen. Von den köfte, die ihr Yeter nach Einbruch der Nacht gebracht hatte, war nichts mehr übrig, das zeytinyagh hatte sie nicht angerührt. Sie konnte gekochtes Gemüse nicht ausstehen, schon gar nicht, wenn es kalt gegessen wurde. Sie hörte die Stimme ihrer Tante auf dem Hof, sie redete leise mit sich selber, wie oft, wenn sie alleine war und sich unbeobachtet fühlte. Vor ein paar Tagen war es Ayfer gelungen, unbemerkt nahe genug an Yeter heranzukommen, als die mit sich selber redete, und hatte gehört, dass sie einen Fluch nach dem anderen ausstieß, mit leiser, aber scharfer Stimme, Flüche, die nicht einmal Großvater Bekir verwendet hatte, so schlimm waren sie.

Ayfer machte das Licht aus und trat vorsichtig ans Fenster; die rote Glut der Zigarette verriet, dass Yeter hinter dem Container mit den leeren Glasflaschen kauerte. Ayfer legte sich im Dunkeln aufs Bett, schob sich die Muscheln der Kopfhörer von Urbanears über die Ohren und startete die Musik. Ihr Vater hatte ihr die Kopfhörer und den iPod nano vor dem Abflug nach Istanbul als Ersatz für ihr Handy geschenkt, das er ihr abgenommen hatte, damit sie nicht mit ihrem Freund Davor in der Schweiz reden konnte. Ihre Sehnsucht nach Davor war manchmal so groß, dass sie sich in den Handrücken beißen musste, um nicht aufzuschluchzen. Am Tag vor ihrer Abreise hatte er ihr erzählt, es gebe eine Waffe, die Menschen bei lebendigem Leib koche, so eine wünsche er sich, um ihren Vater für immer aus dem Weg zu räumen. Er hatte ihr versprochen, kein anderes Mädchen auch nur anzusehen, geschweige denn anzufassen oder gar zu küssen.

Seit sie in der Türkei war, gefiel ihr nicht mehr die gleiche Musik wie früher. In Suhr hatte sie vor allem türkische Sänger und Sängerinnen gehört, Murat Boz, Hadise, Tarkan und Tuba Büyüküstün, aber seit sie in Sile war, ging ihr die türkische Musik auf die Nerven, und sie hörte immer wieder die drei gleichen Songs, süchtig nach den Melodien und Rhythmen, die sie an ihre Zeit mit Davor erinnerten: I’m Not Afraid von Eminem, When September Ends von Green Day und Stronger von Kelly Clarkson. Aber heute konnte sie auch diese Songs nicht hören; sie drückte die Stopptaste, zog die Kopfhörer aus und legte sich auf den Rücken.

Die Hintertür zur Küche fiel ins Schloss, ihre Tante hatte ihre Zigarette wohl geraucht. Ayfer hatte vor einigen Tagen damit begonnen, in ihrem Kopf Listen der Menschen zu erstellen, die sie hasste oder liebte. Amca Burhan stand auf dem zweiten Platz ihrer Hassliste, direkt hinter ihrem Vater Celik, aber vor ihrer Mutter Aygül. Zuoberst auf ihrer anderen Liste stand natürlich Davor, gefolgt von ihrem älteren Bruder Nadir und ihren besten Freundinnen Ajla und Dasara. Teyze Yeter setzte sie einmal auf diese, einmal auf die andere Liste. An ihrem vierten Tag in Sile hatte ihr Yeter etwas Geld zugesteckt und ihr eingeschärft, es zu verstecken und ihrem Mann gegenüber auf keinen Fall zu erwähnen. Andererseits war Yeter an gewissen Tagen ungerecht, gemein und böse; als Ayfer sich weigerte, ihr hamsi pilavi zu essen, weil sie Sardellen nicht ausstehen konnte, hatte Yeter sie angeschrien und ihr mit der flachen Hand ins Gesicht geschlagen.

Früher hatte Ayfer Familienferien in der Türkei geliebt; das Haus ihrer Großeltern Bekir und Nuray am Hafen von Amasra am Schwarzen Meer war ihr so vertraut, als sei sie dort geboren worden, nicht ihre Mutter. Und wenn man sie gefragt hatte, wo sie später einmal leben wolle, wenn sie es sich aussuchen könnte, hatte sie geantwortet, »auf den Malediven, aber weil das nicht passieren wird, in der Türkei, in Amasra am Schwarzen Meer«. Sie hatte davon geträumt, in der Türkei zu leben, jetzt sehnte sie sich nach der Schweiz.

Ende Juni hatte sie die Sekundarschule abgeschlossen, aber keine Lehrstelle gefunden, und ihr Vater hatte beschlossen, sie zu seinem Bruder in die Türkei zu schicken, wo sie eine Anlehre als Köchin machen konnte. Dass Ayfer bei ihrem Onkel und ihrer Tante in einem Gefängnis gelandet war, hatte sie gleich begriffen, nachdem ihr Vater sie am 14. September bei ihnen abgeliefert hatte. Sie hatte kein Handy, durfte keinen der drei Hotelcomputer benutzen, es war ihr verboten, das Haus alleine zu verlassen. Den Lohn, der ihr für ihre Arbeit zustand, zahlte ihr Onkel auf ein Bankkonto ein, das er für sie eröffnet hatte, wie er behauptete. In den drei Wochen, die sie jetzt hier war, hatte Yeter sie erst ein Mal nach Sile mitgenommen, wo es von Internetcafés wimmelte, aus denen sie endlich mit Davor hätte skypen oder ihm eine Mail schicken können.

Wenn sie sich nicht bewegte und den Atem anhielt, konnte sie das Meer hören. Das Zischeln der auslaufenden Wellen besänftigte sie und trug sie zurück. Sie sah sich neben Davor auf einem der Steinblöcke in der Suhre sitzen, ein gutes Stück vom Freibad entfernt, in dessen Nähe die anderen am Ufer des Flüsschens saßen, rauchten, tranken, abhingen und Musik auf ihren iPods oder iPhones hörten. Davor und sie gingen jeweils ein Stück flussabwärts, dann zogen sie die Schuhe aus und wateten zu einem der großen Steine hinaus, die im Wasser versenkt worden waren, um ein Biotop zu schaffen. Dort konnten sie sich im Schutz der Nacht küssen und anfassen. Auf einem dieser Steinbrocken, flach und rechteckig wie ein Tisch, hatte Ayfer ihm erlaubt, sie zu lecken, bis sie ihm nach höchstens zwei Minuten einen Orgasmus vorspielte, weil es ihr peinlich war und sie sich vorstellte, schlecht zu riechen.

In der Küche unter ihr fiel klirrend etwas auf den gefliesten Boden, und ein Mann fluchte. Wenn sie sich nicht täuschte, war es der älteste der drei Köche, die ihr Onkel beschäftigte. Der Mann mit dem Schnurrbart, der ihm wie eine schwarze Bürste über der Oberlippe klebte, stammte aus Izmir und stank selbst dann nach kolonya limon, wenn er Knoblauch andünstete. Er fasste ihr bei jeder Gelegenheit an den Hintern und hielt sich nur zurück, wenn ihr Onkel oder ihre Tante in der Nähe waren, die Gegenwart der anderen Köche schien ihn nur noch mehr anzustacheln. Gleich darauf hörte Ayfer Schritte ihres Onkels auf der Treppe; sie hatte rasch gelernt, zu erkennen, wer sich ihrem Zimmer näherte. Ihre Tante ging, als sei es ihr unangenehm, den Boden zu berühren, die Schritte des Koches aus Izmir waren laut, klangen aber gleichzeitig verschämt. Und ihr Onkel ging, wie er redete: selbstherrlich, laut, polternd.

Ayfer stand schnell auf und drehte den Schlüssel im Schloss, bevor Burhan vor ihrer Tür stand. Sie hatte sich kaum wieder hingelegt, als er an der Klinke rüttelte.

»Mach auf, Ayfer«, sagte er, »dein Vater will mit dir reden.«

Ayfer legte sich vorsichtig hin und machte die Augen zu. Ich schlafe, er soll denken, ich schlafe! Sie hasste die Stimme des Onkels genauso wie seine Alkoholfahne.

»Du sollst aufmachen!«

Ayfer blieb reglos liegen, ein sechzehnjähriges Mädchen aus Stein, mit jagendem Puls. Ich spüre nichts, dachte sie, rein nichts, es gibt mich nicht, aber tot, tot bin ich nicht. Sie hatte mitbekommen, wie oft sich ihr Onkel und ihre Tante stritten; Burhan hatte an allem, was seine Frau tat, sagte oder machte, etwas auszusetzen, Yeter warf ihm vor, er trinke zu viel. Einmal hatte Ayfer gesehen, wie er sie gegen die Bürowand gedrückt hatte, die Hände um ihren Hals gelegt, als wolle er sie erwürgen, weil sie auf ein Zitat aus dem Koran, das er ihr als Rechtfertigung für ein weiteres Bier ins Gesicht schrie, mit einem anderen Zitat reagiert hatte. Ayfer hatte sich die Titel der Zitate gemerkt und im Koran des Onkels nachgeschlagen: Auf Sure 16, »Die Biene«, Vers 67 »Und wir geben euch von den Früchten der Palmen und Weinstöcke zu trinken, woraus ihr euch einen Rauschtrunk macht und außerdem schönen Unterhalt. Darin liegt ein Zeichen für Leute, die Verstand haben«, hatte Yeter mit Sure 5, »Der Tisch«, Vers 90 reagiert: »Wein, das Spiel, Opfersteine und Lospfeile sind ein wahrer Gräuel und des Satans. Meidet es! Vielleicht wird es euch dann wohler gehen.«

Ihr Onkel fluchte und rüttelte an der Klinke, als könne er das Schloss mit Gewalt aufhebeln.

»Du machst jetzt diese verdammte Tür auf!«

Sie genoss es, türkisch zu reden, aber wenn ihr Onkel etwas sagte, verabscheute sie die Sprache ihrer Eltern, die sie doch über alles liebte, so sehr, dass ihr nichts anderes übrigblieb, als ins Schweizerdeutsche zu wechseln, was ihn zur Weißglut trieb.

»Du machst jetzt diese verdammte Tür auf, Mädchen.«

Schlimmer als ein schweizerdeutscher Satz von ihr war ihr Schweigen. Ihr Onkel Burhan war es gewohnt, Antwort zu bekommen. Er verlor die Fassung, wenn sie ihn mit einem leeren und gleichzeitig arroganten Mädchengesicht anschwieg, einem Gesicht, das ihm deutlich sagte: »Ich verachte dich!« Als er anfing, gegen das Türblatt zu hämmern, stand Ayfer auf, drehte den Schlüssel um, öffnete die Tür und trat zwei Schritte ins Zimmer zurück, beide Arme um den Oberkörper gelegt.

»Ich habe Musik gehört, Efendi«, sagte sie auf Türkisch.

Sie deutete eine Verbeugung an und zeigte auf die Kopfhörer. Burhan kniff die Augen zusammen und schnalzte mit der Zunge.

»Dein Vater!«

Ayfer zögerte einen Herzschlag lang, dann ergriff sie das Telefon, das er ihr entgegenhielt.

»Baba?«, sagte sie und drehte sich von ihrem Onkel weg.

3

Das Zimmer, in dem Roberta seit drei Monaten lebte, war kleiner als ihr früheres Schlafzimmer, doch dank der Glastür, die auf einen Sitzplatz hinausging, war es heller. Bis auf die gerahmte Fotografie ihres Elternhauses und drei Koffer mit Kleidern und Schuhen hatte sie alle ihre Sachen in eine Brockenstube gegeben, als sie gezwungen worden war, die Wohnung über der Schreinerei aufzugeben.

Sie öffnete die Glastür und setzte sich auf den Plastikstuhl, den sie von der Terrasse vor dem Café des Altenheimes mitgenommen hatte, ohne jemanden zu fragen, ob sie das dürfe. Abends wurde es jetzt bereits kühl; sie hatte das Ende des Sommers immer geliebt, wenn das Licht bleicher und die Tage kürzer wurden. Sie hörte einen Automotor auf der Straße, die durch den Wald führte, und glaubte, eine Karosserie zwischen den Bäumen aufblitzen zu sehen. Die Äste ihrer Lieblingsbirke hoben und senkten sich, als atme der Baum, seine Blättchen flirrten silbern. Direkt vor der Birke gab es eine kleine Senke, grasgepolstert, nicht größer als eine Badewanne, in die sie sich schon mehrmals gelegt hatte, weil sie sie an die Grasmulde ihrer Kindheit erinnerte, in der sie Michael, dem Sohn des Nachbarn, zum ersten Mal erlaubt hatte, ihre Brüste anzufassen. Es dauerte keine zehn Minuten, dann hörte sie, wie an ihre Zimmertür geklopft wurde. Sie stand auf, trat vom Sitzplatz in ihr Zimmer zurück, machte das Licht auf dem Nachttischchen an und öffnete die Tür.

Frau Gabathuler, die Hausleiterin, lächelte verkrampft. Sie hatte sich, wie jeden Tag, einen pastellfarbenen Pullover über die Schultern gelegt, als gehe sie einer Freizeitbeschäftigung nach, keiner Arbeit. Roberta bat sie mit einem Nicken in ihr Zimmer, blieb aber stehen und bot ihr auch nicht an, sich zu setzen.

»Das geht wirklich nicht, Frau Kienesberger.«

Frau Gabathuler schüttelte lächelnd den Kopf und bewegte ihren erhobenen Zeigefinger hin und her. Der Finger war mit blauer Tinte verschmiert. Sie roch nach Pfefferminz, wie immer gegen Abend; Roberta wusste, wo die Hausleiterin den Likör versteckte, sie hatte sie durch das Fenster ihres Büros dabei beobachtet, wie sie die unterste Schublade ihres Schreibtisches herauszog und sich verstohlen umblickte, bevor sie einen Schluck direkt aus der Flasche genommen hatte.

»Sie müssen essen, Frau Kienesberger!«

»Ich esse doch.«

»Aber nicht mit uns!«

»Doch!«

»Nicht die letzten zwei Tage. Gibt es vielleicht etwas, über das Sie mit mir reden möchten, Frau Kienesberger?«

Roberta schüttelte den Kopf und trat einen Schritt zurück. Frau Gabathuler kam den Menschen, mit denen sie redete, zu nahe, das hatte Roberta von Anfang an gestört an ihr.

»Ihr Beistand macht sich Sorgen.«

»Das muss er nicht.«

»Schmeckt Ihnen unser Essen nicht?«

»Ich esse alles.«

»Na also.«

»Aber lieber allein.«

»Gefällt Ihnen der Tisch nicht, an dem Sie sitzen? Vielleicht sollten Sie sich einen anderen Platz suchen, Frau Kienesberger. An einem Tisch, an dem Sie sich wohl fühlen.«

War es klug, Frau Gabathuler zu erzählen, dass sie den Tisch bereits zwei Mal gewechselt hatte, seit sie hier war? Die Hausleiterin legte ihr die Hand auf den Arm, die Hand war erstaunlich warm, und ein Geräusch entfuhr ihr, laut und ohne Absicht, ein Seufzen. Wie lange war sie von niemandem mehr berührt worden? Die Hausleiterin blickte sie erstaunt an, zog ihre Hand zurück und lächelte unsicher.

»Heute tragen Sie ja sogar ein Kleid, Frau Kienesberger.«

»Geschminkt habe ich mich auch!«

»Wollen Sie nicht doch etwas essen?«

»Lieber nicht, nein. Ich bin abends nie hungrig.«

»Aber später setzen Sie sich auch zu uns, ja? Wir spielen Karten.«

Frau Gabathuler sah sie prüfend an, und Roberta machte eine Handbewegung, die sie als Zeichen der Zustimmung verstehen konnte. Die Hausleiterin trat auf den Gang hinaus, Roberta machte schnell die Tür hinter ihr zu, drehte den Schlüssel um und löschte das Licht. Die Hausleiterin hatte sie in der ersten Woche gefragt, weshalb sie nie Kleider trage, nie Röcke, sondern immer Kordhosen, die doch besser zu einem Mann passten. Es gebe keine Kleidervorschrift in ihrem Haus, natürlich nicht, dennoch erlaube sie es sich, diese Frage zu stellen. Ich bin, dachte Roberta, zeitlebens zu nahe am Ufer geblieben, ich habe mich nie wirklich hinausgewagt, dorthin, wo das Wasser bodenlos ist und dunkelblau, fast schwarz. Die ausgesperrte Hausleiterin klopfte noch einmal gegen die Tür, allerdings leise und zaghaft, als schäme sie sich, einer alten Frau nicht ihren Willen zu lassen, dann entfernten sich ihre Schritte.

Roberta ließ einen Moment verstreichen, bevor sie die Campingmatte und den Daunenschlafsack aus dem Schrank nahm, beides in dem Outdoor-Geschäft in Zürich gekauft, in dem sie auch den Rucksack, die Trekking-Stiefel, das Biwakzelt und die restliche Ausrüstung gefunden hatte. Sie entrollte die Matte neben der offenen Glastür und warf den Schlafsack darauf. Dann zog sie sich bis auf die neue Thermo-Unterwäsche und die Stützstrumpfhosen aus und kroch in den blauen Schlafsack. Wenn sie sich bewegte, knarzte das Nylon, das sich unangenehm anfühlte; der Reißverschluss drückte kalt gegen ihre Beine. Die Trekking-Stiefel hatte sie zuerst gekauft, vor einem Monat. La Sportiva Nepal Trek EVO GTX. Lindgelb, schwarz. Nepal! Sie war mit dem Zug nach Zürich gefahren, aufgeregt wie als junge Frau, wenn sie von Ebensee nach Bad Ischl fuhr, die Blätter mit den Tippübungen in einer Mappe aus Kunstleder, die ihr Steinkogler, der Nachbar, der nach dem Krieg mehrere Jahre in Frankreich in einem Gefangenenlager gewesen war, geschenkt hatte. Es waren Schuhe für Abenteurer, Schuhe für Bergsteiger, nicht für Frauen in Altenheimen. Darum versteckte Roberta sie, genau wie den Rest der Ausrüstung, auf dem Dachboden der Schreinerei, in der sie früher gearbeitet hatte und die längst geschlossen worden war. Nur den Schlafsack und die Campingmatte bewahrte sie im Schrank auf; falls die Portugiesin, die das Zimmer saubermachte, danach fragte, würde sie ihr erzählen, dass sie friere und dass ihr die Matratze zu hart sei. Die Trekking-Stiefel sahen schwer aus, dabei waren sie leicht und bequem. Um sie einzulaufen, hatte Roberta sie so oft wie möglich getragen, natürlich nur heimlich, wenn niemand sie sah, jetzt saßen sie wie Hausschuhe. Im Radiator hinter ihr gluckste Wasser, vielleicht, weil sie ihn ganz heruntergedreht hatte. Sie lag auf dem Rücken und sog mit geblähten Nasenflügeln die kalte Abendluft ein, die durch die Tür strömte. Wie das Pferd meiner Kindheit, dachte sie, das die Nüstern blähte und schnodderte, wenn ich es striegelte und ihm mit leiser Stimme erzählte, was mich beschäftigte. Gott, was waren seine Nüstern weich, weich wie aschefarbener Samt, und was gäbe ich dafür, sie noch ein einziges Mal berühren zu dürfen.

Nach Mitternacht war es im Altenheim endlich still geworden, und Roberta konnte sich in die Wiese vor ihrem Zimmer legen. Es war die vierte Nacht, die sie im Freien verbrachte, im Schlafsack auf der Campingmatte, im ungemähten Gras. Gefroren hatte sie nur in der ersten Nacht. Der Sprühregen, der in der zweiten Nacht niedergegangen war, hatte sie nicht gestört, er hatte ihr gefallen, weil er ihr das Gefühl gab, der Natur zu trotzen und bereit zu sein für ihre Reise.

Im Zimmer der Nachtschwester am Ende des Flures brannte Licht, sonst waren alle Fenster des Hauses dunkel. Über dem Wald war der Himmel schwärzer als über dem See, eine Weile lang bellte ein Hund, weit entfernt auf einem der Höfe am Lindenberg am anderen Ufer. Das Gras war weich und stand so hoch, dass sie darin fast verschwand; es roch nach einer Welt ohne Regeln, ohne Vorschriften, nach dem Gras einer Bergwiese, weit entfernt von den Menschen. Wenn sie sich früher hingelegt hatte, war sie sofort eingeschlafen; heute legte sie sich hin und geriet sofort ins Grübeln. Früher! Früher hatte sie Leute verachtet, die immer nur von der Vergangenheit redeten.

Später hörte sie eine Schleiereule, sie schien durch die Nacht zu fliegen, während sie ihre Rufe ausstieß, einschläfernd regelmäßig, einmal nah hinter ihr, dann wieder drüben am Waldrand. Oder war es das heisere Krächzen von Krähen, das ihre ruhigen Atemzüge begleitete, während sie sich mit beiden Händen am obersten Brett des Zaunes festhielt, aufgewärmt vom Sommertag? Roberta ging in die Knie und sprang auf den Zaun, der sacht schaukelte, bis sie ruhig saß. Sie durfte das Brett nicht loslassen, das wusste sie, weil sie schon einmal vom Zaun gestürzt war. Sie saß im Schatten, denn die Sonne wurde vom hellblauen Elternhaus verdeckt. Hinter ihr ächzten die Pfähle, zwischen denen die Wäscheleine gespannt war; Wind griff in die Bettlaken, blähte sie zu Segeln. Schau nur, Mutter, schau, der Sommer dauert ewig! Da saß sie, auf dem Zaun, auf ihrem Thron, und rieb die nackten Fersen aneinander, während sie auf Michael wartete, jung und doch am Abend vor dem Tod, weil geheilt von der kindlichen Anmaßung, das Leben stehe einem zu, stehe einem zu für immer, seit sie ihre Mutter Hertha tot im Waschhäuschen gefunden hatte. Die Arme ausgestreckt, als suche sie nach Halt, die Stirn blutig geschlagen beim Sturz gegen den Waschtrog aus Stein, lag die Mutter in der Wäsche, die sie hatte aufhängen wollen. Auch ihre zwei Nussbäume standen im Schatten, nur die Äste ihrer Kronen reichten in die Sonne hinauf, dort saßen sie, schwarz und reglos, die Krähen, die das Mädchen auf dem Zaun verhöhnten.

4

Ayfer erwachte vor dem Fiepen des Weckers, wie jeden Morgen, seit sie in der Türkei war. Sie öffnete die Augen, auf einen Schlag hellwach, und schaltete den Alarm aus. Die Sonne machte die Wand, an der ihr Bett stand, zur gleißenden Tafel, auf der zitternde Lichtkringel aufschienen. In der Schweiz war sie morgens fast nicht aus dem Bett gekommen; seit sie in Sile war, stand sie auf, sobald sie erwachte, weil sie sowieso nur ins Grübeln geriet, wenn sie liegen blieb. Es war 5 Uhr 30. Ich stehe früher auf als mein Vater, als er noch Arbeit hatte, dachte sie ohne Stolz, und nicht einmal das würde ihm gefallen.

Sie trat an die Tür und legte ihr Ohr dagegen; in den ersten Tagen war sie auf dem Weg zum Bad am Ende des langen Flures ihrem Onkel oder einem der Zimmermädchen begegnet, das frische Bettwäsche aus der Wäschekammer neben dem Bad holte. Ayfer hatte sich angewöhnt, nie barfuß durch den Flur zu gehen, weil sie sich vor dem Teppich ekelte, der beim Treppenabsatz Blasen warf, über die sie noch immer stolperte, obwohl sie sich jeden Tag vornahm, darauf zu achten. Eines der Zimmermädchen war nicht älter als sie und in einer ähnlichen Situation: Ihre Eltern hatten sie gegen ihren Willen aus Ankara nach Sile gebracht, weil ihr Bruder, der im Hotel Eysan in der Küche arbeitete, ihr die Stelle vermittelt hatte. Ayfer hatte sich zwei, drei Mal mit dem Mädchen unterhalten, dann hatte Yeter es ihr verboten.

Sie hörte weder Stimmen noch Schritte, öffnete die Tür und ging schnell durch den Flur, ihr Badetuch aus der Schweiz über der Schulter. Sie war froh um alles, was sie mitgebracht